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Ich stehe im Keller eines heruntergekommenen, verlassenen Lagerhauses und starre auf das Vorhängeschloss an einer schweren Stahltür. Die Wände sind völlig verdreckt und irgendwo in der Dunkelheit tropft Wasser.
Jetzt fängt das Vorhängeschloss an zu zittern. Zuerst nur leicht, aber dann heftig, so als würde eine wütende, unsichtbare Kraft versuchen, die Tür mit Gewalt zu öffnen, gegen die das Schloss schlägt.
„Nein … bitte … bitte, gib nicht nach …“, flüstere ich. Meine Stimme ist vor Schmerz und Angst heiser.
Das Beben nimmt zu. Allmählich greift es auf die Tür und die Wände über und erfüllt den Keller mit einem tiefen Grollen.
„Nicht … es tut mir so leid … Bitte nicht …“
Das Grollen schwillt zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen an. Es fühlt sich an, als würde das Gebäude gleich über mir einstürzen. In meiner Kehle steigt Galle hoch.
„Nein … nicht …“
Dann tritt Stille ein. Ich weiß, was jetzt kommt. Ich weiß, was hinter der Tür ist.
Oh Gott, was habe ich bloß getan?
Das Schloss springt auf.
Ich fahre im Bett hoch. Schweiß rinnt mir übers Gesicht und ich ringe um Luft.
Im Morgengrauen sehe ich meinen schwarzen Labrador-Mischling Murphy, der in seinem Körbchen in der Ecke des Zimmers liegt. Er legt den Kopf schräg und schaut mich fragend an.
Ich greife mir an die Seite und ziehe die Luft durch zusammengebissene Zähne ein. Durch das schnelle Aufsetzen schmerzt die alte Wunde in meiner Seite, aber es vergeht rasch wieder. Ich atme tief durch und wische mir den Schweiß aus den Augen. Dann schlage ich die Decke zurück, schwinge die Beine aus dem Bett und gehe ins Badezimmer. Der Albtraum ist nichts Neues. Er kehrt seit Jahren immer wieder und ich durchlebe darin die Panik und den Schock jener Nacht, aber ich habe gelernt, ihn rasch zu verdrängen.
Nachdem ich mir kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt habe, ziehe ich Jeans und ein Hemd an und gehe nach unten, um eine Kanne Kaffee aufzusetzen. Murphy folgt mir in die Küche, aber anstatt zu mir an die Arbeitsplatte zu kommen, setzt er sich neben seinen Futternapf und schaut mich mit großen, tellerrunden Augen an.
„Was ist? Hast du Hunger?“, frage ich.
Er klopft mit dem Schwanz auf den Boden.
Ich gebe ihm ein wenig Trockenfutter aus der Tüte in der Speisekammer und gehe dann ans Fenster über der Spüle, von wo aus ich die Auffahrt hinunter und über den Teich zu dem Cottage am Waldrand blicke.
Das Auto der Thelsons ist weg. Wenig überraschend. Sie hatten gesagt, sie würden früh aufbrechen, um nach Manhattan zurückzufahren.
Mit dem Kaffeebecher in der Hand gehe ich zur Haustür und klopfe mir auf den Oberschenkel, als ich auf die Veranda trete.
„Komm, Murph.“
Murph verschlingt den Rest seines Frühstücks und rennt mir dann hinterher. Soweit ich mich erinnere, habe ich ihn noch nie kauen sehen, nicht mal als Welpe. Er springt die Stufen von der Veranda hinunter. Wir gehen am Teich vorbei auf das Cottage zu. Als wir am Truck vorbeikommen, der in der Einfahrt parkt, nehme ich mir wieder einmal vor, das verdammte Rücklicht zu reparieren. Aus irgendeinem Grund vergesse ich es ständig.
Ich gehe um die Feuerstelle herum und bemerke die Weingläser, die neben den Stühlen stehen. Dann begebe ich mich zum Eingang des Cottages, hole meinen Schlüssel heraus und schließe die Haustür auf. Bevor ich irgendetwas anderes tue, schlage ich das Gästebuch auf, das auf dem Küchentisch liegt. Ich blättere die Seiten durch, bis ich den neuesten Eintrag finde. Die Tinte ist noch so dunkel und die Schrift so gestochen scharf, dass die Zeilen offensichtlich erst vor einer Stunde geschrieben worden sind.
Wir sind aus Manhattan hergekommen, um uns am Herbstlaub der Bäume zu erfreuen, und haben ein paar herrliche Tage hier verlebt. The Hollows ist eine wunderschöne Kleinstadt. Wir besuchten die tollen Läden auf der Main Street und genossen unseren Spaziergang über den Friedhof an der Old Stone Church. Und was können wir über Jacobs Cottage sagen? Ein Traum! Wir sind jeden Morgen als Erstes durch den Wald gegangen, um die Hügel zu bewundern, und sind jedes Mal in „The Sanctuary“ eingekehrt. Jacob ist ein perfekter Gastgeber. Der Wein und die S’Mores waren genau das Richtige. Und dazu noch Murphy! So ein Süßer! Wir können es gar nicht erwarten, wieder herzukommen!
John & Margaret Thelson
Ich klappe das Gästebuch zu und sehe mich im Cottage um. Ohne Ausnahme fühlt sich jeder aus Manhattan, der sich ins Gästebuch einträgt, verpflichtet zu erwähnen, dass er aus Manhattan ist. Hoffentlich posten sie die Bewertung heute Nachmittag, sobald sie wieder zu Hause sind, auf Be Our Guest.
Die Thelsons waren die typischen Gäste aus New York City, die jedes Jahr im Herbst auf Pilgerfahrt in den Norden gehen, um sich den Altweibersommer anzusehen. Sie sind wohlhabende Eheleute, die das malerische Zweizimmercottage als „schlichte Unterkunft“ bezeichnen würden, obwohl es allen erdenklichen Komfort, ein paar Weinflaschen und eine Feuerstelle im Freien zu bieten hat. Aber sie waren freundlich und haben das Haus ordentlich hinterlassen. Die Reinigung sollte nicht lange dauern, auch weil ich den Ablauf perfektioniert habe.
Murphy trottet durch die offene Haustür herein. Er ist fertig damit, die Feuerstelle nach Graham-Cracker-Resten, Schokoladestückchen oder Marshmallows abzusuchen, die die Thelsons dort als Überreste der S’Mores liegengelassen haben könnten, und steuert direkt die Küche an, um nachzusehen, ob hier vielleicht noch Reste herumliegen.
„Viel Erfolg bei der Suche, Murphy“, sage ich. Er hat es sich verdient. Schließlich ist er eines meiner besten Verkaufsargumente.
Ich klatsche in die Hände und reibe sie aneinander. „Also los. Zeit, an die Arbeit zu gehen.“
Als Erstes hole ich die Weingläser herein und wasche sie in der Küchenspüle ab. Dann sammle ich die Bettwäsche und Handtücher ein, stopfe sie in einen Beutel und trage sie zum Haus. Murphy folgt mir dicht auf den Fersen. Ich bringe den Wäschebeutel in den Keller und fülle seinen Inhalt in die Waschmaschine. Obwohl wir das schon hunderte Male gemacht haben, flüchtet Murphy, sobald ich den Deckel öffne, denn für ihn ist die Waschmaschine immer noch eine Art Monster. Sobald sie läuft, gehe ich wieder nach oben. Murphy wartet auf der Veranda auf mich.
„Feigling“, sage ich.
Als Antwort lässt er die Zunge heraushängen und fängt an zu hecheln.
Während wir zurück zum Cottage gehen, bemerkt Murphy die Enten, die sich auf der spiegelglatten Oberfläche des Teichs niedergelassen haben. Mit angelegten Ohren läuft er auf sie zu.
