Leseprobe Der Stoff des Meeres | Die historische Familiensaga im 19. Jahrhundert

Kapitel 1 – 22. Mai 1888, Bad Elster

»Dieser Abend soll nie zu Ende gehen«, hauchte Helene ihrem Mann ins Ohr und sah zu ihm hoch. In den Perlen ihrer Hochsteckfrisur brach sich das Licht der Kerzen, die verschwenderisch im ganzen Foyer aufgestellt worden waren und ehe sie es sich versah, wirbelte Robert sie um ihre eigene Achse.

»Gemach, gemach, mein Herr, du weißt schon, dass die Tanzkünste deiner Gattin eher mäßig sind«, rief sie ihm gegen die anschwellende Geigenmusik zu, doch er lächelte nur. In seinen Armen vergaß sie manchmal, wie unbeholfen sie sich auf dem Tanzparkett benahm, denn immer wenn es komplizierter wurde, hob er sie etwas an und sie stellte sich auf seine Füße. Dann flogen sie für einige himmlische Momente nur so dahin und Helene genoss diese vergnügten Sekunden. So auch heute Abend.

In Bad Elster sprach man seit Wochen von nichts anderem als von der Eröffnung des Alberttheaters am Brunnenberg. War sie recht informiert, wurde seine Majestät König Albert von Sachsen höchstselbst erwartet. Helene war angespannt, denn mit etwas Glück trug die Königin eine der Roben mit Spitzen aus der Manufaktur der zu Hohenlindens. Hoffentlich hat der Schneider diese für exquisit genug erachtet, bangte sie und sah sich um. Von Hochwohlgeborenen keine Spur.

Robert verzog das Gesicht und stöhnte auf, setzte sie behutsam auf dem Eichenparkett ab und sie verstand. Seine neuen Schuhe drückten eh schon und dann dieser verwegene Tanz, das wurde selbst ihm zu anstrengend. Sie lächelte dankbar und gab sich in seinen Armen einem Walzer hin. Schwerelos glitten sie übers Parkett, grüßten nach links und rechts.

Helene setzte jeden Schritt präzise wie in der Tanzschule und in Gedanken war sie bei ihrer Jahreszeiten-Kollektion. Die aufwendigen bunten Applikationen, an denen sie im vergangenen Jahr gearbeitet hatte, waren im Winter in den Handel gekommen und erfuhren größten Zuspruch. Die Damen genossen es, ihren Krägen und Saumabschlüssen oder selbst den Handtaschen ein der Jahreszeit angepasstes neues Gesicht zu geben. Beim Gedanken an das Aussuchen von Farben und Mustern, dem Gestalten ausgefallener Blütenmotive stöhnte sie auf und Robert sah sie fragend an.

»Bist du in Ordnung? Brauchst du eine Pause?«

Nein, die brauchte sie nicht, und so schüttelte sie den Kopf. Neue Einfälle wären dienlich, weshalb nur diese Flaute an Ideen? Wieso erinnert jede Zeichnung stets an die schon bestehenden Muster? Wenn sie ehrlich mit sich selbst war, hatte sie in diesem Jahr nichts auf Papier gebracht, das sie nachts auffahren und nicht schlafen ließ. Keines ihrer Muster war aufregend oder wenigstens neu. Alles schon mal da gewesen. Was ist los mit dir?, fragte sie sich aufrichtig, doch da erspähte sie Judith.

Und wieder einmal lässt du dich ablenken, beschäftigst dich mit anderen Themata und Leuten und versäumst, dieser kreativen Windstille auf den Grund zu gehen …

Ihre Schwägerin schwelgte am Arm ihres Bruders Gustav und schien versunken in der Musik. Genau wie Helene hatte sie wochenlang alle Schneiderinnen in der Region aufgesucht und ihnen die neuesten Kreationen präsentiert. Diese Art von Werbung war aufwendig, doch wenn sie sich im Saal umschaute, hatte es sich gelohnt. An so manchem Ballkleid blitzten die Spitzen der Manufaktur ihrer Familie. Die da wurde auf der neuen Schiffchenstickmaschine in der Fürstenstraße hergestellt; jene mussten wir zweimal bleichen lassen; dort drüben, die ist aus meiner eigenen Mustervorlage entstanden. Ihre Gedanken waren kaum zu bremsen, wie immer, wenn etwas nur im Entferntesten mit der Firma zu tun hatte, musste sie sich konzentrieren, um im Hier und Jetzt zu bleiben und nicht abzudriften.

