Leseprobe Die fremde Nachbarin

Prolog

Ich bleibe stehen, als ich hinter mir Schritte auf dem Weg knirschen höre. Ich blicke nervös über die Schulter, bin in höchster Alarmbereitschaft, doch vor mir liegt nur pechschwarze Dunkelheit. Die undurchdringliche Finsternis raubt mir die Orientierung, alle vertrauten Orientierungspunkte sind in den Schatten verborgen.

Mitten in der Nacht hier draußen zu sein, kommt mir langsam wie eine unglaublich dumme Idee vor.

Trotz des Lichts meiner Handy-Taschenlampe stolpere ich auf dem unebenen Boden. Dass sich der Mond hinter einer Wolkenbank versteckt und es dadurch dunkler ist, als ich es je für möglich gehalten hätte, macht meine Situation nicht einfacher. Der Schein der Straßenlaternen dringt nicht so weit und noch dazu befinde ich mich jetzt in einer Senke am anderen Ufer des Sees und kann kaum meine Hand vor Augen sehen.

Mein Kopf schnellt herum.

Da ist es wieder. Dieses Geräusch. Gänsehaut kribbelt in meinem Nacken, und ich drehe mich um, richte meine Taschenlampe auf den Weg. Das grelle Licht wird im glasigen Auge eines Kaninchens reflektiert, das zwischen den Büschen verschwindet, wobei es mit den Pfoten die losen Steine aufwirbelt.

War es das, was ich gehört habe? Das muss es gewesen sein, aber auch wenn ich weiß, dass keine Gefahr droht, hört mein Herz nicht auf zu rasen und mein Atem beruhigt sich nicht.

Der Weg ist von Weiden gesäumt, die beinahe einen Tunnel bilden. In der Dunkelheit erscheint er mir besonders schmal, ich spüre die Äste zu beiden Seiten, die wie ausgestreckte Hände wirken. Blätter streifen mein Gesicht, als wollten sie mich packen, und ich schlage nach ihnen.

Ich schüttle den Kopf, verfluche meine Einbildungskraft und gehe weiter. Je eher alles vorbei ist, desto besser.

Irgendetwas an diesem Treffen kommt mir zunehmend seltsam vor, und ich wünschte, ich hätte abgelehnt.

Einerseits verstehe ich die Wahl des Treffpunkts. Hier wird uns niemand sehen. Aber andererseits frage ich mich, was zum Teufel daran falsch ist, sich wie normale Menschen in einem richtigen Gebäude zu treffen. In einem Café oder so. Auf neutralem Boden.

Ich kämpfe gegen den Drang an, umzukehren, und zwinge mich, weiterzugehen. Vielleicht sollte ich mir eine Ausrede ausdenken und eine vernünftigere Vereinbarung vorschlagen, zu einer passenderen Zeit. Wenn es hell ist. Aber dann hätten wir wohl nicht die Gelegenheit, alles zu sagen, was gesagt werden muss, ohne befürchten zu müssen, dass andere Leute davon erfahren.

Gerüchte verbreiten sich in diesem kleinen Dorf sehr schnell. Da die Häuser dicht beieinanderstehen, würde es sich herumsprechen, noch während wir streiten, und dann wüssten es alle. Die Wahrheit würde nicht nur unser Leben ruinieren. Es wäre, als würde man einen Stein in einen Teich werfen und zusehen, wie sich die Wellen ausbreiten und weitere Menschen in unserer Gemeinde verschlucken.

Mir ist absolut klar, dass Klatsch und Tratsch um jeden Preis verhindert werden müssen, und so beängstigend das für mich auch sein mag, ich muss die Sache durchziehen.

In der Senke neben dem See ist der Weg schlammig, und ehe ich es mich versehe, rutsche ich aus und lande mit einem dumpfen Aufprall auf dem Hintern. Das Handy fliegt mir aus der Hand und landet irgendwo im Unterholz.

Das Licht ist ausgegangen und ich sitze in völliger Dunkelheit. Von dieser plötzlichen Veränderung überrascht, verliere ich beim Versuch aufzustehen das Gleichgewicht, falle flach auf den Rücken und bin für einen Moment geschockt. Mir bleibt der Atem weg.

