Leseprobe Die Bürde des Glücks | Die historische Familiensaga im 20. Jahrhundert

Einquartierung

29. Februar 1944

Wingert, Deutschland

Gegenwind pfiff Ella Gronau um die Ohren und zerrte an ihren Kleidern. Mit ihrer Mutter Magdalena und zwei Mägden hatte sie Weidenruten geschnitten, die sie zum Hochbinden der Traubenstöcke im Weinberg dringend benötigten. Bei Einbruch der Dämmerung schulterten sie ihre Rückentragen und machten sich auf den Heimweg. Ella gähnte, hob die Hand vor den Mund und setzte mechanisch wie eine Aufziehpuppe einen Schritt vor den anderen, bis ihr Fuß auf einmal den Halt verlor. Auf Schneematsch schlitterte sie ein Stück vor. Sie schwankte, fing sich aber wieder. „Ach, Mist!“

Ihre Mutter streckte die Hand aus. „Ist alles in Ordnung?“

„Ich habe mich nur erschrocken.“ Ellas Beine waren schwer und ihre Zehen klamm. Sie spürte sie kaum mehr. Mit gesenktem Kopf schlurfte sie weiter. Noch eine halbe Stunde, dann bin ich wieder im Warmen und bei meiner Tochter. Endlich kam das Haus in Sicht.

„Also dat …“ Als sie in den Hof einbogen, blieb Ida, ihre ältere Magd, wie angewurzelt stehen. „… is ja ein Ding.“

Die Einquartierung war angekündigt worden. Doch davon, dass die Soldaten den gesamten Hofraum mit Panzern und Lastwagen vollstellten, war keine Rede gewesen. Was dachten die sich dabei? Da blieb ihnen kein Platz, die Pferde vor den Wagen zu spannen.

Ella betrachtete die Kriegsgeräte mit wachsendem Unbehagen. So nah war sie einem Panzer mit seinen Raupenrädern und dem Kanonenrohr, das ein gutes Stück über den Aufbau der Fahrzeuge hinausragte, noch nie gekommen. Sie brauchte nur die Hand auszustrecken, um den in Tarnfarben gestrichenen Stahl zu berühren. Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück. „Glauben diese Kerle, dass unseren Milchkannen über Nacht Flügel wachsen und die morgen früh von selbst zur Abgabestelle flattern?“ Atemwölkchen begleiteten Ellas Worte.

Ihre Mutter Magdalena löste den Schal vom Mund. „Das haben sie sicher nicht absichtlich gemacht.“

Ella ballte ihre Hände in den Jackentaschen. „Das alles ist die Schuld von diesem verfluchten Jo-“

Ihre Mutter wirbelte herum. „Schluss, kein Wort mehr. Nein sagen ging nicht. Das weißt du ganz genau!“

„Es regt mich trotzdem auf!“, raunte Ella.

Wenn Johann Lauterer, der bei der Gestapo in Trier arbeitete, von ‚Ehre, Frontkämpfern, Endsieg‘ und ‚Pflichterfüllung‘ anfing, gab es kein Entrinnen. Das Wohl der deutschen Volksgemeinschaft stand über allem, und wer es wagte, sich dagegenzustellen, den behandelten Nazis wie Ungeziefer. Das merzten sie aus. Ella folgte ihrer Mutter und den beiden Mägden in die Scheune. In einer der Nischen standen Kisten aufgestapelt, die von den Maßen an Kindersärge erinnerten. Das Holz war grün gestrichen, wobei die Farbe zum Teil abblätterte. Auf einigen stand groß und in Rot ‚10,5 cm Beute‘ geschrieben. Auf andere war handschriftlich ‚AR 1059 III. Abt. (mot)‘ gekritzelt und ‚10,5 cm le. F.H. 18 Spgr‘ gedruckt oder sogar geprägt. Die ganzen Abkürzungen sagten Ella nichts. Eine Warnung verstand sie allerdings ohne weitere Erklärung: Vorsicht explosiv!

„Dürfen die bei uns Munition abladen?“, fragte Ella mit gerunzelter Stirn.

Ihre Mutter wandte sich zum Gehen. „Ja, sicher.“

Ida hob die Brauen. „Ein Gutes hat’s. Wenn da ne Bombe reinkracht, brauchen wir uns hinterher, um nix mehr zu sorgen.“

