Leseprobe Der Tod im Herrenhaus | Der britische Cosy Crime aus dem historischen Brighton

Kapitel Eins

Clara Fitzgerald, Brightons erste weibliche Privatdetektivin, hatte eine klare Haltung zu paranormalen Dingen: Sie hielt den ganzen Kram für Unsinn. Sie war in ihrer Karriere als Detektivin nur einmal gebeten worden, etwas Übernatürliches zu untersuchen, und das auch nur gezwungenermaßen. Clara konnte schlicht nicht begreifen, wie vernünftig denkende Menschen an Geister glauben konnten, und hatte seit jeher Fälle gemieden, die auch nur einen Hauch von Paranormalem an sich hatten. Sie hatte etwa den Fall des Mannes abgelehnt, der glaubte, seine Ehefrau sei als Geist zurückgekehrt, um ihm mitzuteilen, dass nicht ihr korrektes Testament verlesen worden sei. Natürlich hatte die Frau (laut Angaben des Witwers) in ihrem echten Testament alles ihrem Ehemann vermacht und ihre restliche Familie ausgeschlossen. Der Ehemann hatte sich für die Suche nach dem echten Testament, das es dem Geist nach geben sollte, eine ‚unvoreingenommene Beobachterin‛ gewünscht. Clara hatte hinter alledem entweder Wahnvorstellungen oder Betrug vermutet und war so klug gewesen, abzulehnen.

Bei einer anderen Gelegenheit war Clara in dem falschen Glauben kontaktiert worden, sie sei nicht nur eine Privatdetektivin für die Lebenden, sondern auch für die Toten. Sie war gebeten worden, einen Spuk und die Forderungen von verstorbenen Verwandten aus dem Jenseits zu untersuchen. Clara hatte den Absender höflich an die Stelle verwiesen, die eher für solche Vorgänge gewappnet war: den Sitz der psychiatrischen Forschungsgesellschaft in Brighton.

Als also ein Brief aus London kam, war es ihr erster Instinkt, den Fall abzulehnen. Doch je mehr Clara las, desto faszinierter wurde sie, und sie bekam den Eindruck, dass sie es mit Geschöpfen aus Fleisch und Blut zu tun hatte; mit lebendigen Opfern.

Der Brief erreichte sie an einem verregneten Nachmittag eine Woche vor Weihnachten. Der Geruch von Schnee lag in der Luft. Annie, die umtriebige Haushälterin der Fitzgeralds, hatte genug Vorräte angelegt, um einer Belagerung zu trotzen, von schlechtem Wetter ganz zu schweigen. Wenn sie nicht gerade den gigantischen Weihnachtskuchen mit Whisky tränkte, behielt sie den Metzger im Auge, der ihr die beste Gans versprochen hatte, die er in die Finger bekommen konnte. (Sie vermutete allerdings, dass er das zu jeder Frau sagte, die seinen Laden betrat.)

Tommy Fitzgerald, Claras Bruder, hatte eine Erkältung und arbeitete sich schniefend durch Dickens’ Eine Weihnachtsgeschichte, während er im Wohnzimmer in Decken und einen Schal gewickelt vor dem lodernden Kaminfeuer saß. Er hatte an diesem Vormittag schon mehr als einmal verlauten lassen, dass es die schlimmste Erkältung sei, die er je erlebt habe, und er gewiss sterben werde. Clara hatte sich ins Gartenzimmer zurückgezogen, nachdem sie sich über eine Stunde lang von seinem selbstmitleidigen Jammern hatte quälen lassen, und arbeitete jetzt die Post ab. Sie war oft nachlässig, wenn es um Briefkontakte ging, und vergaß oft tagelang, ihre Post zu lesen – bis sich auf dem Tisch im Flur ein hoher Stapel auftürmte, der sich nicht mehr ignorieren ließ.

So fand sie zwischen Gasrechnungen und Werbebroschüren für Blumenzwiebeln den Brief von Miss Sampford, der ihre Neugier weckte.

Sehr geehrte Miss Clara Fitzgerald,

Eine Freundin aus Brighton nannte mir Ihren Namen und empfahl Sie wegen Ihrer Fähigkeiten. Ich bedarf in einer überaus verwirrenden Angelegenheit Ihrer Unterstützung, und ich wage zu behaupten, dass Sie mich für närrisch halten werden, doch bitte lesen Sie den gesamten Brief, ehe Sie meine Anfrage abweisen. Meine Freundin hat Sie wegen Ihres rationalen und praktischen Verstandes empfohlen, und Sie klingen nach exakt der Person, die ich gerade brauche.

Lassen Sie mich die Angelegenheit ein wenig ausführlicher erklären: Ich bin eine unverheiratete Frau von einundachtzig Jahren und lebe von meinen eigenen, mehr als hinreichenden Mitteln. Seit vor zehn Jahren meine liebe Mutter im hohen Alter von beinahe einhundert Jahren verstarb, lebe ich am Berkeley Square in London, in einem Haushalt mit bescheidener Dienerschaft. Ich war hier immer sehr glücklich und hatte gehofft, den Rest meiner Zeit auf diesem kleinen Fleckchen Erde hier verbringen zu können. Leider habe ich das Gefühl, dass mir dies nun verwehrt werden könnte.

