Kapitel 1
»Das schmeckt mir nicht«, verkündete Fiona Nash, während sie eine weitere Schicht Clotted Cream auf den halb aufgegessenen Scone in ihrer linken Hand strich. »Er ist sehr trocken, fast schon altbacken. Mindestens einen Tag alt, wenn nicht sogar zwei.«
Violet Brewster sah zu, wie ihre Freundin einen weiteren Bissen nahm. »So schlimm kann er doch nicht sein, Fi, sonst würdest du ihn ja nicht essen.«
Fiona zuckte mit den Schultern. »Ich erfülle nur meine Pflicht«, erwiderte sie. »Ich schaue mir die Konkurrenz an.«
Es war Sonntagnachmittag, und sie saßen im The Cuckoo’s Boot – dem neu eröffneten Café im Bluebell Hill Garden Centre. Es war ein heller und luftiger Raum, dessen Einrichtung aus trendigen, nicht zueinander passenden Tischen und Stühlen bestand und der mit mehreren großen, üppig wachsenden Zimmerpflanzen geschmückt war. Violet neigte den Kopf und bewunderte die hohe Decke, das subtile Dekor und das entspannte Ambiente des Ortes.
»Es ist nur ein Café, Violet«, sagte Fiona. »Du musst nicht so überwältigt aussehen.«
Violet nahm wieder einen neutralen Gesichtsausdruck an und ermahnte sich, dass sie nicht hier war, um Spaß zu haben. Die neue Teestube würde eine direkte Konkurrenz zu Fionas eigenem Café im beliebten Shopping Village von Merrywell darstellen. Violets Aufgabe an diesem Tag bestand darin, den konkurrierenden Veranstaltungsort genauer unter die Lupe zu nehmen und dessen mögliche Auswirkungen auf das Familienunternehmen der Nashs, Books, Bakes and Cakes (im Ort besser bekannt als BBC), einzuschätzen.
Fiona aß ihren Scone nach kornischer Art: reichlich Erdbeermarmelade, darauf die Clotted Cream. Violet hatte sich für die Devon-Variante entschieden und die Marmelade erst ganz zum Schluss darauf gestrichen.
»Mein Scone schmeckt gut«, meinte sie und leckte einen Klecks Sahne weg, der auf ihre Oberlippe gelangt war. »Natürlich nicht so gut wie einer von dir … aber nicht schlecht.«
Fiona seufzte verärgert und griff nach der Teekanne. »Der hier ist auch nicht gerade das Gelbe vom Ei«, sagte sie, während sie anfing, einzuschenken. »Zu schwach.«
»Versuch mal, in der Kanne zu rühren«, schlug Violet vor, die fand, dass ihre Freundin übermäßig kritisch war.
Violet tupfte sich mit einer Serviette die Mundwinkel ab und lehnte sich zurück, um die Gäste in der überfüllten Teestube zu beobachten. Es waren mehrere bekannte Gesichter aus dem Dorf zu sehen, darunter die Ratsvorsitzende Judith Talbot und ihr langmütiger Ehemann Andrew; Violets Nachbar Toby Naylor; sowie die begeisterte Hundeliebhaberin Lisa Wenham, die etwas deplatziert in der Ecke saß, ihren zerknitterten, gewachsten Mantel über die Stuhllehne geworfen und eine Einkaufstüte zwischen den Füßen eingeklemmt. Am Tisch am Fenster saßen Nigel und Sandra Slingsby, die sich langsam durch den Inhalt einer dreistöckigen Tortenplatte aßen.
»Da drüben sind Nigel und Sandra.« Violet lächelte und winkte dem Paar freundlich zu.
Fiona blickte kurz in ihre Richtung. »Verräter«, murmelte sie, während sie den Deckel der Teekanne abnahm und die Teebeutel zwischen zwei Löffeln auspresste. »Ich hatte damit gerechnet, dass ein paar Leute aus dem Dorf hier sein würden, aber nicht Nigel und Sandra. Die beiden gehören zu meinen treuesten Kunden – zumindest dachte ich das.«
»Ich bin mir sicher, dass sie nur hier sind, um ihre Neugier zu stillen«, erwiderte Violet. »Sie wollen sich hier umsehen, genau wie wir.«
»Das hätten sie auch bei einer Tasse Kaffee tun können«, sagte Fiona. »Aber wie ich sehe, haben sie einen kompletten Nachmittagstee bestellt.«
Violet lächelte. »Na, na, Fiona. Sei nicht so grummelig. Das ist ein freies Land. Die Leute können essen, was sie wollen, wo sie wollen. Allerdings glaube ich keine Sekunde lang, dass die Slingsbys ihre Loyalität ändern werden. Bevor du dich versiehst, sind sie schon wieder bei dir. Books, Bakes and Cakes liegt nur eine Minute zu Fuß von ihrem Haus entfernt, während das Gartencenter gut eine Meile südlich des Dorfes liegt. Sie mussten wohl ihr Auto nehmen, um hierherzukommen.«
Fiona schenkte sich noch etwas Tee nach, der nach ihren Bemühungen mit den Teebeuteln nun eine viel schönere Farbe hatte. »Da hast du recht, aber du kannst nicht leugnen, dass diese Teestube meinem Café Kundschaft wegnehmen wird. Die Leute sind wankelmütig. Wenn ein schickes neues Lokal eröffnet, neigen die Kunden dazu, zur Konkurrenz zu wechseln.«
»Die Einheimischen werden sicher neugierig sein, aber wart’s nur ab – sie werden diesen Ort ein- oder zweimal besuchen und dann schnell wieder zur BBC zurückkehren.« Violet lächelte. »Seien wir ehrlich, deine Backwaren sind unwiderstehlich.«
»Und täglich frisch gebacken.« Fiona stocherte in dem halb aufgegessenen Scone auf dem Teller vor sich herum. »Aber im Ernst, ich kann es mir nicht leisten, Kunden zu verlieren, auch nicht nur vorübergehend. Die Zeiten sind hart. Die Gewinnspannen werden immer knapper. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, wäre eine Massenflucht aus dem Café.«
Violet nickte mitfühlend. »Das ist einer der Nachteile, wenn man sein eigenes Unternehmen führt«, sagte sie. »Es gibt immer jemanden, der in den Startlöchern steht und darauf hofft, einem die Kunden wegzuschnappen. Meiner Meinung nach ist der klügste Weg, mit dieser Bedrohung umzugehen, die Konkurrenz in den Schatten zu stellen – und genau das tust du kontinuierlich, Fi. Jeder weiß, dass deine Bäckerei und dein Café die besten im Umkreis von vielen Kilometern sind.«
Fiona strahlte und sonnte sich in dem Kompliment. »Danke, ich weiß das zu schätzen – auch wenn es mich nicht davon abhalten wird, mir Sorgen zu machen. Ich bin mir sicher, Clayton Spenbeck würde genauso denken, wenn ich anfangen würde, Pflanzen zu verkaufen.«
»Wenn man vom Teufel spricht.« Violet spähte über Fionas linke Schulter. »Clayton ist gerade durch die Tür gekommen.«
Sie beobachtete, wie sich der Besitzer des Gartencenters vor der Theke der Teestube positionierte und ein verstohlenes Gespräch mit der großen, dunkelhaarigen Frau begann, die dahinter stand. Claytons hervorstehende Vorderzähne, die weißen Strähnen in seinem dichten braunen Haar und seine schnellen, flinken Bewegungen erinnerten Violet an ein erschrockenes Streifenhörnchen.
