Prolog
Caroline parkte auf dem Schotterweg und blickte auf das Haus. Sein entwaffnender Charme traf sie unmittelbar; das Haus hatte ihr Herz bereits auf den ersten Blick erobert. Sie seufzte. Wenn Rob und sie sich doch auch nur so etwas leisten könnten. Die Haussuche in Oxfordshire war in letzter Zeit zunehmend schwieriger geworden. Die Immobilienpreise hier waren bei Weitem höher als in Leeds.
Während sie so dastand und das Haus bewunderte, erinnerte sie sich unweigerlich daran, was ihre Kollegin ihr über die Geschichte des Hauses erzählt hatte, und es schauderte sie. Lieber nicht länger darüber nachdenken, es war schließlich schon sechs Monate her.
„Der Eigentümer möchte ein Wertgutachten“, hatte ihr Chef gesagt, als er ihr den Schlüssel überreicht hatte.
Der Vorgarten war verwildert und überwuchert, aber Caroline konnte sich gut vorstellen, wie er einmal aussehen könnte: bunt blühende Blumenbeete, getrimmte Hecken und ein Pfad aus Kopfsteinpflaster, der zu der blauen Eingangstür führte, die mit einem Türklopfer aus Messing und einer verschnörkelten Klingel versehen war.
Sie schob den Schlüssel ins Schloss und trat ein. Die Luft war kühl und abgestanden. Darum würde sie sich kümmern müssen, bevor es zu irgendwelchen Besichtigungen käme. Eine warme, einladende Atmosphäre war hierbei entscheidend und der modrige Geruch würde gewiss nicht helfen.
„Lufterfrischer“, murmelte sie und machte eine Notiz in ihrem Kalender. Der Kälte zum Trotz schien goldenes Sonnenlicht durch die tiefen Fenster und tauchte die Zimmer in einen wohligen Schein. Caroline hielt den Atem an. Das Wohnzimmer sah aus wie ein Beitrag aus Schöner Wohnen. Wer auch immer hier zuvor gewohnt hatte, verfügte offenkundig über Geld und guten Geschmack. Alles war tadellos. Vollmöbliert würde das Haus einen guten Preis und ihr eine ordentliche Provision einbringen.
Sie trat weiter hinein, blieb aber mit dem Absatz an dem Orientteppich hängen und stolperte.
„Mist“, fluchte sie und stöhnte. Kniend strich sie den Stoff glatt und war im Begriff, den losen Faden unter dem Teppich verschwinden zu lassen, als sie es sah: eine Luke, die bisher vom Teppich verdeckt worden war. Stirnrunzelnd schob sie den Teppich weiter zur Seite. Ein kleiner Schlüssel steckte bereits im Schloss. Ein Keller? Das könnte den Wert des Hauses steigern. Sie hob die Luke an und schaltete ihre Handytaschenlampe ein.
Eine enge Treppe führte in die Dunkelheit. Die Luft roch abgestanden, aber je weiter sie sich ins Dunkel bewegte, desto dicker und saurer wurde der Geruch. Sie musste würgen und drückte ihren Schal gegen ihre Nase.
Am Treppenende versperrte ihr eine Stahltür den Weg. Der Gestank war nun unerträglich. Ihre Hand schwebte über der Klinke. Sie zog daran. Die Tür schwang auf.
Sie trat ein und blieb wie angewurzelt stehen.
Etwas legte sich eng um ihren Hals, nahm ihr die Luft. Nicht Hände; nein, ein enger, unsichtbarer Druck. Ihr Atem beschleunigte sich und ein Schrei brach aus ihr hervor – roh und heiser hallte er durch den Raum.
Sie rannte. Stolpernd stürzte sie die Treppenstufen hinauf, prallte gegen Wände, schaffte es kaum nach draußen. Caroline warf sich in ihr Auto. Der Motor dröhnte, während sie beschleunigte, aber das laute Pochen ihres Herzens übertönte alles.
Kapitel eins
Joanna
Ich schließe meine Augen und gleite durch das Wasser. Schwimmen ist mein Zufluchtsort, meine Befreiung von dem unermüdlichen Sog der Schwerkraft, ein Ort, an dem jegliche Alltagsverpflichtungen schwinden. Normalerweise beruhigt es mich. Nicht aber heute.
An manchen Tagen überkommt mich ein überwältigendes Angstgefühl, so als wände sich eine Python eng um meine Brust und raubte mir den Atem. Ich sage mir selbst, wie irrational diese Angst ist, dass es nichts gibt, wovor ich mich fürchten muss, dass ich es verdiene, glücklich zu sein, aber diese verhängnisvolle Stimme übertönt alles. Unaufhörlich flüstert sie mir zu, dass alles zu perfekt ist, dass das Schicksal nur lauernd darauf wartet, zuzuschlagen. Heute ist einer dieser Tage.
Aber ist mein Leben wirklich perfekt? Oder verschließe ich nur die Augen vor den unschönen Seiten? Niemandes Leben ist makellos, nicht wenn man an der Oberfläche kratzt. Vielleicht habe ich Angst davor, näher zu schauen, oder – noch schlimmer – finde die Vorstellung, dass ich ein makelloses Leben führe, Furcht einflößend. Weshalb würde ich das verdienen? Mein Magen zieht sich zusammen und ich atme tief ein, folge dabei dem Rat, den ich Joel geben, wenn er Angst davor hat, abends ins Bett zu gehen. Aber Joel ist gerade einmal zwei, er weiß noch nichts von den realen Monstern, die im Dunkeln lauern.
„Ich bin fertig“, sage ich, während ich zurück zum Beckenrand schwimme.
„Ja, ich auch“, antwortet Gil.
Wir steigen aus dem Becken, nehmen unsere Handtücher und laufen Richtung Duschen.
„Ich muss zunehmen“, murmele ich, als ich mein Spiegelbild in dem Ganzkörperspiegel erblicke: kleine spitze Brüste und ein flacher Bauch. Ich habe es geliebt, mit Joel schwanger zu sein. Es war das erste und einzige Mal, dass ich normal große Brüste hatte. Danny liebte es auch. Ich lächele bei der Erinnerung daran, wie er seinen Kopf zwischen sie legte und ich den Duft seines Haargels riechen konnte.
Mein Gesicht ist vom Schwimmen durchblutet und mir gefällt, was ich sehe: hohe Wangenknochen, große blaue Augen und das, was Danny mein „süßes Lächeln“ nennt.
„Du lässt zu häufig das Mittagessen aus“, sagt Gil und holt mich aus meinen Tagträumen.
„Was?“
„Deshalb bist du so dünn.“
Höre ich Neid in ihrer Stimme? Ich wüsste nicht, warum. Gil ist attraktiv; ich habe ihr dickes, glänzendes Haar immer bewundert. Sie hat allerdings recht. In unserem Beruf dauern OPs häufig mehrere Stunden und der Gedanke an Mittagessen rückt in den Hintergrund. Gegen vier rette ich mich meistens Chips essend bis zum Abendessen.
„Wann steht der große Umzug an?“, fragt sie.
Das altbekannte Angstgefühl kommt zurück. „Nächste Woche hoffentlich. Sie haben uns die Poolabdeckung in einer falschen Größe zugeschickt und ich möchte nicht, dass Joel im Garten spielt, bis das nicht geklärt ist.“
„Ich bin so unfassbar neidisch, weißt du.“
Ich beiße mir auf die Lippe.
„Hast du jemals das Gefühl, dass das Leben zu perfekt ist?“, frage ich, während wir uns abtrocknen.
Gil lacht und knetet Schaumfestiger in ihr goldenes Haar. „Wovon redest du?“
Sie ist so rational. Gil glaubt nicht an Schicksal, an Glück oder Magie. Sie hat immer einen Back-up-Plan.