Schon presste Robert seine Hand auffällig hart in ihre Taille und nickte ihr auffordernd zu, als sie begriff, sie war nicht im Augenblick. Auch er hatte es bemerkt und sie wirbelten an den Rand der Tanzfläche.

»Magst du eine Erfrischung?«, fragte er und geleitete sie zu an der Wand aufgereihten Stühlen. Andere Paare schickten sich ebenfalls an, ihnen zu folgen, und die Kapelle wurde leiser. Kurz bevor die Musiker verstummten, hallte zuerst ein kräftiger Trommelwirbel durch den Saal, der dann in vehement anschwellenden orientalischen Klängen versickerte.

Die Tanzenden sahen sich neugierig um, keiner wusste, wie man dazu hätte tanzen sollen. Sekunden später teilte sich die Menge vom Foyer her und die Menschen machten Platz für einen Magier, der mit seinem Gefolge majestätisch heran schritt. Ein Raunen erfasste den Saal, spitze Ausrufe begleiteten einen als Maharadscha gekleideten Jüngling mit riesigem Turban, der zu aller Verwunderung Feuer spie.

»Was für eine Darbietung, man hat sich die Einweihung etwas kosten lassen. Was möchtest du trinken?«, kommentierte Robert überrascht und sah sie an.

»Danke, zu gütig. Gern ein Glas Champagner und eines auch für Judith«, ergänzte sie, als er sich schon abgewandt hatte und nach einem Kellner Ausschau hielt. Sie deutete auf Bruder und Schwägerin, die auf sie zukamen. Aus dem Augenwinkel sah sie noch immer die Feuerfontäne, die sich flankiert von aufbrandender Zustimmung der Gäste aus dem Mund des jungen Mannes ergoss. Wie sich das wohl anfühlt?, dachte Helene, doch schon hörte sie die Schwägerin an ihrem Ohr. Sie sprach laut, denn die Darbietungen hielten die Anwesenden in Atem, die Ausrufe wurden immer ekstatischer.

»Hast du sie gesehen? Die Comtesse? Der Schnitt ihres Kleides ist fast einfallslos, aber die Spitze an ihrer Schleppe dadurch umso auffälliger«, erklärte Judith und zeigte dezent auf eine junge Frau in hellblauer Robe, die seitlich von ihnen stand. Die Spitze aus der Manufaktur zu Hohenlinden gab dem Ensemble eine Raffinesse, die Helene die Luft nahm. Wie edel das aussieht, dachte sie stolz und hakte sich bei Judith ein.

»Ich bin beglückt all diese herrlichen Kreationen zu sehen. Nicht nur du und ich wandeln heute Abend in unseren Spitzen als lebende Annonciersäule, wie Robert mich gerne bezeichnet. Wie es aussieht, haben sich deine Bemühungen gelohnt. Sicher steigt die Nachfrage nach diesem Abend noch einmal und du wirst jede Menge zu tun bekommen.«

»Die Schneider werden uns den Laden stürmen«, bestätigte Judith vergnügt und sie prosteten sich mit dem Champagner zu, den Robert ihnen reichte. Er lächelte seiner Frau zu, freute sich an ihrem entspannten Gesichtsausdruck und genoss den Abend. Auch sie folgten den pläsierlichen Kunststücken des Magiers, der sogar ein Täubchen aus seinem Zylinder zauberte und die Damen damit zum Jauchzen brachte. Höhepunkt war ein Äffchen, das aus seinen Rocktaschen kletterte, seinen Hut stibitzte und unter allgemeinem Frohlocken über die Schultern der Herren davonlief. Zu alledem begann nun auch das Orchester wieder mit seinem Spiel und sie stimmten ihrer Mama zu, die Großes für dieses Haus prophezeite.

In den Sommermonaten kamen seit vielen Jahren berühmte Musiker in das mitunter provinziell wirkende Bad Elster im südlichen Zipfel des Vogtlandes, denen die Bühne am Brunnenberg bald zu klein werden würde. Sobald das Kurhaus in der Ortsmitte eröffnet und der geplante Park darum herum mit üppigen Rhododendren bepflanzt wäre, dürfte es um die Verschlafenheit des Örtchens geschehen sein. Dann bekäme die Badestadt über die Landesgrenzen hinaus einen neuen Bekanntheitsgrad.

