Prolog
Mein Dad liebte eine gute Unterhaltung. Meine Mutter meinte immer, dass er schlimmer als sie war, was das Tratschen anging, aber das stimmte nicht wirklich. Während Mum es schon immer (und immer noch) genoss, die Dorfneuigkeiten weiterzugeben, ohne sich groß darum zu kümmern, ob sie wahr waren oder nicht, hörte Dad nur zu. Er lauschte gern an Türen, im professionellen Sinne. Wenn man in einer kleinen engmaschigen Gemeinschaft wie Penstowan für die Polizei arbeitet, war es (und ist immer es noch) sehr nützlich, das Leben der Einwohner in- und auswendig zu kennen.
Dass er nun tot war, bedeutete für meinen Vater, Chief Inspector Eddie Parker, ehemalig bei der Devon und Cornwall Wache beschäftigt, nun wohnhaft auf dem Friedhof von St Botolph, etwas aus der Übung zu sein. Ich versuchte ihn auf dem Laufenden zu halten, aber in letzter Zeit war mein Leben sehr ereignisreich geworden, sodass ich sein Grab nicht allzu oft besuchen konnte. Ironischerweise war ich, nachdem ich meinen Dienst bei der Metropolitan Police (und eine schlimme Ehe) beendet hatte, nach Penstowan zurückgekehrt, auf der Suche nach einem ruhigeren, sicheren Leben für mich und meine Teenagertochter Daisy, als wir es in London hatten; aber die Küste Cornwalls hatte sich als weniger verschlafen herausgestellt, als ich es aus meinen Teenagerjahren in Erinnerung hatte.
„Hallo Dad“, sagte ich ein bisschen dümmlich. Ich setzte mich ins Gras neben den Grabstein und kratzte die dünne Schicht grünen Mooses ab, die begonnen hatte sich darauf niederzulegen. Die Sommer in Cornwall waren wunderschön, lange heiße Tage, an denen es länger hell am Abend blieb als im übrigen Teil des Landes; aber das Wetter konnte sich, ohne Warnung, ändern, dann kroch der Nebel vom Meer langsam auf das Land und blieb, für eine gefühlte Ewigkeit. Schimmel und Feuchtigkeit waren konstante Probleme, wenn man nahe am Meer lebte, selbst für die Toten.
Ich rutschte mit meinem Hintern auf dem nassen Boden herum und saß da, dachte an meinen Dad. Nun, da ich hier war – ich hatte mir nicht extra vorgenommen hierher zu kommen, ich war nur auf meinem Heimweg, nachdem ich ein paar Sachen für meinen Catering-Job besorgt hatte, hier vorbeigekommen –, begriff ich, warum ich sein Grab nicht öfter besuchte. Er war nicht hier. Mein Vater – seine Seele, jedenfalls – war in Penstowan und wachte über die üblichen Verdächtigen im King’s Arms; und über die Bank am Ende der Fore Street, auf der er gesessen und auf mich und meine Freunde aufgepasst hatte, als wir Kinder waren, und schließlich auch auf Daisy, wenn ich sie zu Besuch hierhergebracht hatte, als sie noch klein war. Und das meiste von ihm war auf der Polizeiwache, wo DCI Nathan Withers, der (inoffizielle) Titelverteidiger des Titels des bestaussehendsten Polizisten Cornwalls und Besitzer meines Herzens (zusammen mit weiteren Teilen meiner Anatomie), die gute Arbeit meines Vaters weiterführte, allerdings mit mehr Technologie und weniger lokalem Wissen. Zum Glück hatte er mich dafür.
„Also“, sagte ich, während ich das Unkraut beseitigte, das um den Grabstein herum gewachsen war. „Die Dinge laufen immer noch gut zwischen mir und Nathan. Ich wünschte, du hättest ihn treffen können, Dad, du hättest ihn wirklich gemocht. Er ist ein guter Bulle und ein lieber Kerl. Er versteht sich so gut mit Daisy und Mum – du würdest es nicht glauben, aber sie frisst ihm aus der Hand. Sie versucht immer seine Hemden zu bügeln und so was.“ Ich lächelte. „Ich denke … Ich glaube, er ist der Richtige, Dad –“
„Ähm …“ Das Geräusch, wie sich jemand räusperte, ließ mich herumfahren. Tony stand hinter mir, lächelnd, aber ein wenig peinlich berührt. „Ich dachte mir, dass du es bist. Besuchst du deinen Dad?“
„Ja.“ Ich sprang auf und wischte mir Erde von der Jeans. „Ich bringe ihn nur auf den neuesten Stand. Was machst du hier?“
„Ob du’s glaubst oder nicht, ich bin hier, um den Vikar zu sehen.“
Ich hob die Augenbrauen. „Sag mir nicht, dass du zum Glauben gefunden hast? Warst du nicht der kleine Junge auf der Schule des Heiligen Arschlochs, der dafür verantwortlich war, dass die Religionslehrerin um ein Haar gekündigt hätte, nachdem du sie gefragt hast, an welchem Tag Gott die Dinosaurier erschaffen hat?“
Er lachte. „Ich finde immer noch, dass das eine vernünftige Frage war. Keine Ahnung, warum die sich darüber so aufgeregt hat …“ Wir drehten uns um und gingen den Berg hinauf, durch die Reihen der Gräber in Richtung Kirche; mein neuer Catering-Van stand auf dem benachbarten Parkplatz und Tonys Verabredung mit dem Vikar fand vermutlich in der Kirche statt. Obwohl es mich traurig gemacht hatte, dass ich meinen alten Van, das Pornomobil (so genannt, weil ich ihn einem Sexshop, der schließen musste, günstig abgekauft hatte. An der Seite war ein überraschend anschaulicher Cartoon-Kleber eines Mannes im BDSM-Outfit angebracht, der eine Peitsche hielt) austauschen musste, war ich auch ein wenig erleichtert, denn es wäre doch nicht sehr angebracht gewesen, damit neben einer Kirche zu parken. Ich hatte nicht wirklich eine Wahl gehabt, denn er hatte sich vehement dagegen gewehrt anzuspringen, trotz der steten Aufmerksamkeit von Rob Trevarrow, dem Mechaniker der Stadt.