„Ich weiß nicht … manchmal fühlt es sich so an, als würde bald etwas Schlimmes passieren.“
Sie sieht mich mit großen Augen an. „Meine Güte, wo kam das denn her? Danny und du, ihr habt hart für all das gearbeitet, was ihr habt. Es ist euch nicht einfach in den Schoß gefallen. Du bist eine großartige Kinderchirurgin mit einem makellosen Ruf und Danny, nun, er ist ein verdammter Finanzzauberer. Du hast einen wunderbaren Sohn und ein unfassbar schönes frisch renoviertes Haus. Du brauchst dich für dein Glück nicht schuldig zu fühlen.“
„Exakt“, unterbreche ich sie. „Es ist zu perfekt und ich merke, dass Danny sich übernimmt. Du weißt, wie er meinen Vater immer beeindrucken möchte. Er scheint mir momentan nicht er selbst zu sein. Vielleicht war es zu viel, das Haus zu kaufen.“
Ich weiß, dass ich mich neurotisch anhören muss. Ich ziehe mir mein Kleid über den Kopf und bete, dass sich der Aufruhr in meiner Magengegend legt.
„Es gibt kein Gesetz, das dir verbietet, glücklich zu sein“, beharrt Gil. „Außerdem“, fügt sie hinzu, „es ist eine ungemein verantwortungsvolle Position, die er hat. Du weißt, welchen Preis man für so was zahlt.“
Sie hat recht. Ich sehe Dinge, die so nicht da sind. Ich bin glücklich, aber das ist es, was mir Angst macht. Ich bin mit einem attraktiven Mann zusammen, der Aufmerksamkeit erfährt, wo auch immer er ist, habe einen wunderbaren Sohn, ein süßes Apartment in Oxford und bald werden wir unser Traumhaus auf dem Land, in den Cotswolds besitzen. Wir haben keine finanziellen Sorgen. Ich sollte entspannt und zufrieden sein, also warum bin ich es nicht? Warum hört dieses schwelende Gefühl nicht auf? Was ist es, das ich spüre, aber nicht den Finger drauf legen kann?
„Also, was machst du mit deinem freien Abend, außer dir darüber den Kopf zu zerbrechen, wie glücklich du bist? Hör auf, abergläubisch zu sein, und genieß es einfach.“
Ich umarme sie. „Danke Gil.“
Wir arbeiten gut zusammen. Sie ist eine großartige Chirurgin und die einzige andere Person außer Danny, die mich „Jo“ nennen darf. Ich bestehe darauf, dass alle anderen mich „Joanna“ oder „Doktor Neal“ nennen. „Jo“ ist nur für die besonderen Menschen in meinem Leben.
„Danny macht heute früher Feierabend und wir gehen zu Mason’s. Heute ist es 10 Jahre her, dass wir uns das erste Mal getroffen haben. Danny fand, das sollten wir feiern.“
Sie pfeift. „Wow, ihr feiert ganz schön stilvoll! Glückwunsch.“
Ich werfe einen Blick auf mein Handy. „Ich sollte los.“ Ich schlüpfe in meinen weichen Cashmere-Cardigan, ein Geburtsgeschenk von Danny.
„Soll ich dich mitnehmen? Es ist eiskalt da draußen.“
Ich zögere. So wäre ich schneller zu Hause, aber die kühle Luft hilft mir vielleicht dabei, klarere Gedanken zu bekommen. Außerdem habe ich heute früh meinen Morgenlauf wegen eines Zoommeetings für die Arbeit ausfallen lassen.
„Ich laufe“, danke. Ich habe Joel versprochen, dass ich ihm auf dem Weg nach Hause einen Comic besorge.“
„Hab ne gute Zeit“, sagt sie fröhlich. „Ich hab noch ein Tinderdate. Er sieht ziemlich fit aus, aber ist wahrscheinlich eh ein Psycho.“
„Sei vorsichtig“, sage ich und mir gelingt es nicht, die Sorge in meiner Stimme zu unterdrücken. Ich mache mir Sorgen um Gil und ihre Tinderdates. Man hört zu häufig von Gewalt gegen Frauen oder von irgendwelchen Kontrollfreaks, mit denen sie dann in einer Beziehung sind.
„Mach dir keine Gedanken. Wir treffen uns an einem öffentlichen Ort und so weiter“, versichert sie mir und nimmt ihre Tasche. „Wir sehen uns morgen früh.“
Unsere Wege trennen sich am Eingang des Fitnessstudios. Die Kälte trifft mich unvermittelt und zieht durch meinen Mantel. Ich stecke meine Hände tief in meine Taschen und versuche, die Schultern hochgezogen, die Kälte fernzuhalten. An dem Laden an der Ecke halte ich kurz an und kaufe einen Schokoriegel und Joels Comic, wechsle dabei ein paar kurze Worte mit dem Verkäufer, bevor ich weiter durch das spärlich beleuchtete Industriegebiet laufe.
Während ich gehe, wandern meine Gedanken und ich überlege, was ich für unser Abendessen anziehen werde. Mason’s hat eine strenge Kleiderordnung. Ich überlege ein wenig und entscheide mich schließlich für das blaue Kleid mit einem Chiffonschal, welches ich letzte Woche zur Hochzeit einer Freundin getragen habe.
Die vor mir liegende Straße, die aus dem Industriegebiet herausführt, ist schlecht beleuchtet und beinahe verlassen, nur ein weißer Van steht am Straßenrand. Für eine Sekunde verlangsame ich meine Schritte. Etwas ist falsch. Irgendetwas stimmt hier nicht. Warnglocken springen in mir an.
Als ich an dem Van vorbeilaufe, werfe ich einen kurzen Blick durch das Fenster auf der Fahrerseite und erstarre. Mir stockt der Atem. Mein Herz hämmert wild gegen meine Rippen. Dann fliegt die Tür des Vans auf.
Panik überkommt mich. Er ist für mich hier. Daran ist kein Zweifel. Ich mache kehrt und renne, meine Füße hallen auf dem Asphalt, meine Lunge brennt. Ich bin eine Läuferin. Ich sollte schneller sein. Ich muss schneller sein.
Aber er holt auf. Er ist zu schnell. Eine Sekunde später hat er mich.
Seine Arme umschlingen meinen Körper wie eine Ranke. Ich schreie – ein schrilles, verzweifeltes Aufheulen – aber seine behandschuhte Hand drückt sich auf meinen Mund und bringt mich zum Verstummen. Ich trete auf seinen Fuß, ein vergeblicher Versuch, Widerstand zu leisten.
Er zieht mich zu seinem Van.
„Nein, bitte … bitte tu mir nichts“, flehe ich, meine Stimme klingt gedämpft durch seine Hand.
„Sei still oder ich bring dich um“, faucht er in mein Ohr. Seine Stimme ist tief.
Ich versuche, mich zu winden und zu kämpfen, aber vergebens. Etwas Raues wird über meinen Kopf geworfen und taucht mich in erdrückende Dunkelheit. Mein Herz klopft, es dröhnt wie ein wilder Trommelschlag in meinen Ohren. Er verdreht meine Arme hinter meinem Rücken und fixiert sie mit etwas Hartem und Unnachgiebigem.
Meine Haut brennt unter den Fesseln und blanke Angst durchdringt mich. Die Welt verengt sich und alles, was ich höre, ist das Geräusch meines keuchenden Atems und sein kalter, brutaler Griff.
Ich glaube ihm, wenn er sagt, dass er mich umbringen wird.
Kapitel zwei
Daniel
Ich schaue auf die Uhr. Mist, ich bin spät dran. Jo wird genervt sein, auch wenn sie so tun wird, als ob alles in Ordnung ist, wie sie es immer tut. Ich schreibe ihr eine kurze Nachricht und rufe das Restaurant an, damit sie unseren Tisch weiterhin reserviert halten. Die Managerin ist sehr zuvorkommend. Das will ich doch hoffen, wenn man bedenkt, dass ich diesem überpreisten Laden über 400 Pfund in den Rachen werfen werde. Es ist ja nicht so, als gingen wir zu Pizza Hut.
Ich lächle, als ich mich an die Zeit erinnere, in der Pizza Hut unsere Vorstellung einer kleinen Belohnung war.
Dann schweifen meine Gedanken zu dem Moment ab, in dem ich zum ersten Mal Mason’s betrat.
Es war der Abend meiner Beförderung. Ich war mit Nic unterwegs und voller Adrenalin. Lance and Holland waren eine der bedeutsamsten Finanzfirmen in London. Wir berieten erstklassige Kunden aus der ganzen Welt. Vom Account Manager zum Finanzvorstand befördert zu werden, war ein wahr gewordener Traum, und auch wenn ich hart für diese Anerkennung gearbeitet hatte, kam die Beförderung doch überraschend.
