Kapitel Eins
Clara Fitzgerald wahrte eine Fassade höflichen Interesses, während die recht altersschwache Frau ihr gegenüber in eine zerkratzte Glaskugel starrte. Über dem Eingang zum Zelt hatte man lesen können: Die magische Rosa, Königin der Wahrsagerinnen. Es waren gleichermaßen Ungeduld und Neugier gewesen, die Clara in dieses Zelt geführt hatten. Sie hasste es, auf Menschen zu warten – dabei wurde sie immer so nervös –, und das Zelt hatte ihr fünf Minuten der Ablenkung versprochen. Außerdem hatte die magische Rosa in ihrem Zelt recht einsam und verlassen gewirkt – das Geschäft mit der Wahrsagerei hatte schon bessere Zeiten erlebt.
„Ich sehe, dass Sie …“, Rosa hatte einen Roma-Akzent und trug reichlich schwarze Spitze, insbesondere über dem Kopf. Sie schien um die achtzig Jahre alt zu sein, „… einem großen, düsteren Fremden begegnen werden. Sehr düster sogar. Oh, aber …“
Die magische Rosa hörte auf, mysteriöse Handbewegungen über der Glaskugel zu machen, und setzte sich einen Kneifer mit Goldrahmen auf die Nase. Dann blickte sie mit zusammengekniffenen Augen erneut in die Glaskugel. Als sie wieder zu Clara schaute, war der Roma-Akzent einem starken Yorkshire-Akzent gewichen.
„Schätzchen, ich sage Ihnen nur, was die Kugel mir zeigt, also regen Sie sich bitte nicht auf, aber ich sehe, dass Sie einem großen, düsteren Fremden begegnen werden und … ähm … er wird tot sein.“
Rosa biss sich auf die Lippe, während sie darauf wartete, dass Clara aufschreien oder sie wegen dieser fürchterlichen Vorhersage ankeifen würde. Doch Clara, Brightons erste weibliche Privatdetektivin, lachte bloß.
„Sie glauben gar nicht, wie häufig das vorkommt.“ Clara erhob sich, legte der fassungslosen Wahrsagerin ein Sixpencestück in die Hand und verließ das Zelt mit dem Gedanken, dass sich die magische Rosa unter Wert verkaufte.
Draußen wartete ein wunderschöner Augusttag. Die Sonne stand hoch am Himmel und Kinderlachen lag in der Luft. Clara stand inmitten des Jahrmarkts auf dem Brighton Green und war von Musik und Begeisterung umgeben, was es umso erstaunlicher machte, dass Clara selbst so missmutig war. Viele hätten ihre Situation vielleicht nicht als idyllisch, aber doch wenigstens als glücklich empfunden.
Leider kam Clara nicht umhin festzustellen, dass der August sie traurig stimmte; der Sommer neigte sich dem Ende, die Blumen waren aufgeblüht und hatten großteilig ihren Zenit überschritten, die Rosen in den Gärten rochen übersüß und wurden von hektischen Bienen umschwirrt, die zu spüren schienen, dass ihnen die Zeit ausging. Die Bäume wirkten trocken und schwach, das Gras war gelb und verdorrt. Alle beschwerten sich über die Hitze und den Schwefelgestank, der aus der Kanalisation aufstieg.
Bald würden sich die Blätter goldgelb und orange verfärben, wieder wäre ein Sommer beendet und es würde die lange Rückkehr in den Winter beginnen: Frost am Morgen, eisiger Wind am Nachmittag und Frieren am Abend. All das hing wie eine seltsame Glocke über Clara und deprimierte sie sehr, obwohl sie doch gerade die letzten dunstigen Sonnentage genießen sollte.
Natürlich half es auch nicht, dass vor sechs Jahren an einem ähnlich sonnigen Augusttag der Weltkrieg ausgebrochen war. Das bekräftigte nur Claras Wahrnehmung, dass der August das Ende von Dingen markierte.
„Ein frisches Scotch-Toffee?“
Das Eintreffen ihres Bruders und die Papiertüte mit cremigen, hellbraunen Toffees rissen Clara aus ihrem Trübsinn.
„Hör auf, so unglücklich auszusehen“, wies er sie an, während er ihr die Tüte entgegenstreckte.
Clara seufzte leise, schob die Hand in die Tüte und entschied, dass ihr Versuch, eine schlanke, jungenhafte Figur zu erlangen (wie sie gerade in Mode war), wieder einmal gescheitert war. Tommy grinste sie von seinem Rollstuhl aus an.
„Wir haben uns gerade die hässliche Frau angesehen, und wie vermutet, ist sie bloß ein stattliches Schwein in einem Kleid. Gloucester Old Spot, würde ich sagen.“
„Ich war sehr erleichtert“, sagte Annie, die Haushälterin und verlässliche Freundin der Fitzgeralds, recht steif. Sie war mit Limonade in drei Steingut-Flaschen hinter Tommy getreten. „Denn wenn jede hässliche Frau zum Zirkus gehen müsste, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wäre Brighton bald leer.“
„Annie!“, sagte Clara mit gespieltem Entsetzen und nahm die angebotene Limonade.
„Anwesende natürlich ausgeschlossen“, schränkte Annie ihren Kommentar ein. „Wie auch immer. Schauen wir uns den Auftritt der Affen an? Ich hörte, sie können singen und tanzen.“
„Glaub nicht alles, was du hörst.“ Clara lächelte, als sie sich auf den Weg ins Zentrum des Jahrmarkts machten. „Die magische Rosa sagte mir gerade, dass ich einem Fremden begegnen würde; groß, düster und sehr tot.“
„Dein Ruf scheint dir vorauszueilen“, stellte Tommy mit einem Schulterzucken fest.
