Kapitel 1
Lincolnshire
Tief sog James Alexander Delaney die kalte, klare Luft in seine Lungen, denn seine Kehle war vor Trauer wie zugeschnürt. Es schien, als sehe er alles um sich herum durch einen Wolkenschleier oder tauche mit offenen Augen im trüben Wasser des Sees in Derbyshire.
Lautes Donnergrollen und das unablässige Rumpeln der Kutschenräder waren die Geräusche, die seine traurige Fahrt über die holprigen Landstraßen bis hierher begleitet hatten. Einige Stunden zuvor hatten sie Mr. Richard Ashford, einen seiner besten Freunde, begraben, und James, der nur durch Zufall von der Beerdigung erfahren hatte, war sofort aus London herbeigeeilt und doch zu spät gekommen.
„Zwei Jahre“, murmelte James. „Mein bester Freund, und ich habe dich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.“
Am liebsten hätte er seinen Schmerz herausgebrüllt, doch er zwang sich zur Ruhe. „Es tut mir so leid, Richard. So verdammt leid.“
Er blickte hinüber zu dem bescheidenen, doch gepflegten Landhaus, das ein wenig entfernt lag, und überlegte, ob er hingehen und sich zu Richards Verwandten gesellen sollte. Was konnte er ihnen schon sagen? Er war der Familie seines Freundes nie begegnet, sondern kannte sie nur aus Richards amüsanten und zuweilen ironischen Anekdoten. Richards älteste Schwester Poppy hatte James den Brief geschickt, der ihn über das Ableben seines Freundes unterrichtete.
James ließ die Kutsche auf der langen Zufahrt halten in der Hoffnung, während des Fußmarsches zum Haus seine Fassung wiederzugewinnen. Wieder ertönte ferner Donner, und aus den dunklen Wolken prasselte der Regen herab. Als jemand, der stets für alles gerüstet war, hatte James seinen großen Schirm aus der Kutsche mitgenommen, den er jetzt mit geschickten Bewegungen aufspannte. Einige andere Leute, die gemächlich in Richtung Haus spaziert waren, beschleunigten ihre Schritte.
„Wollen Sie nicht auch hineingehen, Euer Lordschaft? Es gießt ja in Strömen“, rief ihm sein Kammerdiener zu, der ihn begleitete und ebenfalls ausgestiegen war.
Lord Kingsley. Noch immer schrak James manchmal zusammen, wenn er als der Earl of Kingsley angesprochen wurde, obwohl er den Titel nun schon seit mehr als zwei Jahren trug. „Nein, ich bleibe nicht. Wir fahren jetzt zum Dorfkrug zurück und machen uns morgen wieder auf den Weg nach London.“
Sein Kammerdiener blickte ihn ein wenig überrascht an, verkniff es sich jedoch, Fragen zu stellen.
„Die Kutsche soll schon mal losfahren. Ich komme zu Fuß nach.“
„Aber es gießt in Strömen, Mylord!“
„Das ist mir nicht entgangen, Timothy.“
„Ihre Handschuhe, Mylord. Soll ich sie Ihnen holen?“
„Nein.“ James wollte den Griff des Schirms in seiner Hand und die Kälte auf seiner Haut spüren.
Sein Kammerdiener schien etwas einwenden zu wollen, doch er verbeugte sich nur und eilte davon. James hielt es nicht für angebracht, die Familie in ihrer Trauer zu stören. Für sie war er ein Fremder, und jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, sich ihnen vorzustellen und seine Verbindung zu Richard zu erklären. Er wusste nur zu gut, wie sie sich jetzt fühlen mussten; schließlich hatte er selbst schon etwas ähnliches durchgemacht.
Sein geliebter Bruder Henry, der frühere Earl, war rund zwei Jahre zuvor an einem Schlaganfall gestorben, und der Verlust hatte die Familie hart getroffen. Zusammen mit dem Titel hatte James auch die Aufgabe übernommen, für die sein Bruder gestorben war: die Familie vor Not und Elend zu bewahren.
Diese Pflicht hatte ihn derart in Anspruch genommen, dass er keine Zeit für einen Besuch bei Richard erübrigen konnte, und nun lastete die Reue schwer auf seinen Schultern. Denn er selbst war für den Tod seines besten Freundes verantwortlich. Als zweiter Sohn war James ständig rastlos gewesen und begierig darauf, das Leben voller endloser Ausschweifungen und Nichtigkeiten hinter sich zu lassen und den Weg zu Ruhm und Ehre einzuschlagen. Und dieser Weg begann für ihn damit, sich ein Offizierspatent zu kaufen. Heute wusste er, wie dumm das gewesen war, denn er hatte erfahren müssen, dass mit Krieg und Blutvergießen weder Ruhm noch Ehre zu gewinnen waren.
Richard hatte es James nachgemacht, und gemeinsam waren sie lachend und zotige Lieder grölend losmarschiert, um sich die Papiere zu besorgen. Mein Gott. James fuhr sich mit den Fingern durch das regennasse Haar. Er selbst hatte es bis zum Hauptmann gebracht, doch Richards militärische Laufbahn endete abrupt mit einer Kugel im Knie. Niedergeschlagen und mit einem amputierten Bein war er nach Hause zurückgekehrt.
Seine Genesung machte keine rechten Fortschritte, doch James war nicht für ihn da gewesen. Auch wenn sie einander geschrieben hatten und Richard ihm versichert hatte, dass alles in Ordnung sei, hätte James herkommen und sich selbst davon überzeugen müssen.
Und jetzt werde ich dich niemals wiedersehen, mein Freund.
Wie viele Schicksalsschläge konnte man ertragen, bevor man unter der Last zusammenbrach? James ließ den Schirm sinken und reckte sein Gesicht dem Himmel entgegen, ungeachtet der eiskalten Tropfen, die gegen seine Stirn prallten. Viele, beantwortete er seine eigene Frage. Jetzt bin ich der Earl und trage eine enorme Verantwortung. Wenn es sein muss, werde ich tausend Schicksalsschläge auf mich nehmen und ertragen.
Die Schultern von der Last seines Kummers niedergedrückt und den Schirm fest in der Hand ging James auf die kleine Brücke zu, über die ein Privatweg vom Landgut ins Dorf führte. Stetig schritt er dahin, obwohl seine Stiefel beinahe im Morast versanken und der beißende Wind ihm den Regen trotz des Schirms ins Gesicht blies. Doch er kümmerte sich nicht darum. Durch den Regenschleier erblickte er in der Ferne einen von den Wassermassen geschwollenen Bach, an dessen Ufer einige Bänke standen. Dort wollte er sich niederlassen, in das rauschende Wasser starren und vielleicht einige Worte zu Richard sagen.
Falls es ein Leben nach dem Tod gab, würde ihn sein Freund ja möglicherweise hören.
James beschleunigte seine Schritte, doch gleich darauf blieb er verwundert stehen. Auf einer der Bänke saß eine junge Dame in einem leuchtend grünen Kleid, völlig unbeeindruckt von dem Wolkenbruch, wie es schien. Ihre Kleidung ließ darauf schließen, dass sie nicht zu Richards Familie gehörte, denn deren Mitglieder trugen alle Trauer. Sie war völlig durchnässt, und ihr lockiges schwarzes Haar klebte ihr an Stirn, Schultern und Rücken. Aus ihrer Kehle drang ein herzzerreißend jämmerliches Wimmern.