Das ist eine miese Idee, eine wirklich miese Idee.

Das Gefühl ist jetzt so stark, die Stimme in meinem Kopf so laut, dass ich darauf hören muss. Dreh dich um und lauf nach Hause. Wenn ich so weitermache, breche ich mir noch das Genick, und das würde das Problem auch nicht lösen. Ohne die Taschenlampe meines Handys umgibt mich die Dunkelheit. Die Angst in mir wird immer größer, ich beginne zu schwitzen, und mein Herz schlägt immer schneller. Ich atme ein paar Mal tief durch und versuche, mich zu beruhigen.

Das ist lächerlich. Ich gehe nach Hause. Ich suche mein Handy, wenn es hell ist.

Äste rascheln und ich höre Schritte. Noch bevor ich mich dem Geräusch zuwenden kann, wird mir eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt und fest um meinen Hals zugezogen.

Ich versuche zu schreien, Panik erfasst mich. Die Plastiktüte saugt sich an meinem Mund fest und löst sich wieder, wenn ich nach Luft schnappe, und eine alles verschlingende Angst überkommt mich. Mir wird klar, was gerade passiert. Ich kratze an der Tüte, versuche, sie aufzureißen, während sich meine Lunge anfühlt, als würden sie platzen.

Kapitel 1

Nia

Nia hielt Arthurs Hand, während er auf dem Weg zur Schule neben ihr herhüpfte. Er sang die Titelmelodie seiner Lieblingsfernsehsendung, und sie lächelte leicht, weil sie es so schön fand, ihren fünfjährigen Sohn so glücklich zu sehen. Nach ihrer gemeinsamen Trauer hatte er sich viel schneller erholt als sie, und es war eine Erleichterung, dass er sich so gut in seiner neuen Schule eingelebt hatte.

Jemand winkte ihnen zu und kam ihnen entgegen. Sie erkannte Nerys, eine der ersten Menschen, die ihr das Gefühl gegeben hatten, im Dorf wirklich willkommen zu sein. Sie war für alle wie eine Oma: mütterlich und gütig, mit grauen Locken und einer Vorliebe für knielange Strickjacken, die aussahen, als wären sie handgemacht.

Sie strahlte eine große Herzlichkeit aus, was perfekt zu ihrem Job im Gemeindezentrum passte, wo sie an der Rezeption arbeitete und alle administrativen Aufgaben erledigte. Sie hatte immer Zeit für eine Tasse Tee und ein Schwätzchen und war für Nia eine unschätzbare Hilfe gewesen, indem sie sie den Nachbarn und anderen Müttern vorgestellt hatte. Es war Nerys’ Vorschlag gewesen, sich für die Walisischkurse im Gemeindezentrum anzumelden, und sie hatte viel dazu beigetragen, dass der Umzug hierher für Nia leichter gewesen war, als sie erwartet hatte.

Nia lief den Hügel zur Schule hinauf, während Nerys ihn von ihrem Häuschen zur Arbeit hinunterging. „Da ist heute jemand besonders fröhlich“, sagte Nerys, als sie sich gegenüberstanden, und nickte in Richtung Arthur. „Er blüht richtig auf, nicht wahr?“

Nia lächelte und strich ihrem Sohn über das Haar. „Er kann es kaum erwarten, in die Schule zu kommen und seine Freunde zu sehen.“

„Als ich Lehrerin war, fand ich es immer toll zu sehen, wie sich zwischen den Kindern Freundschaften entwickelten.“

„Oh, ich wusste gar nicht, dass du an der Schule gearbeitet hast.“

Nerys sah wehmütig aus. „Zweiunddreißig Jahre.“

„Wow, ich bin beeindruckt.“ Nia lachte. „Respekt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es mit einer Klasse von Fünfjährigen über längere Zeit aushalten könnte. Dieser eine hier fordert mich schon genug.“

