Leseprobe Der schuldige Ehemann

Prolog

Frauenhaus, Lennoxtown

Zehn Meilen von Glasgow entfernt

Die beiden Frauen waren keine Freundinnen – noch vor einem Monat hatten sie sich nicht einmal gekannt. Sie nahmen den kalten gelben Mond nicht wahr, der wie eine Christbaumkugel am klaren Himmel über den Campsies hing und goldenes Licht über die Hügel warf; sie hatten andere Dinge im Kopf.

Die eine hatte kurzes blondes Haar; das ihrer Begleiterin war lang und dunkel. Keine von beiden war für die Aufgabe angemessen gekleidet. Die Blonde – Caitlin – trug Schuhe mit Absätzen, die im weichen Boden versanken. Ihre Partnerin – Mackenzie – hatte noch immer das Outfit an, das sie tagsüber getragen hatte. Die Unterschiede zwischen ihnen waren offensichtlich, doch ihre Angst war dieselbe. Ihre Augen waren wild, die Haut um sie herum blass und straff wie hauchdünne Masken im Mondlicht. Sie sprachen kaum. Wenn sie es taten, dann nur flüsternd. Sie hatten Angst, und das sah man ihnen an.

Die Leiche bis ans Ende des Gartens zu schleppen hatte ihnen die Kraft geraubt, noch bevor sie überhaupt angefangen hatten zu graben; Adrenalin trieb sie an. Die Luft roch nach nassem Gras und ihre Spaten trafen mit leisen dumpfen Schlägen den Boden, glitten in die feuchte Erde und stießen auf wenig Widerstand.

* * *

Nach vierzig mühevollen Minuten hatten sie einen glänzenden Hügel vorzuweisen, der von ihren Anstrengungen zeugte. Caitlin stand unter den Bäumen, ihre Schuhe mit Erde verkrustet und schwer, und blickte ängstlich auf das Sandsteinhaus. Jeden Moment könnte ein Gesicht am Fenster erscheinen. Falls das geschah, wäre das Leben, wie sie es kannten, vorbei.

„Wie tief muss es sein?“

Mackenzie hob den Kopf nicht – die Frage war mehr als naiv. „Tief.“

Caitlin plapperte Unsinn. „Ich gehe zur Polizei. Vielleicht …“

„Vergiss es.“

„Das war nicht deine Schuld. Du …“

„Ich sagte, vergiss es.“

Mackenzie atmete schwer durch den Mund. Andrew hatte mit der Nachricht gewartet, als sie von der Küste nach Hause gekommen waren. Schlimme Nachrichten, an die sie nicht denken wollte. Und jetzt das.

Eine Brise ließ über ihnen die Äste der Bäume rascheln. Mackenzie spürte den Schweiß auf ihrer Stirn trocknen. Sie schloss die Augen und genoss das Gefühl. Panik war der Feind. Sie führte zu nichts Gutem. Welche Geschichte auch immer sie der Polizei erzählen würden, sie würde sie jetzt nicht retten. Graben war ihre einzige Hoffnung.

Sie atmete langsam aus und zwang sich, ruhig zu bleiben. „Wir hatten die Chance. Sie ist vorbei.“

„Aber es ist die Wahrheit.“

„Ist es das?“

„Du weißt, dass es so ist.“

Mackenzie stützte sich auf den Spaten und hatte Mühe, ihre Ungeduld im Zaum zu halten. „Ich sage dir, was ich weiß. In unserem Garten liegt ein Mann mit einem halben Gesicht. Erklär das mal.“

„Ich werde sagen, dass er mich angegriffen hat.“

„Das haben wir besprochen. So, wie er gestorben ist … sie werden dir niemals glauben.“ Mackenzie deutete auf die Grube zu ihren Füßen. „Und was wirst du dazu sagen?“

Caitlin antwortete nicht.

„Dachte ich mir.“ Sie stieg aus dem Grab. „Du bist dran.“

* * *

Sie waren mit dem Minibus zurück im Frauenhaus angekommen, müde, aber glücklich. Abgesehen von Sylvia hatten alle ihren Spaß gehabt. Mackenzie war begeistert; ihre Idee von einem Tag am Meer war ein Erfolg gewesen. Dann brach alles, worin sie ihr Vertrauen gesetzt hatte, zusammen.

Mit den anderen zu Abend zu essen – so zu tun, als wäre nichts geschehen – kam nicht infrage. Sie war in ihrem Zimmer geblieben, das Gesicht im Kissen vergraben, und hatte sich Vorwürfe gemacht, sich in das Leben eines anderen eingemischt zu haben. Als das, was man ihr gesagt hatte, langsam zu ihr durchdrang, kamen unweigerlich die Tränen. Sie ließ sie fließen.

So hatte Caitlin sie gefunden.

