Prolog
Die Lowther Hills, South Lanarkshire
Als der Passat von der M74 auf die Welcome-Break-Tankstelle außerhalb von Abington abbog, wartete er bereits. Die Frau hinter dem Steuer stieg aus, ging auf ihn zu und stellte sich vor. Sie gaben sich die Hand.
„Sollen wir uns ein paar Kaffees zum Mitnehmen holen?“
„Gute Idee“, sagte er, obwohl es keine war. Der Kaffee aus der Maschine im Laden war scheußlich; er hatte bereits einen Becher probiert und ihn weggekippt.
„Prima. Was möchten Sie?“
„Cappuccino, bitte.“
Sie lächelte und ging, um ihn zu holen. Er sah ihr nach: zierlich und lebhaft, freundlich und unaufrichtig. Am Telefon, zwei Tage vorher, hatte er sie auf Anfang Dreißig geschätzt, und das war sie auch. Der Ring an ihrem Finger und die Spielsachen auf dem Rücksitz verrieten ihm, dass sie einen Ehemann und vielleicht ein paar Kinder hatte.
Der Kaffee war nicht besser geworden – wenn überhaupt, war er noch schlechter. Er tat so, als würde er ihn trinken, um ihr eine Freude zu machen, und bereitete sich auf den Small Talk vor, der sicher kommen würde. Bei Frauen stand die Kontrolle über das Fahrzeug ganz unten auf ihrer Prioritätenliste. Belangloses Geplauder stand an erster Stelle – immer – das, und dass sie den Blick von der Straße nahmen, um wen auch immer anzusehen, der neben ihnen im Auto saß.
„Was gefällt Ihnen an dieser Gegend so sehr? Die meisten Leute finden sie zu abgelegen.“
Er schmunzelte hinter seinem Becher – es hatte keine dreißig Sekunden gedauert, bis sie angefangen hatte. Aber ohne es zu merken, hatte sie ihre eigene Frage beantwortet. Er log. „Es ist friedlich.“
Sie lachte, und er bemerkte einen Fleck roten Lippenstift auf ihren Schneidezähnen. „Das stimmt wohl.“
Sie nahmen die Landstraße auf der anderen Seite der Autobahn und fuhren in die Lowther Hills. Zehn Minuten später war ihnen noch immer kein anderes Fahrzeug begegnet. Heute war dieser abgelegene Teil von South Lanarkshire von sanften Grün-, Braun- und Beigetönen geprägt, mit vereinzelten violetten Flecken, und die Luft war drückend. Am Himmel tauchte eine trübe Sonne hinter tief hängenden, grauen, regenschweren Wolken auf und verschwand wieder. Wie würde es hier wohl im Winter sein? Im Winter würde er nicht hier sein. Wenn es nach ihm ginge, würde er überhaupt nicht hier sein.
Die Immobilienmaklerin plapperte weiter. „Es scheint weiter zu sein, als es ist. Nur sechs Meilen.“
Mit Mühe hielt er sich davon ab, ihr zu sagen, sie solle den Mund halten und einfach fahren, und lehnte sich in seinem Sitz zurück, während sie weiter über das Wetter schwadronierte; es würden lange sechs Meilen werden.
* * *
Sie hielten vor dem Hopetoun Arms Hotel und betrachteten die Reihen der Bergarbeiter-Cottages aus einer Zeit, als es hier noch Blei im Boden gab. Sie leierte Geschichte herunter, die er ignorierte. Schließlich kam sie zu dem Grund, aus dem sie hier waren. „Ich habe drei Immobilien gefunden, die Ihren Vorstellungen entsprechen könnten. Die erste befindet sich in Leadhills selbst.“
„Wo? Können wir es von hier aus sehen?“
Sie zeigte darauf. „Am Ende der Reihe.“
Er winkte ab, ohne aus dem Auto auszusteigen. „Zu klein. Fahren wir zum nächsten.“
Das Cottage in Wanlockhead entsprach ebenfalls nicht den Kriterien. Er gab seine Einschätzung erneut umgehend ab, also fuhren sie schweigend weiter, während die Maklerin auf die Uhr schaute und sich mit einem verlorenen Nachmittag abfand. Das Objekt, zu dem sie fuhren, war fast eine Ruine. In seinem derzeitigen Zustand unbewohnbar. Ein hoffnungsloser Fall. So schlimm, dass sie es fast von der Liste gestrichen hätte. „Es liegt leider etwas weiter außerhalb.“
Er blickte auf die vorbeiziehende Landschaft. Nichts als Hügel und noch mehr Hügel.
„Kein Problem.“
Das Erste, was er sah, war das Schild auf einem in den Boden gerammten Pfahl.
CUNNINGHAM UND McCLURE
IMMOBILIENMAKLER
LANARK
01555 964142
Das Anwesen war von der Straße aus durch einen Hang an der Vorderseite und einen weiteren an der Rückseite verdeckt. Als sie näher kamen, schlug sein Herz schneller. Die Maklerin drehte den Schlüssel im rostigen Schloss und zog ein Gesicht. „Willkommen im Baxter-Haus.“
Sie nickte in Richtung Horizont. „Ein Sturm zieht auf. Ich sage es lieber gleich, bevor Sie es selbst merken: Das Dach ist undicht.“
Sie scherzte: In der Decke war ein Loch von der Größe eines Sessels. Ihr Kunde sagte nichts. Im Inneren, im Halbdunkel, schlug ihnen sofort der Geruch von Feuchtigkeit entgegen, als sie durch die Räume mit vernagelten Fenstern und abblätternder Farbe gingen und sich vorsichtig einen Weg über das zerschlissene Linoleum bahnten, auf dem verblasste Schlagzeilen aus Zeitungen zu sehen waren, die Jahrzehnte alt waren. Er kniete sich hin und griff nach einem staubigen Kabel, das zu einer schmutzigen Steckdose führte.
„Der Strom funktioniert nicht, oder?“
Die Maklerin bestätigte dies.
„Muss sowieso komplett neu verkabelt werden.“
Sie entschuldigte sich ein zweites Mal, und er roch Kaffee in ihrem Atem. „Ich habe versucht, Sie zu warnen. Es ist schlimmer, als ich dachte. Es tut mir wirklich leid. Wir haben diese Immobilie seit Jahren in unserem Bestand. Soweit ich weiß, wurde sie Ende der 90er-Jahre von einer Familie gemietet. Seitdem steht sie leer. Warum, ist wohl nicht schwer zu erraten. Der Eigentümer ist in den 1950er-Jahren nach Australien gezogen. Jemand aus dem Büro sagte, er sei verstorben und sein Enkel verkaufe das Haus. Er lebt in der Karibik. Ich habe ihn noch nie getroffen.“
Sie zuckte die Achseln und bereute, jemanden hergebracht zu haben. „Bei einem Haus in diesem Zustand wird es schwer sein, eine Hypothek zu erhalten, und selbst wenn Sie eine bekommen, müssten Sie es komplett renovieren. Wären Sie dazu bereit?“
Er grummelte eine Antwort, die ihr nichts sagte.
„Ich schicke ihm eine E-Mail. Mal sehen, ob er bereit ist, den Preis zu senken, bevor das ganze verdammte Ding zusammenfällt.“
Die Kante einer morschen Diele zerbröselte in seiner Hand. Die Maklerin sah zu, ihr war nicht wohl dabei, etwas in einem so miesen Zustand verkaufen zu wollen. Niemand, der bei klarem Verstand war, würde dieses Wrack kaufen. Seine Frage war beiläufig, fast wie ein nachträglicher Einfall. „In Ihrer Aufstellung steht, dass es einen Keller gibt?“
Hinter ihm errötete sie vor Verlegenheit. „Ich hatte befürchtet, dass Sie danach fragen würden. Ist nicht gerade ein Highlight. Ich glaube nicht, dass er viel taugt.“
„Zeigen Sie ihn mir.“
Er folgte ihr zu einer unverschlossenen Tür am Ende des Flurs. Sie holte eine Chrom-Taschenlampe aus ihrer Handtasche, schaltete sie ein und leuchtete in die Dunkelheit. „Machen Sie sich bereit, ja?“
Er lächelte nicht.
Sie gingen eine Holztreppe hinunter, die unter ihrem Gewicht knarrte. Abgesehen von einigen Pappkartons, die auf dem Steinboden gestapelt waren, und Rattenkot in einer Ecke gab es wenig zu sehen. Dicke Balken verliefen über die Decke und stützten den Raum darüber, eine Art Pilz wuchs an den rauen Putzwänden und es war merklich kühler, sogar kalt – er schätzte, dass sie sich drei bis vier Meter unter der Erde befanden. Sein Blick wanderte über den leeren Raum, er erinnerte sich daran, wie weit sie von jeglichen anderen Gebäuden entfernt waren, und stellte sich vor, wo die Heizung, die Chemietoilette und das Bett hinkämen.
Und die Kette.
Wieder im Auto sagte sie: „Soll ich mit dem Eigentümer sprechen?“
Er wirkte abgelenkt. „Mmmm. Was haben Sie gesagt?“
„Ich kann den Eigentümer wegen des Preises kontaktieren.“
„Oh, ja. Ja, machen Sie das.“
„Kann ich ihm sagen, dass Sie eventuell interessiert sind?“
„Sagen Sie ihm, er soll was am Preis machen, ansonsten kann er die Bulldozer anrücken lassen.“
Er meinte das nicht ernst; er würde es zu keinem Preis kaufen, das hatte er nie vorgehabt. Aber die Entscheidung war bereits gefallen.
Es war perfekt.
* * *
Mackenzie Crawford hatte eine Entscheidung getroffen: Heute würde sie nichts trinken.
Es war nicht das erste Mal, dass sie sich selbst oder ihrem Mann dieses Versprechen gab – sie hatte es schon Dutzende Male getan, zu viele, um sie zu zählen. Eines nach dem anderen, weil sie sich gut oder schlecht, glücklich oder traurig fühlte, hatte sie jedes einzelne davon gebrochen, oft mit katastrophalen Folgen.
„Wir beurteilen uns selbst nach unseren Absichten. Die Welt beurteilt uns nach unseren Taten“, hatte sie mal jemanden sagen hören. Und natürlich stimmte das. Wenn es nur auf Willenskraft ankäme, hätte sie schon vor Jahren mit dem Trinken aufgehört. Die Realität war komplizierter: was einmal eine Gewohnheit war, war nun ein Bedürfnis. Mit einunddreißig begann ihre Figur, die früher viele Blicke auf sich gezogen hatte, dicker zu werden, ihre Haut verlor ihre Frische, das lange dunkle Haar seinen Glanz. Spiegel waren keine Freunde mehr; sie hatte die Falten bemerkt, wie winzige Risse in Porzellan auf der einst makellosen Haut, die von den Winkeln ihrer blutunterlaufenen Augen ausgingen, nach einer weiteren Nacht, an die sie sich nur vage erinnern konnte.
Aber an diesem Morgen schien die Sonne und sie fühlte sich stark, stärker als seit langer Zeit – stark genug, um Versprechen zu machen.
Sie holte einen Einkaufswagen vor dem Supermarkt und dachte darüber nach, dass Derek sich weigerte zu akzeptieren, dass sie eine unsichtbare Grenze überschritten hatte, dass die Zeiten, in denen sie sich entscheiden konnte, ob sie trinken wollte oder nicht, vorbei waren. Seine Lösung war die gleiche wie seine Lösung für alles: Kontrolle. Zwei Gläser Wein zum Abendessen, natürlich von ihm eingeschenkt. Als das nicht funktionierte, weil es niemals funktionieren würde, nahm er es als persönliche Beleidigung, wurde wütend und sprach nicht mehr mit ihr. Sie hatten sich gestern Abend wieder darüber gestritten, und er hatte in einem anderen Zimmer geschlafen. Es schien, als würden sie sich in letzter Zeit über alles streiten. Mackenzie hatte versucht, ihm klar zu machen, dass völlige Abstinenz der einzige Weg sei – ein Drink war zu viel, ein Dutzend nicht genug.