Ella würgte den Zorn auf Johann hinunter, der ihr bleischwer in der Kehle hing, und zerrte die Handschuhe von ihren Fingern. Sie kribbelten, weil es in der Scheune deutlich wärmer war als draußen. Auch ihre mit Lammwolle gefütterten Arbeitsschuhe zog sie aus und stellte sie an ihren Platz. Den Schal stopfte sie in einen Ärmel der Winterjacke, die sie an einem der Nägel neben der Tür aufhängte. Eine Einquartierung mit fünfzehn Soldaten hatte der Kerl ihnen aufgedrückt! Im Vorfeld hatten sie Kartoffelpaletten in den Anbau und auf den Dachboden geschleppt. Säcke mit Stroh dienten als Matratzenersatz. Bequem wie in einem gefederten Bett schlief es sich darauf sicher nicht, aber sauber geputzt war alles und die Laken frisch. Ein bisschen wärmer als draußen war es außerdem auch, obwohl im Winter oben unter dem Dach das Wasser in den Waschschüsseln zu Eis gefror. Hinten im Eck der Scheune beim Ausgang zur Obstwiese stand die Feldküche der Kompanie, die Gulaschkanone, ein riesiger Topf mit einer eigenen Brennkammer, der Ella an ihren Schweinekessel im Kabuff neben dem Stall erinnerte. Das Abzugsrohr war hoch-, die Stützen heruntergeklappt und die beiden Wagenräder der Feldküche mit Bremsen und Holzkeilen doppelt gesichert. Das sah ganz danach aus, als ob der Kessel heute bereits benutzt worden war. Doch, sie spürte die Wärme, die das Metall abstrahlte. Zu verköstigen brauchten sie die Truppe nicht. Mit den zwanzig Pfennigen, die sie pro Mann für die Übernachtung bekamen, wäre ihre Mutter auch nicht weit gekommen. Damit konnte sie nicht einmal zwei Eier kaufen. Für Pferde gab es zwei bis drei Mark, aber die mussten dafür mit Heu verpflegt werden. Das machte keiner im Dorf gerne, weil hinterher meist nicht mehr genug Futter für die eigenen Tiere blieb.

Ella schnupperte. Lag da ein Hauch von Zimt in der Luft? Oder bildete sie sich den nur ein? In der Küche ging es lebhaft zu, das hörte sie selbst durch die geschlossene Tür. „Essen die Soldaten heute bei uns mit?“

Ihre Mutter nickte. „Worauf warten wir? Lasst uns hineingehen.“

„Ich kann das nicht!“, flüsterte Fanny, die jüngste Magd im Haushalt, die bisher geschwiegen hatte.

„Doch, du schaffst dat.“ Ida, die ältere Magd, legte ihren Arm um das zierliche Mädchen. „Wir passen auf dich auf, versprochen.“

Die Neuankömmlinge

Schummriges Licht, lautes Stimmengewirr und der Duft nach Zwiebeln und scharf angebratenem Bauchspeck umfingen Ella. Vorschriftsgemäß hatten die beiden alten Damen des Gronau-Haushaltes bei Anbruch der Abenddämmerung schwarze Pappe in die Fensteröffnungen gestellt. Die Deckenlampen waren bereits seit dem Kriegsbeginn vor fünf Jahren mit schwarzen Schirmen versehen. Inzwischen hatten sie auch die speziellen, dunkelblau gefärbten Glühbirnen hineingeschraubt. Dank einiger Petroleumlampen auf dem Tisch konnte Ella trotzdem mehr als Umrisse und gespenstisch fahle Fratzen mit schwarzen Augenhöhlen erkennen.

„Heil Hitler!“ Sie als Neuankömmlinge hoben die Hände zuerst. Bei Einquartierungen war das ratsam.

Sechs Soldaten, die auf Bänken beidseits des Tisches saßen, wandten ihnen ihre Köpfe zu und streckten ihre Rechte aus. Traudl, die Köchin, stand am Herd, rührte mit dem Kochlöffel in einem Riesenbottich und warf einen Blick über die Schulter. „Ihr kommt mir grad recht. Dat Essen ist fertig.“

Die Gespräche am Tisch setzten wieder ein. Auch in der Stube nebenan wurde geredet. Ein junger Kerl drehte sich zu Ella um. Er hatte ein paar Sommersprossen im kindlich runden Gesicht, eine sehr helle Haut und strahlend blaue Augen zu rotbraunen Haaren. Er sah aus, als ob er gerade erst aus der Schule entlassen worden wäre, musste aber älter als vierzehn sein. Kinder ließen sie bei der Wehrmacht ja wohl nicht an die Waffen?

Er lächelte breit. „Guten Abend, gnädiges Fräulein. Wir von der Küchenmannschaft sind die Glücklichen, die bei Ihnen unter dem Dach einquartiert sind, und es ist mir eine Ehre, bei Ihnen am Tisch sitzen zu dürfen.“

„Das haben Sie aber nett formuliert.“ Ella nahm eine der Petroleumlampen vom Tisch und trat an die Wiege ihrer acht Wochen alten Tochter Caroline.