Ihr Kummer hatte etwas Intimes und erinnerte James an seinen eigenen Schmerz und das ständige Gefühl der Reue. Um ihre Privatsphäre nicht zu verletzen, wandte er sich zum Gehen, doch dann blieb er zögernd stehen. Das Mädchen würde sich bei dem eisigen Regen den Tod holen. Zumindest konnte er ihr anbieten, unter seinen Schirm zu kommen. James machte kehrt und ging auf sie zu, als sie ruckartig den Kopf hob und ihn erschrocken anstarrte.
Sie hatte die schönsten silbergrauen Augen, die er je gesehen hatte. Jetzt waren sie nass von Tränen, aber dennoch strahlend, und erinnerten ihn an einen Blitz am Nachthimmel. Sie schien jünger zu sein, als er zunächst angenommen hatte; nicht viel älter als zwanzig, und das Bemerkenswerteste an ihr waren das dichte Haar und die schönen Augen. Ansonsten wirkte sie wie ein halb ertrunkenes Kätzchen.
Ohne ihn weiter zu beachten, heftete sie ihren Blick wieder auf den großen Stein, der aus dem Bach ragte, und James verstand. Die Dame war hergekommen, um allein zu sein. Er selbst hatte sich ja aus dem gleichen Grund entschlossen, bei der elenden Kälte zu Fuß zum Wirtshaus zu gehen.
Langsam ging James auf sie zu, und um sie mit seinem Schirm zu schützen, setzte er sich viel dichter neben sie, als er es unter anderen Umständen getan hätte. Sie blickte nur wortlos auf, und in ihren Augen lag eine solche Traurigkeit, dass es James durch und durch ging. Er konnte es sich selbst nicht erklären, warum ihr Blick ihn derart berührte, aber so war es.
Stumm schaute sie wieder auf den Bach, und James respektierte ihr Schweigen und schwieg ebenfalls. Dann bemerkte er die Kröte. Mit aller Kraft kämpfte sie gegen die Strömung an und versuchte, sich auf den Stein zu retten. Kaum hatte sie Halt gefunden, rutschte sie wieder ab und plumpste zurück ins Wasser. Dann versuchte sie es mit einem Sprung, doch ebenfalls vergeblich. Schweigend beobachteten sie beide die Kröte, der es endlich doch gelang, sich auf dem dicken Stein in Sicherheit zu bringen. Dort saß sie nun und blickte, ohne sich am Regen zu stören, in den umgebenden Wald.
„Und wer sind Sie bitte, Sir?“, fragte die junge Frau schließlich, noch immer mit bebenden Lippen gegen die Tränen ankämpfend.
Zu seinem Erstaunen bemerkte er, dass sie einen sinnlich geschwungenen Mund und eine entzückend rundliche Figur besaß, und dass ihr Kleid über dem Busen spannte. „Verzeihen Sie meine Aufdringlichkeit“, antwortete James, dem es peinlich war, dass ihm ausgerechnet jetzt ihr sinnlicher Körper aufgefallen war. „Es war nicht böse gemeint. Mein Name ist James Delaney.“
„Mr. James Delaney?“
Er zögerte, da er nur ungern erwähnen wollte, dass er der Earl of Kingsley war. Bestimmt hatte Richard es niemandem erzählt, und das hielt James auch für überflüssig. Also antwortete er: „Sie scheinen zu wissen, wer ich bin.“
„Sie sind Richards Freund, von dem er mir immer erzählt … erzählt hat“, verbesserte sie sich mit stockender Stimme.
James spürte einen Stich im Herzen. Richard hatte kaum einen Brief von ihm beantwortet. „Er hat von mir gesprochen?“
Ihre traurigen Augen sahen ihn an. „Natürlich. Warum auch nicht? Es war die einzige Gelegenheit, bei der er lächelte.“
James war so überwältigt, dass er kaum noch ein Wort herausbringen konnte. „Würden Sie mir wohl bitte Ihren Namen verraten und woher Sie Richard kannten?“
„Ich bin seine Schwester, Miss Poppy Ashford, und ich habe Sie von seinem Tod benachrichtigt, weil ich unter seinen Papieren einen Brief von Ihnen fand.“
„Vielen Dank dafür, Miss Ashford. Ihr Brief wurde zu meinem Landhaus geschickt, und der Butler dort hat ihn mir nach London nachgesandt. Das dauerte seine Zeit, und daher bin ich nicht mehr rechtzeitig zur Beerdigung gekommen.“
Richard hatte seine Schwester als leidlich hübsch, doch ohne Aussicht auf eine standesgemäße Heirat geschildert und hinzugefügt, dass sie ein sehr freundliches Wesen und viel Charme besaß. „Richard hat mir auch von Ihnen erzählt“, fuhr James fort. „Ich erinnere mich, dass er einmal auf der Suche nach Notenblättern für Sie war.“
„Ja, ich spiele so gerne Klavier und habe es mir selbst beigebracht. Er hat immer Bücher und Notenhefte für mich besorgt. Er hat also wirklich von mir gesprochen“, fügte sie leise hinzu, und in ihren Augen lag ein schwer zu deutender Ausdruck.
„Ja, und stets voller Zuneigung.“ Auch das stimmte.
Sie stieß einen Laut zwischen Lachen und Schluchzen aus. „Dabei habe ich aus berufenem Mund gehört, dass Brüder ihre Schwestern einfach lästig finden oder sie gegenüber ihren Freunden nicht erwähnen, weil sie ihre Beschützerrolle allzu ernst nehmen.“
James drehte sich ein wenig, damit er sie ansehen konnte. „Richard und ich hatten Heimaturlaub und waren zu Fuß auf dem Weg nach Hause. Wir hatten unser Ziel schon fast erreicht, als Richard einen meilenweiten Umweg machte, nur um Süßigkeiten für Sie zu kaufen. Als ich mich beklagte, weil wir in den Dörfern schon an mehreren Süßwarenläden vorbeigekommen waren, erklärte er, dass es nur in einem ganz bestimmten Laden in London die Sorte von Zuckerperlen, Marzipan und kandierter Ananas gab, die Sie am liebsten mochten. Daraus schließe ich, dass Sie ihm keineswegs lästig waren und er Sie sehr geliebt hat.“
Erneut kamen ihr die Tränen, und sie presste eine Hand auf den Mund. „In den letzten Monaten habe ich ihn so sehr enttäuscht und ihn mit meinem Eigensinn schrecklich verletzt. Ich glaube, er hat mir meine Sturheit nie verziehen.“
Ihre Stimme war nur noch ein klägliches Flüstern.
„Hat er das zu Ihnen gesagt?“, fragte James freundlich.
Ihre Brust hob sich in einem zittrigen Atemzug, und sie schien gar nicht zu bemerken, dass sie eine Hand auf sein Knie gelegt hatte und die Finger in den Stoff seiner Hose krallte.
„Nicht direkt. Aber er hat mich gebeten, einen gewissen Herrn zu heiraten, und ich habe mich strikt geweigert! Vermutlich hat er sich über meine Zukunft Sorgen gemacht –“
„Ach, Unsinn!“, entgegnete James mit sanfter Stimme, doch seine Worte schienen sie zu treffen.