„Nun, ich bin vorzeitig in Rente gegangen, und um ehrlich zu sein, liebe ich meinen Job im Gemeindezentrum mehr, als mir das Unterrichten Spaß gemacht hat. Ich habe immer noch Kontakt zu den Kindern und organisiere Veranstaltungen für sie, aber ich arbeite auch mit verschiedenen Gruppen im Dorf zusammen. Bei all dem, was bei uns so los ist, und dem wöchentlichen Bauernmarkt begegne ich so ziemlich jedem. Und ich mag den Gedanken, dass ich für alle, die Probleme haben, ein offenes Ohr habe.“ Ihr Lächeln wurde breiter. „Ich habe wahrscheinlich ein halbes Dutzend Ehen gerettet, einige der älteren Kinder davon abgehalten, auf die schiefe Bahn zu geraten, und bei ein paar Ehen als Heiratsvermittlerin fungiert.“ Sie lachte. „Ich bin so etwas wie die gute Fee des Dorfes.“

Nia lachte mit ihr und fand diese Vorstellung herrlich. „Das bist du wirklich. Du warst uns auf jeden Fall eine große Hilfe.“

Nerys tätschelte ihr den Arm. „Es war mir ein Vergnügen.“

Als Arthur an Nias Hand zupfte, wurde ihr klar, dass sie zu spät kommen würden, wenn sie sich nicht beeilten. „Es tut mir leid, aber wir müssen jetzt los. Die Schulleiterin nimmt es mit der Pünktlichkeit sehr genau.“

„Das weiß ich nur zu gut. Man sollte sich besser nicht mit Sue anlegen.“ Groll schien in ihren Worten mitzuschwingen, was ungewöhnlich war, da Nerys sonst immer gut gelaunt und positiv war. Aber Nia hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie musste Arthur endlich zur Schule bringen.

Es war komisch, aber ein paar Leute hatten sie vor Nerys gewarnt, nachdem sie gesehen hatten, wie sie bei einer Tasse Tee und Biscuits zusammengesessen und sich nett unterhalten hatten. „Erzähl ihr nichts“, hatte ihre Nachbarin sie gewarnt. „Diese Frau ist die Klatschzentrale. Sie könnte kein Geheimnis bewahren, selbst wenn es um ihr Leben ginge.“ Danach war Nia vorsichtiger. Nerys wusste ein wenig über ihre Vergangenheit Bescheid, aber nicht alles. Es gab einige Geheimnisse, vor allem jene, die sie in das Dorf verschlagen hatten, die sie noch niemandem anvertrauen wollte. Und sie würde sie ganz sicher nicht der Klatschbase des Dorfes anvertrauen, so liebenswert und gutmütig sie auch erscheinen mochte.

Kapitel 2

Sue

Sue saß an ihrem Schreibtisch und beobachtete die Kinder auf dem Spielplatz, während sie versuchte, das Gespräch nebenan zu belauschen. Es war praktisch, dass sich ihre Bürotür im Laufe der Zeit verzogen hatte und ohne kräftigen Stoß nicht richtig schloss, denn so konnte man sie für genau solche Situationen einfach einen Spalt breit offen lassen. Für Momente, in denen Eltern dachten, sie würden ein vertrauliches Gespräch mit der Schulsekretärin führen, und alles herausplatzen ließen, was ihnen gerade in den Sinn kam. Zu wissen, wer auf ihrer Seite stand und wer möglicherweise Ärger machen wollte, konnte nützlich sein. Es war auch hilfreich, zu wissen, welche Gerüchte gerade die Runde machten.

Die Kunst, als Schulleiterin einer kleinen Dorfschule wie Talysarn erfolgreich zu sein, bestand darin, den schmalen Grat zwischen den Freunden und den Feinden zu beschreiten und dabei genau zu wissen, auf welcher Seite sie jeweils standen. Nur weil sich jemand freundlich zeigte oder in Nachrichten und E-Mails höflich war, hieß das noch lange nicht, dass er auf deiner Seite stand.

