1
Julian Griggs erwachte im Morgengrauen. Mit müden Augen erblickte er verschwommen den dunklen Holzbalken unter der Zimmerdecke und die rotierenden Ventilatorflügel, die sich darunter drehten. Als er den Kopf zur Seite drehte, rückten grüne Fensterläden in sein Sichtfeld, durch die die mallorquinische Sonne goldene Lichtstreifen warf.
Neben ihm regte sich Olivia und schmiegte ihren warmen, schweren Körper an seinen.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte er.
„Wie spät ist es?“, fragte sie mit ihrer rauen Stimme.
„Gleich sechs.“
„Ich will noch nicht vierundfünfzig werden“, sagte sie. „Schlaf weiter, Mäuschen.“ „Mäuschen“ nannte sie ihn, weil sie das Geräusch, das sein Bart machte, wenn er im Schlaf über das Kissen kratzte, an eine kleine Maus erinnerte.
Er schloss die Augen und döste weiter, bis ihn der Harndrang erneut weckte. Er löste sich aus der Umarmung seiner Frau, stieg aus dem Bett und tappte über die kalten Terrakottafliesen. Auf dem Weg ins Badezimmer nebenan hob er Olivias schwarzes Kaftankleid vom Boden auf und legte es über einen Stuhl neben dem Kleiderschrank. Vor dem großen Spiegel an der Schranktür blieb er eine Weile stehen und musterte sich. Nicht übel für einen Neunundvierzigjährigen. Sein Haar war mittlerweile von zahlreichen grauen Strähnen durchsetzt, doch immer noch voll und nur an den Schläfen etwas spärlicher. Wo früher ein wilder Bart gewuchert hatte, trug er nun einen gepflegten grauen Kinnbart, und seine dunkelbraunen Augen waren nicht mehr blutunterlaufen und glasig vor lauter Schlafmangel.
Seit Helens Tod waren beinahe vier Jahre vergangen und in dieser Zeit hatte er eine Menge an seinem Aussehen gearbeitet. Dank regelmäßiger Besuche im Fitnessstudio und dem Training, das er im letzten Jahr für einen Spendenmarathon auf sich genommen hatte, war sein Körper definierter und muskulöser. Seitdem war nur sein Bauch wieder etwas speckiger geworden. Er kniff sich in das Speckröllchen, während er sich noch im Spiegel betrachtete. Bei seiner Körpergröße fielen ein paar Kilo extra nicht so sehr ins Gewicht, aber er wollte sich nicht wieder gehen lassen.
Im Bad öffnete er das kleine Fenster, das hinter dem Klo in der dicken weißen Wand eingelassen war. Er blickte dadurch nach draußen, während er seine Blase geräuschvoll entleerte. Als sie am letzten Abend aus London angekommen waren, war es schon dunkel gewesen und damit zu spät, um den Ausblick der Villa zu genießen. Noch war die Sonne nicht über dem Berg Puig des Teix aufgegangen und die unteren Hänge des Gebirgszugs der Serra de Tramuntana lagen im Schatten. In der Ferne konnte er die Terrakottaziegel der Dächer des Dorfes Deià sehen – so idyllisch. Noch war die Luft beim Einatmen kühl, aber der blaue Himmel versprach einen heißen Tag auf Mallorca.
Er entdeckte einen großen Vogel, der mit ausgebreiteten Flügeln in der Höhe kreiste. An der majestätischen Ruhe, mit der er den Auftrieb der Luftströmungen nutzte, konnte man ausmachen, dass es sich um einen Greifvogel handelte. Ein Falke, dachte er, oder ein Adler. Er beobachtete den Vogel mit angehaltenem Atem, gleichermaßen fasziniert von seiner Eleganz und seiner Bedrohlichkeit.
Als er zurück ins Schlafzimmer kam, lag Olivia auf dem Rücken. Eine blasse, mit Sommersprossen überzogene Wade schaute unter der Decke hervor. Während er so neben dem Bett stand, überkam ihn das beunruhigende Gefühl, dass er selbst auch noch schlafen würde. Er hatte Angst, dass seine neue Lebensrealität in Wirklichkeit nur ein Traum war. Ein zerbrechlicher Traum, aus dem er jeden Moment aufwachen konnte.
Er legte sich wieder neben seine Frau und wollte den Kopf auf ihre üppigen Brüste legen. Doch sie griff ihm zwischen die Beine und umschloss ihn mit ihrer großen, trockenen Hand.
„Komm her, Mäuschen“, sagte sie.
2
Nach einer Runde angenehmem, unspektakulärem Sex mit seiner Frau rollte sich Julian von ihr herunter und lag erschöpft in ihrem Arm. Unter seinem linken Ohr konnte er ihren Herzschlag rasen hören.
„Vierundfünfzig“, sagte Olivia. „Wo ist die Zeit nur geblieben?“ Er verkniff sich den Kommentar, dass sie jünger aussah, als sie war.
Denn das stimmte nicht und Olivia konnte Schmeicheleien nicht ausstehen. Er bewunderte sie dafür, so frei von Eitelkeit zu sein. Es war einer ihrer vielen guten Charakterzüge. Sie hatte aufgehört ihr kastanienbraunes Haar zu färben und ließ das Grau selbstbewusst wachsen. Sie hatte eine große, breite Nase und schwere Lider über ihren grauen Augen, doch sie strahlte eine Wärme aus, die Julian beruhigend fand.
„Ich finde, dass Sie eine sehr attraktive Frau sind, Olivia Pearson“, sagte er.
Sie küsste ihn aufs Haar und sagte: „Und Sie, Julian Griggs, sind ein wahrer Gentleman.“
Ihr laut pochendes Herz wurde ihm plötzlich unangenehm und er musste sich aufsetzen. „Wie wäre es, wenn wir unserem Geburtstagskind etwas zum Frühstück besorgen?“
„Ich kann nach Deià fahren und etwas beim Bäcker holen.“
„Gute Idee. Ich komme mit.“
„Nein, geh du ruhig schwimmen. Ich weiß doch, wie sehr du dich darauf gefreut hast.“
Das stimmte. Er hatte sich vorgenommen, jeden Morgen vor dem Frühstück eine Runde zu schwimmen.
„Und was ist mit deinem Morgenspaziergang?“, fragte er.
„Damit fange ich morgen an.“ Olivia ging unter die Dusche und kam nach drei Minuten schon wieder heraus. Sie hielt nichts von Wasserverschwendung. Außerdem hätte ihr der uralte, launische Boiler der Villa nicht erlaubt, die Dusche in die Länge zu ziehen. Sie trocknete sich energisch ab, bevor sie das Handtuch auf den Boden fallen ließ. Julian beobachtete die Morgenroutine seiner nackten Frau durch halb geschlossene Augen: schnell mit der Bürste durch das nasse Haar kämmen, mit flüchtiger Hand den Moisturizer im Gesicht verteilen.
„Gut.“ Sie nahm das schwarze Kaftankleid vom Stuhl und streifte es über. „Bin gleich wieder zurück.“
Sie schlüpfte in schwarze Birkenstocks und gab Julian einen Luftkuss. Beim Hinausgehen machten ihre Sohlen auf den Fliesen ein schlappendes Geräusch, das Julian beruhigend fand. Der Soundtrack seines neuen Lebens. Sogar zu Hause in ihrem Stadthaus in Bloomsbury trug Olivia stets Sandalen oder Clogs und Julian konnte sie immer durchs Haus schlappen hören. Er lauschte ihren Schritten, wie sie den Flur entlang und dann die Treppe hinunter verklangen.
Sobald er den Motor des gemieteten Fiat 500 im Hof starten hörte, raffte er sich vom Bett auf und zog die neue Badehose an, die er in einem angesagten Laden in Covent Garden gekauft hatte. Dort hatte er sich auch die Ray Ban mit Horngestell gegönnt, die nun auf seinem Kopf saß.