„Vielleicht“, antwortete Clara.
Brighton hatte seit dem herrlichen Sommer von 1913 keinen Jahrmarkt mehr erlebt. Der Krieg hatte auf die Stimmung gedrückt und reisenden Schaustellern das Leben schwergemacht. Arbeiter und Darsteller waren in die Armee einberufen worden und die logistische Aufgabe, dutzende Wagen und Attraktionen durchs Land zu karren, war unlösbar geworden. Ganz zu schweigen von all den Pferden, die ebenfalls für den Kriegsdienst an die Front gebracht worden waren. Diese vier langen, finsteren Jahre hatten beinahe die Existenz der englischen Jahrmärkte ausgelöscht. Dann war der Frieden ins Land zurückgekehrt und die Schausteller hatten ihre Fahrgeschäfte und Maschinen von den Höfen und Feldern geholt, auf denen sie gelagert worden waren. Sie hatten alles geputzt und aufgehübscht, neue Pferde besorgt oder in einen Wagen mit Dampfmotor investiert, und dann konnte die Show weitergehen. Nach der langen Zeit ohne die heiteren und unzüchtigen Attraktionen der Jahrmärkte hatte die Rückkehr von Karussellen, Monstrositätenschauen, Wurfbuden und etlichen anderen Geschäften selbst die härtesten Herzen erweicht. Was einst im glamourösen Brighton der Zeit Eduards VII. kitschig und altmodisch gewirkt hatte, war jetzt frisch, wild und lebendig. So wie der Geist des guten, alten Großbritanniens. Etwas neue Farbe, und alles war so gut wie neu.
Der Jahrmarkt, der nach Brighton gekommen war, hatte auf jeden Fall das Beste aus der Gelegenheit gemacht. Es waren über einhundert Stände und Attraktionen an der Küste aufgebaut worden. Clara hatte zwei Karusselle gesehen, die mit ihren grinsenden Pferden und Spiegeln eindeutig die Höhepunkte des Marktes darstellten. Außerdem gab es einen riesigen Turm mit spiralförmiger Rutsche, Schaukeln und ein rotierendes Fahrgeschäft, auf dem einem schlecht werden konnte. Dazwischen verstreut standen Zelte, in denen man alles finden konnte, von diskreten Filmvorführungen für Erwachsene bis hin zu lebendigen Schlangen und Echsen, ganz zu schweigen von den Essensständen und der breiten Auswahl an kleineren Spielen wie Bowling und einem Schießstand. Clara war sich nicht ganz sicher, ob es sich um einen großen Jahrmarkt handelte oder ob sich mehrere kleinere zusammengeschlossen hatten. Doch was auch immer der Fall sein mochte, es wurde eine gute Show geboten.
„Ist das nicht Colonel Brandt?“ Annie deutete mit der Hand auf einen Gentleman, der gerade ein großes, weißes Zelt verließ.
„Ich glaube, ja, aber er sieht ein wenig blass aus.“ Clara beobachtete, wie sich Colonel Brandt mit einem großen Taschentuch die Stirn abtupfte.
Über dem Eingang, aus dem er gerade gekommen war, hing ein Schild mit der Aufschrift:
Exotische Vögel, entzückende Kreaturen von allen vier Enden der Welt.
Rechts und links dieser Worte hatte man zwei spärlich bekleidete Damen aufgemalt, wobei durch einige strategisch platzierte Palmenblätter ein öffentlicher Skandal vermieden wurde. Auf einem weiteren Schild am Eingang stand:
Nur für Erwachsene.
Und ein mürrisch aussehender Kerl verwehrte jedem den Eintritt, der noch nicht bezahlt hatte. Mehr musste Clara nicht erfahren, um zu wissen, welche Attraktionen im Inneren warteten.
„Colonel Brandt.“
Der Colonel hob den Blick und lief hochrot an. Er tupfte sich energisch auf der Stirn herum und schien noch ein wenig blasser zu werden. Clara lief eilig zu ihm und packte ihn am Arm.
„Geht es Ihnen gut, Colonel?“
„Nur ein leichter Schock, mehr nicht. Ich habe die Aufschrift dieses Schildes falsch gedeutet.“ Colonel Brandt war drauf und dran, hinter sich zu zeigen, als ihm bewusst wurde, dass er mit einer Dame sprach und sich nicht noch mehr blamieren wollte. „So etwas habe ich in Indien nie zu Gesicht bekommen.“
„Schon in Ordnung, Colonel. Möchten Sie eine Tasse Tee?“
„Ja, sehr gern. Ich hatte mich auf Sittiche eingestellt, wissen Sie?“
Sie fanden einen Stand, an dem heiße Getränke verkauft wurden, und bestellten vier Tassen Tee. Dann machten sie es sich zwischen zwei Ständen im Gras gemütlich und tauschten sich über die Erlebnisse des Vormittags aus. Tommy hatte zum ersten Mal in seinem Leben ein Krokodil gesehen, auch wenn er eingestehen musste, dass es klein und recht enttäuschend gewesen war. Annie hatte sich in ein Kochzelt gewagt und eine neue Technik zur Zubereitung von Klößen gelernt. Brandt hatte die meisten der Zelte mit tierischen Attraktionen erkundet, bis ihn das Schicksal zu den Exotischen Vögeln geführt hatte. Nur Clara hatte wenig zu erzählen, da sie einen Großteil ihrer Zeit damit verbracht hatte, ziellos umherzustreifen und anderen Gedanken nachzuhängen.
