Leseprobe Die Bestatterin | Der packende Psychothriller voller dunkler Geheimnisse

Kapitel 1

17. Juli 2025, 08:30 Uhr

Der Strand war um diese Uhrzeit menschenleer, genauso, wie sie es liebte. Die Sonne stand noch recht tief am Himmel. Das Licht war weich, golden und klar und warf einen langen Schatten in die Dünen. Möwen zogen kreischend ihre Runden über dem schäumenden Wasser, als hätten sie sich auf etwas geeinigt, das nur sie verstanden.

Ihre Füße glitten durch den weichen, noch kühlen Sand. Mit jeder Welle, die ihre braun gebrannten Beine umspülte, fühlte sie sich ein Stück leichter. Das Wasser war eiskalt – der Juli hatte zwar die Luft erwärmt, aber das Meer brauchte länger, um die sommerlichen Temperaturen anzunehmen.

Sie war allein mit ihren Gedanken und mit jedem Schritt versuchte sie, die letzten Tage hinter sich zu lassen: die schlaflosen Nächte, die Grübeleien, die Entscheidung, die sie getroffen hatte und die sich jetzt nicht mehr rückgängig machen ließ.

Was habe ich getan?, fragte sie sich wieder. Was habe ich nur getan?

Der Wind war warm, aber kräftig. Sie hatte ihre Haare zu einem lockeren Knoten hochgesteckt, einzelne Strähnen hatten sich gelöst und kitzelten sie im Nacken. Heute störte sie das nicht. Heute wollte sie einfach nur laufen, etwas spüren und existieren.

Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung – einatmen, ausatmen -, Schritt für Schritt. Die Wellen rollten rhythmisch heran, zogen sich zurück, kamen wieder. Beständig. Beständig und verlässlich.

Nur ein hellgrünes Bonbonpapier und eine große schwarz-weiße Muschel rissen sie aus ihrer Trance. Sie blieb stehen, bückte sich und hob die Muschel auf. Das Muster erinnerte sie an das Yin-und-Yang-Zeichen. Ideal ausbalanciert – Schwarz und Weiß, Hell und Dunkel, Leben und Tod.

Ihr Blick fiel auf ihre linke Hand. Am Ringfinger zeichnete sich noch ein heller Rand ab, wo bis vor Kurzem ein Ring gesessen hatte. Ein blasser Schatten eines Versprechens.

„Was habe ich nur getan?“, flüsterte sie der Muschel zu. Ihre Stimme klang fremd in der morgendlichen Stille. Sie schloss die Finger um die Muschel und steckte sie in die Tasche ihrer Shorts.

Als sie wieder aufsah, bemerkte sie, wie weit sie bereits gelaufen war. Die Dünen wirkten wilder, mehr Treibholz lag am Strand, hier war es weniger gepflegt als am Abschnitt vor dem Haus. Mindestens drei Kilometer, schätzte sie. Doch je weiter weg, desto besser.

Sie drehte sich einmal im Kreis. Hinter ihr zogen sich ihre Fußspuren wie eine einsame Perlenkette durch den Sand. Vor ihr war nur unberührter Strand, niemand zu sehen. Nur sie, das Meer und die Möwen.

Perfekt.

Zu perfekt.

Sie hielt inne. Ein Kribbeln lief ihr über den Rücken, ohne dass sie hätte sagen können, warum.

Ein kurzes Husten hinter ihr ließ sie zusammenfahren.

Ihre Muskeln spannten sich an. Ihr Herz, eben noch ruhig, begann zu rasen. Noch bevor sie sich umdrehen konnte, packten sie von hinten Hände.

Starke Hände. Hart und zielstrebig.

Ein Arm legte sich wie eine Stahlkette um ihren Oberkörper, presste ihre Arme an den Leib, machte jeden Widerstand unmöglich. Sie holte Luft, um zu schreien, doch bevor ein Laut ihre Kehle verlassen konnte, legte sich ihr eine Hand mit einem Lappen über Mund und Nase.

Der süßliche Geruch traf sie wie ein Schlag.

Chloroform.

Ihr Verstand erkannte es sofort – von ihrem Beruf, von ihrer Arbeit. Aber nie hatte sie es so nah, so brutal wahrgenommen.

Nicht einatmen!

Sie riss die Augen auf, hielt die Luft an, so lange sie konnte. Ihre Lungen begannen zu brennen. Sie trat nach hinten, traf einen harten Körper. Ihre Fingernägel krallten sich in den Arm, der sie hielt, aber der Griff löste sich nicht.

Die Welt verengte sich unter dem Druck auf ihren Brustkorb, dem Brennen in ihrer Lunge, dem Lappen vor ihrem Mund.

Nicht einatmen! Atme nicht ein!

Doch ihr Körper war anderer Meinung.

Als der Schmerz unerträglich wurde, öffnete sich ihr Mund reflexartig, und die vergiftete Luft strömte in sie hinein.

Der Effekt war unmittelbar.

Die Farben um sie herum verblassten. Die Möwen wurden zu grauen Schlieren am Himmel. Ihre Beine gaben nach.

Nein.