Er schnappte sich ein Handtuch aus dem Bad und trat barfuß aus dem Schlafzimmer auf die Terrakottafliesen im Flur. Er lief an einem weiteren Schlafzimmer vorbei, dann am großen Bad und dem Wohnzimmer im ersten Stock, das mit cremefarbenen Sofas und bunten Teppichen ausgestattet war. Über das glatte, dunkle Holz der Treppenstufen stieg er ins Erdgeschoss hinab und trat erneut auf marmorierte Keramikfliesen. Er huschte schnell über den kalten Untergrund und bog hinter dem Gästezimmer nach links auf einen weiteren Flur ab, der zur Küche führte: ein großer, traditionell eingerichteter Raum mit einem rechteckigen Spülbecken aus Stein und Schränken aus dem gleichen dunklen Holz, aus dem auch Tür- und Fensterrahmen der Villa waren. Von hier aus führte eine Treppe hinunter in ein schummriges Esszimmer mit einem runden Eichentisch und einer zweiflügeligen Terrassentür, die Julian aufzog. Er trat hinaus auf die Terrasse. Hier waren die Terrakottafliesen unter seinen Füßen kleiner als die drinnen im Haus und auch schon von der Sonne aufgewärmt. Über ihm rankten sich knorrige Zweige um ein Metallgerüst, sodass sie eine Pergola zum Schutz gegen die Sonne bildeten. Schon in der ersten Juliwoche konnte er bereits spüren, dass die Hitze ihn während des gesamten Urlaubs stetig begleiten würde.
Er konnte kaum fassen, was für einen fantastischen Ausblick er von hier genießen durfte: der weite wolkenlose Himmel. Das Mittelmeer, das sich wie ein knallblauer Traum bis in die Ferne erstreckte. Vor Kurzem hatte er auf einer Abendveranstaltung bei einem von Olivias Freunden mitbekommen, wie seine Frau sagte: „Wir sind diesen Sommer auf Mallorca. Wir haben dort eine Villa.“
Wir.
Der Rand der Terrasse wurde von blauen Keramiktöpfen markiert, in denen Sukkulenten und Kräuter wuchsen. Julian trat zwischen den winterharten Pflanzen hindurch auf einen gelb verdorrten Rasenstreifen, den Geranien und Küstenstrandstern säumten. Die trockenen Halme kratzen an seinen Fußsohlen. Er ging auf eine Steintreppe unter dem Dach aus zwei zusammengewachsenen Zitronenbäumen zu. Kurz hielt er inne, um die wächserne, runzelige Schale einer reifen Zitrone zu berühren, und sich bewusst zu machen, dass sie wirklich da war.
Er stieg die letzten Stufen zur Poolterrasse hinunter und blieb erneut stehen, um sich einen verirrten Kiesel vom Fußballen zu wischen. Üppige rosafarbene Bougainvilleablüten umgaben ihn und bedeckten die Mauer an der langen Seite des Pools beinahe vollständig. Durch eine Lücke im Blütenmeer erblickte er vier hölzerne Liegestühle mit dunkelblauen Auflagen und daneben einen runden schmiedeeisernen Tisch mit vier passenden Stühlen.
Als er auf die Terrasse trat, lag der zwanzig Meter lange Pool einladend vor ihm und eine leichte Brise kräuselte das blassgrüne Wasser. Zwei Libellen jagten einander darüber hinweg und er konnte nicht ausmachen, ob sie kämpften oder sich paarten.
Er legte sein Handtuch über die Lehne eines der schmiedeeisernen Stühle und blickte hinaus auf das Meer. Am Ende der Terrasse fiel der Hang in weiteren mit Oliven- und Johannisbrotbäumen bewachsenen Terrassen ab. Irgendwo dort unten wand sich ein Trampelpfad entlang, der auf den Küstenweg zwischen Deià und Sóller führte. Olivia ging gern einen Teil des Weges als Sportprogramm noch vor dem Frühstück und sie hatten sich vorgenommen, an den Tagen, an denen es nicht zu heiß war, gemeinsam auch ein paar längere Wanderungen entlang der Küste zu unternehmen.
Als er um das tiefe Ende des Pools spazierte, fiel ihm auf, dass ein Teil der Mauer zusammengestürzt war. Graue und gelbliche Steine waren auf die Natursteinplatten hinuntergerollt. Sie sollten wohl der Agentur Casa Feliz Bescheid geben, die die Hausverwaltung übernahm, damit sie jemanden schickten, um die Mauer zu reparieren.
Julian stellte sich einen Moment in den Schatten einer Gruppe von Aleppokiefern und ließ die Arme kreisen, bevor er in den Pool sprang. Das eisige Wasser ließ ihm den Atem stocken. Keuchend kam er wieder zur Oberfläche und stieß Sekunden später ein befreites Jauchzen aus. Er war groß genug, um auch am tiefen Ende des Pools bequem stehen zu können. Er hüpfte dort ein wenig auf der Stelle, um sich an die Wassertemperatur zu gewöhnen. Dann stieß er sich von der Seite ab und schwamm in gleichmäßigem Rhythmus los. Beinschlag, Armzug, Atmen. Beinschlag, Armzug, Atmen. Seine Arme und Beine bewegten sich locker und frei, sein Körper glitt schwerelos durchs Wasser. In weniger als drei Wochen würde er fünfzig werden, und doch fühlte er sich fitter als je zuvor. Denn unterdessen führte er ein weniger stressiges Leben und benötigte nicht einmal mehr seine Blutdruckmedikamente.
Er schwamm fünfzehn Bahnen, bevor er sich eine Pause gönnte. Mit einer Hand am Beckenrand schaute er auf zu ihrer mallorquinischen Villa. Einst hatte sie den Eltern seiner Frau gehört, nun gehörte sie ihr. Villa Soledad. Er bestaunte die dicken Mauern, verkleidet mit rosa- und honigfarbenen Steinen aus den Bergen in der Umgebung, die Fenster mit den grünen Fensterläden und das sanft abfallende Dach aus Terrakottaziegeln. Ein echtes Traumhaus, dachte er lächelnd.
„Schatz“, hörte er Olivias Stimme aus der Villa kommen, „ich bin wieder da!“
„Himmel!“ Schnell zog er den Kopf ein, als ein riesiges Insekt auf ihn zuflog. Es hatte den Körperbau und die Größe einer Wespe, den metallisch blauschwarz glänzenden Panzer eines Käfers und brummte in einer Lautstärke, die nach einem doppelt so großen Tier klang. Dreimal musste er es verscheuchen, bevor es das Interesse an ihm verlor.
„Julian?“
Er hievte sich aus dem Pool. „Ich komme!“
3
In Gesundheit und Krankheit
Jeden Abend, wenn ich meinen Schreibtag beende, spaziere ich das kurze Stück von meinem Lieblingscafé zu dem Stadthaus in Bloomsbury, wo ich nun wohne, und bin mir schmerzlich bewusst, dass mein aktuelles, sehr privilegiertes Leben weit von dem schwierigen entfernt ist, das ich mit Helen nach ihrem Unfall führte. Wir sind mit so vielen Wünschen und Zielen in unsere Ehe gegangen, dass schwer zu akzeptieren ist, was das Schicksal dann daraus machte.
Immerhin hatte mich mein bisheriges Leben schon auf unsere schwierige Situation vorbereitet: Seit ich acht Jahre alt war, pflegte ich meinen Vater, nachdem er seine Karriere beim Militär wegen der Diagnose Multiple Sklerose beenden musste. Er hatte als Drill Seargeant im Shorncliffe Army Camp in der Küstenstadt Folkestone gedient und dort blieben wir auch nach seiner Entlassung aus dem Dienst. Viele von euch werden sich wundern, wie ich in dem jungen Alter so viel Verantwortung übernehmen konnte, aber das Leben als pflegender Angehöriger war das einzige, das ich kannte. Ich war ein zartbesaitetes Kind und liebte Bücher. Deshalb träumte ich davon, eines Tages an einer Universität Englische Literatur zu studieren, aber der schlechte Gesundheitszustand meines Vaters machte meiner akademischen Karriere einen Strich durch die Rechnung. Doch ich habe deshalb nie einen Groll gegen ihn gehegt, auch wenn man das glauben könnte. Aber wie hätte ich?