Ihre Mutter machte neben ihr Halt. „Wie selig sie schläft.“

„Hoffentlich auch in der Nacht.“

„Kommt, ihr beiden, setzt euch zu mir.“ Ein Lächeln glitt über das hagere Gesicht von Ellas Großtante Lydia. Sie saß neben der Wiege, die sie in einem gleichmäßigen Takt anstupste. „Die Kleine ist frisch gewickelt, gefüttert, hat brav ein Bäuerchen gemacht und danach noch einmal ein paar Schlucke getrunken. Ich habe den Soldaten erlaubt, ihre Feldküche bei uns aufzubauen, und deine Einladung überbracht, Lenchen. Herr Peters, der Koch, hat uns sofort die Hilfe seiner Männer angeboten und die Nachspeise zubereitet.“

Ein grauhaariger Mann richtete sich auf und deutete eine Verbeugung in Richtung ihrer Mutter an. „Angenehm, Peters. Wir haben zu danken, gnädige Frau!“ Er setzte sich wieder. „Vor dem Krieg hatte ich eine kleine, aber feine Fischstube in Hamburg. Jetzt bin ich sozusagen mit Leib und Seele ‚Küchenbulle‘.“

Ella stellte die Lampe zurück auf den Tisch und musterte die Soldaten in ihren feldgrauen Uniformen. „Nimm Platz, Mama, ich frage Traudl, ob ich helfen kann.“

Außer dem Koch saß ein weiterer gesetzter Herr im Alter um die fünfzig am Tisch. Seit letztem Herbst mussten Soldaten zurück an die Front, die wie ihr eigener Vater nach dem Polenfeldzug im Frühjahr 1940 aus dem aktiven Dienst entlassen worden waren. Die jungen Burschen am Tisch erinnerten Ella an ihren Bruder Martin. Von den Rangabzeichen auf den Schulterklappen und den Kragenspiegeln verstand sie immerhin so viel: Die Farbe der Paspel, mit der Schulterklappen und Kragen umsäumt waren, stand für die Waffengattung. Bei ihrem Bruder als Infanterist beziehungsweise Grenadier war sie weiß. An die Umbenennung der Einheiten hatte Ella sich nach eineinhalb Jahren immer noch nicht gewöhnt. Wo steckte der Sinn dahinter, mit einem Federstrich alle Soldaten auf einmal als ‚Eliteeinheiten der Infanterie‘ zu bezeichnen, wenn sich ansonsten gar nichts änderte?

Ella beugte sich vor. Oh! Die Farbe der Paspeln dieser Soldaten war rot wie Blut. In dem Augenblick wandte der junge Soldat, der sie vorhin angesprochen hatte, den Kopf. Sein Gesicht war ihrem auf einmal ganz nah. Wie peinlich! Ellas Wangen wurden heiß, vermutlich waren sie puterrot, passend zur Farbe seiner Paspeln. Hastig zog sie sich zurück und starrte in die andere Richtung. Einer der älteren Soldaten trug die Aufschrift ‚Afrikakorps‘ auf seinem Hemdsärmel. Bei den anderen waren nur schlichte graue Winkel aufgenäht, wie Gefreite sie eben trugen. Während der nächsten vier Wochen sollte die hundertfünfzig Mann starke Kompanie in Wingert bleiben. Die Haustüren durften sie in der gesamten Zeit nicht abschließen. Also konnte jedermann - inklusive der neugierigen Frau des Dorfwarts oder der Gestapo-Mann Johann Lauterer - nach Belieben bei ihnen ein- und ausspazieren, während sie auf dem Feld arbeiteten oder nachts in ihren Betten lagen.

„Du kommst mir wie gerufen, Ella.“ Die Köchin füllte einen Korb mit Brotscheiben, die sie mit dem Messer vom Laib abgesäbelt hatte. „Die Ida serviert nebenan grad die Supp und dat Brot geht weg wie die warmen Semmeln. Aber die Fanny will ich nit rüberschicken. Der geht’s nit so gut.“

Die junge Magd stand mit aschfahlem Gesicht und weit aufgerissenen Augen beim Spülstein. Ihre Finger umklammerten einen Löffel. Doch sie tauchte ihn nicht ins Wasser.

Ella griff nach dem Korb. „Soll ich dir auf dem Rückweg einen neuen Brotlaib mitbringen, Traudl?“

„Dat wär gut. Ach, nein, wat is denn dat wieder?“ Die Köchin rührte wie eine Besessene im Topf herum. „Einmal nit achtgegeben und schon setzt die Supp an.“

Ida kam Ella auf dem Flur mit der leeren Suppenschüssel entgegen. „Von der Aussicht, in den Osten zu gehen, sin die Jungs nit grad begeistert. Aber wat wollen die machen? Hin müssen die.“

Die Stube, die Ella betrat, war altmodisch mit Nussbaummöbeln aus der Zeit von Ellas Urgroßeltern eingerichtet. Die Sitzbank mit dem Umbau bewies das historische Alter zu Genüge. Zumal sich der Spiegel, der darin eingelassen war, an manchen Stellen nicht mehr blankputzen ließ.

„Einen guten Appetit!“ Ella stellte den Brotkorb auf den Tisch.