Ich werde von einem Geist gepeinigt. Hoffentlich haben Sie diesen Brief jetzt nicht empört fortgeworfen. Lassen Sie mich bitte erklären: Ich bin eine vernünftige, moderne Person und vermag es daher selbst kaum, an die Existenz böswilliger Geister zu glauben, doch die Beweise, die ich mit eigenen Augen sah, führen mich zu der Befürchtung, dass ebendies hier der Fall sein könnte. Im Verlauf der vergangenen sechs Monate berichteten Bedienstete, Freundinnen und Nachbarinnen mir immer wieder von eigenartigen Vorgängen. Fünf Dienstmädchen haben die Flucht ergriffen und weigern sich, in diesem Haus zu schlafen. Jetzt droht auch noch meine Köchin, die seit vierundzwanzig Jahren bei mir ist, den Haushalt zu verlassen, wenn diese Sache nicht behoben wird. Ich war selbst geneigt, diese Ereignisse anzuzweifeln, bis ich eines Nachts eine Gestalt sah, die über meinem Bett schwebte. Ich befürchtete, einen Einbrecher vor mir zu sehen, und läutete rasch die Glocke, doch im nächsten Augenblick war die Gestalt verschwunden und ich war wieder allein. Seitdem habe ich Geräusche gehört, Schatten gesehen und mich allgemein in meinem eigenen Zuhause äußerst unwohl gefühlt.

Mein Neffe residiert bei mir, wenn er in der Stadt ist, und hat vorgeschlagen, Spiritistinnen zu rufen. Eigentlich befürwortete er sogar eine große Geisterjagd, was mich entsetzt, da ich sehr zurückgezogen lebe. Allerdings muss etwas geschehen. Ich fürchte, diese Geschehnisse haben mich ein wenig überwältigt und ich kann die Dinge nicht mehr klarsehen. Ich brauche eine unvoreingenommene Person, die diese Angelegenheit mit einem rationalen, wenn nicht gar zynischen Verstand untersucht. Während meine Sinne zwar Dinge sehen und hören, die ich kaum für wahrhaftig halten kann, kreisen meine Gedanken immer noch um die Möglichkeit, ich könnte getäuscht werden. Sie fragen sich womöglich, warum. Und dafür biete ich Ihnen zwei mögliche Erklärungen an:

1) Ein gewisser Gentleman hat die Absicht bekundet, mein Haus kaufen zu wollen, und belästigt mich seit zwölf Monaten in dieser Angelegenheit. Er ist sehr hartnäckig und mir ehrlich gesagt sehr lästig geworden. Mir kam der Gedanke, er könnte Geistererscheinungen fabrizieren, um es mir unmöglich zu machen, weiterhin in diesem Haus zu verweilen.

2) Ich erwähnte bereits, dass mein Neffe Elijah gelegentlich hier verweilt. Ich kann in ihm zwar keinerlei Böswilligkeit erkennen, weiß aber, dass sich manche Mitglieder meiner erweiterten Familie an meiner anhaltenden guten Gesundheit stören. Der Sohn meines Bruders etwa, William Henry; er verwaltet mittlerweile das Familienvermögen und meine jährliche Rente kommt aus ebendiesem Vermögen. So hat es mein lieber, verstorbener Vater veranlasst, der mich für den Rest meines Lebens versorgen wollte. Es ist nur wenig zu mir durchgedrungen, doch ich vermute, dass die finanziellen Mittel der Familie nicht mehr so opulent sind, wie sie einst waren, und man der Meinung ist, meine kleine Rente würde sie unnötig vermindern. Meine fünfhundert Pfund im Jahr sollten in William Henrys Vorstellung wohl lieber dafür genutzt werden, seine eigene Familie zu unterstützen. Daher frage ich mich, ob mich womöglich jemand zu Tode erschrecken möchte, um mich loszuwerden. Ich verfüge nicht über das rechtliche Wissen, doch ich nehme an, dass so etwas dennoch als Mord gewertet werden würde?

Wie Sie sehen, existiert womöglich eine sehr logische und weltliche Erklärung für diesen Geist, und daher brauche ich Ihre Fähigkeiten als Ermittlerin.

Ich hoffe, Sie haben diesen Brief bis hierhin gelesen, und muss jetzt mit einer recht unbehaglichen Bitte an Sie herantreten. Da meinem Empfinden nach Dringlichkeit geboten ist, würde ich es sehr zu schätzen wissen, wenn Sie über die Feiertage herkämen und bei mir wohnen. Ich bitte einerseits darum, weil die Erscheinungen, die ich beschrieb, in letzter Zeit immer verstörender werden, und andererseits, weil der Großteil meiner Familie über Weihnachten in London sein wird und mehrere Familienmitglieder bei mir wohnen werden, was Ihnen eine hervorragende Gelegenheit bieten würde, um sie unter die Lupe zu nehmen. Außerdem hat mein Neffe arrangiert, dass ein recht unausstehlicher Geisterjäger über Weihnachten hier sein wird, und ich weiß wirklich nicht, ob ich all das Gerede von Spukgestalten und Gespenstern ertragen kann, ohne eine weitere vernünftige und mitfühlende Person, mit der ich reden kann.