Sie versuchte, sich noch einmal zu wehren, doch ihr Körper gehorchte nicht mehr.

Sie spürte, wie ihr Widerstand nachließ und sie in der Umklammerung zusammensackte. Ihre Knie schlugen auf den Sand, dumpf, weit weg.

Nur noch schemenhaft nahm sie wahr, wie ihre Beine über den Boden schleiften. Sand rieb an ihrer Haut, kleine Steine bohrten sich in ihre Fersen. Sie wollte schreien, aber ihre Stimme war nur noch ein kratzender Laut in ihrem Kopf.

Schwarze Wellen rollten über ihr Bewusstsein.

Die Muschel.

Sie spürte den Druck in der Tasche ihrer Shorts und ertastete sie durch den Stoff. „Bleib bei mir!“, flüsterte sie, oder glaubte es zu tun, und klammerte sich mit letzter Kraft an diesen kleinen, glatten Gegenstand.

Schwarz und Weiß. Hell und Dunkel. Leben und Tod.

Dann verschluckte die Dunkelheit sie vollständig.

Die Wellen rollten an den Strand, zogen sich zurück, kamen wieder. Beständig, verlässlich.

Und dort, wo eben noch eine Frau gestanden hatte, verwischte das Meer die Fußspuren im Sand.

Als hätte es sie nie gegeben.

Kapitel 2

Januar 2025

Das Klingeln riss Maria aus ihrer fast meditativen Konzentration. Ihre Hand zuckte. Ein Spritzer Desinfektionsmittel landete auf der Schutzbrille und zog eine milchige Schliere über das Glas.

Sie hasste Unterbrechungen. Hasste, wenn die Außenwelt in diesen Raum eindrang, in dem sie die Kontrolle hatte. Hier war alles geordnet, vorhersehbar und still.

Anna hatte wieder einmal vergessen, die Anrufe weiterzuleiten. Natürlich.

Mit einem Ruck streifte Maria die Latexhandschuhe ab – der linke riss mit einem feuchten Schnalzen. Sie fluchte leise, legte die Instrumente beiseite, zog die Schutzbrille aus und ging in den Flur. Das Telefon schrillte weiter, hart und unnachgiebig.

„Bestattung Moretti, wo das Leben mit dem Tod beginnt, Maria Moretti am Apparat.“

Die Worte kamen automatisch, warm und weich, wie die Anrufer es erwarteten.

Stille.

Nicht die Stille eines leeren Raums – die Stille von jemandem, der da war und schwieg. Sie hörte das Atmen am anderen Ende, flach, stockend, wie kurz vor dem Weinen.

„Hallo? Bestattung Moretti, ich höre Sie.“

Ein Knacken in der Leitung. Dann das Klicken einer getrennten Verbindung.

„Ach, komm schon …“ Maria knallte den Hörer auf die Gabel. Plastik krachte auf Plastik.

Sie blieb stehen, die Hand noch auf dem Telefon, und atmete tief durch. Solche Anrufe kannte sie – Menschen, die einen Bestatter brauchten, aber beim Wählen zurückschreckten … noch nicht bereit waren für das, was dann folgen würde.

Sie verstand das. Sie verstand das nur zu gut.

Vor zehn Jahren hatte sie selbst so am Telefon gehangen, hatte mit tauben Lippen „meine Eltern“ sagen müssen.

Sie strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht und ging zurück zum Versorgungsraum. Die schwere Metalltür quietschte klagend. Toni hätte die Scharniere längst ölen sollen.

Aber in dem Moment, als sie den Raum betrat, vergaß sie die Tür.

Toni stand mit dem Rücken zu ihr, das Handy am Ohr, die Schultern zuckten im Takt seines leisen Lachens. „… später … ja genau … kann es kaum erwarten …“

Auf dem Edelstahltisch lag Herr Meindel, unverändert, die Instrumente bereit, die Formaldehydlösung in der Pumpe. Doch Toni arbeitete nicht.

„Toni.“ Marias Stimme war leise, aber schneidend.

Er fuhr herum, das Handy rutschte ihm beinahe aus der Hand. In seinen Augen ein kurzes Aufblitzen von Schuldbewusstsein, dann erschien sein übliches Grinsen.

„Hey, Maria, ich hab nur kurz …“

„Wie lange ist Anna noch im Urlaub?“ Ihre Stimme wurde kühl. „Und warum hast du schon wieder dein verdammtes Handy in der Hand, während ein Mensch hier liegt und darauf wartet, dass wir ihm seine Würde zurückgeben?“

Toni hob beschwichtigend die Hände. „Entspann dich, Maria. Herr Meindel läuft uns ja nicht weg.“

Der Satz blieb zwischen ihnen hängen. Toni grinste. Er fand sich offenbar witzig.

Maria atmete durch, zählte innerlich bis fünf.

Bevor sie antworten konnte, klingelte vorne das Telefon erneut.

„Ich geh mal kurz aufs Klo“, murmelte Toni und schlurfte in Richtung Ausgang, das Handy immer noch in der Hand.

Maria presste die Lippen zusammen und starrte ihm hinterher. Dann ging sie zum Telefon.