Miss Ashford zuckte sichtlich zusammen und blickte ihn mit großen, flehenden Augen an. Er wusste genau, was sie jetzt brauchte – die Beteuerung, dass sie kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte. Nur zu gut kannte er die Gefühle, die ihr das Herz schwer machten: hilfloser Zorn, Schmerz und die Angst, sie könnte nicht genug getan haben, um ihren Bruder zu retten.
Plötzlich fühlte sich James ihr sehr nahe. Unwillkürlich streckte er die Hand aus und strich ihr die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Bei seiner Berührung schlug der Puls an ihrer Kehle schneller, und ein Schauer schien durch ihren ganzen Körper zu gehen.
„Jeder muss einmal sterben, so oder so. Sie konnten nichts für Richards Tod.“
„Ich –“
Er legte ihr einen Finger auf die Lippen, und ihre Worte erstarben. „Nicht das Geringste.“
Doch noch immer war da dieser gequälte Ausdruck in ihren Augen. James ließ die Hand sinken. „Wenn ich mir die Frage erlauben darf, womit haben Sie ihn enttäuscht und verletzt?“
Sie wischte sich die Tränen von den Wangen, was sinnlos war, da der heftige Regen ihr unter dem Schirm immer neue Tropfen ins Gesicht trieb. „Er hat sich so gewünscht, dass ich unseren Gemeindepfarrer heirate, weil er ein ehrbarer Mann ist und ich dann versorgt wäre.“
„Aber Sie wollten nicht?“
„Zuerst nicht. Er machte mir den Hof, und ich war sehr angetan von seiner höflichen und freundlichen Art. Dann … hielt er um meine Hand an, und ich willigte ein. Richard war sehr zufrieden. Der Pfarrer …“ Sie musste sich räuspern. „Mr. Rushworth war neu im Amt und in unserer Gemeinde und kannte daher meine Schwestern noch nicht.“
Sie richtete ihren Blick auf den tosenden Bach. „Anfangs habe ich mich vor dem Augenblick gefürchtet, da er meine jüngste Schwester kennenlernen würde.“
„Warum denn?“, fragte James erstaunt.
„Es scheint, dass jeder Mann, der sie sieht, sich automatisch in sie verliebt“, erwiderte Miss Ashford mit unsicherem Lachen. „Sie ist außerordentlich schön.“
„Aha.“ Jetzt hatte er eine Ahnung, worauf die Geschichte hinauslief.
„Mr. Rushford sah Rebecca und verliebte sich sofort unsterblich in sie. Er ließ mich wissen, dass er nicht länger guten Gewissens mit mir verlobt bleiben könne, da seine Zuneigung jemand anderem gehörte. Ich verzieh ihm seinen Wortbruch. Zum Glück war das Aufgebot noch nicht bestellt worden, und die Sache erregte kaum Aufsehen.“
„Wollte Richard denn, dass Sie ihn trotzdem heiraten?“, fragte James.
„Mr. Rushworth bat meine Stiefmutter und Richard um die Erlaubnis, Rebecca zu heiraten, und natürlich lehnte meine Stiefmutter ab. Eine Schönheit wie Rebecca hat die freie Auswahl, was Ehemänner angeht. Meine andere Schwester, die vor kurzem einen Baron geheiratet hat, versprach, Rebecca in der kommenden Saison in die Gesellschaft einzuführen, wo sie geeignete Verehrer finden und eine gute Partie machen könne. Mr. Rushworth war am Boden zerstört, und nachdem er einige Wochen lang seine Wunden geleckt hatte, hielt er erneut um mich an.“
„Ich weiß nicht, ob ich das abstoßend finden oder seine Frechheit bewundern soll.“
Sie drückte sein Knie noch fester. „Ich war außer mir vor Wut und habe natürlich abgelehnt! Wie käme ich dazu, einen Mann zu heiraten, der so wetterwendisch ist und sich von jedem hübschen Gesicht den Kopf verdrehen lässt? Ich weiß, ich bin nicht die Schönste und habe nicht viel an Talenten vorzuweisen. Aber soll ich deswegen überstürzt heiraten und mir dann ständig Sorgen machen, ob mein Mann mir auch treu bleibt?“
James’ Herz machte einen Sprung. Nicht die Schönste? Sie entsprach zwar nicht dem gängigen Schönheitsideal mit blonden Ringellöckchen, strahlend blauen Augen und einer schlanken, hochgewachsenen Gestalt, doch reizlos war sie keineswegs. Und auch nicht so unscheinbar, wie er anfangs gedacht hatte. Nein, ihre rosig überhauchten Wangen und die strahlenden Augen waren durchaus bemerkenswert.
Miss Ashford schloss die Augen und legte ihre zitternden Finger an den Mund, während Tränen unter ihren gesenkten Wimpern hervorquollen. „Aber Richard hat mich immer wieder gebeten, Mr. Rushford zu heiraten. Wie oft haben wir uns deswegen gestritten. Er sagte, ich sei zu stolz und eine alberne Romantikerin. Ich müsse doch einsehen, dass ich einen Ehemann brauche, der mich beschützt, und dass ich … nichts Besseres erwarten könne als den Pfarrer.“ Ihre Schultern bebten, und Tränen strömten ihr über das Gesicht. „Er war so enttäuscht. In seinen letzten Tagen haben wir kaum miteinander geredet.“
„Miss Ashford“, begann James zögernd, „Poppy …“
Bei der vertraulichen Anrede blickte sie erstaunt auf. James kannte sie nicht, aber er konnte verstehen, wie ihr zumute war. Er wollte sie beruhigen und trösten. Ach, verdammt. „In Ihrem Brief schrieben Sie, dass er zum Schluss sehr schwach und müde war.“
„Ja“, antwortete sie mit bebender Stimme.
Da umfasste er mit der Hand ihr Kinn, sodass sie ihn ansehen musste. Ihre schönen Augen blitzten auf, doch sie entzog sich seinem Griff nicht. „Und das, Poppy, ist der einzige Grund dafür, dass er nicht mehr so viel reden wollte. Bitte sagen Sie mir doch, was seine letzten Worte waren.“
„Ich …“ Sie schluckte schwer, während Regentropfen über ihre Wangen rannen. „Er sagte, dass er mich sehr liebte und dass er wünschte, er hätte es fertiggebracht, dass ich … versorgt bin.“
„Sehen Sie“, erwiderte James leise, „von Enttäuschung hat er nichts gesagt. Und er hat auch nie versucht, Sie zu einer Heirat mit dem Pfarrer zu zwingen, obwohl er als älterer Bruder das Recht dazu gehabt hätte. Und obwohl er schon so schwach war, hat er Ihnen mit letzter Kraft gesagt, wie sehr er Sie liebte. Vergessen Sie das nie und behalten Sie seine letzten Worte für immer im Herzen.“
Sie starrte ihn an wie eine Erscheinung, und ihm kam der Gedanke, dass sie in ihrem Leben wohl nicht allzu viel Freundlichkeit erfahren hatte. Ein Schauer durchlief ihren Körper, und mit schmerzlich verzogenem Gesicht warf sie sich an James’ Brust.
Völlig überrumpelt tätschelte er ihr den Rücken, während er mit der anderen Hand den Regenschirm hochzuhalten versuchte. Schweigend lauschte er ihrem herzzerreißenden Schluchzen und dachte, dass sie die gleiche Trauer und Reue empfand wie er selbst. Fast schien es ihm, als seien ihre Tränen die gleichen, die er um seinen Freund vergossen hatte.