„Murphy!“, rufe ich.
Er bleibt am Ufer stehen und sieht mich an.
„Nee, komm jetzt.“
Er starrt auf den Teich und sieht dann wieder zu mir herüber, als wollte er fragen: „Siehst du die Enten denn nicht?“
„Komm“, sage ich und klatsche mir kräftig auf den Oberschenkel.
Er rennt los, um mich einzuholen, doch statt mir ins Cottage zu folgen, legt er sich auf die Veranda, um den kühlen Vormittag zu genießen.
Ich fülle die Gratis-Toilettenartikel auf und putze das Badezimmer. Sie haben kein Desaster hinterlassen. Einmal war ein junges Pärchen aus Los Angeles für ein Wochenende da, das zu viel Wein genossen hatte und anschließend das Badezimmer in einen Saustall verwandelte. Beinahe hätte ich ihnen eine schlechte Bewertung gegeben, aber da sie in der „Eliteklasse“ von Be Our Guest waren, hielt ich mich zurück. Zum Glück hinterließen sie mir eine hervorragende Bewertung.
Als ich mit dem Schrubben der Badewanne fertig bin, richte ich mich etwas zu schnell auf. Der Schmerz in meiner Seite flammt wieder auf, aber ich beachte ihn kaum.
Zeit für die Küche. Ich spüle die Teller ab, auf denen sie die gegrillten S’Mores aßen, und fülle den Korb neben der Kaffeemaschine mit Groundworks-Kapseln auf. Dann wische ich die Arbeitsfläche ab und fege den Boden. Anschließend hole ich den Staubsauger aus dem Schrank im Flur. Routinemäßig fange ich im Schlafzimmer an, mache im Badezimmer weiter, später den Flur und schließlich das Wohnzimmer und die Küche.
Ich sauge um das Bücherregal herum, das mit einigen meiner Lieblingsbücher gefüllt ist: ein paar Thriller, ein paar Romane von Michael Crichton, Eine Weihnachtsgeschichte und so weiter. Zwar liest keiner der Gäste sie, aber sie machen sich gut auf den Fotos der Be Our Guest-Website. Es gibt auch eine Reihe von DVDs, die sich niemand ansieht: Casablanca, Harry und Sally, Vertigo, Ein Herz und eine Krone sowie Schatten der Vergangenheit. Während ich mit dem Staubsauger über den Teppich am Kamin fahre, fällt mein Blick auf die Steckenpuppe, die ich vor Jahren gebastelt habe und die jetzt auf dem Kaminsims sitzt. Es ist eine schlichte Form aus Zweigen, die mit Bindfaden zusammengebunden sind. Sie verleiht dem Raum eine hübsche, rustikale Note. Bei den Pfadfindern haben sie uns zwar beigebracht, Kiefernnadeln statt Bindfaden zu verwenden, aber die halten nicht lange.
„Ist die für mich?“
„Das ist bloß was, das ich bei den Pfadfindern gelernt habe.“
Sie durchschaute meinen Schwindel sofort.
„Also, ich werde sie immer in Ehren halten“, sagte sie und drückte sich neckend die Puppe an die Brust …
Murphys Winseln reißt mich aus meinen Erinnerungen.
Er sitzt vor dem Eingang. Seine Miene spiegelt seinen Zwiespalt zwischen dem Wunsch, hereinzukommen, und dem Respekt vor dem Staubsauger perfekt wider.
Ich drücke auf den Schalter und der Staubsaugermotor verstummt surrend.
„Fertig“, sage ich und stelle den Staubsauger zurück in den Schrank.
Im Schrank lege ich ein frisches Duftsäckchen zwischen die Handtücher und stoße dabei versehentlich die kleine Dose herunter, die ich auf dem obersten Regal versteckt habe. Ich bewahre in ihr je einen Ersatzschlüssel für das Haus und das Café auf, weil ich mich vor etwa einem Jahr aus meinem Haus ausgesperrt und auf die harte Tour gelernt habe, dass ich besser darauf vorbereitet sein sollte. Ich lege die Schlüssel zurück in das Döschen, stelle es ganz hinten ins Regal und schließe die Tür. Dann hole ich mein Handy heraus und mache eine Reihe neuer Fotos vom Cottage. Es ist schon eine Weile her, seit ich das getan habe. Allerdings muss ich die Bilder auf der Webseite von Be Our Guest regelmäßig aktualisieren.
Danach gehe ich zu meinem Haus zurück und lege die Bettwäsche und Handtücher aus der Waschmaschine in den Trockner. Wieder weicht mir Murphy nicht von der Seite, bis ich zur Kellertreppe gelange, denn der Trockner ist der böse Zwilling der Waschmaschine. Als das erledigt ist, gehe ich zurück zum Cottage, um einen letzten Kontrollgang zu machen und mich zu vergewissern, dass alles perfekt vorbereitet ist.
Normalerweise würde ich keinen zweiten Check machen, aber heute Abend breche ich diese Regel.
Der Grund ist folgender: Vor ein paar Jahren sind meine Eltern gestorben. Wir standen uns nicht besonders nahe. Tatsächlich standen wir uns gar nicht nahe, was für ein Einzelkind ungewöhnlich ist, aber das lag an meiner Vergangenheit. Sie waren das typische erfolgreiche, wohlhabende Ehepaar, das alles richtig gemacht hat, während ich eine schlechte Entscheidung nach der anderen traf. Ich war nie richtig in die Gänge gekommen, und das war meine eigene Schuld. Ich vergeigte jede Chance, die sie mir gaben.
Es wurde so schlimm, dass sie schließlich den Geldhahn zudrehten, nachdem ich das zweite Studienjahr vermasselt hatte. Also musste ich einen anderen Weg finden, um mein Studium finanzieren zu können. Das gelang mir auch, ich erzählte ihnen, dass ich einen Job gefunden hatte. Allerdings kannten sie nicht die ganze Wahrheit über diesen Job. Sie waren froh, dass ich endlich selber Verantwortung für mich übernommen hatte, und versuchten, wieder an meinem Leben Anteil zu nehmen, aber der Schaden war irreparabel. Ich wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Wir führten die obligatorischen Telefonate an Weihnachten und Geburtstagen, die aus unbehaglichen Unterhaltungen bestanden. Damals lebte ich in Portland, Maine, während sie nach Hilton Head in South Carolina gezogen waren.
Sie starben rasch hintereinander. Mom wurde krank. Ich bot an, zu kommen und zu helfen, denn das tut man doch als Einzelkind, nicht wahr, auch wenn wir seit Jahren nicht wirklich miteinander geredet hatten. Dad lehnte mein Angebot ab und meinte, er könne es allein schaffen. Nun, er hatte es nicht geschafft. Der Stress wurde zu viel für ihn und er erlitt einen Herzinfarkt. Er starb noch am selben Abend. Die Krankenschwester, die Dad engagiert hatte, um sich um Mom zu kümmern, teilte es mir telefonisch mit. Trotz unseres Zerwürfnisses machte ich mich unverzüglich auf den Weg. Noch während ich nach Hause fuhr, starb Mom. Die Krankenschwester sagte, sie wäre an einem gebrochenen Herzen gestorben. Ich wusste nicht, was ich empfinden sollte. Sie waren so lange nicht mehr Teil meines Lebens gewesen, dass es sich ohnehin schon so angefühlt hatte, als wären sie tot, aber trotzdem wünschte ich, ich hätte versucht, mich mit ihnen zu versöhnen.