Manchmal hatte er gute Phasen, dann konnte ich jeden Tag zur Schule gehen. Aber oft ließen ihn seine Sehkraft oder seine körperlichen Fähigkeiten so sehr im Stich, dass er mich wochenlang zu Hause brauchte. Das Leben als Kind mit Pflegeverantwortung ist trotz der gestiegenen Aufklärung zum Thema und der Unterstützungsangebote heute noch hart genug. Damals musste ich einfach durchhalten und weitermachen, während ich für meine Pflegeaufgaben von den Lehrern Mitleid und von meinen Mitschülern Spott erntete. Mit sechzehn verließ ich die Schule mit einem Hauptschulabschluss und suchte mir einen Teilzeitjob, um die Sozialleistungen vom Staat und die Rente meines Vaters aufzubessern. Ich bekam einen Job als Küchenaushilfe im Imperial Hotel an der Folkestone Leas. Mein Vater, ein strenger Verfechter von Disziplin und traditionellen Werten, hatte mir den Wert von harter Arbeit eingetrichtert und so dauerte es nicht lange, bis ich mich von der Küchenaushilfe zum Rezeptionisten hochgearbeitet hatte.
Als ich vierunddreißig war, starb mein Vater. Einerseits war ich erleichtert, dass sein furchtbares Leiden ein Ende gefunden hatte, aber andererseits fühlte ich mich nun ziemlich verloren. Ihn zu pflegen, war so lange der Hauptinhalt meines Lebens gewesen. Kurze Zeit nach seinem Tod lernte ich Helen kennen. Sie war Gast auf einer Hochzeitsfeier im Imperial und ich wusste auf den ersten Blick, dass diese starke, fähige Frau die richtige für mich war. Sie hatte keine Familie – wie ich. Ein Jahr bevor wir uns kennenlernten, war ihre Mutter an Brustkrebs verstorben, und ihr Vater, zu dem der Kontakt schwierig gewesen war, schon lange davor an einem Herzinfarkt.
Sechs Monate nachdem wir uns zum ersten Mal getroffen hatten, heirateten wir. Es war eine schlichte Zeremonie im kleinen Kreis auf dem Standesamt in Folkestone, bei der wir unser Ehegelübde sprachen. Als wir uns gegenseitig versprachen, uns in Gesundheit und Krankheit zu lieben, konnte keiner von uns ahnen, welche Verpflichtung wir damit eingingen.
Schon kurz nach unserer Hochzeit zogen wir nach Edinburgh, wo Helen einen Job als Marketing Manager bei Hame bekommen hatte, einer Wohltätigkeitsorganisation für Obdachlose. Ich fand bald darauf Anstellung in einem Secondhandbuchladen in der Nähe der Universität von Edinburgh. Die Bezahlung war schlecht, aber ich hatte kein Problem damit, dass meine talentierte Frau die Hauptverdienerin in unserer Ehe war. Im Gegenteil, ich unterstützte ihre Karriere gern, wo ich konnte. Außerdem schrieb ich mich für Grundlagenseminare an der Universität ein, in der Hoffnung, später einen Abschluss in Englischer Literatur machen zu können. Wir einigten uns darauf, noch ein paar Jahre abzuwarten, bevor wir eine Familie gründen wollten.
Dank eines kleinen Erbes von ihrer Mutter konnte Helen die Anzahlung für eine Wohnung im Stadtteil Bruntsfield leisten. Es war ein schönes Gebäude mit hohen, stuckverzierten Räumen, großen, hellen Fenstern und Dielenboden. Man kann sich vorstellen, wie schwer es mir nach dem Unfall fiel, es zu verkaufen. Ich versuchte, es so lange wie möglich hinauszuzögern, aber da ich Helen in Vollzeit pflegte und kein Einkommen hatte, blieb mir keine Wahl.
Wir bekamen vom Amt einen Bungalow in der Shawfair Street im Stadtteil Fountainbridge zugewiesen. Manchmal fühlte ich mich dort isoliert. Direkt nach Helens Unfall unterstützten uns Freunde und ehemalige Arbeitskollegen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, doch mit der Zeit wurde das immer weniger. Einige von ihnen zogen in andere Städte, andere bekamen Kinder, manche konnten einfach nicht mit Helens komplizierten Bedürfnissen umgehen.
Ich muss zugeben, dass ich meine Pflegeaufgaben nicht immer einfach fand. Jeden Morgen und jeden Abend kamen für eine Stunde Leute vom Pflegedienst und halfen mir, Helen aus dem Bett oder ins Bett zu heben sowie sie zu duschen, aber alles andere musste ich selbst erledigen. Doch egal, wie schwierig es war: Helen war für mich immer der Grund, weiterzumachen. Ihre Bedürfnisse hatten immer Vorrang. Ich gab meine Grundlagenseminare an der Universität und meinen Traum vom Studieren auf, aber was machte das schon? Im Vergleich mit Helens Leiden erschienen mir meine Träume überholt. Immerhin war meine Frau noch am Leben, versuchte ich mir einzureden. Immerhin waren wir noch zusammen. Ich bin mir sicher, dass viele von euch nachvollziehen können, dass ich mir ein Leben ohne Helen nicht vorstellen konnte.
4
Nachdem Julian geduscht und sich eine kurze Hose und ein T-Shirt angezogen hatte, bereiteten er und Olivia gemeinsam das Frühstück vor. Im Hintergrund lief ein altes Transistorradio und spielte Hits aus den Achtzigern. Olivia sang mit ihrer rauen Stimme „Rio“ von Duran Duran mit. Sie klang immer noch, als würde sie zwanzig Zigaretten am Tag rauchen, aber dieses Laster hatte sie schon vor Jahren aufgegeben.
„Diese spanischen Sender sind nicht schlecht“, sagte Julian.
„Ja, oder?“ Olivias fleischige Hand drückte eine Orangenhälfte auf die Saftpresse aus Glas und drehte sie. Der aufsteigende Zitrusgeruch mischte sich mit dem Duft des Kaffees, der gerade durch den Filter tropfte. Die Herdplatte, auf dem die Kaffeekanne stand, war Teil eines alten Küchenherdes, der frei im Raum stand und dringend erneuert werden musste. Julian befürchtete, dass die Kühl-Gefrier-Kombination, die direkt daneben summte und gluckerte, ebenfalls nicht mehr lange durchhalten würde. Er mochte den Charakter des Hauses und man spürte die Bemühungen, die Olivias Eltern unternommen hatten, um es bodenständig zu halten. Sie hatten es gekauft, als Olivia fünf gewesen war, als Rückzugsort von ihrem geschäftigen, nach außen makellos erscheinenden Leben. Laut Olivia hatte ihr Vater es jedoch auch für zahlreiche Affären genutzt. Ein verblasstes Foto, das neben dem Kühlschrank hing, zeigte Mrs Pearson, wie sie mit einer Pflanzschaufel in der Hand im Garten der Villa kniete und einen breitkrempigen Strohhut trug, unter dem ihr langes Haar hervorquoll. Ihr Mann stand in einer kurzen, weißen Hose und nacktem Oberkörper hinter ihr und hatte die Hand um den Stiel eines Spatens gelegt. Er war der millionenschwere Erbe einer Immobilienfirma gewesen, sie eine ebenso reiche Frau aus der Oberschicht. Julian fragte sich oft, was sie wohl von ihm gehalten hätten, wenn sie noch am Leben gewesen wären.
Olivia drückte sich an ihm vorbei und holte eine Glaskaraffe aus der Anrichte. „Kannst du den Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen?“
„Si, Señorita.“
„Señora.“
„Si, Señora.“
Olivia lächelte. „Wir machen dich schon noch zu einem Einheimischen.“
Er holte den Joghurt aus dem Kühlschrank und wollte ihn in eine kleine, blaue Schale aus der Anrichte füllen.
„Nicht die“, sagte Olivia, „die ist für Oliven.“
„Oh, in Ordnung. Entschuldigung.“ Er hielt sich an ihre Anweisungen und nahm stattdessen eine gelbe Schale. Immerhin konnte er die Villa nun einmal richtig kennenlernen. Vergangene Ostern hatten sie die vier Übernachtungen ihrer kurzen Hochzeitsreise hier verbracht, nachdem sie in einer bescheidenen Zeremonie im Tavistock House in Bloomsbury standesamtlich geheiratet hatten. Olivia gab selbst zu, dass sie das Anwesen hier in den letzten Jahren vernachlässigt hatte. Nach der Scheidung von ihrem zweiten Ehemann Lars hatte es zu viele schmerzhafte Erinnerungen bei ihr hervorgerufen. Doch das hatte sich nun geändert, wie sie Julian versicherte. Sie würden den Ort gemeinsam mit neuen Erinnerungen füllen. Und zwar mit glücklichen.