„Ich habe seit Jahren keinen Geier mehr gesehen“, erklärte Colonel Brandt, während er auf besorgniserregende Weise seine Teetasse schwenkte. „Hässliche Tiere, aber klug wie Hunde. Ich schwöre, wenn ich einen zähmen könnte, wäre ich geneigt, ihn als Haustier zu halten.“
„Aber müssten Sie ihn dann nicht mit Schafskadavern und Ähnlichem füttern?“, merkte Tommy an, wobei er Annies entrüsteten Blick ob dieses unangenehmen Themas ignorierte.
„Damit könnte ich schon fertigwerden, denke ich. Aber ich weiß nicht, ob meine Haushälterin einverstanden wäre.“ Brandt schlürfte an seinem Tee. „Nun denn, Miss Fitzgerald, erzählen Sie mir, an welchem Fall Sie gerade arbeiten?“
„Ich habe keinen Fall“, antwortete Clara. „Seit wir von der gescheiterten Hochzeit unseres Cousins zurückgekehrt sind, hatte ich nicht wirklich etwas, woran ich arbeiten kann; abgesehen von dieser kleinen Sache mit dem älteren Herrn, der sein Glasauge verloren hatte. Ich fand es an einem überaus unappetitlichen Ort.“
„Ach was! In einem Kino?“, fragte der Colonel.
Clara lachte.
„Nein, im Zimmer seines Dienstmädchens. Eingewickelt in einige recht persönliche Kleidungsstücke. Ich nehme an, es war ein Versehen.“
„Alte Männer tun viele Dinge aus Versehen.“ Der Colonel zwinkerte ihr vielsagend zu und Clara fragte sich, ob er wirklich unter der Annahme in dieses Zelt gegangen war, dort nur exotische Wesen von der gefiederten Sorte anzutreffen.
„Darf ich vorschlagen, dass wir uns das Kuriositätenkabinett anschauen, wenn alle mit ihrem Tee fertig sind?“ Tommy nickte in Richtung eines großen Zeltes in der Ferne. Ein Schild verkündete, man könne im Inneren viele antike Wunder begutachten. „Ich bin immer für einen Lacher zu haben.“
Die vier bewegten sich zu dem blassgrünen Zelt. Ein stetiger Strom neugieriger Besucher drängte durch den Eingang aus Segeltuch ins Innere. Bei dieser Attraktion gab es keinen Aufpasser und junge Leute nutzten die großen Ausstellungsstücke und die dunklen Nischen, um ein wenig herumzuknutschen. Wie üblich gaben alle vor, nichts davon mitzubekommen.
„Sieh mal einer an, das ist ja der Junge von Mrs. Barker! Hallo, kleiner Freddy Barker! Wer ist deine Freundin? Ja, ist das nicht die entzückende Miss Brown aus der Papiertütenfabrik? Wie unerwartet, euch beide hier zu sehen, wo Mrs. Barker doch gerade erst sagte, dass sie hoffe, du würdest dich mit Penny Draper anfreunden, die ganz in eurer Nähe wohnt.“
„Meine Güte, ist das nicht Deirdre aus der Bücherei? Grüße, Deirdre. Sie wissen wahrscheinlich nicht, ob mein Buch über Typografie schon angekommen ist, oder? Oh, wie ich sehe, sind Sie mit einem jungen Kerl hier, dann will ich nicht stören. Wussten Sie, dass Ihnen ein Knopf abhandengekommen ist?“
„Mr. Parkinson, was für eine Überraschung, Sie hier zu sehen, Sir. Wie läuft es dieser Tage in der Schule? Ist das nicht Miss Prim da neben Ihnen, die Sportlehrerin der Mädchen? Sie sieht ein wenig blass aus.“
Nachdem er so den Schleier des höflichen Desinteresses geteilt hatte, bahnte sich Tommy einen Weg ins Zelt, woraufhin sich plötzlich alle sehr für die Namen der Anwesenden und ihre Partner interessierten. Es waren mehrere peinliche Entschuldigungen zu hören, gefolgt von Sätzen wie: „Ich habe nach meinem Schuh gesucht.“, „Diese Dame hat sich ein wenig seltsam gefühlt und ich habe sie in den Schatten gebracht.“ Oder: „Wir haben uns nur über das System der Katalogisierung unterhalten.“ Nachdem er die Turtelnden aus dem Zelt verjagt hatte, schüttelte Tommy den Kopf und gab ein tadelndes Geräusch von sich.
„Die Jugend von heute.“
Clara schnippte ihm leicht gegen das Ohr und grinste ob seines Schabernacks.
„Du hast sie bestimmt alle traumatisiert, insbesondere den armen Mr. Parkinson. Er wird nie wieder einen Fuß in ein Zelt setzen können.“
„Er sollte es besser wissen“, antwortete Tommy. „Diese Miss Prim hat mehr Kerle als Schülerinnen.“
Clara gluckste vor sich hin und ging zu einem der Ausstellungsstücke im Zelt. Es stellte sich als zweiköpfiges Kalb heraus, das angeblich 1805 zur Welt gekommen war. Vier Glasaugen starrten ihr traurig entgegen. Auf der ausgeblichenen Karte war zu lesen, dass die abergläubischen Menschen aus der Gegend die Geburt dieses Tieres als Zeichen für die bevorstehende Apokalypse gedeutet hatten, da es während eines heftigen Gewitters zur Welt gekommen war und nur eine Stunde gelebt hatte. Der Biograf dieses glücklosen Kalbes hatte es für wichtig befunden, am Ende zu erwähnen, dass es sich um ein Hereford-Rind aus der Herde eines Mr. P. Oakes handelte.