»Er hat mich doch nicht gesehen, oder?« Fiona hielt den Kopf gesenkt.
»Es sieht nicht so aus, aber selbst wenn, was macht das schon? Du tust nichts Verwerfliches.«
»Ich weiß, aber trotzdem … Es ist unangenehm. Er wird wissen, warum ich hier bin.«
»Selbst wenn, ist Clayton viel zu höflich, um etwas zu sagen. Er scheint ein netter Kerl zu sein.«
»Das habe ich auch immer gedacht, bis er angefangen hat, mir Kunden abzuwerben. Ich verstehe nicht, warum er das getan hat. Es ist ja nicht so, als bräuchte er die zusätzlichen Einnahmen, die dieses Café einbringen wird. Allein das Gartencenter muss schon ein kleines Vermögen einbringen. Warum muss er nur so gierig sein?«
»Um fair zu sein, wir haben keine Ahnung, wie seine finanzielle Lage aussieht«, gab Violet zu bedenken. »Soweit wir wissen, könnte sein Geschäft in Schwierigkeiten stecken. Das ist nicht das einzige Gartencenter in Derbyshire, das ein Café eröffnet hat, um mehr Kunden anzulocken. Vielleicht versucht Clayton auch nur, mit seinen Konkurrenten Schritt zu halten.«
Fiona rümpfte die Nase. »Vor elf Jahren, als Eric und ich nach Merrywell zogen, war dies eine kleine, aber sehr angesehene Gärtnerei, die sich auf Blumenampeln und Beetpflanzen spezialisiert hatte. Damals leitete Dennis Spenbeck den Betrieb – Claytons Dad. Dennis hatte eine echte Leidenschaft für den Gartenbau, und sein Pflanzenwissen war unübertroffen. Er hatte nie Interesse daran, das Sortiment zu erweitern. Er gab sich damit zufrieden, die Dinge einfach zu halten.«
»Nun ja … die Welt hat sich in den letzten zehn Jahren sehr verändert«, sagte Violet. »Und Clayton ist offensichtlich ehrgeizig.«
»Nicht Clayton ist ehrgeizig – sondern seine Frau«, verbesserte Fiona. »Hilary steckt hinter all dem – merk dir meine Worte. Als Dennis vor zwei Jahren starb, konnte sie es kaum erwarten, die Gärtnerei in ein vollwertiges Gartencenter umzuwandeln. Ich vermute, die Spenbecks verkaufen heutzutage mehr Terrassenmöbel und Duftkerzen als Pflanzen.«
»Sie machen doch nur das, was ähnliche Unternehmen auch tun.«
»Das sehe ich ein«, sagte Fiona. »Und ich habe nichts dagegen, dass sie das Gartencenter erweitern. Mich stört vielmehr, dass sie sich in das Café-Geschäft einmischen.«
An der Theke begutachtete Clayton Spenbeck sein neues Revier. Als er Violet entdeckte, hob er die Hand und machte sich auf den Weg zu ihr.
»Oh-oh«, meinte Violet. »Schau jetzt bloß nicht hin, aber Clayton kommt gerade hierher.«
»Meine Damen«, begrüßte er sie und lächelte nervös, als er auf sie zuging. »Violet. Fiona. Wie schön, euch beide zu sehen.«
Fiona zwang sich zu einem halbherzigen Lächeln.
»Hallo, Clayton«, erwiderte Violet. »Wie geht es dir?«
»Sehr gut«, antwortete er. »Wirklich sehr gut. Die letzten Monate waren natürlich ziemlich hektisch … mit den Vorbereitungen für die Frühlingssaison und der Einrichtung der Teestube.«
»Du hast offensichtlich hart gearbeitet«, sagte Violet. »Mir gefällt sehr, was du aus diesem Ort gemacht hast. Es sieht toll aus. Und The Cuckoo’s Boot – was für ein fantastischer Name!«
»Hilary hat ihn ausgesucht«, meinte er. »Anscheinend ist Cuckoo’s Boot ein anderer Name für Glockenblumen, also Bluebells, daher fand sie das ziemlich passend.«
Fiona verschränkte die Arme und schwieg.
»Ach, Violet«, sagte Clayton, »ich bin tatsächlich sehr froh, dass ich dich hier getroffen habe. Hilary und ich möchten einen kurzen Werbefilm für die Teestube drehen … etwas, das wir auf unserer Website und in den sozialen Medien veröffentlichen können. Wärst du daran interessiert, uns dabei zu helfen?«
Violet lächelte instinktiv, beflügelt von der Aussicht auf einen neuen Auftrag für ihr Videoproduktionsunternehmen The Memory Box.
»Auf jeden Fall«, antwortete sie. Doch dann bemerkte sie den missmutigen Ausdruck auf Fionas Gesicht und fügte hinzu: »Ich meine … vielleicht. Es klingt auf jeden Fall interessant. Vielleicht könnten wir einen Termin vereinbaren?«
»Perfekt«, sagte Clayton. »Ich nehme nicht an, dass du morgens Zeit hast?«
»Ähm … ich schaue mal nach«, antwortete Violet, wohl wissend, dass Fiona nun mürrisch das Gesicht verzogen hatte.