„Sie sind ja nass bis auf die Knochen“, sagte leise, als sie wieder ein wenig ruhiger geworden war.
„Mir ist aber nicht kalt“, murmelte sie an seinem Hals, dann ließ sie ihn so plötzlich los, als habe sie sich verbrannt. Ihre Wangen waren ein wenig gerötet, doch sie wandte ihren Blick nicht ab.
Wortlos reichte er ihr den Schirm, bevor er aufstand und seinen Mantel auszog. Dann nahm er den Schirm wieder an sich und hielt ihr den Mantel hin. „Ziehen Sie den an, sonst holen Sie sich noch den Tod. Ich nehme an, ich kann Sie nicht überzeugen, ins Haus zurückzugehen.“
Als sie aufstand, half er ihr mit einer Hand in den Mantel. „Ist der aber warm. Und er riecht so gut. Vielen Dank“, bemerkte Miss Ashford überrascht. Nachdem sie sich wieder hingesetzt hatte, musste sie ein paarmal gähnen. Vermutlich hatte der Kummer sie erschöpft, und es würde wohl noch schlimmer werden. James hätte nicht sagen können, wie lange sie dort saßen, doch eine Stunde schien es mindestens zu sein. Vor einiger Zeit hatte sie aufgehört zu weinen und saß jetzt ruhig auf der Steinbank. Plötzlich fiel ihr Oberkörper vornüber. Mit einem Ruck wurde sie wach und konnte sich gerade noch fangen.
„Sie sollten nach Hause gehen“, sagte er. „Sonst schlafen Sie nochmal ein und landen mit dem Gesicht im Morast.“
„Ich kann nicht“, entgegnete sie mit rauer Stimme. „Es geht einfach nicht … jedenfalls nicht jetzt. Zuerst muss der Schmerz nachlassen, und ich muss aufhören, an jeder Ecke meinen Bruder zu sehen.“
„Da werden Sie lange warten müssen.“ Monate, Jahre, ein ganzes Leben lang, dachte er, sagte jedoch nichts, weil es ihm zu rührselig erschien.
Darauf gab Miss Ashford keine Antwort, und James schwieg ebenfalls. Ein paar Minuten später wäre sie wieder beinahe eingenickt und von der Bank gekippt.
„Mein guter Sir“, begann sie und strich sich dabei eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
James erschrak. War er denn gut? Noch nie hatte ihn jemand so angeredet. „Ja, Miss Ashford?“
„Dürfte ich mich wohl an Ihre Schulter lehnen?“
Sein Herz zog sich zusammen. Was für eine unerwartete und unziemliche Bitte. Aber er würde niemals einer müden Dame diese Bitte abschlagen. „Aber gerne“, antwortete er freundlich.
Seufzend legte sie ihren regennassen Kopf an seine Schulter, was er als unerwartet angenehm empfand. Nach wenigen Minuten wurden ihre flachen Atemzüge tief und gleichmäßig. Sie war tatsächlich eingeschlafen. Erstaunlich.
Mehrere Minuten vergingen, und der Regen ließ nach. Doch immer wieder rutschte Miss Ashfords Kopf von seiner Schulter, und einmal wäre sie beinahe wieder vornübergefallen. Langsam ließ James den Schirm sinken und blickte zum Himmel. Der Regen hatte sich in Schneegriesel verwandelt. Behutsam, um sie nicht zu wecken, legte er den Schirm auf die Bank. Dann legte er einen Arm um ihre Schultern und den anderen um ihre Taille und hob sie auf seinen Schoß. Ihr Hinterteil ruhte auf seinen Oberschenkeln, und ihr Kopf lag an seiner Brust.
Als er sich vorbeugte, um den Schirm wieder aufzunehmen, öffnete Miss Ashford die Augen und sah ihn an. Ihre Lider waren rot und geschwollen, ihr Blick sehr schläfrig, und es schien sie nicht zu stören, dass er sie in den Armen hielt.
„Ich wollte es Ihnen nur bequemer machen“, sagte er verlegen und merkte selbst, dass seine Ohren feuerrot waren und brannten.
Sie sah ihn an. „Bitte verzeihen Sie mir mein ungehöriges Benehmen“, flüsterte sie. „Ich danke Ihnen für Ihre große Freundlichkeit. Das werde ich Ihnen nie vergessen.“
James hielt ganz still, als ihre Lippen seine Wange berührten. Es war der unschuldigste Kuss, den er in seinen fünfundzwanzig Jahren auf Erden erhalten hatte. Und doch wurde ihm ganz schwindlig, und sein Herz begann wie wild zu klopfen.
Mit einem zufriedenen Seufzer kuschelte sie sich wieder an seine Brust und fiel in einen tiefen Schlummer. Dass sie so viel Vertrauen zu ihm hatte, rührte James und tat ihm ganz seltsam im Herzen weh. Es war skandalös und völlig absurd, dass er hier mit dieser jungen Dame saß, die vor lauter Kummer erschöpft auf seinem Schoß eingeschlafen war. Und wie er sie mit einer Hand an seine Brust drückte, während er sie mit dem großen Schirm in der anderen vor dem anhaltenden Schneeregen zu schützen versuchte, musste geradezu lächerlich wirken.
Wenn jetzt jemand vorbeikäme und sie so sähe, müsste er das Mädchen heiraten, und das wäre völlig unmöglich. Und dennoch ließ er sie auf seinem Schoß sitzen, und zwar so lange, bis der Regen aufhörte, die Sonne langsam unterging und er nur noch unter Schmerzen seine starre Haltung beibehalten konnte.
James war es wichtig, dass sie Ruhe bekam, da waren ihm seine brennenden Schultermuskeln egal. In der Ferne schrie ein Vogel, der Wind strich durch die Baumkronen, und endlich regte sich Miss Ashford und schlug die Augen auf. Als James auf sie hinunterblickte, überzog ein rosiger Schimmer ihre Wangen. Er half ihr, sich aufzurichten, bevor sie langsam von seinem Schoß glitt und auf die Beine kam.
„Vielen Dank“, sagte sie. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen diese Freundlichkeit vergelten kann, Mr. Delaney.“
Auch er stand auf. „Da gibt es nichts zu vergelten, Miss Ashford. Schließlich sind Sie die Schwester meines besten Freundes.“
Für einen Augenblick sahen sie einander schweigend an, und James wusste nicht, warum sein Herz auf einmal so heftig schlug, dass es fast wehtat. Es musste an ihrem tiefen, unergründlichen Blick liegen.
„Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder, Mr. Delaney.“
„Das hoffe ich, Miss Ashford. Bitte gestatten Sie mir, Sie nach Hause zu begleiten.“
Sie schaute auf den Weg, der zum Herrenhaus führte, und dann wieder auf ihn. „Hier bin ich schon oft entlanggegangen; es ist vollkommen sicher … und außerdem möchte ich jetzt alleine sein.“
Als sie seinen Mantel ausziehen wollte, hob James abwehrend die Hand. „Bitte, behalten Sie ihn auf dem Rückweg an, damit Sie nicht frieren.“
Miss Ashford lächelte beinahe unmerklich und sagte leise: „Danke, Mr. Delaney.“
Dann drehte sie sich um und ging davon, ohne noch einmal zurückzuschauen. James sah ihr nach, bis sie seinen Blicken entschwand, bevor er seinen Weg zum Wirtshaus fortsetzte.