Oft war es genau das Gegenteil, und es war schwierig, ein gutes Verhältnis zu einem Elternteil zu pflegen, der hinter ihrem Rücken vielleicht schlecht über sie redete. Doch das gehörte zum Job dazu, und man konnte es nicht immer allen recht machen. Das musste sie sich immer wieder sagen und die Kritik an sich abprallen lassen, ohne sich davon beeinflussen zu lassen. Sue liebte ihren Job. Sie liebte ihn über alles. Und sie liebte alle Kinder, die sie betreute, und bemühte sich stets, ihnen die bestmögliche Bildungserfahrung zu bieten, die sie mit den verfügbaren Mitteln aufbringen konnte. Da sie selbst keine Kinder hatte, war ihr Beruf ihr Leben, und all diese Kleinen fühlten sich wie ihre eigenen an, solange sie in ihrer Obhut waren. Deshalb bemühte sie sich, jedes einzelne von ihnen kennenzulernen, damit sie ihnen den besten Start ins Leben ermöglichen konnte – oft trotz aller Mühen ihrer Eltern. Es war ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Kinder den Unterschied zwischen Gut und Böse kannten, dass sie verstanden, dass Freundlichkeit ein besserer Weg war als Mobbing, und dass sie lernten, was es bedeutete, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Gute Manieren waren ein weiterer Punkt, den sie ihren Schülern beizubringen versuchte, denn manche Eltern schienen sich heutzutage einfach nicht darum zu kümmern – sie waren zu sehr mit ihren Handys beschäftigt, um überhaupt etwas zu bemerken.

Die Welt hatte sich innerhalb weniger Jahre verändert, und ihrer Meinung nach waren vor allem das allgegenwärtige Handy und die sozialen Medien dafür verantwortlich. Eine ganze Generation neuer Eltern, die so sehr auf ihre Handys fixiert waren, dass sie keine Ahnung hatten, wie man ein Gespräch mit ihren Kindern führt. Sie fand das bedauerlich, aber das machte die Erfahrungen der Kinder in der Schule umso wichtiger. Zumindest hatte sie die Möglichkeit, einen positiven Eindruck zu hinterlassen, auch wenn ihr Familienleben in Bezug auf soziale Interaktionen und Spracherwerb eher einer Wüste glich.

Natürlich galt das nicht für alle Eltern. Sie sollte nicht verallgemeinern. Das wäre unfreundlich gegenüber denen, die sich Mühe gaben, aber sie hatte eine Liste der Kinder und Familien im Kopf, auf die sie besonders achtete.

Sie nippte an ihrem Kaffee, einem unverzichtbaren Energieschub, bevor sie sich dem Beginn des Schultages stellte, und versuchte, die Stimmen auf der anderen Seite der Tür zu verstehen. Ärgerlicherweise flüsterten sie jetzt so leise, dass sie kein Wort heraushören konnte, selbst als sie von ihrem Platz aufstand und sich näher heranschlich. Das Flüstern an sich war interessant, denn es bedeutete, dass sie besonders vorsichtig waren, um sicherzustellen, dass Sue nicht hören konnte, was gesagt wurde.

Diese Paranoia, belauscht zu werden, weckte ihre Neugier noch mehr.

Ein paar Minuten später sprachen sie plötzlich wieder in normaler Lautstärke, wobei das Gespräch gekünstelt und gezwungen wirkte und mit einem überfröhlichen Abschied der Mutter endete, bevor diese ging. Sue runzelte die Stirn, und ein ungutes Gefühl schürte ihr Misstrauen. Etwas war im Gange, und sie musste herausfinden, was es war.

Sie wartete einen Moment, trank ihren Kaffee aus und steckte dann den Kopf zur Tür heraus. Sie lächelte ihrer Assistentin Gwen zu, die in einem beigen Hosenanzug mit einer strahlend weißen Bluse darunter wunderschön aussah. Ihr blonder, schulterlanger Bob war perfekt geföhnt. Woher nahm sie nur die Zeit dafür? Das war ihr immer wieder ein Rätsel. Sue ihrerseits hatte sich bewusst für eine Kurzhaarfrisur entschieden, die pflegeleicht war, sowie für eine Garderobe aus lockeren, bequemen Kleidungsstücken, auf denen die unvermeidlichen Flecken, die die Betreuung von Kindern im Grundschulalter mit sich brachte, nicht zu sehen waren.

