1
Tony Ashford trat so schnell in die Pedale, als würde Pepper ihn verfolgen. Pepper – das war Miss Leightons Fox Terrier, der sich gern in den Waden diensteifriger Postboten verbiss. In dieser Hinsicht hätte Tony jedoch aufatmen können, denn das Ivy Cottage lag weit hinter ihm. Es waren vielmehr die Hormone, die den jungen Mann mit einem Affenzahn nach Little Barkham radeln ließen.
Zu seiner Rechten bebten die noch kahlen Baumkronen im Wind, während sich zur Linken das Heidekraut sträubte. Dass seine Gepäcktaschen geleert waren, machte das Treten zwar leichter, aber die Distanz nicht kürzer. Schon bald brannte ihm der Schweiß in den Augen. Seit sechs Uhr morgens war Tony auf den Beinen. Oder besser: auf seinem klapprigen Drahtesel.
Zuerst war er vom Postamt in Little Barkham nach Old Grayswood geradelt, danach ins beschauliche Chiddingfold und nun bewältigte er den Heimweg. In Little Barkham hockte Mrs Underwood, die tüchtigste und obendrein einzige Postbeamtin der Gemeinde, hinter dem Schalter und harrte seiner Ankunft.
Mrs Underwood begrüßte es, wenn Tony sich ins Zeug legte und seine Tour schweißüberströmt, hechelnd und entkräftet beendete. Der Jugend mangle es an Schwung, klagte die Greisin oft. Deshalb sei es auch nicht verwunderlich, dass das Britische Empire auf Erbsengröße zu schrumpfen drohte. Mit seinen zwanzig Jahren zählte sich Tony allerdings nicht mehr zur Jugend. Außerdem glaubte er, Mrs Underwoods Enkelin würde wohl nur wenig Geschmack an schweißüberströmten, hechelnden und entkräfteten Männern finden.
Ohne abzubremsen, schwenkte er von der Landstraße auf die baumlose Heide. Der Sandweg führte direkt zur Adresse des Majors. Auf dem offenen Gelände schlugen ihm die Böen so heftig entgegen, dass er Kopf und Brust zum Lenker neigen musste. Immerhin fegte der Wind die Schweißperlen von seiner Stirn.
Außer Atem und luftgetrocknet gelangte er über die Südflanke ins Dorf. Das Cottage des Majors befand sich auf der Church Lane, eingezwängt zwischen der Friedhofsmauer und einer verwaisten Schmiede. Bis sich der Kriegsveteran dort einquartiert hatte, war das Grundstück jahrelang unbewohnt gewesen.
Obwohl Tony die Adresse regelmäßig anfuhr, wusste er über Laura Underwood mittlerweile mehr als über Major Lymstock. So konnte er mit Gewissheit sagen, dass Laura Mrs Underwoods Enkelin war, freitags in der Post aushalf und weizenblonde Löckchen hatte – und zwar die schönsten Löckchen in der ganzen Grafschaft.
Major Lymstocks Haare hingegen waren schmutziggrau wie Zeitungspapier. Mit seinem Überbiss ähnelte der Mann Alec Guinness in dem Film The Ladykillers. Dabei wirkte er gar nicht wirklich alt. Tony hielt es für denkbar, dass die Schrecken des Krieges den Major vorzeitig hatten ergrauen lassen. Zudem deutete sein Hinken auf eine schwere Beinverletzung hin.
Er lehnte das Fahrrad an die Straßenlaterne und klopfte an die Haustür. Normalerweise genügte das, um den Major herbeizurufen. Einmal hatte der Mann ihm in voller Montur, sprich mit Uniform samt Abzeichen, geöffnet. Das hatte Tony mächtig beeindruckt. Doch heute blieben die Tür und die Vorhänge am Fenster reglos.
„Major Lymstock“, rief Tony. „Ich bin’s.“
Auch nach mehrmaliger Ankündigung rührte sich nichts. Vielleicht hatte der Major heute keine Briefe zum Versenden.
Solange er für die Zustellung der Post zuständig war, hatte Tony dem Mann noch nie Briefe ausgehändigt. Keinen Brief, kein Paket, kein Telegramm. Der Major wollte lediglich seine eigenen Sendungen zum Amt gebracht haben. Tony hatte damit kein Problem, ganz im Gegenteil. Zwei Pence unter der Hand brachte ihm der exklusive Service ein.
