Leseprobe Die fremde Frau | Der packende Domestic Thriller, der dich an deinem Verstand zweifeln lässt

Kapitel 1

Diane sah ihren Mann über den Esstisch hinweg an und wusste, dass das, was er gleich sagen würde, ihr sicher nicht gefiel. Seine Augen verrieten es, er sah alles an, nur nicht sie.
Pauls braune große Welpenaugen waren das Erste gewesen, was ihr an ihm aufgefallen war, als sie sich kennengelernt hatten. Das und seine Größe von über einem Meter achtzig. Sie standen in der Schlange eines Cafés in der Nähe ihrer Arbeit und sie hatte nach Kleingeld gekramt, um Trinkgeld geben zu können. Eine Münze war ihr durch die Finger gerutscht, und als sie sich gebückt hatte, um sie aufzuheben, hatte es auch der Mann hinter ihr getan. Gleichzeitig griffen beide nach dem Geldstück auf dem Boden. Ihre blauen Augen hatten in seine braunen geblickt. Er hatte gelacht, genauso wie sie. Augenblicke später stand er neben ihrem Tisch und fragte, ob er sich zu ihr setzen könne. „Alle anderen Plätze sind besetzt“, hatte er ihr erklärt.
Sie hatte sich im fast leeren Café umgesehen, gelacht und auf den Stuhl neben ihr gedeutet. Und so hatte es begonnen. Paul hatte eigentlich vorgehabt, nur den Tag über in Bristol zu sein, aber als ihre Tassen leer waren, hatten sie sich bereits für kommenden Samstag zum Abendessen verabredet. Danach verbrachten sie jedes Wochenende zusammen; Paul nahm jeden Freitag nach der Arbeit den Zug nach Bristol und blieb das Wochenende mit ihr in ihrem kleinen Apartment. Nachts kuschelten die beiden sich in ihrem schmalen Doppelbett aneinander und verließen die Wohnung manchmal das ganze Wochenende nicht, bis er sich am Sonntagabend zwingen musste, zu gehen.
Sechs Wochen nachdem sie sich kennengelernt hatten, war er wieder im selben Café vor ihr auf ein Knie gesunken und hatte sie gebeten, ihn zu heiraten. Es war verrückt. Viel zu schnell. Aber als er sagte, dass er keinen weiteren Tag ohne sie leben konnte, hatte sie eingewilligt; sie liebte ihn, ihre Freunde auch, und da die Welle der verliebten Euphorie nicht abebben wollte, hatte sie gegrinst und Ja gesagt.
Sie hatten nicht gewartet und geheiratet, sobald es einen freien Termin gab. Nur zwei Monate nachdem sie sich getroffen hatten, trug Paul sie über die Schwelle seines Londoner Hauses. „Willkommen zu Hause, meine bildhübsche Frau“, hatte er verkündigt und sie im Flur des wunderschönen viktorianischen Hauses abgesetzt, das er in Copse Hill besaß.
„Wow“, hatte sie mit weit aufgerissenen Augen gesagt. „Als du meintest, du besäßest ein Haus, hatte ich etwas so Großes nicht erwartet.“
Sichtlich erfreut über ihre Antwort, hatte er ihre Hand genommen und sie ins Wohnzimmer geführt, das sich am Ende des Hauses befand. „Als ich das Haus gekauft habe, war es in sehr schlechtem Zustand. Das war der einzige Grund, warum ich es mir leisten konnte. Hier hinten“, er deutete durchs Zimmer, „war eine kleine Küche, ein paar Speisekammern und ein dunkles, enges Esszimmer. Ich habe alle Wände rausnehmen und ein paar Meter anbauen lassen.“

