Prolog
Der Mann und der Junge starren fassungslos auf den Bildschirm.
„Das gibt’s doch nicht …“, flüstert der Mann. Seine Worte gehen im Lärm des Bootes unter.
„Dad, was ist los?“, fragt der Junge und zupft am Ärmel seines Vaters. „Dad!“
Aber sein Vater ist gerade damit beschäftigt, den Motor zu drosseln. Er wendet und versucht, die Stelle wiederzufinden, an der er es gesehen hat. Es wird langsam dunkel. Sie sollten längst zu Hause sein. Seine Frau wird sich Sorgen machen. Sie hasst es, wenn er so spät noch auf dem Wasser ist. Es sei gefährlich, sagt sie. Außerdem kann sie sein neues Hobby nicht ausstehen: tiefe Seen, Kanäle und Lochs mit Hightech-Kameras abzusuchen. Er hatte das in einer Fernsehserie gesehen und war sofort fasziniert. Innerhalb einer Woche hatte er das Boot mit der teuren Ausrüstung ausgestattet. Zu seiner Enttäuschung zeigt sein Sohn bisher kaum Interesse an diesem „Kamera-Durchkämmen“ der Tiefen, wie er es nennt. Doch jetzt wirkt er aufmerksam. Etwas an der Art, wie sein Vater sich verhält, hat ihn neugierig gemacht.
„Warte kurz, mein Junge, ich versuche nur …“
Er findet es nicht. Ausgerechnet jetzt, wo er endlich etwas wirklich Interessantes entdeckt hat. Und dann verliert er es gleich wieder. Immer wieder fährt er denselben Abschnitt des Lochs ab, bis sein Sohn schließlich gelangweilt ist. „Ich habe Hunger. Lass uns nach Hause fahren“, sagt er zu seinem Vater. „Vielleicht war da gar nichts.“
„Da war etwas“, sagt sein Vater. „Ich glaube, es war …“ Er hält inne, unsicher, ob er seinem Sohn verraten soll, was er gesehen hat. Er ist erst elf. Und was sein Vater gesehen zu haben glaubt, ist alles andere als schön. Überhaupt nicht schön. Nichts, was er einem Kind zumuten möchte.
Trotzdem kann er nicht ans Ufer zurück, ohne sich selbst zu beweisen, dass er nicht verrückt ist. Er stoppt das Boot, greift zum iPad, sucht die Aufnahmen von diesem Nachmittag und scrollt sie durch.
„Ich hab gesagt, ich hab Hunger“, sagt sein Sohn.
„Einen Moment“, antwortet sein Vater. „Ich wollte nur überprüfen, ob …“ Er bricht ab. Den Satz zu beenden, ist ihm unmöglich. Nicht jetzt, wo er sich selbst bewiesen hat, dass er wirklich nicht verrückt ist. Die Kamera hat es aufgezeichnet. Und es ist schrecklicher, als er es von seinem flüchtigen Blick zuvor in Erinnerung hatte.
„Was schaust du dir da an?“
Er blickt vom iPad auf, blinzelt und überlegt, was er sagen soll.
„Hast du es gefunden?“, fragt sein Sohn. „Das Ding, das du gesehen hast?“
„Ja“, antwortet er. „Wir müssen los. Ich muss die Polizei anrufen.“
Beim Wort Polizei leuchten die Augen des Jungen vor Aufregung. „Warum?“
„Weil“, sagt er langsam, „ich etwas gefunden habe.“
Die Augen des Jungen werden immer größer. „Etwas Gutes?“
„Nein, nichts Gutes, mein Junge“, sagt er und holt sein Handy heraus. „Etwas sehr, sehr Schlimmes.“
Er hält sich das Telefon ans Ohr und kämpft gegen die Bilder an, die er gerade auf dem iPad gesehen hat. Das Bild von einem eingewickelten Paket, das an einem Ende aufgerissen ist. Der Kopf einer Frau. Wie aus einem Horrorfilm.
„Hallo, Polizei bitte. Ich bin auf dem Lemire Loch, Inverness. Ich glaube, ich habe eine Leiche gefunden.“
Eins
Der Besucher
Heiligabend 2025
Der Sturm ist schlimmer, als er es sich je hätte vorstellen können. Aber trotz Wind und Schnee geht er einfach weiter, angetrieben von dem Drang, endlich Lemire Castle zu erreichen. Gelegentlich sucht er unter einem Baum oder an einer Bushaltestelle Schutz, aber die Kälte zwingt ihn, in Bewegung zu bleiben. Schließlich kommt er an. An einem Ort, an dem er noch nie gewesen ist, der ihm aber seit Monaten im Kopf herumspukt. Ein Ziel. Ein Leuchtfeuer, das ihm die Richtung weist. Er hatte Fotos im Internet gesehen, aber nichts davon kommt dem Anblick nahe, der sich ihm nun bietet: ein Schloss wie aus einem Bilderbuch oder einem Fantasyfilm, mit schneebestäubten, kegelförmigen Türmen und wuchtigen grauen Mauern.
Er hat kein Glück mit der Türklingel. Entweder funktioniert sie nicht, oder niemand hört sie. Also geht er um die Ecke des Schlosses und nähert sich einer Stelle, wo Licht auf den frischen, unberührten Schnee neben dem prächtigen Gebäude fällt.
Da sieht er sie.
Alle versammelt vor einem prasselnden Kaminfeuer und einem riesigen Weihnachtsbaum, der mit Kugeln geschmückt ist und unter dem Geschenke liegen.
Auf dem Couchtisch steht ein Teller mit Mince Pies, einer davon halb aufgegessen.
Ein Familienweihnachten. Etwas, das er nie richtig erlebt hat.
Es ist Zeit, denkt er. Es ist Zeit.
Er hämmert gegen das Fenster.
Sieht, wie sie alle aufschrecken und sich umsehen. Die ältere Dame, die gerade den Raum durchquert, bleibt stehen und starrt ihn sichtlich erschrocken an. Der Teenager am Fenster springt auf, als befürchtete er, der Besucher könnte eine Waffe ziehen und sich den Weg durch die Scheibe freischießen. Einer der Männer erhebt sich ebenfalls und kommt zu den Terrassentüren.
Er erkennt ihn sofort: George Weyman, der Politiker. Blond, attraktiv, gefeiertes Mitglied des Parlaments, stets selbstsicher und charmant. Nun, im Moment sieht er nicht so selbstsicher aus, denkt er, während George an der Verriegelung hantiert und die Tür öffnet. Die Vorhänge bauschen sich auf, als die kalte Luft in den Raum strömt.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragt George, dessen Stimme vom tosenden Wind fast übertönt wird.