„Wie läufts mit dem neuen Van?“, fragte Tony, der zum Parkplatz gestikulierte. „Er sieht gut aus, obwohl ich eine Schwäche für den alten hatte.“
„Ja, ich auch. Aber ich muss zugeben, dass Gwyneth zuverlässiger ist.“
„Gwyneth?“
„Jap. Nach Gwyneth Paltrow benannt.“ Ich grinste Tonys verwirrtes Gesicht an. „Sie hat einem Fischhändler in der Fore Street gehört – er ist jetzt Elektriker. Als wir sie das erste Mal angeschaut haben, hat sie fürchterlich nach Fisch gestunken. Debbie meinte, das erinnere sie an diese Kerze, die Gwyneth Paltrows Firma rausgebracht hat, die eine, die angeblich nach ihrer Va-“
„Oh mein Gott!“, prustete Tony los. „Das klingt wirklich nach Debbie. Ich bin sicher, es steht da was in der Bibel, dass man nicht über die privaten Teile einer Hollywood-Schauspielerin auf geheiligtem Boden reden darf …“
„Wo wir gerade beim Thema sind, wieso triffst du dich mit dem Vikar?“
„Meine Mum kommt immer hierher und ich habe letzten Sonntag mit ihr gesprochen –“
„Ihr? Wir haben einen weiblichen Vikar? Das wusste ich nicht.“
„Nein, ich auch nicht. Aus irgendeinem Grund haben sie über Merrymaid gesprochen und meine Mum hat mich als Freiwilligen gemeldet.“
Penstowans Merrymaid-Woche war eines dieser besonderen Festivals in Cornwall, das angeblich bis in die alten Zeiten zurückreichte und die historische Fischerindustrie zelebrierte, aber heutzutage war es eine Entschuldigung für Spiel und Spaß für Einwohner sowie Touristen und endete in einem Rummel, Kostümwettbewerb und einem riesigen Trinkgelage mit einem Feuerwerk zum Abschluss. Es basierte auf der Legende der Penstowan Sirene, einer furchterregenden Meerjungfrau, welche die Plage der örtlichen Fischer gewesen war. Der Name Merrymaid-Woche war ein wenig irreführend, da das Ganze nur fünf Tage ging, Montag bis Freitag, aber das lag daran, dass der Abreisetag der Ferienlager in der Nähe für gewöhnlich am Samstag war. Wie gesagt, war es rein traditionell und keinesfalls dazu gedacht, Urlauber, die über den Sommer nach Cornwall geflattert waren, von ihrem Geld zu befreien.
„Wollen die, dass du dich als Meerjungfrau verkleidest?“, fragte ich kichernd.
„Seien wir ehrlich, die Beine dafür hätte ich“, sagte Tony, der eine anzügliche Pose einnahm.
„Mr Penhaligon?“ Eine weibliche Stimme hielt uns auf. Wir wandten uns zu einer sehr attraktiven Dame in ihren späten Dreißigern, frühen Vierzigern, die sich von einem der Gräber erhob. Sie hatte langes blondes Haar, das in einem Pferdeschwanz zusammengefasst war, und hielt eine Gartenschere in der Hand. Tony veränderte seine dämliche Pose und richtete sich auf. Ich nahm an, er zog seinen Bauch ein. „Entschuldigung, ich wollte mich nicht an Sie anschleichen, ich habe eben nur das Gras um Agatha und Jim geschnitten.“ Sie gestikulierte in Richtung des antik aussehenden Grabsteins, von dem ich annahm, dass er die letzte Ruhestätte des zuvor erwähnten Paares bedeckte. „Nur so unter uns, Jago Thomas sollte sich darum kümmern, dass das Gras ordentlich aussieht, aber der ist nicht ganz bei sich. Sie müssen Tony sein, und Sie sind …?“
„Jodie, Jodie Parker.“ Ich hielt ihr meine Hand zum Schütteln hin, dann stupste ich Tony, da dieser sich nicht bewegte. Ich warf ihm einen Blick zu und dachte: Oh oh … Sein Mund stand offen und er sah absolut fasziniert von der Vikarin aus.
„Äh, ja, ich bin Tony …“, sagte er schließlich. Sie warf ihm ein großes, freundliches Lächeln zu, völlig ohne zu urteilen, was ich sehr nett von ihr fand, wenn man bedachte, dass er sich wie ein Idiot aufführte. Sie schüttelte unsere beiden Hände.
„Ich bin Carmen Sommersby. Die Vikarin.“ Sie lachte. „Offensichtlich. Warum sollte ich sonst auf dem Friedhof rumschleichen?“
„Ich habe das auch gemacht“, sagte ich lächelnd. „Aber ich habe jemanden besucht.“
Ihr Gesichtsausdruck drückte nun Mitgefühl aus. „Oh, ich hoffe, es ist keiner unserer jüngeren Mitbewohner?“
„Neun Jahre ist es her“, sagte ich. „Mein Vater. Ich komme nicht oft hierher, kam aber gerade vorbei.“
„Wir sind nicht zusammen“, spuckte Tony aus, und ich musste mich zusammenreißen, nicht laut zu stöhnen.