Clara lief weiter, zu einer Vitrine, in der sich angeblich Splitter eines Meteoriten befanden. An einem hing ein Nagel, was laut der Aufschrift auf der Karte bewies, dass er magnetisiert war. Clara kniff die Augen zusammen und entdeckte einen leicht gelblichen Klecks Klebstoff. Eine weitere Vitrine erwies sich als interessanter: Sie war über zwei Meter hoch und enthielt die untere Hälfte eines hölzernen Sarkophags. Aus dem Inneren des Sarkophags starrte ihnen eine schrumpelige Mumie mit weit aufgerissenem Kiefer entgegen. Reste der Bandagen hafteten an Schultern und Armen, während man ihr einen blauen Skarabäus an einer Kette um den Hals gehängt hatte. Finger und Handgelenke der Mumie waren mit verschiedenen golden glänzenden Schmuckstücken verziert, inklusive eines großen Ringes mit einem saphirblauen Edelstein. Clara war davon überzeugt, dass es sich bei diesen Gegenständen nur um Modeschmuck handelte; Schausteller waren Scharlatane, keine Narren. Sie hielt inne, um das gedruckte Schild zu lesen, das an der Mumienvitrine hing:
Sie stehen vor dem noblen Pharao Hepkaptut, dem letzten Herrscher der neunten Dynastie. Sein Grabmal wurde 1907 entdeckt, war völlig unberührt von Grabräubern und enthielt viele Relikte von unschätzbarem Wert (die jetzt sicher verwahrt im Britischen Museum liegen). Hepkaptut war ein vom Pech verfolgter Pharao, der durch die Hand einer seiner vielen Frauen starb; vermutlich wurde er vergiftet. Er starb, ohne einen Erben zu hinterlassen, was das ägyptische Reich ins Chaos stürzte. Der Skarabäus, den Sie an seinem Hals hängen sehen, soll seinen Körper im Tode beschützen. Offensichtlich handelt es sich um ein mächtiges Totem, da sein Grab noch unberührt war. Er trägt einen goldenen Armreif, um seine königliche Abstammung zu kennzeichnen. Hieroglyphen in seinem Grabmal verraten uns, dass der Ring, den Hepkaptut trägt, ein Geschenk von seiner Schwester und Ehefrau Heratutu war.
„Und wer das glaubt, der glaubt auch alles“, sagte Tommy.
Clara schaute ihn an.
„Es sieht recht realistisch aus; als Leiche, meine ich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich um einen echten Pharao handelt.“
„Wahrscheinlich ist es Pappmaché gefüllt mit Sägespänen.“ Tommy tippte gegen das Glas. „Aber der Ring ist schick. Sieht aus, als wäre ein S in den Stein eingraviert.“
„Bei all diesen toten Dingen gruselt es mich ein wenig.“ Annie stand dicht hinter ihnen und erschauderte theatralisch. „Können wir uns jetzt die Affen anschauen?“
„Von einer Scharade zur nächsten. Na schön, Annie, gehen wir zu deinen singenden Affen“, willigte Tommy ein.
Sie verließen das Zelt und schlugen die grobe Richtung ein, in der Annie die Affen vermutete. Clara stellte fest, dass die angebliche Mumie ihre Neugier geweckt und somit vorübergehend ihre Melancholie vertrieben hatte. Man stelle sich vor, es hätte wirklich einen Hepkaptut gegeben, der von einer seiner Ehefrauen ermordet worden war, überlegte sie, und sein Körper wäre wirklich über all diese Zeit konserviert gewesen. Er wäre das älteste, noch existierende Mordopfer der Welt. Also das, dachte Clara, wäre wirklich eine interessante Ermittlung.
Kapitel Zwei
Zwei Tage später saß Clara in ihrem Büro und arbeitete an ihren Geschäftsbüchern, als jemand bei ihr klingelte. Claras Detektei befand sich über einem Kurzwarenladen: zwei kleine Zimmer am Ende einer schmalen Treppe, die ihren Zweck erfüllten, indem sie ihr Geschäft von ihrem Privatleben zu Hause trennten. Unangekündigter Besuch war allerdings ungewöhnlich. Normalerweise schrieben die Leute ihr erst, um ihr Problem zu schildern, ehe sie einen Termin ausmachten. Da Clara nichts im Kalender stehen hatte, musste es sich um einen dieser seltenen Fälle handeln, in denen ein Klient direkt vor ihrer Tür auftauchte.
Neugierig stieg sie die Treppe hinunter, um die Tür zu öffnen. Clara musste zugeben, dass sie ein wenig enttäuscht war, dort nur den örtlichen Fotografen und Freund der Fitzgeralds Oliver Bankes anzutreffen. Sie hatte auf einen neuen Fall gehofft.
„Hallo, Oliver.“
„Clara, wie schön, dass du da bist. Kann ich mit dir sprechen?“
Oliver war außer Atem und klang besorgt. Er hielt einen großen, braunen Umschlag in der Hand.
„Natürlich. Willst du nach oben kommen?“
Sie betraten das Büro und Clara bot an, Tee zu kochen, doch Oliver lehnte ab. Sie bedeutete ihm, sich in einen Sessel am offenstehenden Fenster zu setzen, wo frische Luft den drückenden Raum kühlte. Clara drehte ihren Schreibtischstuhl um und setzte sich so, dass sie zu ihm schaute.
„Also, was ist los?“
„Warst du auf dem Jahrmarkt?“ Oliver deutete mit einem Finger in Richtung Meer.
„Ja. Ich war zusammen mit Tommy und Annie dort.“
„Warst du auch im Kuriositätenkabinett?“
Olivers dringlicher Ton bereitete Clara Sorgen. Sie fragte sich, ob sich jemand auf besorgniserregende Weise über Tommys Kommentare aufgeregt hatte. Hatte er jemanden gegen sich aufgebracht?