Derek sah das Leben in Schwarzweiß. Für ihn gab es keine Grauzonen. Er verstand es nicht und spottete über diese Idee. „Du meinst, du darfst überhaupt nichts trinken? Nicht einmal an Silvester? Und was ist mit unserem Hochzeitstag? Willst du ernsthaft sagen, dass wir den schönsten Tag unseres Lebens nicht feiern dürfen? Das ist das Albernste, was ich je gehört habe. Es geht um Disziplin. Um Zurückhaltung. Darum, deine Verantwortung als Ehefrau zu akzeptieren, ohne jedes Mal zu trinken, wenn jemand was Falsches sagt oder dich falsch ansieht. Du bist schwach. Wenn du es nicht wärst, gäbe es kein Problem.“
Mackenzie hatte aufgehört, ihn überzeugen zu wollen.
Im Supermarkt mied sie die Alkoholabteilung und ging ihre Liste durch: Hähnchenbrust für heute Abend, Rindersteaks für Sonntag, Milch und Joghurt, Frühstücksflocken und Gemüse. Hatten sie noch Pasta? Sie versuchte sich zu erinnern und kaufte einfach welche. Pappardelle. Derek mochte Pappardelle.
Sie spürte, dass sie beobachtet wurde, und drehte sich um. Am Ende des Gangs starrte sie ein Mann in einem schwarzen Mantel mit ausdrucksloser Miene an. Er war groß – fast so groß wie Derek –, hatte kurzes blondes Haar und breite Schultern. Und er beobachtete sie nicht nur, er missbrauchte sie geradezu mit seinen Augen. Es machte ihm offenbar nichts aus, dass sie ihn bemerkt hatte. Es störte ihn nicht. Es war ihm egal, er versuchte ohne Zweifel, sie einzuschüchtern. Mackenzie bedachte ihn mit einem Blick und schob ihren Einkaufswagen vorbei. Er blieb stehen und rührte sich nicht von der Stelle.
Am Ende der Käsetheke war er wieder da.
Es war ihr nicht geheuer und sie machte schnell weiter, griff nach allem, was ihr in die Hände fiel. Als sie sich umblickte, war er verschwunden, und sie entspannte sich und redete sich ein, dass ihre Nerven ihr einen Streich gespielt hatten. Aber im nächsten Gang wartete er wieder, und Mackenzie wusste, dass sie sich das nicht eingebildet hatte. Es war möglich, dass er nur ein Mann war, der Gefallen an ihr gefunden hatte und sein Glück versuchte, ohne zu merken, dass er sie nervös machte. Sie glaubte das nicht. Er strahlte eine Kälte aus, und die unverhohlene Art, mit der er sie von oben bis unten musterte, machte ihr Angst.
Sie wandte sich ihm zu und zwang sich zu einem entschlossenen Tonfall. „Kann ich Ihnen helfen?“
Er antwortete nicht, unbeeindruckt von ihrer Direktheit, und begutachtete sie weiter.
„Dann hören Sie auf, mir zu folgen. Hören Sie einfach auf damit.“
An der Kasse stand er hinter ihr, dann plötzlich nicht mehr. Die junge Verkäuferin bemerkte, dass Mackenzie nervös wirkte. „Ist alles okay?“
Sie antwortete fahrig: „Da war ein komischer Typ, der mir gefolgt ist. Haben Sie ihn gesehen?“
Das Mädchen legte besorgt die Stirn in Falten. „Ist was passiert?“
„Nein, alles in Ordnung, er hat mich nur erschreckt.“
„Soll ich den Sicherheitsdienst rufen?“
Der Vorschlag war gut gemeint, aber lachhaft. „Und sagen, dass mich jemand beobachtet hat? Wohl kaum. Bei meinem Glück konnte sich der arme Kerl nicht mal erinnern, warum er überhaupt hier war.“
Das Mädchen begann, die Artikel zu scannen. „Die meisten Männer sind alle gleich. Ihre Frauen bitten sie, ein Brot mitzubringen, und sie kommen mit einem Sixpack Newcastle Brown Ale nach Hause.“
Sie lachten, aber der Vorfall hatte Mackenzie erschüttert. Ihre Hände zitterten, als sie die Einkäufe in eine Tüte packte. Die Worte waren aus ihrem Mund, bevor sie sie aufhalten konnte, fast so, als würde jemand anderes sprechen.
„Kann ich noch eine Flasche Gin dazu nehmen? Einen Liter, bitte. Rechnen Sie ihn bitte separat ab.“
Ein weiteres Versprechen war kurz davor, gebrochen zu werden.
Ring a ring o' roses,
a pocket full of posies;
atishoo, atishoo.
We all fall down.
Kapitel 1: Tag eins
Derek und Mackenzie Crawford
Als sie aus dem Hauptbahnhof auf die Gordon Street traten, sah die Stadt in der Frühlingssonne frisch und sauber aus, und Derek war froh, dass er vorgeschlagen hatte, den Tag gemeinsam in der Stadt zu verbringen, etwas, das sie seit Ewigkeiten nicht mehr getan hatten. Vögel erhoben sich von einem Dach in der Hope Street in den Himmel und flogen in Richtung George Square. Hope Street. Ironisch. Denn zum ersten Mal seit Monaten fühlte er sich genau so, voller Hoffnung. Eine Reihe schwarzer Taxis auf der anderen Straßenseite ließ ihn an sein Auto denken, das sicher in der Einfahrt zu Hause stand. Das Parken in Glasgow war ein Albtraum. Es reichte schon, dass irgendein Idiot an seinem Handy abgelenkt war, um den Lack zu zerkratzen und die ganze verdammte Optik zu ruinieren. Derek Crawford hatte es auf die harte Tour gelernt. Die Welt war voller kompletter Idioten: Tatsache.
Er nahm den Arm seiner Frau in seinen. „Fangen wir mit einem Kaffee an, ja?“
Ihre Antwort war lustlos und ohne Begeisterung. Mackenzie hatte nicht mitkommen wollen. „Wenn du meinst.“
Ihr Mann versuchte, ihre Apathie zu ignorieren. „Oder willst du lieber shoppen gehen?“
„Ist mir egal.“
Derek spürte, wie Ungeduld in ihm aufstieg. „Gib dir ein bisschen Mühe, ja? Ich tue es auch.“
Das war nicht der Anfang, den er sich gewünscht hatte.
Den größten Teil des Vormittags schlenderten sie ziellos durch die Buchanan Galleries, sie einsilbig und unkommunikativ, er alle paar Minuten ihr Gesicht nach Anzeichen danach absuchend, dass sie sich amüsierte, aber ohne Erfolg. Auf dem Weg nach draußen blieb sie auf den Stufen vor dem Konzertsaal stehen, um einem alten Bettler – ein zahnloser, ausgemergelter Mann, gezeichnet von Armut und den grauen Tagen des Alters – Münzen in die ausgestreckte Hand zu legen, sicher, dass Derek das nicht gutheißen würde. Wie er nie müde wurde zu betonen, hatte er seine Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen überwunden, und wenn er das konnte, dann konnte es jeder, der es wollte.
Er wartete, bis sie ihn eingeholt hatte, und schüttelte den Kopf. „Ich habe es dir schon tausend Mal gesagt. Ermutige solche Leute nicht. Was auch immer du ihm gegeben hast, wird für Drogen draufgehen.“
„Hab doch ein Herz, er ist alt und schläft auf der Straße.“
„Und wessen Schuld ist das?“
Sie hatte keine Lust, sich mit ihm darüber zu streiten. „Das hilft ihm auch nicht weiter, oder?“
In einem Juweliergeschäft ermutigte er sie, ein Paar Ohrringe zu kaufen, bei denen sie zögerte, und bot an, sie zu bezahlen. Sie gingen ohne die Ohrringe, weil sie – angeblich – nicht zu ihr passten. Weiter die Straße runter, am Lancôme-Stand im House of Fraser, beschrieb eine hübsche dunkelhaarige Frau, auf deren Namensschild „Sharon“ stand, die Duftnoten eines teuren Parfüms – Sandelholz und Amber wurden erwähnt – und zum ersten Mal schien Mackenzie weniger fahrig zu sein. Ihr Mann blieb im Hintergrund und ließ sie machen.
Die Parfümerie nahm einen großen Teil des Erdgeschosses des riesigen und prunkvollen Kaufhauses ein. Chanel, Dior und Givenchy standen neben Namen, die er nicht kannte, und an jeder Insel waren die Mädchen sehr attraktiv. Allerdings nicht so schön wie seine Frau.
Derek Crawford hatte alles, was er sich im Leben wünschte, und er hatte es ganz allein geschafft. Für jemanden, der mit fünfzehn die Schule ohne Abschluss verlassen hatte, hatte er sich ganz gut geschlagen. Seine Lehrer hatten es nicht bedauert, ihn gehen zu sehen – sie konnten ihn nicht erreichen. Er ließ sich nichts sagen, also konnte man ihm auch nichts beibringen. Mr. Drummond, der Fachleiter Geschichte, sagte dem jungen Crawford eine „glänzende“ Zukunft voraus: in der Nachtschicht, beim Regale einräumen bei Asda.
Mr. Drummond hatte sich geirrt. Eine Reihe von Sackgassenjobs bestätigte, was Derek schon als Teenager gewusst hatte: für jemand anderen zu arbeiten war nichts für ihn. Aber er musste warten, bis er dreiundzwanzig war – als bei einer Auktion ein Van für das Doppelte dessen verkauft wurde, was er bezahlt hatte –, bevor ihm klar wurde, dass man in diesem Geschäft Geld verdienen konnte. Zwei Jahre später hatte er einen Gebrauchtwagenhandel in der London Road und einen weiteren in der Ballater Street, in der Nähe der Gorbals. Damals bezahlte er seine Vermieter mit Schecks und fügte immer hinzu: „Viel Glück damit.“
Sie lachten und dachten, er mache einen Scherz. Manchmal tat er das auch.
Der geglättete Akzent – das große Haus und der schicke Anstrich – kamen später; er konnte sie kaufen und tat es auch.
Mit einundfünfzig Jahren und einer Größe von knapp über 1,80 m war er mit seinem Aussehen zufrieden. Sein silbergraues Haar verlieh seiner ansonsten unmodischen Erscheinung einen gewissen Stil. Sein ganzes Leben lang hatten Frauen ihn attraktiv gefunden, aber er war nie versucht gewesen zu heiraten. Nicht, bis er Mackenzie traf.
Von dem Moment an, als er sie mit ihren Freundinnen im Pub in der West George Street sitzen sah, wollte er sie. Natürlich wusste er, dass ihre Freundinnen hinter seinem Rücken über ihn lachten, weil er älter war; jetzt lachten sie nicht mehr.
Ihre Hochzeit war zweifellos der schönste Tag in seinem Leben gewesen. Derek konnte kaum glauben, dass die Frau an seiner Seite ihm gehörte. Das erste Jahr war voller Glückseligkeit gewesen, sie hatte ihn verehrt. Sie waren sich selten uneins gewesen, und wenn doch, hatten sie ihre Differenzen schnell beigelegt. Eine Zeit lang gratulierte er sich selbst, eine so wunderbare Partnerin gefunden zu haben.
Bis sie mit dem Trinken anfing und alles sich änderte.
Er kam nach Hause und fand schmutziges Geschirr in der Spüle, das Bett ungemacht und Mackenzie zusammengesunken auf dem Sofa vor. Nur allmählich akzeptierte er, dass seine Frau ein Problem hatte. Als Ehemann war seine Verantwortung klar: er musste ihr helfen. Und er hatte es versucht. Gott weiß, dass er es versucht hatte, indem er ihr nur zwei Gläser Wein pro Tag erlaubte. Manche Abende endeten damit, dass sie wütend in eines der Gästezimmer stürmte, weil er ihr nicht mehr erlaubte. Derek zog die ohnehin schon knappe Geldbörse noch enger zu. Jeder ausgegebene Penny musste gerechtfertigt werden, und wenn sie ihre Schwester besuchte, durchsuchte er das Haus nach versteckten Flaschen und kippte deren Inhalt in die Spüle.