Bitte kommen Sie über Weihnachten zu mir; ich flehe Sie an. Bitte verzeihen Sie mir meine Verzweiflung, aber ich bekomme wirklich Angst um mein Leben. Bringen Sie mit, wen immer Sie wollen, wir können die Personen gewiss unterbringen, und das wäre das Mindeste, was ich Ihnen für den plötzlichen Aufruhr in Ihrer Weihnachtsplanung anbieten kann. Ich wäre für eine baldige Antwort überaus dankbar.

Mit freundlichen Grüßen

Miss Edith Sampford

Clara warf einen Blick auf die Briefmarke; sie war vor zwei Tagen gestempelt worden. Sie verfluchte sich dafür, ihre Post nicht früher geöffnet zu haben. Clara glaubte nicht einen Moment lang, dass sich ein Geist in Miss Sampfords Haus eingenistet hatte, doch irgendetwas lag in diesem Haushalt im Argen. Vielleicht trieb dort nur jemand Unfug, doch durfte sie Miss Sampfords Befürchtung, es könnte etwas Schlimmeres im Gange sein, einfach ignorieren? Die Frau hatte offensichtlich große Angst und fühlte sich mit ihren Problemen allein; das allein machte sie schon anfälliger für die Sorge vor Mordabsichten, doch durfte Clara ihre Befürchtungen deshalb so einfach abtun? Sie beobachtete die blassen Wolken, die am Himmel vorüberzogen, während sie weiter darüber nachdachte.

Natürlich hatte Annie Pläne für Weihnachten gemacht und Oliver Bankes, der örtliche Fotograf, war zum Weihnachtsessen eingeladen. Doch der Kuchen und das Gemüse würden auch bis Silvester halten und eine gute Geisterjägerin (insbesondere eine von der skeptischen Sorte) sollte dieser Tage doch gewiss einen Fotografen als Experten im Schlepptau haben, oder? Es könnte schön werden, Weihnachten in London zu verbringen. Die Hauptstadt würde vor Menschen beim Einkaufsbummel, Belustigungen und anderen Festivitäten nur so brummen. Clara hatte schon immer mal ihre Weihnachtseinkäufe bei Harrods machen wollen. Vielleicht war das die Gelegenheit? Auf jeden Fall hatte Clara ein aufrichtiger Hilferuf erreicht, den sie nicht abweisen würde.

Sie erhob sich und ging zu Tommy.

„Was hältst du von Geistern?“, fragte sie den schniefenden Invaliden.

Tommy schaute sie mit geröteten Augen an.

„Das weißt du längst. Ich halte die Existenz von Geistern für möglich.“

„Und ich nicht. Das macht uns also zu perfekten Partnern. Was hältst du davon, Weihnachten in London zu feiern?“

Tommy wirkte verblüfft und versuchte, dem plötzlichen Themenwechsel zu folgen.

„London?“

„Mich hat ein Hilferuf aus der Hauptstadt erreicht; von einer älteren Dame in Nöten. Sie wird von einem mutmaßlichen Spuk heimgesucht, bei dem es sich aber auch um eine arglistige Täuschung handeln könnte. Sie hat um meine unverzügliche Anwesenheit gebeten.“

„Über die Weihnachtsfeiertage?“

„Ja.“

Tommy putzte sich die Nase.

„Und du willst, dass ich dich begleite?“

„Du, Annie und Oliver Bankes. Wir werden immer noch gemeinsam feiern und alle werden eine Rolle zu spielen haben. Annie wird uns bei den Bediensteten Augen und Ohren sein, Oliver wird seine Kenntnisse als Fotograf nutzen, um uns Beweise dafür zu besorgen, dass es sich bei unserem Geist um eine lebendige Person handelt, und du wirst wie immer mein erstklassiger Assistent und Rechercheur sein.“

„Danke“, schniefte Tommy.

„Und, was sagst du?“

Tommy gab ein langes Seufzen von sich, das in einem Husten endete.

„Ich nehme an, meine andere Option lautet, allein zu Hause zu bleiben?“

„Du wirst dich in ein oder zwei Tagen von deiner Erkältung erholt haben, dann hast du auch Spaß bei der Sache.“

„Und wohin genau geht es?“

„Berkeley Square.“

„Na schön.“ Tommy ächzte. „Ich schätze, ich kann ebenso gut dort wie hier sterben.“

„Vor Miss Sampford werden wir nicht übers Sterben sprechen. Sie ist eine sehr verängstigte Dame. Ich werde mit Annie sprechen und alles arrangieren.“

Clara huschte aus dem Zimmer, ehe Tommy noch einen Kommentar abgeben konnte. Als nächstes suchte sie Annie und erklärte ihr die ganze Sache. Annie wirkte kurz gereizt, als sie begriff, dass ihr so liebevoll umsorgter Kuchen eine ganze Woche oder gar zwei vernachlässigt werden würde, doch Clara bot ihr als Kompromiss an, ihn mit einer schönen Glasur mitzunehmen, um ihn am Berkeley Square mit allen zu teilen. Das besänftigte Annie weitgehend und sie räumte ein, sich schon immer gefragt zu haben, wie die Küchen in gehobenen Londoner Häusern aussahen. Was Oliver Bankes anging: Seine anfängliche Enttäuschung darüber, dass Clara über Weihnachten nach London fahren würde, wurde rasch von Begeisterung abgelöst, als er erfuhr, dass er sie begleiten durfte. Er war erst recht hin und weg, als sie ihm erklärte, dass er als ‚Geisterfotograf‛ auftreten und mit sämtlichen Tricks versuchen sollte, eine Aufnahme des Geistes einzufangen. Clara hatte sich mittlerweile entschieden, dass sich da nur eine überaus rücksichtslose Person einen Scherz erlaubte. Da alle an Bord waren, galt es nur noch eine Person zu kontaktieren. Zum Glück war Miss Sampford ans Telefonnetz angeschlossen.