»Es wird zugehen wie in Baden Baden, Kinder«, hatte sie geschwärmt und war froh, auch dann bei der Schwägerin jederzeit ein Plätzchen zu finden, das bezahlbar war. Helene freute sich für ihre Mutter, die in Tante Lisa in den vergangenen zwei Jahren nicht nur eine neue Freundin gefunden hatte, sondern mit deren Hilfe endlich ihre Sucht hatte bekämpfen können.

In diese Gedanken hinein streifte Mutters ausladendes Kleid das ihre und erzeugte ein feines Rascheln, das kaum vernehmbar, aber spürbar war. In den Armen ihres Bekannten flog sie am Rande der Tanzfläche entlang wie ein junges Mädchen. Ihre Wangen von der Anstrengung gerötet, schenkte sie ihr ein Lächeln und Helene erwiderte es. Wann hatte sie die Mutter das letzte Mal so entspannt gesehen? Es war buchstäblich Jahre her.

»Ich mag den alten Knaben«, sagte Robert und nickte Karl Ullmann zu, der Helenes Mutter übers Parkett führte. Das Paar sah aus, als ob sie schon ein ganzes Leben lang zusammen tanzten. Doro tat so, als sei es das Normalste der Welt und lächelte selig. Wahrscheinlich auch, weil die erste Zusammenkunft mit ihren Kindern am heutigen Nachmittag so gelöst verlaufen war. Karl hatte ihnen höchstoffiziell seine Aufwartung gemacht und mit einem eigenen, doch überaus charmanten Witz bestochen.

»Endlich hat Mama ihren ominösen Verehrer aus seinem Versteck gelassen. Ich verstehe noch immer nicht, warum sie so lange gezögert hat. Er ist nett.« Robert nickte und wiederholte den ersten Satz, den der Mittfünfziger als Einstand gewählt hatte, nachdem Doro ihn inklusive aller Titel, Ehrenbezeichnungen, Adresse, Firmensitz und so weiter umständlich vorgestellt hatte: »Ich bin schon etwas abgegriffen, aber sehr robust, vergaß Ihre Frau Mama zu erwähnen. Bitte nennen Sie mich Karl, das schmeichelt meinem simplen Gemüt.« Auch Helene musste beim Erinnern an diesen fast einfältigen Einstand lachen.

»Etwas abgegriffen, wie er nur darauf kommt? Vielleicht ist er ja einfach nur ein erfolgreicher Schelm und Mama deshalb so verrückt nach ihm.« Sie zeigte mit einem Kopfnicken in Richtung ihrer Mutter, die liebevoll eine Fluse von Karls Ohr wegpustete und ihm dabei unschicklich nahekam.

»Kaum zu glauben, doch ich gönne es ihr. Nach allem, was sie durchgemacht hat«, beschied Robert, was auch Helene gerade durch den Kopf gegangen war.

»Lass uns kurz an die frische Luft, es ist so stickig hier drin«, bat sie ihren Mann und griff auf dem Weg nach draußen auch den Arm ihrer Schwester Johanna. Im Schlepptau von Robert suchten sie sich einen Platz zum Verschnaufen.

***

Dorothea sah ihren Töchtern einen Moment hinterher und lächelte versonnen. Eine neue Zeit war angebrochen. Wahrscheinlich sogar eine neue Ära. Im Stadthaus der Familie in Plauen hatten sich nach dem Tod ihres Ehemannes nicht nur Abläufe und Zuständigkeiten geändert. Zwar sorgte Minerva Leonhard als Zofe für sie und wachte als Hausdame über das weibliche Personal, doch sie nahm ihre Anweisungen nun von Johanna und Helene entgegen. Ab und an versicherte sie sich, dass ihre gnädige Frau mit allem d'accord war, meist jedoch ließ Doro ihre Töchter gewähren. Es ging nur um Nebensächlichkeiten, die sie anders regeln würde und dafür lohnte es sich nicht, einen Kampf auszufechten.

Doro übergab den Mädchen das Zepter ohne Wehmut, im Gegenteil. Sie lebte nun das Leben einer Königin Mutter, wenn man so wollte, und sie genoss es in vollen Zügen. Seit ihr Wilhelm so schnell und ohne Vorwarnung von ihnen gegangen war, hatte sich vieles geändert. Sie hinterfragte sich selbst, entschied im Zweifelsfall dem guten Instinkt ihrer Töchter zu folgen und sie hatte aufgehört zu urteilen. Ihr Befinden in Bezug auf das Leben anderer Menschen war unerheblich, befand sie seit Neuestem und so blieb sie allen und jedem fern, der lästerte. Tratsch und überholter Standesdünkel waren es bisher gewesen, der ihrer Familie Leid zugefügt hatte, und dem würde sie Einhalt gebieten.

