Leseprobe Der Earl und die ungezähmte Lady | Eine prickelnde Regency Romance

Kapitel 1

London, Januar 1892

„Würde mir das vielleicht mal jemand erklären?“ Sidney Althea Gordon Honeywell blickte von den Zeitungsausschnitten auf, die vor ihr auf dem Tisch des kleinen Esszimmers ausgebreitet lagen. „Also?“

Ihr gegenüber saßen die drei liebsten älteren Damen, die Sidney jemals gekannt hatte, und sahen sie mit Unschuldsblick an.

„Na, irgendjemand?“, hakte Sidney nach.

„Das spricht doch wohl für sich selbst, meine Liebe“, antwortete Lady Guinevere Blodgett in sanft tadelndem Ton.

Mrs. Persephone Fitzhew-Wellmore nickte. Sie und Lady Blodgett hatten schon vor längerer Zeit darauf bestanden, dass Sidney sie duzte, obwohl zwischen ihnen ein Altersunterschied von beinahe fünfzig Jahren lag. Denn sonst, so sagten sie, wären sie sich schrecklich alt vorgekommen, und das mochten sie ganz und gar nicht. „Ich weiß wirklich nicht, was es da zu erklären gibt.“

Die Dritte im Bunde, Mrs. Ophelia Higginbotham – Tante Effie – hielt wohlweislich den Mund.

Mit bohrendem Blick sah Sidney sie an. „Und du hast auch nichts zu sagen?“

„Jetzt noch nicht.“ Effie, die beste Freundin ihrer Großmutter und ihre geliebte Nenntante, lächelte liebenswürdig. „Ich würde lieber erst hören, was ihr darüber denkt.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Sidney überflog noch einmal die Zeitungsausschnitte auf dem Tisch, auch wenn das unnötig war. Die Worte hatten sich schon beim ersten Lesen in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Anscheinend wurde eine ganze Reihe von Briefen an die Times geschickt von –“ sie nahm einen Ausschnitt zur Hand „– einem Earl of Brenton, in denen er behauptet, dass ich nicht wüsste, wovon ich schreibe. Dass es sich um Fantasiegeschichten handele. Dass ich nie in Ägypten gewesen und überhaupt eine Schwindlerin sei. Was ja, wie wir alle wissen, auch zutrifft.“ Sie seufzte resigniert.

„Unsinn“, widersprach Tante Effie mit Nachdruck. „Du hast ja nie behauptet, deine Geschichten seien etwas anderes als Romane.“

„Schließlich ist es nicht deine Schuld, wenn die Leute die Abenteuer für real halten“, fügte Poppy hinzu.

„Egal, ich hätte diesen Irrtum aufklären sollen, sobald ich davon hörte.“ Sidney ärgerte sich noch immer darüber, dass sie sich genau das hatte ausreden lassen.

Als Sidney begonnen hatte, ihre Erzählungen einer Abenteuerin in Ägypten zu schreiben, um nach dem Tod ihrer Mutter vor vier Jahren ihr bescheidenes Einkommen ein wenig aufzubessern, hätte sie nie gedacht, dass ihre Arbeiten jemals veröffentlicht, geschweige denn Erfolg haben würden.

Sidneys Vater war schon vor dreizehn Jahren verstorben und hatte ihr und ihrer Mutter neben einem kleinen Treuhandvermögen ein behagliches Haus in der Nähe des Portman Square hinterlassen. Zweifellos war ihr Vater davon ausgegangen, dass seine Witwe wieder heiraten oder zumindest seine Tochter einen Ehemann finden würde, doch für Sidney hatte sich die Gelegenheit nie ergeben. Und ihre Mutter hatte den Verlust ihrer großen Liebe nie verwunden, und ihre Trauer hatte sich schließlich auf ihre Gesundheit ausgewirkt. So blieb es Sidney überlassen, ihren kleinen Haushalt zu führen und außerdem ihre Mutter zu pflegen, was Sidney pflichtbewusst und ohne zu klagen tat.

„Dein Erfolg kam für uns alle überraschend. Als nach all deinen Kurzgeschichten, die im Daily Messenger erschienen waren, dein Buch herauskam, schien es, als würde alle Welt es lesen und nach weiteren Geschichten von dir lechzen. Und da war es schon zu spät, die Sache aufzuklären.“ Gwen zuckte die Achseln. „So etwas kann man nicht ungeschehen machen. Keiner würde jemals glauben, dass es keine Absicht war. Wir kennen dich natürlich besser und wissen genau, dass du einfach nicht gemerkt hast, welche Aufmerksamkeit deine Geschichten erregten. Beim Schreiben lebst du ein wenig in deiner eigenen Welt, meine liebe Sidney.“ Im Nachhinein kam es Sidney selbst blöd vor, aber wenn sie schrieb, fühlte sie sich tatsächlich in eine andere Welt versetzt. Eine Welt voller Abenteuer und Romantik, die ihr zuweilen wirklicher erschien als das London, in dem sie lebte.

„Außerdem fanden wir es sehr aufregend“, sagte Poppy mit leuchtenden Augen. „Du bist ja wirklich berühmt. Die Königin der Wüste und so.“

Bei dem Titel, den ihre Leser ihr verliehen hatten, zuckte Sidney innerlich zusammen.

„Und hat es deinem Mr. Cadwallender nicht ganz gut gefallen, dass die Leser deine Abenteuer für wahr hielten?“, gab Poppy zu bedenken.

„Der Mann war begeistert. Er sagte, es würde meine Geschichten noch populärer machen, und ich habe mich von ihm überzeugen lassen.“ Sidney versuchte, ruhig zu bleiben, obwohl sich ihre Zukunft und ihre Träume soeben in Luft auflösten. „Ich hätte wissen müssen, was geschehen würde.“

Sidney begriff immer noch nicht genau, wie es zu dem Missverständnis gekommen war. Immerhin war die Hauptperson in ihren Geschichten Millicent Forester, eine charmante junge Witwe und tollkühne Abenteuerin, die ihren Mann kurz nach ihrer Ankunft in Ägypten verloren hatte. Sie war selbstbewusst, mutig und auch sonst alles, was Sidney nicht war. Doch auch wenn es sich bei Millicent um eine Ausgeburt von Sidneys Fantasie handelte, so beruhten ihre Erzählungen in Wahrheit auf den Tagebüchern ihrer Großmutter Althea Gordon. Natürlich nahm sich Sidney ein gewisses Maß an dichterischer Freiheit, und von Mal zu Mal entfernten sich ihre Geschichten weiter von den Erfahrungen ihrer Großmutter. Überhaupt hätte Sidney nie etwas von ihrer Großmutter erfahren, wenn Tante Effie nicht gewesen wäre.

Kurz nach dem Tod ihres Vaters lernte Sidney Ophelia Higginbotham kennen, die Ehefrau eines Offiziers, der nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Militärdienst eine Laufbahn als Forscher und Abenteurer eingeschlagen hatte. Effie und Sidneys Großmutter hatten sich durch gemeinsame Bekannte kennengelernt, und Jahre später erzählte Effie der jungen Frau, dass es ihnen beiden so vorgekommen sei, als hätten sie die Schwester getroffen, die sie nie hatten. Sie schlossen eine lebenslange Freundschaft, die für den Rest von Altheas Leben Bestand hatte, eines Lebens, das sich zum großen Teil in Ägypten abspielte, wo Sidneys Großvater Alfred antike Ruinen ausgrub und verlorene Artefakte aufspürte. Regelmäßig berichtete Althea ihrer lieben Freundin in ihren Briefen von den Abenteuern. Daneben führte sie auch fleißig ihr Tagebuch, welches sie Effie anvertraute, wenn sie mit ihrem Mann wieder in die Wüste zurückkehrte.

Durch die Briefe der beiden Freundinnen erfuhr Sidney auch von der Entfremdung zwischen ihrer Mutter und ihren Großeltern. Darüber war in der Familie immer ein Geheimnis gemacht worden, und obwohl Sidney als zweiten Namen den ihrer Großmutter trug, war ihre Mutter nie bereit gewesen, mit ihr über die Angelegenheit zu reden. Das Ehepaar Gordon kam bei einem Schiffsunglück ums Leben, als Sidney noch sehr klein war, und daher lernte sie ihre Großeltern nie kennen. Doch mit jedem Brief ihrer Großmutter, den Sidney las, wurde sie mit deren Lebensgeschichte vertrauter. Ihre Mutter hatte als kleines Mädchen ihre Eltern auf deren Expeditionen nach Ägypten begleitet, entwickelte jedoch mit der Zeit eine ausgesprochene Abneigung gegen das Reisen im Allgemeinen, das Klima, die Wüste und alles andere, was mit Ägypten zusammenhing. Als sie alt genug war, erlaubten ihr ihre Eltern, in England zu bleiben und dort eine Schule zu besuchen, auch wenn es ihnen, Großmutters Briefen zufolge, fast das Herz brach, ihr einziges Kind zurückzulassen. Obwohl Althea und ihre Tochter sich bei Heimaturlauben regelmäßig sahen, lebten sich die beiden auseinander. Sidneys Mutter, die Ägypten für das Zerwürfnis verantwortlich machte, kehrte nie wieder ins Land der Pharaonen zurück.

Mit der Zeit wurde Effie Sidneys Freundin und in vielerlei Hinsicht auch ihre Mentorin, aber beide Frauen hielten es für klüger, Sidneys Mutter nichts von dieser Freundschaft zu erzählen, auch wenn sie es bedauerten. Denn die hätte es bestimmt nicht gut aufgenommen, und angesichts der angegriffenen Gesundheit ihrer Mutter wollte Sidney sie nicht aufregen. Was ihrer Mutter mit Sicherheit noch mehr missfallen hätte, war die Tatsache, dass Sidney sich verliebte. Leidenschaftlich und unwiderruflich, und zwar in den Traum vom Reisen, von fernen Ländern und ganz besonders von Ägypten.

Von da an las Sidney alles über das Land, seine Vergangenheit und Gegenwart, was ihr in die Hände fiel. Sie besuchte Abendkurse am Queen’s College über die Zivilisation und Geschichte Ägyptens, über Hieroglyphen, Ausgrabungen und viele andere faszinierende Themen. Sie hörte Vorträge und besuchte Ausstellungen, oft in Begleitung von Effie und ihren Freundinnen.

Als dann ihre Mutter starb, wurde Sidney klar, dass sie dank des Fonds zwar ein Dach über dem Kopf besaß, aber wenig mehr. Ihr Traum, die Welt zu bereisen und endlich Ägypten mit eigenen Augen zu sehen, würde ein Traum bleiben, sofern es ihr nicht gelang, sich ein zusätzliches Einkommen zu schaffen. Tante Effie hatte sie nicht nur zum Schreiben ermutigt, sondern ihre ersten Arbeiten auch Mr. James Cadwallender vom Cadwallender Daily Messenger vorgelegt, der Zeitung, die nun ihre Geschichten publizierte.

„Es lässt sich wirklich nicht leugnen“, sagte Sidney niedergeschlagen. „Seine Lordschaft hat recht. Ich bin ein Scharlatan, eine Hochstaplerin und Betrügerin.“

„Sei doch nicht albern“, widersprach ihr Effie. „Nur weil es im strengen Sinne nicht deine Abenteuer sind –“

„Dir gehören die Aufzeichnungen, auf denen sie beruhen“, warf Poppy ein. „Also könnte man sagen, dass es genau genommen doch deine sind.“

„– sind sie doch nicht weniger wahr. Jedenfalls im engeren Sinne“, fuhr Effie fort. „Man muss hier wirklich zwei Aspekte betrachten.“ Sie hob die Hände, als hielte sie eine Waage. „Einerseits –“ sie hob ihre linke Hand „– hast du nie behauptet, es seien deine eigenen Erlebnisse. Andererseits –“ sie hob die Rechte „– handelt es sich im Großen und Ganzen um wahre Geschichten.“

„Obwohl, wenn man bedenkt, dass Althea mit Alfred verheiratet war, dürfte sie nicht ganz so vielen flotten Gentlemen begegnet sein, wie sie in Sidneys Geschichten vorkommen“, murmelte Poppy.

„Millicent Forester ist eine junge Witwe, Poppy“, gab Gwen zu bedenken. „Es wäre doch langweilig, wenn ihr nicht ab und zu ein attraktiver Mann über den Weg liefe.“

„Es sind eben einfach nicht deine Erlebnisse“, stellte Effie abschließend fest.

„Und genau da liegt das Problem.“ Seufzend blätterte Sidney in den Zeitungsausschnitten auf dem Tisch. „Oder besser eines der Probleme.“ In ihrem Ärger über die verletzenden Kommentare des Earls hatte sie die restliche Katastrophe ganz vergessen. „Die Briefe Seiner Lordschaft sind aber nicht das Schlimmste, oder?“

„Sie sind schrecklich, einfach schrecklich“, ereiferte sich Poppy.

Gwen schnaubte entrüstet. „Fast schon unverschämt, möchte ich sagen.“

„Und dennoch nicht das Schlimmste“, wiederholte Sidney in hartem Ton. Sie schob einige der Ausschnitte zur Seite. „Das sind die Zuschriften des Earls. Während die Antworten hier –“ sie deutete auf die restlichen Ausschnitte „– angeblich von mir stammen.“

Die Damen waren klug genug, zu schweigen.