„Hallo, bin ich mit Miss Sampfords Residenz verbunden?“

„Ja, Miss Sampford am Apparat“, antwortete eine Person mit kraftvoller, unerschütterlicher Stimme. Miss Sampford klang ganz und gar nicht wie eine gebrechliche alte Frau; und erst recht nicht töricht oder leichtgläubig.

„Hier spricht Clara Fitzgerald, ich habe gerade Ihren Brief …“

„Oh, Miss Fitzgerald! Es freut mich sehr, von Ihnen zu hören. Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Bitte sagen Sie mir, dass Sie meine Einladung nach London annehmen.“

Im Brief war ihre Verzweiflung noch so deutlich spürbar gewesen.

„Ich möchte Ihre Einladung sehr gern annehmen, um Sie von Ihrem unerwünschten Gast zu befreien.“

Miss Sampford gluckste.

„Das klingt beinahe, als würden Sie über meinen Neffen sprechen; armer Junge. Aber ich habe verstanden. Kommen Sie sofort?“

„Ich werde noch ein paar letzte Vorbereitungen treffen müssen, aber ich sollte morgen bei Ihnen eintreffen.“

„Das ist gut. Dieser verfluchte Geisterjäger und seine Leute wollen morgen Abend hier sein, und mit all meinen Sorgen graute es mir davor, ihnen allein gegenüberzutreten. Der Kerl sagte, er würde ein ‚Gespann‛ mitbringen. Was in aller Welt mag das bedeuten? In meiner Zeit gab es nur Pferdegespanne. Hat er vielleicht vor, eine Kutsche durch mein Haus zu fahren?“

Clara musste lächeln. Sie hatte bereits Gefallen an Miss Sampford gefunden.

„Ich werde so schnell bei Ihnen sein, wie ich kann. Ich bringe meinen Bruder, einen Freund der Familie und ein Dienstmädchen mit, wenn das genehm ist. Der Freund war zu Weihnachten zu uns eingeladen und ich kann ihn wohl kaum im Stich lassen.“

„Ja, das ist in Ordnung. Damit habe ich schon gerechnet, da ich so kurzfristig um Ihre Unterstützung gebeten habe. Das kommt mir sehr gelegen. Vielleicht muss ich dann einen Teil der Verwandtschaft in das nächstbeste Hotel auslagern. Klingt das nicht schrecklich? Einige Mitglieder meiner Familie mag ich sehr, müssen Sie wissen.“

„Ich verstehe Sie, Miss Sampford.“

„Dann lasse ich Sie mal packen. Auf bald, Miss Fitzgerald. Ich freue mich darauf, Sie hier empfangen zu können.“

Clara legte auf und machte in Gedanken eine Liste von Dingen, die sie mitnehmen musste, um optimal auf diesen Fall vorbereitet zu sein. Tommy rief aus dem Wohnzimmer:

„Es schneit!“

Clara hob den Blick.

„Oh, gut! Dann kann unser Geist Fußabdrücke hinterlassen!“

Kapitel Zwei

London erholte sich immer noch von vier Jahren Krieg und dem daraus folgenden wirtschaftlichen Abschwung. All die Soldaten waren in eine veränderte Welt zurückgekehrt, in der es wenig Arbeit und noch weniger Geld gab. Es war eine Welt, in der Frauen einen ebenbürtigen Platz einforderten, wie auch die Armen und die Invaliden und so ziemlich jede Gruppe, die anders war und dafür unter Nachteilen zu leiden hatte. Die Hauptstadt ächzte unter Protesten und Aufständen, doch das war nie anders gewesen. Im Parlament schrien sich Minister an und machten Versprechen, die unmöglich zu halten waren. Die Fabriken schlossen oder expandierten, gleichermaßen abhängig von den äußeren Umständen und dem Geschick ihrer Besitzer. Die Reichen wurden reicher, die Armen wurden ärmer und insgesamt lief das Leben in der Stadt weiter; so wie es schon immer gewesen war. Anpassen, abstimmen und überleben.