***
Nic öffnete schwungvoll die Tür, ein Grinsen auf den Lippen, ein verschmitztes Blitzen in den Augen. Der Maître d’, makellos in seinem schwarzen Anzug, nickte uns zur Begrüßung vornehm zu. Ich war schon häufig an Mason’s vorbeigelaufen, hatte seine beeindruckende Fassade und das vergoldete Schild gesehen, das Exklusivität beinahe schrie, aber heute sah ich das Restaurant das erste Mal von innen.
Mason’s war verdichtete Eleganz. Alles hier strahlte Reichtum aus. Das Personal glitt geräuschlos von Tisch zu Tisch. Der Duft von teurem Parfum hing in der Luft. Die Frauen glänzten, von Diamanten behängt. Es war eine Oase der Reichen; eine Welt, die ich zuvor nur von außen hatte erspähen können.
„Mr Evans“, sagte der Maître d’ mit warmer Stimme; er erkannte Nic sofort. „Schön, Sie wiederzusehen. Bitte folgen Sie mir.“
„Danke Ihnen, Ramone“, meinte Nic.
Wir wurden durch den prachtvollen Speisesaal geführt, unsere Schritte gedämpft durch die dicken Teppiche. Als wir uns hingesetzt hatten, nickte Nic dem Maître d’ gönnerhaft zu.
„Perfekt, Ramone. Wir starten mit einer Flasche Champagner.“
Nic lebte für solche Momente. Er badete in ihnen, genoss sie, so wie ein Kind, das ein neues Spielzeug auspackt.
Nachdem Ramone verschwunden war, nahm ich meine Umgebung näher wahr. „Das hier wird mein Bankkonto leer räumen“, murmelte ich, was nur zur Hälfte als Witz gemeint war.
Nic lachte. „Das geht auf mich, du Glückspilz. Es ist nicht aller Tage, dass man Finanzvorstand einer Firma wie Lance and Holland wird. In Kürze wirst du hier Stammgast sein.“
Irgendwo zwischen Unglauben und Stolz schwebend, hob ich mein Glas an. Ich hatte auf eine Beförderung gehofft, aber das? Das hier war jenseits all dessen, was ich mir hätte träumen lassen. Das Gehalt allein war genug, um unsere Leben komplett zu verändern. Gemeinsam mit Jo’s Gehalt als Kinderchirurgin müssten wir nicht länger sparsam sein oder uns auf die Hilfe ihrer Eltern verlassen. Wir könnten sogar eine Kinderfrau für Joel anstellen.
Mason’s glänzte, wie ein Symbol all dessen, worauf wir hingearbeitet hatten. Als wir auf meine Beförderung anstießen, dankte ich im Stillen dem Schicksal oder was auch immer, das mich an diesen Punkt gebracht hatte.
„Du verdammter Glückspilz“, sagte Nic grinsend.
Er war Stammgast hier und grüßte quer durch den Raum bekannte Gesichter. Nic Evans, Vorstandsmitglied bei Lance and Holland, Junggeselle, wohlhabend und scheinbar nie in einer festen Beziehung. Er war nicht wirklich mein Typ Mensch, aber er hatte für mich bei der Beförderung Stellung bezogen und dafür war ich ihm dankbar.
„Du warst der Richtige für den Job“, hatte er gesagt. „Warum sonst glaubst du, hätte ich für dich gebürgt?“
Der Kellner brachte uns das Menü. Als ich die Preise sah, fiel ich beinahe vom Stuhl.
„Zum Wohl und Glückwunsch“, sagte Nick und erhob sein Glas. Wir stießen an. Der Champagner prickelte. Das Essen war ausgezeichnet: vollmundig, elegant, wie nichts, was ich zuvor geschmeckt hatte.
„Gut, ne?“, sagte Nic, den Mund voll Kalbfleisch. „Warte, bis du das Dessert probierst. Es ist himmlisch.“ Er hielt die leere Champagnerflasche hoch. „Das geht so nicht!“, sagte er und rief den Kellner herbei, um nachzubestellen.
„Ich sollte nicht“, sagte ich schwach, schon jetzt ein wenig angetrunken. „Aber natürlich solltest du. Nimm ein Taxi nach Hause. Genieß den Augenblick.“
Das tat ich.
***
Ich parkte später als erhofft vor unserem Apartment. Ich wusste, dass Jo irritiert sein würde, aber sie würde es hinter Humor verbergen. So war sie: geduldig, großzügig und liebevoll.
Wie sonst könnte ich Jo beschreiben? Sie ist wunderschön, von innen wie von außen. Wir haben uns auf der Hochzeit eines Freundes kennengelernt. Sie war dort mit jemand anderem; einem Krankenhausberater, glaube ich. Von dem Moment an, in dem ich sie sah, war es um mich geschehen. Ihre zarten, herzförmigen Lippen bettelten nahezu darum, geküsst zu werden. Blond gesträhnte Locken umrahmten wild ihr Gesicht. Sie war und ist Kinderchirurgin. So weit entfernt von meiner bescheidenen Welt. Aber Liebe folgt keinen Regeln.
Ich blieb beharrlich und versuchte mein Glück. Ihre Eltern mochten mich nicht. Ich war in der Buchhaltung, arbeitete zwar hart, entsprach aber nicht ihrer Vision eines Schwiegersohns. Das wusste ich. Ihr Vater im Besonderen machte keinen Hehl daraus, dass ich in seinen Augen nicht genug war.
Die Dinge veränderten sich, als ich meinen Job bei Lance and Holland an Land zog. Auf einmal war ich wer.
Noch bevor ich die lebensverändernde Beförderung bekam, hatten Jo und ich unser Geld zusammengelegt und das Apartment in Oxford gekauft. Für Jo war es nah genug, um zur Arbeit zu laufen, und für uns beide war es ein sicherer Hafen. Ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, dass ihr Vater die Kaution gezahlt hatte, aber es nagte an mir. Die selbstgefällige Art, wie er mir den Check überreichte, als sei ich ein hilfebedürftiges Kind. Das werde ich nie vergessen.
Auch deshalb bedeutete mir die Beförderung alles. Ich war jetzt Finanzvorstand. Niemand, auch nicht Donald, mein arroganter Schwiegervater, konnte mir das nehmen.
Ich erinnere mich, wie ich in dieser Nacht heimkam, nach dem Abendessen mit Nic, betrunken von Champagner und dem Erfolgsgefühl. Ich fand Jo in der Küche, wie sie die Geschirrspülmaschine einräumte. Sie sah überrascht auf. „Du meintest, es sei ein besonderes Abendessen“, sagte sie. „Wie viel hast du getrunken?“
„Ungefähr eine Flasche Champagner“, sagte ich grinsend. „Vielleicht mehr.“
Sie schnappte nach Luft.
„Keine Sorge. Ich hab ein Taxi genommen.“
Ich zog den neuen Vertrag aus meiner Jackentasche und überreichte ihn ihr. Dann schaute ich dabei zu, wie ihre Augen über das Papier flogen, sich weiteten.
„Oh mein Gott. Ist das das, was sie dir bezahlen werden?“
„Ja. Hier stehts, schwarz auf weiß“, sagte ich.
Sie jauchzte freudig auf. „Danny, heißt das, wir können das Haus kaufen?“
Monatelang hatten wir über das Haus geredet. Es war alt und renovierungsbedürftig und in den Cotwolds. Mehrere Hektar Land. Es musste kernsaniert werden. Aber es hatte ein Herz. Charme. Eine Zukunft. Ich zog sie an mich und umarmte sie. „Ich glaube nicht, dass es ein Problem wird, einen zweiten Kredit zu bekommen.“
„Wir könnten unsere Wohnung hier verkaufen“, sagte sie.
„Das werden wir nicht müssen. Außerdem wirst du dich freuen, sie zu haben, wenn du Rufbereitschaft hast. Du hasst es doch, im Krankenhaus zu schlafen.“
Sie gab mir einen Kuss. „Oh, Danny. Mein kluger Mann.“
Ich hob sie hoch und wirbelte sie herum, was uns beide wie Teenager lachen ließ. Es war einer der besten Tage. Dann trat Neville Logan in unser Leben und nichts war mehr wie zuvor.
Kapitel drei
Neville Logan
Die Worte bleiben mir im Hals stecken, meine Stimmbänder sind wie paralysiert vom Schock. Bradley Sterns Worte, überbracht in diesem überheblichen, Juckt-mich-nicht-Tonfall, hallen in meinem Kopf nach.