„Ja, war ich“, sagte Clara zögerlich. „Tommy hat sich mit den Leuten dort bloß einen Scherz erlaubt.“
Oliver schaute sie kurz ausdruckslos an, dann fuhr er fort.
„Hast du die Mumie gesehen?“
„König Hepkaptut? Ja. Was ist mit ihm? Sag mir nicht, dass jemand so töricht war, in seine Vitrine einzubrechen. Der Schmuck war offensichtlich nicht echt.“
„Nein, nein, die Mumie ist in Sicherheit, aber …“ Plötzlich seufzte Oliver schwer und ließ sich nach hinten in den Sessel sinken. „Wenn ich versuche, das Ganze zu erklären, ergibt es keinen Sinn mehr; selbst in meinen eigenen Ohren. Ich frage mich, ob ich ein wenig den Verstand verloren habe.“
„Lass mal hören“, sagte Clara, deren Enttäuschung längst nachgelassen hatte. „Ich kenne mich mit Dingen aus, die keinen Sinn ergeben, erinnerst du dich?“
„Also, ich bin davon überzeugt, oder zumindest teilweise davon überzeugt, zu wissen, wer König Hepkaptut ist, oder eher war. Und wenn ich recht habe, dann vermute ich, dass wir es mit einem Mord zu tun haben.“
„Willst du damit sagen, dass die Mumie echt ist?“
„Ich will damit sagen: Nein, es ist keine echte Mumie, aber ja, es könnte sich um eine echte Leiche handeln.“ Oliver schüttelte den Kopf. „Ich habe dir doch gesagt, dass es keinen Sinn ergibt.“
„Doch, in gewisser Hinsicht schon. Die Leiche ist echt, und irgendwie wurde sie zur Darstellung eines ägyptischen Pharaos gemacht; zumindest glaubst du das. In dem Fall: Was vermutest du, um wen es sich handelt?“
„Ah!“ Oliver hob den Umschlag in die Höhe. „Ich möchte dir Hundegesicht-Harry vorstellen, seiner Mutter auch als Mervin Grimes bekannt.“
Oliver zog eine Schwarzweißfotografie aus dem Umschlag. Sie zeigte einen unansehnlichen Mann Mitte zwanzig; ein dicker Kiefer, Ohren so groß wie Untertassen und ein fieser Blick, mit dem er in die Kamera starrte. Er trug einen Dandy-Anzug aus der Vorkriegszeit und hielt einen hohen Bowler in der einen Hand, während die andere auf einem Tisch ruhte.
„Vor etwa fünfzehn Jahren hat Mervin Grimes das Fotografiestudio meines Vaters aufgesucht und um eine Portraitaufnahme gebeten. Mir ist nie ein unfreundlicherer Mann begegnet. Er hat die ganze Zeit finster dreingeschaut und nichts anderes getan, als meinen Vater zu schikanieren und anzublaffen. Er war offensichtlich ein Gangster. Mein Vater hat es nicht gewagt, irgendetwas zu sagen, weil er Angst hatte, sich Ärger einzuhandeln. Also hat er die Aufnahme gemacht. Ich fing damals gerade erst an, mich für die Fotografie zu interessieren. Ich habe meinem Vater geholfen, indem ich die Requisiten zurechtrückte und das Modell positionierte. Ich erinnere mich an diesen Kerl, als wäre es gestern gewesen; insbesondere an diesen Ring an seinem Finger.“
Oliver deutete auf die Stelle der Fotografie, wo Mervin Grimes’ Hand auf dem Tisch ruhte. Clara streckte die Hand aus und nahm die Lupe von ihrem Schreibtisch. Sie hielt sie über das Bild und begutachtete die Hand. Es steckte definitiv ein großer Ring an seinem Finger.
„Er war ein Mann, den man nicht so schnell vergisst. Und als ich gestern das Kuriositätenkabinett betrat, erlebte ich den Schock meines Lebens, als ich in diese Vitrine schaute und mir Mervin Grimes entgegenstarrte.“
„König Hepkaptut? Wie solltest du in dieser verschrumpelten Leiche irgendjemanden erkennen können?“
„Vor allem an den Ohren; und da war etwas an seinem Gesicht, das mich an seinen finsteren Blick erinnerte. Na schön, ich weiß, dass das nicht sehr überzeugend ist. Aber kommen wir zu seinem Ring. Ich würde schwören, dass der Mann auf dieser Fotografie denselben Ring trägt, wie die Mumie auf dem Jahrmarkt.“
Clara schaute erneut durch die Lupe.
„Es ist schwer, das mit Gewissheit zu sagen.“
„Das hat die Polizei auch gesagt.“
Clara versteifte sich.
„Du warst zuerst bei der Polizei?“
Oliver öffnete den Mund und schloss ihn wieder, als er seinen Fehler erkannte.
„Ich dachte, sie würden die Leiche beschlagnahmen. Tut mir leid, Clara.“
Clara beließ es dabei. Sie legte das Bild des finster dreinschauenden Mervin Grimes zur Seite und drehte sich wieder zu Oliver.
„Gehen wir einmal logisch an die Sache heran. Wissen wir mit Gewissheit, dass Mervin Grimes tot ist?“
„Mervin Grimes verschwand kurz nach dieser Portraitaufnahme von der Bildfläche. Die Polizei suchte nach ihm und schaltete eine Zeitungsanzeige, mit dem Aufruf, Kontakt aufzunehmen, falls man Informationen zu ihm habe. Soweit ich weiß, wurde er nie gefunden.“
„Wenn wir also annehmen, dass Mervin wirklich tot ist, wie ist er dann als Mumie geendet? Oder auf einem Jahrmarkt, wenn wir schon dabei sind?“
„Ich weiß es nicht“, gab Oliver zu.