„Aber ich habe sie nicht geschrieben“, setzte Sidney hinzu und blickte mit schmalen Augen in die Runde. „Was die Frage aufwirft, wer es dann war.“

Gwen, Poppy und Effie wechselten einen Blick, worauf Effie tief Luft holte und sagte: „Ich fürchte, es ist meine Schuld. Ich habe mit dem Ganzen angefangen. Als dieser üble Mensch seinen ersten Leserbrief schrieb, hätte ich ihn einfach ignorieren sollen.“

„Aber er war wirklich ziemlich grob“, fügte Gwen hinzu.

„Und es schien, als würde er dir den Fehdehandschuh hinwerfen, also habe ich ihn aufgehoben“, erklärte Tante Effie zerknirscht.

„Du hast auf seine Zuschriften geantwortet?“ Sidney erhob die Stimme. „In meinem Namen?“

„Damals schien es mir das Richtige zu sein“, antwortete Effie kleinlaut. „Aber wenn ich es mir recht überlege, könnte es auch ein Fehler gewesen sein.“

Poppy nickte. „Es scheint ihn nur aufgestachelt zu haben. Dieser Mensch kennt offensichtlich keine Zurückhaltung, denn wie ihr seht, war der zweite Brief noch schlimmer.“

„Er vergleicht meine Geschichten mit Groschenromanen“, sagte Sidney mit finsterem Blick. „Das ist absolut ungerecht. Es sind zwar Abenteuergeschichten, aber so unwahrscheinlich und kitschig sind sie nun auch wieder nicht.“

„Du hast recht, das war gemein von ihm“, stimmte Gwen ihr zu. „Dann verstehst du doch sicher, dass wir auf diesen speziellen Brief unbedingt antworten mussten.“

„Wir haben Effie nämlich dabei geholfen, die Antwort aufzusetzen. Man könnte von einem Gemeinschaftswerk sprechen.“ Poppy wand sich förmlich vor Verlegenheit. „Und beim nächsten auch. Wir konnten einfach nicht anders; schließlich musste ja jemand für dich einstehen. Der Kerl hat sogar an deinem Schreibstil etwas auszusetzen.“

„Das konnten wir doch unmöglich hinnehmen“, bekräftigte Effie.

„Und ihr seid nie auf die Idee gekommen, es mir gegenüber zu erwähnen?“

„Wir wollten dich beschützen, meine Liebe“, antwortete Gwen lächelnd.

„Wir dachten, Seine Lordschaft würde aufgeben. Irgendwann“, erklärte Effie.

„Aber er hat nicht aufgegeben, stimmt’s?“ Sidney blickte wütend in die Runde. „Nein, dieser Mensch hat mich doch tatsächlich aufgefordert, nach Ägypten zu fahren und zu beweisen, dass ich weiß, wovon ich schreibe. Wenn mir das nicht gelingt, will er bei der Ägyptischen Altertumsgesellschaft den Antrag stellen, meine Mitgliedschaft zu annullieren.“ Sidney hatte nie viel Aufhebens davon gemacht, wenn ihre Geschichten lobend erwähnt wurden, doch die Aufnahme in die Altertumsgesellschaft einige Monate zuvor war eine Ehre, die sie mit Stolz erfüllte. Ihre Großeltern hatten die Gesellschaft mit gegründet, und auch wenn sie bisher an keiner der Veranstaltungen teilgenommen hatte, war es für Sidney das Schönste an ihrem neuen Erfolg, dieser illustren Vereinigung anzugehören.

„Zum Glück haben wir gründlich über die Sache nachgedacht“, sagte Poppy. „Eigentlich haben wir an nichts anderes mehr gedacht, seit wir heute Morgen den jüngsten Brief des Earls gelesen haben.“

„Und dann sind wir gleich hierhergekommen, um dir das hier zu zeigen.“ Gwen deutete auf die Zeitungsausschnitte.

Sidney ließ langsam den Atem entweichen. „Nicht gleich genug. Schließlich haben wir schon Nachmittag.“ Aber es würde erklären, warum sie vor einer knappen Stunde eine Nachricht von Mr. Cadwallender erhalten hatte, in der er sie aufforderte, so bald wie möglich in die Redaktion des Messenger zu kommen. „Mr. Cadwallender wünscht mich zu treffen, und ich vermute, dass es wegen dieser Sache ist.“ Sie schüttelte betrübt den Kopf. „Das ist ja eine schöne Bescherung. Was soll ich nur tun?“

„Du solltest unbedingt Mr. Cadwallender aufsuchen“, sagte Poppy entschieden.

Gwen nickte. „Und zwar auf der Stelle, finde ich.“

„Und dann?“ Sidneys Stimme klang schrecklich hilflos, was sie selbst ganz fürchterlich fand.

„Und dann –“ Tante Effie erhob sich „– dann fährst du nach Ägypten.“

***

„Ich finde, das ist eine hervorragende Idee.“ Mr. James Cadwallender saß hinter dem Schreibtisch in seinem Büro, mitten in diesem Tollhaus, das sich Cadwallender’s Daily Messenger nannte. Bis auf eine Holzvertäfelung im unteren Bereich waren die Wände seines Büros bis zur Decke verglast, was es dem Verleger erlaubte, sein Reich zu überblicken, ohne dem unablässigen Getöse ausgesetzt zu sein, in dem sich die auf Neuigkeiten versessenen Reporter bewegten wie die Fische im Wasser.

„Hervorragend?“ Sidney sah den Mann erstaunt an. War ihm denn nicht klar, dass es ein Ding der Unmöglichkeit war? „Das ist es keineswegs. Im Gegenteil, es ist furchtbar. Ganz einfach schrecklich.“

„Ich bitte Sie, Miss Honeywell“, sagte Mr. Cadwallender schmunzelnd. Er war ein äußerst ansehnlicher Mann mit dunkelbraunem Haar und Augen von einem interessanten Bernsteinton. Sidney war er immer sehr attraktiv vorgekommen, an diesem Tag allerdings eher nicht. „Wieso sollte es nicht großartig sein, wenn ich meine Lieblingsautorin losschicke, um zu beweisen, dass sie weiß, worüber sie schreibt? Ich wünschte weiß Gott, ich wäre selbst darauf gekommen.“

„Mr. Cadwallender“, antwortete Sidney bedächtig, „Sie wissen doch wohl, dass meine Geschichten fiktiv sind.“

„Natürlich, aber die Leser halten es alles für real. Sie glauben, Millicent Forester sei eine nur leicht veränderte Version von Ihnen oder besser gesagt Mrs. Gordon.“ Er grinste. „Und wie könnte ich unserer treuen Leserschaft widersprechen?“

Tante Effie nickte zustimmend. Sie hatte darauf bestanden, Sidney aus Schicklichkeitsgründen zu begleiten, obwohl sie beide genau wussten, dass Schicklichkeit das Letzte war, worum es der älteren Frau ging. Sie wollte einfach nichts verpassen und würde das Gespräch zweifellos Poppy und Gwen in allen Einzelheiten weitererzählen. „Und außerdem wollen wir doch nicht ihre Illusionen zerstören.“

„Genau“, pflichtete Mr. Cadwallender ihr bei.

„Wenn es sich herausstellt, dass der Earl recht hatte, werden garantiert nicht nur ihre Illusionen zerstört“, entgegnete Sidney in scharfem Ton.

„Aber das wird nicht geschehen, und dafür werden Sie sorgen.“ Mr. Cadwallender beugte sich über den Schreibtisch und blickte Sidney eindringlich an. „Miss Honeywell, Sidney, wir beide wissen, dass Sie nie in Ägypten waren und dass Ihre Erzählungen vage an die Erlebnisse Ihrer Großmutter angelehnt sind. Aber all die Menschen, die Ihre Geschichten lesen, die jede Zeile verschlingen und ständig nach mehr verlangen, weil sie Millicent Forester ins Herz geschlossen haben, die wissen nicht, dass Sie nicht mit Ihrer Hauptfigur identisch sind und England noch nie verlassen haben. In den Augen dieser Leser führen Sie das Leben, das sie selbst sich immer erträumt haben. Sie vertrauen darauf, dass Sie, Sidney, sie aus ihrem stumpfsinnigen, gewöhnlichen Alltagsleben ins geheimnisvolle Ägypten entführen, ihnen die Wunder dieses aufregenden Landes zeigen und sie Zeugen werden lassen, wenn uralte Gräber entdeckt werden. All das wollen Sie ihnen doch bestimmt nicht nehmen, oder?“

„Äh, nein, ich glaube nicht. Aber –“

„Den Leuten ist es egal, ob Ihre Geschichten wahr sind oder nicht.“

„Warum können wir ihnen dann nicht einfach die Wahrheit sagen?“ Genau das hatte Sidney vorgehabt, als sie merkte, dass man ihre Geschichten für bare Münze nahm.

„Weil sie dann glauben würden, Sie hätten sie belogen. Und das würden sie übelnehmen.“ Er zuckte mit den Achseln. „So sind die Menschen nun einmal.“

„Und deshalb sollte man immer weiterlügen?“ Sidney merkte selbst, wie störrisch sie sich anhörte, aber so einen Betrug lehnte sie nun einmal ab.

„Aber nicht doch. Auf seine überhebliche und herablassende Art hat dieser Earl Ihr Wissen über Ägypten und alles Ägyptische angezweifelt. Dabei habe ich noch nie jemanden getroffen, der so bewandert in dem Thema war wie Sie. Sie könnten ja sogar Fragen beantworten, die den meisten Leute nicht einmal einfallen würden. Ist es nicht so, Mrs. Higginbotham?“

Effie nickte. „Oh ja, das stimmt, Mr. Cadwallender. Jahrelang hat sie am Queen’s College bei den bedeutendsten Wissenschaftlern studiert, und ich weiß gar nicht mehr, wie viele Vorlesungen über Ägyptologie sie besucht hat. Sidney ist mit jedem ägyptischen Artefakt im Britischen Museum oder sonst wo in London vertraut, und außerdem liest sie alles, was zu dem Thema gedruckt wird.“ Mit Stolz in der Stimme fuhr Effie fort: „Ich wage zu behaupten, dass es noch nie jemanden gab, der sich besser in der Gegenwart und Vergangenheit Ägyptens auskannte als Sidney.“

„Vielen Dank, Tante Effie“, sagte Sidney mit dankbarem Lächeln. „Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich noch nie dort gewesen bin.“

„Das ist doch nebensächlich“, erwiderte Mr. Cadwallender wegwerfend. „Wenn es überhaupt jemand hinkriegt, dann Sie. Ich habe volles Vertrauen zu Ihnen, Sidney. Und wenn Sie wieder hier sind –“

„Ich kann mich nicht entsinnen, der Reise zugestimmt zu haben.“

„Ehrlich, meine Liebe“, Effie neigte sich zu ihr und tätschelte ihr die Hand. „Ich glaube kaum, dass du eine Wahl hast.“

„Das stimmt nicht ganz.“ Mr. Cadwallender betrachtete Sidney sinnend. „Sie haben mehrere Möglichkeiten. So könnten Sie öffentlich zugeben, dass Seine Lordschaft recht hat und Sie nichts von dem verstehen, worüber Sie schreiben –“

„Und diesem Scheusal den Sieg überlassen?“ Empört richtete Effie sich auf ihrem Stuhl auf. „Nie im Leben!“

„In dem Fall gäbe es einen hässlichen Skandal. Sie würden Ihre Leser verlieren, weil die sich von Ihnen getäuscht fühlen würden. Der Cadwallender–Verlag und der Daily Messenger könnten Ihre Arbeiten nicht länger veröffentlichen. Schließlich müssen wir unseren Ruf wahren.“

Da die Artikel des Daily Messenger im Wesentlichen auf Klatsch und Tratsch beruhten, konnte es mit seinem Ruf nicht allzu weit her sein.

„Aber Sie waren es doch, der mir geraten hat, nicht die Wahrheit zu sagen, als es mit dem ganzen Missverständnis begann“, protestierte Sidney.

Mit den Worten: „Das ist doch Schnee von gestern, Miss Honeywell“, wischte er ihren Einwand beiseite. „Es bringt nichts, sich über Vergangenes aufzuregen. Jetzt müssen wir einfach weitermachen, und wie gesagt, es ist Ihre Entscheidung. Wenn Sie die Wahrheit sagen, tragen Sie die Folgen.“

Effie erschauerte.

„Oder Sie lassen Millicent sterben und beenden die ganze Serie.“

Effie keuchte entsetzt.

„Oder Sie fahren nach Ägypten und sorgen dafür, dass der Earl of Brenton seine Behauptungen zurücknehmen muss. Schlagen Sie ihn mit seinen eigenen Waffen; schließlich hat er mit der ganzen Sache angefangen. Beweisen Sie ihm und der ganzen Welt, dass er unrecht hat. Es würde ihm recht geschehen. Sie mögen ja nie leibhaftig in Ägypten gewesen sein, aber Sie können mir nicht erzählen, dass Sie nicht mit Ihren Gedanken, mit Herz und Seele dort waren.“

„Im Geiste sozusagen“, schlug Effie vor.

„Genau.“ Mr. Cadwallender blickte Sidney eindringlich an. „Carpe diem, Sidney – nutze den Tag. Ist das nicht die Gelegenheit, auf die Sie gewartet haben?“

Effie sprang auf. „Ja, ja, ja! Sie wird es tun!“

Befremdet starrte Sidney sie an.