„Nein, Tony hat mich nur gesehen und kam rüber, um Hallo zu sagen“, erklärte ich. „Na ja, dann lass ich euch beide mal reden …“
„Sie dürfen gerne bleiben“, sagte Carmen. „Ich hatte gehofft, wir würden mittlerweile ein paar mehr Helfer haben, aber bis jetzt sind es nur Sie und ich, Mr Penhaligon.“
„Tony“, krächzte Tony. Er war wirklich hoffnungslos. Ich beschloss, dass ich bleiben und sichergehen sollte, dass er sich nicht vollends zum Deppen machte.
„Nun, ich bin mir nicht sicher, ob ich eine große Hilfe sein werde, aber zählen Sie mich dazu“, verkündete ich und die beiden sahen mich dankbar an.
Kapitel 1
„Wie bin ich hier nochmal reingekommen?“, fragte ich und sah dabei mein Spiegelbild an. Das hier war nicht gerade etwas, was ich normalerweise an einem Montagmorgen trug. Meine Mutter, die bis eben auf meinem Bett gesessen und zugesehen hatte, wie ich mich in das Kostüm quetschte, schnaubte.
„Nicht einfach.“ Neben ihr lachte Daisy und hob ihre Hand, um ein High Five von ihr einzufordern. Meine Familie konnte so illoyal sein.
Während ich mein Kostüm studierte, musste ich ihr doch Recht geben; es hatte auf Messers Schneide gestanden, ob ich in dieses Kostüm hineinpasste. Die lange, blond gelockte Perücke sah mehr nach Dolly Parton aus, aber das hautfarbene Mesh-Oberteil mit dem eingebauten Muschel-BH fühlte sich doch mehr nach Meerjungfrau an. Eine etwas nuttige Meerjungfrau, unglücklicherweise. Gott sei Dank war der Mesh-Stoff so engmaschig und blickdicht genug, um meine Blöße zu bedecken.
Der Schwanz/Rock war einfach nur lächerlich, besonders, da er speziell für die Merrymaid-Woche umgestaltet worden war. Er war hinten lang, aber vorne sehr kurz (so kurz, dass ich Radlerhosen darunter tragen musste, damit ein Passant keinen Blick darauf werfen konnte, wozu sonst nur ich, mein Gynäkologe und Nathan Zugang hatten). Das Rückteil war in Form eines Fischschwanzes, von einem glänzenden, mit Schuppen gemusterten Material in Blau-, Grün- und Silbertönen gestaltet. Tony hatte den Anstand, ein wenig beschämt auszusehen, als ich das Kostüm aus der Verpackung geholt hatte, aber wie er bemerkte, wenn man den Rock so gelassen hätte, wie er war – vorne und hinten lang, bis hinunter zu meinen Füßen – hätte ich mich nicht bewegen können; es wäre mir sogar schwergefallen zu watscheln. So stand er nun nur hinter mir ab, wie ein seltsamer Dinosaurierschwanz. Meine gemütlichsten (aber abgetragenen) Turnschuhe komplettierten den Look. Ich würde schließlich durch die Stadt rennen, verfolgt von einer Horde verrückter Kinder, also musste ich gut zu Fuß sein. Auf meinen Wangen gab mir helle, silberne Gesichtsfarbe einen ätherischen, unwirklichen Schimmer, während meine Augen mit rotem Kajal umrandet waren, der mich böse aussehen ließ oder als leide ich unter dem schlimmsten Heuschnupfen-Anfall der Welt.
Ich seufzte und machte mich auf den Weg zur Treppe, hielt oben aber einen Moment inne, um meinen ungezogenen Schwanz unter Kontrolle zu bringen, denn es schien, als wäre er darauf aus, mir eine dauerhafte Stolperfalle zu sein. Unten in der Küche hörte ich Nathan, der sich fertig machte, um zu gehen. Er musste heute zur Arbeit, hatte aber versprochen, später vorbeizukommen und wenigstens einen Teil der Jagd zu beobachten, wenn sich die Bewohner von Penstowan benahmen oder sich, wenn nicht, zumindest nicht dabei erwischen ließen. Oh Gott, dachte ich bitter.
„Ich muss in einer Minute los, Babe“, rief er mir zu, während ich vorsichtig herunterkam. „Viel Glück bei der Jagd, falls ich dich nicht sehen kann – Jesus, Maria und Josef!“, entfuhr es ihm, als er sich umdrehte und ich in sein Blickfeld fiel. Er sammelte sich wieder, räusperte sich und ersetzte den geschockten Gesichtsausdruck auf seinem Gesicht durch einen entspannten. „Wirst du das tragen?“
„Nein, ich muss mich noch umziehen“, sagte ich sarkastisch. Er grinste.
„Entschuldige, blöde Frage. Es ist … du siehst sehr …“ Er gab auf. „Verdammte Axt.“
„Das fasst es gut zusammen“, stimmte ich zu.