Eine ältere Dame am anderen Ende wollte sich zur Seebestattung beraten lassen. Maria erklärte die Möglichkeiten, Kosten, Abläufe - ihre Stimme sanft, geduldig und professionell.

Eine Viertelstunde später stand sie wieder im Versorgungsraum. Herr Meindel lag noch genauso da wie zuvor. Von Toni keine Spur.

Sie hörte gedämpftes Kichern aus der Toilette, zwei Stimmen, eine davon hoch und kreischend. Jacky. Tonis neuestes Internet-Date. Warum musste er auch auf Lautsprecher stellen? Warum überhaupt so laut sein?

Maria versuchte, es zu ignorieren.

Sie wandte sich wieder dem Toten zu.

Joseph Meindel. Geboren 1965, gestorben an einem Herzinfarkt. Sechzig Jahre. In ihrem Beruf lernte man schnell, wie willkürlich der Tod war.

Sie griff nach seiner Akte, entzifferte die krakelige Handschrift des Hausarztes: Herzinfarkt. Adipositas. Hypertonie. Die übliche Kombination.

„Erst sechzig“, murmelte sie leise, während sie den vom Waschen dünn gewordenen Schlafanzug öffnete. „Zu viel Stress? Zu viel Cholesterin? Zu wenig Bewegung?“ Sie faltete die Kleidung ordentlich zusammen. Die Familie würde entscheiden, ob er darin beerdigt werden sollte.

Sie positionierte ihn auf dem Tisch, begann mit der Desinfektion. Der scharfe Geruch mischte sich mit dem süßlichen Duft des Todes. Ihre Hände arbeiteten routiniert.

Dann sah sie es.

Ein Tattoo im Schambereich.

Sie beugte sich näher. Ein Totenkopf mit Mütze. Sie kniff die Augen zusammen. Ein Schlumpf-Totenkopf?

„Herr Meindel“, entfuhr es ihr, ein kurzes Lachen ließ sich nicht unterdrücken, „was hat Sie denn dazu bewogen?“

Sie schüttelte den Kopf, warf die benutzten Lappen in den Eimer und arbeitete weiter.

Auf dem Edelstahltisch waren alle gleich. Entkleidet von Status, Rolle und Geschichte. Maria stellte sich trotzdem vor, wie ihr Leben wohl gewesen war: Ehepartner, Morgenkaffee, letzte Gedanken.

„Du warst bestimmt verheiratet“, murmelte sie, während der Hydrosauger leise surrte. „Vielleicht mit einer Frau, die gut kocht und dich liebt … und dir zu wenig Bewegung erlaubt hat.“

Die Toilettentür ging auf.

Toni kam heraus, das Hemd zerknittert, das Haar zerzaust, ein breites Grinsen im Gesicht.

„Toni.“ Marias Stimme ließ keinen Widerspruch zu. „Schutzkleidung. Sofort.“

„Ja, ja, bin schon da, Chefin.“ Er zog sich einen Kittel über und stellte sich neben sie. Er grinste noch immer.

Maria legte den Hebel der Pumpe um, die Formaldehydlösung begann zu fließen. Toni reichte ihr eine Maske.

„Hier, Chefin. Die haben Sie mal wieder vergessen.“

Wortlos nahm sie die Maske. Der beißende Geruch des Formaldehyds kroch selbst durch den Vliesstoff.

„An den Geruch werde ich mich wohl nie gewöhnen“, murmelte sie.

Eine Weile arbeiteten sie schweigend nebeneinander. Nur das Surren der Pumpe und das gelegentliche Klirren von Instrumenten waren zu hören. Toni machte die Ligatur. Seine Finger waren überraschend geschickt, wenn er sich konzentrierte. Er spannte einen Faden um Herrn Meindels Kiefer, damit Ober- und Unterkiefer von innen zusammengenäht werden konnten.

Maria dachte an ihren Vater. „Wir geben den Menschen ihre Würde zurück“, hatte er gesagt. Damals, mit vierzehn, hatte sie gelacht und sich geschworen, niemals mit Toten zu arbeiten.

Jetzt stand sie hier.

Ihr Handy klingelte. Am Ton konnte sie hören, wer sie störte. I Will Survive von Gloria Gaynor drang gedämpft durch den Raum.

„Toni, geh bitte ran und sag Dani, dass ich später komme.“ Maria stopfte die letzte Tamponade ins rechte Nasenloch des Verstorbenen. „Sie soll mit dem Essen auf mich warten.“

Toni nahm das Handy. Seine Stimme wurde sofort zuckersüß. „Hey, Dani! Wie gehts dir denn?“

Er lehnte sich lässig gegen den Tisch, spielte mit einem Skalpell. Maria wusste genau, warum er sich so ins Zeug legte. Dani war attraktiv, und Toni hatte Augen im Kopf.

„Jedes Mal das Gleiche!“ Danis Stimme tönte plötzlich schrill aus dem Lautsprecher.

Maria fuhr herum, wedelte hektisch mit der Hand, weil Toni den Lautsprecher ausstellen sollte. Zu spät.