„Natürlich wird sie das.“ Mr. Cadwallender grinste. „Ich habe keinen Moment lang daran gezweifelt.“

Sidneys Blick ging zwischen Mr. Cadwallender und Effie hin und her. Er hatte recht – sie hatte die Wahl. Und die Chance, die Dinge wieder geradezubiegen. Hier bot sich ihr die Gelegenheit, ein Abenteuer zu erleben und die Heldin zu sein, welche die Leser in ihr sahen.

Zum ersten Mal, seit sie die Kampfansage Seiner Lordschaft gelesen hatte, erschien ihr eine Reise nach Ägypten nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Und warum auch nicht? Sie war eine alte Jungfer von zweiunddreißig Jahren ohne realistische Aussicht auf eine Heirat und ohne nennenswerte Familie, wenn man von Effie und ihren Freundinnen einmal absah. Und so gab es für sie nicht das Geringste, was sie daran hinderte, ihrem Herzen zu folgen. Sie hatte nichts zu verlieren, aber das größte Abenteuer ihres Lebens zu gewinnen.

„Also gut.“ Sie schluckte schwer. „Ich tue es.“

„Ausgezeichnet“, antwortete Cadwallender grinsend. „Der Messenger wird für Ihre gesamten Unkosten aufkommen, und natürlich werden wir einen Reporter mit auf die Reise schicken.“

„Einen Reporter?“ Effie ließ sich wieder auf ihren Stuhl sinken.

„Ist das nötig?“, fragte Sidney mit flehendem Blick.

„Aber sicher. Das, mein liebes Mädchen, wird die Story des Jahres.“ Er schwieg einen Augenblick. „Haben Sie schon mal von Nellie Bly gehört?“

„Ich glaube nicht“, antwortete Sidney.

„Du solltest wirklich öfter ausgehen, meine Liebe“, bemerkte Effie leise.

„Nellie Bly ist eine amerikanische Reporterin, die vor ein paar Jahren den Versuch unternahm, in weniger als achtzig Tagen um die Welt zu reisen. Sie schaffte es in nur zweiundsiebzig Tagen“, erklärte Mr. Cadwallender mit funkelnden Augen. „Das war vielleicht eine Geschichte. Sie regte die Fantasie der Leserschaft in Amerika und fast überall sonst auf der Welt an. Ich erwarte, dass sich die Geschichte der Königin der Wüste nach ihrer Rückkehr als mindestens ebenso profitabel erweist.“

Sidney blickte ihn argwöhnisch an. „Profitabel, Mr. Cadwallender?“

„Jawohl, profitabel, Miss Honeywell“, bekräftigte er. „Die Story wird weitere Leser anziehen und damit für höhere Einnahmen sorgen. Es sind Geschichten wie diese, durch die sich Zeitungen und Bücher verkaufen. Natürlich wollen wir unsere Leser aufklären und informieren, aber das können wir nicht ohne hinreichende Mittel. Und ebenso wenig könnten wir unsere Korrespondenten auf eine Ägyptenreise schicken.“

„Aber glauben Sie nicht, dass es gefährlich wäre, wenn noch jemand mich auf Schritt und Tritt beobachten würde?“

„Ich habe volles Vertrauen zu Ihnen, Miss Honeywell. Anderenfalls würde ich Sie weder zu dieser Reise ermutigen, noch dafür bezahlen. Tatsächlich wäre es in Ihrem eigenen Interesse, wenn einer meiner Reporter Sie begleitete.“ Er verzog das Gesicht. „Offen gestanden, wenn ich niemanden mitschicke, der dieses Abenteuer dokumentiert, wird es die Times tun. Und ich nehme an, Ihnen wäre ein Reporter lieber, der für mich arbeitet, als jemand, der im Auftrag eines Konkurrenzblatts versucht, uns alle in ein schlechtes Licht zu rücken.“

„Das haben Sie wohl recht“, antwortete Sidney seufzend. Das wurde ja immer komplizierter. „Wird dieser Reporter über meine fehlende Erfahrung mit Ägypten Bescheid wissen?“

„Auf keinen Fall, Miss Honeywell“, entgegnete Mr. Cadwallender entrüstet. „Ich würde niemals zulassen, dass einer meiner Reporter die Öffentlichkeit bewusst in die Irre führt.“

„Das heißt also, ich muss ihn ebenso bewusst in die Irre führen wie den Earl.“

„Oh, der Earl wird nicht mitfahren. Er ist zwar entschlossen, Ihre Arbeit in den Augen der Öffentlichkeit schlechtzumachen, aber persönlich will er nicht dabei sein. Stattdessen schickt er einen Mr. Harry Armstrong, seinen Neffen, glaube ich, als Stellvertreter. Mr. Armstrong hat in seiner Jugend Ägypten besucht und hält sich daher für eine Art Fachmann.“

„Na, wunderbar“, bemerkte Sidney leise.

„Ich vermute stark, dass dieser Neffe den Earl zu seiner Kritik aufgestachelt hat“, erklärte Mr. Cadwallender. „Sie brauchen Armstrong nur davon zu überzeugen, dass Sie kompetent sind. Wenn Ihnen das gelingt, wird er eine öffentliche Entschuldigung abgeben. Wenn nicht, werde ich sein Buch herausbringen.“

Sidney sah ihn überrascht an. „Er hat ein Buch geschrieben?“

„Über seine angeblich wahren Erlebnisse in Ägypten“, antwortete der Verleger seufzend. „Gott steh uns bei.“

„Einen Moment mal, Mr. Cadwallender“, mischte Effie sich ein. „Sie wollen also damit sagen, dass der Mann, der darüber urteilen soll, ob Sidney glaubwürdig ist oder nicht, eine Menge dabei gewinnen könnte, sie als Hochstaplerin darzustellen?“ Sie schüttelte missbilligend den Kopf. „Das hört sich für mich keineswegs fair an.“

„Fair oder nicht, so lauten nun einmal die Regeln. Wenn wir ablehnen, geben wir ihm damit praktisch recht.“ Er sah Sidney an. „Sie schaffen das, Sidney. Fahren Sie mit dem Mann ein bisschen durch die Gegend. Zeigen Sie ihm die Pyramiden und ein, zwei Gräber. Nur so viel, um zu beweisen, dass Sie Ahnung haben. Sie brauchen ja nicht die Schatzkammer eines Pharaos zu entdecken.“

„Aber das wäre natürlich fantastisch“, murmelte Effie.

„Sie verfügen über das nötige Wissen und, da bin ich sicher, den Mut, um ein solches Abenteuer zu bestehen. Seien Sie die Heldin Ihrer eigenen Geschichte. Sie sind Millicent Forester, vergessen Sie das nicht.“ Er dämpfte die Stimme. „Wenn Sie versagen, haben wir beide viel zu verlieren. Meine Familie hat den Cadwallender–Verlag vor mehr als hundert Jahren gegründet, und ich würde nur ungern seinen Untergang miterleben.“

Sidney betrachtete ihn nachdenklich. Reichte ihr Mut für einen solchen Coup? War ihr Wissen groß genug, um auf ihrer ersten Reise nach Ägypten gleich zwei Leute davon zu überzeugen, dass sie sich dort auskannte? Aber war es nicht auch – von der Flunkerei einmal abgesehen – genau das, was sie selbst seit Jahren geplant hatte? Was sie immer schon wollte? War sie ihren Lesern nicht zumindest den Versuch schuldig, das zu sein, was sie in ihr sahen? Außerdem stand ja nicht nur ihre eigene Zukunft auf dem Spiel. Sie straffte die Schultern. „Ich werde Sie nicht enttäuschen, Mr. Cadwallender.“

Effie strahlte. „Ausgezeichnet. Der Verein für reisende Damen wird sich sofort an die Organisation machen. Ach, was werden wir für ein lustiges kleines Reisetrüppchen sein.“

„Wir?“, fragte Mr. Cadwallender erstaunt. „Ich fürchte, Sie haben mich missverstanden, Mrs. Higginbotham. Ich werde nicht mit nach Ägypten fahren. Schließlich habe ich einen Zeitungsverlag zu leiten.“

„Aber selbstverständlich, Mr. Cadwallender. Keiner kann erwarten, dass ein so bedeutender Mann wie Sie seine Pflichten vernachlässigt, und sei es auch für eine derart wichtige Unternehmung. Aber ich fürchte, Sie haben mich falsch verstanden.“ Effies harter Blick strafte ihre freundlichen Worte Lügen. „Meine Freundinnen und ich können unsere liebe Sidney doch nicht ohne angemessene Begleitung ins Land der Pharaonen ziehen lassen. Anstandsdamen, wenn Sie so wollen.“

Stirnrunzelnd blickte Mr. Cadwallender sie an. „Anstandsdamen?“

„Aber gewiss doch. Lady Blodgett, Mrs. Fitzhew-Wellmore und ich werden mit Sidney fahren.“

„Nicht nötig, Mrs. Higginbotham“, antwortete Mr. Cadwallender in munterem Ton. „Schließlich ist Nellie Bly auch ganz alleine um die Welt gereist.“

Effie schnaubte. „Miss Bly ist Amerikanerin, und die machen eben so etwas. Untertanen Ihrer Majestät dagegen dulden solche Nachlässigkeiten nicht, wenn es um Anstand und Sitte geht.“

„Darf ich Sie daran erinnern, dass Miss Honeywell als Mrs. Gordon schreibt, und die ist Witwe.“ Er lächelte triumphierend. „Und deshalb sind Anstandsdamen überflüssig.“

„Und darf ich Sie darauf hinweisen, dass Ihre weniger ehrenwerten Konkurrenten die Reise einer unverheirateten Frau, sei sie nun Witwe oder nicht, in Begleitung eines Herrn und eines männlichen Reporters als etwas Anrüchiges hinstellen werden? Damit könnte das ganze Unternehmen in Verruf geraten.“ Effie schüttelte betrübt den Kopf. „Und auch wenn Ihr Blatt mit Behagen jeden möglichen Skandal in allen Einzelheiten ausbreitet, werden Sie bestimmt nicht wollen, dass der Daily Messenger selbst in einen solchen verwickelt wird.“

„Nein, wohl kaum“, entgegnete er mit grimmiger Miene.

„Die Anwesenheit von Anstandsdamen wird jeden Verdacht von Unschicklichkeit im Keim ersticken. Außerdem …“ Sie zählte die Argumente an den Fingern ab. „… haben unsere verstorbenen Ehemänner allesamt viel Zeit in Ägypten verbracht und waren geschätzte Mitglieder des Explorers Clubs. Und das verleiht uns eine gewisse Glaubwürdigkeit als Reisebegleiterinnen. Im Übrigen wird Sidney Hilfe und Unterstützung brauchen, wenn sie diese Finte erfolgreich zu Ende bringen will. Wir wollen doch nicht, dass uns jemand auf die Schliche kommt.“

„Nein, wollen wir nicht.“ Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch. „Ich nehme an, ich soll Ihre Reise auch noch finanzieren.“

„Ich finde, wir tun Ihnen einen großen Gefallen, indem wir Miss Honeywell begleiten.“ Effie lächelte, und ihre Augen funkelten triumphierend.

„Mir scheint, das Wort Erpressung würde hier besser passen als Gefallen.“

„Wortklauberei, Mr. Cadwallender“, erwiderte Effie wegwerfend. „Wie man es nennt, ist doch egal, solange das Gleiche dabei herauskommt.“

„Solange das dabei herauskommt, was Sie wollen?“

Effie lächelte gewinnend.

Schließlich stieß Mr. Cadwallender einen resignierten Seufzer aus. „Also gut, von mir aus.“ Er wandte sich an Sidney: „Wann können Sie reisefertig sein?“

Sidney überlegte kurz. Sie hatte keinerlei Verpflichtungen und nichts, was sie in London hielt. Daher hätte sie von heute auf morgen ihre Taschen packen und abreisen können. „Sobald die Vorbereitungen abgeschlossen sind, schätze ich.“

„Ausgezeichnet.“ Er erhob sich von seinem Schreibtischsessel, und Tante Effie und Sidney taten es ihm nach. „Ich bin sicher, das wird ein sehr erfolgreiches Unternehmen für Sie – und für uns alle, Miss Honeywell.“

„Danke, Mr. Cadwallender.“

Er öffnete die Tür, und Tante Effie verließ strammen Schrittes das Büro, dicht gefolgt von Sidney. Sie bahnten sich ihren Weg durch ein Gewirr von Schreibtischen und ein planvolles Durcheinander von hektischen Männern mit tintenfleckigen Fingern und gelangten schließlich ins Foyer. Sidney nahm von all dem kaum etwas wahr.

„Das ist gut gelaufen, finde ich“, sagte Tante Effie zufrieden, als sie in der Mietdroschke saßen.

„Ich vermute, Mr. Cadwallender stand noch nie der Witwe eines Colonels gegenüber“, bemerkte Sidney grinsend.