„Major Lymstock“, rief er abermals. „Hier ist Tony Ashford, der Postbote!“
Die Situation begann langsam, seine Geduld zu strapazieren. Jede Minute, die er hier verbrachte, würde ihm am Ende mit seiner Angehimmelten fehlen. Verstohlen schaute er sich um. Die Church Lane war so belebt wie ein Friedhof gegen Mitternacht.
Tony sank auf die Knie, öffnete die Briefklappe und presste seinen Mund gegen den Schlitz. Als er den Major erneut beim Namen rief, ließ ihn der Klang seiner eigenen Stimme erschaudern. Mit den Lippen direkt am Briefschlitz war sein Ruf allenfalls ein Nuscheln. Nicht unbedingt vertrauenswürdig. Resigniert richtete er sich auf und überdachte sein Dilemma.
Würde er sofort losfahren, verlöre er weniger Zeit, als wenn er hier länger herumspuken würde. Andererseits war ihm bewusst, dass er nach dieser Tour bis zur Nachtmittagsschicht Pause hatte. Laura könnte ihn fragen, ob sie eine Limonade in Mrs Chamberlains Teestube trinken wollten. Wohlgemerkt gemeinsam. Vielleicht sogar am selben Tisch. Um das Mädchen einzuladen, benötigte er jedoch das Geld, das er für gewöhnlich von Major Lymstock erhielt. Diese Abhängigkeit stieß ihm sauer auf. Typisch Klassensystem, hätten seine hippen Freunde in Soho geurteilt. Du strampelst dir einen ab und hast nicht mal Schotter für ’ne Limo!
Kurzentschlossen huschte Tony zum Fenster links der Tür. Er lehnte sich nah an die Scheibe, schirmte beidhändig die Augen ab und versuchte, ins Haus zu gucken. Dass der Major seinen Eifer nicht mit Applaus honorieren würde, war Tony klar. Der Major war ein Mann, der auf seine Privatsphäre achtete. Ein Gentleman mit Prinzipien hätte Mrs Underwood garantiert kommentiert.
Sowie sich Tonys Augen an die dämmrige Wohnstube gewöhnt hatten, wusste er, dass der Major wohl niemandem mehr applaudieren würde. Sofort sprang er auf sein Rad und fuhr so schnell in Richtung Postamt, als verfolgte ihn ein ganzes Rudel beißwütiger Fox Terrier. Niemals zuvor hatte Tony Ashford einen Mann gesehen, dem eine Stricknadel aus dem Hals ragte.
2
Eigentlich hätte das kühle Märzwetter die kuschlig-warmen Räume der Bibliothek füllen müssen. Nach einem milden Februar hatte der Nordwind kalte Luft und Regen in den Süden Englands gebracht. Die Wäscheleinen blieben leer und aus den Schornsteinen stieg grauer Rauch in einen noch graueren Himmel auf. Doch konnte das Wetter die Bewohner Little Barkhams nicht davon abhalten, die Ärmel hochzukrempeln und den Frühjahrsputz anzugehen. Schließlich stand nicht alle Tage ein Besuch der Königin an.
Arthur Tingwell, seines Zeichens Bibliothekar in der Grafschaft Surrey, hätte sich kaum als Verehrer Ihrer Majestät bezeichnet. Dass ein Portrait der jungen Elisabeth neben dem von Charles Darwin hing, gehörte für ihn zum guten Ton. In Little Barkham blickten die Menschen mit solchem Stolz auf das Staatsoberhaupt wie sonst nur auf ihre gepflegten Gärten und geputzten Schuhe. Arthur konnte dem Besucherschwund auch einiges abgewinnen: So bot sich ihm die Gelegenheit, seinen Arbeitsplatz zu neuem Glanz zu verhelfen.
Während er den gefiederten Staubwedel über die Regale gleiten ließ, prüfte er unablässig die Platzierungen der einzelnen Bücher. Nicht selten geschah es, dass Besucher einen Band herauszogen und ihn an falscher Stelle wieder hineinschoben. Dann fand sich Der seltsame Fall des Dr Jekyll und Mr Hyde womöglich nicht mehr unter S wie Robert Louis Stevenson, sondern unter S wie Bram Stoker. Wenigstens keine üble Gesellschaft, dachte Arthur und fragte sich sogleich, ob Graf Dracula und Mr Hyde füreinander Sympathie empfänden.