„Ich bin … Ich bin hierhergekommen, weil …“
„Was?“, ruft George, lehnt sich hinaus und kneift die Augen gegen den Wind zusammen.
„Ich bin hier, um … Entschuldigung, darf ich reinkommen?“
George mustert ihn, als wäre er verrückt.
Er zieht die Kapuze zurück, in der Hoffnung, dadurch weniger bedrohlich zu wirken. Schon oft in seinem Leben war er froh über sein jugendliches Aussehen. Die Menschen reagieren anders auf jemanden, der gut aussieht. Die Weyman-Brüder haben wahrscheinlich davon profitiert, ohne es zu merken. Aber er war sich dessen immer bewusst. Er sieht, wie Georges Blick weicher wird, obwohl dieser immer noch verwirrt und misstrauisch wirkt.
„Wer sind Sie?“, fragt George laut.
Er wischt sich etwas Eis aus dem Gesicht. „Ich heiße Tommy. Ich muss mit Ihnen sprechen. Ich bin im nächstgelegenen Dorf untergekommen und von dort losgelaufen, bevor der Sturm noch schlimmer wurde. Es wurde spät, und ich hätte umkehren können. Doch ich wusste nicht, ob ich es noch schaffen würde. Der Schnee ist unglaublich. Ich habe Stunden gebraucht. Es tut mir leid, ich weiß, das klingt seltsam, aber kann ich reinkommen und es Ihnen erklären?“
George zögert und wirft einen Blick zurück zu seiner Familie. Tommy hört undeutlich, wie eine Frau fragt: „Wer ist da?“, doch George antwortet nicht. Stattdessen wendet er sich wieder Tommy zu. „Okay, kommen Sie rein.“
Tommy lächelt dankbar und betritt den Raum. George schließt die Tür und plötzlich kehrt Ruhe ein. Dieses Gefühl von Stille und Frieden hatte er nach den vielen Stunden draußen schon lange nicht mehr empfunden. Kurz fragt er sich, ob mit seinem Gehör etwas nicht stimmt. Doch dann hört er das Knistern des Feuers und das Rascheln von Füßen auf dem Teppich, als sich die Leute auf den Sofas vor ihm regen. Der Junge steht immer noch, jetzt allerdings auf der anderen Seite des Raumes, und noch einer der Männer hat sich erhoben: Ken Weyman, der Actionstar, stellt sich schützend neben den Jungen. Wie eigenartig, denkt Tommy, ihn in dieser gemütlichen, weihnachtlichen Atmosphäre am Kamin zu sehen.
„Fahren Sie fort“, sagt George energisch. „Wie können wir Ihnen helfen?“
Tommy holt tief Luft. „Darf ich mich setzen? Ich habe einen weiten Weg hinter mir und das hier fällt mir nicht leicht. Und möglicherweise wird es für Sie ebenfalls nicht einfach sein. Es ist nur …“ Er reibt sich die Schläfen.
„Nein, sagen Sie uns zuerst, wer Sie sind und was Sie wollen“, sagt George. „Sofort“, fügt er hinzu, als Tommy nicht gleich antwortet.
Sein barscher Tonfall bringt ihm ein missbilligendes Schnalzen der alten Dame ein. „George, lass den armen Jungen sich setzen und aufwärmen. Er sieht halb erfroren aus.“
George wirkt immer noch skeptisch. „Ich möchte, dass er sich erklärt.“
Sie ignoriert ihn, geht an ihm vorbei, legt Tommy die Hand auf die Schulter und führt ihn zu dem Sessel, auf dem der Junge zuvor gesessen hat. „Wenn Sie so weit sind, erzählen Sie uns, weshalb Sie hier sind.“
Tommy sammelt seine Gedanken. Unsicher, auf welches Familienmitglied er sich konzentrieren soll, richtet er seinen Blick auf das Feuer. „Das klingt jetzt vielleicht verrückt und es wird Sie vielleicht etwas schockieren … aber, nun ja … ich bin ein Mitglied dieser Familie. Eurer Familie.“
Alle starren ihn an.
Schließlich lehnt sich die jüngere Frau zu seiner Linken auf dem Sofa vor. „Ich verstehe nicht. Wie soll das möglich sein? Ich kenne Sie nicht. Kennen meine Söhne Sie?“
Er beißt sich auf die Lippe und sieht die drei Männer im Raum nacheinander an. Dann blickt er wieder zu der Frau. „Ich bin dein Enkel.“ Er hält inne und schluckt unbehaglich. „Einer deiner Söhne ist mein Vater.“
Er hört, wie sie scharf Luft holt. „Aber welcher?“ Sie dreht sich um und sieht ihre Kinder an. Der Älteste, der Filmstar, steht mit dem Jungen neben dem Bücherregal. Der mittlere Sohn, der Abgeordnete, nimmt eine gebieterische Haltung neben seiner Großmutter ein. Und der jüngste Sohn, der bekannte Allgemeinmediziner, sitzt neben seiner Mutter, die Augen gerötet und weit aufgerissen.
„Das ist es ja gerade“, sagt Tommy. „Ich weiß nicht, wer von ihnen mein Vater ist. Und genau das möchte ich hier herausfinden.“
Zwei
George
Zwei Wochen zuvor, 9. Dezember 2025
George sitzt in dem eleganten, in Silbertönen gehaltenen Büro und beobachtet die Frau vor sich, die gerade die Vertragsbedingungen liest, die ihr ausgehändigt wurden. Ihm ist ein wenig schwindelig. Er hätte heute Morgen das Frühstück nicht auslassen sollen. Aber als er nach unten kam, wollte Delia wissen, welche Pläne er für den Tag habe. Er brachte es einfach nicht übers Herz, sich an den Tisch zu setzen und zu lügen. Er hätte ihr eine Reihe von Dingen erzählen können, die er tatsächlich vorhatte. Dinge, die vollkommen der Wahrheit entsprochen hätten: ein Treffen mit Beamten zur Ausarbeitung von Richtlinien, ein Zoom-Meeting mit einem Kollegen aus dem Parlament und Vertretern verschiedener Bildungseinrichtungen, ein Umtrunk mit einem Freund der Familie. Aber dabei hätte er den Teil seines Tages ausgelassen, von dem er wusste, dass er ihm am schwersten fallen würde – und das konnte er einfach nicht. Also verließ er das Haus, ohne zu frühstücken. Inzwischen ist es schon weit nach Mittag. Er hat bisher nur Kaffee getrunken, und Marianne lässt sich Zeit, die Geschäftsbedingungen zu lesen.