Die doppelte Beerdigung war surreal. Viele Leute waren gekommen, und ich kannte keinen einzigen von ihnen. Als sie erfuhren, wer ich war, kamen sie auf mich zu und sagten, wie schmerzlich und traurig der Verlust sicher für mich war und was für wundervolle Menschen meine Eltern gewesen seien. Ich bemühte mich, Trauer zu zeigen, aber ich befürchtete, dass sie mir anmerkten, dass ich mich von meinen Eltern entfremdet hatte. Am allerschlimmsten war, dass ich eine Rede halten musste. Ich kam mir wie ein Betrüger vor. Nein, ich war ein Betrüger. Zum Glück ließ sich jeder Zweifel an meiner Aufrichtigkeit mit meinem Schock und meiner Trauer erklären. Ich hatte Schuldgefühle, weil ich sie kaum gekannt hatte. Ihr Tod berührte all diese Menschen und ich schämte mich. Ich malte mir aus, wie meine Beerdigung wohl aussehen würde, zu der kaum jemand kommen würde.
Dann wurde das Testament verlesen.
Meine Eltern hatten mir alles vermacht. Sie hatten keine persönliche Erklärung hinterlassen – keinen Hinweis darauf, was ich mit ihren Ersparnissen tun sollte. Es gab nur die simple Anweisung, dass ich alles erben sollte. Ich vermutete, es war ihre Art, mir zu sagen, dass ich mich ihrer als würdig erwiesen hatte, weil ich meinen eigenen Weg gegangen war. Vielleicht wollten sie damit sagen, dass es ihnen leid tat. Vielleicht hatten sie gedacht, wir würden eines Tages wieder eine richtige Familie sein. Ich weiß es nicht, aber damals hatte ich die Entscheidung getroffen. Ich hatte schon so viele Fehler gemacht – die größten kannte nur ich selbst. In diesem Augenblick beschloss ich, mit dem Herumgammeln aufzuhören. Es war an der Zeit, mein Leben in Ordnung zu bringen.
Ich bin in Vermont aufgewachsen, und da ich diese Entscheidung als Neuanfang sah, beschloss ich, dorthin zurückzuziehen. Also recherchierte ich die Gegend, entdeckte The Hollows und kaufte das Grundstück am Stadtrand. Der nächste Nachbar lebt eine halbe Meile entfernt. Das Haus ist zwar abgelegen, aber nicht in der Einöde. Ich liebe das Grundstück, das sich an den Wald schmiegt. Es gibt das Haupthaus, einen Teich und das Cottage. Früher, als das Grundstück noch Farmland war, war das Cottage das Haupthaus, aber vor ungefähr hundertfünfzig Jahren wurde das Land verkauft, das neue Haus gebaut und der Teich angelegt. Seitdem stand das Cottage leer. Mit dem Einzug in ein so altes und geschichtsträchtiges Haus war eine große Verantwortung verbunden. Doch das schreckt mich nicht ab. Nein, vielmehr sehnte ich mich nun geradezu danach. Mit dem Einzug in ein so altes und geschichtsträchtiges Haus war eine große Verantwortung verbunden. Doch das schreckte mich nicht ab. Nein, vielmehr sehnte ich mich nun geradezu danach.
Auch The Hollows gefiel mir auf Anhieb. Ursprünglich war es Anfang des siebzehnten Jahrhunderts von zwei französischen Entdeckern besiedelt worden, die es „Chavelle’s Hollow“ nannten. Danach kamen die Engländer, und nach dem Siebenjährigen Krieg tauften sie den Ort zu Ehren des britischen Generals Edward Sommerton in „Sommerton’s Hollow“ um. Das Problem war nur, dass die Stadt so klein war und direkt an der Grenze zwischen den französischen und britischen Territorien lag, sodass die Leute beide Namen verwendeten. Dann brach der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg aus und Sommerton diente in der britischen Armee. Nach dem Krieg wollten die Bürger des neu gegründeten Landes nicht, dass ihre Stadt den gerade besiegten Feind ehrte, und so benannten sie sie in „Putnam’s Hollow“ um, zu Ehren von Rufus Putnam, der in der Kontinentalarmee gedient hatte.
Das alles ging relativ schnell, sodass die Leute, je nachdem, ob sie Franzosen, Briten oder Amerikaner waren, alle drei Ortsnamen gleichzeitig verwendeten. Als das Städtchen endlich ein Postamt bekam, was in den Augen der Regierung einen Ort offiziell zu einer Stadt machte, hatte der Landvermesser bald die Nase voll davon, einem so kleinen Städtchen seinen korrekten und allzu langen Namen zu geben, dass er einfach „The Hollows“ aufschrieb, und dieser Name setzte sich durch. The Hollows wurde zu einem dieser Orte, die man auf Reise-Webseiten vorfindet – eine charmante Kleinstadt in Neuengland, die zwischen sanften Hügeln und dichten Wäldern versteckt ist. Sie besteht aus einem Marktplatz, einem Stadtpark, einer alten Steinkirche und gewundenen Straßen.
Nachdem ich das Anwesen gekauft hatte, machte ich mich an den nächsten Schritt meines Plans: die Gründung eines Geschäfts. Dafür mietete ich ein Ladenlokal in der Main Street an und eröffnete ein Café.
Wie der ganze Ort wirkt auch die Main Street wie eine Postkartenidylle. An jedem der jahrhundertealten Häuser im Kolonialstil, die die Straße säumen, ist eine Gedenktafel mit dem Baujahr und dem Bauherrn angebracht. Statt auf elektrisches Licht umzusteigen, hat die Stadt ihre alten Gaslaternen behalten. Nachts fühlt man sich wie im Märchen.
Mein Lokal ist ein kleines, eingeschossiges Gebäude schräg gegenüber von der Kirche, die alle nur die „Old Stone Church“ nennen. Durch das große Schaufenster meines Cafés hat man einen herrlichen Blick auf den Stadtpark gegenüber und den alten Friedhof neben der Kirche. Ich nannte mein Café „Groundworks“ und machte mich an die Arbeit. Schnell erkannte ich jedoch, dass ich mir zu viel vorgenommen hatte. Da es aber keinen Plan B gab und ich fast mein ganzes Erbe ins Haus und das Lokal investiert hatte, konnte ich nicht aufgeben.
Nach und nach bekam ich das Geschäft in den Griff. Ich verteilte kostenlose Proben der Kaffeespezialität, die im Groundwork serviert wird, an die örtlichen Hotels und Pensionen, damit sie die Kostproben neben die Kaffeemaschinen in ihren Gästezimmern auslegen konnten. Sie hielten es für eine gute Gelegenheit, die lokalen Geschäfte zu fördern. Darum geht es in der Herbstsaison für Touristen. The Hollows lebt von den Cottages. Meine Werbeaktion hat sich auch deswegen ausgezahlt, weil alle Hotel- und Pensionsgäste während ihrer Ausflüge in die umliegenden Hügel und die Umgebung mein Café aufsuchten. Ich kämpfte mich langsam aus den roten Zahlen, die das Café anfangs schrieb, heraus, und auch wenn es mir finanziell allmählich besser ging, war das buchstäbliche Knochenarbeit.
Ein Nachteil meines Umzugs in eine neue Stadt und der vielen Arbeitsstunden war, dass ich mich einsam fühlte. Also stattete ich dem örtlichen Tierheim einen spontanen Besuch ab. Hinter dem Tierheim befand sich ein Gehege, in dem die Hunde frei herumlaufen und spielen durften. Ich nahm mir vor, den ersten Hund zu adoptieren, der zu mir kam. Als ich durch das Tor ging, löste sich ein kleines schwarzes Fellknäuel mit überdimensionalen Pfoten aus dem Rudel und stürzte mit wild flatternden Ohren und Lefzen auf mich zu. Er rannte los, rannte mir direkt in die Schienbeine und schlitterte über den Rasen. Gleich darauf sprang er wieder auf und wiederholte das Ganze. Nachdem er mir zum dritten Mal über die Füße gepurzelt war, setzte er erneut dazu an – doch ihm war so schwindlig, dass er umkippte.