Derek Crawford war es gewohnt, die Kontrolle zu haben, aber dies konnte er nicht kontrollieren. Drohungen bedeuteten nichts, ihre wiederholten Versprechen, aufzuhören, noch weniger. Die Demütigungen, öffentliche wie private, häuften sich – zu viele, um sie zu zählen, zu schmerzhaft, um sich daran zu erinnern, sie belog und betrog ihn ständig.
Eine besonders peinliche Szene im Golfclub gab ihm den Vorwand, den er gebraucht hatte, um ihr begrenztes Sozialleben einzuschränken. Bis Mackenzie sich wieder gefangen hatte, würden die Designerkleider oben im Schrank bleiben, da sie nicht gebraucht wurden. Abgesehen von den wenigen unvermeidbaren Familienfeiern würden sie nirgendwo hingehen – sie würden unter sich bleiben.
Dann, vor etwa drei Monaten, hörte sie plötzlich auf zu trinken. Es hielt nicht lange an, aber in dieser Zeit begann sie, abends alleine auszugehen, ohne ihm zu sagen, wohin. Beim dritten Mal folgte er ihr und sah, wie sie in einen blauen Vectra stieg, der an der Straßenecke parkte. Sein Schwager, Blair Gardiner, fuhr einen blauen Vectra. Mackenzie würde wohl kaum Adele besuchen – Adele hätte es erzählt –, außerdem hätte es keinen Grund gegeben, sich heimlich davonzumachen, wenn sie zu ihr gefahren wäre. Und sie konnte sich doch unmöglich mit ihm treffen? Er war ein Trottel, ein netter Trottel, aber dennoch ein Trottel. Derek verdrängte diesen Gedanken. Sein Instinkt sagte ihm, er solle denjenigen, der hinter dem Steuer saß, aus dem Auto zerren und ihm den Schädel einschlagen. Aber abgesehen davon, dass die Nachbarn darüber reden würden, was würde das bringen?
Gegen halb elf kam sie zurück und ging wortlos direkt in ihr Schlafzimmer. Er hörte, wie sie die Tür schloss. Die perfekte Ehe war zerbrochen; er war dabei, sie zu verlieren, hatte sie vielleicht schon verloren.
Schließlich hatte Derek genug und beschloss, mit ihr zu reden, koste es, was es wolle. Er drängte sie in der Küche in die Enge und stellte ihr die Frage, auf die er keine Antwort hören wollte.
„Was ist das für ein Spiel, Mackenzie? Wer ist es?“
Ihre Antwort verblüffte ihn. „Ich verlasse dich, Derek.“
Es war fast schon amüsant. „Nach allem, was ich wegen dir durchgemacht habe?“
„Ich habe mich entschieden. Es ist Zeitverschwendung, mich davon abhalten zu wollen.“
Was konnte er schon sagen? Er lebte mit einer Fremden zusammen.
Sie ging weiterhin abends aus, während er zu Hause blieb und sich Sorgen machte, bis sie zurückkam. Auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte, war Derek sicher, dass Mackenzie ihn brauchte. Das Schlimmste war nicht, dass sie einen anderen Mann hatte – viele Frauen hatten Affären, die wieder vorbeigingen. Nein, das Schlimmste war, dass sie es tat, während sie nüchtern war. Alkohol konnte nicht als Entschuldigung herhalten. Jeden Tag rechnete er damit, von der Arbeit nach Hause zu kommen und seine Frau nicht mehr vorzufinden.
Bis vor einem Monat, als das Trinken und die Lügen wieder anfingen.
Sie ging abends nicht mehr aus, sprach aber manchmal tagelang nicht mit ihm. Wenn sie es doch tat, erzählte sie Geschichten, die niemand glauben würde.
„Heute hat mich ein Mann im Supermarkt beobachtet. Jedes Mal, wenn ich mich umdrehte, war er da.“
Derek tat, als würde er glauben, was sie sagte. „Wie sah er aus?“
„Er trug einen schwarzen Mantel, daran erinnere ich mich, aber es waren seine Augen. Er stand einfach da und starrte mich an. Es war seltsam. Er hat mir wirklich Angst gemacht.“
Ihr Mann wählte seine Worte sorgfältig, die Lage war schon heikel genug. Sie hatte mit ihm gesprochen, das war ein Fortschritt. „Vielleicht hat er auf jemanden gewartet?“
„Nein, er war an mir interessiert.“
„Wir melden es der Polizei, wenn du meinst, dass wir das tun sollten.“
Sie zögerte. „Vielleicht habe ich mich geirrt.“
Mackenzie erwähnte es nicht wieder, der Vorfall war vergessen, und das Schweigen kehrte zurück.
Dieser Ausflug in die Stadt war sein verzweifelter Versuch, ihre Beziehung wieder in Ordnung zu bringen. An diesem Morgen war sie nervös gewesen. Er hatte die Anzeichen erkannt und sich auf den Sturm vorbereitet, der auf ihn zukam. Als sie aus dem Kaufhaus kamen, versuchte er, ihre Hand zu nehmen. Sie zog sie zurück und schnauzte ihn an. „Ich bin nicht in der Stimmung zum Shoppen. Wann essen wir?“
Derek machte sich nichts vor: ihr ging es nicht ums Essen. Seine Frau brauchte einen Drink.
„Wann immer du willst.“
„Ich will jetzt.“
Sie saßen an einem Tisch in einem italienischen Restaurant im obersten Stockwerk vom Princes Square, der zu dieser Uhrzeit voller Büroangestellten war, die hier ihre Mittagspause verbrachten und plauderten. Und Menschen wie sie, die einen Tag in der Stadt genossen. Er studierte die Speisekarte. Sie machte sich nicht die Mühe, ihre zu öffnen. Ihre Stimme war durchtrieben und provokativ. „Willst du mir keinen Drink spendieren?“
„Mackenzie …“
„Halte mir keine Predigt. Wir wollen doch Spaß haben. Deswegen sind wir doch hier, oder?“
„Wir sind hier, um zu versuchen, die Dinge zu klären.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber wem mache ich was vor?“ Er sah, dass er nicht zu ihr durchdrang, und versuchte es mit einer sanfteren Herangehensweise. „Ich weiß, dass es schwer ist, aber du schaffst das, Mackenzie. Halte dich einfach an das, was wir ausgemacht haben: zwei Gläser, okay?“
Sie ignorierte ihn und rief eine vorbeikommende Kellnerin herbei. „Weißwein, bitte.“ Als er kam, bestellte sie noch einmal dasselbe und forderte ihn heraus, Einwände zu erheben. Das tat er auch. „Wir gehen heute Abend zu deiner Schwester, falls du es vergessen hast – da solltest du deine zwei Drinks trinken, nicht jetzt.“
Sie reagierte. „Das hast du mir nicht gesagt.“
„Ich sollte dir das nicht sagen müssen. Sie ist deine Schwester, die einzige, die du hast. Wir haben das letzten Monat vereinbart. Sie hat Geburtstag.“
„Nun, ich gehe nicht hin. Ich will nicht.“
„Sie erwartet uns. Gavin und Monica werden auch da sein.“
„Pech gehabt.“ Mackenzie trank das erste Glas aus und begann mit dem zweiten. Derek versuchte, das Gespräch auf sichereres Terrain zu lenken. „Siehst du etwas, das dir gefällt?“
Ihre Antwort bestätigte seinen Verdacht, dass sie nur auf Alkohol aus war. „Ich habe es mir anders überlegt. Ich habe keinen Hunger.“
„Sei nicht albern. Du hast gesagt, du willst essen.“
„Ich habe keinen Appetit mehr.“
Er streckte die Hand aus und ergriff die ihre. „Iss bitte etwas.“
Die Zärtlichkeit in seiner Stimme überzeugte sie, und sie bestellten jeweils ein Pilzrisotto. Mackenzie schaffte nicht mehr, als zwischen den Gläsern Wein auf ihrem Teller herumzustochern. Bald winkte sie die Kellnerin herbei, um noch ein Glas zu bestellen. Ihr Mann legte seine Hand auf ihr fast leeres Glas. „Himmel noch mal. Hast du nicht genug?“
Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus. „Ich kann so nicht weitermachen. Es ist zu viel. Ich halte es nicht aus.“
Er spürte, wie seine Wangen rot wurden. „Mackenzie – reiß dich zusammen. Wir sind mitten in einem verdammten Restaurant.“
Sie nahm ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte sich die Augen ab. „Ich verlasse dich, Derek.“
„Nicht das schon wieder.“
„Ich meine es ernst.“
Sie verließ ihn. Er wollte lachen. Die Leute in der Nähe hörten zu. Derek starrte sie an, bis sie wegschauten, und wartete, bis sich seine Frau beruhigt hatte, bevor er das Thema ansprach, das er lieber vermieden hätte. „Wer ist er?“
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
„Doch, das weißt du. Es gibt einen anderen, oder?“
„Nein, natürlich nicht. Warum denkst du das immer?“
„Weil es so ist. Seit du das letzte Mal mit dem Trinken aufgehört hast, gibt es einen Mann im Hintergrund, der dein Leben verändern wird. Nun, ich habe eine Neuigkeit für dich. Nichts wird sich ändern, solange du dein Problem mit dem Trinken nicht in den Griff bekommst.“
Sie stand auf. „Ich will nicht mehr mit dir reden. Ich gehe nach Hause.“
Mackenzie stürmte davon. Derek warf Geld auf den Tisch und rannte ihr die Rolltreppe hinunter hinterher, sich an Kunden vorbeidrängend, die mit dem Tempo der Rolltreppe unterwegs waren. Auf der Buchanan Street holte er sie ein und packte sie am Arm. Sie schüttelte ihn ab. „Lass mich los. Lass mich los!“
Er verstärkte seinen Griff, zog sie zu sich heran und flüsterte mit zusammengebissenen Zähnen: „Du machst dich lächerlich. Uns beide. Ich meine es ernst. Reiß dich zusammen.“
Die Wut in seiner Stimme reichte aus, um sie davon abzuhalten, sich weiter zu wehren. Auf der anderen Straßenseite lehnte ein Mann Ende zwanzig in einem schwarzen Mantel an einer Ladentür und starrte sie an. Er drückte die Zigarette, die er geraucht hatte, lässig unter seinem Schuh aus und lächelte wie über einen heimlichen Witz.
„Wer ist das?“
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
Derek zeigte auf ihn. „Der Typ im schwarzen Mantel.“
Mackenzie schaute über seine Schulter. „Das ist er!“
„Wer?“
„Der, von dem ich dir erzählt habe. Der Mann im Supermarkt. Er beobachtet uns.“
„Ganz fucking Glasgow beobachtet uns.“
„Er folgt mir. Oh mein Gott. Ich wusste, dass ich Recht hatte, er folgt mir.“
Der Mann im schwarzen Mantel winkte und Dereks Gesicht verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. „Du musst mich wirklich für einen Idioten halten. Er folgt dir nicht. Er wartet auf dich.“
Früher war Derek Crawford stolz darauf, dass sie sich für ihn entschieden hatte. Eine schöne Frau an seiner Seite zu haben, stärkte sein Ego. Drei Jahre später war der Stolz anderen Gefühlen gewichen. Er wandte sich seiner Frau zu. „War das der Plan? Dich mit mir zu zerstreiten und dich mit ihm einzulassen?“
Mackenzie wollte es gerade leugnen, als der Fremde ein zweites Mal winkte. Das war zu viel für ihren Mann. „Erwartest du ernsthaft, dass ich glaube, er kennt dich nicht?“ Derek lachte bitter. „Er kennt dich sehr wohl. Er kennt dich verdammt gut.“
Er packte sie erneut am Arm und zog sie halb die Buchanan Street hinauf. „Wir reden darüber, wenn du wieder nüchtern bist. Was die Party deiner Schwester angeht, du gehst verdammt noch mal hin.“
* * *
Gavin und Monica Darroch
Gavin band seine Krawatte und betrachtete sich im Spiegel: Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass er nur ein paar Stunden Schlaf bekommen hatte. Die Tränensäcke unter seinen Augen, die ihn vor zwei Monaten noch beunruhigt hatten, hatten sich in seinem Gesicht festgesetzt und schienen nun dazuzugehören, und am Morgen hatte er ein graues Haar entdeckt. Willkommen im Elternsein. Wenn es so weiterging, würde er ein alter Mann sein, bevor Alice ins Teenageralter kam.