Gwen war viel zu glamourös, um als Verwaltungsangestellte an einer Schule zu arbeiten, aber ihre freundliche Art hatte etwas an sich, das den Leuten ein gutes Gefühl gab, und sie wirkte sehr kompetent, als wüsste sie genau, was sie tat. Das Wichtigste an Gwen war jedoch, dass sie vertrauenswürdig wirkte, was sie zu einer fantastischen Informationsquelle machte. Gwen hatte den Finger am Puls des Schullebens. Nicht dass sie eine Klatschbase gewesen wäre. Sie hatte einfach ein feines Gespür für Nuancen und einen strategischen Verstand, wenn es darum ging, die Konsequenzen zu bedenken.

Sue verließ sich darauf, dass sie ihr die wesentlichen Punkte berichtete: eine Zusammenfassung der Dinge, auf die es ankam. Man konnte mit Fug und Recht behaupten, dass Gwen Sue schon mehrfach vor potenziell unangenehmen oder peinlichen Situationen bewahrt hatte, indem sie Probleme im Keim erstickte.

„Alles in Ordnung?“, fragte Sue mit hochgezogener Augenbraue. Ein Code für „Erzähl mir, was gerade passiert ist“. Es waren die geflüsterten Gespräche, von denen sie wissen musste. Und die Mutter, die gerade gegangen war, beschwerte sich immer über irgendetwas.

„Alles gut“, sagte Gwen, schenkte Sue ein breites Lächeln und wandte sich wieder dem Schreibtisch zu. Sie beschäftigte sich mit einem Stapel Einverständniserklärungen, zweifellos für den bevorstehenden Ausflug der 5. Klasse zum Sea Zoo auf Anglesey. „Alles in Ordnung.“

Hmm. Sue runzelte die Stirn und musterte ihre Assistentin, wohl wissend, dass sie mit ihrem Bauchgefühl immer richtig lag. Es war keineswegs alles in Ordnung. Sie kannte Gwen seit fünfundvierzig Jahren und wusste ganz genau, dass diese beiden rosa Flecken hoch auf ihren Wangen ein eindeutiges Zeichen dafür waren, dass sie log. Sie verbarg etwas. Schon wieder. Das wurde langsam zur Gewohnheit, und Sue gefiel das überhaupt nicht.

Kapitel 3

Sue

Sue und Gwen waren seit der Grundschule befreundet. Tatsächlich war das genau in dieser Schule gewesen. Beide waren in diesem Dorf aufgewachsen, und Gwen hatte die Stelle als Sues Assistentin übernommen, nachdem die Vorgängerin vor fast drei Jahren gekündigt hatte. Obwohl die Schule nur eine Teilzeitstelle finanzieren konnte, war Gwen fast jeden Tag im Büro, weil sie sich zu Hause langweilte und sich gerne nützlich machte. Ihre beiden Töchter waren inzwischen verheiratet, und Sue wusste, dass es die Einsamkeit ihres leeren Nestes war, die sie dazu bewegt hatte, nach vielen Jahren als Hausfrau eine Stelle anzunehmen.

Gwen hatte das Glück, einen Ehemann zu haben, der ein erfolgreiches Transportunternehmen führte, und er unterstützte sie gern dabei, ihren eigenen Weg zu gehen, egal ob sie arbeitete oder zu Hause blieb. Solange sie glücklich war, war Rhys es auch, was sich für Sue und die Schule als großer Vorteil erwiesen hatte. Seit Jahren hatte er einen Sitz im Schulvorstand inne und genoss es, in der örtlichen Gemeinde eine große Nummer zu sein. Es war allgemein bekannt, dass sein Ego so groß war wie sein Bankguthaben, aber trotz allem war er ein guter Mensch und wurde im Dorf respektiert.

Die Beziehung zwischen Gwens Ehemann und der Schule war symbiotisch, und Sue hatte sie gepflegt; diese Verbindung funktionierte auf vielen verschiedenen Ebenen sehr gut. Sein Unternehmen sponserte mehrere Schulveranstaltungen, und er nutzte gerne seine Kontakte, um Spenden für verschiedene Projekte zu sammeln. Dank Sues Führungsstärke und seiner Großzügigkeit, sowohl in finanzieller als auch in zeitlicher Hinsicht, war die Schule gut instand gehalten und verfügte über Ressourcen, um die sie viele Dorfschulen im County beneideten.