Er erzählte ihr von der beschädigten Mauer am Pool. „Ich dachte, Casa Feliz könnte jemanden schicken, um ihn zu reparieren. Einen Gärtner oder so.“
„Gute Idee. Ich muss sie diese Woche ohnehin anrufen. Ich wollte fragen, ob sie regelmäßig eine Reinigungskraft herschicken können, solange wir da sind.“
Julian stellte die Schale mit dem Joghurt auf ein großes Holztablett, das Olivia vorbereitet hatte, neben die Kanne Orangensaft und den Teller mit Gebäck.
„Fast geschafft“, sagte Olivia und schnitt eine Erdbeere klein.
Während er darauf wartete, dass sie fertig wurde, wanderte sein Blick über die an den Wänden hängenden Fotos. Polaroidbilder von Olivia und ihrem älteren Bruder Charles, wie sie im Garten der Villa spielten. Charles war heutzutage ein erfolgreicher Immobilienmanager in Hong Kong. Julian hatte ihn nur einmal getroffen, auf der Hochzeit von dessen Sohn Daniel in Canterbury am vergangenen Weihnachtsfest. Er hatte Charles zwar nett, aber distanziert gefunden und konnte nachvollziehen, warum Olivia sich ihm nicht besonders nahe fühlte. Charles hatte im Gegensatz zu ihr keinerlei Interesse daran, mit seinem Erbe etwas Wohltätiges zu tun. Doch Olivia liebte ihre beiden Neffen Daniel und Alex, wie zahlreiche Fotos von ihnen in verschiedenen Altersstufen bewiesen. Auf anderen war Olivia zusammen mit ihren Patenkindern zu sehen. Max, Sienna, Lawrence… Julian hatte den Überblick verloren. Olivias erste Ehe mit einem wohlhabenden Investmentbanker namens William war zerbrochen, als sie erfahren hatte, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Von diesem Unglück erzählte sie ohne Verbitterung und mit ihrer gewohnten stoischen Ruhe. Ihr zweiter Ehemann, Lars, war zehn Jahre jünger gewesen als sie und hatte hoch und heilig beschworen, dass er keine Kinder wolle. Doch nach sechs Ehejahren hatte er sie für eine wiederum zehn Jahre jüngere Frau verlassen, mit der er prompt Nachwuchs bekam.
„Alles fertig!“ Olivia stellte die Erdbeeren auf das Tablett und nahm es mit. Julian ergriff die Kaffeekanne und folgte ihr durch das Esszimmer auf die Terrasse, wo sie das Tablett auf dem langen weißen Tisch abstellte. Der Tisch war ordentlich gedeckt mit gelben Tellern, Schalen und weißen Kaffeetassen – so, wie Olivia es mochte.
Er schenkte ihnen beiden Kaffee ein und genoss den ersten stärkenden Schluck. Sie bedienten sich am Joghurt und den Erdbeeren und saßen in zufriedenem Schweigen nebeneinander, während sie aßen und die Aussicht genossen. Soledad, der Name der Villa, war spanisch für ‚Einsamkeit‘. Sie waren weit genug von der gewundenen Gebirgsstraße entfernt, um nicht vom Verkehrslärm gestört zu werden, und hatten keine Nachbarn in direkter Nähe. Die am nächsten gelegene Villa sprang ein ganzes Stück unter ihnen aus dem Steilhang hervor und eine hochgewachsene Zypresse in der Sichtachse stellte sicher, dass beide Anwesen ihre Privatsphäre wahren konnten.
„Diese Ensaïmades sind unglaublich“, sagte Julian, nachdem Olivia ihn genötigt hatte, eines der weichen, runden Gebäckstücke zu nehmen. „Fluffig und saftig auf einmal!“
„Ich weiß.“ Olivia tupfte sich Zuckerguss mit der Serviette vom Kinn.
„Wir könnten die jeden Morgen essen!“
Olivia lachte. „Ja, warum nicht? Wir sind ja im Urlaub. Wir können verdammt noch mal machen, worauf wir Lust haben.“
Nachdem sie gefrühstückt und abgeräumt hatten, kehrten sie mit einer frischen Tasse Kaffee und ihren Handys auf die Terrasse zurück.
„Ich bin dafür, dass wir absolut nichts machen, außer am Pool zu liegen“, sagte Olivia und setzte ihre Lesebrille mit den ovalen blau eingefassten Gläsern auf. „Ich habe in Deià ein paar Lebensmittel gekauft, daraus bekommen wir schon irgendein Abendessen hin.“
„Willst du heute Abend nicht essen gehen? Du hast schließlich Geburtstag.“
Sie schüttelte den Kopf. „Einfach nur ein ruhiger Abend zu Hause mit dir wäre perfekt.“
„Bist du sicher? Ich kann uns einen Tisch im Sa Vinya reservieren?“ Er war sicher, dass der Besitzer von Olivias Lieblingsrestaurant einen Platz für sie finden würde.
„Lass uns da lieber an deinem Geburtstag hingehen. Den Fünfzigsten muss man ordentlich feiern.“
„Wie du meinst.“
„Gut“, sagte Olivia und griff nach ihrem Handy, „ich fange besser mal an.“ Sie hatten abgemacht, nur zweimal pro Tag ins E-Mailpostfach zu schauen und nur dringende Nachrichten zu beantworten.
„Wir könnten unsere Handys einfach ins Meer werfen“, sagte Julian. Olivia lächelte. „Ich weiß, dass du das nicht ernst meinst. Wir haben beide schon großes Glück, dass wir etwas tun können, das uns glücklich macht, findest du nicht? Das ist so ein Privileg.“
Julian nickte, aber innerlich dachte er, dass es doch schön wäre, einmal eine richtige Pause zu haben. Mal nicht an die belastenden Lebensumstände von anderen Leuten denken zu müssen. Er musste sich in Erinnerung rufen, wofür er dankbar war: Helen war nicht umsonst gestorben. Ihr Tod hatte so viel Gutes bewirkt.
Olivia starrte mit gerunzelter Stirn auf ihr Handy.
„David?“, fragte Julian. Olivia nickte und tippte eine Antwort.
Julian konnte sich an keine einzige Woche erinnern, in der der Buchhalter seiner Frau keine Formulare zum Ausfüllen geschickt oder um ein Treffen gebeten hatte, um Details bezüglich ihrer Vermögensverwaltung zu besprechen. Reich sein ist ein Vollzeitjob, sagte sie oft zu ihm. David meldete sich beinahe täglich, um etwas wegen ihrer persönlichen Finanzen oder der Führung der Pearson Foundation zu besprechen. Diese Verpflichtungen sowie ihre Aufgaben als Vorstandsmitglied in verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen machten Olivia zu einer viel beschäftigten Frau.
„Und Arnold hat mir ein paar langweilige Formulare geschickt, die ich lesen soll,“ ergänzte sie.
„Das ist nichts Neues“, sagte Julian mit einem gezwungenen Grinsen. Auch mit ihrem Rechtsanwalt stand Olivia in ständigem Kontakt. Arnold sprach immer leise, blickte ernst drein, hatte manikürte Hände und trug senfgelbe Westen. Ende des Monats würden er und seine langweilige Frau Cynthia mit dem Pferdegesicht sie für eine Woche in der Villa besuchen.
„Er schreibt, dass sie es kaum erwarten können, zu uns zu kommen“, sagte Olivia.
„Wie nett.“
„Cynthia und er gehen gerne wandern, wenn sie hier sind. Sie gehen oft vor dem Frühstück mit mir gemeinsam los und dann noch weiter den Küstenweg entlang. Manchmal kommen sie erst nach dem Mittagessen zurück.“
„Schön für sie.“ Julian scrollte durch seine eigenen E-Mails. Das dicke schwarze Gestell seiner Lesebrille drückte ihm auf den Nasenrücken. Solche Brillen hatte er bei der modebewussten Stammkundschaft der Cafés gesehen, in denen er seine Autobiografie geschrieben hatte.
„Gibt es irgendetwas Interessantes?“, fragte Olivia.