Glücklicherweise hatte sie nicht gefragt, was los war. Sie war irrtümlich davon ausgegangen, dass es etwas mit Andrew zu tun hatte, und hatte sie in Ruhe gelassen. Erst lange nachdem Mackenzie die anderen einander gute Nacht wünschen gehört hatte, ging sie nach unten. Das Haus war verlassen, die Küche lag im Dunkeln. Ohne das Licht einzuschalten, goss sie sich ein Glas Wasser ein und trank gierig. Durch das Fenster sah sie eine Gestalt auf dem Rasen knien. Mackenzies erster Gedanke galt Sylvia: Der Brief ihrer Töchter hatte die Frau aus Corstorphine tief getroffen und ihren sonst so unerschütterlichen Lebensmut gebrochen. Sie hatte den ganzen Tag kaum zwei Worte gesagt und hatte gereizt reagiert, wenn man sie ansprach. Mackenzie hatte vorgehabt, noch einmal mit ihr zu sprechen, sobald sie nach Hause kamen. Aber es war nicht Sylvia.

Caitlin lag verzweifelt auf dem Boden neben einer Leiche und schluchzte.

„Was zum Teufel ist hier los?“

„Er wollte mich umbringen.“

„Wer? Wer ist das?“

„Er ist es. Peter.“ Ihre Finger strichen fast zärtlich über die Schulter des Toten. Sie streckte flehentlich die Hände aus. „Bitte hilf mir. Bitte.“

Mackenzie hatte ihr tröstend die Hand auf den Arm gelegt. „Okay. Okay. Lass mich überlegen.“

Aber was gab es da schon zu überlegen? Das weitere Leben dieser Frau stand auf dem Spiel. Selbst wenn wie durch ein Wunder eine Jury zu ihren Gunsten entscheiden würde, würde nichts mehr so sein wie vorher – es würde immer ein Makel an ihr haften und der Ruf des Frauenhauses würde erheblichen Schaden nehmen.

Caitlins Stimme klang schwach, kindlich und vertrauensvoll. „Ich werde alles tun, alles, was du sagst.“

Die Entscheidung war ihr leicht gefallen. Jemand anderes hatte an sie geglaubt. Mackenzie war dem Vertrauen nicht gerecht geworden. Das würde kein zweites Mal passieren.

* * *

Caitlins Rücken und Schultern schmerzten, ihre Arme waren taub. „Ich hätte niemals hierherkommen sollen.“

„Wo hättest du sonst hingehen sollen?“

„Ich weiß nicht … irgendwo weit weg.“

„Zum Beispiel?“

Keine Antwort.

„Es ging um ihn oder mich.“

Blutspritzer und Schlamm vermischten sich mit Tränen auf Caitlins Gesicht.

„Und du hast gewonnen. Schätze dich glücklich. Du könntest auch da liegen.“

„Sag das nicht so.“

„Wie soll ich es denn sagen?“

„Nicht so.“

Eine weitere Schaufel Erde kam aus dem Boden, rieselte vom Blatt und fiel dorthin zurück, wo sie herkam. Caitlin unterdrückte ihre Tränen und wimmerte wie ein Kind. „Ich wollte ihn nicht töten. Wirklich nicht. Ich hatte solche Angst, ich konnte einfach nicht aufhören.“

„Du hast getan, was jeder getan hätte. Dich verteidigt.“

Caitlin klammerte sich an diese Worte. „Ich habe mich verteidigt. Das stimmt. Das stimmt. Die Polizei …“

„Halte dich an die Tatsachen. Die einzige Tatsache, die zählt, liegt da drüben mit eingedrücktem Schädel.“

Es klang hart. Das war auch ihre Absicht. Mackenzie zeigte auf die Leiche am Boden – im Mondlicht hätte man meinen können, der Mann schliefe. Bis man sein Gesicht sah, das zu einem blutigem Brei zerschlagen war – die Nase gebrochen; ein Auge eingedrückt, das andere starrte blind in den Nachthimmel.

Wie oft hatte Caitlin auf ihn eingeschlagen?

Die Staatsanwaltschaft würde sie damit in die Mangel nehmen, bis sie bereit wäre, alles zu gestehen. Nur jemand, der selbst gebrochen war, konnte einem anderen Menschen so etwas antun. Caitlin stand am Abgrund, ein einziges mitfühlendes Wort würde genügen, damit sie völlig durchdrehte.

„Alles wird gut.“

Mackenzie hörte ihre leere Floskel. Glaubte sie das wirklich?

Eine Wolke zog vor dem Mond vorbei und für einen Moment wurde die Welt dunkel. Als sie weiterzog, hatte sich nichts geändert – das Grab und der Mann waren immer noch da. Plötzlich stöhnte er auf und Caitlin wich zurück, beinahe hysterisch. „Nein. Nein. Neeeein! Er sollte tot sein. Er muss tot sein.“

Mackenzie ließ den Spaten fallen, schlug ihr ins Gesicht und zischte durch die Zähne. „Halt den Mund. Halt den Mund. Jemand wird dich hören.“

Sie schluckte und versuchte, ruhig zu bleiben. Das konnte doch nicht wahr sein. Noch vor wenigen Stunden hatten sie im Minibus auf dem Weg zum Meer gelacht und gesungen.

Sie zwang sich, zu dem Verletzten zu gehen. Er stöhnte ein zweites Mal, seine Finger zitterten im Mondlicht, als würde ein elektrischer Strom durch ihn fließen. Mackenzie hatte kein Mitleid mit ihm. Er war gekommen, um Caitlin zu töten. Hatte ihr aufgelauert. Würde er zögern, wenn die Rollen vertauscht wären? Mackenzie kannte die Antwort.