Ich lachte so herzlich, dass mir die Tränen über die Wangen liefen und ich mich hinhocken musste. Die Fellnase sprang mich an und versuchte, mir das Gesicht abzulecken. Das war’s. Ich habe ihn Murphy getauft und seitdem sind wir unzertrennlich. Das ist nicht übertrieben. In vier Jahren ist er mir kaum von der Seite gewichen. Bei den langen Arbeitszeiten, die ich im Lokal verbringe, kann ich ihn nicht allein zu Hause lassen. Also nehme ich ihn immer mit. Schon bald nach seinem Einzug wurde Murphy das inoffizielle Maskottchen von Groundworks.
Ich habe Groundworks renoviert, um ihm einen nostalgischen Touch zu verleihen, und das Geschäft fing an zu brummen. Ich verbrachte fast vierzehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche dort. Mein Umsatz wuchs stetig.
Eines Morgens vor zwei Jahren kam Maggie Vaughn, die einen Block weiter das Elmwood Hotel leitet, vorbei, um ihren Kaffeevorrat abzuholen. Sie erwähnte, dass ihr Hotel so voll sei, dass sie schon Gäste abweisen musste.
Das brachte mich auf die Idee, mir ein zweites Standbein zu schaffen, mit dem ich etwas Geld dazuverdienen könnte.
Damals hatte ich bereits ein paar Mitarbeiter eingestellt, um meine Arbeitslast zu verringern, und mehr Zeit für mich.
Bisher hatte ich das Cottage als Lager für Groundworks verwendet, aber nun nahm ich etwas Geld in die Hand und renovierte es, um eine Ferienunterkunft daraus zu machen. Ich verwandelte es in ein charmantes Zwei-Zimmer-Apartment mit moderner Küche und Bad. Vor dem Häuschen errichtete ich sogar eine Feuerstelle. Damals nahm Airbnb gerade so richtig Fahrt auf. Ich befürchtete, dass dort schon zu viele Unterkünfte angeboten würden, und entschied mich daher für ein Konkurrenz-Startup namens Be Our Guest. Es wirbt damit, eine exklusivere und gehobenere Alternative zu Airbnb zu sein. Das Unternehmen spricht keine Sparfüchse an, sondern wohlhabende Touristen. Die Menschen, die ein besonderes Erlebnis suchen. Und genau das sind die Urlauber, die nach The Hollows kommen.
Da Be Our Guest noch neu war, suchten sie nach einzigartigen Objekten. Ich schickte ihnen Fotos des Cottages, von denen sie total begeistert waren. Ein Vertreter von Be Our Guest kam vorbei, um das Cottage zu besichtigen; er war hin und weg. Dann erledigten wir die Formalitäten. Ich musste mehrere Dokumente unterschreiben, in denen ich zusicherte, ihre Richtlinien einzuhalten. Eine davon ist, dass ich während des Aufenthalts meiner Gäste in meinem Haus keinen „körperlichen oder sonstigen“ Kontakt zu ihnen aufnehmen würde. Auch musste ich mich einer Hintergrundprüfung unterziehen, was mich immer nervös macht. Ich war zwar sicher, dass sie nichts finden würden, aber trotzdem macht mir so etwas eher Sorgen.
Nachdem alles erledigt war, wurde mein Cottage zum Durchstarten freigegeben, von da an ging es steil bergauf. Be Our Guest vermarktete das Cottage als besonderes Objekt, es war sofort ausgebucht. Das war toll.
Ich nehme 200 Dollar pro Nacht in der Nebensaison und 300 Dollar im Herbst. Wenn ich wollte, könnte ich das Cottage jeden Abend vermieten. Es ist das leichteste Geld, das ich je verdient habe. Normalerweise bekomme ich meine Gäste nur ein oder zwei Mal zu sehen. Sie sind immer höflich – naja, die meisten – und ich brauche höchstens ein bis zwei Stunden, um nach ihrer Abreise alles sauber zu machen und herzurichten.
Ein paar der Hotelbesitzer im Ort ärgerten sich darüber, dass ich mit ihnen konkurrierte, aber sie nahmen es mit Gleichmut hin. Schließlich waren sie immer noch voll ausgelastet. Ich vermute, sie waren eher besorgt, dass andere Einwohner ihre freien Zimmer womöglich auch zur Vermietung anbieten würden. Wie gesagt: Es ist das leichteste Geld, das ich je verdient habe. Ich kann die Termine selbst festlegen, und wenn ich mal eine Pause von der Vermietung des Cottages benötige, nehme ich mir einfach ein oder zwei Wochen frei. Die Gäste genießen ihren Aufenthalt. Ich sorge dafür, dass im Cottage immer Wein von örtlichen Weingütern und Kaffee – natürlich nur Groundworks – vorhanden ist. Seit ich die Feuerstelle eingerichtet habe, sorge ich auch dafür, dass die Zutaten für S’Mores – Graham Cracker, Marshmallows und Schokolade – in der Küche bereitstehen. Alle Gäste nehmen das Angebot wahr.
Und alle lieben Murphy.
Ein paar Regeln habe ich allerdings. Ich lasse keine Gäste in mein Cottage, die nicht schon mindestens drei Bewertungen auf Be Our Guest geschrieben haben. Das ist einer der Vorteile dieser Seite. Hotels müssen jeden aufnehmen, der eine Kreditkarte besitzt. Bei Be Our Guest habe ich die Möglichkeit zu prüfen, wer bei mir übernachtet. Ich kann sehen, was sie über andere Unterkünfte geschrieben haben, und aus den Bewertungen lässt sich ablesen, wer Probleme machen könnte. Das sind die Leute, die unbedingt ein Haar in der Suppe finden wollen. Das ist meine Regel – drei Bewertungen, die beweisen, dass man ein vernünftiger Mensch ist. Es ist meine heiligste Regel.
Und heute Abend breche ich sie.
Vor zwei Monaten erhielt ich eine Anfrage von einer Frau namens Rebecca Lowden für eine einzige Nacht im Cottage. Eigentlich wollte ich die Reservierungsanfrage ablehnen, als ich sah, dass sie noch keine Bewertungen abgegeben hatte. Aber ich überprüfe die Reservierungsanfragen immer darauf, wo sie mein Cottage entdeckt haben. So weiß ich, auf welchen Seiten Be Our Guest es bewirbt. Daher öffnete ich die Anfrage, die mich zu ihrem Profil weiterleitete. Sie ist eindeutig wunderschön, mit braunen Haaren und blauen Augen. Mein Interesse wurde allerdings durch ihre Biographie geweckt.
Be Our Guest fordert die Leute im biografischen Teil auf, persönliche Vorlieben anzugeben, wie beispielsweise Hobbys, Lieblingsbücher und –filme. Als eines ihrer Lieblingsbücher hat sie Eine Weihnachtsgeschichte gelistet. Und unter den Lieblingsfilmen? Schatten der Vergangenheit, der auch zu meinen fünf Top-Spielfilmen gehört. Außerdem ist sie in einer Stadt aufgewachsen, die nicht weit von meinem Heimatort entfernt ist.
Also habe ich aus reiner Neugierde meine Regel gebrochen und die Buchung angenommen.
***
Ich hole die Bettwäsche und Handtücher aus dem Trockner und gehe damit zurück zum Cottage. Dann beziehe ich das Bett frisch, glätte die Laken und stopfe die Ecken sorgfältig unter die Matratze. Vor der Vermietung des Cottages habe ich mein Bett nie gemacht. Jetzt kann ich nicht mehr in einem ungemachten Bett schlafen. Ich hänge frische Handtücher ins Badezimmer und lege den Rest als Stapel auf das oberste Regal im Flurschrank.