„Nur Mike.“ Mike arbeitete in Teilzeit als Büroleiter der Helen Griggs Awards und hatte ihm eine E-Mail vom Islington College weitergeleitet. Sie fragten an, ob Julian auf ihrer Berufsmesse im September eine Rede halten würde. Julian zeigte Olivia die Anfrage. „Ich könnte darüber sprechen, wie es ist, als Mann in die Pflege zu gehen. Vielleicht könnte ich bei ein paar jungen Menschen das Interesse wecken.“
„Wenn es jemanden gibt, der das Interesse junger Männer an Pflegeberufen wecken kann, dann bist du es.“
„Ich kann meine Autobiografie mitnehmen und etwas daraus vorlesen.“
„Gute Idee.“
Er war froh, dass Olivia ihm als Treuhänderin seiner Wohltätigkeitsorganisation zur Seite stand. Sie hatte auch selbst Geld aus ihrer Organisation spenden wollen, doch um potenzielle Interessenskonflikte zu vermeiden, hatten sie sich dagegen entschieden. Außerdem wollte er nicht, dass die Leute dachten, dass er sich von seiner Frau aushalten lasse. So konnte er immerhin ihre Expertise und ihre wertvollen Kontakte nutzen, von denen einige auch schon großzügig gespendet hatten.
Nachdem er eine Antwort an Mike getippt hatte, sah er sich den Twitter-Feed des Accounts @TheHelenGriggsAwards an und likte ein paar Antworten zu seinem jüngsten Tweet über die Entbehrungen im Alltag von unbezahlten pflegenden Angehörigen. Der Account hatte fast 30.000 Follower. Vielen davon hatte er seinem Sieg bei den Heart of the Nation Awards vor knapp zwei Jahren zu verdanken. Polly Dawson, die beliebte Fernsehmoderatorin von Wake Up Britain, hatte ihm den Award überreicht und ihn öffentlich für seine Bemühungen zur Verbesserung der Bedingungen unbezahlter Pflegearbeit gelobt.
Er verfasste einen neuen Tweet und informierte seine Follower darüber, dass er im Urlaub war. Außerdem fügte er einen Link zu seinem neusten Artikel im Caring World Magazine hinzu. Seit er Treuhänder bei der Wohltätigkeitsorganisation Caring World war, schrieb er regelmäßig Blogbeiträge für sie. Dieser Artikel betonte, wie wichtig es für pflegende Angehörige war, sich auch um sich selbst zu kümmern und sich regelmäßig Pausen zu gönnen.
Wenn du es dir nicht leisten kannst, in den Urlaub zu fahren, versuch einen Tagesausflug in deiner Umgebung zu unternehmen oder besuch eine Touristenattraktion in deiner Heimatstadt. Vielleicht kannst du dir eine halbe Stunde für einen Spaziergang freischaufeln oder zehn Minuten, um einfach mal alleine in Ruhe dazusitzen und durchzuatmen. Du musst keine weite Reise unternehmen, um etwas Erholung zu finden.
Er postete den Tweet. Nur Sekunden später pingte es und eine Antwort erschien. @Brian59 schrieb:
Nach dem, was du durchgemacht hast, hast du dir das verdient! DU bist ein Vorbild! #triumphovertragedy
Er las Olivia die Antwort vor. „Du bist ein Vorbild“, sagte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Ohne dich hätte ich nichts davon geschafft.“ Er schob seinen Stuhl zurück. „Und deshalb habe ich dir etwas ganz Besonderes zu deinem Geburtstag besorgt.“
„Das ist gegen die Regeln! Ich hatte gesagt, keine Geschenke.“
„Es ist noch oben, ich gehe es holen.“
Als er mit zwei Briefumschlägen in der Hand wiederkam, wartete sie mit drohend erhobenem Zeigefinger auf ihn. „Du bist ein Schlingel“, sagte sie. Er setze sich und überreichte ihr den ersten Umschlag. „Alles Gute zum Geburtstag.“
Sie öffnete ihn und holte eine Spendenbescheinigung über 200 Pfund hervor, die er in ihrem Namen an Shelter gespendet hatte. Olivia unterstütze diese Organisation regelmäßig mit großzügigen Summen. „Das ist perfekt.“
Dann gab er ihr eine Geburtstagskarte mit einem großen silberfarbenen Herz auf der Vorderseite. Innen hatte er seine Worte hineingeschrieben:
Alles Gute für meine unglaubliche Frau. Auf ein großartiges neues Jahr!
„Schatz.“ Auf Olivias Gesicht hatte sich ein strahlendes Lächeln breitgemacht. „Du bist wunderbar.“
Etwas kitzelte Julian an seinem rechten Oberschenkel. Er blickte nach unten und sah eine kleine, weiße Feder, die auf seiner nackten Haut lag.
„Da hat jemand einen Schutzengel“, sagte Olivia.
„Echt?“ Julian erschauderte, doch er konnte nicht sagen, ob vor Furcht oder Aufregung.
„Meine Mutter hat immer gesagt, dass eine weiße Feder bedeutet, dass ein Engel über dich wacht.“
Er hob die Feder vorsichtig auf und streichelte mit seinem Zeigefinger darüber. „Ich habe nie an Engel geglaubt.“
Olivias Aufmerksamkeit wurde wieder von ihrer Geburtstagskarte in Anspruch genommen. „Wir werden ein wunderbares Jahr haben“, sagte sie. „Da bin ich mir sicher.“
„Werden wir, mein Schatz.“ Er ließ die Feder los und sah zu, wie sie über den Boden schwebte. „Ich verspreche es dir.“
5
Ein Sieg?
Nicht viele Menschen haben bisher erfahren, wie demütig einen die Nominierung für den Heart of the Nation Award macht, und noch weniger wissen, wie es ist, ihn zu gewinnen. Ich wurde knapp zwei Jahre nach Helens Tod nominiert, als ich immer noch damit kämpfte, zu begreifen, was passiert war.
Ich fuhr mit dem Nachtzug nach London zur Awardverleihung und übernachtete in einem Bed and Breakfast in der Nähe des Bahnhofs King’s Cross. Zu dieser Zeit bestritt ich meinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit meinem Einkommen als Pfleger bei einer Pflegevermittlung in Edinburgh. Zwei Abende pro Woche engagierte ich mich außerdem ehrenamtlich bei der Notfall-Hotline von Caring World und für meine sporadischen Auftritte in Fernsehdebatten oder Radiosendungen bekam ich selten ein Honorar.
Den Smoking, den ich bei der Awardverleihung trug, hatte ich in einem Secondhandladen gekauft. Ich ging alleine zur Verleihung, und obwohl die ebenfalls nominierten Kandidatinnen und Kandidaten sehr nett waren, vermisste ich Helen an diesem Abend besonders. Das prächtige Ambiente des Dorchester Hotels und der Glamour durch die Fernsehkameras überall hätten ihr gefallen. Trotz meiner Traurigkeit und Nervosität versuchte ich, mir alles ganz genau einzuprägen – um ihretwillen. Rückblickend ist es befremdlich, wenn ich daran denke, dass meine zukünftige Frau Olivia im gleichen Raum mit mir saß. Ich konnte ja nicht wissen, dass wir uns an diesem Abend zum ersten Mal begegnen würden. Ich konnte nicht wissen, dass sie von meiner Dankesrede so bewegt sein würde, dass sie mich nach der Verleihung ausfindig machen und mir sagen würde, wie selten sie einen Mann mit einer solchen Hingabe getroffen hatte. Nach Helens Tod hätte ich nicht gedacht, dass ich noch einmal jemanden lieben könnte, doch dann trat Olivia in mein Leben. Ihre Herzlichkeit und ihr Mitgefühl haben mich durch den Verarbeitungsprozess getragen und mir geholfen, mich mit mir selbst zu versöhnen. Ihre Erfahrung als Wohltäterin war für den weiteren Erfolg der Helen Griggs Awards Gold wert.