„Ich glaub, wir sind im Paradies!“ Ein dunkelhaariger Soldat rückte ein Stück zur Seite und ließ seine Zähne blitzen. „Lauter hübsche Mädchen! Bleib doch und leiste uns Gesellschaft.“

Ella lächelte und wies das Angebot zurück. „Nein, danke, ich esse lieber nebenan.“

„Ach schade, ich beneide die Glückspilze, die bei euch sitzen dürfen. Ich wollt, ich wär auch beim Küchentrupp!“ Er griff zu einer Brotscheibe. „Die hocken an der Quelle mit dem Proviant. Was das Kämpfen angeht, halten die sich vornehm zurück, und bei euch am Tisch essen dürfen die auch.“

Seine Kameraden lachten. „Nur kein Neid! Das hättest du dir halt beizeiten überlegen müssen.“

Ella musterte die jungen Kerle. „Dazu kann ich wirklich nichts sagen. Nur das eine: Wenn ihr Nachschlag wollt, schaut zu uns rüber in die Küche.“

Der Soldat salutierte. „Melden gehorsamst, dass wir Ihren Befehl befolgen werden, gnädiges Fräulein Feldwebel.“

Ella lachte auf. „Lasst es euch schmecken!“

Das schienen recht nette Burschen zu sein, zumindest, solange sie nüchtern blieben. Denn im Rausch oder schlicht, wenn sich die Gelegenheit bot, fiel von manch einem die Tünche ab. Dann passierten solch furchtbare Sachen, wie sie Fanny widerfahren waren. Ein guter Freund ihres ältesten Bruders hatte sie zum Tanz ausgeführt, ihr Vertrauen und das ihrer Familie missbraucht und der damals knapp Fünfzehnjährigen auf dem Heimweg brutal Gewalt angetan. Aus Scham und weil der Täter ein verdientes Parteimitglied der NSDAP und SS-Mann war, brachten die Hortens die Vergewaltigung nicht zur Anzeige. In Wingert hatte Fanny schließlich einen Neuanfang gewagt. Doch die Vergangenheit ließ sie nicht los, obwohl ihr Vergewaltiger inzwischen gefallen war. Bis heute litt sie an den Folgen der Tat, hatte Angst vor Männern und manchmal Anfälle, bei denen sie über Atemnot klagte und zitternd in einer Ecke saß.

Bei dem Gedanken an Fannys Leid riss Ella die Tür der Speisekammer mit mehr Schwung auf als nötig. Rasch holte sie ein Laib Brot aus dem Regal und kehrte zu Traudl in die Küche zurück. „Ich glaube, wir müssen diese Woche noch einmal backen.“

Traudl winkte Ella näher heran und senkte ihre Stimme. „Geht’s in Frankreich mit dem Essen genauso knapp zu wie in Russland?“

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich schätze, denen schmeckt’s einfach.“

Ob die Soldaten ihnen erzählen würden, weshalb sie nach Russland sollten? Durfte Ella sich danach erkundigen, wohin sie unterwegs waren? Oder galt eine Frage wie diese bei dorfbekannten Judenfreunden als Spionage für den Feind?

Die Soldaten in der Stube nebenan aßen schon, sie hingegen hatte noch nichts im Magen. Ella setzte sich zu ihrer Mutter und Tante Lydia auf die Bank in der Küche.

„Die Supp kommt gleich“, rief Traudl.

Ellas Sitznachbar, der sommersprossige Junge mit der roten Paspel, stellte sich ihr als Gerd Junker vor.

„Sie bleiben vier Wochen in unserem Dorf?“ Ella lächelte. „Wird Ihnen da nicht langweilig?“

„Das glaube ich nicht“, antwortete der junge Soldat. „Wir müssen die Vorräte aufstocken.“

„Wo?“, fragte Ella.

„In Trier, im Wehrmachtsdepot. Da schnuppern wir Stadtluft. Außerdem holen wir dort Ersatzteile für unsere Fahrzeuge ab. Wir werden ganz schön beschäftigt sein.“

„Und ich habe mich schon gewundert, warum Sie vier Wochen bleiben.“

„Die Zeit wird leider wie im Flug vergehen.“ Er seufzte. „Wenn ich Sie etwas fragen darf, gnädige … Frau?“

Es dauerte einen Moment, bis Ella begriff, dass mit der Anrede sie gemeint war.

„… gehört das Kind in der Wiege zu Ihnen oder Ihrer Frau Mutter? Sie haben sich beide so reizend um das Kleine gekümmert, seither rätsle ich.“

Am liebsten hätte Ella ihm ‚Ja, Caro ist mein Kind‘ erwidert, aber sie schwieg. Die Soldaten am Tisch würden in dem Vater ihrer Tochter nur den Gegner sehen, den Franzosen, und nicht den Menschen: Jacques wollte Lehrer werden, in den Prüfungen möglichst gut abschneiden und später vielleicht nach Nancy gehen. Aber der Krieg! Während des Frankreichfeldzugs war er in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Um dem Lager auf dem Petrisberg zu entgehen, hatte er sich ‚freiwillig’ für die Arbeit auf einem Bauernhof gemeldet. Er war in Wingert gelandet, wo sie sich kennen und später auch lieben gelernt hatten. Als Caroline sich ankündigte, musste er fliehen, sonst wären sie bei Bekanntwerden der Schwangerschaft allesamt ins Konzentrationslager gewandert – dafür hätte Johann Lauterer persönlich gesorgt. Ella presste die Lippen zusammen. Ihre Schwangerschaft hatte sie zum Glück erfolgreich verborgen, während ihre Mutter eine vorgetäuscht hatte. Offiziell galt Caroline als das eheliche Kind ihrer Eltern und Ella musste schweigen. Magdalena, wie sie ihre Mutter in Gedanken oft nannte, antwortete auf die Frage des jungen Soldaten. „Meine Tochter ist nicht verheiratet und Caroline im wahrsten Sinne des Wortes mein kleines Wunder.“