„Maria, ist das dein Ernst?“ Danis Stimme klang schrill vor Empörung. „Ich habe gekocht und Markus' Freund eingeladen. Könnte ja sein, dass auch du mal wieder einen Mann abbekommst!“

Tonis Augen wurden groß, sein Grinsen noch größer.

Maria riss ihm das Telefon aus der Hand.

„Toni, näh ihn zu“, sagte sie eisig. „Und kein Wort mehr.“

Sie verließ den Raum.

Im Flur, umgeben von gerahmten Fotos vergangener Beerdigungen und künstlichen Blumen, holte sie tief Luft.

„Was soll das, Dani?“ Ihre Stimme klang schärfer, als sie wollte. „Spinnst du?“

„Ich versuche nur, dich aus deiner Arbeitslethargie zu holen“, entgegnete Dani. „Du wolltest pünktlich kommen, und ohne nach Tod zu riechen.“

Maria sah auf die Uhr: 18:45 Uhr. Wenn sie sich beeilte …

„In einer halben Stunde bin ich da. Versprochen.“

„Okay. Und zieh was Schönes an. Nicht wieder diese Vintage-Sachen.“

„Ja, Mama.“ Maria verdrehte die Augen und legte auf.

Zurück im Versorgungsraum war Toni mit der Arbeit fertig. Herr Meindel war gewaschen, die Haare lagen ordentlich, das Tattoo dezent abgedeckt.

„Gute Arbeit, Toni.“

„Danke, Chefin. Und … viel Glück heute Abend.“ Er grinste vielsagend.

Gemeinsam schoben sie Herrn Meindel in die Kühlung. Die kalte Luft schlug ihnen entgegen. Maria fuhr über seine gefalteten Hände.

„Ruhen Sie in Frieden, Herr Meindel. Morgen bringen wir Sie zu Ihrer Familie.“

Die Kühlungstür schloss sich mit einem dumpfen Schlag.

***

Hastig stürmte Maria die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. Im selben Haus zu wohnen, in dem sie auch ihr Bestattungsinstitut hatte, war Fluch und Segen zugleich: kein Arbeitsweg, aber auch niemals wirklich Feierabend.

Und manche Männer fanden es unheimlich, dass unter ihnen Leichen lagen.

Die meisten blieben nicht über Nacht.

Sie schloss die Wohnungstür auf. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Überall Erinnerungen: Fotos ihrer Eltern, die alten Bücher des Großvaters, das Aquarell ihrer Mutter mit der toskanischen Landschaft – ihre Familie stammte aus Italien.

In der Dusche stellte sie das Wasser so heiß, wie sie es gerade noch ertrug. Sie wusch sich den Geruch von Formaldehyd und Tod aus Haut und Haaren – einmal, zweimal, dreimal.

Fünf Jahre war sie jetzt allein. Länger als sie wahrhaben wollte.

Sie hatte sich ihr Leben mit vierunddreißig anders vorgestellt: verheiratet, mit Kindern, Familie. Stattdessen lebte sie allein über einem Bestattungsinstitut und verbrachte mehr Zeit mit Toten als mit Lebenden.

Das Wasser prasselte auf ihre Schultern, während die Gedanken an den Unfall ihrer Eltern kurz aufflackerten - der Anruf der Polizei, die Leichenhalle, die Entscheidung, sie im eigenen Haus aufzubahren. Sie verscheuchte die Bilder, drehte das Wasser ab.

Sie hatte nie den Wunsch gehabt, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Nach dem Schulabschluss hatte sie eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. Kinder waren ihr schon immer am liebsten gewesen. So jung, so lebendig, so voller Möglichkeiten. Das Gegenteil von dem, was sie jetzt tagtäglich um sich hatte.

In der Ausbildung hatte sie auch Dani kennengelernt. Freundschaft auf den ersten Blick. Dani war laut, wo Maria leise war. Selbstbewusst, wo Maria zweifelte. Sie ergänzten sich.

Eingehüllt in einen Frotteebademantel stand sie vor dem beschlagenen Spiegel, wischte mit der Hand eine Fläche frei.

Sie mochte ihr Gesicht: haselnussbraune Augen mit einem kleinen grünen Kranz, Sommersprossen um die Stupsnase herum, volle, herzförmige Lippen.

Ihre kupferroten Haare hatte sie wachsen lassen. Sie reichten ihr mittlerweile bis unter die Schulterblätter.

Mit dem Rest ihres Körpers war sie weniger zufrieden. Sie war 170 Zentimeter groß – genauso groß wie Dani – hatte aber einige Kilo mehr auf den Rippen. Diäten, Jo-Jo-Effekt, aufgegebene Vorsätze – eine lange Geschichte.

Das Handy klingelte – I Will Survive dröhnte aus dem Schlafzimmer.

„Ich bin schon unterwegs“, rief sie ins Telefon. „Ich musste nur noch den Tod von mir runterwaschen!“

Sie legte auf, bevor Dani antworten konnte.

Im Kleiderschrank herrschte Chaos.

Sie griff nach dem grünen Wickelkleid mit den weißen Punkten. Vintage, Dani würde es hassen, aber es war bequem und sie fühlte sich wohl darin.