Als ich im Dorchester ankam, wurde ich an einen Tisch mit den anderen Nominierten gesetzt. Unsere Kategorie – beste gemeinnützige Initiative – war gegen Ende des Abends an der Reihe. Die Moderatorin Polly Dawson verlas die Namen der Nominierten und zeigte danach kurze Videoclips über die gemeinnützige Arbeit von jedem von uns. Während des Beitrags über die Helen Griggs Awards hatte ich Tränen in den Augen. Es bedeutete mir sehr viel, zu wissen, dass etwas von dem Geld, das ich von der Behörde als Entschädigung für Opfer von Straftaten erhalten hatte, dafür gesorgt hatte, dass das Carers First Centre sein ehrenamtliches Betreuungsangebot wieder aufnehmen konnte. Nicht lange nach Helens Tod hatte mich die wundervolle Dame, die mich von Seiten der Opferhilfe betreute, dazu ermuntert, einen Antrag auf Entschädigung zu stellen. Es kam mir absurd vor, dass ich Geld für den tödlichen Angriff auf meine Frau bekommen sollte, doch ich folgte ihrem Rat und stellte den Antrag. Als ich die Entschädigungssumme von 11.000 Pfund dann dazu einsetzte, die Helen Griggs Awards ins Leben zu rufen, hätte ich nie gedacht, dass meine Initiative eine solche öffentliche Zustimmung finden würde. Was hätte ich denn sonst mit dem Geld tun sollen? Wie hätte ich mit einem guten Gewissen anders handeln können?
Niemals hätte ich gedacht, dass ich gewinne. Derek Burnside, der Mann neben mir am Tisch, hatte über 100.000 Pfund für die Brustkrebsforschung gesammelt. Mein jüngster Spendenlauf entlang des West Highland Ways hatte keine Summen in dieser Höhe eingebracht. Doch bevor sie meinen Namen ausrief, verkündete Polly: „Der Award geht an einen Mann, der über eine Tragödie triumphiert hat, einen Mann, der das Böse mit dem Guten bekämpft hat.“
Derek und die anderen Nominierten jubelten und schüttelten mir die Hand, als Polly mich zum Sieger erklärte. In meinen Augen waren wir alle Sieger und es war mir unangenehm, unter den anderen hervorgehoben zu werden.
Unser Tisch war nah an der Bühne, aber dennoch kam mir der Weg dorthin wie der längste Marsch meines Lebens vor. Meine Beine zitterten, als ich die Bühne zu Polly hinaufstieg. Wie sollte ich zu den ganzen Menschen im Saal sprechen, ganz zu schweigen von den Millionen vor den Bildschirmen zu Hause?
Polly überreichte mir die Trophäe in Form eines schweren, gläsernen Herzens und ich fühlte mich unglaublich erleichtert. Es war, also ob dieser Award endlich für alle sichtbar bewies, dass ich ein pflegender Angehöriger war, der seine Frau niemals hätte umbringen können. Es hatte mich zwar nie jemand direkt dieses Verbrechens beschuldigt, aber ich musste sehr viele Befragungen durch die Polizei über mich ergehen lassen und auch eine Handvoll haltloser Zeitungsartikel, die andeuteten, dass ich nicht so unschuldig war, wie ich behauptete. Doch ich wusste, dass ich immer mein Bestes für Helen gegeben und immer nur ihr Leid hatte lindern wollen. Außerdem hatte ich ein wasserdichtes Alibi für die Nacht ihres Todes.
Für meine Dankesrede bekam ich Standing Ovations. Der Applaus war so laut, das Licht so grell, und alle hatten die Augen auf mich gerichtet. Ich bekam Aufmerksamkeit, die ich nie gewollt hatte, und die ich nicht zu verdienen glaubte. Ich konnte nicht aufhören, an Helens Mörder zu denken. Der Mann oder die Frau war bisher nicht aufgespürt worden und hätte mich von zu Hause aus im Fernsehen beobachten können.
Ich muss zugeben, für einen Sekundenbruchteil dachte ich darüber nach, wegzulaufen.
6
An ihrem dritten Urlaubstag, einem Dienstag, verließen Julian und Olivia die Villa nach dem Frühstück, um das nahe gelegene Städtchen Sóller zu besuchen. Olivia steuerte den weißen Fiat 500 über steil abfallende Gebirgsstraßen und um enge Kurven.
„Tut mir leid, dass ich dir das Fahren nicht abnehmen kann“, sagte er.
„Sei nicht albern!“
Olivia konnte seine Abneigung gegen das Fahren verstehen, seine Nervosität am Steuer. Er rieb ihr dankbar über den Oberschenkel unter dem weiten grauen Leinenkleid.
„Auf solchen Straßen habe ich quasi fahren gelernt.“ Olivia drehte die Klimaanlage hoch. Draußen waren es bereits sechsundzwanzig Grad. Um zwölf Uhr sollten es laut der Wettervorhersage dreißig Grad werden.
„Hübsches T-Shirt“, sagte Olivia, „das passt zu der beigen Chino. Ist das neu?“
„Ja.“ Er hatte das dunkelblaue T-Shirt mit den roten Rosen darauf im Paul Smith Store in Covent Garden gekauft. „Ich habe es in einem netten Secondhandladen in Notting Hill gefunden.“ Er wusste nicht, weshalb er log. Olivia hatte ihm nie etwas missgönnt, obwohl sie Designerkleidung grundsätzlich für Geldverschwendung hielt. Er hatte das T-Shirt von seinem eigenen Geld bezahlt, von dem Gehalt, das er als Manager der Helen Griggs Awards verdiente. Es waren nur 22.000 Pfund im Jahr, aber zumindest ein gewisses eigenständiges Einkommen. Von Olivias Geld bezahlten sie fast alles, was sie besaßen oder ausgaben. Er hätte gern jeden Monat eine kleine Summe auf ein Sparkonto überwiesen, aber Olivia hatte ihn überzeugt, stattdessen in eine private Altersvorsorge zu investieren. Als kleinen Akt der Rebellion hatte er das Angebot seiner Bank, ihm eine Kreditkarte auszustellen, ohne ihr Wissen angenommen. Olivia konnte sich den Luxus leisten, auf Kreditkarten und deren unverschämte Zinsraten zu verzichten, doch seine Karte hatte nur einen kleinen Verfügungsrahmen und er redete sich ein, dass sie ausschließlich für Notfälle wäre.
Das Auto vor ihnen bremste plötzlich, als es auf eine Kurve zufuhr. Olivia hupte.
„Verdammte Touristen.“ Sie deutete auf die Schlange von Autos, die langsam vor ihnen her schlich. „Es gibt einfach zu viele von denen. Der ganze Tourismus wird von der Mafia kontrolliert, das ist das Problem!“
„Wirklich?“
„Nicht mehr so wie früher, aber auf dieser Insel gibt es ausgesprochen wenig, bei dem die Mafia ihre Finger nicht im Spiel hat. Olivia schob ihre übergroße Cat-Eye-Sonnenbrille höher auf die Nase. „Und die Polizei ist hier nicht gerade für ihre Tüchtigkeit bekannt. Dad hat immer gesagt, dass alle bei der Polizei korrupt sind.“
Schon bald öffnete sich vor ihnen der Blick auf ein von grünen und grauen Hügeln umgebenes Tal mit Sóller in der Mitte. Auf dem staubigen Talboden fuhren sie an Zitronen- und Orangenplantagen vorbei und gelangten schnell in die wenig ansprechenden Ausläufer der Stadt, vorbei an Supermärkten, Autowerkstätten und einer riesigen Eisfabrik. Am botanischen Garten bogen sie links ab und gelangten in die engen, labyrinthisch verzweigten Straßen der Altstadt.
„Wunderschön“, sagte Julian und bewunderte die ockerfarbenen, rosafarbenen und gelben Altstadthäuser.
„Ja, nicht wahr?“ Olivia bog nach rechts in eine Seitenstraße ab. „Ein bisschen provinziell, aber ich liebe es einfach.“
Sie parkten und Julian stieg aus. Eine willkommene Brise begrüßte ihn. Er nahm seinen weißen Panamahut vom Rücksitz und setzte ihn auf. Olivia kramte einen Strohhut mit breiter Krempe und eine robuste Einkaufstasche aus Stoff aus dem Kofferraum hervor.
„Gut“, sagte sie, „auf zum Markt!“
Sie betraten den Markt auf einem kleinen Platz in der Nähe des Bahnhofs. Die Marktstände standen in zwei Reihen unter den hohen Platanen. Auf einer Seite konnte man Kleidungsstücke und Accessoires für den Sommerurlaub kaufen, auf der anderen Obst und Gemüse.