„Kannst du darin rennen?“
„Hoffen wir es mal, sonst werden mich die kleinen Engel fangen, bevor ich die Kirche erreiche.“
Nathan wirkte überrascht. „Du musst den ganzen Weg bis zur Kirche laufen? Ich hätte nicht gedacht, dass du es ohne ein Kostüm so weit schaffst.“ Ich verpasste ihm eine mit meinem Schwanz. „Nein, im Ernst, wieso musst du bis zur Kirche? Ich dachte, du führst sie nur durch die Stadt und dann geht’s auf die Wiese neben dem Parkplatz.“
„Weil dann dort die Vikarin die böse Meerjungfrau unterwerfen und uns dann alle zurück in den Hafen führen wird, wo sie alles segnet, was noch von der Penstowan-Fischerflotte übrig geblieben ist“, erklärte ich. „Ist Teil der Legende.“
*
Die Sirene (so die Legende) war eine wunderschöne Kreatur. Sie sang zu den Fischern von Penstowan, wenn sie im Nebel, der die Gewohnheit hatte, aus dem Nichts aufzutauchen, auf dem Meer den Kurs verloren und führte sie so zurück zum Hafen. Im Gegenzug hielten sich die Fischer von ihrem Teil der Bucht fern, einem felsigen Vorsprung nahe dem Hafen; all die Fische im Meer gehörten ihr, also wurden dort keine Netze ausgeworfen und keine Krabben- und Hummerfallen ausgesetzt. Aber eines Tages bemerkte ein Fischer namens John Hawken, der für nichts und niemand anderen Zeit hatte als für Geld, dass die größten Hummer in den Gewässern der Sirene lebten. Er legte dort heimlich Fallen aus, und tatsächlich war sein nächster Fang der größte, den er je gehabt hatte. Er verkaufte die Hummer zu sehr guten Preisen und nachdem er die Hälfte seiner Einnahmen im örtlichen Pub versoffen hatte, plauderte er mit den anderen Fischern über seinen neuen geheimen Angelplatz. Am nächsten Tag schickte einer der anderen Fischer einen Jungen los, um Hawken nachzuspionieren und um herauszufinden, wo er fischte. Bald begannen alle Fischer ihre Krabben- und Hummerfallen dort zu platzieren.
Die Sirene war wutentbrannt. Sie begann daraufhin, die Fischer nicht mehr zurück zur Küste zu führen, sondern sie fortzuführen, hypnotisierte sie mit ihrem wundervollen Gesang, bis sie von riesigen Wellen erfasst wurden, die sich weit draußen auf dem Meer aufbäumten. Viele Fischer verschwanden und niemand verstand, warum sich ihr Glück gewandelt hatte. Abgesehen von einem Jungen; derselbe Junge, der Hawken gefolgt war. Er allein wusste, dass es die Sirene war, welche die Männer in ihren Tod führte, und er wusste, warum. Aber die Fischer hatten sich daran gewöhnt, mehr Geld zu verdienen, und wollten nicht zu ihren alten Gewohnheiten zurückkehren. Es konnte also nur eine Sache getan werden.
Der Junge baute die größte Hummerfalle, die man je gesehen hatte, und eines frühen Morgens, als die Sonne aufging, machte er sich auf zu der Bucht der Meerjungfrau und ließ die Falle an einem Seil hinunter. Die anderen Fischer lachten ihn aus, aber dann kamen sie ins Grübeln und begannen zu denken, dass er Recht hatte; zu viele von ihnen waren ertrunken. In dieser Nacht machte sich die ganze Flotte auf – die, die noch kein feuchtes Grab gefunden hatten, jedenfalls –, um dem Jungen zu helfen, die Hummerfalle heraufzuholen. Und so kam es, dass sie, während sie an dem Seil zogen, das Lied der Sirene hörten; aber anstatt des wundervollen Gesangs, war es herzzerreißend und traurig. Sie begannen zu ziehen und schließlich durchbrach die Falle die Wasseroberfläche. Darin lag, zusammengekauert und weinend, die wohl schönste Kreatur, die sie je gesehen hatten; eine Meerjungfrau mit langem Haar und großen blauen Augen, ihre langen Wimpern benetzt von Tränen. Sie bettelte darum, von ihnen freigelassen zu werden. Der Junge hatte vor, sie herauszulassen, nachdem er den Fischern gezeigt hatte, wen sie verärgert hatten, in der Hoffnung, dass sie sich entschuldigen und die Dinge wieder so werden würden, wie sie waren; aber die Fischer lehnten dies ab. Sie spotteten über die Sirene; sie war nun nicht mehr so mächtig, was? Daraufhin veränderte sich die Meerjungfrau, ihre Augen wurden rot, ihre perlweißen Zähne wurden zu Fangzähnen, und ihre Finger rissen an dem Seil. Die Fischer zogen die Falle mit ihr darin an die Küste, dann schleppten sie sie durch die Stadt und den Hügel hinauf zur Kirche. Die Sirene heulte zorn- und schmerzerfüllt und als sie die Kirche betraten, gab sie einen markerschütternden Schrei von sich und verwandelte sich in Stein. Die steinerne Sirene wurde auf einem Absatz über dem Eingang in der Kirche platziert, um sie daran zu hindern, zur See zurückzukehren, und ihrem Feldzug des Terrors gegen die Fischer Einhalt zu gebieten. John Hawken nutzte sein unrechtmäßig verdientes Geld, um eine ganze Flotte Fischerboote zu erwerben und wurde reich und mächtig, aber er selbst ging nie wieder zur See. Und der Junge, der wurde der Vikar von St Botolph, sodass er die Sirene immer im Auge behalten und ihr jedes Mal, wenn er die Kirche betrat, Respekt zollen konnte.
*
„Arme Sirene“, sagte Nathan und ich musste ihm zustimmen.
„Das ist nur ein weiterer frauenfeindlicher Mythos, der von der patriarchalen Gesellschaft erfunden wurde“, erklärte Daisy bestimmt. Mum sah mich mit einem Jetzt-geht-das-wieder-los-Blick an. Daisy hatte gerade den Feminismus entdeckt und ich war gleichzeitig sehr stolz, aber auch ein bisschen genervt; ich hatte beinahe zwanzig Jahre bei der Met verbracht und ich wusste, was es hieß, in einem Raum voller Männer für sich einzustehen, aber Daisy schien zu denken, dass ich die Worte „toxische Männlichkeit“ noch nie gehört hatte, geschweige denn ein Opfer dessen gewesen war. Sie war in dem Alter, in dem man alles besser wusste … „Jedes Mal, wenn früher etwas Schlimmes passierte, war es die Schuld von Frauen. Die Fischer konnten ja nicht einfach nur ertrinken, weil sie dumm waren und bei rauen Wettern aufs Meer rausfuhren. Nein, es musste die Schuld eines mystischen weiblichen Monsters sein. Medusa, Scylla und Charybdis, die Harpyien – alles Frauen. Die Ernte ist dahin? Wahrscheinlich wegen einer Hexe. Dann suchte man sich eine aufmüpfige Frau, die ihren Platz nicht kannte, und verbrannte sie. Männer hatten immer schon Angst vor intelligenten Frauen.“
Nathan schien verwirrt. „Ich hatte eigentlich keine Angst, aber ich glaube, jetzt schon …“
Wir ließen Nathan zur Arbeit gehen, ich nahm mir noch eine Tasse Tee. Ich hoffte, dass ich das nicht bereuen würde. Ich hatte echte Schwierigkeiten in den Rock (und in die Radlerhosen darunter) zu kommen, also je weniger Toilettenpausen ich einplanen musste, desto besser.