Ein schneller Zopf, zu viel Parfüm. Sie schnappte sich ihre Handtasche und die Autoschlüssel und rannte die Treppen hinunter.

Etwas Make-up mithilfe des Rückspiegels an den roten Ampeln aufgetragen.

Der alte Audi war beim ersten Versuch angesprungen.

Sie schaffte die Strecke in zwölf Minuten.

Dani wartete bereits am Eingang, weil sie den knatternden Auspuff gehört hatte.

„Na endlich!“ Dani wischte ihr mit dem Daumen Lippenstift vom Kinn. „Du siehst aus wie eine Achtjährige, die sich an Mamas Schminke vergriffen hat.“

„Schön, auch dich zu sehen“, murmelte Maria und ging an ihr vorbei hinein.

Das Esszimmer roch nach Lasagne und Rotwein. Markus stand auf, kam ihr entgegen und zog sie in eine Umarmung.

„Hallo Mimi! Schön, dass du es geschafft hast.“

Mimi. Nur er durfte sie so nennen. Seit fünfzehn Jahren an Danis Seite, ein Bär von einem Mann mit blondem Bart und warmen Augen.

„Noch zehn Minuten länger und Dani wäre durchgedreht!“ Er grinste breit.

„Hey, ich kann dich hören!“, warf Dani aus der Küche ein.

Markus löste sich von Maria und drehte sich zur Seite. „Darf ich vorstellen: das ist Matteo Schönfeld.“

Matteo stand vom Tisch auf und kam auf sie zu.

Er war groß, schlank, mit definierten Schultern unter einem hellblauen Hemd, dessen Ärmel lässig bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt waren. Braune, leicht gelockte Haare, gebräunte Haut – und Augen so blau, dass sie im ersten Moment fast unecht wirkten.

„Schön, dich kennenzulernen, Maria.“ Seine Stimme war tief und warm, mit einem leichten Dialekt. „Ich habe schon viel von dir gehört.“

Er streckte ihr die Hand entgegen.

Als Maria diese berührte, schoss ihr das Blut in den Kopf.

„Hallo, schön, dich …­ auch kennenzulernen auch!“, brachte sie hervor und hätte sich am liebsten auf der Stelle in den Boden gegraben.

Matteo lächelte, als hätte er das gar nicht bemerkt. „Gehts dir gut?“

„Ja! Ja, alles gut. Langer Tag. Arbeit.“ Sie redete zu schnell. „Viel zu tun.“ Sie flüchtete zu Dani in die Küche.

„Setzt euch, ihr beiden“, sagte Dani. „Das Essen wartet nicht.“

Sie kam mit der Lasagne-Form herein, Maria folgte mit einer großen Salatschüssel.

Als sie sich setzen wollte, stand Matteo auf und zog ihr den Stuhl zurück.

„Danke“, murmelte sie und spürte, wie ihr Gesicht wieder ganz heiß wurde.

Dani verteilte Lasagne-Stücke auf die Teller. Die Schichten aus Pasta, Hackfleisch und Béchamelsoße sahen perfekt aus.

„So“, sagte sie, „guten Appetit zusammen.“

Für einen Moment aßen alle schweigend. Nur das Klappern des Bestecks war zu hören.

„Woher kennt ihr euch?“, fragte Maria schließlich.

„Aus dem Krankenhaus“, antwortete Markus, der dort der kaufmännische Direktor war. „Er ist der neue Kinder-Kardiologe.“

„Seit vier Monaten leite ich die Abteilung“, ergänzte Matteo und goss ihr Wein nach, ohne zu fragen. Aufmerksam, nicht aufdringlich. „Und ich bereue den Wechsel hierher kein bisschen.“

„Wo kommst du her?“, fragte Maria, jetzt etwas ruhiger.

„Aus Freiburg. Uniklinik. Großes Haus, gute Leute, aber auf Dauer zu anonym.“

Maria nickte. Sie konnte ihn gut verstehen. Das Bedürfnis zu wissen, wo man hingehörte – oder eben nicht –, war ihr sehr vertraut.

„Und deine Familie?“, fragte sie vorsichtig.

„Meine Eltern sind beide tot“, sagte er ruhig. „Meine Mutter ist an Krebs gestorben, mein Vater ein Jahr später. Offiziell Herzinfarkt, ich würde aber eher behaupten: gebrochenes Herz.“

„Das tut mir leid“, bekundete Maria leise. „Meine Eltern sind auch tot. Autounfall. Vor zehn Jahren.“

Ihre Blicke trafen sich. Ein kurzer Moment, in dem beide verstanden, was der andere verloren hatte.

„Dann weißt du ja, wie es ist“, bestätigte Matteo.

„Ja.“

Dani räusperte sich demonstrativ. „Also, wer will noch Lasagne?“

Die Stimmung lockerte sich wieder. Matteo erzählte Anekdoten aus dem Krankenhaus. Von einem Jungen, dessen Herz angeblich schneller schlug, wenn er an Schokolade dachte. Von einer Kollegin, die bei jeder OP heimlich Liebesromane hörte. Maria schilderte, wie Toni einmal eine Trauergemeinde mit einer verwechselten Urne fast in Panik versetzt hätte.

