Kapitel 1
Mai 1817
London
Im sanften Abendlicht des Salons starrte Miss Elizabeth Armstrong, von Freunden und Familie Bette genannt, ihre Mutter an, welche mit der anmutigen Grazie einer Königin, die Hof hält, auf dem Sofa saß. Sie war überrascht.
„Meine Absichten waren dir doch sicherlich bekannt“, murmelte ihre Mutter und nahm ein paar Schlucke von ihrem Tee. „Ich kann mir nicht vorstellen, warum du so entsetzt dreinschaust, Bette. Das ist wenig schmeichelhaft. Fasse dich, meine Liebe.“
Elizabeth ließ das Buch, in dem sie gelesen hatte – eine aufregende Geschichte über Liebe und Verrat – auf den kleinen Walnusstisch sinken. „Mutter“, begann sie und versuchte, ihre rasenden Gedanken zu beruhigen. „Ich dachte, wir würden England nur für ein paar Monate besuchen. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie wollen, dass wir dauerhaft hier wohnen.“
Allein der Gedanke war schon ungeheuerlich.
Ihre Mutter wölbte eine elegante Braue. „Pläne können sich ändern, meine Liebe. Das weißt du doch sicher.“
Elizabeth vermutete, dass dieser Plan schon immer existiert, ihre Mutter sie aber im Unklaren gelassen hatte. „Was ist mit unserem Leben in New York, Mama? Unsere Freunde und Familie dort? Was ist mit Vater? Er wird doch sein Geschäft nicht zurücklassen, um in England zu leben?“
„Wir werden sie kaum vermissen“, sagte ihre Mutter abweisend. „Und wann immer wir es doch tun, können wir nach New York fahren.“
„Mama, ich war froh, die Reise mit Ihnen zu machen, weil ich meinen Bruder vermisst habe und hoffte, ihn überreden zu können, mit uns nach New York zurückzukehren. Ich kann nicht bleiben. Ich beabsichtige, vor Weihnachten nach Hause zurückzukehren. Haben Sie Papa informiert?“
„Sprich mir gegenüber nicht von deinem Vater“, mahnte die Mutter heftig, und in ihren dunkelblauen Augen blitzte eine Emotion auf, die Elizabeth nicht verstand. „So sehr ich deinen Vater auch liebe und darauf vertraue, dass er das Beste für dich will, bei dieser Entscheidung hat er kein Mitspracherecht.“
Vertraue?
„Ist … ist etwas zwischen Ihnen und Vater vorgefallen?“, fragte Elizabeth und hatte das Gefühl, als geriete ihre ganze Welt durcheinander.
„Abgesehen von seiner lächerlichen Entscheidung, dich gegen meinen ausdrücklichen Wunsch in seiner Firma arbeiten zu lassen? Es ist inakzeptabel und schädlich für deine Zukunft.“ Ihre Mutter verzog das Gesicht kurz zu einer Grimasse. „Das war unser einziger Streit.“
Erleichterung erfüllte Elizabeths Brust. „Mama, ich war zweimal in Vaters Büro. Niemand hat mich beobachtet, als ich in einem privaten Raum einige Aufgaben für ihn erledigt habe. Papa schätzt die Arbeit, die ich leiste, und sagte sogar, er würde mir mehr Verantwortung in der Firma übertragen.“
Mit einem entschlossenen Klirren stellte ihre Mutter die Tasse auf dem Tisch ab. „Aus diesem Grund habe ich darauf bestanden, dass du mit mir nach London kommst und hier dein neues Zuhause findest.“
Ein kurzes, ungläubiges Lachen entwich Elizabeths Mund. „Sie haben darauf bestanden, dass ich Sie begleite, weil ich Papa geholfen habe, ein paar Briefe zu schreiben und einige Bücher durchzusehen?“
„Ist das das Leben, das du ertragen willst, Bette? Verschleiert in die Firma deines Vaters zu gehen, weil du dich lächerlich machen und deinen Ruf ruinieren könntest? Willst du dich wirklich allein in einem Zimmer verstecken und arbeiten, nach Hause kommen in dein Elternhaus anstatt zu Mann, Kindern und eigenem Heim?“
Ein scharfer Schmerz durchdrang Elizabeths Brust. „Ich will das Leben nicht ertragen. Ich bin entschlossen, es zu leben und glücklich zu sein.“
„Gut“, sagte ihre Mutter mit sanfter Intensität. „Sich ein paar Mal im Monat im Büro deines Vaters zu verstecken und an den Büchern zu arbeiten, ist das Leben zu ertragen.“
„Mama, Sie übertreiben!“
„Tue ich das?“ Ihre Mutter kniff die Augen zusammen. „Du bist dreiundzwanzig, in ein paar Monaten vierundzwanzig. Das ist der richtige Zeitpunkt, um an die Sicherung deiner Zukunft zu denken, Bette. Du solltest nicht diese unsinnigen Ansichten haben, die dein Vater unterstützt, wo er doch weiß, dass es zu deinem Nachteil ist.“
„Es war nichts Schädliches –“
„Ladys arbeiten nicht! Du bist eine Erbin, eine junge Frau von Anmut, Schönheit und Talent. Du hättest schon vor drei Jahren heiraten sollen!“
„Nicht das schon wieder, Mama! Ich bin unverheiratet. Daran ist nichts Schlimmes.“ Elizabeth hatte nie zu Selbstmitleid geneigt. Zwar pries ihre Mutter diese Eigenschaft, glaubte aber auch, dass sie ihre Tochter starrsinnig machte und sie dazu brachte, einem Leben als alleinstehender Frau ohne Angst entgegenzusehen.
„Dass sich deine Träume nicht erfüllt haben, bedeutet nicht, dass du einfach aufgibst und anfängst zu glauben, du könntest eines Tages deinem Bruder bei der Leitung der Firma deines Vaters helfen.“
„So weit habe ich nie geplant“, sagte Elizabeth mit fester Stimme und faltete die Hände in ihrem Schoß. „Ich wollte lediglich etwas Produktives mit meiner Zeit anfangen. Papa hat das verstanden.“
„Dass dein Vater dafür Verständnis zeigt, ist genau der Grund, warum ich wütend und verletzt bin. So wie ich das sehe, lebst du nicht, Bette. Es bricht mir das Herz. Du hast alle Heiratsanträge in New York abgelehnt. Alles, was ich für dich will, ist, dass du hier in England einen Gentleman findest. Wir werden dieses Jahr nicht mehr nach New York zurückkehren.“ Ihre Mutter setzte sich aufrecht hin. „Ich habe deinen Vater informiert, dass wir mindestens zwei Jahre in London verbringen werden.“
Die Erwartungen ihrer Mutter drückten schwer auf das Schweigen zwischen ihnen. Teils verstand sie die Argumentation ihrer Mutter, andererseits hatte sie Angst, diese alten, phantasievollen Träume wieder aufleben zu lassen. Mit neunzehn war Elizabeth in die New Yorker Gesellschaft eingetreten, doch vier Jahre später war sie immer noch unverheiratet. Als Tochter eines Mannes, der eine Bank und weitere Unternehmen besaß, hatte sie schnell gelernt, dass die meisten Verehrer sich mehr für ihren Reichtum und ihre Verbindungen denn für ihren Charakter interessierten. Im Laufe der Jahre war ihr Herz misstrauisch geworden, und sie hatte acht Heiratsanträge abgelehnt, denn ein Bewerber war durchsichtiger gewesen als der andere.
Desillusioniert von der oberflächlichen Oberschicht New Yorks, hatte sich Elizabeth in den letzten Monaten dem Geschäft ihres Vaters zugewandt. Sie interessierte sich besonders für die finanziellen Aspekte. Ihr Verständnis für Zahlen war unbestreitbar, und sie fand die Herausforderung der Arbeit als belebend – ein starker Kontrast zu den langweiligen Besuchen bei Freunden und den endlosen Festen. Ihre Mutter, eine Frau mit traditionellen Werten, die den Platz der Frau zu Hause oder zumindest innerhalb der vornehmsten Grenzen der Gesellschaft sah, zeigte sich über diese neue Leidenschaft entsetzt.