Die Meerjungfrauen-Jagd sollte in eineinhalb Stunden losgehen, die Familien würden sich aber schon am Strand sammeln und ein Frühstück bei den verschiedenen Essensständen auf dem Parkplatz genießen. Ich wünschte, ich wäre nicht so schwer von Begriff gewesen und hätte mich nicht dazu breitschlagen lassen, die Meerjungfrau zu spielen, denn ich hätte meinen eigenen Essensstand dort haben können. Es war der Beginn der Urlaubssaison und, laut einer Nachricht meiner Freundin Debbie (die auch auf dem Festival aushalf, bei der Anmeldung der an der Jagd teilnehmenden Teams) stürmten sowohl die Touristen als auch die Einheimischen die Essensstände, bedienten sich an Speckbrötchen, Waffeln und jeder Art von Frühstücksleckereien. Ich hätte tatsächlich ein wenig Geld verdienen können, statt, dank des dämlichen Schwanzes, einen Bruch zu riskieren. Ich hatte es trotzdem geschafft, etwas zu backen – an der Kirche gab es einen Kuchenstand auf Spendenbasis, an dem die Jäger den Fang der Meerjungfrau feiern und ihre Zuckerlevel erhöhen konnten; alles, um Spenden für die Restoration des Kirchenfensters zu sammeln – aber das bedeutete, dass das eingenommene Geld in die Taschen der Kirche wandern würde und nicht in meine. Ach, was solls. Meine Belohnung würde mich im Himmel erwarten, wenn er existierte. Ich hatte meinen Beitrag für den Kuchenstand am Abend zuvor mit Gwyneth überbracht, die immer noch – trotz allem Schrubben – etwas nach ihrem vorherigen Beruf roch. Ich hoffte, dass meine Kaffee-, Schoko- und Nuss-Kekse keinen Hauch von Schellfisch an sich hatten.
Irgendwie schaffte ich es hinter das Lenkrad meines Wagens und fuhr mich, Mum und Daisy (und Germaine, unseren Hund) zum Stadtparkplatz, auf dem Tony herumlungerte, nicht weit von mehreren Familien, sowohl örtliche als auch Urlauber, die sich gerade für die Jagd angemeldet hatten. Er lächelte, als er unser Auto entdeckte, und kam mit einer großen Decke herüber geeilt.
„Hier“, sagte er und warf mir die Decke über den Kopf, als ich mich aus dem Auto bewegte. Ich warf sie ihm zurück.
„Verdammt, Tony, lass mich doch erstmal aussteigen! Was machst du da?“
„Wir dürfen die Kinder noch nicht die häss… äh, gruselige Meerjungfrau sehen lassen“, sagte er und sah mich von oben bis unten an. „Guter Gott, der Rock ist aber eng …“
„Hey, meine Augen sind hier oben!“, herrschte ich ihn an, eher, weil ich wusste, dass ich furchtbar aussah, nicht, weil ich dachte, dass Tony meine Figur betrachtete und nicht das Kostüm. „Darf ich wenigstens noch einmal einatmen, bevor du mich mit einer Decke erdrückst?“ Ich sah an mir herunter, weil etwas an meinem Fischschwanz zog. Germaine knurrte ihn an, dann schnappte sie zu, schüttelte ihn und ließ wieder los, nur um gleich wieder von vorne damit anzufangen. „Runter da, Germaine! Wo ist die andere Meerjungfrau? Die wunderschöne, nicht die hässliche.“
Tony grinste. „Entschuldige. Wir hätten sie vermutlich die „Vorher“- und „Nachher“-Meerjungfrauen nennen sollen – bevor und nachdem die Sirene gefangen wird und sich in eine böse Harpyie verwandelt. Das Budget des Festivals gibt leider keine Hollywood-Spezialeffekte für die Verwandlung her, daher das seltsame Kostüm … Der Bademeister hat seinen Truck am Strand geparkt und unsere „Vorher“-Meerjungfrau versteckt sich dahinter, bevor wir starten.“ Er blinzelte hinauf zum Himmel. „Gott sei Dank scheint die Sonne und es ist schön warm, ihr Kostüm ist ein bisschen weniger …“ Er wies mit seinen Händen vage auf mein furchtbares Outfit. „… nur weniger. Sehr viel weniger.“ Auf einmal war ich doch ganz glücklich darüber, die hässliche, beziehungsweise nicht die „Vorher“-Meerjungfrau zu sein.