„Es tut mir genauso weh wie dir Nev“, sagt er lang gezogen, als wären wir alte Kumpels.
Ich wette, dass es das nicht tut, denke ich bitter. Hier ist keinerlei Kameradschaft und lediglich Verrat.
Bradley hat mir gerade den Boden unter den Füßen weggezogen und jetzt ist er auch noch so unfassbar dreist, mich „Nev“ zu nenne, als ob wir alte Freunde wären. Der verschlagene alte Hund weiß genau, was er da tut.
Ich kann nicht länger an mich halten. „Wir hatten eine Abmachung Bradley“, beiße ich zurück, mein Ärger kocht über. „Ich habe dir alles zum Materialpreis gegeben. Das war ein guter Deal für dich.“
Der Verrat schmerzt. Wie konnte ich nur so blind sein, und seine wahren Intentionen nicht sehen? Aber das hat jetzt ein Ende. Damit kommt er mir nicht davon. Nicht, wenn ich noch ein Wörtchen mitreden kann.
Er zuckt nonchalant die Achseln, was mich in den Wahnsinn treibt. „Die Arbeit ist schlampig, Nev“, sagt er mit funkelnden Augen. „Ich werde draufzahlen und es neu machen müssen.“
Die Wut in mir lodert auf. Wie habe ich das nicht kommen sehen? Ich wurde vor Bradleys Ruf gewarnt, war aber so verzweifelt. Er hat mich in den Blick genommen, wie ein Aasgeier, der ein verwundetes Tier erspäht. Jetzt zuckt seine vernarbte Wange, als er meinen Blick trifft und ich verstehe, wie clever ich über den Tisch gezogen wurde.
Bradley Stern ist kein Freund. Er ist ein Wolf im Schafspelz und ich bin das Lamm.
„Du bist so ein Dreckstück“, rufe ich und hole aus, um ihn zu schlagen. Seine zwei Gorillas treten sofort vor und packen mich. „Ich hätte darauf hören sollen, was die Leute über dich sagen.“
„Es war schlampige Arbeit, Nev“, sagt er ruhig.
„Ich zeige dich an“, knurre ich.
„Versuchs doch“, sagt er. „Wenn du dir einen Anwalt leisten kannst, was ich stark bezweifele. Erste Geschäftsregel, Nev: Kenne deine Kunden. Ich muss mich jetzt um das Chaos hier kümmern, also verlass bitte dieses Büro oder du wirst rausgeworfen.“
„Hör auf, mich Nev zu nennen! Ich hab ’nen guten Job gemacht und du weißt das auch ganz genau.“
„Ja. Zu Beginn. Dann hab ich dir die Hälfte des Geldes gezahlt und alles ging den Bach hinab, nicht?“
Die Häuser, die ich gebaut habe, sind perfekt und das weiß er auch ganz genau. Er wird sie innerhalb weniger Wochen vermieten können, Geld mit ihnen verdienen, während ich vor dem Nichts stehe. Nachdem ich die Bauarbeiter bezahlt habe, kann man von Glück reden, wenn ich noch 2000 Pfund übrighabe. Das alles, während mir Carol wegen des Unterhalts im Nacken sitzt und damit droht, gerichtlich gegen mich vorzugehen.
„Ich kann sie dich nicht sehen lassen, Nev. Nicht, solange du uns nicht unterstützt“, hatte sie gesagt.
Sobald Bradley die erste Rechnung beglichen hätte, hätte ich ihr den Unterhalt für die nächsten drei Monate gegeben und das, was ich ihr schulde, zurückgezahlt. Jetzt kann ich gerade mal so meine Schulden abbezahlen, aber wie ich die nächste Rate begleichen soll, weiß ich nicht.
„Ich sag dir mal was“, sagt Bradley betont herzlich und tippt mir auf die Schulter. Ich schüttele in ab. Gerade könnte ich den Mistkerl umbringen. „Vergiss mal den ganzen Anzeigen- und Gerichtsunsinn und ich erzähle niemanden, wie schlecht deine Arbeit war.“
„Meine Arbeit war nicht schlecht“, brülle ich.
„Das ist die Abmachung, Nev. Und jetzt gottverdammt noch mal raus aus meinem Büro, bevor ich meine Meinung ändere.“
Seine Handlanger machen einen Schritt nach vorne, aber die Befriedigung gebe ich ihnen nicht. Ich mache auf dem Absatz kehrt und verlasse den Raum.
Ich brauch zehn Minuten zu Fuß, bis ich in der Stadt bin und ich steuere direkt den Pub The Crown an. Eine Kellnerin läuft mit einem Teller Fish and Chips an mir vorbei. Mein Magen grummelt.
„Ploughman’s?“, fragt George, der Besitzer.
„Heute nicht. Nur ein Pint.“
„Ich brings dir rüber.“
Ich setze mich und zu meinem Entsetzen wandern meine Gedanken zu Arten, wie ich dem Ganzen hier ein Ende setzen könnte. Tabletten? Ich wüsste nicht, welche. Erhängen? Würde ich vermutlich vermasseln. Vielleicht sollte ich mich vor den nächsten Bus werfen. Oder ich könnte den Autoauspuff nutzen … Ich erschrecke, als George das Pint vor mich stellt.
„Ich habe grade erst den Kerlen da erzählt“, sagt er und nickt zu einem Tisch mit Anzugträgern, „was ein großartiger Bauunternehmer du bist. Hab ihnen den Anbau gezeigt, den du hier gemacht hast. Einer von denen sucht noch wen. Willst du, dass ich dich vorstelle?“
Schicksal, oder was?
Hier sitze ich, denke über Suizid nach und dann stellt sich heraus, dass es da vielleicht doch eine schützende Hand gibt, die über mich gehalten wird. „Klar“, sage ich und nehme mein Pint.
Ich folge George und die Männer schauen auf. Sie tragen schicke Anzüge und strahlen Selbstbewusstsein aus. Das sind solche, die sich nie um unbezahlte Rechnungen oder Pfändungen Sorgen machen müssen.
„Das ist Neville Logan“, sagt George, „der Bauunternehmer, von dem ich euch erzählt habe.“
Einer von ihnen erhebt sich und streckt mir seine Hand entgegen. „Schön, Sie kennenzulernen. Ich bin Daniel Neal. Meine Frau und ich kaufen ein Haus, das dringend renovierungsbedürftig ist. Wir haben die entsprechenden Baupläne entwerfen lassen, aber noch nicht den passenden Bauunternehmer gefunden.“
„Wo?“, frage ich.
„Bitte?“
„Wo ist das Haus?“
„Bei Wootton.“
Ich nicke. „Nette Gegend.“
Er sieht unsicher aus. Vielleicht erwartet er mehr Enthusiasmus von mir.
„Wir haben schon ein paar Bauunternehmer getroffen, aber bisher hat es nicht gepasst. Vielleicht könnten Sie heute Abend bei uns vorbeischauen, die Pläne ansehen?“
„Du wirst nen verdammt guten Whisky kriegen, wenn du da bist“, meldet sich nun der andere Mann am Tisch zu Wort.
Neal scheint sich wieder unwohl zu fühlen. Der andere Mann winkt George herbei, als sei er ein Kellner. „Drei weitere Shots, mein Guter.“
Reicher Schnösel, denke ich. Er wirkt aufgedreht und ich bezweifle, dass daran nur der Alkohol schuld ist.
Ich wende mich wieder Neal zu. „Geben Sie mir Ihre Adresse. Welche Uhrzeit?“
„Meine Frau hat heute tagsüber Dienst. Sie ist Chirurgin am Churchill Krankenhaus.“
Oh, fantastisch. Die Ehefrau ist Ärztin. Fettes monatliches Gehalt.
„Wir könnten um 20:00 Uhr.“
Ich habe wirklich rein gar nichts vor, also sage ich zu. „Okay“, sage ich und exe meinen Shot.
Er notiert seine Adresse. Sie kommt mir bekannt vor: ein schicker Wohnkomplex ungefähr zwei Kilometer von meiner schäbigen Wohnung in Cowley entfernt. „Bis später“, sage ich und kehre an meinen Tisch zurück. „Vielleicht nehme ich jetzt doch das Ploughmans“, sage ich George.