Seine Mutter, Florence Tingwell, hatte ihre Hausbibliothek stets gehegt und gepflegt. Aber ihre Bücher waren weder alphabetisch noch thematisch geordnet gewesen, auch nicht nach Größe oder Farbe. Nein, bei seiner Mutter war das Lesen schon immer eine Herzenssache gewesen und die Ordnung ihrer Lektüre ebenso. Auf Augenhöhe hatten sich jene Romane präsentiert, die ihr Inneres berührt hatten, darunter die weniger geliebten. Daher war es für Arthur kein Leichtes gewesen, ein dort heimlich stibitztes Buch wieder an seinen Ursprungsort zu räumen. Er musste sich den Platz einprägen und gleichermaßen darauf hoffen, dass sich seiner Mutter Herz nicht plötzlich nach einer anderen Ordnung sehnte.
Das alles war lange vor dem Krieg gewesen, in einer beengten Wohnung im Londoner East End. Heute lebte Arthur zwei Autostunden entfernt in einem Dorf und leitete die hiesige Bibliothek. Auch wenn hier die Ordnung der Bücher nicht dem Herzen folgte, erfüllte dennoch die Hingabe zum gedruckten Wort die Räume.
Das jähe Auffliegen der Eingangstür riss Arthur zurück in die Gegenwart. Ganz auf Etikette getrimmt, richtete er flink seine Krawatte.
„Mr Tingwell!“, schallte es in die Bibliothek. „Mr Tingwell!“
Es war Lucy, die Tochter von Fiona Melrose und die wohl eifrigste Besucherin der Bibliothek. Das Mädchen, das für Jules Vernes Welten und Monster aller Art schwärmte, trug eine gelbe Wollmütze und über dem Kleid eine Strickjacke. Offensichtlich stammte die zu große Jacke aus dem Kleiderschrank ihrer Mutter.
„Einen wunderschönen guten Tag, Miss Melrose“, sagte Arthur mit demonstrativer Ruhe.
„Mr Tingwell, Sie werden es nicht glauben!“ Lucy stemmte beide Arme in die Hüften und rang nach Luft. Wie so oft musste sie von wo auch immer schnurstracks hierher geradelt sein. Arthur hatte die Vermutung, dem Mädchen waren Schritttempo und gar eine gemütliche Gangart fremd. Selbst wenn der Nordwind eines Tages abflauen sollte, dieser kleine Wirbelwind würde weiter unermüdlich durchs Dorf fegen.
Noch während Lucy verschnaufte, sagte er: „Sag’s mir nicht. Ich werde deine Gedanken lesen.“
Erst letzten Monat hatte Lucy einen Roman namens Wem gehört die Erde ausgeliehen. Darin ging es um die Folgen eines Atomkrieges und eine Gruppe telepathisch veranlagter Kinder. Lucy hatte die Geschichte so sehr beschäftigt, dass sie Arthur seither mit allerlei Fragen über paranormale Phänomene löcherte. Psychokinese. Hellsehen. Telepathie. Arthur senkte leicht den Kopf, legte Zeige- und Mittelfinger an die Stirn und schloss die Augen. Dann sprach er mit unheilschwangerer Stimme: „Hat die Queen etwa ihren Besuch abgesagt?“
„Mr Tingwell!“
„Die Sowjets haben einen Hund ins All geschossen?“
„Was soll denn der Unsinn?“
„Jetzt hab ich’s: Deine Mutter kommt in Wirklichkeit vom Planeten Venus.“
Arthur öffnete die Augen und glaubte, in Lucys Gesicht die Spur eines Grinsens zu erkennen. Zugleich ahnte er, dass sie sich allein ihm zuliebe zu der Regung hinreißen ließ. Noch vor Kurzem hatte Lucy seinen Humor bestenfalls mit einem Augenrollen honoriert. Erst seit er und ihre Mutter gemeinsam den örtlichen Pub besuchten, hatte sich ihr Verhalten verändert. Jetzt schimpfte sie ihn nicht mehr einen Besserwisser oder warf ihm im Beisein anderer Überheblichkeit vor. Arthur hatte den Verdacht, das Mädchen wollte unter keinen Umständen Zwietracht zwischen ihm und seiner Mutter säen. Genau diese Sorge versuchte er, ihr mit seiner spaßigen Art zu nehmen.