„Es ist wundervoll“, sagte Diane, während sie versuchte, alles in sich aufzunehmen. Ihre Augen glänzten. Sie schritt in die Küche, ihre Finger glitten über die Anrichten mit Granitarbeitsplatten und sie musterte den Markenherd. Vor dem riesigen amerikanischen Kühlschrank blieb sie stehen. „So einen habe ich immer gewollt“, sagte sie und drehte sich mit einem Lächeln zu ihm um.
Er grinste. „Es ist nicht viel drin außer Bier.“
Gegenüber der Küche erstreckte sich das Wohnzimmer, in dem eine große L-förmige Couch gegenüber einem riesigen Fernseher stand. Bodentiefe Fenster, durch die man in den Garten blicken konnte, fluteten das Zimmer mit Licht und die französischen Türen öffneten sich zum Vorgarten hin.
„Es ist einfach fantastisch“, sagte Diane und beobachtete, wie sich sein Gesicht angesichts ihres Enthusiasmus aufhellte. „Vielleicht könnten wir einen großen Tisch hier hinstellen?“ Sie umkreiste den Raum zwischen der Küche und dem Wohnzimmer mit ihren Händen. „Hier ist so viel Platz.“
„Normalerweise esse ich vor dem Fernseher, aber ich mag die Idee. Wir können am Wochenende einen kaufen gehen.“ Er hatte sie an sich gezogen und leicht auf die Lippen geküsst. „Wir werden so glücklich sein. So, warum zeige ich dir jetzt nicht das Schlafzimmer?“
Diane hatte gelacht und ihn leidenschaftlich geküsst. „Wie wäre es“, hatte sie heiser geflüstert, „wenn wir hier schon mal anfangen?“
Etwa eine Stunde später hatte sie lächelnd auf dem Sofa gelegen, Paul leise schnarchend neben ihr. Sie hatte sich seinem Arm entwunden, ihre Sachen gegriffen und war auf der Suche nach dem Badezimmer durchs Haus gewandert, während sie sich im Gehen angezogen hatte.
Die einzige andere Tür im Flur hatte sie in ein kleines Zimmer geführt, von dem aus man in den hübschen Vorgarten blicken konnte. Es war mit einer altmodischen Blumentapete verkleidet, die nicht zum Teppich passte. Diane mutmaßte, dass Paul es noch nicht geschafft hatte, das Zimmer zu renovieren. Es würde, so hatte sie gedacht, ein fantastisches kleines Lesezimmer hergeben. Sie hatte auf dem Treppenabsatz gestanden und gelächelt. Das Haus gab ihr ein gutes Gefühl. Sie würde hier sehr glücklich sein, hatte sie gedacht, und voller Euphorie über das Leben, das nun vor ihr lag, die Arme um sich geschlungen. Sie würden hier glücklich sein.

***

Diane hatte sofort einen Job in der IT-Abteilung eines Transportunternehmens gefunden. Am ersten Tag stellte sie enttäuscht fest, dass die Abteilung neu war und sie allein arbeiten würde. Ihr Büro lag am Ende eines ruhigen Flures und außer des seltsamen Kollegen, der mit Fragen anrief, hatte sie kaum die Chance, mit jemandem zu sprechen.
„Ich werde hier keine neuen Freunde finden“, sagte sie nach ihrem ersten Tag zu Paul.
Er hatte sie angelächelt, in seine Arme gezogen und geflüstert: „Du hast mich, Liebling.“
Sie hatte sich an ihn gekuschelt. Sie gab ihm recht. Sie hatte alles, was sie brauchte.
Als ihre Freundinnen aus Bristol sie über das Wochenende besuchten, gerieten sie in Verzückung über das Haus, ihr glückliches Leben und die Pubs, die sie ihnen zeigte, in denen sie mit den Einheimischen flirteten und zu viel Wein tranken. Sie hatten versprochen, wiederzukommen, sie hatte versprochen, ihre Freundinnen zu besuchen, aber dann erfuhr sie, dass sie schwanger war, und alles änderte sich.
Für einen Moment, für eine kleine Sekunde in der Zeit, hatte sie Angst gehabt vor der unaufhaltsamen Achterbahn, die ihr Leben geworden war. Aber Pauls Liebe war ihr Anker, sie hatte sich an ihn geklammert und der Moment war verflogen. Sie hatte sich in ihrem großen Haus umgesehen und sich vorgestellt, wie Kinderlachen es füllte. Es klang so perfekt. Sie hatte ihre Hand auf ihren flachen Bauch gelegt und wusste, obwohl es noch dauern würde, dass sie ihr Baby wollte.
So auch Paul, dessen breites Grinsen ihm beinahe das Gesicht zerriss, als sie es ihm erzählte.
„Wirklich?“, hatte er gesagt. „Ich dachte, dass du die Pille nimmst.“
Sie hatte die Hände in die Luft gehalten. „Tue ich auch. Ich meine, habe ich. Aber in den letzten paar Monaten war so viel los mit der Heirat und dem Umzug, vielleicht habe ich es vergessen? Ich habe einen Test gemacht. Es stimmt wirklich. Ich …“
„Das sind fantastische Neuigkeiten“, hatte er sie unterbrochen, als er ihren besorgten Gesichtsausdruck sah und sie in die Arme gezogen. „Ein bisschen früher, als wir es geplant hatten, vielleicht, aber was soll’s. Mach dir keine Sorgen.“
Sie hatte sich keine Sorgen gemacht, aber sich manchmal einfach überfordert gefühlt.