Er hatte seine Verantwortung immer ernst genommen; als Student hatte er seine Tage nicht in der Bar verbracht, im Gegensatz zu so vielen seiner Kommilitonen. Das Ergebnis war ein Abschluss in Architektur mit der Note Gut an der Universität von Edinburgh, gefolgt von drei verlorenen Jahren in London, in denen er den entgangenen Spaß nachholte. Zurück in Schottland, bereit, seine Ausbildung in die Praxis umzusetzen, bewarb er sich bei der traditionsreichen Firma Jamieson Coburn im West End von Glasgow. Ihnen gefiel, was sie sahen, und sie boten ihm eine Stelle an. Er musste sich nur mit der Bauaufsicht gut stellen und sein Talent zur Geltung bringen. Doch wie er bald feststellte, war das gar nicht so einfach. Robert Jamieson, der Urenkel des Firmengründers, erläuterte ihm an seinem ersten Arbeitstag die Realitäten des Lebens.
„Du bist jung, sprühst vor Enthusiasmus, und das ist gut so. Wir brauchen deine Energie. Aber denk daran: Jedes Büro in der Stadt wird dir sagen, dass ein erfolgreiches Unternehmen auf tollem Design basiert. Das stimmt nicht. Die Fakturierung ist es, die das Unternehmen am Laufen hält. Jede Stunde, um die sich die Rechnung eines Kunden verzögert, bringt das Unternehmen in Gefahr.“
Er sah die Verwirrung des Neulings und legte ihm väterlich den Arm auf die Schulter.
„Jamieson Coburn ist seit fast vier Jahrzehnten im Geschäft. Ich verrate dir das Geheimnis unseres Erfolgs: Verliere dich nicht in den Zeichnungen, sondern leite das Projekt.“
Gavin nahm sich den Rat zu Herzen und war zehn Jahre später Juniorpartner: Es lief alles wie am Schnürchen.
An einem Freitagabend in Brown's Brasserie am George Square traf er ein Mädchen mit einer ganz anderen Weltanschauung. Monica war gerade von einer sechsmonatigen Reise durch Indien zurückgekehrt und scherte sich nicht darum, die Miete zu zahlen. Ihre blauen Augen funkelten, als sie Geschichten darüber erzählte, wie sie auf Hausbooten auf den Wasserstraßen von Kerala geangelt, unter dem Sternenhimmel in der Thar-Wüste gecampt und in Darjeeling Tee gepflückt hatte. Im Vergleich dazu wirkte alles, was er getan hatte, ziemlich langweilig. Sie war das Abenteuer, von dem er nicht gewusst hatte, dass er es suchte. Als er sie nach Hause brachte, war er bereits in sie verliebt. Es war offensichtlich, dass sie füreinander bestimmt waren, und die Romanze entwickelte sich schnell.
Das war vor Lichtjahren, so kam es ihm jedenfalls vor.
Bevor Alice zur Welt kam, hatte er sich die abfälligen Kommentare seiner Freunde über das Vatersein angehört, die es wie die Hölle auf Erden klingen ließen, und seine Gedanken für sich behalten. Die wollten ihn doch sicher nur aufziehen? Wenn es so schlimm war, wie sie es darstellten, warum hatten dann einige von ihnen drei oder vier Kinder?
Und er hatte Recht gehabt, sie machten Witze. Aber sie sagten auch die Wahrheit.
Gavin zog seine Jacke an und warf einen letzten Blick auf sein Spiegelbild. Eine ältere Version seines früheren Ichs starrte ihn an: ein gestresster Mann, der nicht mehr so viel lachte wie früher und der, obwohl er es sich nicht eingestehen wollte, sich Sorgen darüber machte, wohin sein Leben führte. Er hatte sich verändert und ebenso seine Frau; der Freigeist war verschwunden und eine Fremde war an ihre Stelle getreten. Eltern zu sein stellte sich als größere Herausforderung heraus, als beide erwartet hatten. In der Klinik hatten sie sich den Vortrag über die Zeit nach der Geburt angehört und geglaubt, dass das nichts mit ihnen zu tun hätte, so wie Raucher glauben, dass Lungenkrebs immer nur andere trifft.
Alice war wunderschön; er liebte sie. So sehr, dass es ihm Angst machte. Aber der kleine Mensch, den sie gemeinsam geschaffen hatten, überwältigte sie, dominierte sie und verlangte mehr, als sie geben konnten. Gavin hatte sich bei der Arbeit freistellen lassen, um sich um das Kind zu kümmern. Das war kein großer Erfolg. Sie standen sich gegenseitig im Weg und stritten über Dinge, die eigentlich gar keine Probleme waren. Sie kamen schließlich überein, dass es besser wäre, wenn er wieder ins Büro ginge. Das tat er, und beide waren erleichtert, aber das Problem war damit nicht gelöst. Die Balance, die sie in ihrer Beziehung für selbstverständlich gehalten hatten, stellte sich nicht wieder ein, und der Versuch, sie wiederzuerlangen, trieb sie weiter auseinander, sodass er begann, bis zum Abend an seinem Schreibtisch zu bleiben, weil er sich davor fürchtete, nach Hause zu kommen.
Wenn er – der Mann – schon so stark davon betroffen war, wie ging es dann seiner Frau?
Das Geschenk, das Monica neun Monate lang in sich getragen hatte, war zu einem Fluch geworden. Sie fühlte sich als Mutter unzulänglich, als Frau unattraktiv, und kam damit nicht zurecht. Ihre Stimmung schwankte stark, in einem Moment war sie fröhlich und enthusiastisch, im nächsten ängstlich und gereizt. Dann kam die Depression. Man hatte ihnen gesagt, dass der „Baby Blues“ bis zu zwei Wochen dauern könne. Drei Monate später hatte sich die Lage noch weiter verschlechtert. Insgeheim befürchteten beide, dass ihre Ehe nicht überleben würde, und gingen sich aus dem Weg. Sie würden für ihre Tochter sterben – daran bestand kein Zweifel –, aber sie drifteten auseinander. Normale Gespräche fanden nicht mehr statt, und Sex gehörte der Vergangenheit an.
Er hörte die Türklingel und dann Mrs. McLeods beschwingten gälischen Tonfall, der nach oben drang. Sie hatte angeboten, auf Alice aufzupassen, damit sie zu Adeles Geburtstagsparty gehen konnten. Niemand konnte ihr viel über Babys erzählen, sie hatte selbst fünf. Monica war nicht begeistert gewesen und hatte nur zugestimmt, nachdem Gavin versprochen hatte, dass sie nicht lange bleiben würden.
Unten im Wohnzimmer unterhielten sich die Frauen über Stillzeiten. Er hörte die Besorgnis in der Stimme seiner Frau. „Wenn irgendwas ist, egal was, ruf mich an.“
Shona McLeod war eine alte Häsin in diesem Spiel. Sie verstand. „Mach dir keinen Kopf um uns, amüsiert euch, wir kommen schon klar.“
Auf der Fahrt durch Glasgow starrte Monica aus dem Fenster und drehte nervös den Riemen ihrer Tasche zwischen den Fingern. Gavin erinnerte sich gut an die Tasche, eine Stella McCartney, die er ihr vor zwei Jahren zum Geburtstag gekauft hatte, in den fernen Tagen, als in ihrer Welt noch alles in Ordnung war. Sie hatten eine Routine, mit denen sie beide gut klarkamen: Er spielte dienstagsabends Fünf-gegen-Fünf, während sie im Fitnessstudio war. Er hatte nie verstanden, warum eine Frau mit einer perfekten Figur Größe 38 Sport treiben musste. Sie hatte nur gesagt: genau deswegen. Danach trafen sie sich und gingen Curry essen, wobei sie sich bei der Auswahl des Restaurants abwechselten. Monica bevorzugte normalerweise das Mother India's Café in der Argyle Street, gegenüber der Kunstgalerie, oder manchmal das Chaakoo im Zentrum. Aber er hatte gehört, dass sie zugemacht hatten, sie würde sich also ein neues Lokal suchen müssen. Gavin blieb beim Shish Mahal in der Park Road und bestellte immer Biryani. Freitags und samstags kochten sie abwechselnd und versuchten, sich gegenseitig mit ausgefallenen Schokoladendesserts zu beeindrucken. Dann kam der Sonntag – der beste Tag der Woche: Frühstück im Bett, von ihm zubereitet; Sex, ohne Eile und intensiv; Kaffee; die Zeitungen und die oft hitzigen Diskussionen über die Nachrichten.
Am Nachmittag fuhren sie aufs Land. Schottland war wunderschön, tolle Landschaften in alle Richtungen und weniger als eine Stunde von der Stadt entfernt. Allein die Nähe dazu erfrischte sie: die salzige Luft am Hafen von Pittenweem mit dem Bass Rock in der Ferne einatmen oder Arm in Arm im Winterwind durch die Sanddünen am Irvine Beach stapfen.
Ein Baby hätte ihr Glück auf eine neue Ebene heben sollen. Stattdessen hatten sie sich verloren, und die Witze, die seine verheirateten Freunde gemacht hatten, waren keine Witze mehr. Monica war verwirrt und litt, und so sehr er auch versuchte, ihr zu helfen, es endete immer gleich. Aber er liebte sie und wollte sie beschützen, wenn er nur gewusst hätte, wie.
Sie sprach und Mitgefühl überkam ihn. „Alice nimmt sich gern Zeit für ihre Flasche. Ich hätte Mrs. McLeod das sagen sollen … Was, wenn sie sich verschluckt?“
Er sah seine Frau an und bemerkte die Veränderung in ihr. Monica war blass, angespannt und abgelenkt, ihre Gesichtszüge wurden durch das Abendlicht schärfer, ihr Geist suchte nach etwas, worüber sie sich Sorgen machen konnte. Als sie sich kennengelernt hatten, war sie locker und unkompliziert gewesen, vollkommen selbstbewusst. Das Mädchen, in das er sich verliebt hatte, trug ihre Schönheit mit einer Selbstverständlichkeit, die darauf beruhte, dass sie sich selbst in alten Jeans und einem T-Shirt attraktiv fühlte. Wo war diese Frau jetzt geblieben?
Er beruhigte sie. „Das wird schon nicht passieren. Mrs. McLeod hat mehr Erfahrung mit Babys als die meisten Menschen, die ich kenne. Alice ist bei ihr sicherer als bei uns beiden zusammen.“ Er nahm ihre Hand. „Schalt ab. Du musst das. Wir müssen das.“
Sie wandte sich ab. „Du hast leicht reden, du bist nicht ihre Mutter.“
Die Antwort traf ihn und er reagierte. „Nein, das stimmt. Ich bin ihr Vater, falls du es vergessen hast.“
Er bereute seine Worte, sobald er sie ausgesprochen hatte. Gavin streckte die Hand aus und versuchte erneut, Monicas Hand zu nehmen. „Lass uns entspannen und den Abend genießen. Es wird schön sein, alle wiederzusehen.“
Die ausdruckslose Miene seiner Frau sagte ihm, dass er seine Zeit verschwendete, indem er versuchte, positiv zu sein. Sie wechselte das Thema, aber nicht den Tonfall. „Mackenzie hat Alice nur einmal besucht. Einmal in drei Monaten. Sie ist nicht gerade interessiert, was?“
Gavin seufzte. „Kinder sind ein schwieriges Thema für sie. Das weißt du doch.“
„Vielleicht wäre es nicht so schwierig, wenn sie etwas gegen ihr Alkoholproblem unternähme. Ich sag's ja nur.“
Ihr Mann umklammerte das Lenkrad. „Könntest du vielleicht versuchen, es einfach nicht zu sagen? Das hilft keinem weiter, Monica.“
Sie fuhren weiter, verloren in unausgesprochenem Groll.