Gut drei Stunden später stand James am Fenster des Wirtshauses und blickte auf den Vorplatz hinab. Er hatte ein Bad genommen und zu Abend gegessen, dann jedoch feststellen müssen, dass er nicht einschlafen konnte. In der Hand hielt er den Brief, den Richard ihm gegeben hatte, als sie in den Krieg zogen. James starrte auf die Zeilen und fragte sich, ob sein Freund jemals James’ Brief gelesen hatte. Nach der ersten Schlacht war es ihnen wie Schuppen von den Augen gefallen, und sie hatten erkannt, welche Schrecken ein Krieg mit sich brachte. Daraufhin hatten sie vereinbart, einander einen Brief zu schreiben, ihn jedoch erst dann zu lesen, wenn einer von ihnen gefallen wäre. Denn die Briefe enthielten ihre Wünsche und Hoffnungen, verbunden mit der Bitte, dass der andere sie erfüllen möge.
Beide hatten sie den Brief ihres Freundes aufbewahrt, und obwohl Richard strenggenommen nicht im Krieg gefallen war, hatte James seinen Brief mitgebracht.
Welchen Wunsch sollte ich dir erfüllen, mein Freund?
Mit leicht zitternden Fingern öffnete James den Briefumschlag.
Lieber James,
nun bin ich also nicht mehr am Leben, und Du hältst den Brief mit meinem letzten Wunsch in den Händen. Ich hoffe sehr, dass es erst in vielen Jahren der Fall sein wird, wenn wir alte, verheiratete Männer mit einer großen Kinderschar sind und wir unsere Briefe nur öffnen, um uns an die Vergangenheit zu erinnern und an die törichten Hoffnungen, die wir einst im Herzen trugen.
Sollte ich dagegen jung sterben, hätte ich meine Pflicht gegenüber meiner Familie nicht erfüllt, denn ich bin der älteste Sohn und damit ihr Versorger. Sollten sie meinetwegen in Not geraten, möchte ich Dich nur um eines bitten: dass Du Dich um meine Schwester Poppy kümmerst.
Als mein Vater vor einigen Jahren starb, hinterließ er meiner Stiefmutter ein ansehnliches Witwenteil und stattete meine beiden jüngeren Schwestern mit einer angemessenen Mitgift aus.
Seit er unsere Stiefmutter geheiratet hatte, gab es im Herzen meines Vaters leider nur noch Platz für seine neue Ehefrau und die beiden Töchter, die sie ihm gebar. Und so hinterließ er Poppy nichts als eine Perlenkette und ein Porträt unserer Mutter.
Bestimmt fragst Du Dich jetzt, was ich mit der Bitte, Dich um Poppy zu kümmern, im Sinn habe. Du bist der zweite Sohn einer angesehenen Familie und hast gute Chancen im Leben. Ich bitte Dich also, Poppy zu heiraten.
Ein seltsames Gefühl überkam James, und er las die letzte Zeile noch dreimal, bevor er sich dem Rest des Briefes widmete.
Poppy ist ein hübsches Mädchen mit vielen bewundernswerten Eigenschaften und stets gut gelaunt. Immer wenn ich niedergeschlagen bin, schafft sie es, mich wieder zum Lächeln zu bringen. Sie ist ein wenig romantisch veranlagt, doch damit wäre sie, wie ich finde, ein gutes Gegengewicht zu einem unsentimentalen Menschen wie Dir. Ich weiß, dass Du sie stets freundlich und rücksichtsvoll behandeln würdest, selbst wenn es Dir nicht gelänge, sie zu lieben.
Um ehrlich zu sein, muss ich hinzufügen, dass sie nicht immer nur sanft und lieb ist. Wenn es sein muss, wird ihre Zunge zu einem scharfen Schwert.
Ich weiß, dass meine Bitte eine Zumutung ist und ich damit unsere Freundschaft auf eine harte Probe stelle, aber ich tue es für das Glück meiner Schwester.
Dein Freund Richard
„Verdammt und zugenäht“, entfuhr es James, der sich nicht erklären konnte, warum sein Herz auf einmal wie wild pochte.
Er seufzte tief. Sie hatten die Briefe geschrieben, Jahre bevor James Earl wurde und erkennen musste, dass er seine Ehepartnerin nicht länger frei wählen konnte. Vergangenes Jahr hatte er Richard mitgeteilt, dass Henry sich mit der Tochter eines Weinhändlers verlobt hatte und er, James, nun dieses Versprechen an Stelle seines verstorbenen Bruders erfüllen musste.
Mein lieber alter Freund, die Ehre zwingt mich dazu, Miss Vinette Winters zu heiraten.
Andererseits hatte er auch Richard sein Ehrenwort gegeben, dass er ihm den Wunsch, den sein Brief enthielt, erfüllen würde.
Jetzt steckte er ganz schön in der Zwickmühle.
Kapitel 2
London – zwei Jahre später
Es war ein recht schöner Morgen, und Poppy sog den Duft nach Frühling tief in ihre Lungen. Sie liebte die Blumen, die jetzt blühten, besonders Schneeglöckchen und Schlüsselblumen, und sehnte sich nach dem kleinen, liebevoll gepflegten Garten in Lincolnshire. Der Frühling war überhaupt ihre Lieblingsjahreszeit, wogegen sie den Winter nicht ausstehen konnte. Als sie jetzt die Eingangstreppe zum Stadthaus ihrer jüngeren Schwester in der Upper Wimpole Street hinaufeilte, tat sie es mit ausgesprochen schwungvollen Schritten.
In der vergangenen Woche hatte Poppy drei Bewerbungsgespräche für eine Anstellung als Gouvernante in einem respektablen Haus geführt und hoffte nun sehr, dass sie bald eine passende Stelle finden würde. Mit vierundzwanzig wollte sie auf keinen Fall noch länger von den Zuwendungen ihrer Stiefmutter abhängig sein, zumal diese nur widerwillig und häufig mit der Bemerkung gewährt wurden, was für eine Last es sei, Poppy ernähren und kleiden zu müssen. Sie wünschte sich einen sicheren Lebensunterhalt, ohne auf Familienmitglieder angewiesen zu sein, die in ihr nur eine „bedauerliche Last“ sahen. Diese Worte hatte ihre Schwester Lavinia gebraucht, als sie mit ihrem Mann über Poppy sprach.
Poppy war entschlossen, sich selbst eine Zukunft aufzubauen, ohne von der Gnade anderer abhängig zu sein oder einen Ehemann finden zu müssen. Denn die Chance dafür war minimal, auch wenn Poppy es sich insgeheim sehnlichst wünschte. Mit ein wenig Findigkeit und einer sparsamen Lebensweise konnte sie sich hoffentlich ein gutes Leben schaffen.
Noch bevor sie anklopfen konnte, öffnete ihr der Butler die Tür, und Poppy dankte ihm mit einem Lächeln.