„Sag mal ‚Cheese‘!“
Ich wirbelte herum und fand meine Freundin Nina vor mir, mit erhobenem Handy. „Oh mein Gott!“ Sie kicherte, während sie ein Foto machte. „Das ist ein fantastisches Foto … Tony hat ja gesagt, dein Kostüm wäre schlimm, aber so …“
„Oh, na vielen Dank auch“, sagte ich mürrisch. „Du weißt, dass ich dich wegen Eingriffs in die Privatsphäre oder illegal gemachten Fotos oder sowas verhaften könnte?“
„Das könntest du, aber das Mittagessen nächste Woche findet bei mir statt und das willst du doch nicht verpassen, oder?“
Eines der Dinge, auf das ich mich gleichzeitig gefreut, das ich aber auch gefürchtet hatte, als ich nach Penstowan zurückzog, war es, alte Freunde wiederzutreffen, denn zu manchen hatte ich den Kontakt absichtlich verloren. Aber Nina war keine von diesen, und nach einem etwas peinlichen Anfang – ich hatte sie bei der Stadtverwaltung, in der sie arbeitete, wiedergetroffen und zunächst gar nicht erkannt – hatten wir eine Art „Ladys-die-Mittag-essen“-Club gegründet, der sich aus uns beiden, Debbie, Lily Swann (die mittlerweile in der Nähe von Bodmin in einem verdammt großen Hotel in einer Kirche aus dem 13. Jahrhundert lebte) und Louise Gifford, die Teilzeit als Ingenieurin in Launceston arbeitete, zusammensetzte. Wir trafen uns alle paar Wochen, wechselten uns dabei ab, bei wem zu Hause wir aßen, und jeder brachte ein Gericht mit. Wir saßen zusammen und kicherten und tratschten und … OH MEIN GOTT … mir ging gerade erst auf, dass wir im Prinzip die Mittwochmorgen-Kaffeerunde meiner Mutter waren, nur mit Alkohol.
„Dann lass mich wenigstens besser posieren“, sagte ich zähnefletschend und krümmte meine Finger zu einer Klaue zusammen. „Wofür ist das überhaupt?“
„Für die Webseite der Stadtverwaltung“, erklärte Nina. „Es kommt auf die Seite der lokalen Events, dann kann dich jeder sehen. Du könntest viral gehen.“
„Sie ist auf jeden Fall ansteckend“, sagte Tony, woraufhin ich ihn mit meinem Ellenbogen rammte.
„Daisy!“ Jade, die beste Freundin meiner Tochter, die bloß ein Stück die Straße hinunter von uns wohnte, tauchte auf. Germaine bellte und sprang an ihr hinauf, aber da sie nur ein Spitz war (der Hund, nicht Jade), erreichte sie nur Jades Knie. „Hallo Germaine, wer ist denn ein braves Mädchen?“, fragte Jade, bevor sie sich mit einem Lächeln zu mir umwandte. „Hi, Mrs Par… – Ach du meine …“ Sie hielt abrupt inne, mit weit aufgerissenen Augen.
Daisy seufzte. „Nur meine Mutter könnte diesen Effekt auf meine Freunde haben“, sagte sie. „Komm schon, lass uns gehen.“ Sie trotteten über den Parkplatz, Germaine folgte Daisy brav bei Fuß.
„Lass sie an der Leine!“, rief ich. Daisy hob eine Hand zur Bestätigung, hielt nicht an oder drehte sich etwa um, und ich hatte das Gefühl, dass sie so tat, als würde sie die Verrückte in der hässlichen Perücke und dem bizarren Schuppen-Kostüm nicht kennen. Ich wandte mich an meine Mutter. „Kommst du mit uns?“
„Was, denkst du etwa, ich laufe einer schreienden Horde Kinder quer durch die Stadt hinterher? Mit meinen Hühneraugen?“ Sie schnitt eine Grimasse. „Vergiss es. Ich hol mir eine Tasse Tee.“
Wir sahen ihr hinterher, wie sie loszog, um ein paar ihrer rebellischen Freunde aus dem Kaffeeklatsch zu treffen – die waren wild drauf, sich an einem Montag und in Rowes Bäckerei zu treffen und nicht wie sonst im Gemeindesaal –, und verabschiedeten uns von Nina, die sich auf den Weg zur Arbeit machte. Tony tat sein Bestes, um mich vor neugierigen Augen zu schützen, aber er trug lediglich dazu bei, dass ich noch mehr herausragte. Es war Ebbe, die Sonne schien auf den nassen Sand, glitzerte in den Pfützen der steinernen Teiche und auf den Wellen weiter draußen im Meer. Ich atmete tief ein, genoss die Schärfe des Salzes in der Luft. Das war es, warum ich zurückgezogen war; nicht nur, weil ich es vermisste, meiner Familie und Freunden, die ich lange genug kannte, dass sie auch Familie waren, nahe zu sein, sondern auch wegen des Meers. Ich wollte nie irgendwo leben, wo ich das Meer nicht sehen oder wenigstens riechen konnte. London hatte auch seine guten Seiten – es war spaßig, als ich zuerst dorthin zog –, aber der Spaß war schnell vorbei. Die Wirkung, die das Meer auf mich hatte, verflog nie.
Wir erreichten den langen Arm aus Felsen und Brocken, die von dem Fuß der Klippen bis auf den Strand herausragten. Auf der anderen Seite der Klippen, hinter der Bucht, lag der Hafen von Penstowan, der winzig, aber dennoch (gerade so) das Herzstück der örtlichen Fischerindustrie war. Oder was davon übrig war. Er war idyllisch, aber die meisten Besucher ignorierten ihn oder wussten nicht mal, dass er existierte, und zogen es vor, am wunderschönen sandigen Strand zu bleiben, im eisig kalten Wasser zu schwimmen oder nach winzig kleinen Krabben in den Pools der Felsen zu fischen.