Brighton und London hatten über die Jahre hinweg eine symbiotische Beziehung entwickelt: Brighton war der ideale Urlaubsort für die ausgelaugten Londoner. Die Großen und Mächtigen waren wegen des angeblich gesundheitsfördernden Wassers nach Brighton gekommen. Dabei waren sie im Schatten des Prinzregenten gefolgt, der den berühmten und exzentrischen königlichen Pavillon hatte bauen lassen – ein Sammelsurium aus Kuppeln, vergoldeten Verzierungen und Fliesen in leuchtenden Farben. Während der Zeit der Dampfrevolution nahm Brightons Beliebtheit rasant zu, da die Stadt nun auch für Mitglieder der Mittelschicht und der Arbeiterklasse für Tagesausflüge erreichbar war. Die Bewohner Brightons würden womöglich anführen, dass dadurch zwar gewisse Formen der Wirtschaft angekurbelt wurden, allerdings auf Kosten der ‚Stimmung‛. Londoner jeglicher Couleur fielen über das Ausflugsziel her, wann immer es ihnen möglich war; inklusive einiger Personen mit kriminellen Neigungen. Doch was immer die Nachteile der Anbindung an die Hauptstadt über Straße und Schiene sein mochten, es hatte auch reichlich Vorteile; nicht zuletzt die Tatsache, dass es für Brightoner sehr einfach war, die Hauptstadt zu besuchen.

Für Clara war London einer dieser Orte, die man gerne besuchte, doch an denen man niemals leben wollte. Allein die Menge an Fahrzeugen auf der Straße war überwältigend, zusammen mit dem brüllenden Krach des Verkehrs und den Rufen verärgerter Fahrer, die Clara erschaudern ließen. Schon innerhalb ihrer ersten Stunde in der Stadt sah sie, wie ein Automobil ins Schleudern geriet und beinahe mit einem von Pferden gezogenen Milchkarren kollidiert wäre. Der Fahrer des Automobils stieg aus seiner mechanischen Bestie aus und beschimpfte den Kutscher des Karrens, weil er ihm in die Quere gekommen sei. Es folgte ein hitziger Streit, in den mehrere Passanten verwickelt wurden, die sich größtenteils auf die Seite des Milchmanns stellten. Clara beobachtete das alles von ihrem relativ sicheren Platz in einem Omnibus aus und fragte sich, wie Menschen in diesem Tollhaus von einer Stadt leben konnten.

Sie hatte gehofft, am Berkeley Square, einem der prestigeträchtigsten Teile Londons, ein wenig Ruhe vor dem wirren Treiben der Stadt zu finden – doch da hatte sie sich getäuscht. Der Berkeley Square war zwar einst als eine klassische Ansammlung georgianischer Stadthäuser für die reichsten Personen und das gelegentliche Parlamentsmitglied entstanden, aber mittlerweile waren auf einigen der Grundstücke Läden eingezogen und auf dem Platz tummelten sich Geschäftsleute, Kunden und Verkehr. Nur in dem prächtigen Park im Zentrum, um den herum der Platz angelegt worden war, schien man ein wenig Ruhe vor dem Treiben zu finden.

„Welches Haus ist es?“, fragte Tommy, während die kleine Gruppe dem Bürgersteig folgte.

Annie schob seinen Rollstuhl, da Tommy seit dem Krieg seine Beine nicht mehr benutzen konnte, während Oliver Bankes mit einem Koffer hinter ihnen folgte, den er aus Brighton mitgebracht hatte. Er hatte erklärt, dass sich darin verschiedene Teile seiner Fotografie-Ausrüstung befanden; inklusive seiner Kamera. Clara ging voraus und hielt Ausschau nach Hausnummern, die in dieser Gegend rar zu sein schienen.

„Es ist die Nummer fünfzig“, sagte sie über die Schulter hinweg in Tommys Richtung. „Aber ich sehe es nicht.“

Nach einer Weile musste sie in einem edlen Blumenladen nachfragen und wurde zu einem Haus in der Mitte einer Reihe verwiesen. Clara klopfte kraftvoll an und wartete auf eine Reaktion. Die Tür wurde von einem Mann im Anzug geöffnet, den Clara für den Butler hielt. Er musterte sie mit einem hochnäsigen Blick.

„Ja?“

„Clara Fitzgerald und Begleitung. Ich werde erwartet.“ Clara überreichte ihre Visitenkarte.

Der Butler warf einen flüchtigen Blick auf die Karte und gab sie zurück.

„Miss Sampford wünscht, dass ich Sie ins Gesellschaftszimmer führe. Bitte hier entlang.“

Ohne Hilfe für Tommy in seinem Rollstuhl (der mehrere Stufen überwinden musste, um die Haustür zu erreichen) oder Oliver mit seinem Koffer anzubieten, verschwand der Butler im Haus. Clara war nicht wirklich überrascht; eher enttäuscht. Sie half Annie mit dem Rollstuhl und ging dann Oliver zur Hand, der sich darüber beschwerte, dass seine Glasplatten zerbrechen würden, wenn es so weiterginge. Als alle im Eingangsbereich angekommen waren, hielt Clara nach dem Butler Ausschau, doch er war verschwunden. Dann warf sie einen nachdenklichen Blick auf die reich verzierte, geschwungene Treppe zum nächsten Stockwerk und fragte sich, wie in aller Welt Tommy dort hinaufgelangen sollte.

„Dieser Gentleman ist ja überaus rücksichtslos“, blaffte Clara.

In diesem Augenblick trat der Butler durch eine offenstehende Tür am Ende des Flurs.