„Ein Wunder, gnädige Frau? Wie das?“ Gerd Junker studierte die Gesichtszüge Magdalenas eingehend. „So alt wie die biblische Sarah können Sie unmöglich sein. Sie sind noch keine vierzig, da möchte ich wetten.“

„Was für ein nettes Kompliment, dabei gehe ich auf die sechsundvierzig zu. Ich meinte etwas anderes. Caroline hat mir über den Verlust meines Mannes hinweggeholfen. Sein Tod hat mich tief geschmerzt. Ich war am Boden zerstört. Doch unser kleiner Schatz hat mich wieder aufgerichtet und mir die Kraft zum Weitermachen gegeben.“

Was ihre Mutter sagte, entsprach Wort für Wort der Wahrheit.

„Das tut mir sehr leid für Sie und Ihr Kind.“ Gerd Junker, der nach dem Wasserkrug fasste, ließ seine Hand sinken. „Wo ist Ihr Mann gefallen? An der Ost- oder der Westfront?“

„Nach dem siegreichen Polenfeldzug war er vom Dienst an der Waffe freigestellt, also kein aktiver Soldat mehr. Letztes Jahr ist er in der Scheune unglücklich gestürzt und hat sich das Genick gebrochen. Er war sofort tot. Mein Ältester kämpft an der Ostfront.“

Der junge Mann erhob sich und machte einen Diener. „Ihnen und Ihrer Familie spreche ich von ganzem Herzen mein Beileid zu Ihrem schmerzlichen Verlust aus. Möge Ihr Sohn nach dem Sieg unversehrt zu Ihnen zurückkehren.“

„Vielen Dank!“ Magdalena hielt mit dem Essen inne und legte ihr Besteck auf dem Teller ab. „Ihrer Frau Mutter wünsche ich ebenso, dass sie all Ihre Lieben nach Kriegsende wohlbehalten in die Arme schließen kann.“

„So Gott will, gnädige Frau.“ Gerd zog ein ernstes Gesicht und setzte sich.

Ihre Mutter drehte sich um und sah dorthin, wo das Kriegsgerät stand. „Natürlich versuchen wir, die anfallenden Arbeiten nach besten Kräften zu erledigen. Dazu gehört, dass wir unsere Milch rechtzeitig zur Sammelstelle bringen. Also spannt Ida morgens früh im Hof die Pferde an.“

Gerd Junkers Lippen formten ein O. „Jetzt verstehe ich, worauf sie hinauswollen. Ich schnappe mir nach dem Essen ein paar Kameraden. Wir schaffen Platz, das verspreche ich Ihnen.“

Ihre Mutter schmunzelte. „Daran werde ich Sie notfalls erinnern.“

Gerd hob die Hände. „Das wird nicht nötig sein, gnädige Frau.“

„Fanny, komm, setz dich zu Traudl und mir“, rief Ida der Jüngeren zu, die sich immer noch beim Spülstein herumdrückte. Schließlich trat die junge Magd vor.

„Ja, wen haben wir denn da? So ein hübsches Ding wie du braucht sich doch nicht zu verstecken.“ Einer von Gerds Kameraden reckte den Kopf. Blitzschnell rückte er zu Ida auf und klopfte mit der flachen Hand auf den freien Platz. „Na los, komm her! Kannst dich gerne auch auf meinen Schoß setzen.“

Fanny schüttelte den Kopf und zog sich immer weiter zurück.

„Trau dich, Kleines. Wir fressen dich schon nicht auf, obwohl du zum Anknabbern süß aussiehst. Haargenau mein Geschmack.“

Sein dunkelhaariger Nebenmann boxte ihn in die Seite. „Hör bloß nicht auf den da! Wenn du ein bisschen nett zu mir bist und mir einen Kuss gibst, beschütz ich dich vor dem.“

Die beiden Soldaten lachten. Totenbleich stand Fanny da.

Ella sprang auf. „Lasst sie gefälligst in Ruhe! Sie mag das nicht.“

„Das soll die uns selbst sagen.“ Der Dunkelhaarige verdrehte die Augen. „Die hat doch einen Mund!“

Magdalena schwang ihre Beine über die Bank und baute sich vor den beiden auf. „Was ist das denn für ein Benehmen?!“

Ida stemmte die Fäuste in die Hüften. „Na, ihr seid mir Helden.“

Herr Peters schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ihr zwei! Benehmt euch! Denkt ihr, dass ihr schon in Russland seid, wo ihr euch aufführen könnt wie die Rotz am Ärmel? Euer Verhalten wirft ein schlechtes Licht auf alle Soldaten unserer Einheit.“

„Entschuldigen Sie, gnädige Frau!“ Der Soldat schielte zu seinem Vorgesetzten.