Würde sie Caitlin im Stich lassen, so wie sie Kirsty McBride im Stich gelassen hatte?

Ihr Herz zog sich zusammen. Aufhören war keine Option – sie würden beide ins Gefängnis kommen – sie mussten das zu Ende bringen. Caitlin war dazu nicht in der Lage. Sie würde es tun müssen.

Mackenzie spürte die Rauheit des halben Ziegelsteins an ihrer Handfläche, einen Moment, bevor er gegen seinen Schädel prallte. Der Schlag brachte Stille.

Sekunden vergingen, dann überkam sie der Schock und ihr wurde übel. Caitlin schluchzte. „Es tut mir leid. Es tut mir so leid.“

Mackenzie ignorierte sie, durchsuchte seine Taschen und nahm die Brieftasche, das Handy und die Autoschlüssel heraus.

„Hilf mir, ihn hochzuheben.“

„Ich weiß nicht, ob ich …“

„Doch, du kannst. Nimm seine Beine.“

Caitlin zögerte; die Frau war nicht zu gebrauchen. Mackenzie fuhr sie an. „Nimm seine verdammten Beine und bringen wir's hinter uns.“ Sie packte die Schultern. „Herrgott, ist der schwer.“

Zu zweit zogen sie den Körper über den Boden und rollten ihn in das Loch. Er landete mit einem dumpfen Schlag in der Grube. Der blutverschmierte Stein mit den daran klebenden Haaren, die dem Toten gehört hatten, wurde hinterhergeworfen, zusammen mit dem Ziegelstein. Caitlin zitterte, geschockt von dem, was sie getan hatten.

„Schau ihn nicht an.“

„Ich kann nichts anders.“

„Doch, du kannst. Denk daran, was er dir angetan hat und was er vorhatte. Er hat bekommen, was er verdient hat. Jetzt reiß dich zusammen und fang an, das hier zuzuschütten.“

* * *

Als sie fertig waren, waren ihre Hände wund und voller Blasen. Mackenzie warf ihren Spaten auf den Boden, körperlich und seelisch erschöpft. Aber sie hatten es geschafft. Niemand hatte sie gesehen. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich etwas an einem Fenster im ersten Stock bewegte. Angst überkam sie. Sie schaute noch einmal hin. Nichts. Nur eine Täuschung des Lichts.

„Das hast du gut gemacht.“

„Wirklich?“

„Ja, es ist vorbei.“

Caitlin schüttelte den Kopf. „Nein, ist es nicht. Es wird niemals vorbei sein. Nicht für mich.“

Kapitel 1

Einen Monat zuvor

Das schwarze Auto tauchte aus dem Nichts auf und schoss vorbei, spritzte Wasser von der nassen Straße hoch und klatschte es gegen die Windschutzscheibe. Einen schrecklichen Moment lang konnte Mackenzie nichts sehen. Sie trat leicht auf die Bremse, die Hände fest am Lenkrad. Dann machten die Scheibenwischer ihre Arbeit und sie hatte die Kontrolle zurück, gerade rechtzeitig, um die roten Rücklichter in der Dunkelheit verschwinden zu sehen.

In ihrem Rückspiegel war nichts zu sehen gewesen. Wie schnell war es also gefahren?

Einfache Antwort: zu schnell.

Nicht besonders schlau. Dies war eine bekannte Unfallstelle; jedes Jahr kamen auf diesem Abschnitt Menschen ums Leben. Wer auch immer am Steuer saß, war womöglich betrunken. Obwohl das seit Einführung der Null-Toleranz-Regel in Schottland seltener vorkam. Wahrscheinlicher war es ein Raser in mittleren Jahren, der seine Midlife-Crisis auslebte.

Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigte zehn vor eins an, eine Uhrzeit, zu der Mackenzie normalerweise längst zu Hause war. Sie fuhr sich mit müden Fingern durchs Haar und ertappte sich bei einem Anflug von Ärger. Aber worüber sollte sie sich ärgern? Sie war erschöpft und ein wenig selbstmitleidig, mehr nicht. Sie hatte überlebt. Mehr als das. Sie hatte jetzt die Aufgabe, die ihr gefehlt hatte – und sie hatte seit fast drei Jahren nicht mehr geträumt.

Mackenzie hatte mehr gebraucht. Und sie hatte es in den Augen der Frauen gefunden, die dort wohnten. Aus einer schrecklichen Tortur – einer, die sie beinahe zerstört hätte – hatte sie etwas Gutes geschaffen und das Haus im Schatten der Campsies ausgebaut, um Platz für zwölf Gäste zu schaffen. Opfer, die so gelitten hatten wie sie, hatten ein Dach über dem Kopf und, was noch wichtiger war, nach allem, was sie durchgemacht hatten, die Chance, ihr Leben in einem sicheren Umfeld wieder in den Griff zu bekommen. Derzeit gab es elf Bewohnerinnen, alle in verschiedenen Stadien ihres Kampfes, das Selbstvertrauen, das ihnen genommen worden war, wieder aufzubauen. Mackenzies Stimmung begann sich aufzuhellen. Sie konnte stolz auf das sein, was sie erreicht hatte. Nur hatten sie die fast drei Jahre, in denen sie das Frauenhaus praktisch allein geleitet hatte, vollkommen ausgelaugt.