Amüsiert registrierte sie, wie die Blicke ihrer Töchter Karl und ihr gefolgt waren und sie im Hinausgehen tuschelten. Sie wirkten entspannt und so hoffte sie inständig, der neue Mann an ihrer Seite hatte mit seinem zugegebenermaßen übermäßig legeren Auftritt die Herzen ihrer Kinder erobert. Doch sie war sich dessen ziemlich sicher und ließ sich eine weitere Runde von ihm übers Parkett führen.

Ausgelassen wie vor Jahren mit ihrem Wilhelm, flog sie dahin und es fühlte sich vortrefflich an. Vertraut, so als ob sie sich ewig kannten. Karl Ullmann hatte ihr in einer Zeit sein Geleit angetragen, als sie gelinde gesagt, in unleidlicher Verfassung gewesen war und der Entzug von Morphin und Alkohol sie geschwächt zurückgelassen hatte. Er hatte wie ein Gentleman gehandelt, keine Fragen gestellt, sie höflich unterhalten, Absagen hingenommen wie ein alter Freund und sich mit Beharrlichkeit an ihre Seite postiert.

»Wie viele Male habe ich dich abgewiesen, bevor ich dir einen Spaziergang durch den Park erlaubte, mein Lieber?«, hauchte sie unvermittelt in sein Ohr und er schob sie leicht auf Abstand. Falten zogen sich über seine Stirn und er schien erstaunt.

»Ich bugsiere uns hier unter Aufbietung meiner letzten Kräfte übers Parkett, dass mir fast die Puste ausgeht, und du lässt Revue passieren, wie lange du mich am Gängelbande hast laufen lassen?« Er lachte selbst über seine gestelzte Ausdrucksweise und zuckte dann mit den Schultern. Einfühlsam antwortete er: »Das ist egal, Doro, nun bist du hier in meinem Arm. Und meine Frau und Wilhelm sehen uns von oben dabei zu, wie wir für sie weiterleben.« Er wirbelte sie linksherum, dass ihr kurz die Luft wegblieb, und führte sie dann an den Rand der Tanzfläche. Er suchte ihr einen freien Stuhl und machte sich auf, Getränke für sie zu holen.

»Ich bin gleich zurück, lauf mir nicht davon. Und wenn, dann bitte nicht so schnell.« Wie meist, konnte er es nicht lassen und schob eine Pointe hinterher und Dorothea lächelte. Wie lange werde ich das amüsant finden?, dachte sie und sah sich um.

Aus ihrer Familie machte sie einzig Judith aus, die von ihrem Sohnemann etwas lustlos übers Parkett geführt wurde. Ihre Schwiegertochter fehlte ihr, seit sie und Gustav aus dem Stadthaus ausgezogen waren und gar an den Bau eines eigenen Hauses dachten. Ihre unbeschwerte Art hatte immer ein Lächeln auf alle Gesichter gezaubert und nun, da sie nicht mehr bei ihnen lebte, vermisste sie ihre gescheite und frohgemute Art.

Zum Glück gab Judith die kleine Sofie mindestens zweimal die Woche in die erfahrenen Hände von Annalena, der Kinderfrau, die sich um den Nachwuchs von Helene und Johanna kümmerte. An diesen Tagen arbeitete Judith im Ladengeschäft und sie nahm die Mahlzeiten mit ihnen ein. Die Wege zwischen dem Stadthaus an der Syra und dem Kontor oben im Fabrikantenviertel waren nicht weit und so kamen fast jeden Tag alle beim Essen zusammen. Bin ich genügsam geworden?, schoss es ihr durch den Kopf, als sie Johanna gewahrte, die eben von draußen hereinkam und ihr zuwinkte.

Ihre älteste Tochter überwachte im Stadthaus die Ausgaben, zahlte Rechnungen, übernahm die Erledigung der Post und führte mit Hofstetter den Kalender. Auch Dorotheas Konten hatte sie im Griff, erstattete ihr monatlich Report über ihre Finanzen und machte mehr als deutlich, dass sie es guthieß, dass Dorothea ihre Geldangelegenheiten selbst regelte. Gustav mokierte sich ab und an darüber, doch bei allem, was sich ihr Sohn geleistet hatte, musste etwas mehr Wasser die Elster hinabfließen, bevor sie ihm wieder vollends vertrauen würden. Da waren sich Mutter und Tochter einig.