„Ich weiß, das klingt vielleicht etwas …“, beginnt George.
„Kalt?“, fragt sie, ohne aufzublicken. „Gefühllos? Unpersönlich?“
Mist, denkt er, genau das habe ich befürchtet. „Äh, ja, ich denke schon, wenn das dein Eindruck ist“, sagt er.
Schließlich blickt sie doch auf. Er ist erleichtert, dass sie nicht weint, doch die offensichtliche Wut schnürt ihm das Herz ein wenig zusammen.
„Ja, das ist mein Eindruck, George.“
Er hätte diese kleine Affäre niemals beginnen dürfen. Raymond, sein bester Freund, glaubt, er sei süchtig – eine „Frauen-Sucht“, wie er es nennt. George sieht das anders. Sein älterer Bruder, der Filmstar Ken Weyman, mit seinen ausschweifenden Promi-Partys, ist der Frauenheld. George selbst würde sich niemals in diese Kategorie einordnen. Es ist doch nicht seine Schuld, dass er die Gesellschaft von Frauen genießt. Er liebt schließlich auch seine Frau. Nur weil er manchmal mit anderen Frauen schläft, ändert das nichts daran. Für ihn ist es keine Frage von Entweder-oder. Das war es in seinen Augen nie. Auch nicht während seines Studiums in Amerika, als er darauf achten musste, dass sein Mitbewohner den Mädchen, die George mit nach Hause brachte, nicht verriet, dass er eigentlich noch drei andere hatte. Obwohl er festgestellt hatte, dass man in den USA eine freiere und ungezwungenere Einstellung zum Dating hatte. Doch als er nach England zurückkehrte und mit Delia an seiner Seite in der Politik aufstieg, wurde es komplizierter. Gelegentliche Affären waren zwar möglich, aber mit der Zeit immer schwieriger.
„Mr Weyman?“
Er schüttelt die Gedanken ab und sieht seinen Anwalt Jacob Wakefield an. „Wie bitte?“, sagt er und blinzelt.
„Das macht er immer“, sagt Marianne mit kalter Stimme. „Er schaltet einfach ab. Meistens dann, wenn ich über mich selbst spreche, erzähle, was ich tagsüber gemacht habe, oder meine Meinung zu irgendetwas äußere.“
George fühlt sich unbehaglich, als sie das sagt, und traut sich nicht, ihr richtig in die Augen zu sehen. Er hört das Geräusch von Papier, das über den Tisch gezogen wird. Dann das Kratzen eines Stifts.
„So, fertig“, sagt sie, setzt die Kappe auf den Stift und legt ihn auf den Schreibtisch. Er wirft ihr einen verstohlenen Blick zu. Einen Moment lang befürchtet er, dass sie jetzt weinen wird, aber das tut sie nicht. Sie sieht jedoch verletzt aus.
„Das hättest du nicht tun müssen“, sagt sie leise. „Du hättest es mir einfach sagen können. Ich glaube, du musst dir erst einmal gründlich darüber klar werden, was du vom Leben erwartest. Ich finde, du machst es dir unnötig kompliziert und verschwendest Zeit und Energie damit.“ Sie steht auf und schiebt den Stuhl unter den Tisch zurück. „So, das war’s. Ich habe alles gesagt. Hier ist deine verdammte Geheimhaltungsvereinbarung.“ Sie schiebt das Papier zu ihm rüber und geht zur Tür.
Jacob steht auf, öffnet ihr galant die Tür und schenkt ihr ein schwaches Lächeln, das sie nicht erwidert. Als sie gerade hindurchgehen will, bleibt sie stehen und schaut George an. „Weißt du, George, ich glaube, eines Tages wird eine Frau dein Untergang sein. Du wirst zu sehr damit beschäftigt sein, es allen recht zu machen, dass du es wahrscheinlich erst bemerkst, wenn es schon zu spät ist.“ Dann ist sie verschwunden.
Hinter George rührt sich Michael Allerton. „Was Abschiedsworte angeht, fand ich, dass sie das ziemlich gut formuliert hat“, sagt er gelassen.
Überrascht dreht George sich zu ihm um. Es ist selten, dass sein Patenonkel ihn kritisiert. Dennoch spürt er einen leichten Seitenhieb in seinen Worten. „Glaubst du, sie hat recht?“, fragt er, etwas nervös wegen der Antwort.
Michael lächelt ihn an. „Nein, überhaupt nicht. Ich finde es sehr klug von dir, dich rechtlich abzusichern. Und bedenke: Trotz all ihrer kühnen Worte hat sie das Geld genommen. Eine nicht gerade geringe Summe.“
George nickt langsam, immer noch nicht ganz beruhigt. „Nun, wie immer bin ich sehr dankbar für deine Dienste. Eine einfache Vertraulichkeitsvereinbarung ist für deine Kanzlei heutzutage sicher ein Klacks.“ Er steht auf, und Michael erhebt sich ebenfalls.
„Aus Erfahrung, George, unterschätze ich niemals eine Situation, die den Ruf eines Parlamentsabgeordneten betrifft. Wir leben in anspruchsvollen Zeiten, und es ist meine Aufgabe, dir dabei zu helfen, diese zu meistern.“
George verabschiedet sich von den beiden Männern, verlässt das unscheinbare Gebäude am Stable Yard und macht sich auf den Weg zum St. James’s Palace. Es ist ein kalter Dezembertag, aber hell und freundlich. Gerade ist er auf dem Rückweg nach Westminster, als sein Handy klingelt. Es ist seine Frau.
„Liebling“, sagt Delia, sobald er abnimmt, „es ist eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter.“
George runzelt die Stirn und weicht einer Gruppe plappernder Touristen aus, die Fotos von York House machen. „Was meinst du mit Anrufbeantworter?“ Doch noch während er das sagt, dämmert ihm, wer angerufen haben dürfte. Auf dem Anrufbeantworter seines Festnetzanschlusses zu Hause landen nur zwei Arten von Nachrichten: automatisierte Betrugsversuche oder Mitteilungen von seiner Mutter. Obwohl sie ein iPhone hat, verschiedene Messenger-Apps nutzt und alle Handynummern ihrer Söhne kennt, bleibt das Festnetz für sie die erste Anlaufstelle, um sie zu erreichen. Da sie alle vielbeschäftigte Menschen sind, die regelmäßig vergessen, dass es Festnetztelefone überhaupt gibt, verpassen sie oft ihre Anrufe oder hören ihre Nachrichten nicht ab.