„Um zu bekommen, was du willst, musst du wissen, wer du bist – und natürlich, was du eigentlich willst.“ Effies Lippen kräuselten sich in einem zufriedenen Lächeln. „Die Frau eines Colonels zu sein, ist da bloß das Tüpfelchen auf dem i.“

Nach kurzem Zögern fragte Sidney: „Bist du sicher, dass die anderen dem gewachsen sind?“

„Weil wir nicht mehr die Jüngsten sind?“

„Also … ja.“

„Ich kann dir versichern, Sidney, wir sind noch ziemlich rüstig.“ Sie schwieg einen Augenblick, dann fuhr sie fort: „Auf dieser Welt gibt es zwei Arten von Frauen, Liebes. Diejenigen, die zum Abschied winken, wenn andere ins große Abenteuer aufbrechen, und jene, die aus dem Zugfenster oder vom Deck eines Schiffes zurückwinken.“ Effie reckte das Kinn. „Es wird höchste Zeit, dass Gwen, Poppy und ich zu den letzteren zählen. Auch für uns gilt: Nutze den Tag. Außerdem könnte es unsere letzte Chance sein.“

„Und vielleicht meine einzige.“

„Dann müssen wir wohl das Beste daraus machen.“ Effie grinste. „Und da Mr. Cadwallender dafür bezahlt, sollten wir dafür sorgen, dass er auch etwas für sein Geld bekommt.“

Sidney lachte. Du lieber Himmel! Dank eines pedantischen, arroganten, unverschämten Scheusals von Lord und seinem Neffen fuhr sie nun endlich nach Ägypten. Wegen der ganzen Schwindelei, die damit verbunden war, würde es bestimmt nicht einfach werden, aber sie musste endlich mit der Träumerei aufhören. Jetzt ging es um ihre Zukunft, und in gewisser Weise begannen ihr Leben – und ihre Geschichte – gerade erst.

Und sie konnte es kaum erwarten, die erste Seite aufzuschlagen.

Kapitel 2

„Ich sag dir, diese Mrs. Gordon ist eine Betrügerin.“ Harold Armstrong, der frischgebackene Earl of Brenton, schritt in seinem beeindruckend großen Privatsalon auf und ab. In dem stattlichen Haus in Mayfair, das jetzt ihm gehörte, hatte der Raum seinen Vorgängern als Büro gedient. Harry pflegte gewöhnlich nicht hin und her zu tigern, doch in den vergangenen Monaten hatte sich sein ganzes Leben verändert, und so ging ihm vieles durch den Kopf. Außerdem waren die Ereignisse des heutigen Tages nicht nach seinen Erwartungen verlaufen, was ungewohnte Selbstzweifel in ihm weckte. „Und ich habe vor, sie als die ausgekochte Hochstaplerin bloßzustellen, die sie ist.“

„Nur keine Hemmungen, Harry.“ Benjamin Lord Deane, seit den Tagen in Cambridge Harrys bester Freund, lümmelte in einem der Lehnstühle, die vor dem Kamin standen. „Sag mir, was du wirklich über sie denkst.“

Harry blieb stehen. „Das ist überhaupt nicht witzig, Ben.“

„Im Gegenteil, Harry, alter Junge, das könnte der größte Witz sein, der mir seit langem untergekommen ist.“

„Und was genau findest du daran so komisch?“

„Zunächst einmal die Tatsache, dass du den Witz an der Sache nicht siehst. Du wirkst mittlerweile angespannter als eine Sprungfeder.“

„Unsinn.“

„Aber ich nehme an, wenn man unversehens ein Earl – und damit eine hervorragende Partie – wird, kann es einem schon mal den Humor verschlagen.“

„Quatsch, mir hat es gar nichts verschlagen“, widersprach Harry, aber in letzter Zeit war er wirklich ungewöhnlich ernst. Da er jedoch bis vor kurzem nichts im Leben besonders ernst genommen hatte, wurde es vielleicht auch Zeit. „Tatsächlich finde ich es höchst amüsant, auf welche verdrehte Art und Weise ich zu meinem Titel gekommen bin.“

Es war vollkommen unverhofft geschehen. Harry hatte immer gewusst, dass Sir Arthur Armstrong, der Mann, den er als seinen Vater betrachtete, in Wahrheit der zweite Mann seiner Mutter und ein entfernter Cousin seines leiblichen Vaters gewesen war, der schon vor Harrys Geburt gestorben war. Während seiner Kindheit hatte Harry immer wieder die Geschichte gehört, wie Arthur sich auf den ersten Blick in die hübsche junge Witwe verliebt hatte. Leider waren ihnen nur wenige gemeinsame Jahre vergönnt, bevor sie der Grippe zum Opfer fiel. Harry konnte sich kaum an seine Mutter erinnern, und er hatte seit langem den Verdacht, dass Arthur ihm so viele Geschichten über sie erzählte, damit sie ihm selbst und Harry im Gedächtnis blieb.

Beide Männer wussten, dass gemeinsame Vorfahren sie mit dem zehnten Earl of Brenton verbanden, aber das war für sie kaum von Bedeutung gewesen. Arthur war Historiker, und sein Fachgebiet waren untergegangene Kulturen. Vor allem als Experte für die ägyptische Kultur und ihre Kunstschätze genoss er einen herausragenden Ruf, und er war schon vor Jahren in Anerkennung seiner Verdienste als Gelehrter und Förderer des Britischen Museums und dessen Sammlungen zum Ritter geschlagen worden. Er hatte Harry nicht wie einen zukünftigen Earl erzogen, sondern wie den Sohn eines Mannes, der ständig die Nase in einem Buch hatte und in Gedanken meistens in der fernen Vergangenheit weilte. Und so war es nur dem Schicksal, einem Todesfall und der Tatsache geschuldet, dass der Earl mehr weibliche als männliche Nachkommen hatte, dass Harry ein knappes Jahr zuvor der vierzehnte Earl of Brenton geworden war.

„Und –“ Harry bedachte seinen Freund mit einem frechen Grinsen, das für einen Augenblick an den alten Harry Armstrong gemahnte „– das Geld kann auch nicht schaden.“

„Ja, es ist wirklich von Vorteil“, antwortete Ben lachend. Als jüngster Sohn eines reichen Marquess war Ben nie knapp bei Kasse gewesen, und so hatte er vor zwanzig Jahren auch ihre erste Reise nach Ägypten finanziert.

Arthur verfügte ebenfalls über ein beträchtliches Familienvermögen, doch da ihm Geld nie viel bedeutet hatte, war Harry in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Doch nun hatte er außer seinem Titel auch den dazugehörigen Landsitz und ein großes Londoner Stadthaus geerbt, und nach langen Diskussionen hatte er seinen Vater zum Umzug dorthin überreden können. Denn so sehr Arthur zunächst eine derartige Veränderung in seinem Leben abgelehnt hatte, waren die große Bibliothek und die weitläufigen Räume des Hauses in Mayfair doch zu verlockend gewesen. Arthurs früheres Domizil war vor Büchern, Relikten und seinen über die Jahre zusammengetragenen Sammlungen beinahe aus allen Nähten geplatzt, und außerdem hatte ihn Harry mit dem Argument überzeugt, dass ihm auch noch im Alter von achtunddreißig Jahren die Gesellschaft und das Wissen seines Vaters von Nutzen wären.

„Auch wenn ich sagen muss, dass es ziemlich lästig sein kann, wenn man eine gute Partie ist.“ Harry, der daran gewöhnt war, eher Jäger als Gejagter zu sein, bedachte seinen Freund mit einem vorwurfsvollen Blick. „Du hättest mich auch warnen können.“

„Dann wäre es doch kein solcher Spaß gewesen.“

„Ich hatte ja keine Ahnung, wie hartnäckig Mütter unverheirateter Töchter sein können“, bemerkte Harry schaudernd.

„Das ist erst der Anfang“, antwortete Ben. „Und damit hättest du deine Warnung – beachte sie gut. Als du nur der Sohn eines Gelehrten warst, ließen dich diese furchterregenden Mütter auf ihrer Jagd nach einer guten Partie links liegen. Jetzt, mit deinem Titel und Vermögen, bist du zu einer äußerst begehrten Beute geworden.“

„Ich bin nicht sicher, ob ich eine Beute sein möchte, ob nun äußerst begehrt oder nicht.“

„Das will keiner von uns.“

„Für dich ist es leichter.“ Harry ging zu dem Tischchen mit der Brandy-Karaffe, die Jeffries, der umsichtige Butler, dort platziert hatte. „Denn du hast eine Mutter und Schwestern, die dich durch die Untiefen gesellschaftlicher Frivolitäten lotsen.“ Harry füllte zwei Gläser und reichte eines Ben.

„Man sollte meinen, das mache die Sache leichter.“ Ben prostete seinem Freund zu. „Aber das stimmt nicht.“

Zumindest war Ben besser im Umgang mit aristokratischen Kreisen geübt als Harry. Jedes Mal, wenn die beiden von ihren Aufenthalten in Ägypten nach London zurückkehrten, wurde Ben sofort wieder in den Kreis seiner weitläufigen Familie mit ihren endlosen gesellschaftlichen Verpflichtungen hineingezogen, während Harry die Zeiten zwischen zwei Reisen gewöhnlich in Gesellschaft seines Vaters verbrachte.

„In dieser Hinsicht kannst du dankbar sein“, fuhr Ben fort. „Bei mir sind es nämlich die Frauen in meiner Familie, die mich nicht schnell genug verheiraten können. Zum Glück habe ich noch drei ältere Brüder, darunter den nächsten Marquess, auf die sich in der Vergangenheit alle Verkuppelungsversuche konzentrierten.“ Er trank einen großen Schluck Brandy. „Leider sind meine Brüder mittlerweile allesamt verheiratet, und so bin ich nun nach meiner endgültigen Rückkehr das nächste Opfer.“

Ben brauchte nicht zu erwähnen, warum er auf Dauer nach Hause gekommen war. Unausgesprochen und doch allgegenwärtig hing das Thema in der Luft.

„Du brauchst dir also nur eine passende Frau zu suchen, und schon bist du vom Heiratsmarkt verschwunden“, fügte er hinzu.

Harry ließ sich in den Sessel neben Bens sinken. „Ich kann nicht behaupten, dass ich an einer Heirat interessiert wäre. Jedenfalls zurzeit nicht.“

„Tut mir leid, Harry, aber woran du interessiert bist, spielt keine Rolle.“ Ben schüttelte bedauernd den Kopf. „Eine der wichtigsten Aufgaben eines Titelträgers ist es, zu heiraten und, um den Titel für die Zukunft zu bewahren, einen Erben und als Ersatz am besten noch einen zweiten Sohn zu zeugen.“

„In meinem Fall handelt es sich um einen Titel, den ich nie wollte, mit dem ich nichts verbinde und an dem mir nichts gelegen ist“, entgegnete Harry. „Bis auf das Geld natürlich. Das ist schon ganz nett.“ Er blickte sich in dem eleganten Zimmer um und betrachtete die holzgetäfelten Wände, die bis zur hohen Decke hinaufreichenden Bücherregale und die Portraits ihm unbekannter Vorfahren, die grimmig auf ihn herabstarrten. „Und das Haus auch.“

„Betrachte das Haus als Entschädigung dafür, dass du nun den Titel Lord Brenton am Hals hast.“

„Ja“, antwortete Harry seufzend, „so ist es wohl.“

Er hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, ein Lord zu sein. Als er, Ben und Walter Pickering ihr Studium in Cambridge beendet und sich entschlossen hatten, in der ägyptischen Wüste nach antiken Schätzen zu suchen, waren die drei davon ausgegangen, dass sie als reiche Männer zurückkehren würden. Ihre Freunde zu Hause waren weniger zuversichtlich gewesen, und viele hatten darauf gewettet, dass das Trio ein böses Ende nehmen und man nie wieder etwas von ihnen hören würde. Und es hatte Momente gegeben, wo sich diese Prophezeiung beinahe erfüllt hätte. Womit niemand gerechnet hatte, war, dass Harry und seine Gefährten ihre Leidenschaft und Bewunderung für Ägypten und seine geheimnisumwitterte Vergangenheit entdecken würden. Das, und der Einfluss von Harrys Vater, bewirkte, dass die drei Freunde sich von leicht anrüchigen Schatzjägern zu einigermaßen angesehenen Archäologen entwickelten. Harry konnte sich schon gar nicht mehr entsinnen, wann sie das letzte Mal einen wertvollen Fund unterschlagen und außer Landes geschmuggelt hatten.

Man musste allerdings zugeben, dass unter den Stücken, die sie in den vergangenen Jahren für das Britische Museum erworben hatten, ein oder zwei – oder auch mehrere Dutzend – gewesen waren, die aus fragwürdigen und möglicherweise illegalen Quellen stammten. Das war nicht so aufregend – oder einträglich – wie in ihren jüngeren Jahren, aber alles in allem recht zufriedenstellend.

Doch dann starb Walter an einem Fieber, das man in England leicht in den Griff bekommen hätte, und obwohl die Vernunft Harry sagte, dass niemand dafür verantwortlich war, gab er sich die Schuld daran. Und er wusste, dass auch Ben sich Vorwürfe machte. Vielleicht lag es an Walters Tod oder daran, dass sie einfach zu lange im Land der Pharaonen geblieben waren – jedenfalls hatte ihr Hunger nach Spannung und Abenteuer schließlich nachgelassen. Möglicherweise waren sie ja durch den Tod ihres Freundes einfach erwachsen geworden. Als Harry jedenfalls mehr als ein Jahr nach Walters Tod die Nachricht erhielt, dass er den Titel erben würde, beschloss er, für immer nach England zurückzukehren, zumal auch Ben bereit war, nach Hause zu fahren.