Später, gestärkt mit gutem Brot und Käse, verlasse ich den Pub und laufe zu Carol. Das Törchen knarzt, als ich es aufstoße, und sie öffnet die Tür, bevor ich klopfen kann.
„Die Kinder sind zum Abendessen bei meinen Eltern“, sagt sie.
„Das ist okay“, antworte ich und versuche, meine Enttäuschung zu verbergen. Ich ziehe meinen Geldbeutel hervor und gebe ihr das Geld. Sie zählt es, dann schaut sie auf. „Ich weiß“, sage ich. „Stern hat mich verarscht. Er bezahlt den Rest nicht.“
Sie seufzt. „Um Himmels willen, Nev, das ist einfach nicht genug. Das ist noch nicht einmal das, was du uns schuldest.“
„Ich weiß. Ich brauche den Rest für meine Miete.“ Sie rollt mit den Augen. „Bitte“, sage ich und greife sie vorsichtig am Arm. „Ich habe was anderes in Aussicht, einen neuen Job. Es ist eine große Renovierung. Ich werde dir alles zurückzahlen. Lass mich doch bitte die Kinder nur einen Samstag haben.“
Sie beißt sich auf die Lippe und denkt nach. „Es ist schwer ohne deine Unterstützung, Nev. Wenn meine Eltern nicht wären …“
„Einen Samstag?“, flehe ich.
Sie nickt. Erleichterung durchströmt mich.
Ich habe ein gutes Gefühl bei diesem Neal-Job. Vielleicht, ganz vielleicht, geht es endlich bergauf.
Kapitel vier
Daniel
Der Tag der Entführung
Ich nehme den Aufzug zu unserem Apartment, entriegele die Tür und rufe durch die Wohnung.
„Hey, entschuldige, dass ich spät bin. Ich hab im Restaurant angerufen und –“
Joel kommt aus der Küche geflitzt. „Daddy!“, ruft er und wirft sich mir in die Arme.
„Hey, Großer.“
Seine strahlend blauen Augen funkeln, als ich ihn hochhebe und ihm eine feste Umarmung gebe. Zu meiner Überraschung sehe ich Nicola, unsere Kinderfrau, hinter ihm. Ich runzele die Stirn. Wollte sie nicht zu einer Geburtstagsfeier einer Freundin in London? Wir haben sogar eine Babysitterin organisiert, damit sie ihren Bus rechtzeitig bekommt. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ist sie nicht glücklich. „Oh, Sie sind immer noch hier?“, frage ich verwirrt. „Ich dachte, Sie wollten nach London.“
Nicola ist toll. Sie passt gut in unsere chaotischen Dienstpläne und hat zum Glück eine eigene Wohnung, wir müssen also morgens nicht halb nackt mit unserer Kinderfrau im Haus herumschleichen.
„Mrs Neal ist immer noch nicht zu Hause. Ich habe versucht, sie zu erreichen, und musste meine Pläne absagen, weil ich den Bus verpasst habe. Ich habe auch versucht, Sie zu erreichen“, sagt sie, augenscheinlich genervt.
„Oh wirklich?“ Ich überprüfe mein Handy. Tatsächlich, da ist ein verpasster Anruf von Nicola. Ich war in einem Meeting und hatte das Handy auf stumm. Ich schaue zu ihr. Es ist das erste Mal, das ich sie wütend sehe. „Scheiße“, murmele ich.
„Daddy!“, tadelt mich Joel.
„Entschuldige. Daddy sollte nicht fluchen“, sage ich. „Es tut mir so leid Nicola. Jo sollte eigentlich früh zu Hause sein. Entschuldigen Sie, dass ich Ihren Anruf verpasst habe.“ Die Gegensprechanlage summt. „Vielleicht ist sie das ja“, sage ich hoffnungsvoll, auch wenn ich weiß, dass Jo ihren Schlüssel benutzen würde. Ich öffne die Tür und sehe die Babysitterin, wie sie mir lächelnd auf dem Flur entgegenkommt.
„Hey“, zwitschert sie.
„Ich habe zwei Mal versucht Mrs Neal zu erreichen“, sagt Nicola und nimmt ihre Tasche vom Haken. „Habe ihr auch geschrieben. Keine meiner Nachrichten wurden gelesen.“
„Es tut mir leid, Nicola. Wir bezahlen Sie natürlich hierfür.“
Sie sieht mich an, die Enttäuschung steht ihr ins Gesicht geschrieben. „Es geht mir nicht ums Geld“, antwortet sie und geht.
Super. Jetzt ist sie wirklich gekränkt. Die Babysitterin steht derweil in der Tür und wartet auf weitere Anweisungen. „Eine Sekunde“, sage ich.
Ich überprüfe Jos Standort auf Google Maps und sehe, dass sie offline ist. Die Nachricht, die ich ihr vorhin geschrieben habe, ist ungelesen und ein merkwürdiges Engegefühl macht sich in meiner Brust breit.
Ich rufe das Krankenhaus an, wo mir bestätigt wird, dass Jos Schicht um vier Uhr zu Ende war. Es ist nur ein fünfzehnminütiger Gehweg vom Krankenhaus zu uns. Ich versuche erneut, sie auf dem Handy zu erreichen, werde aber direkt an die Mailbox weitergeleitet.
Ich rufe Gil an. Bitte sag mir nicht, dass Jo was trinken gegangen ist. „Hallo, Mr Romantik“, begrüßt sie mich lachend. Ich höre Stimmengewirr und Glasklirren im Hintergrund.
„Ist Jo bei dir?“, frage ich, mein Ton schärfer als beabsichtigt.
„Nein, wir haben uns nach dem Schwimmen getrennt. Warum?“
„Wann war das?“
„Um kurz vor fünf, glaube ich. Warum Danny?“ Ihr Ton hat sich verändert, sie merkt, dass etwas nicht stimmt.
„Wir hatten Pläne fürs Abendessen. Sie ist nicht zu Hause. Die Kinderfrau ist genervt, weil sie eigentlich früher hätte gehen sollen. Hat Jo gesagt, wo sie hin möchte?“
Die Hintergrundgeräusche werden leiser und durch Verkehrsgeräusche ersetzt. Gil muss nach draußen gegangen sein.
„Sie muss unsere Verabredung vergessen haben“, sage ich.
„Hat sie nicht. Sie hat sich am Fitnessstudio von mir verabschiedet und gesagt, dass sie direkt nach Hause gehen würde. Sie wollte nur einen kurzen Zwischenstopp machen, um für Joel einen Comic zu kaufen.“
Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Sieben. Sie hätte vor Stunden zu Hause sein sollen.
„Das war vor zwei Stunden“, sagt Gil und spricht aus, was ich denke.
„Ich rufe ihre Eltern an. Danke Gil.“
„Halt mich auf dem Laufenden“, sagt sie und ich höre die Anspannung in ihrer Stimme.
„Nein, sie ist nicht hier“, sagt Jos Vater, Donald, als ich ihn anrufe.
„Sie ist bestimmt noch auf der Arbeit. Du weiß doch, wie sie ist.“
„Ja. Danke. Ich versuche es noch mal.“
Joel zieht an meinen Hosen. „Mami?“
„Sie ist auf dem Weg mein Schatz.“
Ich werfe einen Blick zu der Babysitterin, deren Namen ich vergessen habe.
„Könntest du kurz?“, frage ich und nicke zu Joel.
„Klar“, antwortet sie und nimmt seine Hand.
„Snack“, sagt Joel zu ihr und zieht sie zum Kühlschrank. Ich muss lächeln. Er wird ein kleiner Rabauke sein, wenn er älter ist. Bei Jos Handy werde ich immer noch nur mit der Mailbox verbunden. Ich hinterlasse Nachricht nach Nachricht. Insgesamt rufe ich sie drei Mal an und sende ihr drei Nachrichten auf WhatsApp, wovon alle ungelesen bleiben. Ich storniere die Reservierung, bezahle die Babysitterin und bestelle ihr ein Taxi.
Dann klingelt mein Handy. Unterdrückte Nummer. Ich antworte sofort. „Jo?“
„Ich bin es, Gil. Ist sie immer noch nicht zu Hause?“
„Nein“, sage ich tonlos.