Dann bin ich fertig. Das Cottage ist für den nächsten Gast vorbereitet. Check-in ist um 15:00 Uhr und jetzt ist es zwölf Uhr mittags. Sie könnte in drei Stunden eintreffen oder vielleicht auch erst heute Abend, aber ich vermute, dass sie eher gegen drei da sein wird. Die meisten Gäste verhalten sich bei den Buchungen so, als würden sie jemanden zu Hause besuchen, statt in einem Hotel abzusteigen. Also, wie gesagt wird sie wahrscheinlich gegen drei Uhr eintreffen. Ich gebe zu, dass ich hier sein möchte, wenn sie ankommt.
Noch mal: Es ist reine Neugier. Seht mich nicht so an.
Ich lege den Schlüssel in den Schlüsseltresor neben der Haustür und stelle den Code auf die vier Zahlen ein, die ich Rebecca in der Bestätigungsmail geschickt habe.
In ein paar Stunden muss ich ins Groundworks gehen, aber bis dahin kann ich mir hier die Zeit vertreiben, in der Hoffnung, auf sie zu treffen.
Ich kehre zum Haupthaus zurück und gehe in mein Arbeitszimmer im Erdgeschoss. Die Flurdielen knarren – ein vertrautes Geräusch, das ich mittlerweile mag. Es erinnert mich an die Verantwortung, die ich für das alte Haus übernommen habe. Es hat das Ende eines Bürgerkriegs, des ersten Weltkriegs, einer Weltwirtschaftskrise, eines zweiten Weltkriegs, die Siebzigerjahre und die Jahrtausendwende miterlebt, und es liegt in meiner Verantwortung, dass es auch den nächsten historischen Meilenstein erreichen wird. Ich setze mich auf meinen Schreibtischstuhl, drehe ihn und schalte den Computer ein.
Dann checke ich meine E-Mails und sehe, dass Sandy Bellhurst, die Managerin, die ich für das Groundworks eingestellt habe, mir die Belege von gestern geschickt hat. Ich gebe die Zahlen in meine Buchhaltungssoftware ein und beantworte noch ein paar andere E-Mails. Als ich damit fertig bin, sehe ich zur Tür, wo Murphy halb im Zimmer und halb auf dem Flur steht.
„Was ist? Hast du etwa schon wieder Hunger?“
Murphys Schwanz wedelt so heftig, dass sein ganzes Hinterteil wackelt.
„Also gut. Okay.“
Er dreht sich um und rennt in die Küche. Ich stehe auf und folge ihm.
Ich gebe Murphy noch ein wenig Futter aus dem Beutel in der Speisekammer. Ich habe gehört, dass man Hunden lieber mehrere kleine Portionen als eine üppige Mahlzeit geben sollte, damit sie nicht zu dick werden. Es ist gesünder und ich will Murphy so lange wie möglich an meiner Seite haben.
Nachdem ich ihn gefüttert habe, gehe ich auf die Veranda. Ich überlege, ob ich mit Murphy einen Spaziergang zum Tierheim machen soll, beschließe aber dann, mich gemütlich mit einem Taschenbuch in einen Sessel zu setzen und den Herbstnachmittag zu genießen, für den Fall, dass Rebecca früh ankommt.
Es ist wunderschön hier. Die Brise trägt den Duft des Laubs aus dem Wald auf die Veranda. Die Farben leuchten in ihrer ganzen Pracht. Wattewölkchen ziehen rasch über den Himmel. Die Luft hat genau die richtige Temperatur für eine Jacke, aber noch keinen Mantel. Es sind nur noch wenige Tage bis Halloween, die Zeit, in der The Hollows zur Hochform aufläuft.
Murphy kommt an die unverschlossene Fliegengittertür, drückt sie mit der Schnauze auf und lässt sich mit einem zufriedenen Seufzen neben meinem Stuhl auf den Boden fallen.
Rebecca Lowden kann sich ruhig Zeit lassen.
Ich bin rundum glücklich.
***
Stunden später sitze ich immer noch auf der Veranda, aber allmählich muss ich los.
Ich habe einen Termin mit einem Vertreter von Alliance Capital im Groundworks. Das ist eine Firma, die daran Interesse hat, aus Groundworks ein Franchise-Unternehmen zu machen.
Murphy liegt immer noch neben mir auf der Veranda und wälzt sich auf dem Rücken, um sich eine juckende Stelle zu kratzen. Er schnaubt, während er sich hin und her windet. Ich finde, das gibt ein tolles Bild ab, und hole mein Handy heraus. Dann stehe ich auf und gehe neben seinem Kopf in die Hocke. Immer noch auf dem Rücken liegend, sieht er mich an, als wollte er fragen: „Was zum Teufel machst du da?“
Ich bücke mich, bis ich mit seiner Schnauze auf Augenhöhe bin, und mache ein Foto. Mir ist sofort klar, dass ich es nicht auf die Webseite von Be Our Guest stellen kann, weil das Cottage zwischen seinen gespreizten Hinterbeinen zu sehen ist. Es ist urkomisch, aber wahrscheinlich nicht angemessen. Außerdem fährt in dem Moment, in dem ich auf den Auslöser drücke, ein Ford Focus ins Bild und parkt neben dem Cottage. Ich schieße noch ein Foto für meine Privatsammlung und stecke das Handy wieder in die Tasche. Murphy dreht sich auf den Bauch und bemerkt den Neuankömmling.
Ich richte mich auf und gehe zu den Stufen, um Rebecca Lowden zu begrüßen. Doch dann bleibe ich stehen. Das ist sie nicht. Das kann sie nicht sein. Eine Fremde muss sich verfahren haben. Die Frau, die aus dem Ford Focus aussteigt, hat rotes Haar. Rebecca ist brünett.
Murphy rennt auf sie zu. Ich folge ihm. Ein paar Meter vor der Fremden bleibt er stehen und nimmt eine unterwürfige Haltung ein. Sie geht in die Hocke und ermutigt ihn, näher zu kommen, indem sie sich auf die Knie klopft.
Moment mal. Ich habe mich geirrt. Es ist doch Rebecca Lowden. Sie hat sich bloß die Haare rot gefärbt.
Murphy nähert sich ihr und rollt sich spielerisch auf den Rücken, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Sie tut ihm den Gefallen.
Ich gehe weiter auf sie zu. Ja, es ist tatsächlich Rebecca Lowden. Sie sieht zwar immer noch umwerfend aus, aber die roten Haare stehen ihr nicht.
„Hi“, sagt sie zu mir und tätschelt Murphys Bauch. „Sind Sie Jacob?“
„Ja. Und Sie sind Rebecca?“
„Ja.“
„Entschuldigen Sie, ich habe Sie wegen der roten Haare nicht gleich erkannt. Sie sehen damit anders aus als auf Ihrem Profilbild.“
Sie richtet sich auf. „Stimmt. Ich habe nur mal was Neues ausprobiert.“
Murphy steht auf und hält ihr das Hinterteil hin, um es sich kraulen zu lassen.
„Und du bist sicher Murphy!“, sagt sie in dem Tonfall, mit dem man manchmal mit Babys spricht, und fährt mit den Fingernägeln über seine Hüften. Murphy ist im siebten Himmel. „Tut mir leid, dass ich so spät komme.“
„Ach was, das macht doch nichts. Sie können jederzeit einchecken. Der Schlüssel liegt im Schlüsseltresor neben der Tür.“
„Super. Danke.“
„Ich würde Ihnen ja gerne alles zeigen, aber Murphy und ich müssen zu einem kleinen Geschäftstreffen in die Stadt fahren.“
Sie gibt Murphy einen spielerischen Klaps auf den Po. „Kein Problem.“
„Ich kenne ja Ihre Pläne nicht, aber im Cottage finden Sie Kaffee und Wein und alles für die Zubereitung von S’Mores. Und hinten im Garten sind Holzscheite, falls Sie die Feuerstelle benutzen möchten.“
„Super.“
„Für den Fall, dass Sie sonst noch irgendwas brauchen, haben Sie doch meine Nummer, oder?“
„Ja.“
Es entsteht eine unbehagliche Pause, in der ich das Gefühl habe, dass sie darauf wartet, dass ich verschwinde.