„Mama“, sagte Elizabeth und brach das angespannte Schweigen. „Wenn ich in New York keinen Ehemann finde, welche Chancen habe ich dann in England? Haben Sie bedacht, dass ich wieder einmal scheitern könnte?“
Ihre Mutter stand auf, durchquerte das Zimmer und nahm Elizabeths Hände. Sie starrte sie an und musterte jedes Detail ihres Gesichts.
Ein Anflug von guter Laune überkam Elizabeth. „Wonach suchen Sie, Mama?“
„Ich suche nach einer Spur des Mädchens, das einst von der Liebe träumte, wie sie in den Romanen beschrieben steht, die sie verschlungen hat. Des Mädchens, das sagte, sie wolle einen Mann und drei Kinder. Das Mädchen, das oft darüber scherzte, dass sie einen Mann heiraten würde, der sie genauso anbetet wie dein Vater mich anbetet.“
Elizabeths Kehle schnürte sich zu, und ein unsichtbarer Stein drückte auf ihre Brust. Darauf hatte sie keine Antwort und konnte den Blick ihrer Mutter nur hilflos erwidern.
„Willst du heiraten, meine Liebe“, fragte diese sanft, „oder ist dieser Wunsch ganz aus deinem Herzen verschwunden?“
Eine heiße Welle des Verlangens durchfuhr Elisabeths Herz. Sie wandte den Blick ab, damit ihre Augen nicht die Sehnsucht verrieten, die noch immer in ihr lebte. Die Sehnsucht nach einer glücklichen Ehe und Kindern. Was, wenn sie es noch einmal versuchte und wieder scheiterte? Die Vorstellung davon hinterließ einen schrecklichen Schmerz in ihrer Brust.
„Bitte sei ehrlich zu mir, Bette“, sagte ihre Mutter.
Elizabeth spürte, wie sich der alte Hunger in ihr regte, ein Gefühl, das sie vor ein paar Jahren begraben hatte.
„Ich will“, flüsterte sie, und das Eingeständnis fühlte sich an wie eine Kapitulation. „Aber ich fühle keine Aufregung bei dem Gedanken, es noch einmal zu versuchen. Es ist ein furchtbar mühsames und wenig erfüllendes Unterfangen.“
„Deine Tante wird dir helfen, durch diese Gewässer zu segeln. Sally hat es mir erst heute Morgen versprochen.“
Elizabeths Herzschlag beschleunigte sich. „Tante Sally war so dramatisch, als sie erfuhr, dass ich weder verlobt noch verheiratet bin. Sie meinte sogar, es sei vielleicht ein Glücksfall, dass ich keinen Ehemann suche. Sie sagte, es gäbe viel jüngere, reichere und hübschere Debütantinnen, die mehr Beachtung fänden.“
„Es gibt Dinge im Leben, für die es sich zu kämpfen und zu opfern lohnt. Deine Zukunft … die, die du für würdig hältst, ist etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt.“ Ihre Mutter drückte ihre Hände und schenkte ihr ein Lächeln, das traurig und verständnisvoll zugleich war. „Du wirst jemanden finden, Bette, einen Mann, der deinen Wert genauso sieht wie ich“, versicherte ihre Mutter und ihre Worte umschlangen Elizabeth wie eine warme Umarmung. „Und vielleicht wird dir ein Tapetenwechsel das bieten, was in New York nicht zu finden ist.“
Elizabeth lächelte und spürte Furcht und Aufregung gleichzeitig aufflackern. Ihre Tante väterlicherseits, Viscountess Barnaby, in deren Stadthaus am Berkeley Square sie residierten, hatte sie über die Befolgung der strikten Verhaltensregeln der Londoner Gesellschaft belehrt – zu Bettes Schrecken waren sie sogar noch strenger und unnachsichtiger als die der New Yorker. Seit sie die Hoffnung auf eine Ehe aus ihrem Herzen gestrichen hatte, genoss Elizabeth ein größeres Maß an Freiheit. Sie konnte sich nicht vorstellen, sich wieder so einzuschränken. Oder herablassende Blicke von denen ertragen zu müssen, die sie für eine abgestellte, alte Jungfer hielten.
Doch die Möglichkeit, jemanden zu finden, der sie ihrer Intelligenz und ihres Geistes willen und nicht wegen ihres Vermögens liebte, ließ einen Hauch von Hoffnung in ihrem behüteten Herz aufkeimen.
Sehr bald werde ich wieder zu träumen wagen … und vielleicht werde ich dieses Mal finden, was ich suche. Eine Ehe mit einem Mann, den sie lieben konnte und der sie ebenso schätzte. Elizabeths Herz pochte vor Nervosität und aufkeimender Hoffnung. Vielleicht, nur vielleicht, bot diese Reise nach England mehr, als sie zu erwarten gewagt hatte.
***
Eine Woche später fand sich Elizabeth am Rande eines der prächtigsten Gesellschaftsbälle Londons wieder. Der Raum war ein elegantes Spektakel, das von Hunderten von Kerzen auf Kristallleuchtern erhellt wurde. Ein zwanzigköpfiges Orchester spielte einen lebhaften Walzer, und die Luft war erfüllt von Musik, Lachen, leichtem Geplauder und dem zarten Duft der Damenparfüms.
„Ich hoffe, du hast bemerkt, dass dich niemand zum Tanzen aufgefordert hat, Bette“, murmelte ihre Tante hinter ihrem bemalten Fächer.
Elizabeth war sich dessen durchaus bewusst, störte sich aber nicht daran. Ihre Mutter, die sich mühelos unter die anderen Gäste mischte, warf ihr oft mitfühlende Blicke zu, die zeigten, dass ihr der Mangel an Tanzpartnern ihrer Tochter nicht entgangen war.
Tante Sally seufzte übertrieben. „Die geeigneten Männer denken vielleicht, dass du zu alt bist. Ich sage dir, es ist dieses Kleid! Ich bin nicht glücklich über deinen Eigensinn.“
Ein humorloses Lächeln umspielte Elisabeths Lippen, aber sie antwortete ihrer Tante nicht. Beim Betreten des Ballsaals der Countess war ein Raunen skandalisierten Entzückens und Tadels durch die Menge gegangen, und Elizabeth fühlte eine aufregende Welle der Macht. Sie trug ein rosafarbenes Kleid, das sich fast provokativ an ihre Figur schmiegte. Mit seinem tiefen Dekolleté und dem leuchtenden Farbton war es ein krasser Gegensatz zu den zurückhaltenden Pastelltönen, die Debütantinnen typischerweise bevorzugten.
Sie hatte dieses Kleid ganz bewusst gewählt, denn sie hatte sich geschworen, ihrem Charakter treu zu bleiben und der Gesellschaft ohne Worte mitzuteilen, dass sie eine Lady mit kühnen Absichten war. Es war ein ziemlich riskanter Zug ihrerseits, doch Elizabeth war es sehr wichtig, dass dieser neue Vorstoß in den Heiratsmarkt ihren Vorstellungen entsprach. Ihre Tante, eine Verfechterin des Anstands, war sichtlich entsetzt gewesen, als sie das Kleid zum ersten Mal gesehen hatte.
„Eine Debütantin würde keine solchen Farben tragen“, hatte sie geschimpft und Elizabeth mit scharfem Blick und gerunzelten Brauen gemustert. „Das wäre nur für Witwen und verheiratete Frauen akzeptabel.“
Elizabeth hatte nur gelächelt und gehaucht: „Ich dachte, ich hätte bereits Staub angesetzt? Ich bin keine kindliche Debütantin mehr, aber die englische Luft hat in der Tat Wunder vollbracht. Ich würde sogar behaupten, dass ich mich nicht mehr uralt fühle.“
„Du machst Witze! Wir brauchen eine neue, sittsamere Garderobe …“, hatte ihre Tante mit einer Mischung aus Verärgerung und Besorgnis versucht, sie zu beschwichtigen.