Sein dunkelhaariger Kamerad wandte sich an Fanny. „Wir haben es nicht böse gemeint. Es sollte ein Scherz sein.“

„Der nach hinten losgegangen ist.“ Der Küchenbulle wies Richtung Tür. „Zieht Leine! Ihr esst draußen.“

Die Männer räumten ihre Sachen widerspruchslos zusammen und verließen die Küche.

Er nickte Fanny zu. „Jetzt können Sie unbesorgt Platz nehmen, gnädiges Fräulein.“

Auch Ella und Magdalena setzten sich.

„Vorsicht, heiß!“ Ida trat heran und stellte eine Suppenterrine auf den Tisch.

„Ella, sprichst du bitte das Tischgebet?“ Ihre Mutter schlug ein Kreuzzeichen.

„Ja, natürlich.“ Sie beeilte sich, es ihr nachzumachen, senkte die Lider und erfüllte als Jüngste im Haushalt ihre tägliche Pflicht:

„O Gott, von dem wir alles haben,

wir danken dir für diese Gaben.

Du speisest uns, weil du uns liebst.

O segne auch, was du uns gibst.“

Gerd Junker und zwei andere Soldaten beteten laut mit. Als Ella geendet hatte, schöpfte Ida Suppe auf die Teller. Gerd wünschte ihnen einen ‚guten Appetit’ und sie löffelten einträchtig.

„Das schmeckt wie bei meiner Mutter. Was hätten wir an Weihnachten an der Front für so etwas Köstliches gegeben, anstelle der dünnen Wassersuppe und der Schnitte Brot, die so dünn geschnitten war wie-“ Gerd streckte seine Hand in die Höhe und formte einen schmalen Spalt zwischen Daumen und Zeigefinger. „Fast wie Papier. Da war Sägemehl, Mäusedreck und weiß Gott was für ein Zeug reingebacken. Der Hunger treibt es trotzdem rein. Und jetzt müssen wir wieder dorthin.“

„Verdirb uns die Stimmung nicht, Junker Gerd!“, rief einer seiner Kameraden. „Ihr Brot schmeckt so gut, gnädige Frau. In Frankreich kriegst du kein ordentliches aus Sauerteig.“

„Und die ewige Fischsuppe“, murrte einer der älteren Soldaten, dem eine wulstige Narbe über die Wange lief.

„Jammere nicht!“, antwortete Gerd ihm. „Besser als der Fraß, den wir in Russland kriegen werden, ist die allemal.“

Wie sich im Gespräch herausstellte, war ihre ursprüngliche Einheit vorher im Osten stationiert gewesen und dermaßen dezimiert worden, dass sie an die Westfront geschickt worden waren, wo die Neuaufstellung des Regiments erfolgte.

„Keine zehn Wochen ist es her, dass wir aus Russland gekommen sind. Die Wunden sind kaum verheilt, und jetzt?“ Der Soldat fuhr mit den Fingerspitzen über die Narbe. „Das soll einer verstehen!“

Die fehlenden Einzelheiten flüsterte ihr Tischnachbar Ella im Telegrammstil ins Ohr. Offensichtlich hatte er Vertrauen zu ihr gefasst. „Die 159. Reserve Division, in Sète stationiert. Ein Hafen, am Mittelmeer, Sandstrände, zwischen Montpellier und Marseille. Schöne Gegend.“

Im Nu verputzten sie Suppe und Brot. Während Ella die schmutzigen Teller einsammelte, stellte Ida Schüsseln mit Grießbrei auf den Tisch. Da waren sogar Rosinen drin. Ella stutzte und sah genauer hin. „Hast du Herrn Peters Kirschen aus unserem Vorratskeller spendiert, Tante Lydia?“

„Nein, unsere sind kleiner. Die stammen aus Frankreich, und stell dir vor, sie sind sogar entsteint.“

„Ob mit oder ohne Kerne. Egal, wo die uns einsetzen: Wir spucken unseren Feinden in die Suppe“, rief Herr Peters.

Gerd lachte. „Oder in den Brei!“

„Und wenn die Yankees es wagen sollten, in Frankreich zu landen, werden die ihr blaues Wunder erleben.“ Der mit der Narbe hob sein Glas. „Um was wetten wir?“

Jemand öffnete die Tür, die Küche und Scheune miteinander verband, so vehement, dass die Klinke gegen die Wand donnerte. Ella, die im Frieden ihrer Seele den letzten Grießbreirest aus ihrer Schüssel kratzte, zuckte zusammen.