„Ich habe versucht, sie auf ihrem Handy zu erreichen, aber ich werde immer nur an die Mailbox weitergeleitet. Hast du schon in den Krankenhäusern angerufen? Falls sie einen Unfall hatte?“
Mir dreht es den Magen um. „Nein. Ich habe nicht daran gedacht …“
„Ich kümmere mich“, sagt Gil und legt auf.
Ich gehe nervös auf und ab. Minuten vergehen.
Sie ruft mich zurück. „Niemand, auf den ihre Beschreibung passt, wurde irgendwo eingeliefert. Danny, ich glaube, du solltest die Polizei rufen.“ Ihre Stimme zittert. „Ich komme vorbei.“
Kapitel fünf
Josie
„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du mir erzählt hast, dass du heute Abend unterwegs bist“, sagt Geoff und schaut mich missmutig an.
Ich seufze. „Ich habe dir vor einem Monat erzählt, dass der Polizeioberrat in den Ruhestand versetzt wird, und habe dir auch letzte Woche von seiner Abschiedsfeier erzählt“, erinnere ich ihn. Aber wie immer hast du mir einfach nicht zugehört.
Ich schiebe zwei Pizzen in den Ofen, öffne den Kühlschrank und hole eine Schüssel Fertigsalat raus. „Alles für dich“, sage ich zu Geoff. „Du musst nur den Jungs was zu essen geben, sobald die Pizzen fertig sind.“
„Das sollte machbar sein, denke ich“, murrt er vor sich hin. „Es ist nur so, dass heute eigentlich das Dartfinale im Pub gezeigt wird und wir hätten ja auch einfach die Babysitterin fragen können …“
Ich verdrehe die Augen und versuche, bis zehn zu zählen, aber bereits bei vier reißt mir der Geduldsfaden. „Um Himmels willen Geoff, wann bitte gehe ich überhaupt jemals aus? Es ist ja nicht so, als wärest du Teil des Dartteams. Ich bin nur dann abends unterwegs, wenn ich verdammt noch mal arbeite.“
„Schlechtes Timing schätze ich“, meint er.
Ich entscheide mich für einen Themenwechsel. „Bitte lass sie nicht den ganzen Abend am iPad spielen.“
„Verstanden“, sagt er. Ich weiß, dass er es trotzdem tun wird.
„Gut“, sage ich und werfe einen kurzen Blick in den Spiegel, der im Flur hängt. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, mich geschminkt zu sehen. In meinem Job wird nicht sonderlich viel Wert auf Äußerlichkeiten gelegt und ich habe das Gefühl, bereits den Zenit meiner Attraktivität überschritten zu haben. Stattdessen nähere ich mich beständig den Wechseljahren, graue Haare und Dehnungsstreifen inklusive. Ich sollte vermutlich anfangen, mir die Haare zu färben, kann mir aber nicht vorstellen, dass Geoff von den Friseurkosten sonderlich begeistert wäre.
Ich lächele meinen zwei Jungs zu, die gerade dabei sind, das Knoblauchbrot zu verputzen. „Also, von mir bekommt ihr zwei heute aber keinen Abschiedskuss.“ Ich werfe ihnen einen Luftkuss zu und verlasse das Haus. Mein Partner, Dario, hat angeboten, mich abzuholen, und wartet draußen.
Dario Gonzáles ist seit acht Jahren trocken und entsprechend der perfekte Taxifahrer. Er ist außerdem der schönste Mann, mit dem ich jemals gearbeitet habe. Sein Gesicht mit seinem dunklen Teint und den braunen Augen ist ungemein anziehend; insbesondere wenn er lacht und seine Augen dabei verschmitzt funkeln. Auch seine wilden schwarzen Locken tragen zu diesem Effekt bei. Ich bin mir ziemlich sicher, dass einige der Single-Polizistinnen heute Abend versuchen werden, ihn zu beeindrucken, aber seit seiner Scheidung und nachdem er wegen seines Trinkens das Sorgerecht verloren hat, hat er kaum romantisches Interesse für irgendwen gezeigt.
„Bereit für eine wilde Nacht, Kommissarin Blackford?“, fragt er und lächelt mir zu.
Roger, der Polizeioberrat, hat einen privaten Raum im Wiltshire Pub gebucht. Tatsächlich sind so soziale Events gar nicht mein Ding. Ich mache meinen Job gut, da fühle ich mich sicher. Soziale Interaktionen wiederum … Egal, zu der Ruhestandsfeier des Chefs muss ich einfach gehen.
Dario auf der anderen Seite ist selbstbewusst, was so was betrifft, und steuert zielstrebig auf den Pub zu. Wir sind gerade im Begriff, runter zu Pablos Raum zu gehen, als jemand meinen Namen ruft.
Ich drehe mich um und sehe Gil Peterson, die auf einem Hocker an der Bar sitzt. Ich kenne Gil, seit wir gemeinsam an einem Fall von Kindesmissbrauch gearbeitet haben. Das war vielleicht einer meiner schlimmsten Fälle und er hat uns alle über mehrere Monate völlig fertiggemacht. Dr. Joanna Neal, Gil und ich, gemeinsam mit ein paar anderen Beamten, haben alle die Beerdigung besucht. Ich erinnere mich, dass Joanna Neal untröstlich war.
„Wow, schau mal einer an, Miss Glam“, sagt Gil bewundernd.
„So außergewöhnlich ist es jetzt auch nicht“, sage ich und versuche, ihre Reaktion runterzuspielen. „Es ist eine Ruhestandsfeier, also dachte ich mir, die Mühe lohnt sich.“
„Oh, ist da etwa eine Beförderung in Aussicht?“, fragt sie. Sie ist perfekt zurechtgemacht und hält ein Glas Rotwein fest in der Hand.
„Du bist hier die Miss Glam“, sage ich.
„Ich habe ’nen Date, Süße. Wenn er denn kommt – das weiß man ja nie.“
„Nicht schon wieder jemand von Tinder, hoffe ich“, sage ich.
„Doch.“
„Schreib mir bitte, wenn er da ist und gib kurz durch, wo ihr hingeht. Wenn ich innerhalb von einer Stunde nichts von dir höre, ruf ich dich an.“
„Ein bisschen dramatisch, findest du nicht? Du bist fast noch schlimmer als Jo.“
„Nicht heutzutage. Wie auch immer, wenn er nicht kommt, schau gerne bei uns unten in Pablos Raum vorbei.“
„Danke, das mache ich vielleicht.“ Sie nickt in die Richtung von Dario, der immer noch auf mich wartet. „Er ist nicht zufällig auf Tinder?“
„Nicht so sein Ding. Ich hoffe, dein heißes Date kommt noch.“
Die Feier in Pablos Raum ist schon in vollem Gange. Prosecco Flaschen werden geöffnet und Häppchen sind an einem langen Tisch aufgereiht.
„Prosecco?“, fragt mich Dario. Ich nicke. Dann zwinge ich mich dazu, mich ein wenig unter die Leute zu mischen, begrüße einige meiner Kollegen und stelle mich unbekannten Gesichtern vor. Die, die mich kennen, fragen, wo Geoff ist, was schnell ziemlich ermüdend wird. Ich atme erleichtert auf, als ich schließlich Gil erspähe, wie sie den Raum betritt. „Der Trottel ist nicht mehr gekommen“, sagt sie. „Weiß gar nicht, warum mich das überhaupt noch überrascht.“
Wir setzen uns mit Schüsseln voll mit Häppchen und Gläsern gefüllt mit Prosecco hin, bis wir ein wenig angetrunken sind. Gil flirtet völlig schamlos mit Dario und versucht ihn von dem Prosecco zu überzeugen.
„Ich bin Fahrer“, sagt er zu ihr und dreht sich dann flüsternd zu mir: „Kannst du ihr nicht erzählen, dass ich schwul bin?“
„Na ja, das wäre ja eine Lüge, oder? Außerdem glaube ich nicht, dass das irgendwas für sie ändern würde, sage ich und muss lachen.
Von dem ganzen Prosecco ist mir ein wenig schwindelig und ich nehme mir eine Bratwurst vom Essenstisch. Als ich zurückkomme, höre ich ein Handy klingeln.
„Ist das deins?“, frage ich.
Gil greift in ihre Handtasche. „Vielleicht ist es Mr Tinder“, sagt sie und kichert. Sie scheint die Stimme zu kennen und lacht „Hallo, Mr Romantik.“
„Mr Tinder“, sage ich und lächele Dario zu.