„Ich war gerade von einem Ausflug zu Harvey Nichols zurückgekommen, wo ich noch ein paar Geschenke für meine Eltern und meinen Bruder besorgen wollte“, erzählt Delia. „Himmel, es ist so schwer, etwas für Cyril zu finden. Jedenfalls wollte ich die Einkäufe erst einmal abliefern, bevor ich mich mit Anita Nightly zum Nachmittagstee getroffen habe. Wusstest du, dass sie sich von ihrem neuen Freund getrennt hat? Er hat tatsächlich ihre Pferde verkauft.“
„Worum ging es in dieser Nachricht auf dem Anrufbeantworter?“, fragt George, bemüht, seine Gereiztheit aus seiner Stimme herauszuhalten. Delia neigt dazu, vom Thema abzuschweifen, sobald eine Gesprächspause zu lang wird.
„Wie bitte?“ Die Leitung knistert.
„Die Nachricht“, sagt George. „Die verdammte Nachricht.“
„Es ist ein bisschen merkwürdig“, sagt sie. Die Verbindung wird schlechter, ihre Stimme bricht mitten im Satz weg. Was folgt, ist nur schwer zu verstehen. „Wenn du Zeit hast …, solltest du zurückkommen und es dir anhören … Ich glaube …“
Trotz der Störung hört er die Besorgnis in ihrer Stimme.
„Ich weiß nicht … Vielleicht male ich mir das Schlimmste aus, aber … ich glaube, es ist schlimm. Schrecklich sogar.“
„Schrecklich?“, wiederholt er nun ernsthaft besorgt.
„Ja. Ich glaube sogar, dass es alles ruinieren könnte.“
Drei
Claire
9. Dezember 2025
Jeden Morgen, wenn Claire aufwacht, geht sie zum Fenster ihres Schlafzimmers und saugt den Blick auf die schottische Landschaft in sich auf, die sich vor ihr ausbreitet. Früher nutzten sie und ihr Mann das sehr geräumige Hauptschlafzimmer in Lemire Castle, aber vom Fenster aus sieht man nur Bäume und den Parkplatz. Das Gästezimmer, in das sie nach seinem Tod vor fünfundzwanzig Jahren umgezogen ist, bietet hingegen einen herrlichen Blick auf den Loch und die dahinterliegenden Berge. Das macht den Verlust an Platz und Stauraum mehr als wett.
Anfangs tat ihr der Anblick des Lochs weh. Die Erinnerungen – schmerzhaft und unangenehm – waren immer präsent, wenn sie hinausblickte. Momente, die sie am liebsten vergessen hätte, hatten sich unauslöschlich in ihre Seele eingebrannt. Aber aus irgendeinem Grund, den sie selbst nicht richtig verstand, erschien es ihr schlimmer, den Loch und die Schönheit seiner Umgebung zu meiden, als sich den Erinnerungen zu stellen. Egal, was geschehen war, egal, wie frisch der Schmerz noch war, der Loch war Teil ihres Zuhauses. Über die Jahre hinweg nahm sie sich daher vor, den Blick über den Loch nicht nur schweifen zu lassen, sondern die Aussicht wirklich zu genießen, sie bewusst wahrzunehmen und dankbar anzunehmen. Schließlich fand sie mit der Zeit in ihrem Herzen Raum, den Loch auf ihre eigene Weise zu lieben und seine Gegenwart als tröstlich statt beunruhigend zu empfinden.
Doch heute vermag nicht einmal der Loch ihre Stimmung zu heben. Nachdem sie einige Sekunden lang aus dem großen Fenster gestarrt hat, beschließt sie, dass sie nicht länger schweigen kann. Sie kann die Dinge nicht einfach auf sich beruhen lassen. Der Schock der vergangenen Nacht sitzt noch immer tief und schmerzt. Wie konnte sie das nur tun? Wie konnte sie so grausam sein? Ihre eigene Mutter.
Hastig zieht Claire sich an, verlässt das Schlafzimmer und eilt den Flur entlang. Die vier Stufen zur oberen Wohnung im Turm nimmt sie zwei auf einmal und klopft mit Nachdruck an die Tür. „Mutter, bist du wach?“
Keine Antwort von drinnen.
„Mutter?“, ruft sie erneut. Es ist erst 7:15 Uhr. Normalerweise wacht ihre Mutter um diese Zeit auf, bleibt aber noch eine Weile in ihrer kleinen Wohnung. Alexandra, ihre Haushälterin, bringt ihr dann das Frühstück auf einem Tablett. Vielleicht ist sie in der Nacht gestorben, denkt Claire und verspürt einen Anflug von Scham, als sie sich dabei ertappt, wie sie hofft, dass dies tatsächlich der Fall sein könnte. Das wäre die Lösung all ihrer Probleme.
Sie drückt die Türklinke nach unten und geht hinein. Von ihrer Mutter ist nirgendwo etwas zu sehen – weder im Schlafzimmer noch im Badezimmer oder in der angrenzenden Küchenzeile. Claire verlässt die Wohnung, geht die Treppe hinunter und steht plötzlich Alexandra gegenüber.
„Oh, guten Morgen, Mrs Weyman, Sie sind ja schon so früh auf.
Konnten Sie nicht schlafen?“
Claire runzelt die Stirn. Sie weiß, dass die Zeiten von „Upstairs, Downstairs“ – der altmodischen Hierarchie zwischen Herrschaften und ihren Bediensteten – längst vorbei sind. Trotzdem hält sie es für unangemessen, dass eine Haushälterin kommentiert, wann sie aufsteht oder wie gut sie geschlafen hat. Sie ignoriert die Frage. „Ich kann meine Mutter nicht finden. Ist sie …?“
„Sie ist unten in der Küche. Sie wollte sich heute Morgen ihr Porridge selbst zubereiten.“
Claire verdreht die Augen. Auch wenn dies ungewöhnlich für ihre betagte Mutter ist, ist es bei Eileen Weyman kaum überraschend. Man kann sich immer darauf verlassen, dass sie Erwartungen unterläuft oder plötzlich etwas tut, womit niemand gerechnet hätte. Alles, was untypisch ist, ist typisch für Eileen Weyman.