Während Violet die Kalender-App auf ihrem Handy öffnete, wandte sich Clayton einem jungen Kellner zu, der gerade zwei Cappuccinos an den Nebentisch brachte. »Steck dein Hemd in die Hose, Simon, mein Junge«, tadelte er. »Du bringst uns in Verlegenheit.«
Der betreffende junge Mann verdrehte die Augen und strich sich seine schlaffe blonde Stirnfranse aus dem Gesicht. »Warum muss ich das Ding überhaupt tragen?«, fragte er. »Es ist viel zu förmlich. Warum kann ich nicht einfach ein T-Shirt tragen?«
»Weil wir möchten, dass unsere Mitarbeiter gepflegt aussehen«, erwiderte Clayton. »Deshalb stellen wir Uniformen zur Verfügung. Wenn du deinen Job behalten willst, musst du dich an die Kleiderordnung halten. Wenn dir die Regeln nicht gefallen, kenne ich jede Menge andere, die nur allzu gerne deinen Platz einnehmen würden.«
Der junge Kellner schnaubte trotzig, steckte aber dennoch den heraushängenden Hemdsaum wieder in den Hosenbund.
»Wenn sie so mit ihren Mitarbeitern reden, wird es schnell zu einer hohen Fluktuation kommen«, flüsterte Fiona.
Violet warf ihr einen Blick zu und bedeutete ihr mit gerunzelter Stirn, still zu sein. »Da hast du Glück, Clayton«, sagte sie, während sie in ihrem Online-Kalender nachschaute. »Ich habe morgen den ganzen Morgen frei. Um wie viel Uhr passt es für dich?«
»Könntest du vielleicht schon vor der Öffnung hierherkommen?«, fragte Clayton und wandte dem Kellner den Rücken zu. »Sagen wir, acht Uhr? Hilary und ich werden dir das Gelände zeigen und dir erklären, was wir uns vorgestellt haben.«
»In Ordnung«, antwortete Violet. »Wir sehen uns um acht.«
»Wunderbar. Wenn du zur Ladezone fährst, lasse ich das Hintertor offen, dann kannst du selbst hereinkommen.« Er kramte in seiner Tasche herum und reichte ihr eine Visitenkarte. »Das ist meine Telefonnummer. Ruf mich an, wenn du angekommen bist, dann hole dich ab.«
»Danke«, sagte Violet. »Dann sehen wir uns morgen.«
Während Clayton sich entfernte, um seine anderen Gäste zu begrüßen, blieb Fiona ungewöhnlich still.
»Du bist sehr still, Fi«, sagte Violet, während sie an ihrem Tee nippte.
»Wie heißt es doch so schön? ›Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, ist es besser, gar nichts zu sagen.‹«
Violet krümmte die Zehen vor Reue. Fionas verärgerter Tonfall ließ vermuten, dass Clayton nicht der Einzige war, der ignoriert wurde.
»Ich nehme an, du bist nicht damit einverstanden, dass ich einen Werbefilm für die Spenbecks drehe?«, fragte sie und beschloss, den ›Elefanten im Raum‹ anzusprechen.
Fiona zuckte mit den Schultern. »Ich kann nicht behaupten, dass ich von der Idee begeistert bin, aber Geschäft ist Geschäft … Das verstehe ich. Wie gesagt, die Zeiten sind hart. Ich nehme an, du bist auch nicht in der Lage, einen Auftrag abzulehnen.«
Violets Unternehmen, The Memory Box, bestand nun schon fast ein Jahr, und obwohl in den ersten zwölf Monaten seit der Gründung alles bemerkenswert gut gelaufen war, wusste sie, dass sich die Lage von einem Moment auf den anderen ändern konnte. Ein paar ruhige Wochen würden schon ausreichen. Fiona hatte absolut recht – sie konnte es sich nicht leisten, Aufträge abzulehnen –, doch das hinderte die Schuldgefühle nicht daran, sich tief in ihrem Magen festzusetzen. Das The Cuckoo’s Boot stellte bereits eine Bedrohung für Fionas Existenzgrundlage dar, und ein schicker Werbefilm würde wahrscheinlich noch mehr Kunden von der BBC abwerben. Sollte Violet dieses Projekt annehmen, würde sie in einen quälenden Loyalitätskonflikt geraten. Im Stillen tadelte sie sich selbst und wurde sich bewusst, dass sie niemals hätte zustimmen sollen, sich mit den Spenbecks zu treffen.
»In den letzten Wochen gab es bei The Memory Box besorgniserregend wenige Anfragen«, gab Violet zu. »Aber wenn die Arbeit für die Spenbecks unsere Freundschaft gefährden würde, werde ich ihnen sagen, dass sie sich jemand anderen für den Job suchen sollen.«
Fiona streckte die Hand über den Tisch aus und tätschelte Violets Hand. »Sei nicht albern. Du musst alles tun, was nötig ist, damit dein Unternehmen floriert. Außerdem: Wenn du den Film nicht drehst, wird es jemand anderes tun. Ob es mir nun gefällt oder nicht, dieses Café wird bleiben, und ich möchte gerne glauben, dass zumindest einer von uns von seiner Anwesenheit im Dorf profitieren wird.«
Violet lächelte dankbar.