„Nein.“ Elizabeths Widerspruch war entschlossen und fest gewesen. „Früher habe ich allen zugehört, die mir sagten, was ich von einem Ehemann brauche. Ich habe Kleidung getragen, die meine Mutter für angemessen hielt, mit meiner Meinung zu Themen zurückgehalten, die für Frauen als unpassend galten, und mein Lachen unterdrückt. Mein Reichtum schwebte wie ein Leuchtturm über mir. Dieses Mal, Tante, wird meine Suche nach einem Ehemann nach meinen Bedingungen vonstattengehen.“
Der Raum war in angespanntes Schweigen verfallen, während sich ihre Tante und Mutter beunruhigte Blicke zuwarfen. Keine der beiden Damen äußerte weitere Einwände, vielleicht weil sie zum ersten Mal den eisernen Willen wahrnahmen, der sich hinter Elizabeths vornehmem Äußeren verbarg.
„Nun“, sagte ihre Mutter und schlug ihren Fächer auf, während sie anmutig auf sie zutrat. „Ein Londoner Ball ist noch lebhafter als wir es gewohnt sind, aber ich hatte gehofft, die Männer wären aufmerksamer.“
„Ich bin ziemlich entsetzt, dass eine junge Dame ohne Partner so unbeachtet bleibt“, sagte ihre Tante und warf Elizabeth einen vorwurfsvollen Blick zu. „Die meisten Männer brauchen einen Anreiz, um sich einer Dame zu nähern. Wir müssen die Gesellschaft wissen lassen, dass –“
„Nein!“ Elizabeth wusste, worauf ihre Tante hinauswollte. „Niemand braucht zu wissen, dass ich eine Erbin bin. Ich mag keine Männer, deren Bewunderung nur auf Eigennutz und sonst nichts basiert.“
„Als ich meinen Mann kennenlernte, trieb mich nur der Gedanke an das Wohlergehen meiner Familie dazu, den Antrag eines Viscounts anzunehmen“, sagte ihre Tante. „Jetzt liebe ich diesen Mann von ganzem Herzen. Die Bedeutung liegt nicht darin, wie eine Bindung beginnt, sondern wie sie endet.“
„Ich werde meine Meinung in dieser Sache nicht ändern. Das müssen Sie respektieren.“
Ihre Tante kniff die Augen zusammen. „Bette! Du bist zu sturköpfig.“
„Wenn meine Wünsche nicht respektiert werden, werde ich mich auf den Heimweg machen.“ Elizabeth schwächte die Drohung mit einem kleinen Lächeln ab. „Es ist wichtig für mein Glück, sonst würde ich Sie beide nicht darum bitten.“
Ihre Tante seufzte und sagte widerwillig: „Nun gut.“
Der Knoten in Elizabeths Bauch löste sich, und als sie den Wirbel von Farben und Bewegungen vor sich sah, fühlte sie sich schmerzhaft distanziert. Sie verstand die Sorgen ihrer Tante. Obwohl ihre Gastgeberin sie gnädig mehreren geeigneten Gentlemen vorgestellt hatte, hatte sie keiner zum Tanz aufgefordert. Elizabeth war nicht die zarte, blonde Schönheit, von der ihr Bruder behauptete, sie sei so begehrt wie die Diamanten und Rosen, die jede Saison gefeiert wurden. Dennoch war sie hübsch. Ihr dunkelbraunes Haar mit den roten Strähnen schmeichelte ihrem hellen Teint. Mehr als ein bewundernder Blick verweilte auf ihr, aber niemand sprach sie an.
Muss ich immer zuerst für meinen Reichtum geliebt werden?
„Ich brauche ein bisschen frische Luft. Ich komme gleich wieder.“
Die Mutter warf ihr einen mitfühlenden Blick zu und nickte. Als Elisabeth davon eilte, spürte sie die besorgten Blicke ihrer Tante und ihrer Mutter in ihrem Rücken. Sie nahm einem Diener, der sich mit einem Tablett geschickt durch die Menge bewegte, ein Glas Champagner ab, schob sich durch das Gedränge und erreichte die Türen zur Terrasse. Sie schlüpfte hinaus und ein Seufzer der Erleichterung entrang sich ihren Lippen, als sie den in sanftes Mondlicht getauchten Balkon menschenleer vorfand.
Die kühle Nachtluft war wie Balsam. Gerade als Elizabeth darüber nachdachte, den Ball vorzeitig zu verlassen, erregte eine plötzliche Bewegung im Inneren des Saals ihre Aufmerksamkeit. Gemurmel drang auf den Balkon heraus, wie Herbstlaub, das von einem Windstoß erfasst wird.
„Es ist der Duke of Basil“, keuchte eine Dame, ihr Tonfall verriet Schock und zugleich einen Hauch von Erregung.
„Ich habe ihn schon lange nicht mehr auf einer dieser Veranstaltungen gesehen. Nicht mehr, seit Sie wissen schon … dem Skandal“, antwortete eine andere dramatisch flüsternd. Ihre Stimme vermittelte Missbilligung und Freude.
Elizabeth amüsierte sich, ihre Lippen kräuselten sich vor Belustigung. Es schien, dass die Damen in England die gleiche Vorliebe für Klatsch und Tratsch besaßen wie die in New York.
„Gütiger Himmel, ist Lady Clara in der Stadt?“, fragte jemand in gedämpftem Ton.
„Oh, Mary, sprich nicht davon“, antwortete die erste Dame. „Wir wollen nicht, dass dieser furchtbare Klatsch wieder aufflammt. Clara war so am Boden, weil er sie nicht zu seiner Duchess gemacht hat.“ Ihre Stimme war voller Mitgefühl.
Versteckt hinter der Tür und einem großen Palmwedel tratschten drei Ladys eifrig miteinander. Elisabeths Neugier war geweckt, und sie reckte den Hals, um einen Blick auf den berüchtigten Duke zu erhaschen. Ein paar Gentlemen trieben sich herum, aber keiner von ihnen hatte die Aura, die sie von einem Duke erwartete.
„Das war sehr unehrenhaft von ihm“, klagte eine Dame. „Man hat sie zusammen erwischt. Wie konnte er ihr gegenüber nur so gefühllos sein? Die arme Clara ist seit zwei Jahren auf dem Land. Ich hatte gehofft, sie könnte das alles hinter sich lassen.“
„Mary, man kann einen ruinierten Ruf nicht einfach abstreifen und das Geschehene hinter sich lassen“, konterte eine andere scharf.
„Ich für meinen Teil könnte einen solchen Mann niemals bewundern, selbst wenn er so gut aussieht wie Luzifer selbst“, erklärte eine andere schnaubend. „Mit einem teuflischen Humor und Charme dazu!“
„Ein ziemlich makabrer Vergleich!“, war die schnelle Erwiderung.
So gut aussehend wie Luzifer?
Elizabeth verdrehte die Augen auf undamenhafte Weise. Die müßigen Zungen klatschender Damen verblüfften sie immer wieder – oh! Ihre Gedanken zerstreuten sich, als eine hochgewachsene Gestalt aus dem Gedränge hervortrat. Er hielt sich königlich aufrecht und distanziert.
Meine Güte, sieht der gut aus. Ist das der Luzifer dieser Ladys?
Kapitel 2
Das mitternachtsschwarze Haar des Herrn kräuselte sich über seiner Stirn und hinter den Ohren. Es war offensichtlich, dass es geschnitten werden musste, tat aber seiner Eleganz keinen Abbruch. Eher verstärkte es seine verwegene Erscheinung.
Er hatte ausgeprägte Wangenknochen, die eine fast wilde Anmut ausstrahlten, und seine Lippen hatten eine zynische Kante, die deren Sinnlichkeit jedoch nicht minderte.
Seine Kleidung war tadellos: eine dunkle Hose gepaart mit einem Gehrock, einer weißen Krawatte und einer auffällig blauen Weste, die sich mit makelloser Eleganz an seine schlanke Gestalt schmiegte. Elizabeth spürte einen Anflug von Überraschung – fast Demütigung – weil ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Es war nicht ihre Art, sich von bloßer körperlicher Attraktivität beeinflussen zu lassen. Sie hatte immer gehofft, jemanden eher aufgrund seines Gedankenguts und Charmes zu schätzen und umgekehrt für die gleichen Eigenschaften geschätzt zu werden.
