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20. November 2020
Das Universum kümmert sich nicht um Pläne!
Noch während er die Stimme seines Vaters im Kopf vernahm und sich zugleich darüber wunderte, weshalb sie gerade jetzt zu ihm sprach, hörte Nathaniel den Ruf. Obwohl er die Worte nicht verstand, fraß sich der Tonfall wie Säure in seine Wahrnehmung.
„Was ist denn los?“, fragte er, auf halbem Weg zu seinen Mitarbeitern, von denen die aufgebrachten Stimmen zu ihm herüberschallten. Für seine Nachfrage hatte er sich einen beiläufigen Tonfall abgerungen. Doch dieser stand im selben Gegensatz zum besorgten Gesicht, das er aufgesetzt hatte, wie sein staksender Gang zu den in den Hosentaschen vergrabenen Händen.
Hier stimmt etwas nicht! Kein Gedanke, den erneut die Stimme seines Vaters intonieren musste, sondern eine Gewissheit, die dem jahrelangen Umgang mit seinen Leuten entsprang. Allesamt Männer, denen die körperliche Arbeit draußen auch bei ungünstigen Wetterverhältnissen nichts ausmachte. Und die währenddessen nur das Nötigste sprachen.
Sosehr er sich auch wünschte, dass es anders wäre, ein aufgeregter Ruf dieser Kerle bedeutete etwas. Sorgte dafür, dass dieser Job, die Umgestaltung eines Gartens hinter einer herrschaftlichen Villa, die ebenfalls renoviert wurde, von angenehmer Arbeit zur Herausforderung wurde.
All dies war Nathaniel bewusst, während er sich dem Bagger näherte, der am Rand der ausgehobenen Grube stand und die Arbeiten eingestellt hatte. Und es intensivierte sich, als er in die Gesichter der drei Mitarbeiter blickte, die ihn sorgenvoll ansahen.
„Also.“ Er räusperte sich. „Was ist passiert?“
„Boss, das sollten Sie sich anschauen“, entgegnete Owen, der normalerweise den Bagger lenkte, nun aber aus dem Führerhaus gestiegen war und sich an den Kettenantrieb der Baumaschine lehnte.
Einen Augenblick erwiderte Nathaniel dessen Blick, um abzuwägen, ob er eine weitere Nachfrage stellen oder sich gleich selbst umschauen sollte.
Ein guter Anführer geht stets voran!
Erneut die Stimme seines Vaters, und obwohl sie eigentlich bereits zu dessen Lebzeiten Widerwillen in Nathaniel ausgelöst hatte, folgte er der Weisung, indem er den Rand der Grube hinabkletterte.
Ihm war, als spürte er die drei Augenpaare seiner Leute im Nacken schwelen. Vor dem geistigen Auge erblickte er ein anderes Gesicht: das von Virginia Milton, seiner Auftraggeberin. Mit dem schulterlangen blonden Haar, den blauen Augen und der Begeisterung für das eigene Vorhaben hatte sie ihn sogleich für sich eingenommen.
Sogar mehr als das, meldete sich seine innere Stimme zu Wort und entließ daraufhin einen surrenden Bienenschwarm in Nathaniels Eingeweide.
Sei kein Idiot! Eine Frau wie sie fängt niemals etwas mit einem Kerl wie dir an!, höhnte seine innere Stimme.
Und hätte normalerweise damit eine Diskussion in seinem Kopf ausgelöst, im Rahmen derer Nathaniel vor allem die Richtigkeit beider Feststellungen infrage gestellt hätte. Aber so weit kam es nicht mehr.
Was vor seinen Füßen lag, ließ jedwede innere Zwiesprache verstummen. Obwohl es bereits vom Rand der Grube sichtbar und zu erkennen gewesen war und seine Männer veranlasst hatte, ihn zu rufen – ihm wurde bewusst, dass er sich bis zu diesem Augenblick einzureden versucht hatte, dass er sich täuschte. Sie sich alle täuschten.
Das Universum kümmert sich nicht um Pläne!
„Vor allem nicht um meine“, murmelte er und ging in die Hocke. Streckte die Hand aus. Stockte. Die ausgestreckten Finger verharrten in der Luft, unfähig, es zu berühren.