»Und mach dir keine Sorgen um unsere Freundschaft«, fügte Fiona hinzu. »Ich werde mich deswegen – oder wegen irgendetwas anderem – nicht mit dir zerstreiten. Du und ich sind jetzt Freundinnen fürs Leben, Violet. Du hast mich am Hals, ob es dir gefällt oder nicht.«
»Das ist gut zu wissen. Deine Freundschaft bedeutet mir die Welt.«
»Ich weiß, aber das gilt auch für dein Geschäft«, sagte Fiona. »Bitte … ignorier meine schlechte Laune einfach. Ehrlich, Violet, ich habe kein Problem damit, dass du für die Spenbecks arbeitest. Ich kenne die Höhen und Tiefen der Selbstständigkeit nur zu gut, und das ist eine großartige Chance. Du solltest sie mit beiden Händen ergreifen.«
Violet seufzte. »Ich muss zugeben, seit ich Molly als meine Assistentin eingestellt habe, stehe ich mehr denn je unter Druck, The Memory Box zum Erfolg zu führen.«
Fiona lächelte. »Das ist ein weiterer Nachteil, wenn man ein Unternehmen führt … Mitarbeiter zu haben. Sie bedeuten eine zusätzliche Verantwortung. Andererseits ist es ein Preis, den es sich zu zahlen lohnt, wenn sie so effizient sind wie Molly. Im Ernst, Violet … wenn die Spenbecks wollen, dass du ihren Film drehst, solltest du es tun.«
»Was wirst du tun?«, fragte Violet. »Wie willst du dich gegen deinen neuen Konkurrenten wehren?«
Fiona rieb sich die Wangen und dachte über die Frage nach. »Ich habe mir noch keine Strategie überlegt. Vorerst werde ich einfach so weitermachen wie in den letzten elf Jahren. Ich werde in der Bäckerei und im Café einen freundlichen Service bieten und Produkte von höchster Qualität verkaufen. Hoffentlich reicht das aus, um unser Überleben zu sichern.« Sie schob den Teller mit den Resten ihres Scones beiseite. »Können wir jetzt über etwas anderes reden? Oder noch besser – lass uns von hier verschwinden.«
Violet nickte und leerte ihre Teetasse. Als sie aufstand und sich die Jacke überzog, schwang die Eingangstür erneut auf, und diesmal betrat Hilary Spenbeck die Teestube. Sie stand da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und blickte freudestrahlend auf die vollbesetzten Tische. Doch dann entdeckte sie Fiona, und ihr Lächeln verschwand. Mit hochgezogenen Augenbrauen marschierte Hilary zu ihrem Tisch hinüber.
»Fiona?«, fragte sie, als sie sich näherte. »Was machst du hier?«
Fiona lächelte höflich und deutete mit einem Nicken auf das benutzte Geschirr auf dem Tisch. »Ich hätte gedacht, das wäre offensichtlich«, sagte sie, während sie den Reißverschluss ihres Mantels schloss. »Violet und ich haben uns eine Tasse Tee und einen Scone gegönnt, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob das Wort ›gönnen‹ auf alles zutrifft, was wir gegessen haben.«
Violet zuckte zusammen. Was in aller Welt hatte Fiona vor? Soviel zum Thema ›lass uns von hier verschwinden‹.
»Was soll das denn heißen?« Hilary kniff die Augen zusammen.
Violet machte sich auf einen Streit gefasst.
»Nichts. Es spielt keine Rolle«, erwiderte Fiona. Nachdem sie den Fehdehandschuh hingeworfen hatte, klang sie sofort reumütig und schien nicht darauf erpicht zu sein, sich auf einen Streit einzulassen. »Komm schon, Violet. Lass uns gehen.«
Hilary versperrte ihnen den Weg. »Nicht so schnell«, sagte sie. »Wenn dir etwas, das du gegessen hast, nicht geschmeckt hat, würde ich gerne davon erfahren. Wenn du etwas zu sagen hast, würde ich es vorziehen, wenn du es mir direkt ins Gesicht sagst, anstatt im Dorf Gerüchte zu verbreiten und den Ruf des Cafés zu schädigen.«
Fiona runzelte die Stirn. »Das würde ich nicht tun«, protestierte sie. »Ich gebe zu, dass ich nicht gerade begeistert davon bin, dass du ein Café eröffnest und mir Kunden abwirbst, aber ich würde dich oder dein Geschäft niemals schlechtmachen.«
»Verzeih mir, wenn ich dir nicht glaube«, sagte Hilary. »Ich bin nicht blöd. Ich weiß genau, warum du hier bist. Du spionierst, nicht wahr? Du überprüfst uns.«
Zum Glück war Fiona so vernünftig, den Mund zu halten. Jede Leugnung wäre sinnlos gewesen – ebenso wie eine glatte Lüge.
»Also, was ist der Plan?«, fragte Hilary. »Wirst du eine schlechte Bewertung bei Google hinterlassen? Ist es das?«
»Natürlich nicht«, widersprach Fiona. »Sei doch nicht albern.«
»Wir sind nur hierhergekommen, um unsere Neugier zu stillen, das ist alles«, sagte Violet in der Hoffnung, die Wogen zu glätten. »Die Teestube ist wunderschön, Hilary. Das habt ihr wirklich toll gemacht.«
Hilary ignorierte Violet völlig und starrte Fiona weiterhin mit einem Blick an, der so durchdringend war, dass man damit Diamanten hätte schneiden können.
»Wenn es ein Problem mit dem gab, was du gegessen hast, möchte ich davon erfahren.«
Fiona stieß einen Seufzer aus. »Wenn du wirklich Feedback haben möchtest, würde ich sagen, dass der Scone nicht besonders frisch war. Die Marmelade war allerdings gut, ebenso wie die Clotted Cream.«
Es herrschte Stille in der Teestube. Der junge Kellner stand ganz in der Nähe. Drüben an der Kasse tauschten Clayton Spenbeck und die dunkelhaarige Frau hinter dem Tresen nervöse Blicke aus. Sogar das Klappern des Bestecks war verstummt, und die Blicke aller Anwesenden waren auf sie gerichtet. Alle lauschten aufmerksam.
»Diese Scones wurden heute Morgen geliefert«, sagte Hilary mit schriller Stimme, die zugleich abwehrend und streitlustig klang.