Helene, ihre Jüngste, regierte über Küche, Wasch -und Plättstube, stellte Personal ein. Sie hatte ein Händchen für Menschen, sah sofort, wenn es im Haus irgendwo hakte. Manchmal war es Dorothea unheimlich, mit welch schlafwandlerischer Sicherheit sich dieses Kind in andere hineinversetzen konnte. Ihr selbst war das fremd, sie hatte viele Jahre ihres Lebens nicht darauf geachtet, wie es dem Personal geht. Sie hatten funktionieren müssen und nicht mehr.

Dann sind sie dir entglitten, erst deine Cousine, dann Helene und schlussendlich Gustav, dachte sie und versuchte die dunklen Gedanken abzuschütteln. Auch die Misere dieses Kindes habe ich zu spät erkannt, warf sie sich vor und lächelte ihrer Tochter trotzdem entgegen. Wie ehern und sanftmütig Johanna doch war. Erst verliert sie ihren Sohn, dann den Ehemann und nun stand sie hier vor ihr und strahlte beseelt. Und das nicht aufgesetzt, sondern aus vollem Herzen.

»Geht es dir gut, Mama? Ich habe gesehen, wie ihr durch den Saal geschwebt seid, deine Ausdauer möchte ich haben«, sagte sie anerkennend und Doro lachte.

»Nun die Spaziergänge oder das Herumstromern, wie es Frau Leonhard abschätzig nennt, müssen ja für was gut sein. Meiner Konstitution jedenfalls hilft es. Karl hat Mühe mitzuhalten«, flüsterte sie nahe am Ohr ihrer Tochter und sah sich nach ihm um.

»Ich habe die Kutsche auf elf Uhr bestellt, ist euch das recht?«, lenkte Johanna das Thema auf etwas Praktisches und sah sich auch nach Karl um.

»Wir könnten mit Lisa einen Absacker nehmen, wenn ihr nicht zu müde seid«, hörten sie nun schon, als er Doro ein Glas hinhielt. Sie zog die Brauen hoch, doch Karl sagte nur: »Apfelsaft, meine Liebe, deshalb hat es ein Sekündchen gedauert.« Glücklich strahlte sie ihn an.

»Warum nicht, sie wird wissen wollen, wie es war. Zu schade, dass sie dieser schlimme Husten plagt«, antwortete Johanna und prostete den beiden zu. Kurz entstand eine unerquickliche Pause, doch sie verwickelte Karl in ein unverfängliches Gespräch über Pferde.

Für Doro war das ein erfreuliches Zeichen. Insgeheim hatte sie vor dem heutigen Tage etwas Bammel gehabt. Mit jedem Monat, den sie hatte verstreichen lassen, ohne ihren Kindern von Karl zu erzählen oder ihn vorzustellen, war sie verschüchterter geworden. Es war ihr schwergefallen, Karl den Mädchen zu präsentieren. Erst als ihr Trauerjahr vorüber war und ihre Reisen in die Residenzstadt Sachsens offensichtlich nicht mehr nur den schönen Künsten gelten konnten, hatte sie Andeutungen gemacht.

Der ominöse Gentleman, wie ihre Töchter ihn nannten, bekam einen Namen und sie offenbarte, dass sie ihn während ihres Kuraufenthaltes bei Tante Lisa in der Pension kennengelernt hatte. Mehr aber hatte sie nicht preisgegeben.

Ich wollte mich wohl selbst schützen, für den Fall, dass er all die vielen kleinen Alltagsprüfungen nicht besteht, oder ich seinen Ansprüchen nicht genüge, fuhr es ihr durch den Kopf und sie schmunzelte. Ja, bei Gott, sie hatte lange Zeit nicht damit gerechnet, ein so faszinierender Mann wie Karl könne Gefallen an ihr finden. Sie hatte nichts vorzuweisen. Anders als bei ihren Töchter hatte ihr Lebenswerk einzig in der Erziehung ihrer Kinder bestanden und dass sie dabei in vielen Punkten versagt hatte, musste man ihr nicht sagen. Das wusste sie. Ihr sonst recht eintöniges Leben an der Seite eines erfolgreichen Mannes war zurückschauend wenig bedeutsam. Aber Karl hatte sie hervorgelockt, die lustige Doro, die entspannte und wissbegierige Frau, die sich an Museen und Theater, Ausstellungen und Ausflügen erfreute wie ein kleines Kind.