„Wer braucht schon einen Knalleffekt gleich am Anfang der Geschichte?“, flüsterte er und schüttelte den Kopf. Dieses Mal hatte er die Worte seiner Mutter zitiert, die dies stets sagte, wenn ein Film oder eine Serie gleich mit einer mitreißenden Szene in der Gegenwart begann, um dann die Erzählung in der Vergangenheit fortzusetzen.
„Eine gute Story braucht derartige Effekthascherei nicht“, fuhr sie dann fort, gefolgt von einem Monolog darüber, dass heute niemand einer Erzählung Zeit einräumte, damit sie sich entwickeln konnte.
„Ich hätte bestimmt keinen Knalleffekt gebraucht, liebes Universum“, sagte Nathaniel und starrte dabei in die leeren Augenhöhlen. Als würde er mit dem Totenschädel sprechen, den seine Männer ausgegraben hatten.
Und tatsächlich hätte Nathaniel ihn nur zu gerne gefragt, wie er um Himmels willen dorthin kam und wie Nathaniel es seiner Auftraggeberin Virginia Milton beibringen sollte, dass sie im Garten ihres frisch geerbten Anwesens ein menschliches Skelett entdeckt hatten.
2
8. November 1960
Wayne Booner wischte sich vor Aufregung die feuchten Hände an seiner dunklen Stoffhose ab und sah aus dem Autofenster.
Die Sonne stand niedrig am Himmel und tauchte das Anwesen in ockerfarbenes Licht, als der Wagen über die halbmondförmige Einfahrt rollte, die das gepflegte Grün mit Heckenbewuchs und Marmorskulpturen von der Villa trennte.
Nicht allein, dass er einen unbekannten Ort erreichte, der sein Arbeitsplatz werden sollte, schürte seine Anspannung. Die Erinnerung an den Abschied von seiner Heimat Covington lag zusätzlich bleiern auf seiner Seele. Er hatte einem Drang nachgegeben, der Ereignisse in Gang gesetzt hatte. Eine Lawine, die ihn unter sich begraben und aus dem früheren Leben geschleudert hatte.
Der Wagen stoppte vor dem Eingangsportal aus grauem Stein, das sich harmonisch in die Front aus rotem Klinker einfügte. Die Fassade sprang in diesem mittleren Teil des Gebäudes zurück und wurde zur Rechten und Linken von turmartigen Ausbauten eingefasst.
Einen Augenblick zögerte Wayne, fragte er sich doch, ob der Fahrer aussteigen und ihm die Tür öffnen würde. Dass jener nicht einmal ausstieg, um ihm mit dem Koffer zu helfen, rief ihm seinen Status in Erinnerung. Er war derjenige, der derartige Aufgaben für Höhergestellte erledigen musste. Seiner Person würden Annehmlichkeiten dieser Art nicht zuteilwerden.
So öffnete er selbst die Wagentür und anschließend die Heckklappe, hob seinen Koffer heraus, der lächerlich klein wirkte angesichts der Tatsache, dass er all seine Habseligkeiten enthielt, und erklomm die Stufen zur Eingangstür. Beim Anblick der Fassade stockte er, denn obwohl er das Gegenteil erhoffte, ließ die altertümliche Bauweise des Anwesens vermuten, dass im Innern starre Regeln alter Traditionen galten.
Vielleicht kannst du die Herrschaften ja mit einem Knicks begrüßen und musst ihnen nicht die Hand schütteln, dachte er und verzog die Lippen zu einem sarkastischen Grinsen. „Zumindest würde es dir die Peinlichkeit ersparen, ihnen deine schweißnasse Pranke zu reichen“, murmelte er.
Als er die Haustür erreicht hatte, sah er sich unschlüssig um, vermisste er doch einen Klingelknopf und konnte zudem keinen Türklopfer ausmachen. Ihm fiel eine Metallstange rechts der Pforte ins Auge, die sich auf und ab bewegen ließ und, dem Vernehmen nach, im Innern der Villa zum Erklingen einer Glocke führte. Die Tür schwang auf, und im Türrahmen stand ein Herr mit grauem Haar, gebeugt durch das Alter und in einen dunklen Frack gehüllt.
Instinktiv zuckte Wayne zurück. Die geballte Altertümlichkeit, die ihn in den wenigen Minuten seit seinem Eintreffen angesprungen hatte, ließ ihn an der Richtigkeit seiner Entscheidung zweifeln. Ihm war zu Ohren gekommen, dass der Eigentümer jung sei, was ihn hatte hoffen lassen, an einen Ort mit minder strengen Regeln zu gelangen. Doch es schien, dass sein Weg ihn vom Regen in die Traufe geführt hatte.