So war es früher nicht gewesen. So waren sie nicht. Sie hatten es geliebt, zusammen im Auto zu sitzen: über alles Mögliche zu diskutieren, in Antiquitätenläden in Perth oder Auchterarder zu stöbern, in einem Dorfpub zum Mittagessen anzuhalten und über die entsetzten Reaktionen der Einheimischen zu kichern, wenn sie ihn küsste.
Gute Zeiten. Tolle Zeiten.
Er fuhr sich mit der Hand durch sein blondes Haar. Adele und Mackenzie – beide brünett – neckten ihn damit, er sei nicht wirklich ihr Bruder: man habe im Krankenhaus einen schrecklichen Fehler gemacht und ihren Eltern das falsche Baby gegeben. Vielleicht war da ein Körnchen Wahrheit dran, denn er war so ganz anders als sie. Seine Schwestern waren komplizierter: Adele, schnell mit Urteilen und weniger zum Lächeln geneigt. Und Mackenzie. Was konnte er über sie sagen? Zehn Jahre jünger als er, acht Jahre jünger als Adele: das Nesthäkchen der Familie; ein entzückendes Kind, das zu einer rebellischen Teenagerin und dann zu einer verwirrten Erwachsenen herangewachsen war.
Er hatte seine kleine Schwester seit der Taufe nicht mehr gesehen, als sie direkt nach der Zeremonie gegangen und auch nicht zur anschließenden Feier bei ihnen aufgetaucht war. Monica war nicht erfreut gewesen. Mackenzie hatte an diesem Tag mürrisch und verschlossen gewirkt, und Gavin vermutete, dass sie und Derek sich gestritten hatten. So was kam vor. Wer wüsste das besser als er?
In Charing Cross nahm er die M8 West Richtung Glasgow Airport über die Kingston Bridge, wo eine Stunde zuvor noch dichter Verkehr geherrscht hatte.
„Hör mal. Familien sind manchmal harte Arbeit. Wir haben keinen Einfluss darauf, was andere Menschen tun oder nicht tun. Das darf nicht zwischen uns stehen. Das Wichtigste ist, dass wir uns nah bleiben. Alice braucht uns, und wir brauchen einander. Lass uns einfach versuchen, einen schönen Abend zu haben, okay?“
Monica wurde milder und drückte seine Hand. „Es wird ihr gut gehen, oder?“
„Natürlich wird es ihr gut gehen. Gleich morgen früh wird sie uns erzählen, wie gut es ihr geht.“
Seine Frau lachte. „Wir hätten sie Rooster nennen sollen.“
* * *
Blair und Adele Gardiner
Der dumpfe Klang lauter Musik drang aus den Schlafzimmern der Zwillinge durch das Haus der Gardiners. Die dreizehnjährigen Adam und Richard zeigten bereits Anzeichen dafür, dass sie nicht die Kinder waren, die ihre Mutter nach zwölfstündigen Wehen endlich zur Welt gebracht hatte, sondern vielmehr Außerirdische, die den Planeten Erde vor einer Invasion auskundschafteten. Beide hatten das gleiche blonde Haar wie ihr Onkel.
Seit sie die Grundschule verlassen hatten und auf die „große Schule“ gekommen waren, hatten sie eine Gewohnheit entwickelt: sie kamen nach Hause, plünderten den Kühlschrank, meist auf der Suche nach Käse, gingen in ihre Zimmer und tauchten erst wieder auf, wenn sie zum Abendessen gerufen wurden – die Party hatte ihre Routine durcheinandergebracht.
Blair Gardiner steckte seinen Kopf zur Küchentür herein und sah den Ausdruck auf dem Gesicht seiner Frau. „Was ist los?“
Adele stellte die Förmchen zurück in den Kühlschrank und presste die Lippen zusammen. „Die Panna cotta ist noch nicht fest.“
Blair schaute auf die Uhr. „Wir haben noch viel Zeit. Es dauert noch ewig, bis du sie servierst.“
„Aber was ist, wenn sie nicht fest wird?“
„Lass sie einfach, wie sie ist. Keiner wird den Unterschied bemerken. Wenn es um Essen geht, sind sie alle Banausen.“
„Gavin nicht. Er ist ein toller Koch.“
Ihr Mann sagte: „Er ist die Ausnahme, das gebe ich zu. Aber es ist deine Party. Du hättest mich einen Tisch reservieren lassen sollen, so wie ich es wollte. Das hätte uns all diese Arbeit erspart.“ Er nickte in Richtung des Rindfleischs, das im Ofen bräunte.
„Nun, deswegen haben wir doch so viel Geld für die Küche ausgegeben, oder? Außerdem macht es mir nichts aus. Es ist das erste Mal, dass sie das Haus sehen. Zwei Fliegen mit einer Klappe.“
Ihr Mann zuckte die Achseln. „Zur Hölle mit deiner Familie. Nichts für ungut.“
„Das meinst du nicht so.“
„Von wegen. Wann haben Gavin oder Mackenzie uns das letzte Mal zu sich nach Hause eingeladen?“
„Zur Taufe.“
„Die Taufe zählt nicht. Das konnten sie nicht umhin, und wenn wir ehrlich sind, wir auch nicht.“
„Mackenzie schon.“
Blair zögerte. Seine Schwägerin war ein Thema, das man besser vermeiden sollte. Seine Antwort war so neutral wie möglich. „Mackenzie geht ihren eigenen Weg. Das hat sie schon immer getan.“
Adele wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und machte sich wieder daran, Tomaten für den Salat zu schneiden. „Ich habe dir gar nicht erzählt, dass ich sie letzte Woche angerufen habe.“
Ihr Mann versuchte, beiläufig zu klingen. „Ach ja? Wie war sie drauf?“
„Mit einem Wort: Hackedicht. Sie hat geflucht. Gelallt. Ich habe die Hälfte von dem, was sie gesagt hat, nicht verstanden.“
„Wo war Derek?“
„Noch bei der Arbeit, sagte sie jedenfalls. Wahrscheinlich hält er es zu Hause einfach nicht mehr aus. Du würdest nicht glauben, was sie über ihn gesagt hat. Schreckliche Dinge. Ich glaube, sie hasst ihn.“
„Nun, er ist alt genug, um ihr Vater zu sein. Und er benimmt sich auch so.“
Adele unterbrach ihre Tätigkeit und legte das Messer beiseite. Ihre Stimme nahm einen Ton an, den ihr Mann nur allzu gut kannte. „Was soll das heißen? Hast du etwa vergessen, wie Mackenzie war, bevor sie ihn kennengelernt hat? Ich jedenfalls nicht. Meiner Meinung nach weiß meine Schwester gar nicht zu schätzen, wie viel Glück sie hat. Derek hat sie gerettet.“
„Aber du musst zugeben, dass er sie wie ein Kind behandelt.“
„Vielleicht, weil sie sich wie eins benimmt.“
Blair hielt sich zurück. Adele war ein Fan von Derek, er nicht.
„Sie ist auf den Füßen gelandet und sieht es nicht.“
„Aber wenn sie nicht glücklich ist … das ist doch sicher wichtiger als Geld?“
Adele warf ihm einen bösen Blick zu. Wenn es um ihre Schwester ging, hatte er Scheuklappen auf. „Ich wünschte, du würdest die Augen aufmachen. Niemand greift Mackenzie an.“
„Klingt aber nicht so.“
„Es ist mir völlig egal, wie es klingt. Sie ist eine Drama-Queen, das war sie schon immer. Alle außer dir verstehen das.“ Sie musterte ihn kritisch. „Warum ist das so, Blair? Warum bist du immer auf ihrer Seite?“
Er wies die Unterstellung zurück. „Das tue ich nicht. Ich bin auf niemandes Seite. Ich sehe sie an und sehe eine unglückliche Frau, das ist alles. Ich habe Derek Crawford noch nie gemocht. Leugne das nicht.“
„Weil er deiner Meinung nach zu alt für sie ist?“
„Das ist ein Teil davon, ja. Aber du musst zugeben, dass er sehr kontrollierend ist. Kein Wunder, dass Mackenzie trinkt.“
„Sei nicht albern. Niemand zwingt jemanden zu trinken. Meine Schwester ist Alkoholikerin, deshalb trinkt sie. Und ja, ich gebe zu, dass Derek gern das Sagen hat, aber irgendjemand muss die Zügel in der Hand halten. Mackenzie tut das nicht.“
„Okay, einverstanden. Aber sicher spielen auch die Umstände eine Rolle?“
„Du meinst Umstände wie das große Haus, in dem sie wohnt, oder die ganzen Klamotten, die er ihr kauft?“
Blair schüttelte den Kopf. „Du weißt, was ich meine.“
Sie gab nach, denn sie hatte genauso wenig Lust wie er, sich zu streiten. „Ja, das weiß ich, aber du betrachtest das aus dem falschen Blickwinkel. Ich habe viel über Alkoholismus gelesen. Es ist eine Krankheit. Wenn die Person die Hilfe bekommt, die sie braucht, beginnt sie zu verstehen, wie sie mit ihrem Leben zurechtkommt, ohne zur Flasche zu greifen.“
Er war stur. „Sehe ich ganz genauso. Aber es kann trotzdem nicht einfach sein, mit Derek Crawford zusammenzuleben.“
Adeles Mundwinkel verzogen sich zu einem harten Lächeln. „Du verteidigst sie immer noch, was? Ich fange langsam an zu glauben, dass du auf sie stehst.“
Blair spürte, wie ihm die Röte in die Wangen stieg, und machte einen Schritt Richtung Tür – er hätte sich von der Küche fernhalten und sie machen lassen sollen. Ein Streit, insbesondere dieser Streit, war das Letzte, was sie jetzt brauchten. Selbst ihm kam seine Antwort nicht überzeugend vor.
„Jetzt bist du albern.“
„Ach ja? Soll ich dir erzählen, was sie mir gesagt hat?“
Was auch immer es war, ihr Mann wollte es nicht hören. Adele ließ ihm keine Wahl.
„Angeblich hat sie einen Stalker.“ Sie sah die Verwirrung in seinem Gesicht. Das gefiel ihr. „Meine Schwester behauptet, jemand würde ihr nachstellen. Das ist mal was anderes als rosa Elefanten, oder? Typisch Mackenzie, dass sie selbst beim Trinken noch alle anderen übertrumpfen muss.“
„Vielleicht sagt sie die Wahrheit.“
Adele schnaubte und wandte sich wieder dem Salat zu. „Ach komm, sie denkt sich das aus. Oder sie bildet es sich ein. So oder so ist es traurig. Der arme Derek – der Kerl, den du nicht leiden kannst – verdient eine Medaille.“
Die Zwillinge kamen in die Küche gestürmt, zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um die Anspannung zwischen ihren Eltern zu bemerken. Adam öffnete den Kühlschrank und schaute, was darin war: eine Reflexhandlung. Sein Bruder sprach für beide. „Wir sind am Verhungern. Wann gibt's Abendessen?“
Blair antwortete schärfer als beabsichtigt. „Eure Mutter ist beschäftigt. Ich bringe es rauf, wenn es fertig ist.“
„Was gibt es denn?“
„Sie hat noch nicht entschieden.“
„Ich mache euch Pizza, wenn der Braten aus dem Ofen kommt“, sagte Adele.