Vielleicht ist er ein Tier in feinen Kleidern, oder vielleicht ist er nicht der Duke.
Der unbekannte Gentleman verschwand wieder in der Menge, und Elizabeth kicherte über sich selbst, als sie merkte, wie angespannt sie gewesen war. Sie lehnte sich gegen den kühlen Marmor des Balkons und blickte in den Nachthimmel, dankbar für die klare Nacht, die die Sterne wie Diamanten auf schwarzem Samt glitzern ließ. Sie wusste, dass sie sich nicht ewig verstecken konnte. Ihre Mutter oder Tante würden bald nach ihr suchen. Deshalb stieß sie sich widerwillig von der Brüstung ab, um ins Haus zurückzukehren.
Ihr Herz schlug schneller, als sie eine Gestalt bemerkte, die sich der Terrasse näherte. Instinktiv zog sie sich in den Schatten zurück, und ihr Atem stockte leicht.
Als er den Balkon betrat, verharrte er bemerkenswert still. Elizabeth spürte einen Funken von etwas, das sie nicht genau benennen konnte. Sein Blick ging in ihre Richtung, nachdenklich und abschätzend. Er schritt voran und verringerte den Abstand zwischen ihnen, bis er ihr beunruhigend nahe war.
„Ich habe es mir nicht eingebildet“, sagte er mit leiser und leicht amüsierter Stimme. „Hier draußen versteckt sich tatsächlich eine Lady.“
Belustigung durchströmte sie. „Ich habe mich ausgeruht, Sir.“
„Ihr Tonfall lässt vermuten, dass meine Anwesenheit eine Störung ist.“
„Das ist sie.“
Seine Augen blitzten leicht auf, dann verzogen sich die Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln. Die Andeutung von Sinnlichkeit in seinem Ausdruck raubte ihr für einen Moment den Atem.
„Ah, nicht die Reaktion, die ich gewohnt bin“, murmelte er und zog beiläufig eine Zigarre aus seiner Tasche.
Verärgert über seinen Kommentar, sagte Elizabeth: „Natürlich nicht. Männer mit Euren Privilegien sind die Bewunderung derer gewöhnt, die ihnen in den Hintern kriechen wollen, und haben ein perverses Vergnügen an solchen Schmeicheleien.“
Entsetzt über ihre Offenheit schlug sich Elizabeth eine Hand vor den Mund und warf dem leeren Glas auf dem Sims einen anklagenden Blick zu.
„Hmm, sollen wir etwa ein einziges Glas Champagner für diesen ungeheuerlichen Ausrutscher verantwortlich machen?“, fragte er neckisch.
Es überraschte Elizabeth, dass er angesichts ihrer Worte nicht beleidigt war … oder war er es doch?
Sie spürte die Wirkung seiner Augen, die sie musterten. Er stand so nah, dass Elizabeth sah, dass sie von hellem, durchdringendem Silber waren.
Eine elegante Braue wölbte sich. „Ertränken Sie Ihre Sorgen?“
„Langeweile“, gestand sie leise, und ihr Herz flatterte seltsam, weil diese Unterhaltung so anders war.
„Dieses furchtbare Biest. Es gibt nichts Schlimmeres als ein von Langeweile geplagter Geist. Es könnte einen auf den Gedanken bringen, dass Männer gewisser Couleur es genießen, wenn andere ihnen in den Hintern kriechen und ihnen schmeicheln.“
Ein ersticktes Kichern entwich Elizabeth, und sie ertappte sich dabei, den Mann vor ihr neu einzuschätzen. Vielleicht war er doch nicht der Duke, über den die Damen geflüstert hatten.
„Ich habe heute Abend vier Gläser getrunken, aber ich muss gestehen, dass ich ihnen nicht allein die Schuld für meine Offenheit geben kann.“
„Eine ehrliche Lady, wie erfrischend“, erwiderte er, wobei sein bissiger Unterton seine Belustigung Lügen strafte.
„Wie ich sehe, seid Ihr nicht nur übersättigt, sondern auch noch selbstgefällig und arrogant.“
„Das alles gehört zu einem guten Duke.“
Elizabeth gluckste leicht. Wer war er?
„Ein reizendes Lachen“, bemerkte er, zündete die Zigarre an und blickte sie mit neuem Interesse an. „Kommen Sie ins Licht. Ich möchte Sie genauer betrachten.“
„Abgelehnt“, murmelte sie und trat weiter in den Schatten.
Er hob eine Augenbraue und zog langsam an seiner Zigarre.
„Noch eine Premiere für Euch, wie ich sehe“, sagte sie leise.
„Sie sind interessant. Ich mag interessante Dinge.“
Während Elizabeth ihn anstarrte, durchfuhr sie ein brennender Blitz des Bewusstseins. Dieses leise, nachdenkliche Murmeln fühlte sich ausgesprochen gefährlich an.
„Ich habe noch nie einen Wüstling getroffen“, sagte sie leise. „Und ich nehme an, Ihr seid tatsächlich der Schurke, über den die Damen flüstern.“
„Sie laufen nicht davon.“
„Sollte ich das?“ fragte Elizabeth, und ihr Herz klopfte vor Aufregung über dieses Gespräch.
„In der Jagd liegt der halbe Spaß.“
Obwohl sie lachte, fühlte sich Elizabeth von der Sinnlichkeit, die er ausstrahlte, bedroht, denn seit er ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, schlug ihr Herz schneller und hatte sich seitdem nicht mehr beruhigt. „Heißt das, Ihr werdet mich jagen?“
„Kommt drauf an.“
„Ihr starrt, Sir, und außer Schatten gibt es nichts zu sehen.“ Elizabeth war sich sicher, dass er ihre Gesichtszüge nicht erkennen konnte.
„Schatten verbergen oft die faszinierendsten Geheimnisse“, erwiderte er sanft, ohne seinen Blick von ihr zu nehmen. „Ich habe es schon immer genossen, Geheimnisse zu enträtseln.“
„Ich bin kaum geheimnisvoll.“
„Erlauben Sie mir zu erfahren, wer Sie sind.“
Die Vorsicht trieb sie dazu, „Nein“ zu sagen.
„Vielleicht könnte ich Sie mit dem Versprechen auf bessere Gesellschaft dazu bringen, aus den Schatten hervorzutreten. Ihre Langeweile hätte ein Ende.“
Elizabeth lächelte. „Ihr haltet viel von Eurer eigenen Gesellschaft, Sir.“
„Das sollten Sie auch von Ihrer“, erwiderte er und trat ein wenig näher. Sein anregender Duft mischte sich mit der Nachtluft. „Es kommt nicht jeden Tag vor, dass man eine Dame trifft, die so geistreich ist und so schön lacht.“
Elizabeth lächelte, doch etwas in seinem Ton, ein Mangel an Wärme, deutete auf eine gewisse Distanziertheit. Was bist du doch für ein Charmeur, dachte sie, aber sein Blick hatte etwas Zynisches, so als wäre jede Interaktion nur ein Zug in einem strategischen Spiel.
„So eine unverschämte Schmeichelei, Sir“, sagte sie und fragte sich, welchen Charakter der Mann vor ihr wirklich hatte. „Man könnte meinen, Ihr hättet die Kunst des Kokettierens recht ausgiebig geübt.“
Ein weiterer Schritt brachte ihn erschreckend nahe. Sein männlicher Duft umgab sie, und etwas Heißes und Unangenehmes kribbelte in ihrem Unterleib.
„Schmeicheleien sind die Währung der Gesellschaft“, entgegnete er in einem unentschuldigenden, fast abweisenden Ton.
Elizabeth war erstaunt über seine Offenheit – so anders als der übliche Schleier der Höflichkeit, dem sie in ihren gesellschaftlichen Kreisen sonst begegnete. Sie ertappte sich dabei, wie sie ihn anstarrte, fasziniert und ein wenig verunsichert.