„Mrs. Ashford bittet darum, dass Sie ihr im Salon Gesellschaft leisten, Miss Poppy.“
Poppy, die im Begriff war, ihren Hut abzunehmen, hielt mitten in der Bewegung inne. „Hat Mutter gesagt, sofort, wenn ich zurück bin, oder habe ich noch Zeit, in die Küche zu laufen und mir einen Schluck Tee und ein paar Törtchen zu genehmigen?“
In den Augenwinkeln des Butlers bildeten sich kleine Lachfältchen. „Ich fürchte, sie meinte jetzt gleich, Miss Poppy.“
Sie zog Handschuhe und Jacke aus und reichte beides zusammen mit dem Hut dem Butler. Dann eilte sie durch den Korridor zu dem geschmackvoll möblierten Salon und strich sich im Gehen den Rock ihres praktischen dunkelblauen Kleides glatt. Obwohl die Tür nur angelehnt war, klopfte sie höflich an, bevor sie mit raschen Schritten eintrat. Ihre beiden jüngeren Schwestern, Rebecca und Lavinia, mittlerweile Baroness Hayes, saßen auf einem dunkelgrünen Plüschsofa zusammen mit ihrer Mutter Mrs. Hester Ashford, die einer Ohnmacht nahe schien. Poppy erschrak. Es musste etwas Schlimmes geschehen sein.
„Mutter“, sprach Poppy sie an, denn man hatte ihr schon als kleines Mädchen beigebracht, dass sie ihre Stiefmutter niemals Mama nennen durfte. „Ist alles in Ordnung?“
„Schließ die Tür, junge Dame!“, erwiderte ihre Stiefmutter und erhob sich. Sie war einst das schönste Mädchen ihrer Saison gewesen und galt noch immer als äußerst gut aussehende Frau. Zwar musste sie ihr blondes Haar inzwischen regelmäßig mit Kamillensud spülen, um die Farbe zu erhalten, doch zumindest hatte es nicht diesen Messington angenommen, der aussah wie gefärbt. Ihre feinen Gesichtszüge waren jetzt zu einer wütenden Miene verzerrt, und Poppy wusste, dass einige Fältchen zum Vorschein kommen würden, sobald die Zofe ihr das Make-up entfernte. Dennoch war ihre Stiefmutter sorgfältig zurechtgemacht, und die Anzeichen des Alterns zeigten sich nur bei näherem Hinsehen.
Ihr modisches schulterfreies Kleid aus taubengrauer Seide war elegant und am Saum ebenso mit einer breiten Rüsche aus Brüsseler Spitze eingefasst wie am Dekolleté und, in Form von schmaleren Bändern, an den Manschetten der weiten Ärmel. Ihre Stiefmutter würde hübscher aussehen, wenn sie öfter lächelte, dachte Poppy, doch das tat sie nur in Gegenwart von Männern, die neben einem illustren Namen auch ein ordentliches Vermögen aufzuweisen hatten. Die Augen ihrer Stiefmutter waren von einem ungewöhnlich hellen Blau und konnten den Reichtum eines potenziellen Verehrers mit einem Blick einschätzen.
Rebecca und Lavinia, Ebenbilder ihrer schönen Mutter, standen ebenfalls auf, und alle drei musterten Poppy mit anklagendem Blick.
„Wie konntest du unserem guten Ruf derart schaden!“, schrie Lavinia sie förmlich an. „Kannst du dir vorstellen, was für einen Schock ich bekomme habe, als ich vorhin mit meiner lieben Freundin, Lady Prescott, sprach? Sie erzählte mir, sie hätte heute Morgen ein Gespräch mit einer ganz reizenden Person geführt, die sich als Gouvernante ihrer Kinder beworben hatte. Ich habe strikt geleugnet, dass die Miss Poppy Ashford, von der sie sprach, auch nur entfernt mit uns verwandt ist!“
Leise zog Poppy die Tür hinter sich zu. „Mutter –“
„Mit deiner Eigensucht hättest du uns ruinieren können!“, fauchte ihre Stiefmutter. „Bevor Rebecca nicht verheiratet ist, wirst du uns nicht die Schande antun, dir eine Stellung zu suchen!“
Poppys Herz schlug so heftig, dass sie einige Sekunden brauchte, um sich wieder zu fangen. Mit hoch erhobenem Kopf erklärte sie: „Es war nie meine Absicht, meine Familie zu blamieren. Ich wollte mir nur einen Lebensunterhalt verschaffen.“
„Du hast doch alles, was du brauchst“, fuhr Lavinia sie mit zornroten Flecken auf den Wangen an. „Mama ist nicht verpflichtet, zusammen mit dir zu wohnen, und jetzt lebst du eben in meinem Stadthaus! Wie hättest du es ohne uns nach London geschafft?“
Poppy liebte ihre jüngeren Schwestern sehr, obwohl sie sah, wie sehr ihre Mutter die beiden verwöhnt hatte. Für Poppy dagegen hatte die Stiefmutter nie viel übrig gehabt. Während ihrer gesamten Kindheit hatten sich die ganze Liebe und Fürsorge ihrer Eltern auf Rebecca und Lavinia konzentriert, deren Schönheit im ganzen Dorf gerühmt wurde, und die, da waren sich alle sicher, bestimmt eine gute Partie machen würden. Für Lavinia hatten sich diese Voraussagen bereits erfüllt, denn sie hatte sich einen Baron mit einem Jahreseinkommen von zehntausend Pfund geangelt.
„Ich will eure Großzügigkeit ja gar nicht leugnen, aber es reicht eben nicht“, erwiderte Poppy leise.
„Du undankbares –“, platzte ihre Stiefmutter heraus, doch Poppy unterbrach sie: „Ich meine damit nicht, dass du mehr für mich tun musst. Ich muss selbst besser für mich sorgen, und darum wollte ich mir eine respektable Anstellung suchen. Ich bekomme kein Taschengeld. Meine Kleider sind drei Jahre alt, und die meisten davon habe ich selbst genäht. Eigentlich gehöre ich gar nicht zur Familie, sondern bin nur eine Zuschauerin.“
Auch diese Rolle konnte manchmal amüsant sein, doch es gab Zeiten, da wünschte sich Poppy geradezu verzweifelt, an ihrem gesellschaftlichen Leben und ihren Vergnügungen teilhaben zu dürfen. „Ich versuche, euch eure Freundlichkeit zu vergelten, indem ich alle Aufgaben erledige, die ihr mir auftragt, selbst wenn es sich um Dienstbotenarbeit handelt.“
„Gib uns nicht die Schuld dafür, dass Vater dir keine Mitgift hinterlassen hat! Ihm war klar, dass du wegen deines Aussehens sowieso keinen Mann abkriegen würdest“, bemerkte Lavinia giftig.
Poppy lehnte sich an die Tür und umklammerte den Türknauf so fest, dass ihre Finger schmerzten.
Lavinia saß auf dem Sofa und goss sich anmutig eine Tasse Tee ein, wobei ihre Hände ganz leicht zitterten. „Und dass wir unser Geld nicht für deine Garderobe ausgeben, kannst du uns auch nicht zum Vorwurf machen. Du hattest die Gelegenheit, Pfarrer Rushworth zu heiraten, und hast sie nicht ergriffen! Solltest du nach wie vor darauf bestehen, dir eine Arbeit zu suchen, ohne Rücksicht darauf, wie sehr das Rebeccas Chancen auf dem Heiratsmarkt und meinem guten Ruf schadet, dann kannst du deine Sachen packen und umgehend mein Haus verlassen.“
Poppy fühlte sich, als habe ihr jemand einen Stich ins Herz versetzt. Als sie zu Rebecca hinübersah, die mit ihren achtzehn Jahren gerade ihre erste Saison erlebte, bekam sie Gewissensbisse, weil sie nicht daran gedacht hatte, dass ihre Stellensuche einen Nachteil für ihre Schwester bedeuten konnte.