„Nein, wir haben uns nach dem Schwimmen getrennt. Warum?“, sagt Gil und ihr Ausdruck verändert sich. „Um kurz vor fünf, glaube ich. Warum Danny?“ Sie steht auf und entschuldigt sich. Ich spüre sofort, dass irgendwas nicht stimmt, möchte sie aber nicht damit belästigen. Sie kommt mit einem besorgten Ausdruck zurück und ich frage sie, ob alles in Ordnung ist. Sie zwingt sich zu lächeln und trinkt den letzten Schluck aus ihrem Glas.
„Alles ist gut“, sagt sie.
Ein paar Minuten später ruft sie jemanden an und sagt dann, dass sie jetzt losmuss.
„Sei vorsichtig“, sage ich. „Schreib mir später.“
Sie nickt, meldet sich aber nie.
Kapitel sechs
Neville
Vor der Entführung
Joanna Neal zieht mich von der ersten Sekunde an in ihren Bann. Das liegt nicht allein an ihrer offensichtlichen Schönheit, sondern vielmehr an der Wärme und Gutherzigkeit, die sie ausstrahlt. Sie heißt mich mit offenen Armen willkommen. Sie ist erfrischend bescheiden und nahbar, was in krassem Kontrast zu der Abgehobenheit steht, die ich erwartet habe. Reichtum geht in meiner Erfahrung häufig mit einer gewissen kühlen Distanziertheit einher, aber Joanna ist die absolute Ausnahme und begegnet mir mit einer Gastfreundlichkeit, die mir viele andere zuvor nicht entgegengebracht haben.
„Hätten Sie gerne einen Kaffee, einen Tee … oder vielleicht auch ein Glas Wein? Wir haben gerade erst eine neue Flasche geöffnet“, bietet sie großzügig an. Ich habe schon viele reiche Leute kennengelernt, aber kaum jemand hat mir jemals eine Tasse Tee, geschweige denn was Stärkeres angeboten. Ich kann die Überreste ihres chinesischen Essens riechen.
„Oder den Whiskey, wie versprochen“, fügt Neal hinzu.
„Danke. Ein Glas Wein wäre toll.“
Das Wohnzimmerfenster ist so groß, dass es mich an ein Schaufenster erinnert. Es ist dreifach verglast und so klar, dass mich das Panorama an einen HD-Kinobildschirm erinnert. Der Ausblick ist atemberaubend. Man kann von hier aus über ganz Oxford schauen. Die Vögel rauschen vorbei, angetrieben vom Wind, der durch die Turmspitzen pfeift, als wollten sie uns daran erinnern, dass das hier ihr Herrschaftsgebiet sei. Die Stadt unter uns liegt in solch einer Ferne, als befänden wir uns in einer anderen Welt.
Daniel Neal wirkt auf mich viel weniger gekünstelt, jetzt, wo er nicht mehr mit seinem Anzugfreund unterwegs ist.
„Nettes Apartment“, sage ich und nehme ein Glas Wein von ihm entgegen. Von irgendwo in der Wohnung kann ich ein Kind husten hören. „Babyphone“, erklärt Joanna. „Er hatte einen kleinen Infekt, ist jetzt aber wieder gesund. Haben Sie Kinder?“
„Zwei Mädchen“, sage ich. „Ich bin geschieden, also sehe ich sie nur jedes zweite Wochenende.“
Ihr Gesicht verdunkelt sich. „Oh, das tut mir leid“, sagt sie und ich kann sehen, dass sie es ernst meint.
Die Wohnung ist luxuriös, aber durchaus bewohnt. Spielzeug ist überall im Raum verstreut, aber die Inneneinrichtung ist definitiv von einem Profi designt. Die Sofas und Stühle passen perfekt zu den langen Vorhängen am Fenster, nicht dass man hier oben überhaupt Vorhänge bräuchte. Auch die Lampen sind von einem Designerlabel und der große Teppich, der den Flur bedeckt, muss ein Vermögen gekostet haben.
Daniel verschwindet kurz in der Küche und kommt mit einem Brett, das mit Käse und Crackern belegt ist, zurück. Ich muss an Bradley Stern denken und lache beinahe über die Ironie der Situation: Alles, was ich von ihm bekam, waren Beschimpfungen, Verrat und vielleicht ein kleiner guter Rat: „Erste Geschäftsregel, Nev, kenne deine Kunden.“
„Was arbeiten Sie“, frage ich Neal.
„Ich bin Finanzvorstand bei Lance and Holland.“
„Okay, ich werde Ihre Dienste nicht in Anspruch nehmen müssen“, sage ich, ohne groß darüber nachzudenken.
Beide schauen mich verwirrt an, also versuche ich mich zu erklären. „Mein letzter Kunde hat mich um hunderttausend Pfund betrogen“, füge ich hinzu. „Meine Firma hat die neuen Häuser an der A434 gebaut.“
„Aber die sind großartig“, sagt Joanna.
Ich lächle. „Danke. Er hat sie schlampig genannt und sich geweigert die Rechnung zu zahlen. Mittlerweile weiß ich, dass ich nicht die erste Person bin, bei der er das gemacht hat.“ Ich trinke meinen Wein aus, der eindeutig ein sehr guter Wein ist, und stehe auf. „Also, danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, aber ich bin mir sicher, dass Sie einen besseren Bauunternehmer finden können, bei dem die Leute nicht munkeln, er arbeite schlecht oder schlampig.“
Ich bin schon an der Eingangstür angekommen, als Joanna sich zu Wort meldet: „Nein, wir würden Sie gerne einstellen. Wir denken nicht, dass Ihre Arbeit schlecht ist. Wir haben von Bekannten so gute Dinge über Ihre Arbeit gehört.“
„Das denke ich auch“, sagt Daniel. „Was halten Sie davon, dass wir Ihnen unsere Pläne einmal zeigen und schauen, was Sie dazu sagen.“
Ich werfe einen interessierten Blick auf die Pläne. Sie wissen definitiv, was sie wollen. Ich kann nicht anders, als das Offensichtliche zu fragen. „Wenn ich fragen darf, warum möchten Sie ein Haus kaufen, wenn Sie dieses wunderschöne Apartment haben?“
Joanna schaut mich ein wenig beschämt an und ich fühle mich sofort schlecht. Das sollte nicht verurteilend klingen, ich war einfach neugierig.
„Ich bin Chirurgin“, erklärt sie. „Die Wohnung hier ist praktisch, wenn ich Rufbereitschaft habe. Das Krankenhaus ist direkt um die Ecke und es ist viel angenehmer, in meinem eigenen Bett zu schlafen. Was wir aber schon immer wollten, ist ein Haus auf dem Land.“
Ich nicke. „Alles klar, geben Sie mir gerne die Pläne. Soweit ich das in der Kürze beurteilen kann, sollte es keine Probleme geben. Ich melde mich dann noch einmal mit dem Kostenvoranschlag.“
Neal begleitet mich zur Tür. „Vielen Dank Ihnen“, sagt er.
Das werden gute Arbeitgeber sein, denke ich dankbar.
Kapitel sieben
Daniel
Der Tag der Entführung
„Glaubst du nicht, es ist ein bisschen übertrieben, die Polizei zu rufen?“, frage ich.
„Wir haben nur ein paar Stunden nichts von ihr gehört.“
Joel ist damit beschäftigt, zufrieden eine Zeichentricksendung auf dem Fernsehen zu schauen, und der Geräuschpegel treibt mich in den Wahnsinn.
„Sie hat das Fitnessstudio vor über drei Stunden verlassen, um nach Hause zu gehen. Ihr wäret jetzt eigentlich im Restaurant verabredet. Und warum geht sie nicht ans Handy?“, sagt Gil. „Und warum würde sie ihren Google-Standort deaktivieren? Das passt alles so gar nicht zu ihr.“
„Machen das nicht Leute, die eine Affäre haben?“, frage ich gereizt.
Gil schaut mich schockiert an. „Danny, das ist absolut lächerlich.“
„Ist es das?“
Jo und ich haben die Google-Standortverfolgung vor Jahren eingerichtet, als einfache, praktische und beruhigende Maßnahme. Wenn einer von uns zu spät war, konnte der andere kurz den Standort überprüfen und brauchte sich nicht zu sorgen. Wir haben es ständig benutzt. Aber jetzt … jetzt hat sie die Standortverfolgung bei sich ausgeschaltet, was Absicht gewesen sein muss. Aber warum?