»In diesem Fall«, erwiderte Fiona, »schlage ich vor, dass du den Lieferanten wechselst.«
Hilary trat einen Schritt näher und streckte das Kinn vor. »Ich durchschaue dein Spiel, Fiona Nash. Du willst unseren Ruf ruinieren, noch bevor wir überhaupt angefangen haben. Mit Leuten wie dir habe ich schon zu tun gehabt. Ihr seid alle freundlich und lächelt, bis euch jemand auf die Füße tritt – und dann zeigt ihr eure Krallen.«
»Du gibst also zu, dass du mir auf die Füße trittst?«, fragte Fiona. »Du räumst ein, dass diese Teestube negative Auswirkungen auf mein Café haben wird?«
»Unsinn«, widersprach Hilary. »Es gibt mehr als genug Kunden für alle. Wir bieten den Menschen lediglich mehr Auswahl. Wir hatten keinerlei Probleme, die Baugenehmigung für das Café zu erhalten, es besteht also offensichtlich eine Nachfrage nach unseren Dienstleistungen vor Ort. Wer weiß, vielleicht werden wir unser Angebot in Zukunft noch weiter ausbauen. Abwechslung ist die Würze des Lebens … sagt man das nicht so?«
»Vielleicht sollte ich bei meinem Unternehmen einen ähnlichen Ansatz verfolgen«, entgegnete Fiona, wobei ihr schroffer Ton im Widerspruch zu ihrer sonst so gelassenen Art stand. »Was würdest du sagen, wenn ich anfangen würde, Pflanzen zu verkaufen?«
»Ich würde sagen, mach nur. Tu dir keinen Zwang an. Es würde mich nicht im Geringsten stören. Clayton und ich sind an Konkurrenz gewöhnt. Während der Saison für Beetpflanzen unterbietet uns der Supermarkt in Matlock immer preislich – aber weißt du was? Die Leute kommen trotzdem zu uns, weil unsere Pflanzen größer und besser sind.«
»Du hast absolut recht«, sagte Fiona. »Qualität verkauft sich immer, und meine Scones sind erstklassig – viel besser als die, die ihr hier verkauft. Ich glaube nicht, dass ich mir Sorgen machen muss, oder?«
Violet zupfte an Fionas Arm. »Lass uns gehen, okay?«, sagte sie. Dann fügte sie leise hinzu: »Komm schon, Fiona. Du machst eine Szene.«
»Eine Szene?«, wiederholte Fiona mit lauter Stimme. »Ich bin es nicht, die hier eine Szene macht.«
In diesem Moment eilte Clayton Spenbeck mit verschränkten Händen herbei.
»Hilary. Meine Damen. Lasst uns nicht streiten. Wir sind alle lokale Unternehmer … Lasst uns doch versuchen, uns gegenseitig ein bisschen mehr zu unterstützen, ja? Es tut mir leid, wenn dir dein Scone nicht geschmeckt hat, Fiona. Unter den gegebenen Umständen musst du die Rechnung natürlich nicht bezahlen. Das geht aufs Haus.«
Hilary drehte sich um und starrte ihren Mann an, ihr Gesicht vor Wut gerötet. »Halt dich da raus, Clayton. Ich kümmere mich um den Kundenservice, nicht du. Nicht, dass dies wirklich ein Kundenserviceproblem wäre – hier geht es einfach nur um jemanden, der mürrisch, kleinlich und gehässig ist.«
Fiona warf den Kopf zurück und lachte. »Wenn das deine Vorstellung von gutem Kundenservice ist, Hilary, dann muss ich mir absolut keine Sorgen machen.«
Sie versuchte, an den Spenbecks vorbeizugehen, doch Hilary blieb standhaft. Fiona begann, sich Zentimeter für Zentimeter um ihre Gegnerin herumzuschlängeln, und schob sie dabei sanft mit dem Ellbogen aus dem Weg.
Kapitel 2
Violet war sich nicht sicher, wie es dazu gekommen war, doch Sekunden später taumelte Hilary zur Seite und fiel zu Boden, wo sie verdreht liegen blieb. Hatte sie den Halt und das Gleichgewicht verloren, oder war sie absichtlich gestolpert, um Fiona in ein schlechtes Licht zu rücken? Fiona hatte Hilary kaum berührt; sie hatte sie definitiv nicht gestoßen. Doch Hilary Spenbecks wütender Gesichtsausdruck machte deutlich, dass sie anderer Meinung war. Obwohl Fiona nichts falsch gemacht hatte, wirkte sie äußerst reumütig.
»Oh mein Gott, Hilary. Geht es dir gut?« Sie streckte die Hand aus. »Hier, lass mich dir aufhelfen.«
Hilary schlug Fionas Arm beiseite. »Du hast dir heute hier keinen Gefallen getan«, warnte sie, während sie sich auf einen Stuhl stützte und sich wieder aufrichtete. »Jeder in diesem Raum hat miterlebt, wie rücksichtslos du mich zu Boden gestoßen hast.«
»Ich habe dich zu Boden gestoßen?« Fiona blieb trotz der unbegründeten Anschuldigung gegen sie bemerkenswert ruhig. »Das ist Quatsch und das weißt du. Ich bin von Natur aus kein gewalttätiger Mensch. Jeder, der mich kennt, kann das bestätigen.«
Clayton legte seiner Frau tröstend die Hand auf den Arm. »Ganz ruhig, Hilary«, sagte er. »Ich bin mir sicher, dass Fiona dir nichts Böses wollte.«
»Natürlich stellst du dich auf ihre Seite«, erwiderte Hilary und schüttelte seine Hand ab. »Das ist wieder typisch für dich, was? Du siehst in jedem das Gute – außer in mir.«
Clayton wirkte niedergeschlagen, aber entschlossen. »Mach kein Theater, Liebes. Das ist nicht gut fürs Geschäft. Du bist gestolpert. Es ist nicht so, als hättest du dich verletzt.«
»Clayton hat recht«, warf Fiona ein. »Ich habe dich kaum berührt, geschweige denn dich umgestoßen. Allerdings gebe ich zu, dass ich ungeduldig war. Ich hätte warten sollen, bis du zur Seite gegangen bist, anstatt zu versuchen, mich an dir vorbeizudrängen. Falls ich in irgendeiner Weise für deinen Sturz verantwortlich bin, entschuldige ich mich aufrichtig. Komm schon, Hilary, lass uns einen Waffenstillstand schließen und diesen ganzen unglücklichen Vorfall hinter uns lassen, einverstanden?«
»Du hast leicht reden«, antwortete Hilary. »Du bist nicht diejenige, die auf dem Boden gelandet ist.«
Fiona straffte die Schultern. »Hör mal … Es tut mir wirklich leid«, sagte sie, »aber wenn du meine Entschuldigung nicht annehmen willst, ist es wahrscheinlich am besten, wenn ich gehe. Wenn du mich bitte entschuldigen würdest, ich mache mich dann auf den Weg.«
»Bezahl zuerst die Rechnung.« Hilary zeigte mit dem Finger in Fionas Richtung. »Und wenn du das erledigt hast, verschwinde und komm bloß nicht wieder zurück. Du bist hier nicht willkommen.«
Fiona öffnete den Mund, um noch einen letzten Seitenhieb auszuteilen, überlegte es sich dann aber offensichtlich anders. Mit fest zusammengepressten Lippen bezahlte sie an der Theke die Rechnung und folgte Violet dann nach draußen.