„Mr Tingwell“, sagte Lucy. „Mr Humperdinck hat vorgeschlagen, dass wir unsere Gartenzäune blau streichen.“
„Blau? Damit die Königin glaubt, Little Barkham wäre der Himmel auf Erden?“
„Angeblich ist Blau ihre Lieblingsfarbe. Taubenblau, wie Mr Humperdinck meinte.“
Cedric Humperdinck war das offizielle Sprachrohr in Sachen Dorfklatsch. Darüber hinaus schien das Studium der Yellow Press, neben seiner Arbeit als Buchhalter, sein größtes Steckenpferd. Wenn er also behauptete, die Queen schliefe kopfüber an der Decke, dann war das gleichbedeutend mit: So steht’s geschrieben, schwarz auf weiß.
„Und was hat das Empfangskomitee dazu gesagt?“
„Alle haben dafür gestimmt.“
„Das ist ein Scherz, nicht wahr?“
„Absolut nicht. Alle Zäune sollen gestrichen werden.“
„Taubenblau?“
„So ist es, Mr Tingwell. Taubenblau!“
Arthur wusste nicht, ob er schwermütig seufzen oder in Gelächter ausbrechen sollte. Dass Mr Humperdinck den Besuch zu einem Spektakel aufziehen würde, war ihm klar gewesen. Weshalb aber das gesamte Dorf am Rad drehte, blieb ihm schleierhaft. Glücklicherweise besaß die Bibliothek weder einen Vorgarten noch einen Zaun.
„Und deine Mutter hat auch dafür gestimmt?“
„Meine Mutter ist nicht im Komitee.“
Arthur hob wieder zwei Finger an die Stirn, um den Gedankenleser zu markieren. „Hat Cedric Humperdinck den Vorsitz inne?“
„Mr Humperdinck und Mrs Chamberlain.“
Jetzt lachte Arthur tatsächlich auf. Mr Humperdinck, ein Liebhaber romantischer Mantel- und Degenabenteuer, und Mrs Chamberlain, eine glühende Verehrerin der Geschwister Brontë, leiteten das Komitee für den Empfang der Königin. Eine bessere Wahl hätte nicht einmal der Buckingham Palace treffen können.
3
Nachdem Arthur den Boden gefegt und ein letztes Mal den Tisch mit den Novitäten geordnet hatte, schloss er die Bibliothek. Es war halb sieben. Feierabend.
Wie auch in den Monaten zuvor regte sich nichts über Arthurs Kopf. Die Fledermäuse, die in der warmen Jahreszeit unter dem Dach der Bücherei hausten, waren noch nicht aus ihrem Winterquartier heimgekehrt. Gern hätte Arthur gewusst, wohin die Kolonie gewandert war, um ungestört Winterruhe halten zu können. Die Tiere, so hatte er aus dem Nature Dictionary erfahren, vermochten Distanzen von über zweihundert Meilen zu bewältigen. Das entsprach der Entfernung von hier bis nach Exeter in der Grafschaft Devonshire.
Während er seine Arzttasche aufs Fahrrad schnallte, schaute Arthur gedankenverloren die Chester Road hinab. Beim Anblick der menschenleeren Straße fragte er sich, ob es in England überhaupt einen ruhigeren Ort als Little Barkham gab. Dann zuckte er mit den Schultern, rutschte auf den Sattel und fuhr heimwärts.
Im Gegensatz zu London, wo das Leben am Abend erneut aufblühte, erstarb es hier mit Einbruch der Dämmerung. Zumindest auf der Straße. Aus den Häusern flirrte das Licht verrauchter Küchen, hinter den Gardinen neigten sich Silhouetten über dampfende Teller und Schüsseln. Arthurs Rad holperte das Kopfsteinpflaster entlang, doch bemerkten die Einheimischen das Geklapper genauso wenig wie das im Wind quietschende Kneipenschild.
Buckley’s Feuerwache war der Anlaufpunkt all jener Menschen, die ihr Abendessen mit einem Guinness hinunterspülten. Wie der Name unschwer vermuten ließ, hatte das Gebäude einst die Feuerwehr beherbergt. Heute befand sich in dem Raum, wo früher der Löschwagen gestanden hatte, ein Ausschank. Statt eingerollter Pumpschläuche hievte man nun Fässer voll Guinness über die Schwelle.
Als Arthur auf Höhe der Schaufenster angekommen war, genügte ein flüchtiger Blick, um Buckleys Freude zu erahnen. Obwohl die meisten seiner Nachbarn früh aus den Federn mussten, war der Pub gut besucht. Garantiert hatte das Komitee für den Empfang der Königin einen Ortswechsel vollzogen. Vom Gemeindehaus hinüber in den Pub, um sich dort das mühsame Organisieren, Delegieren und Evaluieren mit einem Glas Sherry zu versüßen.