Sie murmelt Alexandra ein knappes Dankeschön zu und geht die Haupttreppe hinunter zur Küche. Die langen Korridore und schmalen Treppenhäuser im Dienstbotentrakt hatten einst von Bediensteten gewimmelt, doch das ist längst vorbei. Fast schon vor Claires Geburt. Tatsächlich wäre es sogar noch früher vorbei gewesen, hätte ihr Vater nicht so sehr an Traditionen festgehalten. „Hinter der Zeit zurück“, sagte ihre Mutter immer. Kaum war ihr Vater tot, entließ sie die verbliebenen Bediensteten („Relikte der Vergangenheit“) und behielt nur eine Haushälterin, die im Haus lebt, und eine Putzfrau, die zweimal pro Woche kommt.
„Mutter, wir müssen reden“, ruft Claire und stürmt in die Küche.
Ihre Mutter steht mit dem Rücken zu ihr und rührt gerade den Haferbrei in einem großen Topf um. „Guten Morgen, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?“
„Nein“, antwortet Claire schnippisch.
„Schade. Zimt oder Muskat?“
„Was?“
„Für den Brei. Ich denke, Zimt.“ Eileen greift nach dem Gewürzregal über dem Herd und nimmt ein kleines Glas heraus. „Es ist schließlich Weihnachten. Oder fast.“
„Ich bin nicht hier, um über Gewürze zu diskutieren.“ Claire verschränkt die Arme und setzt eine entschlossene Miene auf.
„Nein?“ Eileen dreht sich zu ihrer Tochter um und zieht eine Augenbraue hoch.
„Du weißt ganz genau, worüber wir reden müssen.“ Claire spürt, wie Wut in ihr aufsteigt.
Eileen wendet sich wieder ihrem Haferbrei zu, schöpft etwas davon in eine Schüssel, holt eine zweite und wiederholt den Vorgang. Dann stellt sie beide Schüsseln auf den fleckigen, zerkratzten Holztisch. „Setz dich“, sagt sie und deutet auf einen der Stühle, der Claire am nächsten steht.
„Wir essen nicht hier unten, Mutter. Bring deinen Brei doch auf dein Zimmer, wenn du willst.“
Eileen ignoriert ihre Tochter und setzt sich an den Tisch. Nach einigen Sekunden der Stille nickt sie in Richtung der zweiten Schüssel. „Lass ihn nicht kalt werden, Liebes.“
„Mutter, ich weiß nicht, welches Spiel du spielst …“
Eileen lacht. „Spiel“, wiederholt sie verächtlich und pustet dann auf einen Löffel Haferbrei, so als wäre das ein Akt höchster Präzision.
„Mutter, das kannst du nicht machen. Ich weiß, was du gestern Abend gesagt hast. Ich weiß, dass du es so dargestellt hast … Ich weiß nicht, ob du mich provozieren oder meine Aufmerksamkeit erzwingen wolltest, aber es hat funktioniert. Hier bin ich, und ich möchte darüber sprechen.“
Stille kehrt ein, während Eileen ihren Löffel Haferbrei schluckt. „Dein Brei wird kalt“, sagt sie dann in ihrem ruhigen Tonfall, der Claire wahnsinnig macht.
Claire zieht den Stuhl so heftig zurück, dass er über den Boden quietscht. Sie setzt sich, nimmt den Löffel, der neben ihrer Schüssel liegt, und kostet von der grau-weißen Mischung. Es schmeckt hervorragend. Widerwillig isst sie noch einen Löffel.
„Ich dachte mir, dass du vielleicht Hunger hast“, sagt Eileen. „Das kommt davon, wenn man die Hälfte seines Abendessens übrig lässt.“
Claire holt tief Luft und versucht, sich zu beruhigen. „Ich kann einfach nicht länger mit dir im selben Raum bleiben.“
Eileen lacht erneut kurz auf, doch diesmal glaubt Claire, darin ein „Ts“ zu hören. „Du warst schon immer hochmütig, Claire. Genau wie dein Vater. Er wollte in diesem Haus immer die Stimme des Gesetzes sein und nutzte Kontrolle, um seine Schwächen zu verbergen. Das hatte er mit den meisten anderen wütenden und kaputten Männern gemeinsam. Ach, wie befreiend war es, als er starb.“
Claire lässt den Löffel fallen. Er klappert auf dem Tisch und hinterlässt Porridge-Kleckse. „Sag das nicht über Vater. Sein Tod …“
„… war das Schlimmste, was dir je passiert ist, ja, ja, ich kenne die alte Leier, du hast sie dein ganzes Leben lang gespielt. Und weißt du was, meine Liebe? Ich glaube, du hast sie als Ausrede benutzt: dafür, warum deine Musikkarriere ins Stocken geraten ist, warum du aufgehört hast zu spielen, warum du alle Klaviere aus dem Schloss entfernt hast, damit du nicht mit deinem eigenen Versagen konfrontiert wirst, deine Trauer zu überwinden, und warum du die besten Jahre deines Lebens in einem Schloss verbracht hast, nur mit deiner verrückten alten Mutter als Gesellschaft. Was für eine Verschwendung.“
Claire starrt sie an. „Du weißt, warum …“
Eileen winkt ab und rollt erneut mit den Augen. „Komm mir nicht mit deinen Ausreden, die ziehen bei mir nicht. Es war nicht die Arthritis, die dich daran gehindert hat, aufzutreten. Du warst schon lange vorher entschlossen, aufzuhören. Alles begann mit dem Tod deines Vaters. Es war grausam, dass er dir genommen wurde, gerade als du in Fahrt gekommen warst und dich unter seinen kritischen Augen zu beweisen begonnen hattest. Es war immer seine Anerkennung, die du wolltest. Niemals meine. Meine Meinung war dir egal.“ Sie zuckt traurig mit den Schultern.