»Nun, das war peinlich«, meinte Fiona, sobald sie draußen an der frischen Luft waren. »Ich habe sie nicht geschubst, Violet. Wirklich nicht.«
»Du musst mich nicht überzeugen«, antwortete Violet. »Ich weiß, dass du so etwas nicht tun würdest.«
»Glaubst du, sie ist absichtlich hingefallen, um mich in ein schlechtes Licht zu rücken?«
»Ich bin mir nicht sicher, aber ich würde sagen, sie hat definitiv vor dem Publikum eine Show abgezogen. An deiner Stelle würde ich mich eine Weile von Hilary fernhalten, bis sich die Lage beruhigt hat.«
»Glaub mir, es würde mir nichts ausmachen, wenn ich dieser Frau nie wieder über den Weg laufen würde. Ich hatte schon gehört, dass sie ziemlich konfrontativ sein kann, aber heute konnte ich mich zum ersten Mal selbst davon überzeugen. Ich werde Hilary Spenbeck definitiv kein zweites Mal gegen mich aufbringen. Von nun an werde ich mich von ihr fernhalten.«
»Du hättest dich wahrscheinlich nicht über den Scone beschweren sollen«, sagte Violet, da sie der Meinung war, dass Fiona zumindest teilweise für den Streit verantwortlich war. »Was hast du da drinnen noch gesagt? ›Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, sag lieber gar nichts‹?«
Fiona sah verlegen aus. »Es ist nicht meine Schuld, dass die Frau mit ein bisschen konstruktiver Kritik nicht umgehen kann.«
»Aber war es denn wirklich konstruktiv?«, fragte Violet. »Für mich klang es so, als hättest du sie nur provozieren wollen.«
Fiona seufzte schuldbewusst. »Vielleicht habe ich das. Ich glaube, ich war wütend und neidisch, als ich dort in dieser makellosen Teestube saß … aber du hast recht, ich hätte mich nicht von meinen Emotionen überwältigen lassen sollen. Ich werde Hilary später anrufen und mich ordentlich bei ihr entschuldigen. Ich würde ihr gerne Blumen kaufen, aber jemandem, der ein Gartencenter betreibt, einen Blumenstrauß zu schicken, wäre so, als würde man Kohle nach Newcastle schicken.«
»Normalerweise würde ich dir vorschlagen, ihr zur Entschuldigung einen Kuchen zu backen«, sagte Violet. »Aber angesichts der Art deiner Beschwerde kann ich mir nicht vorstellen, dass das besonders gut ankommen würde.«
Fiona lächelte. »Dann also ein Anruf«, entschied sie. »Ich warte bis morgen, damit sie sich erst mal beruhigen kann. Hoffentlich ist die Sache dann erledigt.«
Obwohl sie vorhatte, sich noch einmal zu entschuldigen, loderte in Fionas Augen immer noch Trotz.
»Na komm.« Violet hakte sich bei ihrer Freundin unter. »Wir sollten besser gehen.«
Sie gingen an einem hübschen Beet mit gelben und violetten Stiefmütterchen vorbei und machten sich auf den Weg zur Mitte des Gartencenters, wo auf niedrigen Holzständern eine riesige Auswahl an Kräutern und Steingartenpflanzen ausgestellt war. Violet strich mit der Hand über die Blätter einer Zitronenmelisse und entfaltete so ihren berauschenden Zitrusduft.
»Brauchst du irgendetwas, wenn wir schon einmal hier sind?«, fragte Fiona. »Wenn du Lust hast, dich ein bisschen umzusehen, sollten wir uns nicht von Hilary Spenbecks schlechter Laune vertreiben lassen.«
»Ich habe eine Schwäche für Kräuter«, gab Violet zu, nahm einen bunten Thymian in die Hand und atmete dessen intensiven Duft ein. »Aber bitte, lass mich keine Minze mehr kaufen. Ich habe schon vier verschiedene Sorten in meinem Garten.«
Fiona schlenderte nach rechts und hielt kurz inne, um sich eine Sammlung von Gartenornamenten aus Stein anzusehen, die neben einer beeindruckenden Reihe von plätschernden Wasserspielen angeordnet waren.
»Die ist hübsch«, meinte Fiona, als sie eine glasierte und ziemlich komisch aussehende Eule in die Hand nahm.
»Die ist ziemlich schräg.« Violet lächelte über die riesigen Augen der Eule. »Wirst du sie kaufen?«
»Hängt davon ab, wie viel sie kostet«, antwortete Fiona. »Sie ist gut verarbeitet und sehr schwer, aber ich würde nicht mehr als zwanzig Pfund dafür bezahlen wollen.« Sie hielt die Eule über ihren Kopf, um das Preisschild zu überprüfen, das an der Unterseite klebte. »Wow! 39,99 £. Die Spenbecks wissen wirklich, wie man Preise festlegt.«
»Sie scheint ziemlich teuer zu sein«, bemerkte Violet.
»Für mich jedenfalls zu teuer.« Fiona stellte die Dekoration wieder auf den Ausstellungsständer.
»Sollen wir gehen, bevor wir in Versuchung geraten, noch etwas anderes zu kaufen?«
»Um ehrlich zu sein …« Fiona grinste. »Ich glaube, ich muss auf dem Weg nach draußen noch mal kurz wohin. Ich weiß nicht, ob es am Plätschern der Wasserspiele liegt oder ob der schwache Tee einfach direkt durch mich hindurchgerutscht ist. So oder so muss ich kurz auf die Toilette, bevor wir zurück ins Dorf fahren.«
Lachend winkte Violet der Eule mit dem steinernen Gesicht zum Abschied zu und folgte Fiona in das Verkaufsgebäude des Gartencenters, wo sich die Kundentoiletten befanden.