Endlich war er nun aus seinem Schatten getreten. Sie konnte und wollte ihren Kindern nichts mehr vormachen. Die Turbulenzen nach Wilhelms Tod waren überwunden, ihr Armbruch geheilt und sie hatte den Entzug überstanden. Es atmete sich freier und entspannter. Sie schlief besser und traf sich wieder mit Bekannten, musste sich nicht mehr um die Firma sorgen, die bei Benjamin Ostendorf und ihren Töchtern in den besten Händen war. Sie blühte auf. Mit und wegen Karl. Nun musste sie sich zu ihm bekennen und dieser heitere Abend war der richtige Anlass gewesen.

***

Die Vertrautheit zwischen Karl und ihrer Mutter rührte Johanna. Der Tod ihres Vaters war erst zwei Jahre her und für sie noch immer eine offene Wunde, doch Dorothea so entspannt zu sehen, stimmte sie froh. Diese Zugewandtheit ließ sie an eine Zukunft glauben, derer sie selbst sich bisher verschlossen hatte. Mutter scheint entschieden zu haben, wohin ihre Reise geht und ich hoffe und bete für sie, dass Karl die richtige Begleitung dafür ist.

Was wird aus uns werden, aus ihr und mir? Wird sie warten, bis ich ihr vergebe? Kann sie weitermachen ohne meine Absolution? Wie oft hast du darüber schon nachgedacht, Johanna, schimpfte sie sich und wusste, es führte zu nichts. Sie allein hatte es in der Hand. Ihre Mutter hatte ihr im letzten Sommer offenbart, dass sie seit Jahren um den Fehltritt ihres verstorbenen Mannes gewusst hatte.

»Ich möchte nicht, dass dieses Wissen zwischen uns steht, Johanna. Ich habe Emma damals Geld gegeben, damit es ihnen an nichts fehlt und ihr eingetrichtert, dass du nie etwas über die wahre Herkunft der kleinen Selma erfahren darfst. Sie war erschrocken, aber pragmatisch, du kennst sie ja. Dass es dir auf so brutale Art zu Gehör kam, tut mir leid.«

War es ein Fehler gewesen? Hätte sie mir sagen müssen, was vorgefallen ist, als ich damals gerade Mutter geworden war?

Ihr Verhältnis zu Doro hatte sich seit der Aussprache verändert. Es war höflich, aber oberflächlich. Johanna ahnte, ein Außenstehender würde es nicht sehen, doch sie gewahrte, wie sie sich von ihrer Mutter distanziert hatte. Doros jahrelanges Schweigen belastete ihr Verhältnis. Die Aussprache war heftig gewesen, voller Vorwürfe und Bitten um Vergebung. Doch es würde Zeit brauchen, Zeit, auf die Johanna diesen Sommer hoffte.

Eine Stunde später ruckelten die Kutschenbewegungen zwischen Brunnenberg und Tante Lisas Pension alle in eine leichte Schläfrigkeit und Johanna ließ den Abend weiter Revue passieren. Selten hatte sie Helene so entspannt gesehen, obwohl sie ahnte, dass sich in dem reizenden Köpfchen ihrer Schwester alles um ihre Spitze gedreht hatte. Zu viel Zeit hatte sie in den letzten Monaten damit zugebracht, diese marktreif zu bekommen.

Helene war seit Wochen in einem Glückstaumel: Die Luftspitze hatte sich nach vielen Anläufen endlich durchgesetzt. Den Alchemisten, wie Helene die Bleich -und Appreturanstalten der Stadt gerne nannte, war nach Jahren intensiven Tüftelns der Durchbruch gelungen. Der Untergrund, auf denen die Kunstwerke gestickt wurden, konnte so beseitigt werden, dass am Ende filigrane Teilchen entstanden, die jede Frau im Reich und auf der ganzen Welt an ihrer Kleidung tragen wollte.

Im Verkauf verzichteten die Verleger und Weisswarenproduzenten der Stadt mittlerweile auf den Namen Ätzspitze, obwohl dieser akkurat gewesen wäre. Luftspitze klang weitaus gefälliger, atmete die Leichtigkeit und Finesse, schmeichelte einer Dame besser als etwas Kratziges, Zerstörendes, eben Ätzendes.

Die Dentelle de Sax a la Hohenlinden avancierte zum bestverkauften Produkt ihrer Manufaktur und in wenigen Wochen würde sogar die Tochter der englischen Königin Victoria mit einer von Judith kreierten Robe einen Ball eröffnen. Die Spitze dafür stammte aus ihrem Hause.