Harry wusste nicht, was er eigentlich erwartet hatte, aber während der ersten Monate in England war er weitgehend damit beschäftigt gewesen, Dokumente zu unterzeichnen, rechtliche Bestimmungen zu erfüllen und sich mit zahlreichen Einzelheiten zu befassen, die seine neue Stellung im Leben betrafen. Um all diese Dinge zu regeln, musste er einen Sekretär einstellen, und außerdem fand er sich unversehens im Besitz eines Landgutes, zu dem auch ein Gutsverwalter und Pächter gehörten. Für einige Monate hatten er und sein Vater in Brenton Hall gelebt, das in wenigen Stunden mit dem Zug von London aus zu erreichen war, während Jeffries damit beschäftigt war, das Haus in London vorzubereiten und Arthurs Besitztümer dorthin bringen zu lassen.

So lange Harry denken konnte, stand Jeffries im Dienst seines Vaters, und er war eher Arthurs bester Freund und Harry ein zweiter Vater als ein Dienstbote. Nun zogen die drei Männer, die schon zuvor einen Junggesellenhaushalt geführt hatten, sowie die wenigen übrigen Bediensteten in den neuen Wohnsitz um. Das Haus in Mayfair war selten genutzt worden, da der frühere Earl etwas einsiedlerisch veranlagt gewesen war und es vorgezogen hatte, auf seinem Landsitz zu wohnen. Nach seinem Tod hatte das Haus dann über ein Jahr leer gestanden, bis die Erbschaftsangelegenheiten geregelt waren und man einen Anwärter auf den Titel ausfindig gemacht hatte. Während dieser Zeit hatten sich die Dienstboten andere Stellen gesucht, und Jeffries konnte nur schwer seine Freude darüber verbergen, dass er damit betraut wurde, das prächtige Haus für den Einzug vorzubereiten und neues Personal einzustellen.

Auf die Hektik der ersten Monate folgte eine Phase der Eintönigkeit, mit der Harry als Mann der Tat nicht gerechnet hatte. Sein Vorgänger hatte tüchtige Leute – Anwälte, Verwalter und weitere Angestellte – in seinen Diensten gehabt, die schon seit Jahren für ihn tätig gewesen waren, und so konnte Harry es einfach dabei belassen. Sein neuer Sekretär kümmerte sich um die Korrespondenz sowie alle geschäftlichen und sozialen Verpflichtungen – seit Harrys Ankunft in London war eine wahre Woge von Einladungen über ihn hereingebrochen – und für Politik interessiert sich Harry nicht. All das brachte ihn auf den Gedanken, dass es vielleicht ein Fehler gewesen sei, dauerhaft nach England zurückzukehren. Das Leben war ziemlich trist, und er fürchtete, dass er selbst auch ein wenig trist geworden war. Doch bei näherer Betrachtung – wozu ihm weiß Gott genügend Zeit blieb – erkannte er, dass sein Herz nicht mehr an dem abenteuerlichen Leben hing, das er früher so geliebt hatte. Das war vorbei, und nun hieß es, nach vorn zu blicken.

Aber warum sollte er seine in langen Jahren gewonnenen Erfahrungen brachliegen lassen? Er war intelligent und begabt. Warum also nicht über die Taten und Abenteuer aus beinahe zwanzig Jahren schreiben und sie so mit der Welt teilen? Wenn H. Rider Haggard – der nicht über annähernd so viel Wissen verfügte wie Harry und seine Freunde – damit Erfolg hatte, sollte das Harry erst recht gelingen. Das Geld hatte er nicht mehr nötig, aber der Ruhm oder besser gesagt die Anerkennung ihrer Leistungen, die Würdigung ihres Lebenswerks auf dem Gebiet der Ägyptologie und das damit verbundene Ansehen hätten ihm schon gefallen. Und war er es nicht zumindest Walter schuldig?

Mit den Worten: „Ich finde, Mrs. Gordons Geschichten sind erstaunlich gut geschrieben“, unterbrach Ben den Gedankenfluss seines Freundes und lenkte ihr Gespräch wieder auf den Gegenstand von Harrys Zorn. „Ich halte die Erzählungen einer Abenteuerin in Ägypten für sehr unterhaltsam.“

„Du hast ja auch keinen Geschmack.“

„Und du bist intolerant.“ Ben nahm die neueste Ausgabe des Daily Messenger von dem Tischchen, das zwischen ihren Sesseln stand. „Die Geschichten der Dame machen wirklich Spaß, Harry. Abenteuer kommen darin vor, dazu eine Prise Romantik und auch ein wenig Geheimnis. Ich lese sie sehr gerne.“

„Sie sind unzutreffend.“

„Natürlich hat sie ein paar unerfreulichere Aspekte des Lebens in Ägypten weggelassen –“

„Ein paar?“, wiederholte Harry höhnisch. „In keiner ihrer Geschichten findest du auch nur den geringsten Hinweis auf Sandflöhe und anderes Ungeziefer.“

„Vielleicht wollen die Leute nichts über Sandflöhe oder irgendwelches Gewürm lesen. Ich möchte es jedenfalls nicht.“

„Details sind wichtig“, widersprach Harry. „Man kann doch nicht einfach etwas weglassen, nur weil es unerfreulich ist.“

Bei näherem Nachdenken musste Harry jedoch zugeben, dass sein Problem womöglich doch in einer allzu großen Detailtreue lag. Er hatte mehrere Geschichten verfasst und ein Buch nahezu vollendet, bevor er sich damit an mehrere Verlage wandte. Doch jedes Mal wurde seine Arbeit abgelehnt, mit zwar höflich formulierten, aber wenig schmeichelhaften Bemerkungen über seine Fähigkeiten, eine Geschichte spannend zu erzählen. Er konnte es einfach nicht verstehen. Und was noch schlimmer war, man teilte ihm mit, dass seine nicht übermäßig interessanten Werke keine Chance hätten, solange Mrs. Gordon Geschichten über Ägypten schrieb, die vom Publikum geliebt wurden. Aber er dachte sich doch nicht einfach etwas aus, sondern verfasste wahre Geschichten. Harry konnte nur vermuten, dass Leute, die niemals aus London herauskamen, eben keinen Sinn für den ungeschminkten Realismus seiner Arbeiten hatten. Dabei übersah er, dass der Großteil seiner Leserschaft aus ebendiesen Leuten bestand. Schließlich bat er seinen Vater – einen überaus belesenen Mann – und Ben, der alle Abenteuer gemeinsam mit Harry bestanden hatte, seine Geschichten zu lesen und zu beurteilen.

Ihre Reaktion war nicht ganz so überschwänglich, wie Harry es sich gewünscht hätte. Sein Vater äußerte sich ausweichend, was die Qualität von Harrys Arbeiten betraf, stellte aber fest, dass er keine Nacht hätte ruhig schlafen können, wenn er gewusst hätte, was sein Sohn alles in Ägypten durchmachen musste. Ben murmelte nur, dass ihm alles irgendwie langweiliger vorkäme, als er es in Erinnerung hatte. Anscheinend konnte Harry Armstrong, dem es nicht an Selbstvertrauen mangelte und dem alles gelungen war, was er jemals angefasst hatte, zwar grammatisch korrekte Sätze zustande bringen, die jedoch völlig uninteressant waren. Daran musste er arbeiten.

„Unabhängig davon, was die Leute wollen oder zu wollen glauben, kann man doch nicht einfach die weniger schönen Einzelheiten weglassen und dann behaupten, man würde alle Ereignisse genau und wahrheitsgetreu beschreiben. Details machen eine Geschichte doch erst lebendig, und an Fakten gibt es nichts zu deuteln“, erklärte Harry ein wenig von oben herab.

Ben lachte.

„Das ist nicht komisch“, bemerkte Harry mit finsterem Blick. „Schließlich will ich damit den Rest meines Lebens verbringen. Ich bin jetzt in einem Alter, wo es mir sinnlos erscheint, meine Zeit und mein Geld zu opfern, um irgendwelchen Vergnügungen hinterherzujagen. Was seltsamerweise auch keinen Reiz mehr für mich hat –“

„Wer hätte das gedacht?“ Ben schüttelte betrübt den Kopf.

„Um gar nichts zu tun, bin ich noch viel zu jung, aber niemand interessiert sich für meine Geschichten, obwohl sie auf der harten Realität beruhen und die ungeschminkte Wahrheit zeigen. Und das alles nur, weil diese Frau –“ er riss Ben die Zeitung aus der Hand und schüttelte sie wütend vor seiner Nase „– die Leser mit ihren seichten Geschichten einlullt, in denen es um schneidige Beduinenfürsten geht, um Banditen, die eher verwegen als mörderisch wirken, und edle Schatzjäger, die nur daran interessiert sind, die großen Werke der Antike ans Licht zu bringen.“

„Das passt doch haargenau auf uns, würde ich sagen“, erwiderte Ben grinsend. „Ich würde allerdings noch gut aussehend und wagemutig hinzufügen.“

„Ihre Geschichten sind Hirngespinste über ein Fantasieland und nicht realer als ein Märchen. In ihnen gibt es jede Menge Gefühle und wenig Fakten.“

„An Gefühlen ist doch nichts auszusetzen; und außerdem weist die Autorin ja darauf hin, dass sie die Tatsachen um der Spannung willen hin und wieder ein wenig verändert hat“, antwortete Ben mit milder Stimme.

„Hin und wieder? Ha!“ Harry funkelte ihn an. „Kamele sind, wie du sehr wohl weißt, keine edlen Geschöpfe, die wie ein Schiff mit vollen Segeln durch die Wüste gleiten, sondern scheußliche, unverschämte und abstoßende Kreaturen, deren einziger Vorzug in ihrer Anpassung an das Wüstenklima liegt. Es ist doch alles ein verdammter Blödsinn. Und die Leute nehmen es für bare Münze.“

„Die Leute sind im Allgemeinen nicht besonders klug.“

„Wusstest du, dass man sie die Königin der Wüste nennt?“

„Ja, ich glaube, du erwähntest es bereits.“ Ben presste die Lippen zusammen, um nicht laut aufzulachen. „Mehr als einmal.“

„Wohl eher die Königin der Täuschung, der zusammengeschusterten Fabeln und des ausgemachten Schwindels.“ Harry warf die Zeitung auf den Tisch und stürzte seinen Brandy hinunter. Aber das half auch nichts.

„Hast du nicht genau das in deinen Briefen an die Times geschrieben?“

„Selbstverständlich. Das musste ich doch. Schließlich sollen die Leute es erfahren, wenn sie zum Narren gehalten werden“, erwiderte Harry störrisch, ohne den winzig kleinen Gewissensbiss zu beachten.

Frauen gegenüber war er immer sehr galant gewesen, und die Frauen mochten ihn. Nun fragte er sich, ob die Beweggründe für seine Briefe an die Times nicht vielleicht in seiner Langeweile und der Unfähigkeit, seine Werke an den Mann zu bringen, wurzelten. Zwar war es keineswegs falsch gewesen, Mrs. Gordons Verdrehung der Tatsachen in ihren Erzählungen anzuprangern oder ihren Ausschluss aus der Altertumsgesellschaft zu fordern, doch damit hatte er die sprichwörtliche Büchse der Pandora geöffnet.

„Außerdem hat Ägypten etwas Besseres verdient“, fuhr er fort. „Das Land ist grandios, wunderbar, zeitlos und gefährlich. Und es fordert Respekt. Doch mittlerweile wird es von Touristen überrannt. Geschichten wie die von Mrs. Gordon, in denen Ägypten wie ein beliebiges Winterreiseziel im Schatten der Pyramiden dargestellt wird, führen nur dazu, dass immer mehr Besucher kommen, die, statt das Land zu erkunden, ihre eigene Lebensart mitbringen. Mit ihrem Blick durch die rosarote Brille und ihrer verfälschten Darstellung trägt diese Frau dazu bei, ein uraltes Land zu ruinieren.“

„Da würde ich dir nicht gänzlich widersprechen.“

„Und was noch schlimmer ist, viele, die diesen Blödsinn glauben, sind auch davon überzeugt, dass antike Schätze zu finden nicht schwerer ist, als ein paar kleine Geschichten zu schreiben. Ohne an die Gefahren zu denken, strömen sie nach Ägypten, um dort unsanft auf dem Boden der Tatsachen zu landen.“

„Haben wir das nicht genauso gemacht?“

„Wir waren jung und dumm, und es war eine andere Zeit. Außerdem haben wir einen hohen Preis dafür bezahlt, dass wir uns von Ägypten verlocken ließen.“

Ben schwieg lange. Schließlich sagte er: „Wie auch immer, du hättest trotzdem ein bisschen zurückhaltender mit deiner Kritik sein können.“

„Ja, da hast du wohl recht“, antwortete Harry seufzend. „Mir ist jetzt klar, dass es klüger und sicher höflicher gewesen wäre, ein etwas weniger hartes Urteil zu fällen.“

„Du hast in ein Wespennest gestochen.“

„Das habe ich gemerkt.“

Sein erster Brief an die Times mochte ja noch vertretbar sein, aber es war offensichtlich keine gute Idee gewesen, die Frau in weiteren Briefen zu attackieren. Ihr immer schärferer Zwist hatte ihn schließlich veranlasst, von ihr zu fordern, sie solle nach Ägypten fahren und beweisen, dass sie wusste, worüber sie schrieb. Da war wohl seine gerechte Empörung mit ihm durchgegangen und hatte über seinen Verstand gesiegt. Aber Besonnenheit und Zurückhaltung waren noch nie Harry Armstrongs starke Seite gewesen, was sich jetzt, da er Lord Brenton war, ändern musste.