„Ist irgendeines Eurer Worte aufrichtig oder sind es nur gut einstudierte Sätze, um zu jagen und zu entwaffnen?“ Bist du ein Schurke?
Seine silbernen Augen schienen provozierend aufzublitzen. „Sind Sie entwaffnet?“
Sie lachte, ein klarer Klang, der die kühle Nachtluft erfüllte. „Nein, Sir, bin ich nicht.“
In diesem Moment lenkte ihn ein Geräusch ab. Er drehte sich um, sodass seine breiten Schultern sie abschirmten.
Elizabeth spürte einen Anflug von Wärme – seine Geste, schützend und rücksichtsvoll in Bezug auf ihren Ruf – stand im Widerspruch zu der zynischen Fassade, die er zeigte.
„Basil!“, rief die klare Stimme einer Dame, der Tonfall durchsetzt von Irritation. „Warum fliehst du, wo du doch gerade erst angekommen bist?“
„Ich habe den Eifer einer Ehestifterin in Euren Augen gesehen und dachte, ein Rückzug sei strategisch das Beste“, antwortete er sanft.
Die Dame schien verärgert. „Du strapazierst meine Nerven ganz gehörig. Ich bin der Meinung, wir sollten früher aufbrechen. Lady Michaels wird es mir verzeihen. Ich habe eine höchst unangenehme Dame getroffen. Ich kann mir nicht vorstellen, warum die Countess es für nötig hielt, mich dieser Mrs Armstrong vorzustellen. Sie ist Amerikanerin, und du weißt, wie vulgär deren Manieren sind, und diese hier … Mich schaudert, wenn ich an ihr Lachen und ihren bedauernswerten Akzent denke.“
Kälte durchdrang Elizabeths Brust. Sie versteifte sich, weil die Worte sie wie eine Klinge trafen. Die Verachtung und das Vorurteil waren beinahe mit Händen zu greifen und hinterließen einen stechenden Schmerz in ihrem Herzen.
„Erlaubt mir, Euch von dem Schrecken zu befreien, indem ich Euch nach Hause begleite“, bot der Duke an. Sein Tonfall war sanft wie Seide und verriet kein Zeichen der Missbilligung über die schneidenden Worte der Dame.
Wie betäubt beobachtete sie, wie er mit der elegant gekleideten Dame davonging. Wut und Verlegenheit rangen in ihr, als sie tief Luft holte, sich zurück in den Ballsaal zwang und sich durch die Menge kämpfte, um ihre Mutter und ihre Tante zu finden.
„Mutter“, begann sie mit vor Ärger belegter Stimme, erstarrte jedoch, als ihr Bruder und der Duke auf sie zukamen.
Ihre Tante schnappte nach Luft und schlug den Fächer vor ihren Mund. „Brandon kommt mit dem Duke of Basil! Ich wusste gar nicht, dass er mit ihm bekannt ist! Was für ein Glück!“
Ihr Bruder und der Duke blieben vor ihnen stehen. Es machte nicht den Anschein, dass er sie erkannte oder dass er sich an das vorangegangene Gespräch erinnerte.
Ob er weiß, dass ich es war, mit der er auf der Terrasse gesprochen hat?
Elizabeths Herz raste, als diese rätselhaften, silbernen Augen sie schnell und gründlich musterten, abschätzten und dann abweisend wegsahen. Die schmerzhafte Andersartigkeit ihrer Interaktionen mit dem Duke brachte sie zu der Erkenntnis, dass sie vielleicht niemals so in das Leben der Londoner Gesellschaft passen würde, wie ihre Mutter und Tante es erwarteten.
„Euer Gnaden“, sagte Brandon mit einem warmen Lächeln, „erlaubt mir, Euch meine Tante, Viscountess Barnaby, vorzustellen, meine Mutter, Mrs Armstrong, und meine Schwester, Miss Elizabeth Armstrong. Meine Schwester und meine Mutter sind erst vor zwei Wochen aus New York angereist.“
Während Brandon sie vorstellte, flackerte in den Augen des Dukes etwas auf – ein kurzer, nicht zu entziffernder Funke –, bevor sich sein Ausdruck wieder in distanzierte Höflichkeit verwandelte. Elizabeths Tante und Mutter sanken in einen anmutigen Knicks und murmelten leise Höflichkeiten. Elizabeth stand wie erstarrt, ihr Herz klopfte so laut in ihren Ohren, dass sie deren Worte nicht hörte.
„Eine Freude, Sie kennenzulernen, Miss Armstrong“, sagte der Duke und schenkte ihr ein Lächeln, das so hohl war wie das Echo eines fernen Lachens.
Seine Augen, kalt und berechnend, trafen Elizabeths.
Dieser Heuchler.
Ihre Familie starrte sie an, Erwartung lag spürbar in der Luft.
„Bette“, rügte Brandon sanft. „Ich weiß, es kommt nicht jeden Tag vor, dass man einen Duke trifft, aber du solltest einen Knicks machen.“
Die leicht hochgezogene Augenbraue des Dukes, die sich in aristokratischer Erwartung wölbte, verstärkte nur ihren Trotz. Er erschien so unnahbar, so überaus arrogant – als wäre er ein Kaiser, der verächtlich auf einen unwürdigen Untertan herabschaut. Das entfachte ein Feuer in ihr.
„Einen Knicks?“ Elizabeth war stolz auf die Gelassenheit in ihrer Stimme. Sie hob ihr Kinn, ihr Blick war unnachgiebig. „Eine solche Höflichkeit biete ich denjenigen, die diese Ehre verdient haben. Ich wage zu behaupten, dass sowohl meine Bewunderung als auch meine Verachtung verdient werden können. Es sind wohl meine vulgären amerikanischen Manieren, die eine solche Möglichkeit überhaupt zulassen.“
Die Hand ihrer Mutter flog zu ihrem Mund, ihre Augen waren vor Schreck weit aufgerissen.
„Elizabeth!“, keuchte sie in einer Mischung aus Bestürzung und Unglauben.
Schuldgefühle machten sich in Elizabeths Brust breit, als sie die Demütigung auf den Gesichtern ihrer Familie sah. Ihre Tante wurde blass, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen. Um sie herum kicherten ein paar Damen hinter ihren Fächern und ihr Geflüster klang wie das Rascheln trockenen Laubs.
Der Anstand verlangte eine Geste der Höflichkeit, egal wie angestrengt. Mit einem knappen Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte, nickte Elizabeth dem Duke zu, wobei sie ihren Kopf leicht senkte, aber weit nicht genug, dass es als Verbeugung gelten konnte. „Euer Gnaden, es ist mir ein Vergnügen“, sagte sie.
„Ich kann Ihnen sagen, dass es alles andere als ein Vergnügen ist, Miss Armstrong“, erwiderte der Duke, seine Stimme eisig vor Verachtung. „Dennoch finde ich, dass Ehrlichkeit viel besser zu Ihnen passt, als es Schmeichelei je könnte. Über Ihren Mangel an Manieren kann man in diesem Fall hinwegsehen, auch wenn sie schlecht sind.“
Seine Worte, scharf wie eine Klinge, hinterließen einen Stachel der Demütigung. Dieser Schuft! Elizabeth wandte sich ab, hielt ihre Schultern aber gerade. Um den Ballsaal zu verlassen, musste sie an ihm vorbeigehen, und das tat sie ohne ein weiteres Wort und hoch erhobenen Hauptes. Sein leises, spöttisches Lachen folgte ihr und küsste warnend ihre Haut.
Sie verließ den Ballsaal, das Echo des Lachens des Dukes mischte sich mit dem Gemurmel der empörten Menge. Sie wünschte sich jetzt mehr denn je, dass sie nicht teilgenommen hätte.
„Bette!“
Sie blieb stehen und wartete, bis ihr Bruder sie einholte.