Die einzigen Menschen, die nicht auf irgendeine Weise in die Vorbereitungen involviert waren, hießen Fiona Melrose und Arthur Tingwell. Er konnte sich leicht ausmalen, dass gewisse Nachbarn für sein Verhalten längst eine Erklärung parat hatten. Er war eben ein East Ender, ein respektloser Londoner, der das Knie nur beugte, um einen verschmutzten Penny aus dem Rinnstein zu fischen. Mit der Befürchtung, dass einer seiner Nachbarn ihn herbeiwinken könnte, trat Arthur nun schneller in die Pedale. Er wollte einfach nach Hause. Wollte es sich mit einer Tasse Tee und einem Buch gemütlich machen. Denn auch Arthur schwärmte für eine Königin, nur war ihr Reich nicht Großbritannien und das Commonwealth, sondern das der Kriminalromane.
4
Geschwind passierte Arthur Tingwell die St. James Primary School, die Bushaltestelle und Smolinskis Krämerladen. Schon aus der Ferne erkannte er, dass eine Person vor seinem Cottage auf ihn zu warten schien. Irritiert bremste er ab, um das Rad die letzten Meter zu schieben. Als er schließlich seine Nachbarin Elsbeth Chamberlain identifizierte, war er nicht wenig verblüfft. Gerade noch hatte Arthur die Vorsitzende des Empfangskomitees im Pub vermutet. Sie hatte sich ein Tuch über die Schultern gelegt, darunter trug sie ein schlichtes Tweed-Kostüm.
„Mr Tingwell, Mr Tingwell“, rief Mrs Chamberlain ihm entgegen. Sie winkte aufgeregt, als befürchtete sie, dass er sie übersehen und an ihr vorbei ins Haus laufen könnte. Oder gar flüchten, wie Arthur amüsiert dachte.
„Guten Abend, Mrs Chamberlain“, begrüßte er sie. „Was verschafft mir die Ehre?“
„Ach, Mr Tingwell. Ich wollte Sie sprechen. Sie und niemand anderen.“
Mrs Chamberlains Mann arbeitete in London als Autohändler, während sie im Ort eine Teestube betrieb. Neuerdings zierte ein in Öl gemaltes Portrait der Königin die Wand über der Theke. Unlängst hatte sie Arthur außerdem ihre Hoffnung gebeichtet, Queen Elisabeth würde das Teestübchen beehren und von dem Gemälde zu Tränen gerührt werden.
Neben dem königlichen Besuch, sauberen Tischtüchern und ihrem gepflegten Garten galt ein nicht geringer Teil ihrer Aufmerksamkeit ihrem Nachbarn. Jedenfalls schien sie stets über Arthurs Arbeitszeiten informiert. Da die Bibliothek erst um zwölf Uhr öffnete, war er üblicherweise vormittags zu Hause anzutreffen. Schon des Öfteren hatte Mrs Chamberlain an seine Tür geklopft, eine Dose Kekse in der einen Hand, ein Buch der Geschwister Brontë in der anderen. Er als Büchermensch, pflegte sie gern zu betonen, verstünde ihre Leidenschaft voll und ganz. Ihr Gatte sei eher von hölzerner Natur. Dass sie nun auch am Abend literarischen Smalltalk suchte, fand Arthur allerdings ungewöhnlich.
„Mr Tingwell“, sagte Mrs Chamberlain. „Wenn man nach jemandem die Uhr stellen kann, dann nach Ihnen.“
„Ich hoffe, das soll ein Kompliment sein.“
„Nur zum Teil. Ein Quäntchen Wildheit täte Ihnen gewiss gut.“
„So wild und ungezähmt wie Mr Heathcliff?“
„Oje, jetzt lassen Sie mich aber erröten!“
Arthur verrückte seine Brille, wie er es oft tat, wenn er seinen Worten Nachdruck verleihen wollte. „Liebe Mrs Chamberlain, Sie wissen doch: Mir genügen die Eskapaden, die ich in meinem Lesesessel erleben darf.“
„Ja, vielleicht ist das eine gesunde Lebenseinstellung. Was bei uns im Dorf geschieht, lässt einen ja nicht mehr schlafen.“
„Höre ich da einen Anflug von Überdruss? Sind Sie deshalb nicht im Pub bei den Vorbereitungen?“
„Niemand ist deswegen im Pub!“
„Mmh, ich hatte einen anderen Eindruck.“
„Dass die Schänke so voll ist, hat einen anderen Grund“, erklärte Mrs Chamberlain mit finsterem Unterton.