Ihre Gedanken schweiften zu dem Ort, an dem sie den Abend verbracht hatte, und sie lächelte bei der Erinnerung: Sie hatte ihre große Schwester zurückbekommen. Adele war wieder ihre beste Freundin. Fünf Jahre zuvor, als Mackenzie ihr gesagt hatte, dass sie gestalkt werde, hatte Adele ihr unterstellt, sie wolle nur Aufmerksamkeit – angesichts dessen, was noch kommen sollte, ein schrecklicher Irrtum. Damals war die Wunde tief. Die Familie war gespalten und hätte das vielleicht nie überwunden, wenn Mackenzie nicht die Augen dafür geöffnet worden wären, welche Rolle ihr Alkoholkonsum bei all dem gespielt hatte. Egoistisch und unberechenbar, war es schwer gewesen, mit ihr auszukommen. Eine Person, der man auch mit bestem Willen nur schwer vertrauen konnte.

Doch aus dem Schlechten war Gutes entstanden – sie waren sich näher als je zuvor und verstanden einander besser, als sie es zuvor getan hatten. Das Wiedersehen war gut verlaufen, so gut, dass Mackenzie am Ende nur ungern gegangen war. Auf seltsame Weise hatte Adele – geschieden und verbittert – am meisten gelitten und machte sich immer noch Vorwürfe, weil sie ihrer Schwester nicht geglaubt hatte.

Mackenzie wollte gerade das Radio einschalten, als sich in der Ferne auf der anderen Straßenseite, halb im Wald, ein Umriss abzeichnete – das Auto, das vor ein paar Meilen an ihr vorbeigerast war. Mackenzie fuhr an den Straßenrand, stieg aus und lief darauf zu, während ein leichter, stetiger Nieselregen fiel, der auf ihr Haar und ihre Wangen prasselte; sie nahm es kaum wahr.

Es war ein Mercedes. Zumindest war es einer gewesen: Die Motorhaube war verbogen und in Richtung Nachthimmel verdreht. Dampf stieg aus dem zerbeulten Kühler unter der zusammengestauchten Front auf, die gegen einen Baum gedrückt war, der den Aufprall aufgefangen hatte, sich leicht neigte und standhielt. Ein Stück Rinde, das bei der Kollision abgefetzt worden war, leuchtete blass im Schein des einzigen verbliebenen Scheinwerfers, während Scherben der zersplitterten Windschutzscheibe diamanthell gegen das leuchteten, was von der schwarzen Motorhaube übrig geblieben war. Der linke Reifen – geplatzt und unbrauchbar – lag auf einem Geflecht, das am Morgen nur noch ein Klumpen aus dem Boden gerissener Wurzeln sein würde. Und über all dem das monotone Heulen der Hupe, laut und unheilvoll.

Sie blickte über ihre Schulter, in der Hoffnung, dass ein anderes Fahrzeug kommen würde, wohl wissend, dass sie sich weit außerhalb der Stadt befanden und die Straße menschenleer war. Zu dieser Zeit würden nur wenige Autos unterwegs sein. Sie war auf sich allein gestellt.

Mackenzie näherte sich vorsichtig, voller Angst vor dem, was sie vorfinden könnte. Die Fahrertür stand offen und ein Arm ragte heraus. Die Gestalt hinter dem Lenkrad war vom Airbag eingeklemmt, der wie vorgesehen ausgelöst worden war und die volle Wucht des Aufpralls abgefedert hatte. Mackenzie schüttelte ihre Panik ab und tastete in ihren Jackentaschen nach ihrem Handy, dann fiel ihr ein, dass es im Handschuhfach ihres Autos lag.

Die Gestalt stöhnte, und sie sah das Gesicht – das Gesicht einer Frau –, zerschnitten, verletzt und zerschlagen.

Aber lebendig.

Die nächsten Minuten waren entscheidend. Später würde Mackenzie keine Erinnerung daran haben, nie wissen, woher sie die Kraft genommen hatte, sie an den Straßenrand zu ziehen, und sich nur an den Geruch von Benzin und die erschreckende Erkenntnis erinnern, dass sie weiter weg mussten. Die Frau zu schleppen war fast unmöglich; sie war zu schwer. Ihre Augen flatterten auf, füllten sich sofort mit Angst und Verwirrung. „… Was? … Was?“

„Wir können hier nicht bleiben. Es ist nicht sicher. Kannst du laufen?“

„Ich weiß nicht.“

„Kannst du es versuchen? Du musst es versuchen. Stütz dich auf mich.“

Gemeinsam stolperten sie über die Straße. An der Tür von Mackenzies Wagen blickten sie zurück, als würden sie ahnen, was passieren würde. Ein paar Sekunden lang schien die Luft vor Energie zu knistern, und der Regen hörte auf zu fallen. Dann explodierte der Benzintank und schleuderte Metall und Glas in die Nacht. Die Frauen wandten sich von der Druckwelle ab. Als sie wieder hinsahen, hatten gelbe Flammen bereits begonnen, das Chassis bis auf den Aluminiumrahmen zu entblößen, Schatten tanzten auf den Ästen der Bäume, die von einem plötzlich aufkommenden Wind gepeitscht wurden. Und der Regen kehrte zurück, erneuert und unerbittlich.