„Was sollte das denn?“, verlangte Brandon energisch. „Weißt du, was du getan hast?“
„Ist das der Freund, von dem du mir erzählt hast? Der, den du mir unbedingt vorstellen wolltest?“
„Ja.“ Er strich sich mit den Fingern durch die Haare. „Ich weiß, dass du eine Frau mit Verstand und guten Manieren bist. Ich kann mir nicht vorstellen, was dich dazu getrieben hat, so provozierend und unhöflich gegenüber Seiner Gnaden zu sein.“
Elizabeth erzählte ihm, was sie erlebt hatte, erklärte jedoch nicht, warum sie auf dem Balkon gewesen war.
„Es tut mir leid, Bette“, sagte er mit einem schweren Seufzer. „Ich vermute, dass diese Lady seine Mutter war, die Duchess of Basil. Ihre Worte waren schrecklich, aber das gibt dir nicht das Recht –“
„Sag es nicht, Brandon“, unterbrach ihn Elizabeth. „Du scheinst nicht verärgert darüber zu sein, dass unsere Mutter so grob beleidigt wurde. Ich gehe jetzt nach Hause. Bitte teile Mama mit, dass ich die Kutsche zurückschicken werde.“
Sie ging weg, holte ihren Umhang und weigerte sich, auf den angestrengten Ruf ihres Bruders zu reagieren. Als sie in die kühlere Luft der Nacht trat, wurde ihr die Last dessen, was sie getan hatte – und die Konsequenzen, die folgen könnten –, bewusst. Sie lasteten schwer auf ihr. Sich einen mächtigen und einflussreichen Duke zum Feind zu machen, wäre unklug.
„Wohl eher katastrophal“, flüsterte sie und schloss ihre Augen.
Oh, was habe ich getan?
Kapitel 3
Im Aphrodite, einem von Londons Bordellen, einem dekadenten Ort der Opulenz, lehnte sich James Chisholm, der Duke of Basil, auf einem gut gepolsterten Sofa zurück. Das leise Summen der Vorfreude erfüllte die Luft in dem privaten Raum des Vergnügungspalastes, während James und seine Freunde auf die Abendunterhaltung warteten. Sie befanden sich in einem komfortabel und sinnlich dekorierten Raum, dessen Wände mit prächtigen Wandteppichen geschmückt waren, die Geschichten von alten Eroberungen und dekadenten Gelagen erzählten. Über ihnen warf der Kronleuchter ein warmes Licht, das wie Feuer im Kamin flackerte, und das leise Klirren feiner Whiskygläser untermalte das Stimmengemurmel der Bediensteten draußen.
„Ihr tragt den Ausdruck eines Mannes, der an meiner Krankheit leidet, Basil“, bemerkte Oliver, der Marquess of Ambrose, lächelnd, während er sich in seinem Sessel zurücklehnte. Im sanften Schein des Kronleuchters musterte er seinen Freund mit scharfem Blick.
„Dem stimme ich zu“, sagte Thomas, der Earl of Radbourne, und richtete seinen Blick mit einem amüsierten Funkeln auf James. „Ich habe noch nie gesehen, dass ein Mann, der für seinen eisernen Willen bekannt ist, so verklärt schaut. Es ist … verwirrend.“
James nahm einen kräftigen Schluck von seinem Whisky. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit verursachte ein willkommenes Brennen in seiner Kehle. Er warf einen Blick auf seine Freunde, die sich beide in ihren Ohrensesseln räkelten, wobei das flackernde Licht teuflisch tanzende Schatten auf ihre Gesichter warf.
„Klären Sie mich über diese Krankheit auf, die Sie beobachten“, murmelte er mit tiefer und leicht gereizter Stimme.
„Langeweile“, sagte Ambrose, und das Wort hing wie eine Herausforderung in der Luft.
Es traf James’ Herz wie ein Hammer und ließ eine leise, von Schatten verborgene Stimme mit Akzent widerhallen, die ihren Abend ähnlich beschrieben hatte.
Miss Elizabeth Armstrong.
Er verdrängte den Gedanken an ihre dunkelblauen Augen, die schönsten, die er je gesehen hatte, und richtete seine Aufmerksamkeit auf seine Freunde.
„Hmm, das ist schon das zweite Gespräch heute Abend, das sich um Langeweile dreht.“
„Ah, Ihr habt eine Frau kennengelernt“, schlussfolgerte Radbourne und seine grünen Augen funkelten schalkhaft. „Habt Ihr sie hier getroffen? Dürfen wir sie auch haben?“
James gluckste und schüttelte den Kopf. „Die einzige junge Dame, die ich heute Abend kennengelernt habe, ist Teil der Gesellschaft“, stellte er klar, und seine Stimme triefte vor Ironie. „Keine potenzielle Geliebte. Ich glaube nicht einmal, dass ich die Kleine mag.“
Radbourne verschluckte sich an seinem Drink und stotterte lachend. „Eine Lady der Gesellschaft?“
„Hmm.“
„Wir könnten sie trotzdem teilen“, murmelte Radbourne provokant. „Wissbegierige Geister fragen sich, warum zum Teufel Ihr auf einem Ball wart, Basil.“
In seinem Freundeskreis war Radbourne für seine rätselhafte Zurückgezogenheit ebenso bekannt wie für sein auffälliges Äußeres und seine verwegene Art. Es wäre wahrscheinlicher, ein Einhorn auf einem Ball zu sehen.
„Sagt nicht, dass Ihr endlich über eine Heirat nachdenkt“, sagte Ambrose und zog eine Augenbraue in spöttischem Entsetzen nach oben.
„Ich war nur auf dem Ball, um meine Mutter zu beruhigen“, sagte James etwas verkrampft, während seine Gedanken wieder zu der scharfzüngigen amerikanischen Schönheit wanderten.
„Meine Mutter hat mir ebenfalls die Heirat ans Herz gelegt.“ Radbourne seufzte, seine Miene trübte sich leicht. „Sie vergisst gerne, dass ich einmal verlobt war, mein vermeintlich schreckliches Aussehen meine Verlobte jedoch dazu veranlasste, vor meinem unglaublich sündigen Charme zu fliehen.“
Eine Narbe überzog die sauberen Linien seiner Wangenknochen und des Kiefers und erstreckte sich bis zu seiner linken Augenbraue. Radbournes Finger fuhr über die gezackte Kante, und ein distanzierter Blick trat in seine Augen. Er nahm einen weiteren großen Schluck von seinem Whisky. „Es verwirrt den Verstand, wie sehr die Ehe die Frauen in unseren Familien beschäftigt.“
Ambrose gluckste. „Viele sagen, es gäbe nichts Besseres als die Gesellschaft einer guten Frau. Ein nachdenklich stimmender Gedanke.“
James hob eine Augenbraue, als er die Sehnsucht im Tonfall seines Freundes wahrnahm. „Wollen Sie heiraten?“
Oliver zog eine Grimasse und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Ich will schon, aber was ich will, scheint nicht erfüllbar“, gab er schließlich mit ernstem Ton zu. „In unseren Kreisen fühlt sich die Ehe oft mehr an wie eine strategische Allianz als eine Partnerschaft, die aus Zuneigung entstanden ist. Und nachdem ich gesehen habe, dass viele solcher Allianzen scheitern, bezweifle ich ihren Wert. Ich bin auch mehr denn je davon überzeugt, dass vornehme Damen der Gesellschaft nicht in der Lage sind, unsere sexuellen Ansprüche zu erfüllen. Zur Hölle, gestern hat meine Mätresse meinen Schwanz bis zum Anschlag in den Mund genommen … und sie schaute zu mir hoch mit diesem Blick in ihren Augen … er war süß, gleichzeitig aber auch wild und lüstern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Lady versteht, mich auf diese Weise zu befriedigen, also ist es am besten, wenn ich einfach überhaupt nicht heirate. Und doch will ich mehr als eine gelegentliche Liebhaberin.“
James runzelte die Stirn. Er hatte seinen Freund noch nie so sprechen hören. Olivers Stimme war voller Hunger und Sehnsucht, Gefühle, die sich auch auf seinem Gesicht abzeichneten.