„Jetzt klingen Sie aber düster.“
„Ein Mord, Mr Tingwell, ist eine düstere Angelegenheit. Jedenfalls für mich.“
Arthurs Interesse war sofort entflammt, sein Interesse und eine ordentliche Portion Unbehagen. Er stellte sein Fahrrad ab und öffnete den obersten Knopf seines Trenchcoats, was Mrs Chamberlain wohl als Einladung interpretierte. In diesem Fall erwünscht.
„Major Lymstock ist ermordet worden“, sagte sie nun leise. „Der Postbote hat seine Leiche entdeckt.“
„Tony Ashford?“
„Ja, Mr Ashford. Der junge Mann ist vollkommen durcheinander. Wie ich gehört habe, lässt er sich von Miss Underwood trösten.“
Arthur nickte empathisch.
„Die Polizei hat das Cottage inzwischen abgeriegelt.“
„Ist es erwiesen, dass es Mord war? Ich meine, wer aus dem Dorf kannte Major Lymstock denn?“
„Sie denken an Suizid?“
„Der Mann war als Soldat im Krieg. Vielleicht hat er mehr als eine Beinverletzung davongetragen.“
„Sie sagen es! Für manche Wunden gibt es keine Krücken.“
Arthur überraschte das Bild, mit dem Mrs Chamberlain das gefürchtete Granatentrauma umschrieb. Womöglich färbte die fein gesponnene Prosa der Geschwister Brontë auf ihren eigenen Einfallsreichtum ab. Sie neigte sich zu ihm und flüsterte: „Wollen Sie wissen, was wirklich dahintersteckt?“
„Wie meinen Sie das?“
„Na, ob es ein Suizid oder ein Mord war.“
Die flinke Antwort ließ Arthur vermuten, dass sie bereits eine Erklärung parat hatte. Er bejahte ihre Frage, worauf Mrs Chamberlain mit zusammengekniffenen Augen die Chester Road auf und ab blickte.
„Lassen Sie uns zum Tatort gehen.“
„Jetzt sofort?“
„Sie haben mir doch gerade signalisiert, dass Sie wissen wollen, was dahintersteckt. Oder haben Sie geflunkert?“
Arthur merkte, dass Mrs Chamberlain ihn in die Bredouille brachte. Anscheinend war seine Nachbarin nicht nur sehr belesen, sondern ebenso wagemutig. Soweit er wusste, hatte sie vor ihrer Vermählung mit Mr Chamberlain beim Autohersteller Ford in Dagenham, East London, gearbeitet. Dem Schicksal vieler Frauen, die ihre Tätigkeit nach einer Heirat auf Haus und Hof beschränken mussten, war Elsbeth Chamberlain entgangen. Sie hatte ihr Teestübchen schon lange vor Arthurs Umzug nach Little Barkham eröffnet.
Von ihrem Heißhunger auf Abenteuer alarmiert, betrachtete Arthur sein gemütliches Cottage. Dann sagte er mit gespieltem Bedauern: „Leider habe ich keine Zeit.“
„Keine Zeit?“, wiederholte sie. „Sie rühren doch keinen Finger für die Königin.“
„Ob Sie’s glauben oder nicht, Mrs Chamberlain, manch einer hat noch andere Verpflichtungen.“
„Aha. Und die wären?“
„Ich muss die Katze füttern.“ Arthur hoffte, George VI würde in Vorfreude auf den abendlichen Schmaus herbeieilen. Seine Ausrede wäre dann immerhin legitimiert. Nur tat ihm der royale Vierbeiner nicht den Gefallen, was Mrs Chamberlain sogleich zu erklären wusste.