„Die Standortverfolgung ausschalten, ist es nicht das, was Leute tun, wenn sie nicht wollen, dass man weiß, wo sie sind?“, frage ich.
„Wenn sie wo ist, wo es kein Netz gibt, dann könnte sie ihren Standort gar nicht anschalten Danny. Und wenn es da jemand anderen in ihrem Leben gäbe, was ich nicht eine Sekunde glaube, dann würde sie niemals Joel zurücklassen. Sie hat sich so auf euer gemeinsames Abendessen heute gefreut.“
„Tschuldigung, ich kann gerade nicht klar denken“, sage ich. „Ich verstehe einfach nicht, warum sie ihren Standort ausschalten würde; das hat sie vorher noch nie gemacht. Es ist fast so, als ob sie nicht erreichbar sein möchte, aber das ergibt gar keinen Sinn.“
„Jo ist so gut im Kommunizieren“, sagt sie und zögert für einen Moment.
„Was ist?“, frage ich, weil ich das Gefühl habe, dass sie mir etwas verschweigt.
„Es ist ein bisschen merkwürdig. Nach dem Schwimmen hat sie davon geredet, wie viel Sorge sie davor hat, dass etwas Schlimmes passiert. Sie meinte, sie sei abergläubig, weil euer Leben gerade so perfekt sei.“
Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „Perfekt?“, ich muss beinahe lachen. Das perfekte Leben? Wenn es doch nur so wäre. Vielleicht trifft diese Fantasie auf Jos reiche, tadellose, unantastbare Eltern zu. Aber auf uns? Wohl kaum.
„Ich weiß ja auch nicht, Danny“, sagt Gil leise. „Sie war wahrscheinlich nur ein bisschen abergläubig. Ich finde trotzdem, dass du die Polizei rufen solltest.“
Ich schüttele den Kopf. Ich wünschte, sie würde aufhören, ständig von der Polizei zu reden. „Es ist zu früh. Sie kommt schon wieder. Es gibt bestimmt eine gute Erklärung für das alles.“
Dann vibriert mein Handy, das auf dem Tisch liegt. Wir halten beide inne.
„Siehst du?“, sage ich, „das ist sie bestimmt“.
„Oh bitte, lieber Gott“, flüstert Gil.
Jos Name blitzt auf dem Bildschirm auf. Maßlose Erleichterung durchströmt mich.
„Es ist Jo“, sage ich und hebe schon ab. Gil lässt sich erleichtert aufs Sofa fallen.
„Jo? Wo zur Hölle bist du? Wir haben uns verdammt noch mal solche Sorgen –“ Die Stimme eines Mannes bringt mich zum Verstummen. Kühl. Bestimmt. „Mr Neal? Oder sollte ich Sie Danny nennen?“
Der Raum beginnt sich um mich zu drehen.
„Wer ist da?“, frage ich. „Was machen Sie mit dem Handy meiner Frau?“.
Gil keucht auf.
„Sie braucht es gerade nicht“, antwortet der Mann gleichgültig. „Und machen Sie sich nicht die Mühe, es anzurufen. Es wird bald keinen Empfang mehr haben. Hören Sie jetzt einfach gut zu und unterbrechen Sie mich nicht. Ihre Frau ist bei mir. Ihr geht es bis jetzt gut. Sie wird in einigen Tagen wieder bei Ihnen sein, ganz nett und gemütlich, aber dafür brauche ich etwas im Gegenzug.“
Ich bringe keinen Ton hervor. Der Raum schrumpft um mich zusammen. Ich greife das Handy fester.
„Zwei Millionen“, fährt er fort. „Die Hälfte am Ende der Woche. Den Rest nächste Woche. Dann geschieht ihr nichts. Wenn Sie aber die Polizei rufen … dann wird euer kleines perfektes Leben bald vielleicht nicht mehr so perfekt sein.“
Zwei Millionen. Die Worte hallen durch meinen Kopf, nutzlos und unreal. „Sie sind verrückt“, bringe ich heraus. „Ich kann so kurzfristig nicht so viel Geld besorgen.“
Die Vorstellung von zwei Millionen Pfund schwirrt wie wild durch meinen Kopf und es fühlt sich auf einmal an, als ob ich unter Wasser wäre.
„Aber ihre Eltern haben das Geld“, sagt der Mann unaufgeregt. „Es geht um Ihre Frau. Das ist Ihre Entscheidung. Ich melde mich dann noch einmal. Und Danny – ich werde ein Auge auf Sie haben.“
Die Verbindung bricht ab. Ich starre auf das Handy und spüre Gils Blick auf mir. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich eile in die Küche und fülle ein Glas mit Wasser.
„Was zur Hölle ist los?“, fragt Gil, sie ist mir in die Küche gefolgt. „Wurde sie entführt?“, ihre Stimme zittert.
Ich bin wie gelähmt und alles, was ich zustande bringe, ist ein stummes Nicken.
Ihre Augen weiten sich vor Schock. „Oh mein Gott. Wer um Himmels willen würde Jo entführen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Kam dir die Stimme bekannt vor?“
„Nein.“
„Wie viel wollen sie?“
„Zwei Millionen.“
„Zwei Millionen“, wiederholt sie ungläubig.
Der Fernseher scheint mir auf einmal unerträglich laut und ich schalte ihn leiser. Joel, der von all dem nichts ahnt, schaut unwissend weiter.
Gil legt mir eine Hand auf den Arm. „Wir müssen die Polizei rufen Danny.“
„Nein“, sagte ich abrupt. „Er hat gesagt, keine Polizei. Ich muss versuchen, irgendwie an das Geld zu kommen. Er muss sich über sie informiert haben. Er weiß, dass ihre Eltern reich sind.“
„Es gibt bei der Polizei Experten, die sich mit solchen Sachen auskennen und die passende Ausrüstung haben, solche Anrufe nachzuverfolgen. Vielleicht könnten sie sogar ihre aktuelle Position orten. Wir könnten sie in ein paar Stunden wieder bei uns haben, Danny.“
Mein Herz hämmert so laut, dass ich kaum klar denken kann. Ich darf keine Fehler machen.
„Wer sagt dir, dass sie mit zwei Millionen genug haben und nicht mehr wollen“, fährt sie fort.
„Sie?, frage ich. „Warum sagst du sie?“
„Du weißt nicht, wie viele dahinterstecken“, sagt Gil und bricht in Tränen aus.
„Er meinte, er würde mich im Auge behalten“, sage ich. „Wenn er rausfindet, dass wir zur Polizei gegangen sind …“
Gil reißt ein Stück Küchenrolle ab und wischt sich damit über die Augen. „Oh mein Gott, was sollen wir nur tun?“
Ich kaue nervös an meiner Lippe und denke an Julia und Donald. Mit all dem Geld, das sie haben, würden ihre Eltern doch sicher helfen?
„Keine Polizei, Gil. Versprich es mir. Ich rede mit Julia und Donald. Sie werden das Lösegeld schon bezahlen. Bleibst du derweil bei Joel?“
Ich kann ihr ansehen, dass sie mit meiner Entscheidung nicht zufrieden ist, aber sie nickt. „Kann ich vorher noch eine rauchen?“, fragt sie und holt mit zittrigen Händen ein Päckchen aus ihrer Handtasche.
„Keine Polizei, Gil.“
Sie schaut mich missbilligend an, nickt aber schließlich. Joel ist sich glücklicherweise all dessen nicht bewusst, er schaut weiterhin ahnungslos Fernsehen.
„Joel, Dad muss kurz los zu Oma und Opa. Gil bleibt in der Zwischenzeit bei dir.“
Er schaut mich an. „Mummy?“
„Auf der Arbeit. Sie ist bald zu Hause.“
Ich schaue Gil dabei zu, wie sie auf der Veranda ihre Zigarette raucht. Sie tupft sich ununterbrochen die Augen. Als sie wieder reinkommt, greife ich nach dem Autoschlüssel.
„Versprich mir, dass du die Polizei nicht alarmierst, Gil. Ich will nicht, dass Jo irgendwas passiert.“
„Mach ich nicht“, versichert sie mir. „Geh schon.“