„Sie wünschen?“, fragte der ältere Herr, und trotz der gebückten Haltung, die ihn einen halben Kopf kleiner als Wayne machte, schien er von oben auf den Ankömmling herabzublicken.
„Ich bin wegen der Anstellung hier.“ Wayne sah in die versteinerte Miene des Alten und wollte bereits etwas hinzufügen, als jener wenige Zentimeter beiseitetrat. Es kostete Wayne Mühe, doch schließlich gelang es ihm, sich an dem Butler vorbei durch den Türspalt zu zwängen.
„Sie können hier warten.“ Der ältere Herr schloss die Tür, an die sich eine Eingangshalle mit hoher Decke anschloss. Im hinteren Teil wurde sie von einer Treppe eingenommen, die in die obere Etage führte. Der Steinboden im Schachbrettmuster warf die Schritte des Butlers hallend zurück, als der, erstaunlich flink, die Halle durchquerte, um sie durch eine Tür in der linken Wand zu verlassen.
Wayne wurde erst jetzt bewusst, dass er den Koffer noch am Griff hielt, und stellte ihn vorsichtig auf dem Boden ab, als fürchtete er, es handele sich um die Schale eines rohen Eis. Den Blick durch den Raum schweifen lassend, vollführte er einen Kreis um sein Gepäck, ohne sich mehr als einen Schritt davon zu entfernen. Er wirkte wie ein Schiffbrüchiger auf einer winzigen Insel mitten im tosenden Ozean.
Die Tür öffnete sich, und der ältere Herr erschien wieder. Mit kleinen Schritten näherte er sich und bezog in gebührendem Abstand Position. „Mr und Mrs Mansfield sind nun bereit, Sie zu empfangen.“
Wayne streckte die Hand nach dem Koffergriff aus. Seine Hoffnung, das Gepäckstück könne ihm eine Art Anker sein, während seine Schritte ihn weiter in die unruhigen Gewässer des unbekannten Neuen lenkten, bewahrheitete sich nicht. Jedes Mal wenn er den Fuß aufsetzte, ertastete er den Boden darunter, um sich bewusst zu machen, dass er tatsächlich da war und nicht haltlos umhertrieb, was eher seinem Empfinden entsprach. Noch nie zuvor hatte er sich derart entwurzelt gefühlt.
Der Raum, den sie betraten, war ein Salon, der im Erdgeschoss des linksseitigen, turmartigen Ausbaus der Villa untergebracht war. Das Zimmer schien eine Art Bibliothek zu sein. Hohe, mit Büchern gefüllte Regale an der fensterlosen Seitenwand und eine dunkelgrün gepolsterte Sitzgarnitur mit zwei Sesseln davor. Trotz des schweren Mobiliars sorgten die rundherum eingelassenen Fenster für einen beträchtlichen Lichteinfall.
Da das Hausherrenehepaar in den beiden Hochlehnern Platz genommen hatte, die zur Tür ausgerichtet waren, mutete die Szene an, als würde Wayne den Thronsaal Ihrer Majestät betreten. Er musste dem Impuls widerstehen, einen Knicks zu machen, als er neben dem Butler vor seinen neuen Arbeitgebern stehen blieb. Mit seiner freien Hand fand er ebenfalls den Griff seines Koffers, um sich Hilfe suchend daran festzuklammern oder ihn wie einen Schild schützend vor den Körper zu halten. Den letzten Funken Zuversicht, dass er diesem Ort irgendetwas Positives abgewinnen könne, erstickte die Verzweiflung, die sich über ihn stülpte.
„Wir freuen uns, dass Sie da sind.“ Foster Mansfield erhob sich vom Sessel und kam auf Wayne zu, ergriff mit beiden Händen seine und schüttelte sie enthusiastisch, wobei er lächelte.
Nicht nur die unerwartete Herzlichkeit dieser Begrüßung überraschte Wayne. Es war ein Gefühl, das ihm auf unangenehme Weise vertraut war, weshalb er sogleich den Blick niederschlug, um nicht in Fosters grüne Augen zu sehen. „Die Freude ist ganz meinerseits, Sir.“ Obwohl er sich um eine feste Stimme bemühte, brachte er kaum mehr als ein Murmeln zustande.