James lehnte sich nach vorne und stützte die Ellbogen auf die Knie. „Nehmen Sie sich eine Frau und eine Mätresse, um die Dinge zu tun, die Sie mit Ihrer Marchioness nicht tun können.“
„Niemals“, sagte Ambrose schnell, stand auf und ging zum Kamin, wo er in die flackernden Flammen starrte, als fände er dort eine Antwort.
James verstand, warum er es ablehnte, sich eine Mätresse zu nehmen. Viele privilegierte Männer hatten Geliebte oder ein, zwei Mätressen neben ihren Ehefrauen. Seiner Meinung nach war es unehrenhaft, eine Frau so zu behandeln, es sei denn, sie stimmte dem Arrangement zu. Viele seiner Freunde taten bei ihren illegalen Beschäftigungen verruchte Dinge, aber sie hatten Ehre und Respekt anderen gegenüber.
James rechnete nicht damit, dass er sich jemals um solche Dinge kümmern müsste. Er war schon immer ein Mann mit starker fleischlicher Begierde gewesen, und obwohl Ambrose oft sagte, dass er seine niederen Begierden niemals einer Dame der Gesellschaft aufdrängen würde, teilte James diese Sorge nicht, einfach weil er nicht den Wunsch hatte, zu heiraten. Es brachte ihm keinen Vorteil. Alles, was er im Leben bewerkstelligte, tat er mit einem gewissen Maß an kalter, analytischer Berechnung. Seine Geliebten waren alle nur vorübergehend und boten ihm die sexuellen Abenteuer, nach denen er sich sehnte, ohne irgendetwas von ihm zu erwarten.
Ambrose ging zur Anrichte hinüber und füllte sein Glas mit Whisky.
James legte den Kopf in den Nacken und starrte auf die sinnlich bemalte Decke, die eine Dame darstellte, die angeblich von den Göttern bestraft wurde. Die üppige, nackte Göttin war von Männern umgeben, die jeden Zentimeter ihres Körpers zu küssen schienen – einer leckte ihre Möse, der andere saugte an einer Brustwarze und einer küsste ihren Hals. Das Gesicht der Frau war eine Grimasse qualvoller Ekstase. Sicher, es gab einige Narren, die dachten, einer Frau Lust aufzuzwingen, wäre eine Art Strafe.
Wie die meisten seiner Freunde, lebte James sein Leben in Momenten flüchtigen Nervenkitzels, schwelgte manchmal im Glücksspiel, veranstaltete Wettrennen mit seiner Kutsche oder einem Pferd und genoss verruchte Momente mit seinen Geliebten. Die Londoner Gesellschaft war ein Ärgernis, das durch die ständige Besorgnis seiner Mutter verstärkt wurde, weil er nach wie vor unverheiratet war. Seine Anwesenheit auf Lady Michaels Ball sollte seine Mutter besänftigen, einfach weil er sie liebte.
Seine Mutter beklagte sich, und er beruhigte sie, indem er ein paar Bälle besuchte, einem Gartenfest oder sogar einem Ausflug beiwohnte. James bedeuteten diese Aktivitäten nichts. Die Duchess wusste, dass dies ein Tanz war, den sie in den letzten Jahren immer wieder aufgeführt hatten, und wurde in ihren Bemühungen immer entschlossener. Doch sie konnte James nicht umstimmen. Er würde ihr Einhalt gebieten müssen, denn seine Teilnahme an gesellschaftlichen Veranstaltungen würde in seiner Mutter nur die falsche Erwartung wecken, dass er eines Tages heiraten würde.
Etwas in seiner Brust zuckte. Wenn er nicht mehr an gesellschaftlichen Anlässen teilnahm, würde er Miss Elizabeth Armstrong vielleicht nicht wiedersehen.
Ist irgendeines Eurer Worte aufrichtig oder sind es nur gut einstudierte Sätze, um zu jagen und zu entwaffnen?
Seine Schmeicheleien gehörten zu dem rücksichtslosen Teil von ihm, der hinter dem her war, das er wollte.
Ihr sanftes Lachen, ihr Duft und die Art, wie sie mit ihm sprach, hatten etwas Unbekanntes in James entfacht. Es fühlte sich an, als wäre die Gleichgültigkeit, die ihn in den letzten Jahren verfolgt hatte, mit der schärfsten Klinge aufgeschnitten worden.
Wer bist du eigentlich, Elizabeth Armstrong, und warum zum Teufel nimmst du nach nur einem einzigen Treffen einen Platz in meinen Gedanken ein?
„Ihr habt den Zorn meiner Schwester erregt“, sagte Brandon Armstrong und betrat den großen Raum, in dem sie lümmelten und auf Madame Rebecca warteten, die sie mit einem sinnlichen Tanz unterhalten würde, den sie angeblich im Boudoir eines Paschas gelernt hatte.
„Denk an den Teufel, und jemand, den sie kennt, erscheint“, murmelte James und blickte auf, um seinen kürzlich neugewonnenen Freund anzustarren. „Ich nehme an, Ihre Schwester zu provozieren, ist eine gefährliche Sache.“ Er lächelte und spürte den Stachel der Belustigung. Warum finde ich sie nach dieser flüchtigen Begegnung so interessant?
„Für mich ist es das“, schimpfte Armstrong und setzte sich in den Sessel ihm gegenüber. „Unsere Mutter und Tante sind unzufrieden mit ihr. Verdammt, ich bin sicher, meine Schwester wird nie wieder zu einem Ball eingeladen werden, und das würde den Sinn des Ganzen zunichtemachen. Meine Mutter hat mir befohlen, die Sache in Ordnung zu bringen, und ich bin ratlos. Meine Tante meint, meine Schwester sei ruiniert.“
„Warum?“
„Bei Gott, Mann, als Duke müsst Ihr das doch wissen! Meine Schwester war ziemlich unhöflich und hat Euren Status und die Konsequenzen nicht bedacht, als sie ihre Beleidigungen aussprach.“ Brandon strich sich mit den Fingern durch die Haare. „Ihr seid kein Mann, den man so einfach beleidigen darf.“
„Ihrer Schwester war es egal, dass ich ein Duke bin.“
„Genau“, zischte Brandon. „Das hätte es aber nicht sein dürfen.“
Dieses hohle Gefühl stieg wieder in James auf. „Warum? Sie hat lediglich ihre Würde verteidigt, die verletzt wurde.“
„Ihr meint das ernst“, erwiderte Armstrong, dessen Augen sich weiteten, bevor sie sich verengten. „Es gefällt mir nicht, dass Ihr so klingt, als würdet Ihr Bettes eigensinnige Natur bewundern.“
James’ Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln. „Ist das ein Grund zur Besorgnis, Armstrong? Sie scheinen aufgebracht zu sein.“
Armstrong runzelte die Stirn. „In Anbetracht Eurer Lasterhaftigkeit habe ich auch allen Grund dazu, verdammt noch mal.“
Verwirrt starrte James den Mann an, den er während der letzten zwei Jahre als vertrauten Freund bezeichnet hatte. „Wollen Sie mich vor Ihrer Schwester warnen?“
„Es gibt keinen Grund, so entsetzt zu klingen. Ich weiß, dass sie nicht geeignet ist, eine Duchess zu sein. Das ist nicht das, wovon ich spreche, aber …“
„Aber was?“
„Da ist ein Blick in Euren Augen … ein Blick der Sehnsucht, obwohl Ihr mehr als einmal gesagt habt, dass Ihr niemals heiraten werdet. Was hat es also mit diesem Blick auf sich? Muss ich befürchten, dass sich Euer Interesse auf meine Schwester bezieht, von der ich genau weiß, dass sie ein ungestümes und eigensinniges Wesen besitzt?“
In dem schwach beleuchteten Raum herrschte eine angespannte Stimmung, während James darum kämpfte, seine Gesichtszüge teilnahmslos und seine Stimme ruhig zu halten. „Seien Sie nicht dumm. Ihre Schwester ist bemerkenswert hübsch, und ich bin sicher, hinter ihrer … scharfen Zunge ist sie sehr charmant. Aber sie ist wie alle Ladys, die in der Saison auf Bällen herumflattern. Ich werde mich nie für eine Frau interessieren, die so offensichtlich einen Ehemann sucht. Das ist eine Falle, an der ich nicht interessiert bin. Was Sie gesehen haben, war reine Bewunderung dafür, dass Ihre Schwester nicht versucht hat, meiner Eitelkeit zu schmeicheln, um eine eigennützige Verbindung einzugehen. Das ist alles.“
Brandon seufzte schwer, sein Gesicht war von Sorge gezeichnet. Radbourne, der die Spannung spürte, füllte voraussehend ein Glas mit Whisky und reichte es ihm – eine kleine Geste der Solidarität angesichts der Frustration seines Freundes.