Das war nicht das, was die Jungen hören wollten. Adam verzog unzufrieden das Gesicht. „Wie lange dauert das?“
„Sobald ich kann, Schatz.“
„Aber wir haben jetzt Hunger.“
Ihr Vater versuchte vergeblich, seine Ungeduld aus seiner Stimme herauszuhalten. „Wie könnt ihr hungrig sein? Ihr habt doch eben erst einen ganzen Block Cheddar verputzt.“
Seine Söhne starrten ihn an, bis Adam – der zwanzig Minuten ältere – mit der ihm eigenen Logik antwortete: „Das war vor einer Stunde.“
Blair wollte davon nichts wissen. Er war nicht in der Stimmung dafür. „Haut ab! Macht euch rar. Nehmt noch ein bisschen Käse, wenn es sein muss, und dann verschwindet. Und seid leise.“
Er wandte sich an seine Frau. „Wir sollten uns besser fertig machen.“
* * *
Blair polierte gerade Gläser im Esszimmer, als er Adeles Schritte auf der Treppe hörte. Das Ankleiden war keine angenehme Erfahrung gewesen, sie hatten sich gegenseitig ignoriert, und er hatte sie beim Schminken allein gelassen. Er spürte, dass seine Frau in der Tür stand, und wandte sich ihr zu. Adeles dunkles Haar war zu Locken gedreht und hochgesteckt. Sie machte eine „Was meinst du?“-Geste und wartete auf seine Reaktion: Das schwarze Kleid, zusammen mit der Perlenkette und den High Heels, betonte ihre schlanke Figur. Kein Zweifel, sie war immer noch ein Hingucker.
Er lächelte; er konnte nicht anders. „Umwerfend. Wie machst du das nur?“
„Das frage ich mich manchmal selbst.“
Blair zeigte auf die Tischdekoration. „Sieht toll aus, gut gemacht. Und die Panna cotta wird allmählich fest, ich habe gerade nachgesehen.“
Sie nickte. „Hast du den Wein geöffnet?“
„Alles erledigt.“
Adele strich mit der Hand über die Rückenlehne des Stuhls neben sich, wohl wissend, dass sie sich seit Monaten nicht mehr so nahe gewesen waren. „Ich möchte mich entschuldigen. Ich hätte auf dich hören und mit dir ausgehen sollen, nur wir beide. Stattdessen haben wir jetzt dieses Palaver am Hals. Außerdem schlafe ich schlecht. Es ist Mackenzie. Der Gedanke an sie stresst mich so sehr.“
Er lenkte das Gespräch in eine angenehmere Richtung. „Natürlich bist du gestresst. Ist das nicht jeden Tag so, wenn man neununddreißig ist? Ich bin ein Jahr älter, was glaubst du, wie ich mich fühle?“
„Nein, im Ernst. Mackenzie ist für mich ein heikles Thema, das war schon immer so. Es war nie leicht, mit ihr zusammenzuleben. Mal möchte ich mich um sie kümmern, dann wieder würde ich sie am liebsten mit bloßen Händen erwürgen. Ich glaube, ich habe ihr nie verziehen, wie sie Mum und Dad behandelt hat. Sie konnten sie nicht verstehen und haben sich selbst die Schuld gegeben.“
„Daran solltest du heute Abend nicht denken. Und ich liege auch falsch. Es ist dein Geburtstag, deine Familie kommt, um ihn mit dir zu feiern. So wie es sein sollte. Mackenzie muss sich um ihre Probleme kümmern, genau wie wir alle. Und du hast recht. Derek ist nicht der Mann, den ich mir für sie wünsche. Aber was weiß ich schon?“
„Er tut mir leid. Ihr Trinken ist wieder außer Kontrolle. Ich fürchte, dass sie den Halt verliert. Ein Stalker.“ Sie lachte. „Kannst du das glauben?“
„Sie offenbar schon.“
„Schon, aber man kann nichts von dem glauben, was sie sagt. Du hast doch sicher nicht das Fiasko vergessen, als …“
„Vergiss das alles. Vergiss es. Heute Abend geht es um dich.“
Für einen Moment waren sie zusammen. Adele sagte: „Die Jungs sind furchtbar still.“
„Ja, oder? Ich frage mich, warum.“
Sie suchte in seinem Gesicht nach einer Antwort. „Was haben Sie getan, Blair Gardiner?“
„Ich habe sie ins Kino geschickt, um den neuen Star-Wars-Film zu sehen. Sie sind Teenager, Bestechung löst alle Probleme. Wahrscheinlich stopfen sie sich gerade den Bauch mit Junkfood voll. Aber keine Sorge, ich habe ihnen gesagt, dass sie nach dem Film sofort nach Hause kommen sollen.“
„Warum bin ich nicht darauf gekommen?“
„Solange es wenigstens einer von uns getan hat.“
Adele musterte ihren Mann von oben bis unten und betrachtete sein jugendliches Gesicht, das einen Kontrast zu den grauen Schläfen bildete. „Du siehst übrigens selbst ziemlich scharf aus. Wie ein jüngerer Michael Douglas.“
„Ja? Wie viel jünger?“
„Jung genug für mich.“
Sie ging Richtung Tür. „Und füll Mackenzies Glas nicht zu schnell nach. Sie verträgt das nicht.“
„Werde ich nicht. Aber wir sollten den Hund nicht treten, bevor er bellt, oder?“
* * *
Als Derek und Mackenzie Crawford nach Hause kamen, war die Szene, die sie in der Buchanan Street erlebt hatten, noch immer sehr präsent. Sie rannte nach oben in ihr Schlafzimmer und schlug die Tür zu, während ihr Mann wütend und frustriert im Wohnzimmer auf und ab lief. Um fünf schlich er auf Zehenspitzen hinein und sah einen Moment zu, wie sich ihr Körper unter der Kleidung hob und senkte. Es hatte fast dreißig Jahre gedauert, sein Unternehmen von einer zwielichtigen Gebrauchtwagenklitsche mit nur einem Angestellten – ihm selbst – zu zwei Dutzend Autohäusern auszubauen. Die Reise war nicht ereignislos gewesen, wenn auch kein Vergleich zu den Anforderungen einer Ehe. Aber er liebte seine Frau.
Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und schüttelte sie sanft wach. „Mackenzie. Mackenzie. Blair hat uns gebeten, nicht zu spät zu kommen, weil Monica zu ihrem Baby zurück möchte.“
Sie zog sich die Kleidung über den Kopf, ohne ihn zu beachten. Derek ging nach unten; er würde ihr zehn Minuten geben, um zu sich zu kommen. Alkohol vertrug Mackenzie nicht gut, besonders nicht zur Mittagszeit. Gab es überhaupt jemanden, der das vertrug? Er lauschte auf Anzeichen, dass sie aufgestanden war. Es gab keine. Er versuchte es erneut mit sanfter Überredung, mit dem gleichen Ergebnis. Schließlich stürmte er ins Zimmer, schob die Kleidung vom Bett auf den Boden und schrie sie beinahe an. „Du musst es immer übertreiben, oder? Es reicht jetzt mit diesem verdammten Unsinn! Reiß dich zusammen, oder ich kippe dir einen Kübel kaltes Wasser über den Kopf!“
Als er wenig später das Rauschen der Dusche hörte, wusste er, dass seine Drohung gewirkt hatte; sie war aufgetaucht. Aber es dauerte noch vierzig Minuten, bis sie mürrisch und lethargisch, mit schweren Lidern und trüben Augen, nach unten kam. Der Schlaf hatte ihr nicht geholfen; sie war immer noch benommen, was ein Rätsel war, da sie gar nicht so viel getrunken hatte. Derek glaubte, alle Flaschen gefunden zu haben, aber irgendwo musste noch eine versteckt sein. Das verhieß nichts Gutes. In welchem Zustand würde sie nach ein paar weiteren Drinks sein?
Aber dies war der falsche Zeitpunkt, um das Thema anzusprechen.
„Bist du so weit? Okay.“
Auf der Fahrt von Whitecraigs hatte er versucht, ein Gespräch anzufangen, aber nur Schweigen geerntet. So konnte es nicht weitergehen – er würde es nicht zulassen. Gegenüber dem Mount Florida Bowling Club parkte er den silbernen Audi A5 am Straßenrand vor einer Zeile von Reihenhäusern, zwischen Blairs blauem Vectra und einem smaragdgrünen Peugeot SUV GT. Der Peugeot war ihm unbekannt, und er fragte sich, ob Blair und Adele Freunde zur Party eingeladen hatten.
Hampden Park war nicht weit entfernt. Die nationale Besessenheit von etwas, in dem das Land derzeit miserabel war, war ihm ein Rätsel. Derek zwang sich, gelegentlich mit seinem Bankberater Golf zu spielen, weil es nützlich und er überraschend gut darin war. Darüber hinaus interessierte ihn Sport nicht.
Er stellte den Motor ab und wandte sich seiner Frau zu. „Bevor wir reingehen, denk daran, dass Adele Geburtstag hat. Treib es mit dem Alkohol nicht zu wild, okay?“
Mackenzie salutierte spöttisch. „Ja, Sir.“
Derek hätte sie am liebsten geohrfeigt. „Verdirb es nicht, sonst gibt es echt Ärger. Glaub mir.“
„Leck mich.“
Er schüttelte den Kopf und stieg aus. Drei Jungen, etwa vierzehn Jahre alt, bewunderten die schlanken Linien des Audis. Mackenzie ließ ihre Tasche fallen und bückte sich, um sie aufzuheben. Einer der Jungen sagte etwas, worüber seine Kumpels kicherten. Derek war auf der Straße groß geworden und ließ sich von niemandem etwas gefallen. Sein Blick warnte sie, sich rauszuhalten.
Blair wartete an der Tür und drinnen, nach den üblichen Umarmungen und Küssen, nahm er ihre Mäntel und klatschte in die Hände. „Also, was kann ich euch beiden bringen?“
Derek sagte: „Mineralwasser, falls du welches hast.“ Er ahmte das Autofahren nach.
Mackenzie zögerte nicht. „Einen trockenen Weißwein, bitte. Und sei nicht geizig.“
Derek warf ihr einen Blick zu. Sie ignorierte ihn, ging ins Wohnzimmer und sprach ihre Schwägerin an. „Also, Monica, wie geht's dem Baby? Wie geht es Alison?“
„Du meinst Alice. Ihr geht es toll. Ich kann mir ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen, und das nach nur drei Monaten. Ich wollte sie heute Abend nicht bei der Babysitterin lassen. Gavin musste mich quasi hierher zerren, nicht wahr, Schatz?“
Sein halbherziges Lächeln verriet, dass er mit den neuen Gegebenheiten weniger glücklich war als sie.
Aus dem Mundwinkel sagte Derek: „Merk dir den Namen von dem Kind, um Himmels willen.“
Gavin küsste seine Schwester auf die Wange und roch Alkohol in ihrem Atem. „Wie geht's, Schwesterherz?“
Mackenzie schüttelte den Kopf, ihre Lippen bebten, sie war den Tränen nahe. Er tätschelte ihre Hand. „Wir werden noch Gelegenheit haben zu reden. Du kannst mir alles erzählen.“
Blair schenkte allen nach und hob sein Glas. „Auf Adele!“
Alle hoben ihre Gläser. Mackenzie trank schneller aus als alle anderen, und Derek spürte, wie sich seine Brust zusammenzog. Sie war nicht mehr zu bremsen. Monica reichte dem Geburtstagskind ein Geschenk, das offensichtlich Parfüm war. Adele öffnete es und tat so, als wäre sie überrascht. Derek flüsterte Mackenzie zu: „Wo ist unseres?“
„Ich … ich habe vergessen, es mitzubringen.“
„Oh, Herr im Himmel. Wie konntest du das vergessen?“
„Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es ist mir einfach entfallen.“
„Was hast du ihr denn gekauft?“
Sie antwortete nicht, und er wusste, dass sie log. Sie hatte es nicht vergessen. Es gab kein Geburtstagsgeschenk. Sie hatte nichts gekauft. Es würde wieder einer dieser Abende werden.
Die Gardiners wohnten erst seit wenigen Monaten in diesem Haus. Derek war zum ersten Mal hier. Adele sagte: „Soll ich euch eine kurze Führung geben oder möchtet ihr lieber bis später warten?“
„Jetzt. Auf jeden Fall.“
Sie schlenderten durch das Haus und lauschten einer detaillierten Beschreibung der Einrichtungsentscheidungen – warum sie sich für dieses statt für jenes entschieden hatten, wie etwas sie angesprochen hatte und sie wusste, dass es das Richtige war, und noch langweiligere Geschichten darüber, was sie ausgeschlagen hatten. Aber es war schön. Teuer und zurückhaltend. Mackenzie war nicht gut darin, Farben und Stoffe aufeinander abzustimmen, und hatte auch kein Auge dafür, daher hatte Derek die meisten Dinge in ihrem Haus ausgesucht. Am Tisch wog er das schwere Besteck in seinen Händen. Auf dem Boden der Teller stand „Jasper Conran“ oder etwas in der Art. Und der Wein stammte auch nicht aus dem Supermarkt, obwohl man das angesichts der Art, wie Mackenzie ihn in sich reinschüttete, durchaus hätte annehmen können.