Olivia führte ihn zu einem Lebensmittelstand mit großen Kisten voll mit prallen roten Kirschen und den auf der Insel allgegenwärtigen Orangen. Daneben Zucchini von stattlicher Größe und gewaltige, farbintensive Paprika. Ein junger Mann in Jeans und einem Achselshirt näherte sich, um sie zu bedienen.
„Hola“, sagte Julian. Vor dem Abflug hatte er jeden Tag mit einer Sprachlern-App zehn Minuten lang einfache Sätze auf Spanisch geübt.
„Hello“, antwortete der Mann mit einem starken Akzent auf Englisch. „Wie gehts?“
Das war Julian gestern schon in der Bäckerei in Deià passiert.
Was an seiner Aussprache verriet bloß, dass er Ausländer war?
„Hola“, sagte Olivia und augenblicklich sprudelte der Mann in einem dichten Schwall Spanisch los. Julian gab auf und ließ Olivia die Einkäufe erledigen. Sie reichte ihm die Einkaufstasche und er stapelte eine vollgepackte braune Papiertüte nach der anderen hinein. Dann folgte er Olivia vorbei an Ständen, die Küchenzubehör aus Olivenholz verkauften, und ließ die schwere Einkaufstasche mit ihren aufgestickten pinken und roten Schmetterlingen gegen seine Beine schlagen.
Sie erreichten den zentralen Platz, die Plaça de la Constitució. Die Cafés dort quollen über vor Touristen und Einheimischen. Kreischende Kinder spielten am rosafarbenen Granitbrunnen in der Mitte des Platzes fangen. Julian und Olivia schlenderten an den Marktständen vor dem Rathaus entlang und kauften verschiedene Sorten Oliven, bevor sie sich an einem gut besuchten Käsestand anstellten. In der Schlange warf eine Gruppe spanischer Frauen einen verächtlichen Blick auf Julians Einkaufstasche. Als Olivia ihm dann auch noch einen in Papier eingeschlagenen Käse nach dem anderen reichte und ihn instruierte, wie er sie in der Tasche zu verstauen hatte, murmelte eine der Frauen etwas auf Spanisch, worauf die anderen zu Julian blickten und grinsten. Er ignorierte ihr Gespött; einen modernen Ehemann wie ihn waren sie wohl nicht gewohnt. Einen Ehemann, dem es nichts ausmachte, ab und an seiner Frau das Sagen zu überlassen.
Nachdem sie ihren Einkauf erledigt hatten, schleppte Julian die unhandliche Tasche zurück zum Auto, während Olivia auf die Suche nach einem freien Tisch in den vollen Cafés rund um den Platz ging. Er verstaute die leicht verderblichen Lebensmittel in der Kühlbox im Kofferraum des Fiats und eilte zurück zu seiner Frau. Die navyblauen Bootsschuhe, die Olivia ihm für den Urlaub gekauft hatte, rieben dabei an seinen Fersen.
Julian fand seine Frau unter der Markise eines der Cafés und ließ sich neben ihr auf den Stuhl fallen, froh über den Schatten. Olivia hatte schon Mineralwasser bestellt und schenkte ihm davon ein. Gierig nahm er einen Schluck.
„Denk daran, dass du bei der Hitze genug trinkst“, sagte sie.
Eine attraktive Kellnerin mit dunklen Augen brachte ihre Bestellung. „Dos cafés con leche“, sagte sie. Die obersten drei Knöpfe ihrer Bluse waren offen und Julian konnte nicht anders, als einen Blick auf ihr freizügiges Dekolleté zu werfen, während sie sich zu ihm herüberbeugte, um den Kaffee vor ihm abzustellen.
„Gracias“, sagte er.
„Sehr gerne“, antwortete sie.
Julian und Olivia tranken ihren Kaffee und ließen den Blick über den belebten Platz schweifen. Julian schaute auf das Ziffernblatt am Rathaus und las die Uhrzeit ab. Am Tag nach Helens Tod hatte er aufgehört, eine Armbanduhr zu tragen.
„Ist die Kirche nicht wunderschön?“ Olivia deutete auf die verzierte, modernistische Fassade der Església de Sant Bartomeu. „Sie wurde Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von einem Schüler von Gaudí restauriert.“ Sie nahm noch einen Schluck Kaffee. „Wenn wir ausgetrunken haben, gehen wir kurz hinein und schauen sie uns an.“
Sie hörten das lang gezogene hohe Hupen, mit dem sich die Straßenbahn aus Richtung des nahe gelegenen Port de Sóller ankündigte, ehe sie langsam auf den Platz einfuhr. Die Gleise der Straßenbahn führten mitten über die Plaça de la Constitució und die Menschen wichen nach links oder rechts aus, als sich die hölzernen Waggons näherten. Aus den Fenstern der Straßenbahn winkten im Vorbeifahren Kinder und Julian und Olivia winkten zurück.
Als der letzte hölzerne Waggon aus ihrem Blickfeld verschwunden war, erfüllte blecherne Musik die Luft – ein Tanzrhythmus mit ansteckendem Drumbeat. Julian beobachtete, wie drei junge Männer barfuß den Platz überquerten. Zwei von ihnen hatten dunkle Haut, einer davon kurze Dreadlocks und der andere einen kahl geschorenen Kopf. Der Hellhäutige hatte sein blondes Haar zu einem Dutt zusammengesteckt und trug einen Ghettoblaster auf der Schulter. Sie blieben genau in der Mitte des Platzes stehen. Der blonde Mann stellte den Ghettoblaster ab und drehte die Lautstärke hoch. Als sie ihre weißen T-Shirts auszogen, begannen die Passanten zu klatschen und zu pfeifen.
„Capoeira“, sagte Olivia. „Das habe ich oft gesehen, als ich durch Brasilien gereist bin.“
Julian nickte, doch seine Augen blieben an den Männern in ihren weißen Jogginghosen hängen. Sie waren muskulös, aber nicht übermäßig, und ihre schmalen Hüften bildeten zusammen mit ihren starken Schultern ein perfektes V. Sie winkten ihre Zuschauer näher heran und ließen sie im Rhythmus zur Musik klatschen.
„Es ist ein Kampfsport, der sich als Tanz tarnt. Ziemlich clever“, sagte Olivia.
Die Männer begannen mit komplexen Bewegungsabfolgen, vollführten Drehkicks in der Luft und gingen tief in die Knie. Sie machten Handstand, Vorwärts- und Rückwärtssaltos und ernteten mit einem grandiosen Finale stürmischem Applaus von der Menge.
Olivia stieß einen lauten Pfiff aus, als die Performance beendet war. „Beeindruckend“, sagte sie.
Julian fächelte sich mit seinem Panamahut Luft ins Gesicht. Als der blonde Mann sich dem Café mit einer Spendenbox näherte, zog er einen Zwanzigeuroschein aus seinem Portemonnaie und hielt ihn in die Luft. Der Mann kam herangetänzelt und nahm das Geld mit einer eleganten Verbeugung an. Julians Augen folgten ihm, als er sich wieder entfernte. Besonders die prallen, angespannten Pobacken unter der weißen Hose hatten es ihm angetan.
„Julian?“
Er drehte sich zu seiner Frau um und blickte in einen ernsten Gesichtsausdruck. „Was ist los?“
„Ich habe gesagt, dass ich dich etwas fragen muss.“
Innere Unruhe überkam ihn. „Was?“
Sie atmete tief ein, wie um sich zu rüsten. „Ich habe viel darüber nachgedacht und das auch mit Arnold besprochen.“
„Was besprochen?“
„Ich möchte, dass du Treuhänder der Pearson Foundation wirst.“
„Oh. Okay.“ Die Unruhe legte sich. „Wow. Das ist …“
„Wir wüssten deine Ideen wirklich zu schätzen.“
„Das hat Arnold gesagt?“
Julian hatte immer gedacht, dass Arnold nicht viel von ihm hielt.