Claire weiß nicht, ob sie schreien oder weinen soll – oder beides. Mit ihrer Mutter zu tun zu haben, bringt sie nicht selten in solche Zwickmühlen, doch heute wiegt es besonders schwer. Sie starrt ihre Mutter an und ist versucht, die Schüssel mit Haferbrei quer durch den Raum zu schleudern. Aber sie tut es nicht. Stattdessen steht sie auf. „Ich kann nicht mit dir reden, wenn du dich so verhältst. Aber eines sage ich dir: Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass du mich eines Tages wie eine normale Mutter lieben wirst. Ich kämpfe nicht für mich gegen diese verrückte Entscheidung von dir, sondern für meine Kinder. Für deine Enkelkinder. Das ist so unglaublich verletzend. Es wird sie zerstören. Vor allem George. Er sieht zu dir auf, weißt du?“ Als sie keine Antwort erhält, fährt sie fort. „Ich rufe ihn an. Und wenn er im Commons ist, hinterlasse ich ihm eine Nachricht. Ich sage ihm, was du vorhast.“
Ihre Mutter hält mit dem Löffel in der Hand auf halbem Weg zum Mund inne. Ihr Blick wandert zu ihrer Tochter hinüber. „Er ist einer der Gründe, warum ich das tue. Ich will ihnen allen helfen. Verstehst du das nicht? Nach diesem Weihnachtsfest werden die drei Jungen die Welt mit anderen Augen sehen. Ich glaube, das wird sie prägen.“
Vier
George
9. Dezember 2025
George macht sich schließlich zu Fuß auf den Weg nach Hause zum Lowndes Place. Taxis sind nirgends zu sehen, der Verkehr steht wie üblich. Jeder Schritt tut weh, als würde er barfuß über Messer laufen. Er ist wütend, dass er am Telefon nicht richtig verstehen konnte, was seine Frau sagte. Trotzdem hat er genug verstanden, um aus dem Gleichgewicht zu geraten. Genug, um innerlich erschüttert zu sein.
Ich glaube, das könnte alles ruinieren.
Das kann nicht sein, denkt er, als er die Straße an der Hyde Park Corner überquert. Das kann doch nicht wirklich passieren. Nicht jetzt. Nicht nach so langer Zeit.
Er versucht, seinen Gedanken Einhalt zu gebieten. Versucht mit aller Kraft, sich nicht an diese schreckliche Nacht vor vielen Jahren zu erinnern, als er neunzehn war. Er holt sein Handy heraus und ruft noch einmal seine Frau an – wieder nur die Mailbox. Dann probiert er es über das Festnetz, aber die Leitung ist besetzt. Mit jeder Sekunde, die verstreicht, wächst seine Verzweiflung, und er ruft seine Brüder an. Zuerst Ken, doch er kommt nicht durch. Das ist nichts Ungewöhnliches. Er ist oft entweder am Filmset oder im Bett einer Frau, die nicht seine Ehefrau ist. Als Nächstes versucht er es bei Ralph, dem jüngsten der drei Brüder. Als er auch bei ihm keinen Erfolg hat, wählt er die Nummer von Ralphs Praxis in der Harley Street. Wieder kein Glück. Ralph sei nicht im Hause. Doch nur wenige Minuten später vibriert Georges Handy und Ralphs Name erscheint auf dem Display.
„Hey! Was gibt’s?“ hört er Ralphs gewohnt beschwingte, fröhliche Stimme über die Kopfhörer. Genau diese offene, sympathische Art hat ihm sowohl seine erfolgreiche Karriere als privater Hausarzt als auch regelmäßige Auftritte in Fernseh-Talkshows wie Good Morning Britain und This Morning eingebracht. Für George ist sie wie ein Rettungsanker. Für einen Moment glaubt er, dass das, wovor er sich insgeheim am meisten fürchtet, vielleicht doch nicht eintreten wird.
„Ich mache mir Sorgen, Ralph. Irgendetwas stimmt nicht. Ich habe gerade einen sehr seltsamen Anruf von Delia bekommen. Sie … Es war eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter und sie sagt, es könnte uns ruinieren. Hast du etwas gehört?“
„Nein“, sagt Ralph. „Was ist denn los? Du klingst so merkwürdig.“
Georges Kehle schnürt sich zu. Er darf jetzt keine Panikattacke bekommen. Nicht hier, mitten auf einer Straße, mitten in London. Irgendjemand würde das fotografieren, ins Netz stellen, und kurz darauf würden sich die Zeitungen darauf stürzen. Er lockert seinen Kragen und zieht die Krawatte aus.
„George? Bist du noch dran? Was soll das alles?“ Jetzt klingt auch Ralph besorgt.
„Ich glaube, du weißt genau, worum es gehen könnte.“
Einen Moment lang ist es still. „Ich komme rüber“, sagt Ralph dann leise. „Ich will hören, was es ist. Könnte es ein Journalist sein? Oder die Polizei?“
„Ich weiß es nicht.“ George biegt um die Ecke und beschleunigt seinen Schritt, als er sich dem Haus nähert. „Ich glaube, die Polizei wäre direkt zu uns gekommen.“
„Als Delia dir davon erzählt hat, klang es so, als wüsste sie Bescheid? Als wäre sie schockiert oder aufgebracht?“
„Sie klang besorgt. Aber ich habe nicht alles verstanden.“
„Hast du danach gegoogelt?“
Er bleibt plötzlich stehen. Der Mann hinter ihm murmelt ein Schimpfwort und weicht ihm mit einem verärgerten Schnauben aus. „Nein, habe ich nicht“, sagt er und holt sein Handy heraus. Er tippt drei Wörter ein.
Loch Lemire Inverness
Nichts. Nur die Ergebnisse, die man erwarten würde: eine kurze Wikipedia-Vorschau über den Loch und das Familienanwesen, dazu verschiedene andere Websites wie Geschichte der schottischen Lochs und Seen und Lochs in Großbritannien. Keine aktuellen Nachrichten.
„Ich finde nichts“, sagt er. „Vielleicht habe ich überreagiert. Das hat vielleicht gar nichts mit …“
„… dem zu tun, was wir getan haben“, sagt Ralph und beendet den Satz für ihn. Die Worte verfolgen sie und gehen ihnen nicht aus dem Kopf wie ein Echo, das man nicht zum Schweigen bringen kann.
„Ich bin gleich zu Hause“, sagt George. „Ich rufe dich später an. Mach dir keine Sorgen. Tut mir leid, dass ich dich beunruhigt habe.“
Sein Bruder will etwas erwidern, aber George hat bereits aufgelegt. Er steckt sein Handy in die Tasche und eilt die kurze Strecke die Straße hinunter zu seinem Haus.
Kaum ist er durch die Tür gestürmt, sieht er Delia. Sie sitzt an der Kücheninsel und tippt auf ihrem iPad. George schließt die Haustür und rennt fast den Flur entlang zu dem Beistelltisch, auf dem der Anrufbeantworter steht.
„Liebling, Gott sei Dank bist du da“, sagt sie, steht auf und kommt zu ihm herüber. „Es ist die erste Nachricht auf dem Anrufbeantworter.“
Er drückt einen Knopf und die Stimme seiner Mutter ertönt. Sie klingt merkwürdig, abgelenkt, als hätte sie ihre Gedanken nicht ordnen können, bevor sie den Hörer abnahm.