Sie waren dem Tod nahe gekommen. Mackenzie half der Fremden auf den Beifahrersitz, fand ihr Handy und nahm es in die Hand. „Ich rufe die Polizei.“

Die Reaktion war unerwartet und eindringlich. „Nein! Nein! Nicht die Polizei. Bitte zieh sie nicht damit rein.“

„Wir haben keine Wahl.“ Mackenzie deutete auf das brennende Wrack. „Wir müssen das melden. Du solltest ins Krankenhaus.“

„Mir geht's gut. Ich muss nur weg von hier.“

„Wie kannst du so sicher sein? Vielleicht hast du innere Blutungen.“

„Ich bin okay.“

„Deine Entscheidung, aber wir müssen die Polizei rufen.“

Das Licht der Flammen verlieh den Zügen der Frau die entrückte Anmutung einer Märtyrerin. Bis sie sprach und die Illusion zerbrach. Ihre Stimme klang leer, ohne jede Erlösung. „Dann hättest du mich auch da lassen können, wo ich war.“

Ihre Gewissheit schockierte Mackenzie.

„Wie meinst du das? Ich verstehe nicht.“

„Wenn er herausfindet, wo ich bin, wird er mich töten. Er hat es schon mal versucht.“

Sie hob den Kopf und drehte sich, sodass Mackenzie das geschwärzte, halb geschlossene Auge, die violetten Schwellungen und Schnitte an ihrer Wange und die gelben, mit Rot gesprenkelten Kratzer an ihrem Hals sehen konnte. Sie hatte angenommen, die Verletzungen stammten von der Kollision mit dem Baum. Das war nicht der Fall.

„Wer hat es versucht?“

„Mein Mann.“

„Warum?“

„Weil er verrückt ist.“

„War es das erste Mal?“

Die Frau lachte und antwortete nicht.

„Hast du ihn angezeigt?“

„Was würde das bringen? Er würde es leugnen und alles wäre noch schlimmer.“

„Warum hast du ihn nicht verlassen?“

Die Frage war es nicht wert, beantwortet zu werden. „Fahr einfach, ja? Setz mich ab, wo du willst, es ist egal, wo.“

Widerwillig startete Mackenzie den Motor. „Du musst dich trotzdem von jemandem untersuchen lassen. Nach dem Schock, den du erlebt hast, kannst du nicht …“

„Hör mal“, die Stimme war schwach, aber bestimmt, „im Moment ist mir am wichtigsten, so schnell und so weit wie möglich wegzukommen.“

Mackenzie schaltete in den ersten Gang. Im Rückspiegel, vom Wind angefacht, hatte das Feuer so schnell gewütet, dass es bereits erlosch. Sie hatten Glück gehabt. Um ein Haar hätte es sie erwischt.

„Ich sollte dir danken.“

„Nicht nötig.“

„Du hast mir das Leben gerettet.“

„Das hätte jeder getan.“

„Ich wünschte, du hättest dir die Mühe nicht gemacht.“

Mackenzie hörte die Resignation und konnte sie nachempfinden. „Ich habe auch schon schwere Zeiten durchgemacht. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass nichts so schlimm ist, dass man es nicht wieder in Ordnung bringen kann.“

„Meine Tasche! Wo ist meine Tasche?“

„Ich habe keine Tasche gesehen. War was Wichtiges darin?“

„Nur alles, was ich besitze.“

Mackenzie wusste nicht, was sie sagen sollte; ein weiterer Schlag für eine Frau, die ohnehin schon am Boden war. Ihre Mitfahrerin starrte in die Nacht und sie beschloss, das Krankenhaus nicht noch mal zu erwähnen. Sie fuhren schweigend weiter, vorbei an einem Schild mit dem Weg nach Kirkintilloch und Lenzie.

„Wie heißt du?“

„Ich weiß zu schätzen, was du für mich getan hast, aber in ein paar Meilen steige ich aus und du wirst mich nie wieder sehen, also warum fragst du?“

„Sag mir deinen Namen.“

„Was ändert es, wenn ich dir meinen Namen sage?“

„Nichts. Sag ihn mir trotzdem.“

„… Caitlin.“

„Du willst nicht darüber reden, das verstehe ich.“

Caitlin warf Mackenzie einen Blick zu. „Da gibt es nichts zu sagen. Ich habe ein lausiges Händchen, wenn es um Männer geht.“ Sie zuckte zusammen und fasste sich an die Brust. „Ich habe einen Fehler gemacht und dafür bezahle ich jetzt.“

„Willkommen im Club. Verglichen mit mir, spielst du in der zweiten Liga.“

Das Geständnis überraschte die andere Frau. „Du scheinst nicht der Typ zu sein.“

„Und was für ein Typ genau ist das?“

„Der Typ, der eine dumme Entscheidung nach der anderen trifft.“

Ein flüchtiges Lächeln huschte über Mackenzies Mundwinkel. „Oh, da passe ich gut rein, glaub mir. Du bist in besserer Gesellschaft, als du denkst.“ Sie witterte eine Chance. „Im Ernst, mein Rat wäre, dich von einem Arzt untersuchen zu lassen und die Polizei zu rufen. Lieber heute als morgen.“

Angst und Verzweiflung strömten aus ihr heraus. „Ich kann nicht. Ich kann einfach nicht.“