Bevor er Olivia geheiratet hatte, hatte ihr Anwalt einen Ehevertrag aufgesetzt, den Julian unterschreiben musste. Er stellte sicher, dass Julian im Falle einer Scheidung nichts vom Vermögen seiner Frau bekäme. Arnold hatte betont, dass die meisten Richter das Dokument anerkennen würden, falls Julian jemals versuchen sollte, Geld einzuklagen. Anschließend hatte er etwas darüber gemurmelt, dass „dieser Idiot Lars“ das auf die harte Tour gelernt hatte. Julian hatte das Dokument, ohne zu zögern, unterschrieben, wie um zu beweisen, dass es ihm nicht um Olivias Vermögen ging. Er wollte unbedingt Arnolds Skepsis ihm gegenüber ausräumen. Dennoch schien er sie regelmäßig während der monatlichen Vorstandssitzungen für die Helen Griggs Foundation zu spüren. Arnold war dem Treuhänderausschuss auf Olivias Anraten beigetreten, ebenso wie ihr Buchhalter David.
„Er weiß, dass wir ein gutes Team sind.“ Olivia ergriff Julians Hand.
„Du weißt, wie wichtig die Foundation für mich ist. Wenn mir etwas zustößt, wäre es mein Wunsch, dass du meine Arbeit fortführst.“
„Sag so etwas nicht.“
„Ich weiß, dass es hart ist, besonders nach dem, was Helen zugestoßen ist. Aber wir müssen auch über solche Dinge reden.“
„Ich ertrage den Gedanken nicht, dass ich dich verlieren könnte.“
„Ich habe ja auch gar nicht vor, dich zu verlassen. Aber ich habe auch eine Verantwortung gegenüber der Foundation. Da muss ich gewisse Vorkehrungen treffen.“ Sie drückte seine Hand. „Fast mein ganzes Vermögen steckt in Fonds und wird auch in Zukunft in die Wohltätigkeitsarbeit fließen.“
„Olivia. Wirklich, ich …“
„Aber ich möchte, dass du weißt, dass du versorgt wärst. Ich habe in meinem Testament verfügt, dass du …“
„Das ist mir egal“, sagte Julian. Ein kleiner brauner Vogel landete auf ihrem Tisch und hielt Ausschau nach Krümeln.
„Das Haus in London würde dir gehören. Außerdem habe ich …“
„Bitte. Ich will das nicht wissen.“ Seine aufgebrachte Stimme verschreckte den Vogel.
„Wir sind Partner“, sagte Olivia. „Es ist nur natürlich, dass ich mich um dich kümmern möchte.“ Julian schaute seiner Frau in die Augen und sah dort nichts als Liebe und Aufrichtigkeit. Sein ganzes Leben lang hatte er sich um andere gekümmert und nun gab es jemanden, der sich um ihn kümmerte. Er wäre wohl nicht hier, mit dieser herzensguten Frau, wenn er nicht die richtigen Entscheidungen getroffen hätte, oder? Verdiente er sein Glück?
„Wir werden uns umeinander kümmern“, sagte er.
„Das Geld gehört ja gar nicht wirklich mir. Ich habe es nicht verdient. Ich sehe mich eher als Verwalter und ich weiß, dass du mir helfen kannst, diese Aufgabe gut zu bewältigen.“
Er hob ihre Hand an seine Lippen und küsste sie. „Wir werden den Rest unseres Lebens Großes zusammen erreichen. Da bin ich mir sicher.“
Auf ihrem Weg zurück zum Auto machten sie einen Abstecher in die Kirche.
„Du kannst drinnen einige gotische Elemente entdecken“, sagte Olivia, als sie die schwere Holztür aufdrückte. „Aber das meiste ist barock.“
Julian nickte, als ob er sich mit den verschiedenen Epochen europäischer Architektur gut auskennen würde.
Sobald er den kühlen, schummrigen Innenraum der Kirche betreten und seine Sonnenbrille abgenommen hatte, sah er, dass seine Frau recht gehabt hatte. Die Kirche war beeindruckend. Die hohe Gewölbedecke war in Ocker- und Terrakottatönen gestrichen, die Stützstreben mit vergoldeten Lilien verziert. Über dem Haupteingang ließ ein farbenfrohes Rosettenfenster Licht hinein und die beiden Seiten des Gebäudes säumten weitere Buntglasfenster. Düstere Gemälde biblischer Szenen hingen an den Wänden. Vom Bildnis hinter dem Altar leuchtete ihnen aufgetragenes Blattgold entgegen.
Er nahm seinen Panamahut ab. „Überall ist so viel Gold.“ Er fand den Effekt gleichzeitig protzig und würdevoll.
„Gewaltig, nicht wahr? Niemand baut solche katholischen Kirchen wie die Spanier.“
Eine kleine dicke Frau mit einem schwarzen Rock bewegte sich in ihre Richtung und gab Julian einen Informationsflyer auf Englisch.
„Dankeschön“, sagte er.
Sie bot auch Olivia einen Flyer an und die beiden begannen sich auf Spanisch zu unterhalten. Julian schlenderte los, um sich die Seitenaltäre rechts des Mittelschiffs anzuschauen. Seine Bootsschuhe quietschen auf den glatt getretenen schwarzen und weißen Fliesen. Im ersten Seitengewölbe stand eine pietätvolle Statue der Jungfrau Maria, rechts und links von goldenen Säulen flankiert. Sie war wunderschön gearbeitet, aber Julian hatte nur Augen für die Engel. Kleine Putten, denen goldene Flügel aus den Schultern sprossen, klammerten sich an die Säulen und himmelten Maria ehrfurchtsvoll an. Im Gemälde über dem Kopf der jungen Frau hielt ein blasser Engel mit durchsichtigen Flügeln einen großen Schlüssel in der Hand. Vielleicht der Schlüssel zum Ewigen Königreich?
Mit klopfendem Herzen ging Julian weiter in das nächste Seitengewölbe. Doch dort war kein Altar. Männliche Engel in pinken Gewändern saßen auf goldenen Thronen, die sanft geneigten Flügel umrahmten ihre ernst dreinschauenden Gesichter. Sie starrten ihn vorwurfsvoll an, sodass er zügig in das nächste Gewölbe ging. Dort stellten kurvenreiche, weibliche Engel ihre silbernen Flügel zur Schau und würdigten ihn keines Blickes, sondern fixierten mit ihren hervorquellenden Augen den Himmel.
Er stolperte zurück ins Hauptschiff und stand nun direkt vor dem Altar. Das dreiteilige Gemälde dahinter blendete ihn. Klassische Säulen aus Gold, goldene Putten, die hierhin und dorthin flogen, Heiligenstatuen mit goldenem Heiligenschein. Über der Szene schwebte ein mannshoher Engel und blickte auf alles herab. Er hatte muskulöse Arme und Beine sowie dunkles, zu einem Bob geschnittenes Haar. Seine Flügel waren von der Farbe eines schmutzigen Kakitons und sein Gewand schlammbraun. In der Hand hielt er etwas, das wie eine Sense aussah, und mit einem seiner angespannten Füße drückte er kraftvoll eine der Länge nach hingestreckte Person nieder.
Julian trat näher heran. Er konnte nicht ausmachen, ob die Person unter dem Engel ein Mann oder eine Frau war. Der nackte Oberkörper war blutverschmiert und ein Arm nach oben in die Luft gereckt, als würde er oder sie um Gnade flehen. Die Beine waren nutzlos ineinander verschlungen und die Füße zeigten in unterschiedliche Richtungen.
„Gabriel“, sagte eine Stimme neben ihm.
Julian griff sich an die Brust.
„Alles in Ordnung, Schatz?“ Olivia stand neben ihm und blickte ihn besorgt an.
„Ja.“ Er strich sein Hemd glatt.
„Habe ich dich erschreckt?“
„Alles in Ordnung.“
„Er ist ziemlich Furcht einflößend.“ Olivia zeigte nach oben auf den Engel. „Das ist Gabriel, wie er einen Dämon tötet. Er sieht gar nicht engelsgleich aus, oder?“
„Nein.“ Julians Kehle fühlte sich glühend heiß und verkrampft an. Olivia schlenderte weiter und begutachtete den Altar, während Julian versuchte, das Heiße, Verkrampfte hinunterzuschlucken.
„Gabriel“, sagte er. Der Name klang in seinen Ohren wie ein Zauberspruch und er wagte nicht, ihn zu wiederholen.