„Und hast du keine Angst vor Geistern?“, fragte Matteo irgendwann.

Maria lächelte. „Die Toten sind die friedlichsten Menschen, die ich kenne. Die Lebenden machen mir mehr Sorgen.“

„Da hast du recht“, murmelte er und prostete ihr zu.

Sie sprachen über Filme, Musik, Bücher, entdeckten gemeinsame Vorlieben – Schwarz-Weiß-Filme –, und Abneigungen – Koriander, Pizza mit Ananas.

„Siehst du“, flüsterte Dani Markus zu, als Maria und Matteo sich angeregt unterhielten, „ich hab’s gewusst.“

Beim Dessert – Tiramisu – tauschten Maria und Matteo Telefonnummern aus. Sie rief ihn sofort an, um sicherzugehen, dass seine Nummer stimmte.

Sein Handy klingelte in seiner Tasche. Er nahm ab, obwohl Maria direkt neben ihm saß.

„Hallo?“, sagte er, während er sie ansah.

„Hallo“, flüsterte sie in ihr eigenes Telefon und musste lachen.

Die Stunden vergingen. Sie redeten, lachten und tranken Wein. Es war, als würden sie sich schon ewig kennen.

Später, viel später, als sie auf die Uhr sah, war es bereits kurz vor eins.

„Der Verstorbene muss um acht zum Waldfriedhof“, entfuhr es ihr.

„Du fährst jetzt aber nicht mehr“, entschied Dani und legte ihr die Hand auf den Arm.

„Kein Problem“, sagte Matteo. „Ich hab nicht viel getrunken, ich bringe sie nach Hause – wenn das für dich okay ist, Maria?“

Es war mehr als okay.

***

Sie verabschiedeten sich von Markus und Dani. An der Tür umarmte Dani Maria fest und flüsterte ihr ins Ohr: „Er ist perfekt für dich. Vermassle es nicht!“

Draußen war die Nachtluft kühl und klar. Die Sterne funkelten über ihnen. Bis zu Matteos Wagen mussten sie nur wenige Schritte laufen. Er hielt ihr die Tür auf. Wartete, bis sie Platz genommen hatte, bevor er diese sanft schloss. Als sie kurze Zeit später vor ihrem Haus hielten, stieg er aus, um ihr wieder die Tür zu öffnen.

„Das kenne ich gar nicht“, sagte sie verlegen. „Also … das mit dem Türaufhalten.“

„Vielleicht gewöhnst du dich ja daran“, meinte er.

Matteo trat einen Schritt näher. Für einen Moment stand die Zeit still. Maria konnte sein Aftershave riechen – herb, maskulin, mit einer Note von Zedernholz.

Er beugte sich vor und küsste sie auf die Stirn.

„Gute Nacht, Maria.“

„Gute Nacht“, hauchte sie. „Und danke fürs Nach-Hause-Bringen.“

„Ich melde mich.“

Sie nickte.

Er wartete, bis das Licht im Treppenhaus anging, bevor er ins Auto stieg und davonfuhr.

Maria lehnte sich für einen Augenblick gegen die Haustür, ihr Herz schlug noch viel zu schnell.

Vielleicht, dachte sie, während sie die Treppen hinaufstieg, war das Leben doch noch nicht fertig mit ihr.

Sie ließ das grüne Kleid achtlos auf den Boden fallen, kroch ins Bett und schlief mit einem Lächeln ein.

Kapitel 3

17. Juli 2025, 14:00 Uhr

Dunkelheit.

Nicht die sanfte Dunkelheit des Schlafes, sondern etwas Schweres, Drückendes, wie eine nasse Decke, über ihrem Gesicht.

Maria versuchte, die Augen zu öffnen, aber ihre Lider fühlten sich an, als wären sie mit Blei beschwert. In ihrem Kopf pulsierte ein stechender Schmerz, der von ihren Schläfen ausging und sich wie flüssiges Feuer ausbreitete.

Sie stöhnte. Das Geräusch ihrer eigenen Stimme klang fremd in ihren Ohren … rau … kratzig. Als gehörte sie jemand anderem.

Wo bin ich?

Ihr Mund war trocken, die Zunge klebte am Gaumen, dick und pelzig. Sie schluckte, spürte ein Kratzen im Hals und den bitteren Geschmack von Galle.

Langsam, quälend langsam, bekam sie die Augen einen Spalt weit auf. Grau auf Grau. Verschwommene Formen, die sich bewegten, wenn sie blinzelte.

Eine Wand tauchte aus dem Nebel auf. Ziegel, alt und rötlich, mit weißen Schimmelflecken in den Fugen. Der Geruch von Feuchtigkeit hing schwer in der Luft, modrig, abgestanden.

Stück für Stück kamen Erinnerungsfetzen zurück. Der Strand. Die Morgensonne über dem Wasser. Sand unter den Füßen. Die Muschel in ihrer Hand. Das Husten hinter ihr. Die Hände. Chloroform.