„Was genau ist auf diesem Ball passiert?“, erkundigte sich Ambrose.
Mit knappen, präzisen Worten erzählte Brandon vom Vorfall mit seiner Schwester. Radbourne konnte nicht anders als zu lachen, während Ambroses Lächeln seine Bewunderung für Elizabeths Kühnheit ausdrückte.
„Eine furchtlose Lady“, bemerkte Oliver. „Es ist bewundernswert, dass es ihr egal war, dass Ihr ein Duke seid, und dass sie sich nicht einmal um die Reaktion der Gesellschaft scherte.“
„Der ganze verdammte Ballsaal war in einem Aufruhr und unsere Mutter in Tränen!“, schimpfte Brandon, die Sorge in seiner Stimme war deutlich. „Jetzt hat sie Angst, dass Elizabeth nicht mehr eingeladen wird. Ich bin sicher, meine Schwester wird ihr Aufbegehren bereuen, sobald sich ihr Temperament abgekühlt hat, denn sie sucht in dieser Saison tatsächlich einen Ehemann.“
„Das lässt sich leicht wieder einrenken“, sagte Radbourne, der immer eine Strategie auf Lager hatte.
„Wie?“ Brandons Augen leuchteten hoffnungsvoll. „Die Londoner Gesellschaft kann verdammt unversöhnlich sein.“
„Es war Basils Schuld. Soll er es doch wiedergutmachen, indem er mit Ihrer Schwester auf ein paar Bällen tanzt oder sie sogar in seinem neuen Phaeton im Hyde Park spazieren fährt. Wenn er ihr solche Aufmerksamkeit schenkt, wird jeder mit ihr bekannt sein wollen.“ Radbournes Plan klang sowohl plausibel als auch vorteilhaft.
„Nein“, sagte James und stellte sein leeres Whiskyglas so schwungvoll ab, dass es klirrte.
Olivers Augen glänzten spöttisch. „Wie schnell Ihr protestiert, Basil.“
James ignorierte ihn und wandte sich an Brandon. „Ich dachte, Ihre Schwester sei eine Erbin? Verkünden Sie das der Gesellschaft, und Miss Armstrong wird im Handumdrehen einen Ehemann haben.“
„Das ist sie“, bestätigte Brandon frustriert. „Aber sie will nicht, dass jemand von ihrem Reichtum erfährt, aus Angst, dass sie nur von geldgierigen Männern umschwärmt wird. Bette will ihres eigensinnigen und meinungsstarken Charakters wegen gemocht und bewundert werden!“
Trotz Brandons offensichtlicher Frustration erkannte James die unterschwellige Zuneigung und den Respekt, den er für seine Schwester verspürte. Was sie empfand, entsprach dem, wie James sich vor einigen Jahren gefühlt hatte, als er törichterweise glaubte, er könnte heiraten. Auch er hatte um seiner selbst willen und nicht für seinen Reichtum geschätzt werden wollen. Diese unerwartete Offenbarung löste ein seltsames Gefühl der Seelenverwandtschaft mit Elizabeth Armstrong aus. Dennoch warf er Brandon einen harten Blick zu und sagte: „Dann wird sie sich durch die Gesellschaft navigieren, wie sie es für richtig hält. Das hat nichts mit mir zu tun.“
„Ihr selbst habt zugegeben, dass die Lady ihre Würde verteidigt hat“, warf Radbourne ein und seine Augen leuchteten belustigt. „Die Duchess war zu grob, auch wenn sie nicht wusste, dass jemand da war, der ihre Bemerkungen hörte.“
Ein irritiertes Schnauben verließ James. Er stand auf und ging zum Kaminsims, um sein Glas nachzufüllen. Irgendetwas sagte ihm, dass er es brauchen würde, zumal er bei dem bloßen Gedanken, sie noch einmal zu sehen, ein undefinierbares Flattern verspürte.
Verdammt noch mal, was ist das für ein Unsinn?
„Ihr wisst, dass es die beste Lösung ist“, beharrte Ambrose sanft und versuchte, die Situation zu schlichten. „Wenn Ihr einmal mit ihr tanzt, werden alle Männer glauben, dass Miss Armstrong ein guter Fang ist. Ein zweiter Tanz wird ihre Popularität steigern. Ein Ausflug ins königliche Museum mit Brandon und Miss Armstrong wird die Tatsache festigen, dass sie über bemerkenswerte Verbindungen verfügt. Mit Euch gesehen zu werden, wird helfen, wiederherzustellen, was verloren ging.“
„Ich bezweifle, dass Miss Armstrong etwas von mir annehmen wird. Sie haben das Feuer in ihren Augen nicht gesehen.“ James blickte murmelnd in das Glas, als könnte es die stumme Frage beantworten, warum sein verdammtes Herz sich beschleunigte.
„Werdet Ihr helfen?“, fragte Brandon.
„Jeder von uns könnte das tun“, sagte James und hob das Glas an seinen Mund.
Er spürte das Gewicht ihrer Erwartungen, und als er über die mögliche Wirkung einer solchen Geste nachdachte, schwand sein Widerstand – nicht nur wegen Elizabeth, sondern auch aufgrund seiner eigenen Integrität. Die gedankenlosen Worte seiner Mutter hatten Elizabeth verletzt. Er würde jeden vernichten, der seine Schwester oder seine Mutter verletzte, also verstand er die Grenze, die sie gezogen hatte.
Bei der Erinnerung an Miss Armstrongs zornige Reaktion keimte Bewunderung für ihren Mut und ihre schiere Unverschämtheit in ihm auf.
„Ich werde helfen“, sagte er leise und wunderte sich über die Vorfreude, die in ihm aufstieg.
Er stellte sein Glas auf den Kaminsims und drehte sich um, als sich die Tür öffnete. Ein Diener teilte ihm mit, dass eine Kurtisane ihn in seinem bevorzugten Zimmer erwarte. James verabschiedete sich von seinen Freunden, seine Mundwinkel zuckten, als Radbourne ihm wünschte, die dekadentesten Lippen mögen seinen Schwanz trockensaugen, seinen Körper sättigen und ihm zu einem traumlosen Schlaf verhelfen.
Seine Freunde waren wirklich verdammte Wüstlinge und Schwerenöter. Männer, bei denen er sich nicht scheute, zuzugeben, dass er sie wie Brüder liebte. James näherte sich der Tür, die von der Hausherrin geschmackvoll und entsprechend seinen Vorlieben dekoriert worden war – ein Hinweis auf seinen Status und die Wertschätzung, die er genoss. Erfüllt von Neugier und Vorfreude betrat er das private Gemach und schloss leise die Tür hinter sich. An diesem Abend war er ungewöhnlich begierig auf die Abendunterhaltung und hoffte, dass sie vom Gewohnten abwich und vielleicht etwas Neues zu bieten hätte.
Dunkelblaue, feurige Augen erschienen vor seinem geistigen Auge und er zischte, verärgert darüber, dass sie sich wieder einmal in seine Gedanken drängte.
Was zum Teufel sollte dieser Unsinn?
James hatte schon lange beschlossen, dass junge, unschuldige Frauen, egal wie faszinierend sie sein mochten, nichts in seinen Gedanken zu suchen hatten. Und wie er mit allem umzugehen pflegte, was nicht zu seinem Lebensstil passte, blendete er sie entschlossen aus seinem Bewusstsein aus, indem er jegliche verbleibende Neugier so rücksichtslos beiseiteschob, wie alle unpassenden Verstrickungen.