„Okay“, sage ich. „Komm, Murph.“
Er zögert, doch dann kommt er zu mir herüber und folgt mir zum Truck. Ich werfe einen Blick über die Schulter und sehe, dass sie zum Schlüsseltresor geht und den Code eingibt.
Als Murphy und ich den Truck erreicht haben, betritt sie schon das Cottage und zieht die Tür hinter sich zu.
Ich öffne die Tür des Trucks und Murphy springt hinein. Er liebt Autofahren.
Ich steige hinauf in die Kabine und drehe den Schlüssel im Zündschloss. Als der Motor aufheult, geht das Licht im Cottage an.
„Murphy, bilde ich es mir nur ein oder war das gerade ein bisschen seltsam?“, frage ich und sehe zu ihm rüber. Er lässt die Zunge aus dem Maul hängen. „Ach, stimmt ja. Du bist ein Hund.“
Ich lege den Gang ein und lasse den Wagen die Auffahrt hinunterrollen. Dann biege ich in die Normandy Lane ein, werfe im Rückspiegel einen letzten Blick auf das Cottage und fahre Richtung Stadt.
***
Im Groundworks herrscht Hochbetrieb, was gut ist. Abgesehen vom Umsatz möchte ich, dass es voll ist, damit der Vertreter von Alliance Capital sieht, dass das Geschäft floriert.
Als bei unserem Eintreten die Glöckchen über der Tür bimmeln, drehen sich ein paar Gäste zu Murphy und mir um. Einige Stammkunden erkenne ich wieder, so wie Reverend Williams von der Old Stone Church. Normalerweise schaut er einmal im Monat vorbei, aber die meisten Gäste sind Touristen, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Auch wenn sie vielleicht nicht wissen, wer ich bin, zieht Murphy die Blicke auf sich und alle sind schockverliebt.
Ich verrate euch ein kleines Geheimnis: Anfangs habe ich den Laden gehasst. Vom ersten Tag nach seiner Eröffnung an bereute ich, all mein Kapital hineingesteckt zu haben. Ich hatte das Gefühl, mein ganzes Geld in etwas versenkt zu haben, das niemals genug Umsatz machen würde. Mittlerweile liebe ich mein Café. Der Duft von frischem Kaffee durchdringt alle Oberflächen. Das ständige Zischen der Cappuccino-Maschine. Der Bilderbuchblick auf das Zentrum von The Hollows, gekrönt von der Old Stone Church am Ende der Straße. Die Lage hat zwar viel gekostet, aber es hat sich gelohnt.
Sandy bedient die Kasse, während Tom und Sheila, zwei Schüler der örtlichen Highschool, hin und her flitzen und die Getränke zubereiten. Die Schlange ist zwar recht lang, aber nicht übermäßig.
„Hey, Sandy“, sage ich, während ich hinter die Theke trete.
„Hey, Chef“, ruft sie über die Schulter und wendet sich wieder dem Mann an der Theke zu. „Das macht achtzehn siebenundvierzig.“
Der Mann reicht ihr einen Zwanziger und Sandy gibt ihm das Wechselgeld heraus.
Sandy ist ein paar Jahre jünger als ich und sehr zielstrebig. Sie will im Beruf erfolgreich sein, und wenn es nach mir geht, wird sie das auch. Als das Groundworks so richtig abging, wurde es mir zu viel. Ich wusste nicht, wie ich die Dynamik aufrechterhalten sollte. Doch Sandy wusste es.
„Wir rufen Ihren Namen auf, wenn Ihre Bestellung fertig ist.“
Der Mann dreht sich um und stellt sich zum Warten neben den Tisch mit Milch und Zucker.
„Wie läuft es heute?“, frage ich.
Sie arbeitet weiter, während sie mir antwortet. „Gut. Ich habe die Bestellungen aufgegeben. Die neuen Servietten mit den Logos werden nächste Woche geliefert. Coltons Bäckerei ist mal wieder mit den Brownies im Verzug. Abgesehen davon ist es ein guter Tag.“
„Was würde ich nur ohne dich tun, Sandy?“
Sie wendet sich mir zu. „Zwei Filialen, sobald das Franchise-System läuft“, sagt sie mit ernster Miene. „Das ist der Deal.“
„Abgemacht. Ist er schon da?“
Sie nickt in Richtung Ecke.
„Ja. Er sitzt da drüben in der Nische.“
Mein Blick folgt der angedeuteten Richtung und ich sehe einen Mann mit Glatze und Brille, der in der Ecknische am Fenster sitzt. Vor ihm stehen ein Laptop und ein Latte. Er scrollt auf seinem Handy herum und wirft ab und zu einen Blick durchs Fenster zu den Geschäften und dem Stadtpark auf der anderen Straßenseite.
„Du hast ihm doch nichts berechnet, oder?“
Sandy verdreht übertrieben die Augen.
„Gut“, erwidere ich und gehe auf die Nische zu.
„Zwei Filialen!“, ruft sie mir hinterher.
„Ja, ja, alles klar.“
Murphy steht auf und folgt mir.
Der Mann blickt auf, als ich ihm gegenüber am Tisch Platz nehme.
„Hallo. Ich bin Jacob Reese.“
„Gregory Tiller. Alliance Capital. Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagt er und reicht mir die Hand.
Wir schütteln uns die Hände.
„Ebenso. Und das ist Murphy“, sage ich und deute mit einer kurzen Handbewegung auf Murphy.
Tiller nickt ihm zu. „Hallo, Murphy.“
„Also“, fange ich an. „Was halten Sie von dem Lokal?“
„Na ja, wie Sie wissen, ist das nur ein erster Erkundungsbesuch. Ich bin ziemlich weit unten in der Hierarchie und soll meine ersten Eindrücke weitergeben, aber ich muss Ihnen sagen, ich bin begeistert – von der Einrichtung, dem Ambiente, der Speisekarte. Es ist wirklich beeindruckend, und Ihre Mitarbeiterin … ähm …“
„Sandy.“
„Richtig, Sandy. Vor Ihrer Ankunft ist sie mit mir die Finanzen ausführlich durchgegangen und – ich will nicht unhöflich klingen, aber Sie könnten noch viel mehr mit dem Lokal verdienen.“
„Nun, ich hoffe, da kommen Sie ins Spiel.“
Er lächelt. „Gute Antwort.“ Er wirft einen Blick auf seinen Laptop. „Also, ich glaube, ich habe jetzt alles, um ein Meeting mit Helen Trifauni zu organisieren. Sie ist eine unserer Markenentwicklerinnen. Sie ist zwar taff, aber fair, und ich denke, sie wird voll und ganz auf dieses Café anspringen.“
„Perfekt.“
„Ausgezeichnet. Wie wäre es nächste Woche?“
„Das passt mir gut, aber Halloween rückt immer näher und daher könnte es hier in The Hollows ein bisschen chaotisch werden. Wir lassen es immer richtig krachen, es gibt eine Parade und alle verkleiden sich. Es ist dann wie in einem Irrenhaus.“
„Genau so was wollen wir. Das wird den Charme des Groundworks noch verstärken.“
„Dann passt nächste Woche perfekt.“
Er blickt durch das Fenster auf den Park, in dem die ersten Dekorationen für die Feier schon Gestalt annehmen. „Verkleiden sich wirklich alle?“
„Ja. Es gibt einen Kostümwettbewerb, der für manche von uns Geschäftsinhabern eine ziemlich ernste Sache ist.“
„Wie ernst?“
„So ernst“, sage ich und zeige auf den Pokal, der auf einem Regal an der Wand neben der Tür steht.