Man musste zugeben: sie hatten es zu was gebracht. Nicht so weit wie er, aber immerhin. Er beugte sich über den Esstisch zu Gavin. „Was fährst du denn so zurzeit?“
„Ich habe mir diesmal einen Peugeot zugelegt.“
„Den habe ich gesehen, als wir ankamen. Schick.“
„Er fährt sich gut und hat mehr Platz für Alices Kindersitz. Ist jedes Mal, wenn wir aus dem Haus gehen, ein Riesenaufwand. Und du? Immer noch der BMW?“
„Nein, habe ich abgegeben. Macht keinen Sinn, ihn zu lange zu behalten. Im Moment kann ich mich nur für Audi begeistern, insbesondere für den A5.“
Gavin war das völlig egal. Autos waren ihm nicht wichtig. Er hatte andere Prioritäten, und außerdem waren sie mit der Hypothek schon genug belastet. Derek hatte ihm in der Vergangenheit ein Angebot gemacht. Er wollte lieber auf seine Hilfe verzichten und ihm nichts schuldig sein oder sein Ego streicheln.
„Gut, ja?“
„Besser als das.“
„Wenn du es sagst.“
Derek ignorierte den Sarkasmus. Gavin war ein Wichser. Aber wenigstens war seine Frau nüchtern.
Monicas Frage klang harmlos, war es aber nicht. Sie wusste genau, was sie tat, als sie ein Thema ansprach, bei dem Mackenzie und Derek Crawford unterschiedlicher Meinung waren: Er wollte Kinder, sie nicht.
„Wann wirst du eine Familie gründen, Mackenzie?“
„Nicht jeder hat das Bedürfnis. Manche Leute finden es egoistisch und unverantwortlich, mit einem Baby die Lücke in ihrem Leben füllen zu wollen. Ich kann ihnen da nicht widersprechen.“
Monica wollte etwas erwidern, hielt dann aber inne. Mackenzie holte eine Packung Zigaretten aus ihrer Tasche und spürte Blairs Hand auf ihrer Schulter. „Tut mir leid, neue Regeln. Adeles Idee. Rauchen ist im Haus nicht erlaubt, wenn es dir nichts ausmacht.“
Monica wollte nicht aufgeben. „Aber ist es nicht letztendlich das, worum es in der Ehe geht?“
„Für mich nicht.“
Die frischgebackene Mutter machte keinen Hehl aus ihrer Ablehnung. „Ich kann nur sagen, dass die Geburt meiner Tochter das Schönste war, was ich je getan habe.“
Mackenzie nahm einen Schluck Wein. „Schön für dich.“
„Es ist komisch, plötzlich hat das Leben mehr Bedeutung.“
„Seiner Miene nach zu urteilen, bin ich nicht überzeugt, dass mein Bruder derselben Meinung ist. Du bist nicht die erste Frau, die ein Baby bekommt, weißt du. Das gab es schon vorher.“
In letzter Zeit war Monica besser darin auszuteilen als einzustecken. „Kein Grund, unhöflich zu sein. Ich habe nur Small Talk gemacht. Ich wollte nicht –“
„Schnüffeln. Du brüstest dich damit, ein Baby bekommen zu haben und jetzt willst du wissen, warum ich keins kriege. Ich sage dir, warum. Man muss ficken, um schwanger zu werden. Ich habe gehört, dass das Teil des Spaßes ist, aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen.“
Alle verstummten gleichzeitig. Mackenzie war noch nicht fertig. „Ich frage mich, an wen Gavin in der Nacht gedacht hat, in der er dich geschwängert hat.“
Derek sagte: „Mackenzie, hör auf! Hör sofort auf!“
Seine Frau griff nach ihrem Glas und stieß es um; Wein befleckte die weiße Tischdecke, ein Teil davon tropfte über den Rand auf den neuen beigen Teppich. Blair kam mit Küchenpapier, um es aufzuwischen. „Nichts passiert.“
Aber er irrte sich. Die anderen erkannten, was Derek bereits wusste: Monica war eine taktlose Zicke. Und Mackenzie war betrunken. Sie rappelte sich unsicher hoch.
Adele sagte: „Wo gehst du hin? Ich will gerade servieren.“
„Aufs Klo. Sofern keiner was dagegen hat.“
Als sie gegangen war, sprach Adele aus, was alle dachten. „Sie ist meine Schwester und ich liebe sie, aber sie ist außer Kontrolle. Sie braucht Hilfe. Wir alle sehen, dass sie Hilfe braucht.“
„Ich habe es versucht, glaubt mir, ich habe es versucht. Sie hört einfach nicht zu.“
„Wie hältst du das bloß aus?“
Gavin wandte sich seiner Frau zu. „Ganz toll, Monica. Wirklich ganz toll. Da musstest du jetzt noch drauf herumreiten, was?“
Blair warf Adele einen schuldbewussten Blick zu – sie hatte ihn gewarnt, oder? „Es ist meine Schuld, ich hätte ihr nicht so viel einschenken sollen.“
Derek war anderer Meinung. „Nein, ist es nicht. Sie war heute beim Mittagessen schon halb betrunken. Da hat es nicht viel gebraucht. Sie war von vornherein nicht ganz klar im Kopf. Wir hatten einen heftigen Streit in der Buchanan Street. Es wäre fast zu Handgreiflichkeiten gekommen. Und da war ein Mann, der auf sie wartete.“
Adele ließ ihre Serviette fallen. „Nicht schon wieder!“
Blair konnte seine Verärgerung nicht verbergen. „Schon wieder? Was meinst du mit schon wieder?“
„Das weißt du. Wir alle wissen es. Und es wäre mir lieber, wir würden das nicht vor Derek diskutieren, wenn es dir nichts ausmacht. Er ist schließlich ihr Ehemann.“
Derek sagte: „Das ist kein Geheimnis. Sie hat es mir selbst erzählt.“
Blair ließ sich nicht beirren. „Sie war siebzehn – ein Kind – und wurde von einem verheirateten Mann verführt. Es war ein Fehler. Menschen machen Fehler. Oder hast du das nicht gehört, Adele? Willst du ihr das für den Rest ihres Lebens vorhalten? Mein Gott! Kein Wunder, dass sie trinkt.“
Seine Frau wies die Kritik zurück. „Da war mehr als nur das, Blair. Entschuldige, Derek. Du hattest etwas gesagt.“
„Sie behauptet, dass dieser Kerl ihr folgt.“
Adele seufzte: „Sie hatte sich in letzter Zeit nicht gemeldet, also habe ich letzte Woche angerufen. Sie hat mir dasselbe erzählt.“
„Du hast ihr nicht geglaubt, oder?“
„Natürlich nicht. Wie sah er aus?“
Derek zuckte die Achseln. „Jung. Jedenfalls jünger als ich. Er trug einen Mantel. Er war schwarz, an mehr erinnere ich mich nicht. Es war keine Zeit. Mackenzie machte eine Szene. Die Leute starrten uns an.“
„Wie schrecklich.“ Adele warf ihrem Mann einen bösen Blick zu. „Blair scheint vergessen zu haben, wie oft sie Mum und Dad zur Verzweiflung gebracht hat. Sie verschwand tagelang. Kam nicht nach Hause. Und wenn sie endlich auftauchte, fiel sie zur Tür herein, als hätte man sie rückwärts durch eine Hecke gezogen, mit einem Junkie im Schlepptau. Ich hatte gehofft, dass das hinter ihr lag, als sie dich geheiratet hat.“
„Das habe ich auch.“
„Das ist zehn Jahre her. Sei nicht so streng mit ihr.“
Adele sprach zu ihrem Bruder. „Du erinnerst dich doch, oder, Gavin?“
Gavin und Adele waren zwei Jahre auseinander. Mackenzie war das „Baby“ der Familie. Als Kinder waren die Mädchen sich sehr nahe gewesen. Vor allem Adele hatte ihre kleine Schwester beschützt. Das änderte sich, als Mackenzie in die Pubertät kam. Zu diesem Zeitpunkt hatte Gavin die Uni verlassen und arbeitete in London. Da er nicht mehr zu Hause wohnte, erfuhr er von Mackenzies Eskapaden meist erst später. Und allem Anschein nach war sie eine ziemliche Herausforderung gewesen, sodass ihr Vater seiner Tochter den Spitznamen „der Feind im Inneren“ gegeben hatte. Zu der Zeit ging es mit der Beziehung zwischen Adele und Mackenzie bergab und erholte sich nie wieder. In den drei Jahren seit ihrer Heirat mit dem viel älteren Derek hatte sich die Lage verbessert, doch heute Abend schien es, als wäre Mackenzie auf einem steinigen Weg.
Ihr Bruder fragte sich, warum.
Er antwortete mit unverhohlenem Tadel in der Stimme: „Doch, tue ich. Und ich erinnere mich auch daran, dass wir in diesem Alter auch nicht gerade Engel waren. Blair hat recht. Sei nachsichtig mit ihr, das ist längst Vergangenheit.“
Adele war nicht überrascht. Gavin war wie Blair, er schlug sich immer auf Mackenzies Seite. Heute Abend war das nicht anders. Sie wandte sich an Derek. „Aber sie war mit dir zusammen, warum sollte er dort sein?“
„Ich glaube, sie wollte sich mit ihm treffen. Meine Einladung zum Mittagessen kam ihr dazwischen. Sie war den ganzen Morgen über komisch drauf. Hat wegen einer Lappalie angefangen zu streiten. Hat gedroht, mich zu verlassen.“ Er spielte mit seiner Serviette. „Wie oft habe ich das schon gehört?“
Blair war nicht überzeugt. „Moment, damit ich das richtig verstehe. Ein Typ wartet auf sie, während sie mit dir, ihrem Ehemann, unterwegs ist. Sie bricht einen Streit vom Zaun, damit sie dich stehen lassen und zu ihm gehen kann? Mmmm. Bisschen weit hergeholt, oder? Die Buchanan Street ist wahrscheinlich die belebteste Straße in Glasgow. Er könnte auch einfach …“
Derek unterbrach ihn. „Der dreiste Penner hat ihr zugewunken. Zweimal. Das Trinken ist das eine, aber das geht zu weit. Ich sage dir, ich habe die Nase voll. Es ist mir egal. Was mich betrifft, kann sie gehen, wohin sie will, mit wem sie will, wann immer sie will. Ich werde sie nicht aufhalten.“
„Aber sie hatte doch ein paar Monate lang keinen Tropfen angerührt, oder?“
„Ja, Blair, das stimmt. Aber dafür gab es einen Grund. Damals fing sie an, abends alleine auszugehen. Sie brauchte ewig, um sich fertig zu machen. Wenn ich fragte, wohin sie ging, wollte sie es mir nicht sagen.“
Monica presste die Lippen zusammen. „Wie schrecklich für dich, Derek.“
Er schüttelte den Kopf, wollte nur ungern mehr sagen. „Du hast ja keine Ahnung. Einmal bin ich ihr gefolgt und habe gesehen, wie sie in das Auto eines Kerls gestiegen ist.“ Er hätte sagen können: „Genau wie deins, Blair.“
Adele war schockiert. „Direkt vor deiner Haustür?“
Blair fragte seinen Schwager: „Warum hast du sie nicht aufgehalten?“
„Das hätte eine Szene gegeben. Davon hatten wir schon genug. Und ich wollte nicht, dass die Nachbarn spitzkriegen, was für ein verdammtes Chaos bei uns herrscht. Obwohl sie das wahrscheinlich längst durchschaut haben.“
„Du denkst, es war der Mann, den du heute gesehen hast?“
„Was sollte ich sonst denken?“
Die Art, wie er das sagte, vermittelte Blair den Eindruck, dass er ihn herausgriff.