„Ich habe mich gerade bei Miss Sampford nach der Möglichkeit erkundigt, den jungen Gentleman in einem Zimmer im Erdgeschoss unterzubringen“, sagte er, ohne erkennen zu geben, ob er Clara gehört hatte. „Sie sagte, das Gartenzimmer sei dafür am besten gelegen. Wenn Sie mir folgen würden.“

Tommy warf Clara einen heiteren Blick zu. Sie ignorierte ihn. Woher hätte sie denn wissen sollen, dass der Butler verschwunden war, um Vorkehrungen zu treffen? Erst recht, nachdem er sie an der Tür hatte stehenlassen.

Das Gartenzimmer befand sich an der Rückseite des Hauses und grenzte an einen zweiten Flur, der vom Hauptflur abging. Wie der Name implizierte, hatte man von diesem Zimmer aus einen guten Blick in einen hübschen Garten. Es war im Stil des ausgehenden viktorianischen Zeitalters eingerichtet, mit reichlich Spitzenbesatz und Krimskrams.

„Ich werde ein Bett herunterbringen lassen“, fuhr der Butler fort. „Außerdem werde ich das Dienstmädchen anweisen, ein Feuer zu entzünden. Das Klosett ist gleich gegenüber, hinter dem Treppenbogen. Wenn das so genehm ist, würde ich Sie bitten, mich ins untere Gesellschaftszimmer zu begleiten, wo ich Ihnen Drinks anbieten kann.“

Oliver stellte seinen Koffer mit einem Rumms ab.

„Klingt gut.“

„Ich denke, der Meinung sind wir alle“, merkte Clara an. „Bitte gehen Sie voran.“

Der Butler führte sie in einen weiteren Raum, von dem aus man einen Blick auf den Platz hatte. Auch dieses Zimmer war im Stil des vergangenen Jahrhunderts dekoriert. Im Kamin loderte ein Feuer, was dem Raum Gemütlichkeit verlieh, und auf einem rot gestreiften Sofa hatte sich eine große, orangerote Katze ausgestreckt, die sie argwöhnisch beobachtete.

„Miss Sampford wird bald zu Ihnen stoßen. Darf ich Ihnen derweil Drinks servieren?“

Der Butler nahm ihre Wünsche entgegen und öffnete einen gut ausgestatteten Barschrank an der Rückseite des Raumes. Tommy lehnte sich in seinem Rollstuhl beängstigend weit nach vorne, um ihnen dann im Flüsterton zu berichten, dass er mindestens fünf Sorten Whisky ausgemacht hatte, zusammen mit verschiedenen Portweinen und mindestens drei Sorten Sherry. Clara, die lediglich um ein Tonic Water gebeten hatte, fragte sich, ob die Abstinenzler der Gruppe ebenso gut versorgt werden würden. Die Drinks wurden serviert, dann verbeugte sich der Butler steif und verließ den Raum.

Oliver ließ sich wenig elegant in einen Sessel fallen.

„Dieser Koffer war verflucht schwer.“

„Ich habe dir am Bahnhof gesagt, dass du einen Gepäckträger anheuern sollst.“ Clara lief zum Kamin und musterte die Ziergegenstände, die dort ausgestellt waren. Sie vermutete, dass jeder einzelne davon begehrt und teuer war.

„Dieser Butler ist mir nicht ganz geheuer“, sagte Annie.

„Dir ist niemand geheuer“, neckte Tommy. „Er ist ein recht typischer, viktorianischer Butler. Vermutlich arbeitet er schon seit Jahrhunderten für die Familie.“

„Ja, aber du musst nicht später nach unten in die Bedienstetenquartiere gehen und mit ihm auskommen“, rief Annie ihm ins Gedächtnis.

„Sobald du den Bediensteten deinen Kuchen zeigst, wirst du keine Probleme mehr haben“, sagte Tommy zuversichtlich.

Clara betrachtete die alten Fotografien auf einem Beistelltisch. Sie nahm an, dass sie Miss Sampfords Familie zeigten, doch auf einem war nur ein einzelner Mann zu sehen; ein strammer Gentleman mittleren Alters mit kahlem Kopf und eindrucksvollem Backenbart. Er blickte recht ernst in die Kamera, doch Clara befand, dass das wenig zu bedeuten hatte, da auf viktorianischen Fotografien jeder ernst aussah. Das war den langen Belichtungszeiten der frühen Kameras geschuldet. Auf anderen Bildern war dieselbe Frau in unterschiedlichen Momenten ihres Lebens zu sehen; vermutlich Miss Sampford. Ein Bild zeigte sie als Mädchen, mit langen Haaren und einem eindeutig viktorianischen Kleid. Auf einem anderen war sie etwas älter und saß mit anderen jungen Frauen in einem Ruderboot. Eine dritte Fotografie zeigte sie in ihren Vierzigern auf dem Rücken eines Kamels in irgendeinem fernen Land. Auf einem letzten Bild war sie als ältere Frau abgelichtet; Arm in Arm mit einer jüngeren Dame. Sie grinste in die Kamera und zeigte stolz auf ihre Schärpe mit der Aufschrift ‚Frauenwahlrecht‛. Oh ja, dachte Clara, diese Frau gefällt mir.