„Da ich weiß, wie du zu deinem neuen Titel stehst, hat es mich ziemlich überrascht, dass du die Leserbriefe mit Lord Brenton statt Harry Armstrong unterzeichnet hast“, bemerkte Ben und deutete mit einem Kopfnicken auf die Zeitung.

„Zuerst fand ich es etwas unfair, mich als Earl auszuweisen, um sie einzuschüchtern. Immerhin ist sie eine Frau und noch dazu eine Witwe.“ Doch angesichts ihrer Antworten erschien ihm ein bisschen Einschüchterung als durchaus nützlich. „Aber je mehr ich von ihr las –“ und je öfter Harry Armstrongs Manuskripte abgelehnt wurden „– desto klarer wurde mir, dass es meinen Argumenten mehr Gewicht verleihen würde, wenn ich die Briefe an die Times als Lord Brenton schriebe.“

Ben nahm die Zeitung zur Hand und blätterte, bis er zu der neuesten Folge der Erzählungen einer Abenteuerin in Ägypten kam. „Hast du die Geschichten im Messenger und ihr Buch eigentlich gründlich gelesen, oder hat deine Entrüstung es nicht zugelassen?“

„Gründlich genug.“

„Das bezweifle ich“, sagte Ben halblaut und fügte hinzu: „Ist dir aufgefallen, dass ihre Beschreibung von Ägypten ein wenig, sagen wir mal, überholt ist?“

„Ein wenig?“, schnaubte Harry. „Ihr Geschreibsel könnte selbst aus der Zeit der Pharaonen stammen. Offensichtlich beruhen ihre Erzählungen auf alten, schlecht recherchierten oder fiktiven Berichten. So erwähnt sie nicht einmal die Scharen von Touristen, die dank der Eisenbahn und des Suezkanals in den vergangenen zwanzig Jahren immer mehr zugenommen haben. Oder die staatlichen Bestimmungen, die nur dazu dienen, Ausgrabungen zu erschweren, und viele weitere Einzelheiten. Aber wir haben ja bereits festgestellt, dass sie keinen besonderen Wert auf Genauigkeit legt, und das gilt nicht nur für das Ungeziefer.“

Ben überflog ein paar Abschnitte der Erzählung. „Es kommt mir so vor, als wären das die Erlebnisse von jemandem, der seit langer Zeit, Jahrzehnten vielleicht, nicht mehr in Ägypten war.“ Er grinste. „Ich möchte wetten, du befehdest dich mit einer alten Dame.“

„Bestimmt nicht“, erwiderte Harry abfällig. „Du hast doch ihre Antworten auf meine Briefe gelesen. Sie sind streitlustig, unangenehm dreist und fast schon unverschämt, aber direkt unhöflich sind sie nicht. Sie hat mich auf eine ziemlich geschliffene Art und Weise als arrogant dargestellt.“

„Ja, das ist mir auch aufgefallen.“

„Ich finde es durchaus verständlich, dass eine Frau, die über Abenteuerinnen in Ägypten schreibt – seien die Geschichten nun wahr oder nicht – ihren Standpunkt verteidigt, aber mit ihrer Andeutung, ich würde ihr als Frau den Erfolg neiden, geht sie ein wenig zu weit.“

„Auch das habe ich bemerkt.“

Harry blickte ihn scharf an. „Sie bleibt aber immer höflich.“

„Stimmt. Das muss sehr ärgerlich für dich sein.“

„Du ahnst ja nicht, wie sehr“, erwiderte Harry betrübt. „Aber dass sie eine ältere Frau ist, glaube ich nicht. Diese Briefe klingen einfach nicht nach einer hinfälligen alten Dame. Dafür sind sie zu forsch und selbstbewusst.“

Ben sah ihn verblüfft an. „Aber du kennst doch gar keine alten Damen, oder?“

„Nein, aber –“

„Du hast dir also einen Schlagabtausch mit einer lieben alten Dame geliefert, mein Freund. Und selbst den kannst du nicht gewinnen“, fügte Ben schmunzelnd hinzu.

Harry blickte ihn stirnrunzelnd an. „Bist du da sicher?“

Ben warf einen Blick auf die Zeitung. „Du solltest mal meine Großmutter kennenlernen. Das ist genau die Art von Briefen, die sie auch schreiben, und der gleiche Ton, den sie anschlagen würde. Und das mit dem größten Vergnügen.“

Harry schaute seinen Freund entgeistert an. Dass es sich bei Mrs. Gordon um eine ältere Frau handeln könnte, war ihm noch gar nicht in den Sinn gekommen. Wenn Ben recht hatte … „Verdammt und zugenäht.“

„Ich sage dir, hör sofort mit dem Unsinn auf und lass sie in Ruhe.“ Ben trank einen Schluck. „Vergiss es, Harry. Diesen Krieg kannst du nicht gewinnen.“

Doch Harry musste sich einfach verteidigen. „Ihr fahrlässiger Umgang mit den Fakten macht sie völlig unglaubwürdig. Und ihre Geschichten werfen ein schlechtes Licht auf diejenigen unter uns, die wissen, worüber sie schreiben. In gewisser Hinsicht ist sie meine Konkurrentin. Jedenfalls hat man mir das gesagt. Wenn ich sie in Verruf bringe –“

„Würde sie das ins Licht der Öffentlichkeit zerren. Was sie bisher sorgfältig vermieden hat. Es gibt weder eine Fotografie von ihr, noch tritt sie öffentlich auf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du einer lieben, netten alten Dame so etwas antun willst –“

„Dass sie lieb und nett ist, möchte ich mal bezweifeln“, murmelte Harry.

„Wie auch immer, aber wenn die Leute sie sehen, mit ihrem weißen Haar und dem runzligen Gesicht, auf einen Stock gestützt –“

„Das weißt du doch gar nicht.“

„Nein, aber ich stelle sie mir so vor. Jedenfalls werden alle sofort für sie Partei ergreifen. Eine arme, kleine alte Lady im Kampf gegen den arroganten Earl of Brenton.“ Ben schüttelte mitleidig den Kopf. „Du wirst nicht nur wie ein Dummkopf dastehen, sondern wie ein gemeiner Widerling noch dazu.“

„Das würde ich lieber vermeiden.“ Vielleicht hatte Ben wirklich recht mit seiner Vermutung, was Mrs. Gordons Alter betraf und die Auswirkungen, die es auf Harrys Ruf hätte, wenn er jetzt nicht nachgab. „Ich kann nachvollziehen, was du über das Nachgeben gesagt hast, aber leider …“

Bens Brauen hoben sich. „Leider?“

„Du weißt doch, dass ich sie aufgefordert habe, nach Ägypten zu fahren und einen Beweis für ihr Wissen zu liefern.“

„Großer Gott“, stöhnte Ben. „Sie hat die Herausforderung doch nicht etwa angenommen, oder?“

„Der Daily Messenger hat es an ihrer Stelle getan“, antwortete Harry gequält. „Das hat man mir heute Morgen mitgeteilt. Sie schicken auch einen Reporter mit.“ Anfangs hatte er es für eine gute Idee gehalten, Mrs. Gordon herauszufordern, doch mittlerweile kam es ihm ziemlich dumm vor. „Wir brechen so bald wie möglich nach Ägypten auf.“

„Kannst du dich da irgendwie herauswinden?“

„Nicht, ohne wie ein noch größerer Idiot dazustehen.“

„Du kannst dabei also nur verlieren, nicht?“

„Es sieht so aus.“ Harry überlegte, was ihm sonst übrigbliebe, aber ihm fiel nichts ein. „Sag mal, warum kommst du nicht mit? Ich könnte wirklich einen Freund an meiner Seite gebrauchen, und es wäre wie in alten Zeiten.“

„Kommt gar nicht in Frage“, entgegnete Ben bestimmt. „So gerne ich auch das Debakel miterleben würde. Aber mein Vater will mich in eines unserer Familienunternehmen einführen. Es hat etwas mit Schiffen zu tun, aber genau weiß ich es nicht.“ Er nippte an seinem Drink. „Er und mein Bruder müssen noch entscheiden, wo ich am wenigsten Schaden anrichten kann.“

„Unsinn. Sie wollen bestimmt herausfinden, wo sie dich am sinnvollsten einsetzen können.“

Bens Familie war nie sehr glücklich über die Art und Weise gewesen, wie er sein Leben führte. Durch die Wüste zu wandern und nach antiken Schätzen zu suchen, war nicht das, was sie sich für den jüngsten Sohn eines Marquess vorgestellt hatten, selbst wenn seine Tätigkeit mittlerweile vollkommen legal war. Doch Ben war viel begabter und tüchtiger, als seine Familie dachte, und er hatte Harry mehr als einmal aus der Patsche geholfen.

„Ich habe beschlossen, meinen Titel bei diesem Unternehmen nicht zu benutzen“, sagte Harry. „Und so wurde der Daily Messenger bereits darüber informiert, dass anstelle des Earls ein Stellvertreter Mrs. Gordon nach Ägypten begleiten wird. Ein gewisser Harry Armstrong. Der Neffe des Earls“, setzte er etwas verschämt hinzu.

„Neffe?“ Ben hätte beinahe vor Lachen losgeprustet.

„Es muss doch jemand sein, dem der Earl vertraut.“

„Ja, schon, aber warum verwendest du nicht deinen Titel? Er würde dir viele Türen öffnen.“

„Du hast deinen Titel in Ägypten ja auch selten benutzt.“

„Meiner ist ja auch nur ein Höflichkeitstitel.“

„Ich werde meinen Bericht auch nicht als Lord Brenton verfassen. Es sind die Abenteuer von Harry Armstrong, über die ich schreiben werde. Lord Brenton war niemals in Ägypten.“

„Aber du weißt schon, dass die beiden ein und derselbe sind, oder?“

„Es fühlt sich aber nicht so an. Den Titel zu tragen ist, na ja, irgendwie komisch. Als steckte ich in den schlecht sitzenden Kleidern eines anderen oder gäbe mich als jemand anderer aus. Ich stand eben einfach zufällig auf dem richtigen Platz in der Erbfolge. Ich habe mir den Titel nicht gewünscht, aber ich glaube, ich habe mich damit abgefunden.“ Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: „Außerdem möchte ich unnötiges Aufsehen und, nun ja, einen möglichen Skandal vermeiden.“

„Ach, tatsächlich?“ Ben schnaubte belustigt. „Du hast dich wirklich sehr verändert.“

„Ja, leider, nicht wahr?“ Harry stand auf und holte die Brandy-Karaffe. „Harry Armstrongs Unternehmungen sollen so wenig wie möglich mit dem Earl of Brenton zu tun haben. Schließlich bin ich jetzt das nominelle Oberhaupt der Familie, und das bringt gewisse Verpflichtungen mit sich, wie mir von einem Vertreter besagter Familie dargelegt wurde. Ansonsten wollen sie nicht viel mit mir zu schaffen haben, was mir übrigens sehr recht ist.“

„Das war zu erwarten.“ Ben hielt seinem Freund das leere Glas hin. „Immerhin bist du ein Eindringling, der Anspruch auf das Familienerbe erhebt.“

„Nicht aus freien Stücken“, antwortete Harry und füllte beide Gläser, bevor er sich wieder auf seinem Sessel niederließ. „Es gibt da offenbar eine ganze Reihe unverheirateter weiblicher Verwandter, für die ich, zumindest in dynastischer Hinsicht, verantwortlich bin. Jede Missetat, die ich begangen habe oder noch begehen werde, würde auf sie zurückfallen und ihre Aussicht auf eine gute Heirat mindern. Und das würde man mir dann anlasten.“ Er verzog unwillig das Gesicht. „Ist dir klar, dass ich auf einmal eine große Familie habe?“

„Wie gesagt, das Haus in der Stadt, der Landsitz und natürlich das Vermögen dürften eine angemessene Entschädigung dafür sein.“

„Das wird sich zeigen“, entgegnete er, obwohl es ein prächtiger Landsitz, ein sehr hübsches Haus und ein noch hübscheres Vermögen war. „Es sind eine ganze Reihe von Pflichten damit verbunden, die ich mir nie hätte träumen lassen.“ Mit einem Blick zu Ben fügte er hinzu: „Es ist kein Zwang, aber man erwartet von mir, dass ich einen Sitz im Oberhaus einnehme. Dabei habe ich keine Ahnung von Staatsführung.“

„Darüber würde ich mir keine Gedanken machen“, antwortete Ben lachend. „Denn damit passt du hervorragend zu den übrigen Lords.“

Kein anderer Tag ist so herrlich und aufregend wie der, an dem wir ein Schiff besteigen, das uns nach Ägypten trägt. Wir wenden das Gesicht der aufgehenden Sonne und dem Land der Pharaonen zu, und schon ist unser Herz erfüllt von der berauschenden Vorfreude auf die Zukunft und all die Abenteuer, die sie mit sich bringt.

Erzählungen einer Abenteuerin in Ägypten

Eine Reise mit dem Dampfschiff ist heutzutage die schnellste und bequemste Art, von London nach Alexandria zu reisen. Doch bevor man einen Fuß an Deck setzt, ist es stets angeraten, sich über die Vorgeschichte des Schiffes zu informieren, um unliebsame Überraschungen mit einem unfähigen Kapitän und seiner Mannschaft zu vermeiden.

Meine Abenteuer in Ägypten.