„Wenn es sich herumspricht, dass meine Schwester als Gouvernante arbeitet, werde ich zur Zielscheibe des Gespötts“, fuhr Lavinia fort und wandte sich ab, als könne sie Poppys Anblick nicht mehr ertragen.
„Wenn du mich nicht mehr in deinem Haus haben möchtest, werde ich gehen“, antwortete Poppy leise. Sie zwang sich, äußerlich ruhig zu bleiben, doch ihr Herz raste, und sie fühlte sich, als müsste sie zerspringen. Ihre Schwestern hatten nicht einmal versucht zu verstehen, warum sie sich eine Arbeit suchen musste. Sie konnte nirgendwohin gehen. In dem Herrenhaus, in dem sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hatte, wohnte jetzt ein entfernter Cousin mit seiner Familie, und Poppy lebte mit ihrer Stiefmutter und Rebecca in Lincolnshire in einem reizenden Cottage mit sieben Zimmern.
Poppy besaß fünfzig Pfund, eine Perlenkette und ein kleines Porträt ihrer Mutter, außerdem Notenhefte und die Briefe, die sie in den vergangenen zwei Jahren mit Mr. James Delaney gewechselt hatte. Und seinen Mantel, den sie manchmal heimlich mit ins Bett nahm. Das war alles, woran ihr Herz hing.
„Lavinia“, sagte Rebecca, nahm neben ihrer Schwester Platz und faltete die Hände. „Wenn Poppy weggeht, wer wird denn dann meine Anstandsdame?“
Der Schmerz fuhr Poppy bis in die Knochen. Für ihre Verwandten besaß sie nur dann einen Wert, wenn sie einen Nutzen aus ihr ziehen konnten. In diesem Moment hasste sich Poppy beinahe dafür, dass sie ihre Schwestern aufrichtig liebte.
„Da du eine Arbeit suchst, werde ich dich einstellen“, sagte ihre Stiefmutter abfällig. „Offensichtlich reicht es nicht, dass ich dich ernähre und dir ein Dach über dem Kopf biete.“
„Du willst mich einstellen?“, fragte Poppy verblüfft.
Ihre Stiefmutter presste die Lippen zusammen. „Du wirst während dieser Saison deine Schwester als Anstandsdame begleiten und bekommst dafür einhundert Pfund.“
Poppys Herz machte einen Sprung. „Einhundert Pfund?“
„Ja.“
„Nein“, erwiderte Poppy und wandte sich zum Gehen.
„Du dummes, undankbares Gör! Soviel verdient eine normale Gouvernante im ganzen Jahr! Und um so eine Stelle wolltest du dich bewerben, ohne an den Ruf deiner Familie zu denken.“
Poppy drehte sich zu ihrer Stiefmutter um. Ihre Kehle brannte, doch sie antwortete mit fester Stimme: „Ich will nicht weniger als sechshundert Pfund.“
Ein mehrstimmiges Keuchen ertönte, das teils beleidigt, teils empört klang.
„Du bist vielleicht unverschämt!“, rief Lavinia und stellte sich demonstrativ neben ihre Mutter. „Rebecca ist deine Schwester! Es sollte dir ein Vergnügen sein, als ihre Anstandsdame zu fungieren.“
„Mutter hat doch auch Zeit, warum übernimmt sie nicht die Aufgabe?“, fragte Poppy mit sanfter Stimme. Dabei kannte sie den Grund nur zu genau. Die beiden wollten frei sein, um die Vergnügungen der Saison genießen zu können. Dabei hatten sie weder Lust, auf Rebecca aufzupassen, wenn sie mit einem Verehrer im Garten spazieren ging oder mit ihm tanzte, noch wollten sie danebensitzen und darauf achten, dass alles schicklich zuging, bis der Mann Rebecca offiziell einen Heiratsantrag machte.
Doch Poppys Stiefmutter hegte nicht nur Ambitionen für ihre Tochter, sondern hatte selbst im Alter von zweiundvierzig Jahren noch ein Auge auf einen verwitweten Viscount geworfen. Und Lavinia bildete sich etwas darauf ein, dass sie einen Baron geheiratet hatte, und machte sich entsprechend wichtig. Ihr Vater hatte dem Landadel angehört und kaum Verbindungen zum Hochadel unterhalten, doch seine beiden Töchter, die er mit seiner zweiten Frau bekam, waren mit großer Schönheit gesegnet, und so hatte sich Lavinia sogar ohne an der Saison teilzunehmen, einen Baron geangelt. Die beiden waren sich auf einem Ball im Festsaal einer nahegelegenen Kleinstadt begegnet, und nur zwei Wochen später hatte er schon um ihre Hand angehalten.
Über diesen grandiosen Fang hatte sich das ganze Dorf wochenlang den Mund zerrissen. Lavinia hatte sich mit Anmut und Leichtigkeit in das Leben der High Society eingefügt; ihr Benehmen war hochmütiger, ihre Garderobe prächtiger und kostspieliger geworden, und sie tat, als sei sie mit einem goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen. Mit einundzwanzig hatte sie keine Lust, die Anstandsdame für ihre jüngere Schwester zu spielen. Nein, Lavinia wollte lachen und tanzen und sich mit der Crème de la Crème in Szene setzen. Ihrer Ansicht nach hatte Poppy auf dem Heiratsmarkt ohnehin keinerlei Chancen und daher genügend Zeit, über die ihre Schwestern verfügen konnten. Selbstverständlich nicht ohne Gegenleistung. Schließlich musste sie nach ihren eigenen Vorstellungen für ihre Zukunft vorsorgen.
„Die Arbeit als Gouvernante beim Marquess of Lindstrom wird mit fünfzig Pfund im Monat vergütet. Als Lohn dafür, dass man dabei hilft, seine drei braven Kinder zu erziehen, ist das ein sehr anständiges Gehalt. Auf diese Stelle kann ich nur gegen eine gleichwertige Entlohnung verzichten.“ Poppy hoffte nur, die anderen würden nicht darauf kommen, dass man ihr die Stelle noch gar nicht angeboten hatte. Tatsächlich rechnete sie eher nicht damit, dass man ausgerechnet sie nehmen würde.
„Du undankbares Mädchen!“, keifte ihre Stiefmutter mit verkniffenem Gesicht. „Na gut, dann wirst du in dieser Saison eben als bezahlte Anstandsdame fungieren.“
Poppy erschrak. Dass es wirklich dazu kommen würde, hätte sie nicht gedacht. Ohne die Großzügigkeit ihrer Stiefmutter hätte sie kein Dach über dem Kopf, und das wäre ein Druckmittel gegen sie gewesen. Doch als sie die anderen ansah, wurde ihr klar, dass sie auf jeden Fall verhindern wollten, dass sich Poppy eine Stelle suchte, bevor Rebecca sicher unter der Haube war. Danach jedoch würde man auf Poppy verzichten können.
„Habt ihr euch schon entschieden, wen Rebecca heiraten soll?“, fragte sie.