„Ein ungewöhnlicher Ort für eine Leiche; vor aller Augen.“
„Aber wie du schon sagtest: Wer sollte ihn so erkennen?“
„Du“, sagte Clara schlicht. „Das setzt natürlich heraus, dass der Besitzer dieses Kuriositätenkabinetts irgendetwas davon wusste, dass es sich bei seinem neusten Ausstellungsstück einst um Mervin Grimes gehandelt hat. Wenn es denn Mervin Grimes ist.“
„Clara, du verstehst doch, warum wir diese Sache untersuchen müssen, oder?“
Clara schaute wieder auf die Fotografie.
„Es ist definitiv merkwürdig, aber wenn wir uns allein auf den Ring stützen, ist es alles andere als eindeutig. Mervin könnte den Ring verloren oder verkauft haben; vielleicht ist es nicht einmal derselbe Ring.“
„Möglich, aber was, wenn er es ist?“
„Dann würde es sich definitiv lohnen, diese Angelegenheit zu untersuchen. Fangen wir mit den grundlegenden Dingen an: Unser einziger Hinweis ist der verdächtige Ring am Finger von König Hepkaptut, der nach meinem Ermessen nicht sonderlich ägyptisch aussieht. Wenn wir bestätigen könnten, dass dieser Ring einst Mervin Grimes gehört hat, wäre das ein Anfang. Du hast vermutlich keine weitere Fotografie von Grimes, der diesen Ring in einem besseren Licht zeigt, oder?“
„Das müsste ich meinen Vater fragen“, räumte Oliver ein. „Vielleicht erinnert er sich noch an ihn.“
„Fangen wir damit an, und dann werden wir uns diese Mumie noch einmal ansehen müssen.“
„Danke, dass du mir glaubst, Clara.“ Oliver lächelte.
Clara zuckte mit den Schultern.
„Irgendjemand muss es ja tun.“
Oliver begleitete Clara zum Haus seines Vaters am Clifton Hill. Das bescheidene Reihenhaus befand sich in der Mitte der Reihe, stand ein Stück von der Straße zurückgesetzt, hinter einer kümmerlichen Grasfläche, die man wohl als Vorgarten bezeichnen konnte. Oliver öffnete das niedrige, schwarze Tor und trat zurück, um Clara durchzulassen.
„Clara, ehe du ihn kennenlernst, solltest du wissen, dass mein Vater eine recht ungewöhnliche Person ist.“
Clara hielt inne und schaute Oliver an.
„Inwiefern?“
„Er ist einfach exzentrisch; hat seltsame Eigenarten. Ich fürchte, er könnte ein wenig zu viel von den Chemikalien aus der Dunkelkammer abbekommen haben.“
„Wird er uns denn überhaupt helfen können?“
„Oh, ja. Er hat noch alle Tassen im Schrank. Nun ja, zumindest die, auf die es ankommt.“
Oliver lief eilig zur Haustür und klingelte.
„Ich lebe mittlerweile in der Wohnung über dem Laden“, erklärte er beinahe entschuldigend, als hätte er das Gefühl, sich für seine Entscheidung rechtfertigen zu müssen. „Ich glaube, mein Vater wird ein wenig einsam.“
Die Klingel hallte durch einen Flur hinter der Tür, dann waren Schritte zu hören. Die Tür wurde geöffnet, und ein alter Mann mit grauem Haar und einem Sergeant-Major-Schnurrbart begrüßte sie. Er hatte einen Antimakassar auf dem Kopf. Clara versuchte, nicht hinzustarren.
„Vater! Was hast du denn da auf dem Kopf?“ Oliver traute seinen Augen nicht und war entsetzt vom Auftreten seines Vaters.
„Was? Sitzt mein Toupet falsch herum?“ Bankes senior streckte eine Hand nach oben und betastete seinen Kopf.
„Das ist nicht dein Toupet!“ Oliver stöhnte unter wachsendem Entsetzen.
Mr. Bankes zog sich den Antimakassar vom Kopf, was eine Glatze zum Vorschein brachte, und musterte ihn kritisch.
„Oh je“, er lächelte seinen Sohn entschuldigend an. „Da muss ich etwas verwechselt haben.“
Clara versuchte immer noch, ihr unterdrücktes Kichern im Zaum zu halten, da sie die ganze Situation überaus absurd und unterhaltsam fand. Jetzt streckte sie Mr. Bankes ihre Hand entgegen.
„Clara Fitzgerald“, stellte sie sich vor.
„Vater, wir sind hergekommen, um mit dir über eine deiner alten Fotografien zu sprechen“, sagte Oliver, um die Unterhaltung in beherrschbare Bahnen zu lenken. „Das hier ist meine Freundin Clara, sie ist Privatdetektivin.“
„Wirklich?“ Mr. Bankes starrte Clara an. „Aber sie sieht aus wie eine Frau.“
Oliver errötete, während sein Vater von einem Fauxpas zum nächsten stolperte. Clara nahm diese Reaktion amüsiert hin. Sie hatte in ihrer kurzen Zeit als Detektivin schon sehr viel Schlimmeres gehört.
„Dürfen wir hereinkommen?“, fragte Oliver mit angespannter Stimme.
„Natürlich. Möchtet ihr Tee?“ Mr. Bankes trat von der Tür zurück und deutete zu seinem Wohnzimmer. „Stört euch nicht an der Unordnung, ich habe einige alte Bilder katalogisiert.“
Mr. Bankes verschwand, um Tee zu machen, und Oliver führte Clara ins Wohnzimmer, wo er erneut stöhnte. Jeder Stuhl, Tisch und jede flache Oberfläche (inklusive einem Teil des Fußbodens) war mit Fotografien bedeckt. Dazwischen lagen Karten mit Aufschriften wie ‚Parks, Brighton‘, ‚Küste, Punch and Judy, 1907-1910‘ und ‚Unbekannt, sonstige Aufnahmen‘. Die meisten Bilder schienen jedoch wild verstreut herumzuliegen, ohne zu der Kategorie gelegt worden zu sein, zu der sie am besten passen würden.