„Ich kann dir ein Bett für die Nacht anbieten, falls das hilft. Es sei denn, du hast andere Pläne.“

„Ich schlage ein.“

* * *

Die vulkanischen Felsen der Campsie Hills lagen wie schlafende schwarze Hunde vor dem Nachthimmel. Mackenzie parkte an der Seite des Hauses und half Caitlin aus dem Auto. Ihre vom Regen nassen Haare klebten ihr am Kopf und im Halbdunkel wirkten ihre Wangen eingefallen und aschfahl. Sie taumelten, die Arme umeinander geschlungen wie Betrunkene auf dem Heimweg von einer durchzechten Nacht. An der Hintertür holte Mackenzie einen Schlüssel aus der Tasche. Caitlin sank gegen den Türrahmen, dankbar für den Halt, die Arme unter ihren Rippen verschränkt.

„Ich fühle mich, als hätte mich ein Pferd getreten.“

„Alles klar?“

„Nur ein bisschen wackelig.“

Mackenzie glaubte ihr nicht. „Sicher, dass es nicht mehr ist? Es wäre echt besser, wenn du …“

„Nein. Er wird die Krankenhäuser abklappern.“

Mackenzie ließ es dabei bewenden.

Das Schloss sprang mit einem Klicken auf und sie stolperten hinein. Sie knipste das Licht an und half Caitlin auf einen Stuhl. Die Küche war hell und einladend, die verglimmenden Glutreste eines Kohlefeuers fraßen sich langsam gegenseitig im Kamin in der Mitte einer Wand. An einer anderen stand eine alte walisische Anrichte mit Reihen von blau-weißen Tellern, und ein knorriger, unlackierter Holztisch dominierte die Mitte des Raumes. Zwei Laibe standen am Ende, bedeckt von einem karierten Geschirrtuch; der Duft von frisch gebackenem Brot erfüllte die Luft.

„Wohnst du hier?“

„Ja.“

„Ganz schön groß, oder?“

„Leider nicht groß genug. Ich wünsche mir oft, es wäre doppelt so groß.“

„Warum?“

„Weil ich hier nicht allein wohne, es ist ein Refugium.“

„Ein Refugium, was meinst du damit? Für wen?“

„Für Frauen wie dich. Wie uns. Frauen, die sonst nirgendwo hin können.“

„Und du bist die Chefin?“

Mackenzie lachte. „Es gibt keine Chefin.“

„Aber es ist dein Haus, es gehört dir?“

„Ich betrachte es nicht als mein Eigentum.“ Sie sah die Frage in den müden Augen ihrer Gästin. „Was das mit der Chefin angeht … Ich erkläre es dir, nachdem ich Tee gekocht habe. Obwohl, vielleicht brauchst du was Stärkeres?“

Sie holte eine Flasche Johnnie Walker aus einer Schublade der Anrichte und schenkte einen ordentlichen Schuss ein.

Caitlin sah zu, wie die bernsteinfarbene Flüssigkeit an der Innenseite des Glases emporstieg. Seit sie auf der nassen Straße die Kontrolle über den Wagen verloren hatte, war sie auf Adrenalin gelaufen, ohne zu merken, wie sehr sie unter Strom stand. Jetzt begann das Trauma zu wirken: Sie zitterte, ihr wurde plötzlich kalt, ihre Gelenke schmerzten. Der Alkohol hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können.

„Sei vorsichtig damit. Nur kleine Schlucke.“

Caitlin hielt den Whisky mit beiden Händen fest, damit sie nicht zitterten. „Und du?“

„Ich trinke nicht. Wir heben ihn für Notfälle auf.“

„Notfälle wie mich, meinst du?“

„Kaum. In einem Haus voller Frauen mangelt es uns nicht an Drama.“

* * *

Das frische Brot war noch warm. Mackenzie schnitt es an und sah die verängstigte Frau, die sie vor einer gefühlten Ewigkeit fast von der Straße gedrängt hätte, zum ersten Mal richtig an: Unter kurzem blonden Haar machte es das Gesicht – geschwollen, zerkratzt und verfärbt – unmöglich, ihr Alter zu schätzen. Vielleicht Anfang dreißig. Das blaue Auge machte die Sache nicht einfacher. Sie sich ohne vorzustellen, war nicht einfach. Erstaunlicherweise schienen sich ihre Verletzungen auf Schnitte und Prellungen zu beschränken, obwohl es definitiv ein Fehler gewesen war, nicht die Polizei zu rufen – ein Fehler, von dem Mackenzie hoffte, dass sie ihn nicht bereuen würden.

Kapitel 2

Die Frau, die heute Abend in ihr Leben getreten war, war ein Opfer, damit kannte sie sich nur allzu gut aus: Das blaue Auge war noch das Geringste. Wer auch immer das getan hatte, hatte ihre Schreie gehört und weiter auf sie eingeschlagen.

Noch so ein Mistkerl!