Die Schülerzahlen mochten zwar niedriger sein als früher, aber die Kinder blühten in dem Lernumfeld auf, das sie und ihr Team geschaffen hatten. Darauf war sie unglaublich stolz, und niemand sollte Einfluss darauf nehmen dürfen, wie sie die Dinge leitete – schon gar nicht schlecht informierte Eltern.

Okay, viele hielten sie für eine Art Diktatorin, aber ganz ehrlich: Sie hatte genug Erfahrung, um zu wissen, was funktionierte und was nicht. Und wenn sie tatsächlich diktatorische Züge hatte, dann nur, weil sie fest davon überzeugt war, dass ihre Methode die beste war. Leider kam es oft zu Reibereien, wenn neue Eltern hereinplatzten, voller Ideen und völlig ahnungslos, was in der Vergangenheit bereits alles ausprobiert worden und gescheitert war. Sie alle dachten, sie würden etwas Originelles einbringen, aber oft erfanden sie das Rad neu. „Man soll nicht reparieren, was nicht kaputt ist“ war ihr Mantra, aber das kam nicht immer gut an, und sie hatte den unerfreulichen Ruf, manchmal etwas zu direkt zu sein.

Die Frau, die gerade das Büro verlassen hatte, gehörte zu diesen eifrigen Eltern. Sue kannte sie schon seit ihrer Kindheit, obwohl sie nie Schülerin an dieser Schule gewesen war. Sie war mit elf Jahren in das Dorf gezogen, hatte als Teenager jedoch immer wieder Ärger gemacht und sich zu einer eigensinnigen jungen Frau entwickelt. Sie strotzte vor Ideen, doch leider glaubte sie fest an Verschwörungstheorien, suchte stets nach Hintergedanken und nach jemandem, dem sie die Schuld geben konnte. Eine schwierige Art, sein Leben zu leben, dachte Sue. Immer das Schlechte in der Welt zu sehen, anstatt das Gute zu feiern. Sie wollte zwar nicht, dass die Leute naiv waren, aber manche trieben es wirklich zu weit.

„War das Seren Jones, die ich gerade gehört habe?“ Sue beschloss, mit ihren Fragen direkt auf den Punkt zu kommen, da sie sich nicht abwimmeln lassen wollte. Sie wollte Einzelheiten wissen, so unangenehm diese auch sein mochten.

„Ich habe das Gefühl, dass die Ärger machen wird“, murmelte Gwen und hakte weiter Namen auf einer Liste ab, während sie die Erlaubniszettel sortierte. „Sei lieber vorsichtig. Versuch vielleicht, sie nach Schulschluss anzusprechen, und gib ihr die Gelegenheit, über ihren, ähm …“ Sie blickte auf und verzog das Gesicht, offensichtlich bemüht, nicht zu lachen. „… nennen wir es ihren interessanten Vorschlag zu sprechen.“

„O Gott, sie will doch nicht etwa, dass wir den Spielplatz umgraben und Gemüse anpflanzen, oder? Ich habe kürzlich mitbekommen, wie sie mit einer anderen Mutter darüber gesprochen hat, dass die Schule versuchen sollte, sich selbst zu versorgen. Ich habe nur ein paar Sätze mitbekommen, aber diese Leute begreifen nicht, dass wir das schon ein paar Mal probiert haben.“

Gwen zog einen imaginären Reißverschluss über ihren Mund. „Ich sage nichts, aber du musst vernünftig sein, denn ihr Vater ist mit meinem Rhys befreundet, da beide im Transportgeschäft tätig sind. Und du weißt ja, wie mein Mann ist, wenn seine Freunde sich über die Bildung ihrer Enkelkinder aufregen. Dann wird das nie ein Ende haben.“ Sie zeigte mit dem Stift auf Sue. „Er wird das Thema auf die Tagesordnung der nächsten Vorstandssitzung setzen, und dann hast du die Kontrolle über die Entscheidungsfindung verloren, richtig? Am besten klärst du das direkt.“

Sue nickte. Das war ein guter Einwand. „Ich weiß, ich weiß. Ich werde nett sein, versprochen.“

Man durfte in einem kleinen Dorf wie diesem niemals vergessen, wie eng alles miteinander vernetzt war. So viele Zehen, auf die man treten konnte, wenn man nicht aufpasste. Unsichtbare Fäden, die Familien und Freunde verbanden und sich zu ihrer Gemeinschaft verflochten.