„George, es ist etwas passiert … Oh, ich nehme an, du bist im Parlament … Vielleicht sollte ich … Es geht um deine Großmutter. Sie ist …“ Sie schluchzt leise. „Ich glaube, sie ist verrückt geworden. Sie sagt, sie will dich enterben. Uns. Uns alle. Deine Brüder. Sie sagt, sie werde bald den Großteil des Geldes verschenken, keine Ahnung, an wen oder wofür. Und sie hat angedeutet, dass das Schloss verkauft werden soll. Das Haus, das seit Generationen in unserer Familie ist. Du solltest vielleicht mit ihr sprechen. Mit mir redet sie nicht mehr. Ich war vorhin vielleicht etwas zu schroff und habe Angst, dass ich alles nur noch schlimmer gemacht habe. O Gott … Ich dachte, es wäre vielleicht gut, wenn du Weihnachten mit ihr sprichst … Vielleicht könnt ihr das klären. Sie möchte dich und deine Brüder sehen, sagt jedoch, dass sie ihre Meinung nicht ändern wird. Aber ich denke, es ist einen Versuch wert. Sie hat erwähnt, dass sie keine Ehefrauen oder Freundinnen dabeihaben will, du weißt ja, wie eigenartig sie ist … Verdammt unhöflich, wenn du mich fragst. Ich weiß, dass Delia Weihnachten normalerweise sowieso mit ihrer Familie verbringt, aber ich denke, dieses Jahr solltest du besonders darauf achten, dass nur du da bist. Ich werde es deinen Brüdern sagen. Oder vielleicht könntest du es tun. Gott, das ist alles so chaotisch. Das ist Rache, ich weiß es einfach. Eine Strafe dafür, dass ich deinem Vater nahestehe und sie immer das Gefühl hat, ich würde sie im Stich lassen und … Entschuldige, ich sollte dir das nicht erzählen. O Gott, mir ist gerade klar geworden, dass das auf deinem Anrufbeantworter ist. Könntest du das löschen, bevor Delia es hört …? Es sei denn, du hörst gerade zu, Delia? Es tut mir leid. Vielleicht ist es besser, dass ihr beide es wisst. Es wird uns alle betreffen. Es wird uns ruinieren.“
Die Aufnahme endet.
George ist fassungslos. Fassungslos und erleichtert zugleich. Er dreht sich zu Delia um. Sie reagiert weder auf die Erwähnung ihres Namens in der Nachricht, noch wirkt sie beleidigt, dass ihre Schwiegermutter nicht wollte, dass sie davon erfährt.
„Siehst du, was ich meine?“, fragt sie stattdessen. „Es ist schrecklich, nicht wahr?“
George nickt und versucht, einen klaren Gedanken zu fassen. Es fällt ihm schwer, all das gerade Gehörte zu verarbeiten, und gleichzeitig spürt er die Erleichterung, die nun wirklich einsetzt. Sie hat den Loch nicht erwähnt.
Sie hat nicht gesagt, dass etwas gefunden wurde. Es hat nichts mit dem zu tun, was damals passiert ist.
Sie weiß es immer noch nicht.
„Ich kann mich nicht entscheiden, was das Beste ist“, sagt Delia. „Sollen wir heute gleich hinfliegen? In die Highlands?“
George zögert und fühlt sich unbehaglich. „Nun … sie hat gesagt, dass sie mich dort allein sehen möchte. Und außerdem fährst du doch zu deinen Eltern, oder?“
Delia starrt ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Ja, aber nicht zwei Wochen lang. Glaubst du wirklich, dass wir so lange warten können? Wir brauchen jetzt Antworten. Wir müssen sicher sein, dass wir das Haus nicht verlieren. Was ist, wenn ich nächstes Jahr schwanger werde? Nur von deinem Abgeordnetengehalt können wir nicht leben, sie zahlen dir so einen lächerlichen Betrag, das ist wirklich ein Skandal, und …“
Es klingelt an der Tür. Dann folgt ein Hämmern.
„Oje, wer ist das?“, fragt sie erschrocken.
George dreht sich um und geht zur Tür. Hinter den Milchglasscheiben erkennt er die Umrisse von Ralph.
„Mann, das ging aber schnell.“ George sieht seinen Bruder an, dessen normalerweise blasse Haut gerötet ist und dessen Brust sich vor Anstrengung hebt und senkt.
„Ich war nicht weit weg. Ich hatte ein Treffen mit einem Team in einer anderen Praxis in Lennox Gardens.“ Ralph knöpft seine Manschetten auf und krempelt die Ärmel hoch. „Ich bin den größten Teil des Weges gelaufen.“
„Komm rein, Ralph“, sagt Delia. „Hol ihm ein Glas Wasser, George.“
George ignoriert sie und tritt näher an seinen Bruder heran, gerade als Ralph fragt: „Ist es so weit?“
George zögert. Er wirft Delia einen Blick zu, dann sieht er Ralph eindringlich an. Seine Botschaft ist unmissverständlich: Halt die Klappe. „Es ist übel, es hat mit unserem Erbe zu tun.“ Er legt Ralph eine Hand auf die Schulter, führt ihn den Flur entlang und schließt die Tür hinter sich. „Komm ins Wohnzimmer, Delia holt dir etwas zu trinken.“
„Erbschaft?“, fragt Ralph, noch außer Atem, während George ihn ins penibel aufgeräumte Wohnzimmer zum cremefarbenen Sofa führt.
„Ja. Es klingt seltsam. Du kannst dir die Nachricht anhören, wenn du willst, aber im Grunde geht es um Grannys Testament. Anscheinend will sie dafür sorgen, dass keiner von uns etwas abbekommt.“
Ralph blinzelt ihn an. Der Schweiß auf seiner Stirn glitzert im Licht der Nachmittagssonne, die durch das vordere Fenster scheint. „Aber … warum?“
„Keine Ahnung. Ich glaube, Mum weiß es auch nicht. Sie meinte, es sei Rache, dass sie Dad so nahesteht. Granny sei immer eifersüchtig darauf, wie nah die beiden sich standen, und das soll die Strafe dafür sein. Ehrlich gesagt hat Mum ziemlich wirr geredet.“
„Du hast sie noch nicht zurückgerufen?“
George schüttelt den Kopf.