***

Das war vor beinahe vier Jahren gewesen. Alles war jetzt anders, und auch, das hatte sie mit einem Anflug von Traurigkeit gemerkt, Pauls Augen. Sie waren warm gewesen, nun glänzten sie wie kalter Bernstein. Augenblicklich plagte sie das schlechte Gewissen. Es war ihre Schuld, sie hatte ihm in den letzten paar Monaten so viel Kummer bereitet. Er hatte sie so liebevoll unterstützt, egal wie oft sie geflüstert hatte: Ich kann mich nicht erinnern. Es musste einen Weg geben, das wiedergutzumachen, ihre Beziehung wieder in Ordnung zu bringen.
Sie stützte die Ellenbogen auf den Esstisch, den sie am ersten Wochenende nach ihrer Hochzeit zusammen gekauft hatten. Sie legte die Gabel hin und breitete die Finger auf dem warmen Eichenholz aus und versuchte sich an die Zeiten zu erinnern, in denen sie glücklicher gewesen waren. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an.
„Hörst du mir zu?“
Sie erkannte den Anflug von Ungeduld in seiner Stimme und hob den Blick, um ihn anzusehen.
„Sorry, was hast du gesagt?“
„Dass ich einige Studien gelesen habe“, sagte er und schnitt sein Hühnchen. Sie seufzte und wünschte sich, er würde zum Punkt kommen. Er hatte vermutlich Angst davor, sie zu verletzen. Sie schätzte seine Vorsicht, sein sanftes Ansetzen, doch manchmal hatte es den gegenteiligen Effekt dessen, was er erreichen wollte. Wie jetzt. Sie konnte fühlen, wie sich Panik in ihr breitmachte.
Ahnungslos nahm Paul einen weiteren Bissen in den Mund, kaute und schluckte, bevor er weitersprach.
„Es scheint, dass Kinder, die von einem sehr jungen Alter an Kontakt zu anderen Kindern haben, Vorteile gegenüber ihren Altersgenossen entwickeln.“
„Wirklich?“ Sie versuchte sein Gesicht zu lesen. Früher gelang es ihr mühelos.

„Laut des Artikels lernen sie besser und es fällt ihnen leichter, Freundschaften zu schließen. Sie haben eine Reihe von Studien zitiert. Es scheint, als gäbe es keinen Zweifel.“ Er sah sie über den Tisch hinweg an und seine Augen fanden endlich ihre.
„Ich habe einen örtlichen Kindergarten kontaktiert, Diane, sie haben mich eingeladen, vorbeizukommen und ihn mir anzusehen, und das habe ich gemacht. Die Leiterin, Susan Powers, glaubt fest daran, dass es gut ist, jung in den Kindergarten zu gehen.“ Er senkte den Blick und konzentrierte sich erneut auf sein Abendessen. „Wir haben Glück. Sie haben einen freien Platz in einer ihrer Gruppen. Ich habe die Erzieherin getroffen, Miss Rodgers. Emma wird sie lieben.“
Emma blickte von ihrem Teller auf, als sie ihren Namen hörte, und grinste. „Iss auf, Liebling“, sagte Diane. Sie sah ihr einige Minuten dabei zu und lächelte über ihre Versuche, Erbsen auf den Löffel zu bekommen. Sie wünschte sich, sie weiter ansehen zu können, doch aus dem Augenwinkel bemerkte sie, dass Paul noch nicht fertig war. Sein Gesicht war weiterhin seltsam angespannt.
„Sie kann bereits am Montag dahin gehen.“
Diane stieß seufzend den Atem aus. Ihre Gabel klirrte aus plötzlich tauben Fingern auf den Teller. „Montag. Das ist zu früh. Ist sie nicht zu jung?“ Ihre Knöchel leuchteten weiß, während sie das Messer umklammerte, das sie noch immer in der Hand hielt. „Ich habe doch schon so viel verpasst.“
Er seufzte schwer, griff über den Esstisch und nahm ihre Hand. „Es ist einen Monat her, seit du aus der Klinik zurückgekommen bist. Du machst das super.“ Er deutete mit dem Kopf auf Emma, die noch immer versuchte, ihre Erbsen zu löffeln. „Mrs Power sagt, es ist das perfekte Alter, um anzufangen.“
„Aber Montag?“ Diane sah ihre Tochter an, deren Gesicht engelsgleich, abgesehen von dem Tomatensaucenrand, der ihren Mund umgab. „Das ist zu früh.“
„Sie ist drei“, sagte er leise. „Du erinnerst dich nicht, aber wir haben ausgiebig darüber gesprochen – vor Monaten. Damals meintest du, es wäre eine gute Idee.“
„Habe ich das gesagt?“ Sie erinnerte sich nicht, aber sie wusste, dass das nichts bedeutete. Es war nach allem lediglich eines der weiteren hundert Dinge, an die sie sich nicht erinnern konnte.
„Ja“, sagte er und drückte ihre Hand. „Es ist umso wichtiger, dass sie jetzt geht. Du bist ganz schön anhänglich geworden. Das ist nicht gut für sie. Oder für dich.“
Zu anhänglich? Sie ließ zitternd den Atem entweichen. „Können wir nicht noch ein paar Monate warten?“ Sie hasste den verzweifelten Ton, der ihre Stimme färbte.
Ohne zu antworten, zog er die Hand zurück und konzentrierte sich auf sein Abendessen.
Sie schob ihren Teller von sich und wartete darauf, dass er etwas sagen würde, dass er zustimmen würde, zu warten, nur ein paar Monate, ein paar Wochen vielleicht. Aber als sie seinen entschlossenen Gesichtsausdruck sah, wusste sie, dass seine Entscheidung final war. Dann legte er das Besteck zur Seite. „Diese Plätze sind wie Goldstaub. Du musst nach ihnen greifen, solange sie da sind.“ Er griff erneut nach ihrer Hand und strich mit dem Daumen zärtlich über ihren Handrücken. „Es ist das Beste für Emma, und das weißt du.“ Dazu gab es nichts mehr zu sagen.