Er lacht. „Es gibt sogar einen Pokal?“
Ich nicke.
„Und den haben letztes Jahr Sie gewonnen?“
„Und im Jahr davor und dem davor und dem davor“, antworte ich.
„Welches Kostüm haben Sie für dieses Jahr?“
Ich schüttle freundlich den Kopf. „Das verrät keiner.“
Es stimmt. Keiner von uns Teilnehmern will sich in die Karten schauen lassen. Mein Kostüm wurde schon vor über einem Monat geliefert. Es liegt auf einem Regal in meinem Flurschrank. Bei Tillers Frage fällt mir wieder ein, dass ich mit dem Postamt sprechen muss, weil das Paket teilweise geöffnet zugestellt wurde.
„Werden Sie gewinnen?“, fragt Tiller.
„Jep.“
„Das finde ich klasse. Also dann ist es abgemacht.“
Wir schütteln uns erneut die Hände.
„Wenn wir ins Geschäft kommen“, sagt er, während er sich zurücklehnt und aus dem Fenster schaut, „könnten in zwei Jahren Groundworks Cafés in Dutzenden von Städten stehen, und in fünf Jahren – wer weiß?“ Er wirft mir einen Seitenblick zu. „Und daran könnten Sie potenziell ein paar Millionen verdienen.“
„Damit kann ich leben.“
Tiller und ich machen noch ein wenig höfliche Konversation. Er redet davon, wie man Murphy ins Logo einbringen könnte. Ich sage ihm, dass das alles super ist, und versichere ihm als Murphys Agent, dass er begeistert wäre.
Als wir zum Schluss kommen, ist es schon dunkel und kurz vor Geschäftsschluss. Wir geben uns ein letztes Mal die Hand und vereinbaren, das Meeting abhängig von Mrs. Trifaunis Terminkalender für die kommende Woche einzuplanen.
Nachdem er gegangen ist, verabschiede ich mich von meinen Mitarbeitern und begebe mich mit Murphy zum Ausgang. „Schick mir die Tageseinnahmen per E-Mail“, rufe ich Sandy über die Schulter zu.
„Zwei Filialen!“, erinnert sie mich.
Ich bleibe stehen und wende mich um. „Wenn es so läuft, wie diese Leute es vorhaben, kannst du noch mehr haben.“
Das bringt sie zum Nachdenken und sie sieht sich nervös um. „Drei Filialen?“
„Gebongt.“
„Im Ernst?“
„Jep.“ Ich drehe mich wieder zur Tür. „Maile mir den Bericht über die Tageseinnahmen zu.“
„Hätte ich noch mehr kriegen können?“
„Du hast doch drei gesagt!“
Ich drücke die Tür auf und werde von einem eisigen Luftzug empfangen.
„Gute Nacht, Chef!“, ruft sie mir hinterher.
„Gute Nacht!“
***
Während der gesamten Heimfahrt durch den Wald und über die Felder summe ich vor mich hin. Als ich in die Auffahrt einbiege, sehe ich, dass draußen vor dem Cottage in der Feuerstelle ein Feuer brennt. Rebecca sitzt auf einem der Stühle daneben. Ich parke und steige aus, gefolgt von Murphy.
Während ich auf sie zugehe, überkommt mich plötzlich ein überwältigendes Gefühl der Beklemmung. Irgendetwas stimmt nicht, aber ich kann nicht genau sagen, was es ist. Ich bin mir nicht sicher, ob Murphy meine Körpersprache liest oder so etwas, aber selbst er verhält sich zurückhaltend. Rebecca beobachtet mich beim Näherkommen.
Ich bleibe direkt gegenüber von ihr vor der Feuerstelle stehen. Das flackernde Licht tanzt in der Dunkelheit auf ihren Gesichtszügen und dem roten Haar.
„Hi“, sagt sie.
„Hi.“
„Wissen Sie, dass das Rücklicht Ihres Trucks kaputt ist?“
„Ja. Ich bin noch nicht dazu gekommen, es zu reparieren.“
„Wie lief Ihr Geschäftsmeeting?“
„Gut …“
Warum ist mir so unbehaglich zumute? Ich habe bei der Heimkehr schon oft meine Gäste an der Feuerstelle vorgefunden. Diese Situation endete immer mit netten Worten und manchmal auch mit angeregten Gesprächen. Warum fühlt sich das hier so anders an? „Stimmt etwas nicht?“, fragt Rebecca.
Ich versuche, das ungute Gefühl abzuschütteln. „Nein. Tut mir leid. Das Treffen hat viele Fragen aufgeworfen, über die ich nachdenken muss. Das ist alles.“
„Ach so.“
„Wie gefällt Ihnen das Cottage?“
„Ich liebe es. Es ist perfekt.“
„Gut.“
In diesem Moment sehe ich sie – die Steckenpuppe. Rebecca hält sie in den Händen. Meine Kehle trocknet aus und meine Knie werden weich. Das Bild vor mir hat eine lähmende Wirkung auf mich – ihr Lächeln, das rote Haar, die Art, wie sie die Puppe hält.
Für den Bruchteil einer Sekunde ist sie jemand, der sie unmöglich sein kann.
„Sind Sie sicher, dass alles in Ordnung ist?“
„W-was?“
Sie bemerkt, dass ich die Puppe anstarre. Ihr Blick wandert zu ihren Händen hinunter und wieder hinauf zu mir. Vielleicht ist es nur ein Trugbild der flackernden Flammen, aber mir kommt es so vor, als hätte ihr Blick etwas Anklagendes, etwas Selbstgerechtes.
„Ach, entschuldigen Sie“, sagt sie. „Ich hatte sie gerade im Haus bewundert und noch in der Hand, als ich rauskam, um das Feuer anzuzünden.“
„Nein, kein Problem.“
Es muss Zufall sein. Es kann nicht anders sein.
Heute Nachmittag wollte ich mich mit ihr unterhalten, sie näher kennenlernen. Jetzt will ich nur noch weg von ihr. Ich muss weg von ihr.
Endlich finde ich meine Stimme wieder. „Also, ich gehe jetzt rein. Falls Sie noch irgendwas brauchen, sagen Sie Bescheid.“
Sie legt den Kopf schräg. „Sind Sie sicher, dass Sie nicht noch ein bisschen bleiben wollen?“
Sie macht das ganz bewusst. Dieses Lächeln. Die Puppe. Das rote Haar. Es fehlt nur noch die Narbe. Das kann doch kein Zufall sein, oder?
„Ich – ich würde ja gern“, stammle ich. „Aber diese Geschäftsangelegenheit, bei der ich gerade war …“
Sie nickt mitfühlend. „Viel zu überdenken?“
„Ja.“
Ich fühle mich wie eine verwundete Maus, die zu einer grinsenden Katze aufblickt. „Also, falls Sie noch was brauchen …“, wiederhole ich halbherzig.
„Dann klingle ich durch.“
„… super.“
Ich drehe mich um und entferne mich.
„Gute Nacht“, ruft sie mir nach.
„Gute Nacht“, sage ich über die Schulter.
Murphy trottet hinter mir über den sanften Rasenhügel hinauf zum Haus. Die ganze Zeit kämpfe ich gegen den Drang an, mich umzudrehen.
Drinnen bleibe ich mit dem Rücken zur Tür stehen und ringe um Luft. Dann gehe ich in die Küche und schenke mir ein Glas Wasser ein, das ich in einem Zug austrinke. Ich gieße mir noch eins ein und wiederhole das Ganze. Nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit dort gestanden habe, gehe ich zum Hängeschränkchen über dem Kühlschrank und hole eine Flasche Bourbon heraus, schenke mir einen großzügigen Schluck ein und kippe auch den herunter. Ich reiße mich zusammen und gehe ins Wohnzimmer, ohne das Licht anzumachen. Dort stelle ich mich ans Fenster und spähe durch einen Spalt in den Vorhängen nach draußen.