Es war etwas an Gwens nervösem Lachen, an der Röte, die sich über ihre Wangen ausbreitete, das Sue daran zweifeln ließ, ob es in dem Gespräch wirklich darum gegangen war. Oder ob ihre Freundin das nur erfunden hatte, um sie vom eigentlichen Kern der Unterhaltung abzulenken.

Sie kehrte mit einem flauen Gefühl im Magen in ihr Büro zurück. In Sues Welt hatte sich etwas verändert, und das gefiel ihr überhaupt nicht. Sie spürte, dass Gerüchte im Umlauf waren, war sich aber nicht sicher, ob das nicht nur ihr schlechtes Gewissen war. Drehten sich die Köpfe, wenn man sie auf eine Gruppe von Eltern zugehen sah? Bildete sie sich nur ein, dass deren Gespräche augenblicklich verstummten, dass hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde und sie die Köpfe zusammensteckten? Früher war das nicht so gewesen. Früher hatten die Eltern sie einbezogen. Jetzt schienen sie sie zu beobachten, und das war überhaupt kein angenehmes Gefühl.

Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und blickte wieder aus dem Fenster. Ihre Finger spielten mit einem Stift und wirbelten ihn herum, während ihr Verstand versuchte, den Moment zu bestimmen, an dem sich alles geändert hatte. Es war zu Beginn des Sommers gewesen, kurz nachdem Nia Jenkins, eine junge Witwe, und ihr Sohn Arthur in das Dorf gezogen waren. Nicht dass sie die Zusammenhänge eindeutig herstellen konnte, aber die Dynamik hatte sich nach ihrer Ankunft verändert. Es war etwas an dieser jungen Frau und der Art, wie sie sich in die Gemeinschaft integriert hatte, das Sue aus irgendeinem Grund beunruhigte. Lag es daran, dass sie Sue gebeten hatte, ihre Vergangenheit vertraulich zu behandeln, obwohl sie ihr nur das Allernötigste erzählt hatte?

Nia wohnte neben Seren Jones, der Mutter, die gerade das Büro verlassen hatte, und die beiden Frauen waren enge Freundinnen geworden. Beide waren Ende zwanzig und sahen sich mit ihren langen braunen Haaren und den braunen Augen sogar ähnlich; beide bevorzugten eine legere Garderobe aus Jogginghosen, T-Shirts, Hoodies und Turnschuhen. Ihre Kinder waren in derselben Klasse – sie hatte sie außerhalb der Schule zusammen spielen sehen –, und Nia und Seren schienen viel Zeit miteinander zu verbringen.

Sue tippte mit dem Stift gegen ihr Kinn, während sie nachdachte. Sie hätte wetten können, dass Seren Dinge über Nia wusste, die niemand sonst im Dorf wusste. Dinge, die vielleicht Sues ungutes Gefühl gegenüber diesem Neuzugang erklären konnten. Es war nicht nur, dass sie Nia beim Starren erwischt hatte, sondern auch andere beunruhigende Aspekte ihres Verhaltens – nicht zuletzt ihre aufkeimende Freundschaft mit Sues Ehemann Ifan, der im Gemeindezentrum Walisischkurse für Erwachsene gab. Nia war eine seiner Schülerinnen und offenbar eine ziemlich eifrige. Sie seufzte. Vielleicht war es ja nur das: eine Lehrer-Schülerin-Beziehung. Es war leicht, solche Dinge falsch zu interpretieren, und die Leute liebten es, Dramen zu erfinden, wo es gar keine gab, nur um sich zu unterhalten. Nerys war darin eine Meisterin, Gott segne sie.

Ihre Gedanken kehrten zu dem geflüsterten Gespräch zwischen Gwen und Seren zurück, aber es hatte keinen Sinn, zu spekulieren. Gwen hatte recht. Sie musste direkt mit Seren sprechen und herausfinden, was wirklich los war. Es war wahrscheinlich nichts. Ein Sturm im Wasserglas.