Kapitel 3
Violet war bereits wach, als am nächsten Morgen um halb sieben ihr Wecker klingelte. Über Nacht hatte ein heftiger Sturm den Peak District heimgesucht, und ihr Schlaf war durch das Geräusch des Windes gestört worden, der gegen die dicken Steinmauern ihres Häuschens peitschte.
Nachdem sie eine Nacht Zeit gehabt hatte, über alles nachzudenken, hatte sie eine endgültige Entscheidung getroffen: Sie würde das Angebot der Spenbecks ablehnen. Fiona mochte dem Projekt zwar ihren Segen gegeben haben, doch tief in ihrem Inneren wusste Violet, dass es ein Fehler wäre, den Auftrag anzunehmen. Wann immer sie einen Auftrag annahm, setzte sie sich mit ganzer Kraft dafür ein, für ihren Kunden das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Wenn sie sich bereit erklärte, einen Film für die Spenbecks zu produzieren, würde ihr beruflicher Stolz sie dazu zwingen, einen guten Film zu drehen – einen, der sein Ziel erreichte. Aber zu welchem Preis? Eine verlockende Werbekampagne für The Cuckoo’s Boot würde unweigerlich noch mehr Kunden von Books, Bakes and Cakes abwerben, und das wollte Violet unbedingt vermeiden.
In Wahrheit bereute sie es bitterlich, die Teestube überhaupt besucht zu haben. Hätte sie Clayton nicht zufällig getroffen, hätte er seine Idee, ein Video zu drehen, vielleicht nie in die Tat umgesetzt. Das Projekt wäre möglicherweise untergegangen und schließlich ganz in Vergessenheit geraten.
Glücklicherweise war Violet an keine vertraglichen Verpflichtungen gebunden.
Das Einzige, wozu sie sich verpflichtet hatte, war ein Treffen mit den Spenbecks. Um ihrem Ruf als zuverlässige Person gerecht zu werden, würde sie zu diesem Termin erscheinen und ihnen ihren fachlichen Rat zur Verfügung stellen. Erst dann würde sie ihnen sagen, dass sie leider zu beschäftigt sei, um den Auftrag anzunehmen (auch wenn das Gegenteil der Fall war).
Um Viertel vor acht schloss Violet die Hintertür des Greengage Cottage ab und stieg in ihr Auto. Der Sturm tobte immer noch, und Zweige der vom Wind beschädigten Bäume lagen verstreut auf der Hauptstraße, die durch das Dorf führte. Über ihr sah der taubengraue Himmel bedrohlich nach Regen aus.
Violet fuhr aus Merrywell hinaus, vorbei an der St.-Luke-Kirche, und bog nach rechts ab. Die Dorfstraßen waren um diese Tageszeit ruhig, und da die Straße zum Gartencenter ein gutes Stück von der Hauptstraße entfernt lag, rechnete sie nicht mit viel Verkehr.
Nach vierhundert Metern hielt sie an einer Kreuzung an und bog links in die Dale Lane ein. In der Ferne näherte sich ein anderes Fahrzeug, und als es näher kam, erkannte Violet, dass es Fionas grauer Nissan war. Sie winkte fröhlich, doch Fiona schaute geradeaus.
Sie muss wohl in Gedanken sein, dachte Violet. Sonst hätte sie doch zurückgewunken … oder?
Als das Auto an ihr vorbeirauschte, winkte Violet noch energischer – doch Fiona fuhr weiter, scheinbar ohne es zu bemerken.
Im Rückspiegel beobachtete Violet, wie der Nissan an der Kreuzung nach rechts in Richtung Merrywell abbog. Warum war Fiona nicht bei der Arbeit? Spätestens um sieben Uhr war sie in der Regel bei Books, Bakes and Cakes, wo sie frische Brote, Pasteten, Kuchen und Gebäck für den kommenden Tag backte. Was hatte sie zu dieser frühen Morgenstunde auf den Nebenstraßen von Merrywell zu suchen? Und, was noch wichtiger war, warum hatte sie nicht zurückgewunken?
Violet sagte sich, dass Fiona wohl mit dem Kopf ganz woanders gewesen war. Sie hatte Violets Auto schlichtweg nicht erkannt … Mehr war es nicht. Sie versuchte, nicht über die Alternative nachzudenken – dass Fiona, trotz all ihrer Beteuerungen des Gegenteils, gekränkt war und sich darüber ärgerte, dass Violet ihr Treffen im Gartencenter dennoch durchzog.
Violet schob ihre Bedenken beiseite und fuhr weiter zu ihrem Ziel. Clayton hatte sie gebeten, den Hintereingang zu benutzen, also fuhr sie um den Hauptparkplatz für Kunden herum und machte sich auf den Weg über die holprige Zufahrtsstraße, die stetig bergauf führte, bis sie hinter dem Hauptgebäudekomplex angekommen war. Sie parkte ihr Auto am Hintertor und stieg aus, wo ihr der Wind ins Gesicht blies.
Dieser Teil des Bluebell Hill Garden Centre lag höher als der Rest des Geländes, und von hier aus konnte Violet das Dach des neuen Cafés sowie die vier riesigen Folientunnel sehen, die daneben standen. Näher dran, direkt hinter dem Hintertor, befand sich das riesige Verkaufsgebäude – ein unscheinbarer grauer Bau, der auf drei Seiten von Pflanzen, Gartenmöbeln und Gartenzubehör umgeben war.
Hinter ihr, weiter oben am Bluebell Hill und etwas abseits des Gartencenter-Komplexes gelegen, befand sich Highfield House, der Wohnsitz der Familie Spenbeck. Laut Fiona hatte das Anwesen ursprünglich Dennis Spenbeck gehört, war aber nach seinem Tod zusammen mit der Gärtnerei an Clayton und Hilary übergegangen. Der architektonische Stil des Highfield House war typisch für die 1920er- oder 1930er-Jahre, und – was für diese Gegend ungewöhnlich war – es bestand aus rotem Backstein statt aus lokalem Stein. Die hohen Schornsteine und die großzügigen (wenn auch etwas kantigen) Proportionen ließen vermuten, dass es als geräumiges Einfamilienhaus konzipiert worden war – auch wenn Clayton und Hilary mittlerweile die einzigen Bewohner waren.