„Nicht, dass es dich etwas anginge“, entgegnete Lavinia in blasiertem Ton, „aber ja, das haben wir.“
Plötzlich heiterte sich Rebeccas Miene auf, und ihre blauen Augen funkelten. „Ich glaube, Poppy, du bist ziemlich dumm, wenn du nicht weißt, auf wen ich es abgesehen habe. Natürlich den gefragtesten Junggesellen der Saison. Er ist jung und sieht fantastisch aus! Und reich ist er obendrein.“
„Was die Junggesellen der Saison angeht, bin ich nicht auf dem Laufenden“, erwiderte Poppy trocken.
Rebecca wirbelte im Kreis herum, und ihr Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an. „Ich nehme keinen anderen als den Earl of Kingsley!“
„Heute Abend findet ein Ball statt, und ich habe uns allen Einladungen besorgt“, sagte Lavinia. „Es heißt, der Earl wird auch anwesend sein. Er begleitet seine Schwester, die selbst eine beliebte Gastgeberin ist, oft auf Bälle und andere Veranstaltungen. Heute Abend ist es für Rebecca die Chance ihn kennenzulernen!“
Poppy sah ihre Schwester an. Wenn es jemandem gelänge, einen so vornehmen jungen Mann zu erobern, dann war es Rebecca. Sie war eine große Schönheit mit ihrem weizenblonden Haar, den strahlenden blauen Augen und dem makellosen Gesicht mit der kleinen, geraden Nase, den sanft gerundeten Wangen und dem sinnlichen Mund.
„Dann brauche ich einen Vorschuss von mindestens zweihundert Pfund“, sagte Poppy. „Mit den Kleidern, die ich habe, kann ich auf keinen Ball gehen.“
„Ich habe noch ein paar Kleider vom letzten Jahr, die ich dir geben kann“, antwortete Lavinia mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Du hast ja ziemlich viel abgenommen, seit …“
Poppys Magen krampfte sich zusammen. Seit Richards Tod. Jetzt konnten sie sie nicht länger damit ärgern, dass sie zu mollig wäre. Nach dem Tod ihres Bruders hatte es Monate gedauert, bis Poppy ihren Appetit und die Lust am Leben wiederfand. Ihre Stiefmutter und die Schwestern hatten den Verlust rasch verwunden, und Lavinia hatte sich sogar darüber beklagt, dass sie so lange Trauer tragen sollte.
„Entschuldigt mich bitte“, sagte Poppy höflich, bevor sie die Tür öffnete und in den Korridor floh.
Dort stand sie nun und atmete langsam ein und aus. Sie brachte es nicht fertig, ihre Arbeitssuche fortzusetzen und ihrer jüngeren Schwester damit womöglich die Aussicht auf eine gute Heirat zu verderben. Was sie dagegen durchaus fertigbrachte, war, sich für ihre Arbeit bezahlen zu lassen. Sie schob ihre aufkommenden Gewissensbisse beiseite und eilte die Treppe hinauf in das hübsche Schlafzimmer, das man ihr zugewiesen hatte.
Poppy schlang fest die Arme um ihre Taille. Jetzt musste sie es nur noch ein paar Monate unter einem Dach mit ihrer Stiefmutter und ihren Schwestern aushalten. Sie nahm sich vor, deren Spott und spitze Bemerkungen zu ignorieren, und wäre auch bereit gewesen, auf ihrem Zimmer zu bleiben, wenn Lavinia und ihr Baron Gäste zum Dinner hatten. Nein, Poppy würde ihre Energie darauf verwenden, ihre Zukunft zu planen, da es kein anderer für sie tat.
Ihr Blick fiel auf ein kleines Schmuckkästchen auf dem Toilettentisch. Sie ging hinüber, hob den Deckel hoch und nahm ein Dutzend Briefe heraus. Dann löste sie das Band, das den Stapel zusammenhielt, und wählte den Brief aus, den Mr. Delaney ihr zuletzt geschickt hatte.
Wenn sie nur an ihn dachte, wurde ihr ganz warm ums Herz, und tief in ihrem Unterleib breitete sich ein sonderbares Gefühl aus. Obwohl sie an jenem Tag, als sie sich kennenlernten, todtraurig gewesen war, war ihr die Schönheit seiner indigoblauen Augen ebenso wenig entgangen wie seine tröstlich breiten Schultern und die Art, wie er ihren Schmerz gelindert und ihre innere Leere mit wunderbarer Wärme erfüllt hatte.
In den vergangenen zwei Jahren hatte Poppy oft an Mr. Delaney gedacht. Immer wenn sie einsam und niedergeschlagen war und die Finsternis in ihrem Inneren sie zu verschlingen drohte, hatte die Erinnerung an seine Freundlichkeit ihr wieder Auftrieb gegeben. Ein paarmal hatte sie sogar seinen Mantel mit ins Bett genommen und war an ihn gekuschelt eingeschlafen. In jenen Nächten war das Gefühl der Leere verschwunden, und sie hatte friedlich geschlummert.
Bei dem Gedanken daran wurden ihre Wangen ganz heiß, und sie musste ein wenig verlegen kichern.
Mit zitternden Fingern entfaltete Poppy den Brief.
Liebe Poppy,
vielen Dank für die Mitteilung, dass Sie bald nach London fahren und dass Ihnen mein Geburtstagsgeschenk gefallen hat.
Sie lächelte, wenn sie an die Notenblätter und die kandierten Ananasstücke dachte, die er ihr geschickt hatte. In gewisser Weise hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, über sie zu wachen. Er sandte ihr exquisite und wunderschöne Geschenke, die sie sorgfältig aufbewahrte und niemandem zeigte. Doch mehr noch als die Geschenke bedeuteten Poppy seine Briefe.
Ich finde meinen Vorschlag überhaupt nicht unerhört, Ihnen einen Flügel zu kaufen. Unter Freunden ist ein solches Geschenk weder zu teuer noch unangemessen. Immer wenn Sie das Klavierspielen erwähnen, spüre ich die Leidenschaft in Ihren Worten, und ich möchte Sie unbedingt einmal spielen hören. Sollten Sie in nächster Zeit einmal nach London kommen, schicken Sie mir bitte eine Nachricht an mein Stadthaus am Grosvenor Square. Die volle Adresse lege ich bei. Vielleicht sehen wir uns dann endlich einmal wieder.
Ihr Freund, James Delaney.
Seit drei Wochen hielt sich Poppy nun schon in London auf, doch sie hatte keinen Brief und noch nicht einmal eine Nachricht zum Grosvenor Square geschickt. Irgendetwas machte sie nervös, wenn sie daran dachte, Mr. Delaney wieder persönlich gegenüberzustehen. Sie verstand es selbst nicht, denn bei ihrer ersten Begegnung war ja nichts Ungehöriges vorgefallen.
Plötzlich stand ihr die Erinnerung daran, wie sie sich in seinen Schoß gekuschelt und ihr Gesicht an seinem Hals vergraben hatte, wieder klar vor Augen, und ihr stockte der Atem. Sie war zu vernünftig, um auf die Idee zu kommen, ein so angesehener und beliebter Mann wie Mr. Delaney könnte sich in sie verlieben, und dass er ihr in den letzten zwei Jahren geschrieben hatte, war bestimmt nur seiner Freundlichkeit zuzuschreiben. Mit einem Seufzer faltete Poppy den Brief zusammen und legte ihn wieder in die Schmuckschatulle. Daran konnte es also nicht liegen, dass ihr so bange wurde, wenn sie an ein Wiedersehen mit Mr. Delaney dachte.