„Keine Sorge, Mr Tingwell. Ihr Kater hat vorhin bei mir gebettelt. Ich habe ihn längst versorgt.“
„Aber George hat immer einen Riesenhunger.“
„Der ist pappsatt. Der bewegt sich garantiert nicht mehr.“
„Ihre Aussage könnte man auch anders deuten.“
„Wo wir wieder bei Major Lymstock wären.“
***
Keine Viertelstunde später blickte Arthur auf das Grundstück des Verstorbenen. Im Vergleich zum Rest des Dorfes schien die Nacht in der Church Lane stets ein paar Schritte voraus zu sein. Zwei Cottages waren unbewohnt und der Friedhof an der St. Nicholas Church lag ebenfalls in Düsternis. Rechts vom Cottage ragte das Dach einer verwaisten Schmiede bis über den Bordstein. Arthur ahnte, dass die Regenrinne bald in den wilden Büschen darunter verschwinden würde. Vor solchen Zuständen konnten die Einheimischen nicht die Augen verschließen. Wohl deshalb kursierte in der Bibliothek ständig die Frage, weshalb ein hochdekorierter Soldat dieses Cottage bezogen hatte. Immerhin hatte Little Barkham attraktivere Unterkünfte zu bieten.
„Der Major hat sich erst neulich wieder nach unserem Zimmer erkundigt“, flüsterte Mrs Chamberlain. „Leider musste ich ihm sagen, dass es nicht vor Montag frei wird.“
„Das ist wirklich schade. Unter anderen Umständen wäre er also vielleicht Ihr Gast geworden“, stellte Arthur fest.
„Haben Sie eventuell Interesse?“
„Mit Ihnen und Mr Chamberlain unter einem Dach wohnen?“
„Warum nicht? Ich besitze eine imposante Privatbibliothek.“
„Tut mir leid, mein alter Kater schafft keine drei Stufen mehr.“
„Ihre Katze darf sich glücklich schätzen, von Ihnen umsorgt zu werden.“ Sie spitzte anzüglich die Lippen, ehe sie mit dem Zeigefinger auf eines der Fenster deutete. „Seine Leiche hat man in der Wohnstube gefunden. Aufrecht sitzend.“
„Sehr ungewöhnlich. Erst recht bei einem Suizid.“
„Sich mit einer Stricknadel selbst zu erstechen, ist auch nicht gang und gäbe.“
Arthur fröstelte innerlich. Egal ob in Krimis oder Zeitungsberichten, es waren immer die bildhaften Details, die ihn verschreckten. So hatte er Ian Flemings Leben und sterben lassen bei manchen Szenen beiseitegelegt, um die Brutalität zu verdauen. Doch was sollte er jetzt tun? Jetzt, hier draußen auf der Church Lane. Das Cottage von Major Lymstock ließ sich nicht zuklappen wie ein James-Bond-Roman.
„Mr Humperdinck meinte, es wären Herumtreiber gewesen“, berichtete Mrs Chamberlain halb belustigt.
„Sie glauben das nicht?“
„Wir reden nicht über die Klatschspalte im Daily Mirror. Hier ist ein Mensch ermordet worden.“
„Vielleicht hat er es von einem Polizisten aufgeschnappt.“
„Die Polizei tappt im Dunklen. Sonst hätte man schon jemanden verhaftet.“ Sie machte eine Pause, in der sie nach Arthurs Arm fasste. „Mr Tingwell? Wollen wir es jetzt tun?“
Arthur schluckte. Mrs Chamberlains Flüsterton verlieh der Frage einen skandalösen Beigeschmack. Plötzlich fühlte es sich an, als würde sie ihn weder gedankenlos noch beiläufig berühren. Ihr Daumen strich kaum merklich über seinen Arm. Arthur räusperte sich und straffte den Ärmel in einer Geste der Verlegenheit.
„Mr Tingwell, bloß keine Scheu!“
„Ich denke, wir sollten nichts überstürzen.“
„Es ist stockfinster und Sie wissen ja: Im Dunkeln ist gut munkeln.“
„Was würde denn Mr Chamberlain dazusagen?“
„Ronald ist ausgeflogen. Weiß der Teufel, wohin.“
„Und da wollen Sie gleich Nägel mit Köpfen machen?“
„Sie bringen es auf den Punkt, Mr Tingwell.“ Mrs Chamberlain löste sich von ihm und näherte sich dem Haus. „So ein Polizeisiegel ist kinderleicht zu entfernen.“
Zu seinem Erstaunen fiel Arthur ein Stein vom Herzen. Anscheinend kam er mit einem Einbruch besser zurecht als mit einem nachbarschaftlichen Techtelmechtel. Das bedeutete jedoch keinesfalls, dass er der Abenteurer war, den sich Mrs Chamberlain offenbar herbeisehnte. Besonnen sagte er: „Wollen wir das nicht auf Morgen verschieben? In der Dunkelheit sehen wir ohnehin nichts.“
Seine Worte waren noch nicht verhallt, da leuchtete sie ihm mit einer Taschenlampe ins Gesicht. Es war zwecklos. Die Frau hatte an alles gedacht. Arthur zuckte resigniert mit den Schultern und näherte sich ebenso dem Cottage.