„Natürlich heiße auch ich Sie willkommen“, hörte Wayne von links.
Sein Blick verharrte weiterhin auf seinen schwarzen Lederschuhen, die er auf der Zugfahrt poliert hatte. Zum Missfallen eines älteren Herrn, mit dem er sich das Abteil geteilt hatte. Darauf, stets das Falsche und dies dazu in einer unpassenden Situation zu tun, konnte er sich verlassen.
Mit Willenskraft löste er den Blick vom Boden, um in die Gesichter seiner Auftraggeber zu sehen und sich nicht erneut eines Fehlverhaltens schuldig zu machen. Dennoch gestattete er sich nicht, in Foster Mansfields Augen zu blicken, um nicht erneut deren hypnotischem Bann zu erliegen. Stattdessen betrachtete er Mrs Mansfields blasses Antlitz mit den großen blauen Augen und der Stupsnase über vollen roten Lippen. „Ich werde mir alle Mühe geben, die an mich gestellten Aufgaben zu Ihrer Zufriedenheit zu erfüllen.“
„Da haben wir keinerlei Zweifel“, entgegnete Mrs Mansfield, zögerte einen Augenblick und schüttelte Wayne dann ebenfalls die Hand. Nicht doppelhändig, dafür nicht weniger enthusiastisch als ihr Gatte. „Das wirkt einschüchternd.“ Sie vollführte eine ausschweifende Geste, um den sie umgebenden Raum einzufassen. „Sicherlich glauben Sie, dass wir sehr traditionell sind und leben.“ Sie brachte ihren Kopf näher an Waynes. „Aber das ist nur der Schein für die Außenwelt, innerhalb dieser Mauern sind wir nicht so steif.“
Der ältere Herr, der Wayne empfangen hatte und weiterhin neben ihm stand, verzog den Mund, äußerte sich aber nicht.
„Da Sie unseren wohlgeschätzten Bryce beerben, ist es am sinnvollsten, wenn er Sie in die Aufgaben einweist“, sagte Mr Mansfield.
Wayne wagte einen Blick in Mansfields grüne Augen, denn er wollte nicht eigensinnig wirken. Dass er anfänglich die Augen niederschlug, ließ sich mit der Aufregung erklären, aber schließlich konnte er nicht stets wie ein scheues Rehkitz vor seinen Herrn treten. „Selbstverständlich“, sagte er gepresst und war zugleich erleichtert und auf eigentümliche Art enttäuscht, als er sich von seinem Herrn abwandte.
Bryce bedeutete ihm mit einer wortlosen Handbewegung, ihm zu folgen, und es kostete Wayne Mühe, sich der Gangart des Alten anzupassen. Denn der Gang des Butlers zeichnete sich nicht nur durch Tippelschritte aus, sondern zudem durch ein hinkendes Nachziehen des linken Beins. Da er sich dennoch unerwartet flink fortbewegte, erinnerte er Wayne an eine Strandkrabbe, wozu auch passte, dass sein eigentlich graues Haar im Licht der Eingangshalle, in die sie zurückgekehrt waren, einen Grünstich aufwies.
Strandkrabben kamen an der englischen Küste in großer Zahl vor, sicherlich auch hier in Maythorp. In Kindertagen hatten Wayne und seine Freunde sie gefangen und gegeneinander kämpfen lassen. Etwas, das ihm nie gefallen hatte, doch er hatte sich nicht gegen die Kumpel stellen wollen. Wenn man sich ohnehin fremd fühlte, versuchte man, umso weniger aufzufallen, wusste Wayne heute und gab dies dennoch nur ungern vor sich selbst zu.
Als sie die Mitte der Eingangshalle erreicht hatten, wurde er sich des Koffers bewusst, den er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte. Hatte zuvor die Aufregung dafür gesorgt, dass er den Schmerz der angespannten Muskulatur nicht wahrgenommen hatte, kehrte dieser in jenem Moment zurück. Er stellte das Gepäckstück neben sich ab. „Könnte ich wohl zuerst meine Sachen irgendwo verstauen?“, fragte er Bryce, der sich gerade in winzigen Schritten von ihm entfernte.