„Heil Hitler!“ Johann Lauterer trat ein und zollte dem Soldaten, der den Amerikanern heimleuchten wollte, mit Worten und Händeklatschen Beifall. „Gut gesprochen, Kamerad. Das ist der richtige Kampfgeist, der unsere Truppen zum Sieg führen wird.“

Der Ortsbauernführer Egon Hacker folgte dem Lauterer auf den Fuß. „Heil Hitler! Auch die Bolschewiken, diese elenden Hunde, werden wir dank Männern wie euch in den Boden stampfen!“

Ella mochte den ‚schönen Egon‘ nicht, wie er im Dorf genannt wurde. Er hielt sich selbst für unwiderstehlich, nur weil er hochgewachsen war und zu den wenigen Blonden in Wingert zählte. Dass er auf die fünfzig zuging und seine Wangenpartie mittlerweile an die einer Bulldogge erinnerte, focht ihn nicht an. Er warf seine helle Haartolle zurück, als ob er dafür Applaus erwartete. Die lockere und entspannte Atmosphäre, die vor einem Moment noch geherrscht hatte, verpuffte.

„Heil Hitler!“ Die rechten Arme der Soldaten ruckten wie auf Kommando hoch. Kerzengerade und steif wie die Stockfische saßen sie auf einmal da. Hatten sie in Johann auf Anhieb einen Gestapo-Mann erkannt? Er trug Zivil und Ellas Meinung nach deuteten weder seine plumpe, untersetzte Figur noch die Stirnglatze auf seine Tätigkeit hin. Vielleicht machte es sein Blick aus? Oder hielten sie Egon Hacker für einen Spitzel? Ella kam auf die Beine, sammelte die Dessertschalen ein. Was wollten die beiden hier? Unruhe stiften? Sie stellte das Geschirr in den Spülstein, drehte sich um und beobachtete die beiden Männer. Johann hielt direkt auf Fanny zu. „Das soll ein deutscher Gruß gewesen sein? Mach’s noch mal! Und dieses Mal richtig.“

Johanns Gebrüll lockte die Soldaten aus der angrenzenden Stube herbei. Das bedeutete noch mehr Zuschauer.

Ella ballte die Fäuste. „Was soll das? Sie hat gegrüßt!“

„Halt dich da raus!“ Johann fixierte die junge Magd. „Und jetzt zu dir. Fang an, mach.“

Fannys ausgestreckter Arm zitterte, während sie ein ‚Heil Hitler!‘ wisperte.

„Habt ihr etwas gehört, Männer?“ Unverschämt dicht trat Johann an Fanny heran. „Los sag’s noch einmal, und zwar so, dass wir dich verstehen!“

„Heil Hitler!“ In Fannys Augen traten Tränen.

„Du flennst?“, schnauzte Johann sie an. „Ist das dein Ernst!“

Ella wäre ihm am liebsten ins Gesicht gesprungen.

„Ein deutsches Mädchen erfüllt seine ihm von der Natur auferlegte Pflicht mit Stolz – merk dir das!“ Johann ließ seinen Blick über die Anwesenden gleiten. „Soldaten, eure Aufgabe ist es, bis zum Endsieg weiterzukämpfen. Vergesst das nie.“

„Was bringt euch beide um diese Stunde zu mir?“ Ihre Mutter drängte sich zwischen Johann und Fanny. „Falls es etwas zu besprechen gibt, schicke ich die Soldaten fort.“

Egon Hacker linste zu seinem Begleiter, als ob er sich dessen Zustimmung sichern wollte. Erst danach wandte er sich an Magdalena. „Dat is nit nötig. Weißt du, Lenchen, ich will nit lang stören. Heut Nachmittag war ich schon mal da, um dich auf die Sach mit den Pferden anzusprechen. Da hieß es, du wärst Weiden schneiden. Ich hätt nit erwartet, dat du deine Zeit mit so wat vergeudest. Du musst die Wiesen vorbereiten, die Erde von den Maulwurfshügeln auf dem Gras verteilen und Steine herauslesen.“

„Zu Matthias’ Lebzeiten haben wir das ‚Wiesenputzen‘ ab Mitte März gemacht“, antwortete ihre Mutter ihm.

Der Hacker warf sich in die Brust wie ein Heldentenor in der Oper. „Dieses Jahr wird es zeitig warm werden …“

„Aha.“ Ella verschränkte die Arme vor der Brust. Konnte der seit Neuestem in die Zukunft sehen? War er mit einem Wetterfrosch per du? Oder woher hatte der seine Prognose?

„… die Schneedecke ist abgetaut“, setzte er hinzu.

Was gar nichts beweist! Ella griff nach dem Spüllappen und quetschte ihn mit ihren Fingern zusammen, bis ihre Knöchel weiß hervortraten.

Gerd stellte sich neben sie und flüsterte. „Ich schätze, Sie würden am liebsten jemanden erwürgen, Fräulein Gronau?“

„Sehe ich danach aus?“, murmelte Ella.

Er nickte.

„Dann gratulierte ich Ihnen zu Ihrer Menschenkenntnis, Herr Junkers.“

„Lenchen, ich bin immer gewillt, dir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen“, salbaderte der Hacker. „Du brauchst ihn nur anzunehmen.“

Während der schöne Egon sich selbst beweihräucherte, tuschelte Ella mit Gerd Junkers.

„Redet der immer so?“, fragte er.