Mackenzie füllte den Wasserkocher. „Bereit für den Tee?“

Vielleicht war diese schlichte Freundlichkeit zu viel, oder vielleicht war es die schiere Alltäglichkeit der Frage, die sie aus der Fassung brachte: Der Tumbler fiel ihr aus den Händen und zerschellte auf dem Steinboden, Whisky und winzige Scherben verteilten sich in alle Richtungen, als der Kummer sie überwältigte. Caitlin beugte sich auf ihrem Stuhl nach vorne und wiegte sich wortlos hin und her, ihr Gesicht vor Verzweiflung verzerrt. Mackenzie hielt sie fest, bis sie aufhörte zu zittern, und flüsterte: „Alles in Ordnung. Es ist okay. Du bist jetzt in Sicherheit.“

„Bin ich das? Bin ich sicher?“

„Natürlich. So sicher wie in Abrahams Schoß.“

Die Tränen kamen wieder; Mackenzie ließ sie sich ausweinen. Als das Schluchzen aufhörte, sagte sie: „Es in sich hineinzufressen ist das Schlimmste, was du tun kannst. Auch wenn du es nicht willst, ich glaube, du solltest darüber reden.“

Caitlin schluchzte. „Du hast recht. Ich muss mich dem stellen.“

„Ich hole dir noch einen Drink.“

„Nein. Lass es mich sagen, bevor ich es mir anders überlege.“ Sie holte tief Luft. „Es dauerte weniger als eine Woche, bis mir klar wurde, dass ich einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Unsere Flitterwochen waren ein Albtraum. Seine Laune änderte sich in dem Moment, als wir die Hochzeitsfeier verließen. Von da an war alles, was ich sagte, alles, was ich tat, falsch. Als hätte ich aufgehört zu existieren. Jetzt gehörte ich ihm, er besaß mich. Ich war sein Besitz. Der Sex war lieblos und total erniedrigend, als wäre ich nur dazu da, benutzt zu werden.“

„Warum hast du dich nicht scheiden lassen?“ Sie wusste es bereits.

Caitlin fuhr sich mit den Fingern durch ihr nasses Haar. „Ich … ich konnte … den Mut nicht aufbringen. Also redete ich mir ein Märchen ein. Peter liebte mich – natürlich liebte er mich. Es war noch früh. Wir brauchten Zeit, uns aneinander zu gewöhnen. Es würde besser werden. Aber das tat es nicht, es wurde schlimmer. In der Öffentlichkeit spielte er allen was vor. Sobald wir allein waren …“ Ihr Atem kam in herzzerreißenden Schluchzern. „Warum hat er mich gebeten, ihn zu heiraten, wenn er mich hasste? Warum sollte jemand so etwas tun?“

„Manche Menschen führen keine Beziehungen, sie nehmen Geiseln.“

Mackenzie legte ihre Hand auf Caitlins Arm und ließ sie sich ausweinen.

Schließlich sagte Caitlin: „Heute Abend habe ich aufgehört, mir was vorzumachen. Wir waren in einem Restaurant in Glasgow. Peter hat viel getrunken. Ich hatte ihn oft genug so erlebt, um zu wissen, dass es damit enden würde, dass er mich als seinen Punching-Ball benutzt. Und ich hatte recht. Sobald wir zu Hause waren, fing er an. Früher habe ich es einfach hingenommen. Diesmal nicht. Als er eingeschlafen war, habe ich seine Autoschlüssel genommen und bin abgehauen.“

„Was hast du auf der Strathblane Road gemacht? Wohin wolltest du?“

Caitlin zuckte mit den Schultern. „Ich habe nur versucht, wegzukommen. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war.“

„Erinnerst du dich, mich überholt zu haben?“

„Nein.“

„Nun, das hast du. Gott weiß, wie schnell du gefahren bist.“

Caitlin verzog das Gesicht, und Mackenzie sah den Schmerz in ihren Zügen. „Lass mich mal sehen.“

Sie hob ihre zerrissene Bluse hoch. Darunter, von den Brüsten bis zum Bauch, war alles schwarz und blau. Sie hatte so etwas schon öfter gesehen, als sie sich erinnern konnte: Es wurde nicht leichter. Sie drückte sanft darauf. „Fühlt sich nicht so an, als wäre was gebrochen. Ich werde es verbinden. Wie konntest du in diesem Zustand fahren?“

„Mir blieb nichts anderes übrig. Ich hatte solche Angst, dass ich nichts mitbekam, bis das Auto ins Schleudern geriet und gegen den Baum prallte. Als ich wieder zu mir kam, standest du neben mir.“

„Es ist ein Wunder, dass du nicht gestorben bist.“

„Dann wäre es wenigstens vorbei.“

Das Feuer im Kamin schwand. Mackenzie sagte: „Gibt es jemanden, den ich kontaktieren könnte?“

„Niemanden.“

„Es muss doch sicher jemanden geben?“

„Es gibt niemanden. Ich bin ein Einzelkind und meine Eltern sind tot.“

Mackenzie seufzte. „Es ist noch nicht zu spät, zur Polizei zu gehen.“

Der Vorschlag entlockte ihr ein trauriges Lächeln. „Doch, ist es. Es war in dem Moment zu spät, als er beschloss, dass ich ihm gehören würde. Du kennst ihn nicht … er ist besessen. Er wird mir überallhin folgen und nicht aufgeben, bis er mich gefunden hat. Ich hätte dich da nicht mit reinziehen sollen, tut mir leid.“

„Du musst dich nicht entschuldigen. Du hast mich in nichts reingezogen. Ich bin froh, dass ich da war. Möchtest du noch einen Whisky?“