Der Wagen des Bademeisters parkte auf dem Sand, nahe dem Meerjungfrauen-Felsen, dem riesigen Steinbrocken, der etwas weiter entfernt frei von der Felsenformation am Strand lag. Er war früher sicher einmal Teil des kleinen Vorsprungs gewesen, aber die See hatte einen Durchgang zwischen ihm und den anderen Felsen geschürft, wodurch dazwischen ein kleiner Bach entstand, wenn die Flut kam. Den Felsen umgab ein kleiner natürlicher Graben, gefüllt mit Meerwasser, der ihn zu einem perfekten Meerjungfrauen-Thron machte. Was genau passte, da die perfekte Meerjungfrau auf dem Beifahrersitz des Trucks saß und auf ihren großen Auftritt wartete. Kira Tiddy, Tochter von Maggie, die eine der Ferienwohnungen im Ort hatte, war zurück von der Uni irgendwo im Land und ich musste zugeben, dass sie mit ihrem hellen Teint und ihren großen blauen Augen den perfekten Look für eine Unterwasserkreatur hatte.
Tony nickte dem Bademeister Billy Trevarrow (Sohn von Rob – jeder in Penstowan schien der Sohn oder die Tochter oder der Cousin zweiten Grades von jemandem zu sein, mit dem ich zur Schule gegangen war) zu, als dieser aus dem Wagen stieg.
„Alles klar, Billy?“
„Jo, alles klar, Tony? Alles klar, Jo…“ Billy drehte sich mir zu und hielt abrupt inne. Ich seufzte. Langsam gewöhnte ich mich an diese Reaktion.
„Ja, bei mir ist alles gut. Können wir anfangen?“
Billy nickte und holte sein Walkie-Talkie hervor. „Ich finde mal heraus, ob die Jagd-Helfer bereit sind“, erklärte er. Sie waren bereit, hatten endlich alle Teilnahmebeiträge eingesammelt (die an die Wasserwacht gingen) und hielten eine Horde aufgekratzter Kinder und deren Eltern zusammen. Tony ging herüber, um sich zu ihnen zu gesellen, dann, auf sein Zeichen, öffnete Billy die andere Tür des Wagens und hob Kira aus dem Beifahrersitz; sie konnte sich selbst nicht wirklich bewegen, da sie einen richtigen Fischschwanz hatte. Abgesehen davon, wie Tony schon gesagt hatte, beinhaltete ihr Kostüm sehr viel weniger als meines: Sie trug dasselbe Muschel-BH-Oberteil, aber an den Stellen, an denen meines ein wenig Mesh hatte, um meine Körperteile unter Kontrolle zu halten, war ihres lediglich Unterwäsche. Zum Glück war ihre Oberweite auch weniger voll als meine, also drohte sie die Muscheln nicht in einem Tsunami weiblichen Fleisches zu sprengen, wie es bei mir der Fall gewesen wäre. Sie hatte ein glitzerndes, blaues Bauchnabelpiercing (man sah, dass SIE noch keine Kinder geboren hatte, dachte ich, ein wenig bitter, als ich den Mangel an Dehnungsstreifen auf ihrem glatten Bauch bemerkte), und natürlich langes, blondes Haar, und sie sah, wie ich zugeben musste, wunderschön aus. Was mich noch schlimmer aussehen ließ. Ach, was sollte es. Zum Glück wollte ich niemanden mit meiner anmutigen Figur beeindrucken.
Sie kicherte und klimperte mit ihren Wimpern in Richtung Billy, während dieser sie galant auf den Meerjungfrauen-Felsen hob. Billy, Gott sei seiner Seele gnädig, errötete, schien es aber sehr zu genießen. Er startete eine große Seifenblasen-Maschine und schon bald war die hübsche Meerjungfrau von schimmernden Seifenblasen umgeben. Er deutete mir an, mich hinter dem Felsen zu verstecken, während die Menge an jugendlichen Meerjungfrauen-Jägern sich auf den Weg über den Strand machte, geführt von dem berühmten Fischer John Hawken (oder Tony, in einem Kostüm, das eher nach mittelalterlichem Bauern aussah).
Die Kinder machten Ooooh und Aaaah, als sie die hübsche Dame auf dem Felsen sitzen sahen, bis Tony hervortrat und seinen Text aufsagte, ihnen erzählte, dass die Meerjungfrau sehr böse gewesen war und eines der Fischerboote versenkt hatte (das Komitee hatte entschieden, den Teil mit dem Ertrinken der Fischer auszulassen, weil es die Kinder erschrecken könnte). An diesem Punkt warf Billy eine riesige Rauchbombe, die uns alle aufschreckte (wie Tony gesagt hatte, gab es hier keine besonderen Hollywood-Spezialeffekte …) und Kira fast kopfüber von ihrem Felsen fallen ließ; aber er wäre da gewesen, um sie aufzufangen. Er schubste mich kurzerhand hinter dem Felsen vor, auf die kreischenden Kinder zu.
Ich stolperte in dem Rauch in ihre Richtung, blickte sie finster an und spreizte meine Plastik-Klauen, versuchte meine innere Harpyie herauszuholen, aber meine Motivation wurde ein wenig durch eine der herumstehenden Mütter gedämpft, die schallend lachte und „Oh mein Gott …“ ausrief. Ich drehte mich zu ihr und knurrte laut, was die Kinder dazu brachte, noch lauter zu kreischen, und ein sehr kleines, sehr süßes Mädchen brach in Tränen aus. Normalerweise reagierten Kinder nicht so auf mich. Nicht sehr oft jedenfalls.
Tony führte die schreienden, kichernden Kinder den Strand hinauf und in die Stadt. Wir gingen in ein paar Läden der Stadt hinein und wieder hinaus (in Tonys familiengeführten Laden Penhaligons, natürlich, plus ein paar weitere, mit denen es vereinbart worden war – wir vermieden tunlichst die Apotheke, da der Inhaber ein bekannter übellauniger Griesgram war). Ich lief ihnen hinterher, manchmal nahe genug, um eins der langsameren Kinder, das sich am Ende der Gruppe aufhielt, zu packen. Ich machte tatsächlich den Fehler, mir eins zu greifen, aber seine beiden Brüder und ein paar der aufgeregteren Kinder drehten sich um und begannen mich mit Plastikschwertern zu vermöbeln, bis ich ihn losließ. Ich machte mir in meinem Kopf eine Notiz, dass ich mit Tony und den anderen Organisatoren dafür schimpfen würde, den kleinen Lieblingen Waffen erlaubt zu haben.