Ein wahrheitsgetreuer Bericht von Harold Armstrong

Kapitel 3

Drei Wochen später

Viel Geld zu besitzen, hatte etwas für sich. Kaum war Harry an den Royal Albert Docks angekommen, wurde sein Gepäck für die zweiwöchige Reise nach Alexandria eilends in seine Erste-Klasse-Kabine gebracht und ausgepackt. Erster Klasse mit der Ancona, einem Dampfer der Peninsular and Oriental Reederei. Harry konnte sich ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen. Er war es nicht gewöhnt, anders als unter den einfachsten Bedingungen zu reisen, aber sich an seinen neu gewonnenen Reichtum zu gewöhnen, würde ihm nicht schwerfallen.

Mit einem Anflug von Ungeduld blickte er sich auf dem betriebsamen Kai um. Vor ein paar Tagen hatte er eine Nachricht von James Cadwallender erhalten, in der ihm der Inhaber des Daily Messenger mitteilte, dass er selbst am Tag der Abreise vor Ort sein würde, um die Reisenden einander vorzustellen und sich von ihnen zu verabschieden. Nach Aussage von Cadwallender würde Mrs. Gordons Gruppe nicht nur aus ihr selbst und einem Reporter, sondern auch einigen ihrer Freundinnen bestehen. Waren noch mehr ältere Damen nicht genau das, was diesem Abenteuer noch fehlte? Bei dem Gedanken daran biss Harry vor Wut die Zähne zusammen. Er hatte zunächst erwogen, bei Cadwallender dagegen zu protestieren, sich dann aber entgegen seiner Gewohnheit zurückgehalten, da er dem Rat seines Vaters und Bens folgen und sich so charmant und liebenswürdig wie möglich geben wollte. Sich sozusagen von seiner besten Seite zeigen.

Ebenfalls dem Rat der beiden Männer und seinem eigenen Gewissen folgend hatte Harry beschlossen, die Angelegenheit mit Mrs. Gordon nicht an die Öffentlichkeit zu tragen, und sie so vor Spott und Anfeindungen zu bewahren. Hatte er dann erst einmal den unwiderlegbaren Beweis ihrer Unkenntnis von allem, was Ägypten betraf, würde er ein ernstes Gespräch mit ihr führen, sie davon überzeugen, dass es falsch war, ihre Leser zu täuschen, und ihr dringend empfehlen, ihren Geschichten fortan den Titel Fabelhafte Erzählungen einer Abenteuerin in Ägypten zu geben. Da er seine eigenen Geschichten, wenn sie denn endlich veröffentlicht wurden, Meine Abenteuer in Ägypten. Ein wahrheitsgetreuer Bericht von Harry Armstrong nennen wollte, bestand nicht länger die Gefahr einer Verwechslung, und damit einer unmittelbaren Konkurrenz. Es war keine perfekte Lösung, und vermutlich würden die Leser weiterhin ihre Geschichten vorziehen, aber er hatte einfach Gewissensbisse, seit Ben die Vermutung angestellt hatte, Mrs. Gordon könnte eine alte Dame sein. Harry hatte daraufhin noch einmal alle ihre Geschichten gelesen und war zu dem Schluss gekommen, dass Ben wahrscheinlich recht hatte. Zwar mochte Ägypten in mancherlei Hinsicht so zeitlos wie der Sand der Wüste sein, doch niemand, der in den letzten zwanzig Jahren dort gewesen war, würde so über das Land schreiben wie sie. Allerdings musste er zugeben, dass die Geschichten, sofern man die blumige Sprache und die vielen Ungenauigkeiten außer Acht ließ, recht unterhaltsam waren.

Er war überzeugt, das Richtige zu tun. Schließlich war sie eine ältliche Witwe, die vermutlich über ein geringes Einkommen verfügte und auf die Einnahmen aus ihren Veröffentlichungen angewiesen war. Gerade weil er im Begriff stand, seinem Leben eine neue Wendung zu geben, konnte er es sich leisten, großzügig zu sein. Mit jedem Jahr, das verging, war Harry mehr darauf bedacht gewesen, das Richtige zu tun, auch wenn es schwerfiel. Es verschaffte ihm eine innere Genugtuung und machte ihn zu einem besseren Menschen. Und das wiederum gefiel ihm ganz gut.

Doch jetzt stellte die Ungeduld seinen Entschluss allmählich auf eine harte Probe, und Harry musste sich beherrschen, um nicht unruhig mit dem Fuß zu tippen. Er wünschte, die anderen würden endlich kommen, damit er die Vorstellungsprozedur hinter sich bringen und sich in seine Erste–Klasse–Kabine zurückziehen konnte. Denn was konnte man schon von einer Gruppe Frauen erwarten? Mit älteren Damen hatte er nicht viel Erfahrung, dafür umso mehr mit jüngeren Vertreterinnen ihres Geschlechts. Unabhängig von ihrer Nationalität waren sie allesamt geschwätzig, neigten zu übertriebenem Gekicher und kamen ständig zu spät. Obwohl sie zugegebenermaßen auch bezaubernd und äußerst amüsant sein konnten. Er seufzte resigniert. Von diesem Abenteuer versprach er sich keinerlei Amüsement.

Wie von Cadwallender gewünscht hatte sich Harry in der Nähe des Landungsstegs der Ancona postiert, und nun blickte er sich prüfend auf dem Kai um, wo die Schiffe mit Vorräten und Waren beladen wurden und es von aufgeregten Passagieren auf ihrem Weg zu unbekannten Zielen nur so wimmelte.

„Mr. Armstrong?“ Ein Mann, nur wenig älter als er selbst, trat lächelnd auf Harry zu, gefolgt von drei älteren Damen und einer unscheinbaren jüngeren Frau, vermutlich einer Enkeltochter, die zum Abschied mitgekommen war.

„Ja?“, fragte Harry mit ebenso freundlichem Lächeln.

Mit den Worten: „Ausgezeichnet. Ich bin James Cadwallender“, streckte der Fremde ihm die Hand entgegen. „Ein schöner Tag, um auf die Reise zu gehen, finden Sie nicht auch?“

„Besser als erwartet“, antwortete Harry. Tatsächlich war es ziemlich kalt, aber der übliche Januarregen hatte eine Pause eingelegt, und eine schwache Sonne drang durch die Wolken. Die Sonne und Wärme Ägyptens waren beides Dinge, die er vermisste. „Ich muss sagen, ich bin sehr erfreut, dass Sie sich die Zeit nehmen, uns zu verabschieden.“

„Oh, das möchte ich auf keinen Fall verpassen.“ Ein mutwilliges Funkeln trat in die Augen des Mannes. „Erlauben Sie mir, Ihnen Ihre Reisegefährtinnen vorzustellen.“ Damit wandte sich Cadwallender an die Damen.

„Nicht nötig, Mr. Cadwallender.“ Harry nahm einen innerlichen Anlauf, setzte sein charmantestes Lächeln auf und trat auf die ihm am nächsten stehende Frau zu, die auch die kleinste der drei älteren Damen war. Dieses nahezu weiße Haar, das unter einem mit albernen Federn verzierten Hut hervorsah, und der pelzbesetzte Umhang – genau so hatte er sich Mrs. Gordon vorgestellt. Er ergriff ihre Hand, machte eine leichte Verbeugung und sagte: „Ich hätte Sie überall erkannt, Mrs. Gordon.“

„Ach ja?“ Ihre blauen Augen blickten belustigt. „Wie überaus scharfsinnig von Ihnen.“ Sie neigte sich näher zu ihm und fügte leise hinzu: „Und völlig daneben.“

„Verzeihen Sie.“ Er ließ ihre Hand los und trat zurück.

Verdammt. Sie stand direkt neben Cadwallender, und daher war er davon ausgegangen, dass –

Sie würden wir aber wirklich überall erkennen.“ Die nächste ältere Dame, mit ergrauendem dunklem Haar, einem ebenso lächerlichen Hut wie die erste und dem einschüchternden Gehabe eines Drachen, der im Begriff war, Feuer zu spucken, beäugte ihn mit offenkundigem Missfallen. „Schon alleine an dem arroganten Auftreten und der Ungeduld, die Sie an sich haben. Ganz genau wie Ihr Onkel.“

„Ich arbeite daran“, erwiderte Harry und zwang sich weiterzulächeln. „Dann müssen Sie Mrs. Gordon sein.“

Sie schnaubte. „Wieder falsch, Mr. Armstrong. Aber Sie und Ihr Onkel werden wohl daran gewöhnt sein, falschzuliegen.“

Er zog die Brauen zusammen. „Also hören Sie mal, ich –“

„Mr. Cadwallender“, sagte die dritte ältere Dame, die nun wirklich Mrs. Gordon sein musste, in energischem Ton. „Wollen Sie den armen Mann nun aufklären, oder amüsiert Sie das Ganze zu sehr?“

Cadwallender lachte in sich hinein. „Es macht mir wirklich Spaß.“ Er wandte sich an Harry: „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, aber es war einfach zu lustig, mitanzusehen, wie jemand anderer von diesen dreien in die Mangel genommen wird. Erlauben Sie mir, Ihnen Lady Blodgett vorzustellen.“

„Sie sind ein Schlingel, Mr. Cadwallender. Zum Glück sind Sie schlauer, als Sie aussehen“, sagte Lady Blodgett und streckte Harry die Hand hin. „Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Mr. Armstrong.“

Mit einem Kopfnicken schüttelte er ihr die Hand. „Lady Blodgett.“

„Das ist Mrs. Higginbotham“, sagte Cadwallender.

„Mr. Armstrong.“ Der Drache nickte, ohne die Hand aus dem Pelzmuff zu nehmen.

Cadwallender stellte die letzte der älteren Damen vor: „Und Mrs. Fitzhew-Wellmore.“

„Mr. Armstrong.“ Mrs. Fitzhew-Wellmore blickte ihn strahlend an. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh wir sind, dass wir Sie und unsere liebe Miss – Mrs. Gordon auf dieser abenteuerlichen Reise begleiten dürfen.“

Harry blickte sie verwirrt an.

„Und das hier“, sagte Cadwallender und deutete auf die jüngere Frau, „ist Mrs. Gordon.“

Ben hatte sich geirrt.

Die echte Mrs. Gordon betrachtete ihn mit schlecht verhohlener Belustigung. „Guten Tag, Mr. Armstrong.“

„Sie sind ja gar nicht alt“, erwiderte er ohne zu überlegen. Sie konnte kaum älter als dreißig sein.

„Noch nicht.“ Lächelnd reichte sie ihm die Hand. „Tut mir leid, wenn ich Sie enttäuscht habe.“

„Aber ganz und gar nicht“, murmelte er, nahm ihre Hand und blickte dabei in die schönsten Augen, die er je gesehen hatte. Sie waren von einem hellen, klaren Blau wie der Himmel über der Wüste. Mrs. Gordon war um einiges kleiner als er, was jedoch für die meisten Leute galt. Hellblonde Strähnchen, die sich unter ihrem modischen Hut hervorgestohlen hatten, umspielten ein herzförmiges Gesicht mit von der Kälte geröteten Wangen und einladenden roten Lippen. Wie hatte er sie nur für unscheinbar halten können? „Ich bin sehr erfreut, Sie endlich persönlich kennenzulernen.“

„Aha, erfreut. Ist das wirklich so, Mr. Armstrong?“ Sie entzog ihm ihre Hand. „Ich muss sagen, das überrascht mich. Ich hätte nie gedacht, dass Sie sich freuen würden, die Bekanntschaft von jemandem zu machen, der, lassen Sie mich überlegen … Wie hat Ihr Onkel es ausgedrückt?“

„Er sagte, deine Ungenauigkeit sei atemberaubend und du wärst so sehr an Wahrheit und Fakten interessiert wie ein Fisch an einer Kutsche“, soufflierte der Drachen mit geradezu mörderischem Blick.

„Und deinen Stil nannte er verschnörkelt, schwerfällig und so süßlich, dass jeder vernünftige Mensch daran ersticken müsse.“ Tadelnd schüttelte Mrs. Fitzhew-Wellmore den Kopf. „Ihr Onkel sollte sich schämen, Mr. Armstrong.“

Harry schluckte schwer. Es war eine Sache, in einem Leserbrief an die Times ein literarisches Werk zu kritisieren, aber etwas ganz anderes, der Autorin dieses Werks und einer Schar angejahrter Xanthippen gegenüberzustehen. „Ja, also, etwas in der Art könnte er geschrieben haben.“

„Er hat genau diese Worte benutzt“, widersprach Lady Blodgett. „Sie waren übermäßig harsch und verletzend, und ich finde, dafür wäre eine Entschuldigung angebracht.“

„Gewiss.“ Harry nickte. „Und ich möchte …“ Was tat er denn da? Verdammt nochmal. Kaum drei Minuten waren vergangen, und schon hatten ihn diese Frauen völlig aus der Fassung gebracht. Er holte tief Luft, um sich zu beruhigen. „Sie haben recht, Lady Blodgett, und ich möchte mich für meinen Onkel entschuldigen, falls seine Ausdrucksweise nicht sonderlich taktvoll war.“ Er wandte sich an Mrs. Gordon und blickte sie direkt an. „Was nicht heißt, dass sein Urteil über Ihr Werk unzutreffend wäre.“

„Sie sind also seiner Meinung?“

Er nickte. „Ja.“

„Haben Sie meine Erzählungen denn gelesen?“

„Ja.“

Ihre Augen wurden schmal. „Er hat gesagt, man dürfte mir nie mehr einen Stift in die Hand geben. Sehen Sie das auch so?“

„Sie haben ihn einen eingebildeten alten Esel genannt, Mrs. Gordon“, entgegnete er in scharfem Ton.