Die Tür des Gesellschaftszimmers wurde geöffnet und ebenjene Dame trat ein. Clara drehte sich abrupt um und sah sich der Person auf den Bildern gegenüber. Sie war eine kleine Frau, vielleicht einen Meter fünfzig groß, doch weder runzlig noch gebeugt wie manch andere kleine Frau im Alter. Sie stand aufrecht und stolz da; ihr Haar lag in sanften, weißen Wellen auf ihrem Kopf. Ihre zarten Gesichtszüge wirkten beinahe jugendlich, doch ihre Augen wurden von einer runden Brille mit Goldrand leicht vergrößert. Miss Sampford trat mit den geräuschlosen Bewegungen einer Ballerina in den Raum. Ihre achtzig Jahre waren ihr nicht anzumerken. Sie schritt voran wie eine junge Frau, die eine Tanzfläche betritt. Sie musterte ihre Gäste und lächelte.

„Miss Fitzgerald.“

„Miss Sampford.“

Sie gaben sich die Hand und Clara nutzte die Gelegenheit, um die anderen vorzustellen. Miss Sampford nickte ihnen zu.

„Ich wünschte, Sie hätten mich am Telefon über Mr. Fitzgeralds Bedürfnisse informiert. Dann hätte ich alles Nötige veranlasst“, sagte Miss Sampford.

„Ich habe leider nicht daran gedacht“, gab Clara verlegen zu. Tommy warf ihr einen gespielt beschämten Blick zu.

„Wie ich sehe, haben Sie Getränke. Ich werde mir auch etwas einschenken und zu Ihnen stoßen. Bitte setzen Sie sich. Das gilt auch für Sie, Annie.“ Miss Sampford lief zum Barschrank und füllte sich ein großes Glas mit Whisky und Wasser.

Sie hatte Annie mit ihrer Einladung, sich zu setzen, verblüfft. Die arme Frau schaute sich um und versuchte einen Sitzplatz zu finden, der etwas abseits war, aber nicht so weit weg, dass sie damit Miss Sampfords Gastfreundlichkeit beleidigen würde. Clara bedeutete ihr, sich zu Tommy zu setzen, und nahm dann selbst neben der orangeroten Katze auf dem Sofa Platz. Die Kreatur bedeutete ihr mit einem Fauchen, dass sie nicht willkommen war.

„Ignorieren Sie Bartley.“ Miss Sampford kehrte mit ihrem Drink zurück und scheuchte den Kater vom Sofa. „Er ist reinrassig und zunehmend arrogant. Aber er beißt nur selten.“

Clara war mit diesen Worten nur teilweise beruhigt, als die Katze aus dem Raum schlich.

„Nun gut. Ich möchte noch einmal sagen, wie froh ich darüber bin, dass Sie kommen konnten. Ich weiß, dass ich Ihre Pläne fürs Weihnachtsfest durchkreuzt haben muss.“

„Als ich Ihren Brief las, wusste ich, dass es dringend ist“, sagte Clara. „Einige der Dinge, die Sie schrieben, beunruhigen mich.“

„Ich kann Ihnen versichern, dass ich auch beunruhigt bin!“ Miss Sampford seufzte. „Ich weiß wirklich nicht, was ich von dieser Sache halten soll. Ich habe dieses Haus 1909 gekauft und zuvor nie Probleme gehabt. Ich hätte mir vielleicht einreden können, dass das alles Unsinn ist, wenn meine Bediensteten nicht gekündigt hätten.“

„Und sie sind alle wegen dieser Geistererscheinung gegangen? Sie glauben nicht, dass das womöglich nur eine Ausrede war?“, warf Tommy ein.

„Ich muss eingestehen, dass das möglich ist. Aber ich zahle einen anständigen Lohn und dies ist ein kleiner und ruhiger Haushalt. Nein, wenn ich so viele Bedienstete aus demselben Grund verliere, muss es mehr als nur eine Ausrede sein.“

„Was ist mit den Bediensteten, die schon lange bei Ihnen sind? Haben die irgendetwas gesagt?“, fragte Clara.

„Mr. Humphry, der Butler, der Sie eingelassen hat, hat die ganze Vorstellung von sich gewiesen. Er glaubt nicht an Geister. Es ist Mrs. James, meine Köchin, die mir am meisten Sorgen bereitet. Sie hat schon für meine Mutter gearbeitet und ist bestimmt zwanzig Jahre bei mir. Sie hat in all der Zeit nie auch nur die kleinsten Anzeichen für Probleme gezeigt. Doch jetzt spricht sie davon, den Haushalt wegen eines Geistes zu verlassen. Nun ja, das verblüfft mich.“

„Und die anderen Bediensteten?“

„Ich habe zwei Dienstmädchen: Flora und Jane. Sie sind erst seit einem Monat hier und haben mir gegenüber noch nichts von einem Geist erwähnt. Das heißt aber nicht, dass sie nichts gesehen hätten. Ich beschäftige auch noch einen Gärtner, doch er arbeitet nur dreimal die Woche hier und wohnt hier nicht. Die anderen haben Zimmer im Dachgeschoss. Soweit ich weiß, hat der Gärtner nichts gesehen, aber er ist auch größtenteils mit dem Außengelände beschäftigt und nicht im Haus.“

„Sie erwähnten einen Neffen, der bei Ihnen lebt?“

„Ja, Elijah. Er soll Mathematik studieren und schläft hier, wenn er Vorlesungen hat, doch ich bin mir nicht sicher, ob der Junge für die unerbittliche Arbeit mit Zahlen gemacht ist.“