Maria setzte sich ruckartig auf. Die Welt kippte. Ihr Magen drehte sich, sie beugte sich zur Seite, bereit, sich zu übergeben, aber es kam nur ein trockener Würgereflex.

Sie hielt inne und atmete keuchend. Ihr ganzer Körper zitterte.

Mit beiden Händen tastete sie sich ab. Die Finger fühlten sich taub an, als würden sie jemand anderem gehören.

Arme. Beine. Kopf. Alles da.

Dann … nackte Haut unter ihren Händen. Kühle Luft auf Brust, Bauch, Schenkeln.

Sie erstarrte.

Nein!

Ihre Arme umklammerten ihren Körper, sie zog die Knie an, machte sich so klein wie möglich. Ihr Herz hämmerte, als wollte es durch ihren Brustkorb schlagen.

Was hat er mit mir gemacht?

Sie zwang sich, weiterzutasten. Kein Schmerz, außer dem dumpfen Pochen im Kopf. Keine offensichtlichen Verletzungen, keine feuchten Stellen, kein klebriger Film auf der Haut. Trotzdem konnte sie den Gedanken nicht zu Ende denken, verweigerte die Worte in ihrem Kopf.

Atmen.

Sie zwang ihre Lunge zu einem tieferen Atemzug, dann zu noch einem. Einatmen, bis vier zählen. Ausatmen, bis vier. Eine Technik, die sie mit den Trauernden in Beratungsgesprächen anwendete, jetzt gegen die eigene Panik.

Langsam begann sie, ihre Umgebung wahrzunehmen.

Sie saß auf einer Matratze – dünn, ohne Bezug, nackter Schaumstoff, der an ihrer Haut kratzte und nach Chemikalien roch. Daneben ein gelber Plastikeimer und eine durchsichtige Wasserflasche, verschlossen.

Ihr Blick blieb an der Flasche hängen.

Ihr Mund fühlte sich an wie Sandpapier. Jeder Gedanke an Wasser ließ ihre Kehle brennen.

Sie griff nach der Flasche. Der Verschluss wehrte sich gegen ihre zitternden Finger, doch dann gab er nach.

Sie wollte trinken.

Warte.

Der Instinkt, den sie sich im Umgang mit Formaldehyd und Desinfektionsmitteln antrainiert hatte, meldete sich.

Sie hielt die Flasche an die Nase und roch konzentriert. Kein chemischer Geruch, nur das vage Plastik-Aroma von abgestandenem Wasser. Keine Bitterkeit, nichts Beißendes.

Hundertprozentige Sicherheit gab es nicht.

Aber der Durst gewann.

Sie setzte die Flasche an und trank gierig. Das Wasser war lauwarm und schmeckte nach Plastik, aber es war das Beste, was sie seit Langem getrunken hatte. Ein Teil lief ihr übers Kinn, den Hals hinunter, versickerte irgendwo zwischen Brust und Bauch.

Sie wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab.

Wenigstens Wasser. Noch kein Tod.

Ihre Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt.

Über ihr war ein mit Brettern vernageltes Fenster, das durch einen schmalen Spalt gedämpftes Tageslicht ins Innere ließ. Das Holz wirkte neu, hell. Der Winkel des Lichts sprach für Nachmittag.

Wie lange war sie bewusstlos gewesen?

Sie war am Morgen an den Strand gegangen, gegen sechs, halb sieben. Wenn das jetzt wirklich Nachmittagslicht war, waren bereits Stunden vergangen.

Sechs? Acht? Mehr?

Was ist in dieser Zeit passiert?

Sie zwang sich, aufzustehen. Ihre Beine fühlten sich an wie Gummi, sie musste sich an der Wand abstützen, um nicht wieder zu stürzen. Die Ziegel waren kalt und feucht unter ihren Händen.

Der Raum war klein, vielleicht zehn Quadratmeter. Alte Ziegelwände, in den Ecken dunkelgrünes Moos. Niedrige Decke, zu niedrig, um nicht bedrückend zu wirken.

Keine Tür.

Zumindest keine sichtbare.

„Wie bin ich hier reingekommen?“, flüsterte sie. Ihre Stimme ging im Raum verloren.

Panik kroch in ihr hoch, krallte sich in die Brust, schnürte ihr erneut die Luft ab.

Sie schüttelte den Kopf, presste die Stirn gegen die kalten Steine.

Reiß dich zusammen!

Sie zwang sich, den Raum systematisch abzugehen. Schritt für Schritt tastete sie die Wände ab, suchte nach einer Unebenheit, einem Griff, einer Kante. Der Schmerz im Schädel hämmerte, aber sie machte weiter.

Nichts. Nur Ziegel, feucht und kalt.

In einer Ecke knapp über dem Boden, stieß ihre Hand plötzlich auf etwas anderes.

Eine Klappe. Etwa dreißig Zentimeter hoch, vielleicht vierzig breit. Keine sichtbare Öffnungsmöglichkeit von innen, kein Griff, keine Kante.

Gerade groß genug, um ein Tablett mit Essen hindurchzuschieben.

Wie für ein Tier im Käfig.