„Bitte entschuldige das, Clara. Er denkt sich ständig neue Ablagesysteme aus und holt all seine Aufnahmen heraus, um sie neu zu sortieren. Er ist sehr eigen damit.“ Oliver unterstrich diese Aussage, indem er zwei Karten aufhob. Auf der ersten stand ‚Tauben, grau‘ und auf der zweiten ‚Tauben, weiß‘. „Die meisten Leute wären zufrieden damit, sie einfach unter ‚Tauben‛ einzusortieren, oder gar ‚Vögel‛.“
Oliver sammelte gereizt Fotografien von einem Stuhl und legte sie in einem Stapel auf einem ohnehin schon mit Bildern überhäuften Spieltisch ab. Den jetzt freien Stuhl bot er Clara an. Sie ließ sich auf etwas Weichem und Flauschigem nieder.
„Ich glaube, das ist das Toupet.“ Sie hielt Oliver das graue Haarteil hin.
Er schüttelte nur den Kopf und legte es auf einen Porzellanhund, der auf dem Kaminsims stand.
„Oh, ist euch der Tee auch ohne Milch recht?“ Mr. Bankes tauchte mit einem verlegenen Gesichtsausdruck in der Tür auf. „Ich dachte, ich hätte noch welche, aber die scheint schlecht geworden zu sein. Meine ‚Haushaltshilfe‛ taucht erst zur Mittagszeit hier auf, müsst ihr wissen.“
„Kümmern wir uns nicht um den Tee.“ Clara beschloss, als Friedensstifterin aufzutreten, als sie Olivers zunehmend wütenden Gesichtsausdruck sah. „Vielleicht sollten wir einfach zum Anlass für unseren Besuch hier kommen?“
„Oh, ja, warum sind Sie hier?“ Mr. Bankes hockte sich auf die Armlehne eines Sessels. „Oliver kommt sonst nur sonntags her. Es ist doch noch nicht Sonntag, oder?“
„Nein, es ist Mittwoch“, sagte Oliver durch zusammengebissene Zähne.
„Dachte ich’s mir doch.“ Mr. Banks nickte. „Entschuldigt, ich verliere das Zeitgefühl, wenn ich nur zu Hause bin.“
„Hör mal, Vater, wir sind wegen einer Fotografie hier, die du vor vielen Jahren gemacht hast.“ Oliver streckte den Umschlag vor, den er mit sich herumgetragen hatte. „Erinnerst du dich an diesen Kerl?“
Mr. Bankes holte die Aufnahme von Mervin Grimes heraus und musterte sie eine Weile. Dann streckte er die Hand zu einem Beistelltisch aus und kramte unter einigen Fotografien eine Brille mit runden Gläsern heraus. Er setzte sie sich auf die Nase und betrachtete das Bild erneut.
„24. Mai 1905. Mr. M. Grimes hat drei Schillinge bezahlt, seine Bilder aber nie abgeholt. Das ist die Landhaus-Kulisse, inklusive falschem Sheridan-Tisch. Die war sehr beliebt bei Menschen, die sich einen förmlichen Hintergrund wünschten. Sehr klassisch.“
„Sie erinnern sich noch an das Datum?“, fragte Clara ungläubig.
„Ich kann mich an alles erinnern, was meine Aufnahmen betrifft“, sagte Mr. Bankes, ohne den Blick zu heben. „Mr. Grimes kam am Tag davor zu mir und wollte eine Fotografie von sich machen lassen, weil er gerade zu etwas Geld gekommen war. Zur Feier dieses Anlasses hatte er sich einen neuen Bowler gekauft. Ich habe mit ihm ausgemacht, dass er am nächsten Tag zurückkommt, und dann diese Aufnahme gemacht. Er hatte sehr genaue Vorstellungen, weshalb es mich überraschte, dass er nie zurückkam, um die Fotografien abzuholen.“
„Mervin Grimes ist verschwunden“, sagte Oliver.
„Wann?“
„Kurz nachdem diese Aufnahme entstanden ist. Das genaue Datum kenne ich nicht. Erinnerst du dich noch an weitere Einzelheiten, was ihn angeht?“, hakte Oliver nach.
„Zum Beispiel?“ Mr. Bankes begutachtete das Bild noch ein wenig länger. „Ich weiß noch, dass ich ihn nicht leiden konnte. Ich hielt ihn für einen Straßenschläger, der bessere Kleidung trug, als ihm zustand. Doch er war ein Kunde, da nimmt man so etwas hin.“
Oliver war sichtlich enttäuscht, weil sein Vater den Ring nicht erwähnte.
„Mr. Bankes, haben Sie noch andere Aufnahmen von Mr. Grimes gemacht, als die, die Sie in Händen halten?“, fragte Clara, während sie vorsichtig die zerknitterte Fotografie hervorholte, auf die sie sich aus Versehen gesetzt hatte.
Mr. Bankes kratzte sich am Kinn.
„Für drei Schilling habe ich ihm nicht allzu viel Zeit gewidmet“, sagte er. „Ich habe eine Aufnahme von ihm im Sitzen gemacht. Ich nenne es die legere Pose. Das Modell lehnt sich in einem Sessel nach hinten und legt eine Hand aufs Knie. Der Ellenbogen des anderen Arms wird auf der Armlehne platziert, und das Kinn ruht auf der Hand. Das verleiht dem Portrait am Ende einen entspannten Anschein. Mr. Grimes war dabei nicht sehr entgegenkommend.“
„Mr. Bankes, denken Sie bitte genau nach. Welche Hand legt das Modell aufs Knie?“
Mr. Bankes warf Clara einen eigenartigen Blick zu.