„Wie lange ist er bei seinem aktuellen Besuch schon hier?“

„Seit Oktober.“ Miss Sampford neigte den Kopf in Claras Richtung. „Ich verstehe, was Sie andeuten wollen. Könnte er die Ursache sein? Aber die Störungen fingen schon im Sommer an, als er noch nicht hier war. Ich werde Sie beim Abendessen mit ihm bekanntmachen, und dann können Sie mit ihm verfahren, wie Sie wollen; dafür habe ich Sie immerhin hergebeten.“

„Gibt es Personen, die regelmäßig in Ihrem Haushalt zu Besuch sind?“

„Ich habe ein paar Freundinnen, die gelegentlich vorbeikommen. Viele andere sind leider schon verstorben. Wenn man mein Alter erreicht, verbringt man viel Zeit auf Beerdigungen. Ich gehe dieser Tage nicht oft außer Haus. Ich habe ein Herzleiden, das mir dabei Probleme bereitet. Neue Bekanntschaften zu machen, hat sich also als schwierig erwiesen. Ich würde sagen, dass ich jede Woche einen oder zwei Besuche von Freundinnen bekomme. Am regelmäßigsten ist Mrs. Brown hier, die meistens Sonntagsnachmittags hereinschaut.“

Clara machte sich eine gedankliche Notiz, wusste aber nicht, wie relevant diese Tatsache war.

„Und was hat es mit diesem Geist auf sich?“

„Ah, da muss ich Sie bremsen.“ Miss Sampford hob einen Finger, um ihren Punkt zu unterstreichen. „Als mein Neffe erfuhr, dass ich Sie eingeladen habe, hat er dafür gesorgt, dass sein Geisterjäger zum Abendessen hier ist. Der wird sicher auch alles über den Geist wissen wollen. Da ich nicht gewillt bin, die ganze Geschichte an einem Tag zweimal zu erzählen, schlage ich vor, dass Sie sich Ihre Fragen bis zum Abend merken. Dann werde ich sie alle beantworten. Fürs Erste werde ich Ihnen Ihre Zimmer zeigen. Ihr Dienstmädchen habe ich im Ankleideraum Ihres Zimmers einquartiert, Miss Fitzgerald.“

Clara lächelte Annie zu, die offensichtlich erleichtert war, weil sie nicht im Dachgeschoss schlafen musste.

„Dürfte ich Sie jetzt dort hinführen? Humphry bereitet unermüdlich das Gartenzimmer für Sie vor, Mr. Fitzgerald.“

„Vielen Dank dafür“, sagte Tommy.

„Nichts zu danken, Mr. Fitzgerald. Eine Gastgeberin muss für die Bedürfnisse ihrer Gäste sorgen. Lassen Sie mich Ihnen den zweiten Stock zeigen, Miss Fitzgerald. Ihr Gepäck habe ich bereits in die Zimmer bringen lassen.“

Miss Sampford stieg als Erste die Treppe hinauf und folgte dann im zweiten Stock einem kurzen Flur.

„Hier ist Ihr Zimmer, Miss Fitzgerald.“ Sie öffnete die Tür eines hübsch eingerichteten Schlafzimmers. „Mr. Bankes, Sie habe ich gegenüber einquartiert.“

„Vielen Dank, Miss Sampford. Das Zimmer sieht entzückend aus.“ Clara betrat ihr Zimmer und stellte zufrieden fest, dass es vor kurzem gelüftet worden war.

„Ich lasse Sie dann allein. Um sieben gibt es Abendessen, aber ich möchte Sie bitten, um sechs auf einen Drink nach unten zu kommen.“ Miss Sampford nickte ihnen erneut zu und lief dann weiter den Flur hinunter.

Clara bewunderte ihr Zimmer mit der Chintz-Tapete und dem Himmelbett. Auf der Kommode standen frische Blumen und im Kamin loderte ein Feuer. Annie lief an ihr vorbei und betrat das Ankleidezimmer, in dem ein Einzelbett und ein Nachttisch aufgestellt worden waren.

„Wir werden es gemütlich haben, schätze ich“, sagte sie.

„In der Tat. Ich gehe sogar davon aus, dass ich zu gut schlafen werde, als dass mich ein Geist wecken könnte.“

„Darüber macht man keine Witze, Clara. Du weißt, dass ich Geister nicht ausstehen kann.“

„Es gibt keine Geister, Annie.“ Clara zuckte mit den Schultern. „Sie tauchen nur auf, wenn einem das Licht oder andere Dinge einen Streich spielen. Dieses Haus ist geistfrei. Aber irgendjemand spielt hier gemeine Spielchen.“

„Mit welchem Ziel denn, Clara?“

Clara schüttelte den Kopf.

„Im besten Fall geschieht das nur zur Belustigung, aber im schlimmsten Fall …“ Clara sog Luft zwischen die Zähne hindurch. „Ich hoffe um Miss Sampfords willen, dass die Person, die hier diese Streiche spielt, nichts Niederträchtiges im Sinn hat.“

„Und wenn doch?“

Clara schaute zu den Blumen auf der Kommode und seufzte schwer.

„Wenn doch, dann hoffe ich, dass wir die Person erwischen, ehe es zu spät ist.“