„O ja. Er ist unser Ortsbauernführer und der Einzige in ganz Wingert, der einen eingetragenen Erbhof besitzt. Darum gilt er als unabkömmlich und braucht nicht zu dienen. Seit Vaters Tod, versucht er außerdem, uns in allem reinzureden. Mein Bruder wird nämlich am Martinstag volljährig-“

„Am elften November?“

„Genau, bis dahin will der Hacker meiner Mutter die Pferde abluchsen. Seine Tiere sind alt, die würde er für gutes Geld an die Wehrmacht verkaufen. Wahrscheinlich denkt er, dass unser Vormund dem Handel zustimmt-“ Ella verstummte. Denn der ‚schöne Egon‘ hatte wie ein Schauspieler auf der Bühne eine dramatische Pause eingelegt. Dieses Mal strich er die Haartolle mit den Fingern seiner Linken aus der Stirn. Die Strähne fiel sofort zurück. Es juckte Ella in den Fingern, die Schere aus der Schublade zu holen und dem Hacker einen neuen Haarschnitt zu spendieren.

Der richtete seine Worte inzwischen direkt an ihre Mutter. „Mir geht es vor allem um das Wohl eurer Pferde, Lenchen. Ihr lastet sie nicht ordentlich aus. Du musst endlich ein Einsehen haben und sie mir überlassen!“

Magdalena schüttelte den Kopf. „Die haben und hatten ausreichend Bewegung. Wir spannen unsere Wallache täglich an, fahren unsere Milchkannen zur Sammelstelle und holen Waren für den Dorfladen aus Leiwen. Die ziehen im Winter ohne Hufeisen einen vollbeladenen Wagen den steilen Hang hoch. Ihr kennt die Strecke. Die stehen nicht herum, die verdienen sich ihr Futter.“

„Lenchen, ich habe es im Guten versucht, aber du bist unbelehrbar! Typisch Frau, früher hat es geheißen: ‚Lange Haare, kurzer Verstand‘. Du hast deine Zöpfe abgeschnitten. Geholfen hat’s nix. Klüger bist du nit geworden.“ Wieder tauschte der Hacker einen Blick mit Johann, der neben ihn trat, als ob er die ganze Zeit auf seinen Einsatz gewartet hätte. Fehlte nur noch Dörte Kornbach, die Frau des Dorfwarts, die liebend gerne Leute bei der Gestapo anschwärzte, als Souffleuse.

„Du wirst schon sehen, was du davon hast! Heil Hitler.“ Hoch erhobenen Hauptes stolzierte Egon Hacker hinaus und ließ die Tür mit einem Krachen ins Schloss fallen.

„Hat der Ihrer Mutter gedroht?“, fragte Gerd leise.

Ella zuckte mit den Schultern. Für ein vertrauliches Gespräch über die Nazis vor Ort kannte sie ihren Nebenmann dann doch nicht gut genug. „Der redet immer so.“

„Puh, und was hat sein Begleiter vor?“

Auf Gerds Frage brauchte Ella nicht mit Mutmaßungen zu antworten. Johann ergriff das Wort.

„Ich bin hier, um mich zu vergewissern, dass unsere tapferen Soldaten gut untergebracht und versorgt sind.“ Johann steuerte auf Fanny zu. „Du bist hier entbehrlich.“

„Aber ich …“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an.

Ida legte ihren Arm um die Jüngere.

Ella kochte vor Wut. Dieser elende Mistkerl! Der hatte schon ein paar Mal versucht, Fanny mit dem Hinweis unter Druck zu setzen, dass es ihre Pflicht sei, dem Führer Nachwuchs zu schenken – hellblond und blauäugig, wie sie war.

„Wozu die Damen belästigen?“ Gerd winkte seinen Kameraden, ihm zu folgen. „Kommt, zeigen wir unserem ‚Herrn Quartiermeister‘, wie formidabel wir untergebracht sind.“

Er zwinkerte Ella zu, und sie staunte, mit was für einer Geschwindigkeit die Männer Johann in ihre Mitte schlossen und ihn wie eine Flutwelle mitrissen. Das Trampeln auf den Stufen wurde rasch leiser, ebenso das Lachen und die Stimmen der Soldaten. Einen Moment herrschte Stille, bis Caroline in der Wiege losquäkte. Ella stützte den Kopf ihrer Tochter, hob das Kind heraus und wiegte es in ihren Armen. „Weißt du was, Caro: Gerd erinnert mich an meinen Bruder, deinen Onkel Martin.“

Mit großen Augen sah ihre Tochter sie an. Ella konnte nicht widerstehen und stupste mit dem Zeigefinger gegen Carolines Nasenspitze. „Du neugierige Maus. Du kennst ihn nicht, weil er vor deiner Geburt zurück an die Front musste. Er hat sich ewig nicht bei uns gemeldet. Ich sorge mich um ihn.“ In Gedanken setzte sie ‚und um deinen Vater‘ hinzu. „Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu warten und zu hoffen, dass morgen ein Lebenszeichen kommt.“ Jacques konnte ihr keines schicken. Post aus dem Feindesland wurde – wie so vieles in Deutschland – kontrolliert. Also musste Ella geduldig sein und warten, immer nur warten.