Caitlin schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Ich bleibe beim Tee.“

„Das Beste, was wir tun können, ist, dich ins Bett zu bringen. Wir können uns morgen früh unterhalten. Du musst erschöpft sein.“

* * *

Sie stiegen die Treppe zum ersten Stock hinauf. Auf dem Absatz flüsterte Mackenzie: „Das ist Teil des ursprünglichen Hauses. Ich bin direkt nebenan. Wenn was ist, zögere nicht. Weck mich einfach.“

„Werde ich.“

Mackenzie bezweifelte es. Sich aus einer missbräuchlichen Beziehung zu befreien, erforderte Mut. Diese Frau hatte reichlich davon, genug Schneid, dem Mistkerl das Auto zu klauen. Sie umarmten sich, bevor sie sich trennten. Caitlin hielt sie noch einen Moment länger fest. „Nochmals danke. Wenn du nicht da gewesen wärst …“

Mackenzie lächelte. „Aber ich war da, das ist alles, was zählt. Du bist hier sicher und wirst es auch bleiben. Schlaf gut.“

Caitlins Finger fanden den Lichtschalter und knipsten das Licht an: Dunkle Holzmöbel, die wohl schon seit Jahren hier standen, füllten den Raum. Bilder hingen an Wänden, die magnolienfarben gestrichen waren wie in einem Bed & Breakfast am Meer; dieser Eindruck wurde durch die Anweisungen im Brandfall an der Rückseite der Tür noch verstärkt. Sie ging zum Fenster und blickte in die Dunkelheit hinaus. Irgendwo da draußen schlief Peter seinen Rausch aus. Er würde erst am Morgen merken, dass sie weg war. Seine Reaktion war leicht vorherzusagen. Er würde toben und schreien und Dinge zerschlagen, wie er es immer tat.

Heute Abend war der Wendepunkt gewesen, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Sie hatte gewartet, bis er eingeschlafen war, und war geflohen. Erwischt zu werden, kam nicht infrage. Ungeachtet dessen, was er gesagt hatte, würde er sie niemals gehen lassen. Sie hatte sich in das Zimmer geschlichen und einen Moment lang am Bettrand gestanden, hatte seinem Schnarchen gelauscht, das durch das leere Haus hallte. Caitlin hatte überlegt, ihn zu ersticken, aber entschieden, dass sie nicht stark genug war. Obwohl er es nach all den Erniedrigungen und Demütigungen, die er ihr angetan hatte, verdient hätte. Nüchtern oder betrunken, Peter Sanderson war ein Tier.

In seiner Jackentasche hatte sie das Geld gefunden, das er gewonnen hatte; sie hatte überlegt, alles mitzunehmen, es sich dann aber anders überlegt und sich mit der Hälfte begnügt, dann eine Segeltuchtasche geöffnet und die Scheine unten hineingestopft, neben Jeans und T-Shirts, die sie aus dem Kleiderschrank genommen hatte. Kleidung war unwichtig. Im Badezimmer hatte sie ihr zerschlagenes Gesicht eingecremt, angewidert von dem Anblick, der ihr entgegenstarrte, dann hatte sie das Schlafzimmer durchquert und die Autoschlüssel vom Nachttisch genommen.

Sieh zu, dass du morgen früh weg bist.

Das wäre ihr ein Vergnügen.

Zum zweiten Mal dachte Caitlin daran, ihm ein Kissen auf das Gesicht zu drücken und so lange zu drücken, bis er aufhörte, sich zu wehren. Verlockend, aber nein. Sie war keine Mörderin.

* * *

Mackenzie hatte ein Dutzend Mal gefragt, ob es ihr gut ginge, und sie hatte ja gesagt. Jetzt, da Caitlin allein war, war sie sich nicht mehr so sicher: Ihr Körper schmerzte an tausend Stellen, ihr Kopf war so schwer, dass sie ihn kaum aufrecht halten konnte. Sie lag auf dem Bett, ohne sich die Mühe zu machen, sich auszuziehen, und ihre erschöpfte Seele zog sie zurück zu dem Unfall und zu ihm. „Glück muss man haben“ war einer seiner Sprüche.

Heute Nacht hatte sie Glück gehabt.

Ein leises Klopfen ließ sie zusammenfahren. Caitlin spähte müde um die Tür herum, ein Blick, den Mackenzie schon oft gesehen hatte. „Dachte, die brauchst du vielleicht.“

In der einen Hand hielt sie ein Glas warme Milch mit Honig, in der anderen zwei Paracetamol auf der umgedrehten Handfläche. Unter dem Arm trug sie eine rosa Wärmflasche.

„Ich scheine mich die ganze Zeit nur zu bedanken.“

„Ich habe doch gesagt, das ist nicht nötig. Wir waren alle schon mal in deiner Lage. Bis morgen früh.“

Zurück am Bett schluckte sie die Tabletten, nippte an der Milch, legte sich wieder hin und starrte auf die Regentropfen, die auf das Fenster fielen und nach unten rollten. Draußen stieg ein grauer, von Rosa durchzogener Schein am Himmel hinter den Campsies auf. Der Morgen brach an.

Caitlin stand auf und schloss die Tür ab.