„Das kommt auf die Person an.“
„Und haben Sie noch eine zweite Aufnahme von Mr. Grimes?“
„Also hört mal, ihr zwei; was ist hier los?“ Mr. Bankes, der zunächst recht zerstreut gewirkt hatte, bewies jetzt, dass er bei klarem Verstand war. „Wurde Mr. Grimes gefunden?“
„Das ist das Ding: Ich bin mir nicht sicher.“ Oliver wirkte niedergeschlagen. „Aber, ja, vielleicht.“
„Und ihr versucht, ihn zu identifizieren? Warum habt ihr nicht die Polizei eingeschaltet?“
„Die interessiert sich im Moment nicht für den Fall.“ Oliver zuckte mit den Schultern. „Man glaubt, ich würde Hirngespinsten nachjagen.“
„Aber diese weitere Aufnahme könnte helfen?“
„Vielleicht. Hoffentlich.“
Mr. Bankes pfiff durch die Zähne.
„Sie wird bei den Portraits abgelegt sein, 1905, Mai, männlich, einzelnes Modell, G.“ Mr. Banks legte die Fotografie in seiner Hand schwungvoll ab. „Und es war keine Kopie im Aktenschrank im Büro? Na schön. Das Bild wurde nie abgeholt. Gebt mir einen Augenblick.“
Mr. Bankes verließ das Zimmer.
„Dein Vater wirkt nett“, sagte Clara zu Oliver und tat ihr Bestes, um die Fotografie zu glätten, auf der sie gesessen hatte, jetzt da Mr. Bankes sie nicht mehr sehen konnte.
„Er ist ein wenig exzentrisch und peinlich.“ Oliver fuhr sich mit einer Hand durch sein dunkles Haar. Er war immer noch entsetzt wegen des Antimakassars.
Clara lächelte ihn an.
„Wenigstens ist er nicht langweilig.“
„Oh, auf keinen Fall!“
„Warum hat er die Fotografie aufgegeben?“
„Hat er nicht“, sagte Oliver. „Nur das Geschäft. Nein, er macht in seiner Freizeit immer noch Aufnahmen. Ich weiß nur nicht, von welchen Motiven, da er mir die Bilder nie gezeigt hat.“
„Vielleicht, weil du ihn nie danach gefragt hast?“
„Jetzt rede mir keine Schuldgefühle ein, Clara“, protestierte Oliver. „Ich gebe mir große Mühe, aber ich muss noch einen Laden am Laufen halten.“
„Ich mische mich schon wieder ein, nicht wahr?“ Clara seufzte.
„Nur ein wenig, und das ist eine der Eigenschaften, die dich zu einer großartigen Detektivin machen.“ Oliver grinste sie an. „Ich bin einigermaßen begeistert davon, mit dir zusammen an einem Fall zu arbeiten.“
„Noch ist es kein Fall.“
„Aber das wird es noch, hoffe ich.“
Auf der Treppe war Krach zu hören, dann rauschte Mr. Bankes an der Tür vorbei.
„Oben ist es nicht. Ich schaue in der Truhe im Wintergarten nach“, rief er, während er wieder aus dem Sichtfeld verschwand.
„Siehst du?“, sagte Oliver mit Verzweiflung in der Stimme zu Clara.
„Er versucht nur, uns zu helfen“, verteidigte sie Mr. Bankes.
Sie warteten geduldig weiter. Oliver wies auf einige Aufnahmen an der Wand hin, die er gemacht hatte, inklusive eines Bildes vom Loch Ness in Schottland.
„Ich habe das Monster gejagt.“
Clara verdrehte die Augen.
„Also wirklich, Oliver, und du sagst, dein Vater sei exzentrisch?“
Oliver lachte.
In diesem Moment tauchte Mr. Bankes wieder auf; mit einer Fotografie in der Hand.
„Ich hatte es unter Z wie Zeitverschwendung abgelegt. Ich muss anfangen, mein System besser im Blick zu behalten.“ Er hielt Oliver das Bild hin. „Hilft das?“
Oliver betrachtete die Aufnahme und reichte sie dann an Clara weiter. Sie musterte die Gestalt gründlich; und insbesondere die rechte Hand, die auf dem Knie ruhte.
„Kann man diese nützliche Sache machen, bei der man ein Detail einer Fotografie nimmt und es größer macht?“, fragte sie.
„Eine Vergrößerung der Hand? Ja, natürlich, aber das Bild wird wahrscheinlich nicht sonderlich scharf sein.“ Oliver nahm die Fotografie wieder an sich. „Das dauert eine Weile.“
„Dann schlage ich vor, wir treffen uns um sieben Uhr. Mr. Bankes, was halten Sie von einem Ausflug zum Jahrmarkt?“
Mr. Bankes schaute Clara verdutzt an.
„Heute Abend?“
„Exakt. Wie klingt das für dich, Oliver?“
„Bis dahin ist das Bild fertig“, stimmte Oliver zu.
„Dann sehen wir uns heute Abend, um sieben Uhr an deinem Laden. Bring eine Lupe und beide Aufnahmen von Mervin Grimes mit.“
„Das ist überaus kurios“, murmelte Mr. Bankes, der sich erneut am Kinn kratzte.
„Es wird noch kurioser, ehe der Abend zu Ende ist, wenn Oliver recht hat“, sagte Clara mit unheilvoller Stimme.