Unverhofft verriet ein Rascheln in den Büschen tierischen Besuch. Den Geräuschen nach zu urteilen, musste es sich um ein großes Tier handeln. Arthur fuhr erschrocken zusammen und auch Mrs Chamberlain huschte von dem Haus zurück – genaugenommen ihm in die Arme.
„Ein Wolf?“, hauchte sie verängstigt.
„Die letzten Wölfe wurden hier vor zweihundert Jahren ausgerottet“, sagte Arthur nicht ohne Bedauern. Dann bat er Mrs Chamberlain, den Strahl der Taschenlampe auf die Schmiede zu richten. „Ist da jemand?“, erkundigte er sich mit beherrschter Stimme. Das Rascheln verstärkte sich und Mrs Chamberlain drängte noch tiefer in seine Arme.
„Bitte nicht erschrecken“, tönte es da aus dem Busch.
„Mrs Smolinski?“, fragte Arthur ungläubig. „Was machen Sie denn hier?“
„Die gleiche Frage könnte ich Ihnen stellen.“
Mrs Smolinski führte mit ihrem Mann den Krämerladen, der sich gegenüber von Arthurs Cottage befand. Es war kaum zu glauben, aber er hatte die Frau niemals zuvor außerhalb des Geschäfts angetroffen, was sein Erstaunen noch verstärkte. Mrs Smolinski schien nicht weniger überrascht. Prompt wurde Arthur bewusst, welchen Anblick er und seine Nachbarin boten. Das Blut schoss ihm bis unter den Scheitel. Doch bevor er die körperliche Enge zwischen ihnen lösen konnte, irritierte ihn ein gemeines Kichern.
„Darf ich mich in den Fanklub einreihen?“, erklang es aus dem Schatten der Friedhofsmauer.
Arthur war die Stimme bestens vertraut. Sie gehörte einem seiner besten Freunde. Mrs Chamberlain lenkte den Lichtstrahl der Taschenlampe von Mrs Smolinski auf Sidney Osbourne. Im Tonfall der Empörung sagte sie: „Ich dachte, Sie beide würden sich im Komitee engagieren.“
„Das sollte man von der Vorsitzenden auch annehmen“, feuerte Sidney zurück. „Oder wollten Sie hier Lametta für die Queen anbringen?“
Darauf wusste Mrs Chamberlain keine Antwort, was nicht bloß ihr Schweigen verdeutlichte. Sie wandte das Gesicht ab und presste es mit einer theatralischen Geste an Arthurs Brust. Um jedem prekären Verdacht zu entgehen, trat der einen Schritt zurück. Mit einer Portion Sarkasmus wollte er gleichsam die Absurdität der Situation hervorheben: „Jetzt fehlt nur noch Mr Humperdinck.“
Sidney lachte auf, während sich Mrs Smolinski zu einem Kichern hinreißen ließ. Doch schon einen Moment später blieb Arthur das eigene Lachen im Hals stecken.
„Good Evening, Mr Tingwell“, sagte der soeben Erwähnte. Wie ein Dämon schälte sich Mr Humperdinck aus der Dunkelheit. Er lüpfte seine Melone und begrüßte Sidney und Mrs Chamberlain. Sein Auftritt war für Arthur schließlich der letzte Beweis, dass im Pub tatsächlich nicht das Komitee tagte. Stattdessen standen dessen Vorsitzende wie auch zwei seiner Mitglieder vor dem Haus eines Toten. Und Arthur komplettierte den Kreis der Schaulustigen. Oder wie Sidney es genannt hatte: den Fanklub.
Die Versammelten reichten einander die Hände, als wollten sie sich mithilfe englischer Contenance von jedweder Sensationsgier reinwaschen.
Plötzlich ertönte das lautstarke Zuschlagen einer Tür. Der Schreck, der Arthur erfasste, war kollektiver Natur. Allesamt zuckten sie zusammen: Mrs Chamberlain und Mrs Smolinski, Mr Humperdinck und Sidney. Dann jagten ihre Blicke die Church Lane hinauf. Begleitet von hallenden Schritten flüchtete eine Gestalt in die Nacht.