Die Feuerstelle glüht noch, aber Rebecca ist nicht mehr da. Im Cottage brennt Licht. Zu den Hausregeln gehört, dass man ein Feuer nicht unbeaufsichtigt in der Feuerstelle lassen darf, aber ich gehe nicht noch einmal hin. Ich bleibe lieber hier und rede mir ein, dass ich bloß paranoid bin.
Es war ein Zufall. Das muss es sein.
Ich ziehe den Stuhl ans Fenster, setze mich und spähe durch den kleinen Spalt im Vorhang.
Im Cottage rührt sich nichts. Nur eine einzige, einsame Lampe brennt.
***
Ich sitze schon seit Stunden hier und beobachte das Cottage. Murphy liegt zusammengerollt mit seinem Lieblings-Tennisball im Hundebett. Es ist Mitternacht und allmählich werde ich wieder vernünftig.
Natürlich bin ich albern. Ich sehe Dinge, die nicht da sind. Ja, es war unheimlich. Es fehlte nur noch die Narbe über ihrem Auge, dann wäre die Sache eindeutig gewesen, aber sie hat keine. Es war eine Verdichtung kleiner Zufälle, die mein Gehirn zu einer unmöglichen Schlussfolgerung verband.
Endlich geht das Licht im Cottage aus. Das Feuer ist längst erloschen.
Ich bin ein Idiot.
Mit schmerzenden Gliedern erhebe ich mich vom Stuhl und gehe die Treppe hinauf ins Schlafzimmer.
„Lächerlich“, sage ich laut, während ich ins Bett krieche.
Murphy trottet ins Zimmer. Er läuft um das Bett herum, legt seine Schnauze direkt vor mein Gesicht auf die Matratze und sieht mich fragend an.
„Ja, okay. Also gut. Aber nur heute Nacht. Los, hopp!“
Er springt aufs Bett und rollt sich zu meinen Füßen zusammen. Eigentlich darf er das nicht. Er hat sein eigenes Bett in der Ecke, aber ich bin zu sehr mit meinen Gedanken beschäftigt, um mit ihm herumzudiskutieren.
„Morgen früh wirst du dich bescheuert fühlen“, sage ich mir und knipse das Licht aus.
Das Schloss springt auf.
Vor Angst wie gelähmt, starre ich es an. Ich schwitze. Ich schmecke die Galle in meiner Kehle. Ich weiß, was jetzt kommt. Ich weiß, was hinter der Tür ist.
„Nein … nicht …“
Die Klinke bewegt sich mit einem Knarren, das durch den Keller hallt.
Ich öffne die Augen.
Die Sonne geht auf.
Ich durchlaufe den Prozess, tief durchzuatmen und mich daran zu erinnern, wo ich bin. Das ist jetzt schon die zweite Nacht hintereinander. So was ist noch nie passiert. Nicht seitdem sie angefangen haben. Normalerweise träume ich es nur alle paar Wochen. Das Beunruhigendste an diesem Mal ist, dass der Albtraum ein bisschen anders war. Normalerweise endet er damit, dass das Schloss aufspringt. Diesmal ging der Albtraum weiter, bis sich die Klinke bewegte. Das war neu.
Ich drehe mich um und erblicke Murphy, der mehr als die Hälfte des Bettes einnimmt. Er liegt mit gespreizten Beinen auf dem Rücken, in seiner „Straßenhund“-Pose, wie ich sie ironisch nenne.
Ich schüttle die Traumbilder ab und lasse die Ereignisse des vergangenen Abends in Gedanken Revue passieren.
Ich lag richtig. Ich hatte mir alles Mögliche eingebildet. Und mich albern zu fühlen, war auch richtig.
Ich gehe duschen und fahre gedankenverloren mit dem Finger über die zwei münzgroßen Narben an meiner Seite, während ich an Rebecca denke. Ich werde mich bei ihr dafür entschuldigen, dass ich mich gestern Abend so steif verhalten habe. Ich will eine positive Bewertung von ihr und außerdem ist meine Neugierde über ihre Person wieder zurück.
Ich gehe hinunter in die Küche und setze eine Kanne Kaffee auf. Als ich aus dem Fenster über der Spüle schaue, geht die Sonne gerade über den Hügeln auf. Mein Blick schweift hinunter zum Cottage.
Ich halte inne.
Das Auto ist weg.
Das ist nichts Außergewöhnliches. Manche Gäste brechen früh auf, um den Sonnenaufgang zu erleben oder um rechtzeitig an ihr nächstes Ziel zu kommen. Was mich stutzen lässt, ist die Tatsache, dass die Tür zum Cottage offen steht.
Den Kaffeebecher in der Hand gehe ich hinaus, steige von der Veranda und mache mich auf den Weg zum Cottage, dicht gefolgt von Murphy. Aus dem Wald schallt der frühe Vogelgesang. Ein paar Meter über dem Boden hängt morgendlicher Nebel. Als ich näher komme, stelle ich fest, dass meine Augen mir keinen Streich gespielt haben. Die Haustür steht weit offen.
Ich bleibe draußen stehen und spähe ins Cottage.
„Miss Lowden?“
Beim Klang meiner Stimme verstummen die Vögel in der Nähe und eine unheimliche Stille tritt ein. Aus dem Cottage ist keine Antwort zu hören.
Murphy, der neben mir wartet, spürt meine Anspannung.
„Rebecca?“
Nichts.
Ich betrete das Cottage. Innen ist die Luft kalt, was bedeutet, dass die Tür schon seit Stunden offen steht. Nichts wurde angerührt. Die Kaffeekapseln liegen immer noch im Korb neben der Kaffeemaschine. Im Spülbecken sind keine Wassertropfen. Die Sofakissen liegen noch genau an der Stelle, wo ich sie gestern hingelegt habe.
„Hallo?“
Ich gehe über den kurzen Flur zum Schlafzimmer. Auf halbem Weg drehe ich den Kopf und werfe einen Blick ins Badezimmer. Die Handtücher und Toilettenartikel sind unberührt.
Ich gehe weiter bis zum Ende des Flurs. Die Schlafzimmertür ist geschlossen. Ich bleibe vor der Tür stehen und lausche nach Geräuschen von drinnen. Dann schaue ich über die Schulter ans andere Ende des Flurs. Murphy wartet ängstlich im Wohnzimmer, bereit, jeden Augenblick die Flucht zu ergreifen.
Ich klopfe an die Tür.
„Rebecca?“
Keine Antwort, was bedeutet, dass sie entweder nicht da ist oder dass sie da drinnen ist und irgendwas nicht stimmt. Vorsichtig greife ich nach dem Knauf, drehe ihn und öffne langsam die Tür.
Die Steckenpuppe sitzt auf dem Bett, ans Kopfkissen gelehnt. Davor liegt das aufgeschlagene Gästebuch. Über die beiden leeren Seiten sind rote Buchstaben in wütenden Strichen gekritzelt. Der Kaffeebecher gleitet mir aus der Hand und fällt zu Boden.
Als ich näherkomme, starrt mich ein Name von den Seiten des Gästebuchs an:
LAURA AISLING
Die böse Vorahnung von gestern Abend kehrt mit voller Wucht zurück. Mein Gehirn hat mir keinen Streich gespielt. Es war kein Zufall.
Sie war nicht Laura Aisling. Das ist unmöglich, denn Laura Aisling ist tot, und ich dachte, ich wäre der Einzige, der das weiß.
Das bedeutet also, dass jemand mein Geheimnis kennt.