Delia kommt mit einem großen Glas Wasser ins Zimmer und reicht es Ralph. Sie bleibt in der Nähe der Brüder stehen, und George zögert, weiterzureden. Bisher hat er ihr noch nie ausführlich von seiner komplizierten Familie erzählt. Er glaubt auch nicht, dass sie das verstehen würde. Die Beziehung, die sie zu ihren Eltern und Geschwistern hat, wirkt immer so mühelos unkompliziert. Außerdem hat er immer vermutet, dass die Distanz zu seinen Verwandten für sie etwas Unterhaltsames hat – wie eine Seifenoper aus der ersten Reihe mitzuverfolgen. Er ist sich nicht sicher, ob ihm das gefällt.
„Hör dir die Nachricht einfach selbst an“, sagt George.
„Ich mach sie dir an“, sagt Delia, als bräuchte man dafür mehr als nur einen simplen Play-Knopf. Sie geht hinaus, und Ralph folgt ihr. George bleibt im Wohnzimmer zurück, hört jedoch jedes Wort der Nachricht. Er lässt sich in den Sessel sinken, der dem Sofa gegenübersteht. Als Ralph zurückkommt und sich auf das Sofa setzt, hat George sich zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Er ist erschöpft. Es ist noch nicht einmal Abend, und doch fühlt es sich an, als würde die Uhr schon Mitternacht schlagen.
„Verstehst du, was ich meine?“, sagt George nur.
Ralph nickt. „Ja. Es ist …“
„… eine Katastrophe“, beendet George den Satz.
„Ja, eine verdammte Katastrophe.“ Ralph streicht sich über die elegante graue Wollhose und George fällt auf, wie alt sein Bruder plötzlich aussieht. Er war immer der kleine Bruder und so sieht er auch meistens aus. Trotz seiner fast sechsunddreißig Jahre hat er sich etwas Jungenhaftes bewahrt. In Jeans und Kapuzenpulli sieht er aus wie ein Schüler der Oberstufe. Doch heute wirkt er trotz seiner Praxisbekleidung zerknittert, ungepflegt und gestresst. Als wäre er vor Georges Augen um mehr als ein Jahrzehnt gealtert.
Dann tut Ralph etwas, das George überrascht. Er lacht. Ein kurzes Auflachen, fast wie ein Bellen. Dann legt er die Hand vor den Mund, als hätte er geniest.
„Entschuldige, ich … Die letzte Stunde war ziemlich verwirrend. Ich glaube, du kapierst nicht …“
„Doch, das tue ich.“ George senkt die Stimme. „Und ich möchte, dass du verdammt noch mal die Klappe hältst wegen …“
Delia kommt ins Zimmer, und George richtet sich auf. Ralph scheint zu verstehen, was er meint, und hustet. „Ich wette, das ist nur eines von Grannys Spielchen. Sie hat schon früher seltsame Machtspiele gespielt.“
Das stimmt. Als sie Teenager waren, hatte sie immer wieder betont, dass junge Leute nicht mehr genug lesen. Keiner von ihnen stimmte ihr zu, doch sie waren zu sehr damit beschäftigt, im Internet zu surfen, um ihr ernsthaft zu widersprechen. Am nächsten Tag entfernte sie alle Kabel von den beiden Computern im Schloss. Die Brüder waren ebenso empört wie ihre Mutter, die seit Kurzem in diversen Garten-Foren aktiv war. Zwei Tage später tauchten die Kabel nach heftigen Protesten wie von Zauberhand wieder auf, aber die Botschaft war angekommen: Sie waren tatsächlich Sklaven des Internets, und es gab nur eine wahre Chefin im Haus. Granny ist die Königin.
„Ich gehe kurz weg“, sagt Delia und reißt George aus seinen Gedanken. „Wenn das für euch beide in Ordnung ist? Eigentlich bin ich mit Julietta und Clara zu unserem kleinen vorweihnachtlichen Treffen verabredet, aber ich kann absagen, wenn ihr mich hier braucht. Alle Mann an Deck, sozusagen?“ Sie lacht leise und hustet dann, was die angespannte Stimmung noch verstärkt.
„Schon in Ordnung, Schatz“, sagt George. „Geh nur und amüsiere dich. Mach dir keine Sorgen. Wir haben alles im Griff.“
Er lächelt seine Frau an. Sie wirkt nicht ganz überzeugt, sagt jedoch nichts, sondern legt ihm nur die Hand auf die Schulter und nickt. Dann wirft sie einen Blick zu Ralph hinüber, der mit dem Kopf in den Händen dasitzt, und verlässt den Raum.
Nachdem die Haustür ins Schloss gefallen ist, steht George auf und setzt sich neben seinen Bruder.
„Es gibt Zeiten, in denen ich nicht aufhören kann, über die Vergangenheit nachzudenken, George“, sagt Ralph mit entrückter, fast fremder Stimme. „Geht es dir auch so? Manchmal kann ich es verdrängen. Fast so, als wäre es jemand anderem passiert. Aber manchmal fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen. All das, was heute passiert ist … Ich habe Angst, dass ich wieder in so eine Phase hineingerate. Wie eine Spirale, aus der ich nicht herauskomme.“
George schüttelt den Kopf. „Das muss nicht so sein.“ Ralph will etwas sagen, Ärger und Angst liegen in seinem Gesicht, aber George lässt ihn nicht zu Wort kommen. „Nein, ernsthaft. Soweit wir wissen, hat die Sache mit Granny heute nichts mit … all dem zu tun. Es ist meine Schuld, dass ich dir Angst gemacht habe. Das tut mir leid und wird nicht wieder vorkommen. Wir trinken jetzt ein paar Bier und überlegen, wie wir Granny am besten davon abhalten, ihre Drohungen wahr zu machen, mit denen sie Mum verrückt macht.“
Ralph blickt auf. „Ich halte es nicht aus, George.“
„Das solltest du aber besser“, faucht er ihn an. „Zwanzig Jahre lang habe ich versucht, das vor meiner Frau geheim zu halten. Wir hoffen, ein Baby zu bekommen. Ich habe die ganze Zeit geschwiegen, um meine Zukunft zu schützen. Und jetzt lebe ich diese Zukunft. Darum habe ich all die Jahre gekämpft. Meine Chance auf Glück. Ich lasse nicht zu, dass du mir das kaputtmachst.“
„Und bist du es? Bist du glücklich?“, ruft Ralph ihm hinterher, als George gerade aus dem Wohnzimmer tritt und den Flur entlanggehen will.
George hält inne. Denkt einen Moment nach. Dann geht er, ohne zu antworten.