Bryce verharrte, wandte den Kopf und schenkte Wayne erneut den Gesichtsausdruck mit dem verzogenen Mund. Entweder hatte er den extra für den Neuankömmling in sein Mimikrepertoire aufgenommen, oder er gehörte für ihn zu einer standardisierten Reaktion seinen Mitmenschen gegenüber. „Nun gut.“ Er seufzte, als hätte sein Antlitz nicht ausreichend darüber aufgeklärt, was er von derlei Ansinnen Waynes hielt. Er ließ sich der Generation Bediensteter zuordnen, die ihrem Stand keine eigenen Bedürfnisse und noch weniger deren Erfüllung zubilligte.
Der Alte bewegte sich auf die Treppe zu, blieb vor der ersten Stufe stehen und warf Wayne einen Blick zu. „Wenn ich bitten dürfte?“
Wayne biss die Zähne zusammen und ergriff seinen Koffer. Er rief sich ins Bewusstsein, dass er Bryce nur noch für die Phase der Einarbeitung ertragen musste, was ihm den Entschluss erleichterte, nicht auf die Provokationen des Alten einzugehen.
Sie erklommen die Treppe, die im ersten Stock in eine Galerie auslief, von der zur linken und zur rechten Seite Türen in weitere Zimmer führten, während man in Verlängerung der Stufen einen Flur erreichte, in dem eine weitere Stiege in das zweite Obergeschoss geleitete. Mit Ächzen und Schnauben drückte Bryce die Anstrengung aus, die der erneute Anstieg bereitete. Und Wayne wurde klar, warum die Mansfields eines neuen Bediensteten bedurften.
Oben angekommen, verweilte Bryce einen Moment schwer atmend und sich am Geländerpfosten festklammernd. Fast hatte Wayne Mitleid mit dem Mann, den sein Alter nicht nur körperlich einschränkte, sondern ihm auch die steife Weltsicht überstülpte. Wayne rief sich vor Augen, dass Gebrechen nicht immer, die Sichtweise hingegen sehr wohl zu ändern war.
Mittlerweile war es Bryce gelungen, Atem zu schöpfen, sodass er vom Treppengeländer abließ und den Flur betrat, der sich links des Treppenaufgangs erstreckte. Die Dimensionen der Villa waren beeindruckend. Selbst dieses Stockwerk, der Ausstattung nach weniger repräsentativ als das Erd- und das erste Obergeschoss, stellte das Haus von Waynes Eltern in den Schatten. Auch wenn die Decken hier nicht so hoch waren und zudem nicht, wie im Erdgeschoss, mit Malereien verziert waren, sorgten der dunkle Holzdielenboden und ein Wandgemälde, das eine Jagdszene zeigte, für eine ehrfurchtgebietende Atmosphäre.
An der letzten Tür auf der linken Flurseite machte Bryce halt und hantierte umständlich mit einem großen Schlüsselbund, um das Schloss zu öffnen. Wayne schluckte das Angebot herunter, ihm zu helfen. Ohnehin schien sicher, dass Bryce es ablehnen würde.
Schließlich gelang es dem Alten, die Tür zu öffnen. Er nickte Wayne zu, der die Szene an der Haustür wiederholt sah, als er sich an Bryce vorbei in den Raum schob. Mit aufgerissenen Augen sah er sich um, konnte er doch nicht glauben, dass dies sein Zimmer sein sollte.
„Das habe ich auch gesagt“, sagte Bryce, der Waynes Blick bemerkte. „Aber die Herrschaften meinen, dass dieses Zimmer ohnehin nur leer stünde und somit auch Ihnen als Domizil dienen könne.“ Sein Tonfall machte unmissverständlich klar, was er von diesem Einfall hielt. „Ich gebe Ihnen etwas Zeit, um sich einzurichten, und erwarte Sie dann unten.“ Bryce verließ das Zimmer und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
Wayne sah sich erneut im Raum um, der in der obersten Etage des turmartigen, linken Ausbaus der Villa lag und damit rundum über Fenster verfügte. Noch nie in seinem Leben hatte er solch ein Zimmer beziehen dürfen. Er trat an die mittlere der drei Scheiben, die zur Front des Anwesens ausgerichtet waren, und ließ seinen Blick über das gepflegte Grün des Rasens schweifen.
Er war fern von zu Hause, und das Heimweh lastete schwer auf ihm, jedoch barg dieser Ort die Chance eines Neuanfangs, den er herbeisehnte. Aber er wusste, wie schwer es war, die Haut der Erinnerung abzustreifen, und selbst wenn das gelänge, verblieben stets Narben, die die Verbindung dazu aufrechterhielten.