„Bitte mäßigen Sie Ihre Ausdrucksweise, Mr. Armstrong“, murmelte Lady Blodgett.

„In der Times?“, fragte der Drache entsetzt. „Sie würde nie jemanden einen alten Esel nennen –“

„Effie!“, warf Lady Blodgett warnend ein.

„– zumindest nicht in der Times. Im Gegensatz zum Daily Messenger würde die Times so etwas auch niemals drucken, egal wie zutreffend es auch sein mag.“ Mit einem Blick zu Lady Blodgett fügte sie hinzu: „Manchmal muss man einfach sagen, wie es ist, Gwen.“

„Sie irren sich, Mr. Armstrong. Ich glaube, Mrs. Gordon nannte Ihren Onkel einen hochnäsigen, verbiesterten Dussel“, bemerkte Mrs. Fitzhew-Wellmore liebenswürdig. „Aber wenn Ihnen eine andere Bezeichnung lieber ist, nur zu. Sie kennen sich da bestimmt besser aus als wir.“

„Lady Blodgett hat recht. Eine Entschuldigung ist annehmbar, und ich bin gerne dazu bereit.“ Mrs. Gordon lächelte, doch ihre Augen blitzten. „Es tut mir furchtbar leid, wenn ich die Gefühle aller Dussel dieser Welt verletzt habe, indem ich Ihren Onkel und Sie dazurechnete.“

„Na, hören Sie mal –“, begann Harry.

„Guten Tag, Mr. Cadwallender.“ Ein Mann, beinahe so groß wie Harry und mehrere Jahre jünger, trat auf ihre Gruppe zu. „Ich hoffe, ich bin nicht zu spät, Sir.“

„Keineswegs, Corbin.“ Cadwallender hatte offensichtlich Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken. „Mr. Armstrong und die Damen haben sich gerade bekanntgemacht. Meine Damen, das ist einer meiner besten Reporter, Mr. Daniel Corbin. Er wird mit dabei sein, um Mrs. Gordons Triumph zu bezeugen.“

„Oder ihre Niederlage“, bemerkte Harry halblaut.

„Und er wird mir von unterwegs Depeschen schicken und über Mrs. Gordons neue Abenteuer in Ägypten berichten.“ Der Herausgeber überlegte kurz. „Das wäre ein griffiger Titel. Ich muss ihn mir merken.“ An die Damen gewandt fuhr er fort: „Corbin, erlauben Sie mir, Ihnen Lady Blodgett vorzustellen.“

„Lady Blodgett.“ Corbin nahm ihre Hand und hob sie an seine Lippen. „Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, Sie kennenzulernen. Ich war ein großer Bewunderer Ihres Gatten.“

„Lady Blodgetts verstorbener Ehemann, Sir Charles Blodgett, war ein renommierter Forscher“, erklärte Cadwallender an Harry gewandt.

„Gewiss“, murmelte Harry.

Lady Blodgett neigte leicht den Kopf, bevor sie den Reporter in Augenschein nahm. „Das ist überaus freundlich von Ihnen, Mr. Corbin.“

„Und dies ist Mrs. Fitzhew-Wellmore“, sagte Cadwallender, worauf Corbin sich zu ihr umdrehte und ihre Hand ergriff. „Mr. Cadwallender hat mir gar nicht erzählt, dass ich in solch illustrer Gesellschaft reisen werde. Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Mrs. Fitzhew-Wellmore. Ihr Gatte genoss einen herausragenden Ruf unter seinen Forscherkollegen.“

Beinahe hätte Harry abfällig geschnaubt. Er hätte eine beträchtliche Summe darauf gewettet, dass Corbin genau gewusst hatte, wer in Mrs. Gordons Gruppe mitreisen würde, und sich vorweg über jeden einzelnen von ihnen informiert hatte.

„Vielen Dank, Mr. Corbin“, antwortete Mrs. Fitzhew-Wellmore erfreut. „Es würde Malcolm sehr freuen, zu wissen, dass er nicht vergessen ist.“

„Das wird wohl niemals geschehen“, erwiderte Corbin mit fester Stimme.

Mit den Worten: „Und Mrs. Higginbotham“, deutete Cadwallender auf den Drachen.

„Zweifellos wissen Sie auch über meinen Mann etwas Nettes zu sagen.“ Der Drache beäugte den Reporter misstrauisch, reichte ihm aber trotzdem die Hand.

„Mrs. Higginbotham.“ Während er ihre Hand in seiner hielt, blickte Corbin ihr tief in die Augen. „Mein Lieblingsonkel hat mit Ihrem Gatten im Krimkrieg gedient. Er sagte oft, dass es keinen besseren Offizier gab als Colonel Higginbotham, und dass er ihm sein Leben verdankt. Erlauben Sie mir, Ihnen im Namen meiner gesamten Familie meinen Dank auszusprechen.“

„Oh.“ Der Drache wirkte ein wenig verdutzt, was Harry nie für möglich gehalten hätte. Dann lächelte die Lady kurz, und er sah, dass sie in ihrer Jugend sehr hübsch gewesen sein musste. „Ich hatte recht. Das war wirklich sehr nett, Mr. Corbin.“

Corbin lachte und wandte sich der jüngsten Dame zu. „Dann müssen Sie Mrs. Gordon sein.“

„Es sieht so aus.“ Mrs. Gordon reichte ihm die Hand.

„Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, Sie endlich kennenzulernen. Ich bin ein eifriger Leser Ihrer Erzählungen.“ Mit ebenso einstudierter wie übertriebener Galanterie hob er ihre Hand an seine Lippen, während er ihr unverwandt in die Augen schaute. „Aber ich hatte ja keine Ahnung, dass die Verfasserin solch aufregender Geschichten so wunderschön ist.“

„Was haben Sie denn erwartet, Mr. Corbin?“ Mrs. Gordon lächelte, ziemlich kokett, wie Harry fand.

„Ich weiß nicht genau.“ Corbin hatte seinen Blick noch immer nicht von ihren Augen gelöst. Hatte dieser Mensch denn überhaupt keinen Sinn für Diskretion? „Aber auf jeden Fall niemanden, der ebenso schön wie begabt ist. Darf ich bemerken, wie sehr ich Ihr Werk bewundere? Ich finde Ihre Geschichten faszinierend und unglaublich fesselnd. Sie, Mrs. Gordon, besitzen das seltene Talent, Ihre Leser auf eine spannende Abenteuerreise mitzunehmen.“

Harry schnaubte abfällig.

„Bedauerlicherweise ist nicht jeder Ihrer Meinung, Mr. Corbin“, antwortete Mrs. Gordon mit einem Kopfnicken in Harrys Richtung.

„Ah ja.“ Widerstrebend ließ Corbin Mrs. Gordons Hand los und richtete seine Aufmerksamkeit auf Harry. „Mr. Armstrong, nehme ich an?“

„Mr. Corbin.“ Mit einem Kopfnicken erwiderte Harry den Handschlag des Mannes, der noch fester war als der seines Arbeitgebers. Es war fast, als wolle er damit etwas ausdrücken, worauf Harry seinerseits den Druck seiner Hand verstärkte. Dieses Spiel konnten auch zwei spielen, dachte er.

Als Corbin endlich seine Hand losließ, musste Harry sich zwingen, seine Finger nicht zu lockern. „Sie genießen selbst einen gewissen Ruf unter Archäologen und Ägyptologen, Mr. Armstrong.“

Die Damen waren offensichtlich nicht die einzigen, über die Corbin Erkundigungen eingeholt hatte. Doch anscheinend war er dabei nicht allzu gründlich vorgegangen, denn er machte keine Bemerkung zu Harrys neuem Titel. Was nur gut war. „Ich habe einige Jahre in Ägypten verbracht“, antwortete Harry.

„Mr. Armstrong betrachtet sich selbst als einen ausgewiesenen Experten für alles, was mit Ägypten zu tun hat“, fügte Mrs. Gordon kühl hinzu.

Harry musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. „Ebenso wie Sie.“

Worauf Mrs. Gordon nur lässig mit den Schultern zuckte, als ob ihre Kenntnisse hier gar nicht zur Debatte stünden. Stattdessen sagte sie zu Cadwallender: „Es war äußerst zuvorkommend von Ihnen, uns zu verabschieden, Mr. Cadwallender, und wir sind Ihnen dafür sehr verbunden.“

„Ich wünsche Ihnen eine gute Überfahrt und eine erfolgreiche Reise.“ Lächelnd ergriff er ihre Hand. „Ich habe vollstes Vertrauen zu Ihnen, Mrs. Gordon.“

„Danke, Mr. Cadwallender.“ Nach einem raschen Blick zu Harry erwiderte sie das Lächeln des Herausgebers. „Ich bin sicher, Sie werden nicht enttäuscht sein.“ Dann trat sie einen Schritt zurück und fragte die anderen Frauen: „Sollen wir an Bord gehen, meine Damen?“

„Sehen wir uns heute Abend beim Dinner?“, fragte Corbin in einem unangenehm aufdringlichen Ton.

„Ich glaube nicht. Die erste Nacht auf einem Schiff verbringe ich gerne in meiner Kabine. Aber morgen sehen wir uns bestimmt.“ Sie schenkte dem Reporter ein strahlendes Lächeln und nickte dem Herausgeber zu. „Leben Sie wohl, Mr. Cadwallender.“

Der tippte an seinen Hut. „Bon voyage, Mrs. Gordon.“

Mit einem knappen „Mr. Armstrong“ drehte sie sich um und begab sich an Bord, worauf die anderen Damen sich ebenfalls von Cadwallender verabschiedeten und Mrs. Gordon ganz aufgeregt die Gangway hinauf folgten.

„Gut gemacht, Sidney“, hörte Harry noch Lady Blodgetts Stimme. Ihm war aufgefallen, dass alle drei älteren Damen, sei es nun aufgrund ihres Alters oder absichtlich, ein wenig lauter als nötig sprachen.

Mrs. Gordon hob das Kinn ein klein wenig an, und wenn er gedacht hatte, dass sie sich unmöglich noch gerader halten könne, so hatte er sich geirrt.

Cadwallender murmelte schmunzelnd: „Das könnte eine interessante Reise werden. Ich bedaure fast, dass ich nicht mitkommen kann.“ An Harry gewandt fügte er hinzu: „Bon voyage, Mr. Armstrong. Ich bin sicher, dass Mrs. Gordon die Anschuldigungen Seiner Lordschaft ein für alle Mal widerlegen wird. Ich würde Ihnen ja viel Glück wünschen, aber Sie werden sicher verstehen, warum ich es unterlasse.“ Er blickte den Damen nach, die soeben das Deck des Schiffes betraten. „Obwohl ich vermute, Sie könnten es nötig haben. Corbin, noch ein Wort, bevor Sie an Bord gehen.“ Damit drehte er sich um und ging ein Stück beiseite.

„Ja, Sir.“ Bewundernd blickte Corbin auf das Schiff. „Ein echtes Prachtexemplar und mit das Beste, was England zu bieten hat.“

Harry mochte ihm nicht uneingeschränkt zustimmen, sagte aber: „Einigermaßen seetüchtig scheint es ja zu sein.“

Corbin richtete seinen Blick auf Harry. „Das Schiff habe ich nicht gemeint“, entgegnete er mit selbstbewusstem Grinsen und folgte eilig seinem Arbeitgeber.

Der Reporter flirtete offensichtlich nur allzu gerne. Wahrscheinlich gehörte er zu den Männern, die sich nicht vorstellen konnten, dass eine Frau nicht verrückt danach wäre, in seinen Armen oder seinem Bett zu liegen. Für einen eingebildeten, selbstbezogenen, charmanten Mann wie Corbin waren Eroberung und Verführung eine Selbstverständlichkeit. Harry kannte diese Art von Mann nur zu gut, denn für den größten Teil seines Lebens war er selbst so gewesen. Vielleicht war er es immer noch, doch seit seiner Rückkehr nach England hatte er einfach weniger Gelegenheit gehabt, Gespielinnen kennenzulernen, die nicht auf eine Heirat aus waren.

Sein Blick wanderte zu Mrs. Gordon hinüber, die soeben an Deck vom Kapitän begrüßt wurde. Natürlich dachte er nicht an Verführung, doch seine Absichten hatten sich in den letzten paar Minuten eindeutig geändert. Jetzt, da er wusste, dass sie keine liebe, zerbrechliche alte Dame war, hatte er auch keinen Grund mehr, sie zu schonen. Sie war eine Frau, bereit zum Kampf, einem Kampf, der schon in vollem Gange war, seit er den ersten Brief an die Times geschickt und damit ihre Antwort provoziert hatte. Er hatte sich zu einem veritablen Krieg ausgewachsen, der in den Straßen Kairos und dem Sand im Tal der Könige ausgetragen würde. Und mochte ihr auch eine kleine Armee älterer Damen zur Seite stehen, er würde ihr den Sieg nicht überlassen.

Dabei ging es nicht nur um die Zukunft seiner Schriftstellerei, die Anerkennung seiner Leistungen in Ägypten oder sogar Walters Vermächtnis. Die Wahrheit selbst war in Gefahr. Nie würde er zulassen, dass eine Verfasserin banaler Geschichten der Wahrheit Schaden zufügte. Und mochte sie auch noch so schöne Augen haben.