Kapitel 2

Am nächsten Tag, einem Samstag, war Paul bereits vor ihr wach und machte Emma Frühstück, als sie nach unten kam. Sie küsste ihre Tochter auf die Wange und strich ihr über die blonden Locken. „Hallo, Schätzchen.“
Emma wackelte mit ihrem Löffel und Cornflakes flogen durch die Küche. „Mummy, ich gehe in den Kindergarten.“
„Ich habe ihr erzählt, wie viel Spaß sie am Montag haben wird“, sagte Paul und fing ihren Blick ein. „Sie freut sich schon, die anderen Kinder kennenzulernen und Freunde zu finden.“ Diane zwang sich zu einem Lächeln. Hatte sie noch die leiseste Hoffnung gehegt, dass er seine Meinung ändern würde, erstarb diese angesichts seiner Worte. Zögerlich gab sie sich geschlagen.
„Du wirst einen Rucksack brauchen“, sagte sie, als Emma ihr Frühstück beendet hatte. „Lass uns losfahren und dir einen kaufen.“ Sie hob sie aus dem Stuhl und hielt sie fest, bis die Kleine sich freistrampelte.

„Du zerquetschst mich, Mummy.“
„Sorry, Süße.“ Diane setzte sie ab. „Ich habe dich nur so lieb.“ Sie sah Paul an und zwang sich zu einem Lächeln. „Warum kommst du nicht mit? Das wird lustig.“
Er schlang ihr einen Arm um die Schultern und umarmte sie schnell.
„Unmöglich, befürchte ich. Ich weiß, dass ich dir samstags Emma oft abnehme, aber ich muss so viel arbeiten, tut mir leid.“
Enttäuscht zuckte sie mit den Schultern und griff nach Emmas Hand. „Dann nur du und ich, Mäuschen.“
Der örtliche Supermarkt war eine knapp zehnminütige Autofahrt entfernt und quoll wie üblich aus allen Nähten. Es war chaotisch und laut. Sie hielt Emmas Hand fest, schnappte sich einen Einkaufswagen und lief in Richtung der Kinderabteilung, wo sie sich für einen kleinen bunten Rucksack entschied. „Guck mal“, sagte sie und zeigte ihn Emma. „Du kannst einen Snack und etwas zu trinken mitnehmen.“
Sie legte noch einige bunte Filzstifte und ein kleines pinkes Notizbuch in den Einkaufswagen, in dem Emma saß und mit ihnen spielte, während Diane den Wocheneinkauf erledigte.
Zu Hause angekommen, schlief Emma auf der Couch ein, und nachdem sie die Einkäufe weggeräumt hatte, machte sich Diane eine Tasse Tee und setzte sich mit dem Laptop an den Tisch, um sich die Website des Kindergartens anzusehen. Die Beschreibungen waren sehr akkurat und sie freute sich, zu sehen, dass er nur eine knapp fünfzehnminütige Autofahrt von Copse Hill entfernt lag. Ihre Augen überflogen die Regeln und Vorschriften. Nichts Ungewöhnliches, obgleich sie sehr streng klangen und sie großen Wert auf Pünktlichkeit zu legen schienen. Das bereitete ihr keinen Kummer, sie selbst war nie zu spät, und es war nicht so, als hätte sie momentan irgendwelche andere Termine.
Sie klappte den Laptop zu und drehte sich zu ihrer schlafenden Tochter um. Paul hatte recht, sie benahm sich egoistisch, indem sie Emma länger zu Hause behalten wollte. Sie presste die Fingerknöchel gegen die geschlossenen Augen. Paul schien zu denken, dass es ihr gut ging. Sie war sich nicht sicher, doch es gab eigentlich keinen Grund, zu weinen.
Das hatte sie in letzter Zeit schon viel zu oft getan.