Sie wich zurück, setzte sich auf den Boden, spürte den Beton unter der nackten Haut.

Ihre Finger tasteten weiter. In der Ecke neben der Matratze berührte sie etwas Klebriges.

Sie zog die Hand ins Licht.

Dunkel. Fast schwarz. Bei der geringsten Drehung schimmerte es rostbraun.

Ihr stockte der Atem.

Sie kannte diese Farbe … den metallischen Geruch, der ihr in die Nase stieg.

Blut.

Getrocknetes Blut.

Ihr Magen krümmte sich zusammen.

Sie zwang sich, näher an die Ecke zu rutschen. Auf dem Boden zog sich ein großer Fleck entlang, mindestens ein halber Quadratmeter, an den Rändern dunkler, fast schwarz, in der Mitte rostig.

Zu viel Blut.

Jemand ist hier gestorben.

Neben dem Fleck lag ein ordentlich gefaltetes Bündel.

Maria griff danach. Der Stoff war glatt, sauber, viel zu sauber für diesen Raum. Beim Anheben glitt ein Zettel heraus und segelte auf den Boden.

Sie entfaltete das Bündel.

Ein OP-Kittel. Mintgrün mit Punkten, wie im Krankenhaus. Frisch gewaschen, der Geruch von Industriewaschmittel hing noch daran. Dazu eine passende OP-Haube.

Warum legt er mir das hierher?

Mit zitternden Fingern hob sie den Zettel auf und hielt ihn in den dünnen Lichtstrahl des vernagelten Fensters.

Die Schrift war ordentlich, fast altmodisch. Schwarze Tinte, jeder Buchstabe sorgfältig geformt.

Fünf Worte.

Der Tod steht dir gut.

Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen.

„Nein“, flüsterte sie. Der Zettel glitt ihr aus den Fingern und segelte zurück auf den Boden.

Ihre Beine gaben nach. Sie spürte den Aufprall auf dem Beton, entfernt, als passiere es jemand anderem.

Tränen schossen ihr in die Augen, heiß und unaufhaltsam.

Irgendwer hielt sie hier fest, in einem Raum, in dem schon jemand verblutet war. Eine Person, der ihr einen OP-Kittel hinlegte und einen Satz, der wie ein Urteil klang.

Irgendwer will mich töten.

Sie dachte an die Person, die vor ihr hier gewesen war. Daran, dass diese wahrscheinlich auf genau der gleichen Matratze gesessen hatte, aus der gleichen Wasserflasche getrunken hatte, durch das gleiche vernagelte Fenster nach Licht gesucht hatte. Hatte sie auch geschrien? Auch die Wände angefleht? Auch gehofft, dass irgendeiner sie hörte?

Aber niemand hatte sie gehört.

„Hilfe“, flüsterte Maria. Ihre Stimme brach. „Bitte.“

Stille. Nur ein konstant tropfendes Geräusch irgendwo in der Ferne, ein langsames, quälendes Plopp … Plopp … Plopp.

Die Tränen versiegten irgendwann. Zurück blieb ein dumpfes Brennen in den Augen und ein leerer Druck in der Brust.

Sie wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht und hob langsam den Kopf.

Ich werde hier nicht sterben.

Der Gedanke kam erst leise, wurde dann aber lauter.

„Ich werde nicht sterben“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang brüchig, aber es war etwas Hartes darin. „Hörst du?“ Sie sah zur Decke, zu dem schmalen Lichtspalt, zu dem unsichtbaren Menschen, der sie hier hineingebracht hatte. „Ich werde hier nicht sterben!“

Sie griff wieder nach dem OP-Kittel. Der Stoff fühlte sich kalt in ihren Händen an.

Sie würde ihn nicht anziehen. Noch nicht. Das wäre, als würde sie seinem Spiel zustimmen.

Sie legte ihn neben die Matratze, setzte sich und zwang ihren Verstand, zu arbeiten.

Was weiß ich?

Sie war am Strand entführt worden, morgens, zwischen sechs und sieben. Chloroform, geübter Griff, körperlich überlegener Täter. Nun saß sie in einem Keller oder Lagerraum mit vernageltem Fenster, einer Klappe für Essen, getrocknetem Blut am Boden.

Wer entführt eine Bestatterin, sperrt sie in einen Raum voller Blut und legt ihr einen OP-Kittel hin?

Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu erinnern.

Durch den süßlichen Chloroform-Geruch hindurch hatte sie noch etwas anderes wahrgenommen. Einen Nachhall von Duft, der ihr jetzt in der Erinnerung in die Nase kroch: herb, mit einer Note von Holz … vertraut.

Ein Aftershave.

Ihr Herz setzte kurz aus, dann schlug es doppelt so schnell weiter.

Sie kannte diesen Geruch.

Ihr Atem stockte.

Nein.

Ihre Hände begannen wieder zu zittern, so stark, dass sie diese gegen die Oberschenkel drücken musste.

Die Panik rollte erneut heran, wie eine Welle, die drohte, sie zu überfluten.

Sie zog die Knie an, legte die Stirn darauf und kämpfte gegen die Bilder an, die in ihrem Kopf aufblitzten.