Eine Windböe zerzauste Violets Haare, als sie den schweren Riegel des Tors hob – das, wie versprochen, unverschlossen geblieben war. Sobald sie drinnen war, holte sie ihr Handy aus der Tasche und rief Clayton an.
»Guten Morgen«, begrüßte er sie, als er abnahm. »Bist du das, Violet?«
»Ja«, bestätigte sie. »Ich bin gerade angekommen. Wo soll ich dich treffen?«
»Ich bin gerade unten am hinteren Ende des Gartencenters, wo die Obstbäume stehen«, sagte Clayton mit gequälter Stimme und leicht außer Atem. »Der Wind hat letzte Nacht ziemlich viele davon umgeworfen, also habe ich alles wieder in Ordnung gebracht. Hoffen wir, dass der Sturm bald nachlässt, sonst muss ich das später noch einmal machen.«
»Brauchst du Hilfe?«, erkundigte sich Violet. »Ich kann zu dir kommen und dir helfen, wenn du möchtest.«
»Nein, nein … schon okay. Ich bin jetzt hier fertig. Ich laufe in deine Richtung zurück, und wir treffen uns in der Mitte. Hilary ist irgendwo hier in der Nähe … Ich glaube, sie ist losgegangen, um nach den Beetpflanzen zu sehen. Dieser Teil des Gartencenters ist viel besser geschützt, also haben sie hoffentlich nicht allzu viel Schaden genommen.«
»Ich drücke die Daumen«, erwiderte Violet. »Dann sehe ich euch beide gleich.« Sie beendete das Gespräch, steckte ihr Handy wieder in die Tasche und folgte dem Weg an der Seite des Ladengeschäfts entlang, um dem Wind zu entkommen. Neben dem Gebäude erstreckte sich eine lange Reihe exotischer Sträucher, bei denen es über Nacht einige Verluste gegeben hatte. Am Ende der Reihe lagen eine robuste Palme und ein paar Yuccas auf der Seite, und Kompost war auf dem Betonweg verteilt. Violet blieb stehen, um die Töpfe wieder aufrecht hinzustellen, und setzte dann ihren Weg fort.
Sie hatte sich noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, wie sich die Launen des Wetters auf den Betrieb eines Gartencenters auswirken könnten. Starker Wind und Regen oder ein unerwarteter Spätfrost konnten verheerende Schäden anrichten und Kosten in Höhe von Tausenden von Pfund verursachen. Vermutlich wurden die zarten jungen Beetpflanzen in den Folientunneln untergebracht, bis jede ernsthafte Frostgefahr vorüber war, aber es war nicht immer möglich, einem unerwarteten Sturm oder einer untypischen Kältewelle zuvorzukommen. Als sie in den Hauptbereich des Gartencenters trat und an einem niedrigen Beet mit Stauden vorbeiging, ging Violet im Kopf noch einmal durch, was sie den Spenbecks sagen würde. Sie war zuversichtlich, dass Clayton ihre Entscheidung respektieren und nicht persönlich nehmen würde – aber falls Hilary so aufbrausend war, wie Fiona angedeutet hatte, würde sie sich wahrscheinlich darüber ärgern. Außerdem war Hilary klug genug, um den wahren Grund zu erraten, warum Violet den Auftrag nicht wollte. Hilary würde die Schuld ganz klar Fiona zuschieben und damit jede Möglichkeit einer Versöhnung zwischen den beiden Café-Besitzerinnen zunichte machen.
Während sie so dahinschlenderte, bewunderte Violet eine Reihe von knospenden Glyzinien und Clematis in hohen, sorgfältig abgestützten Töpfen, die wie durch ein Wunder den Auswirkungen des Wetters entgangen waren. Als sie den mittleren Bereich erreichte, in dem die Kräuter und Alpenpflanzen standen, sah sie sich nach den Spenbecks um. Sie hatte erwartet, inzwischen zumindest einem von ihnen zu begegnen, doch weder von Clayton noch von Hilary war etwas zu sehen. Sollte sie hier bleiben und warten oder sich auf die Suche nach ihnen machen? Sie beschloss, stehen zu bleiben und Clayton noch einmal anzurufen, um ihm mitzuteilen, wo sie sich befand. Doch gerade als sie den Reißverschluss ihrer Tasche öffnete und nach ihrem Handy tastete, durchdrang ein schrecklicher Schrei das Gartencenter – er kam von ganz in der Nähe. Violet erstarrte und lauschte, während sich der Schrei in ein langes, kehliges Heulen verwandelte.
Während sie unregelmäßig nach Luft rang und ihr Herz wie wild gegen ihren Brustkorb hämmerte, konzentrierte sie sich auf das Geräusch, um herauszufinden, woher es kam. Sie schob ihre eigenen Ängste beiseite und eilte darauf zu.
Als das Heulen zu einem klagenden Stöhnen abklang, nahm sie ein weiteres Geräusch im Hintergrund wahr – das sanfte Plätschern von fließendem Wasser. Die ruhigen, plätschernden Kaskaden der Springbrunnen des Gartencenters sollten ein Gefühl der Entspannung und des Wohlbefindens hervorrufen, doch die Szene, die sich vor ihnen abspielte, glich einem Bild aus einer griechischen Tragödie – und war das genaue Gegenteil von allem, was beruhigend wirkte. Clayton Spenbeck lag voller Trauer am Boden und hielt seine Frau in den Armen.
Violet wurde ganz mulmig, als sie sich langsam auf ihn zubewegte.
Hilarys leblose Augen starrten in den trüben Himmel. Ihr rechter Arm hing schlaff herab, und ihre Fingerspitzen lagen in der plätschernden Schale eines Wasserspiels. Clayton stieß einen weiteren herzzerreißenden Schrei aus und blickte auf, seine Augen waren gerötet und wirkten wild.
»Ich … ich kann sie nicht aufwecken«, sagte er, während sich sein Gesicht verzog und er zu schluchzen begann.
Violets Beine zitterten, als sie näher trat.
Clayton umklammerte den Körper seiner Frau und schüttelte sie sanft, in dem vergeblichen Versuch, sie wiederzubeleben. »Was soll ich nur tun?«, weinte er und wandte sein verzweifeltes Gesicht in Violets Richtung. »Ich glaube … ich glaube, sie ist tot.«