Nach erschöpfenden (und sehr lauten) zehn Minuten, geleitete Tony sie in die Bücherei, wo sie ‚sicher‘ sein sollten. Dort gab es Malutensilien, Glitzer und Bastelkram mit dem Thema Meer, um sie für eine Weile zu beschäftigen, damit die arme,
fix und fertige Meerjungfrau sich kurz setzen und einen Schluck Wasser trinken konnte. Mir war furchtbar heiß und ich war außer Atem. Ich war seit zwei Jahren in der besten Form meines Lebens; ich hatte mich ein wenig gehenlassen, nachdem ich die Polizei verlassen hatte, aber seit ich von der Devon und Cornwall Mordkommission beschäftigt worden war, gab ich mir ein bisschen Mühe, zu trainieren und wieder fit zu werden. Nicht, dass ich viele Möglichkeiten gehabt hätte, das einzusetzen. Nachdem ich meine Nationale Ermittler-Prüfung abgelegt und die Trainingskurse – die mehrere Monate andauerten – belegt hatte, die mich über die neuesten Polizeiprozeduren informierten, war ich eine Art Detective Sergeant auf Probe oder im ‚Schwebezustand‘ gewesen. Die Probezeit war für ein Jahr angesetzt; davon hatte ich schon neun Monate absolviert. Bisher hatte ich nur an einem Mordfall in Penzance gearbeitet (ziemlich offensichtlich, zwei polizeibekannte Drogendealer waren in einen Gebietsstreit geraten und einer hatte den anderen überfahren), wobei ich dafür zuständig war, die Zeugenaussagen zu katalogisieren. Außerdem hatte ich Nathan eine Woche in Penstowan und Umgebung ausgeholfen, während sein Vollzeit-DS Matt Turner sich den Arm gebrochen und ein anderer Officer Urlaub gebucht hatte. Es schien, dass auch alle Kriminellen in dieser Woche Urlaub machten, denn es war totenstill gewesen. Die gesamte Stadt verhielt sich enttäuschend gut. Trotzdem war es schön gewesen, Zeit mit Nathan zu verbringen. Ich war mir nur nicht sicher, ob es bewies, dass mich die Wache wirklich brauchte.
Ich kam wieder zu Atem und machte mich auf den Weg, den Hügel hinauf, zur Kirche. Tony und ich hatten herausgefunden, dass die Kinder mich auf dem Weg aus der Bücherei entdecken könnten, wenn ich auf dem Feld zwischen dem Pub und dem Friedhof, zwischen den Hinkelsteinen des Morvoren Kreises, warten würde. Tony würde sie ermutigen, sich an mich ‚anzuschleichen‘, während ich mich hinter einem der Steine verstecken und dann hervorspringen würde. Sie würden mich den Rest des Weges, den Hügel hinauf und zur Kirche jagen, wo Carmen, die Vikarin (auf welche Tony offensichtlich stand, aber vor der er nicht einen zusammenhängenden Satz hervorbringen konnte), warten würde.
Ich erreichte den Steinkreis keinen Moment zu früh. Ich drehte mich um, in Richtung Stadt, und sah die Kinder schon aus der Bücherei kommen, während Tony und ein paar der Helfer versuchten, sie diskret in meine Richtung zu weisen. Ich grinste; er sah in diesem Kostüm vielleicht wie der Rattenfänger von Hameln aus, aber er wäre ein super Vater. Ich hoffte, dass es für ihn nicht zu spät sein würde – Carmen sah aus, als wäre sie noch jung genug, um Kinder zu bekommen.
Ich schüttelte meinen Kopf; ich klang schon wie meine Mutter. Ich hörte Rufe und ahnte, dass ich entdeckt worden war, also machte ich mich auf den Weg zur anderen Seite des Steinkreises. Touristen gingen davon aus, dass dieser dort aus irgendeinem mysteriösen Grund von Druiden – vermutlich um Menschen zu opfern oder etwas ähnlich Aufregendes – aufgestellt worden war; in Wirklichkeit aber war er 1867 von einem Kerl dort platziert worden, dem das Land gehörte und der dem viktorianischen Trend für besondere Gartendekoration, wie Pavillons und falsche Ruinen, verfallen war. Es gab einen Fußweg über das Feld zur Kirche, damit Wanderer gelegentlich durch den Kreis kamen, aber die häufigeren Besucher waren die Schafe, die dort weideten.
Es gab einen Wassertrog auf der anderen Seite des Kreises; ich konnte mich dahinter ducken und verstecken und trotzdem sehen, wenn die Jäger auftauchten. Aber während ich darauf zuging, bemerkte ich, dass wohl jemand anderes dieselbe Idee gehabt hatte. Ein Mann beugte sich über den Trog, seine Arme und der Kopf hingen seitlich herunter. Versuchte er etwa, von dem Wasser zu trinken? Ekelhaft!
„Daraus wurde ich nicht trinken, Kumpel“, rief ich, aber er sah nicht auf. Er bewegte sich nicht. Er reagierte nicht einmal auf meine Stimme. Oh oh, dachte ich. Ich rannte zu ihm und sah hinunter. Sein Gesicht war in das dreckige Wasser des Trogs gedrückt worden und seine Arme hingen schlaff herunter. Ich packte ihn an den Haaren in seinem Nacken und zog ihn heraus, aber ich war offensichtlich zu spät. Er war tot …