Adele hob ihr Weinglas, überlegte es sich anders und stellte es wieder ab. Alkohol war die Ursache dessen, worüber sie gerade sprachen. „Ich hatte schon vermutet, dass sie wieder aus der Spur geraten war, als sie aufhörte, mich anzurufen. Ich hätte damals mit dem dummen Stück reden sollen.“
Derek sagte: „Es ist der Alkohol, der Alkohol ist schuld. Selbst wenn sie nicht trinkt, hat er sie im Griff.“
Adele widersprach. „Verteidige sie nicht. Sie ist nie erwachsen geworden. Sie weiß gar nicht, wie viel Glück sie hat. Du gibst ihr alles. Wir waren so froh, als sie dich gefunden hat. Bis dahin …“
Schritte auf der Treppe ließen sie mitten im Satz innehalten. Monica warf Gavin einen besorgten Blick zu. Ihre Ehe war gefestigt und sicher gewesen, ganz anders als die der Crawfords. Jetzt war sie in Schwierigkeiten, und ihre dumme Bemerkung, die alles ins Rollen gebracht hatte, war nicht gerade hilfreich gewesen. Warum hatte sie es nicht auf sich beruhen lassen können, statt den Mund aufzumachen? Andererseits hatte Mackenzie auch nicht gezögert, gegen sie auszuteilen. Aber sie hatte eine Entschuldigung, sie war betrunken.
Mackenzie sprach im Flur, ohne den Raum zu betreten. „Unterbrecht das Gespräch nicht meinetwegen. Ich mache es euch sogar leicht. Blair, würdest du mir bitte ein Taxi rufen? Ich fahre nach Hause.“
Blair nahm sie am Arm und führte sie zurück ins Wohnzimmer. „Lasst uns alle ruhig bleiben, okay?“
„Ich will mich nicht beruhigen. Ich will gehen.“
Er lächelte und legte seinen Arm um ihre Taille. „Natürlich willst du das, aber das ist nicht nötig. In jeder Familie gibt es Streit. Letztendlich sind wir alle Freunde.“
Mackenzie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Du bist mein Freund, Blair. Mir egal, ob ich die anderen wiedersehe oder nicht.“
Die Eifersucht überwältigte Derek; er warf seine Serviette auf den Tisch. „Und ihnen geht es ganz genauso. Ich hole deinen Mantel. Ich bin sicher, es wäre ein schönes Essen geworden. Tut mir leid, dass es verdorben wurde. Danke für die Einladung.“
Mackenzie knurrte ihn an. „Nicht mit dir. Ich gehe nirgendwo mit dir hin.“
Adele versuchte, sie zur Vernunft zu bringen. „Was hat Derek dir je getan, außer sich um dich zu kümmern?“
Tränen hatten Mackenzies Gesicht mit Mascara verschmiert. Sie warf ihrem Mann einen hasserfüllten Blick zu. „Er weiß es.“
Blair sagte: „Das ist doch nur viel Lärm um nichts. Vergiss es einfach. Trink heute Abend nichts mehr, dann wird alles gut. Komm schon.“
„Das werde ich nicht. Es wird nicht alles gut. Keiner von euch glaubt mir, was ich sage.“ Sie fuhr sich mit den Händen durch die Haare. „Ich werde verfolgt, verdammt noch mal, während ihr hier sitzt und über Babys und Autos und anderen Mist redet! Keiner von euch unternimmt irgendwas. Keiner von euch!“
Monica flüsterte: „Drama-Queen.“
Mackenzie hörte sie. „Du Miststück. Du Oberschlampe. Weißt du was? Vergiss es. Du hast recht. Er ist mein Liebhaber. Hörst du, Derek? Mein Liebhaber.“
Adele sprach langsam, um ihre Schwester zu beruhigen. „Mackenzie, wir alle wollen dir helfen. Es ist nur so, dass … du und ich müssen mehr miteinander reden. Du brauchst –“
Mackenzie wandte sich ihr zu, Tränen standen ihr in den Augen. „Was brauche ich? Eine Entziehungskur mit einem Haufen erbärmlicher Loser? Nein, danke. Und was das mit dir reden angeht, du hast ein kurzes Gedächtnis.“ Sie wandte sich an die anderen. „Vor sechs Monaten habe ich Adele angerufen und sie gebeten, mich zu holen. Und was hat sie gemacht? Sie hat aufgelegt.“
Adele widersprach ihr. „Am nächsten Tag konntest du dich nicht daran erinnern, mit mir gesprochen zu haben.“
„Aber ich habe es versucht, und du wolltest mir nicht zuhören. Daran erinnere ich mich noch gut. Du warst damals nicht für mich da, und du bist auch jetzt nicht für mich da. Also kannst du deine Besorgte-große-Schwester-Nummer nehmen und sie dir in den Arsch schieben.“
Es ging wieder los. Blair mochte seine Schwägerin mehr als ihren Ehemann. Er wiederholte, was er im Flur gesagt hatte. „Familien sind ein Albtraum. Ich bin auf deiner Seite, Mackenzie.“
„Du bist es, sie nicht. Sie sind auf seiner Seite.“
Gavin mischte sich ein. „Das stimmt nicht. Wir alle lieben dich. Sieh mal, setz dich, dann können wir darüber reden. Adele, holst du allen einen Kaffee?“
Derek verlor die Geduld. „Du verschwendest deine Zeit. Ruf ihr ein Taxi, Blair. Lass sie gehen.“
* * *
Adele begleitete Derek an die Tür. Er zog seinen Mantel an. „Ich habe sie gewarnt, deinen Geburtstag nicht zu ruinieren. Morgen wird sie das ganze Schlamassel verdrängt haben. Ich wünschte, ich könnte das auch.“
Sie lachte gezwungen und küsste ihn auf die Wange. „Mach dir keine Sorgen. Ich habe genug Geburtstage hinter mir. Pass auf dich auf. Wir sind da, wenn du uns brauchst. Ich werde anrufen und sehen, ob ich zu ihr durchdringen kann.“
„Das wird nicht reichen. Ich glaube, sie hasst mich, Adele. Tage vergehen, ohne dass sie ein Wort sagt. Und wie du gehört hast, schlafen wir getrennt.“
„Oh, Derek, ich weiß nicht, wie du das aushältst. Manchmal macht sie mich so wütend, dass ich sie ohrfeigen möchte. Aber es geht ihr nicht gut. Ich bin so frustriert, dass ich vergesse, dass Alkoholismus eine Krankheit ist. Er verändert Menschen. Versuche weiter, ihr klar zu machen, dass sie ein Problem hat.“
„Keine Chance. Und wie immer werde ich der Arsch sein. Ehrlich gesagt – wer auch immer dieser Typ ist – er kann sie gerne haben.“
„Das meinst du nicht so.“
„Und ob ich das tue.“
* * *
Nachdem Derek gegangen war, war die Stimmung im Esszimmer gedämpft. Monica ging in den Flur, um die Babysitterin anzurufen, während die anderen still an ihren Drinks spielten und sich fragten, warum Familien so dysfunktional waren. Das Drama heute Abend war nur das neueste, nicht das erste. Der Altersunterschied von zwanzig Jahren zwischen Mackenzie und Derek hatte sie von Anfang an zu einem unwahrscheinlichen Paar gemacht. Aber sie waren nicht das einzige Paar mit Problemen. Blair schwenkte den Wein in seinem Glas. „Ich nehme an, niemand hat Hunger, oder?“
„Oh, um Gottes willen“, fuhr Adele ihn an. „Wie kannst du das überhaupt fragen?“
Seine Frau war wütend, weil er mit ihrer Schwester Mitleid hatte. In letzter Zeit hatte sie an fast allem, was er sagte oder tat, etwas auszusetzen.
„Ich meine ja nur, dass es in der Küche ein echt prima Essen gibt. Wäre doch schade, es verkommen zu lassen.“
Gavin schaltete sich ein: „Eigentlich habe ich seit heute Mittag nichts mehr gegessen. Ich bin am Verhungern.“
„Vielleicht eine Schüssel Suppe?“
„Suppe wäre gut.“
Adele schien Gefallen daran zu haben, ihre Schwester zu kritisieren, und Gavin glaubte zu wissen, warum – es ging um Blair. Im Zweifel war ihr Mann immer bereit, Mackenzie zu glauben. Vielleicht zu bereit. Vielleicht, weil er sich zu ihr hingezogen fühlte, oder vielleicht war er einfach nur zu nett zu einer Frau, die er schon länger kannte, als er sich erinnern konnte. So oder so, Adele war eifersüchtig, und es zeigte sich. Sie sagte: „Ihr Verhalten ist unentschuldbar. Sie ist kein Kind mehr. Wir sollten eine Intervention organisieren, wenn sie nüchtern ist. Sie dazu bringen, sich der Wahrheit über ihr Trinken und den Schaden, den sie anrichtet, zu stellen.“
Gavin zögerte, sich darauf einzulassen. „Sie wäre nicht die Erste, die ein Problem hat, aber eine Intervention?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kann mir schon denken, wie sie reagieren würde.“
„Wie denn? Wie würde sie reagieren?“
Er lächelte gezwungen. „So wie jeder andere auch, sie würde sich querstellen. Es wäre besser, einer von uns führt ein vertrauliches Gespräch mit ihr.“
„Du meinst mich. Du meinst, es wäre besser, wenn ich mit ihr rede. Nun, das habe ich bereits versucht. Es hat nichts gebracht.“
„Sie ist unsere Schwester, versuch es noch mal.“
Blair stellte eine Schüssel Suppe vor Gavin auf den Tisch. „Und wenn du es versuchst, sei nachsichtig mit ihr.“
„Was meinst du damit?“
„Ich meine, sei nachsichtig mit ihr. Halte ihr keine Predigt, schimpf nicht mit ihr. Es geht nicht um dich. Sie steckt in Schwierigkeiten. Wahrscheinlich weiß sie gar nicht, wie sehr. Sie schaut zu dir auf.“
„Mackenzie schaut zu niemandem auf, das ist Teil des Problems.“
Er nahm kein Blatt vor den Mund. „Nun, du bist offensichtlich nicht auf ihrer Seite.“
Adeles Antwort war bissig. „Und du bist es offensichtlich schon.“
Ihr Mann ignorierte die Anspielung; er hatte das schon einmal gehört, und noch Schlimmeres. „Ich sage nur, dass du vorsichtig sein solltest. Es ist nie eine gute Idee, über die Ehe anderer zu urteilen. Letztendlich wissen wir nur, was wir in der Öffentlichkeit sehen. Aber jede Geschichte hat zwei Seiten.“ Blair sah seine Frau einen Moment länger als nötig an. „Derek hat uns seine Seite erzählt. Interessiert sich niemand für Mackenzies Seite?“
Bevor Gavin antworten konnte, kam Monica zurück. Ihre Schroffheit überraschte alle.
„Du kannst zu Hause essen. Ich möchte gehen.“
„Geht es Alice gut?“
„Ihr geht es gut. Darum geht es nicht. Blair, könnten wir unsere Mäntel haben?“
Gavin sprach sie scharf an. „Setz dich, das ist wichtig.“ Er wandte sich an Blair und Adele.
„Hört zu, es hat keinen Sinn, dass ihr euch deswegen streitet. Das Beunruhigendste daran ist dieser Stalker. Was hältst du davon, Blair?“
Sein Schwager fuhr mit dem Finger über den Tisch. „Schwer zu sagen. Derek ist überzeugt, dass der Typ auf sie gewartet hat. Und sie kannte ihn.“
Adele verlor fast die Beherrschung. „Natürlich kannte sie ihn. Er hat ihr zugewunken.“
Monica mischte sich ein. Wenn sie schon gezwungen war zu bleiben, wollte sie auch ihre Meinung sagen – die Männer kapierten es einfach nicht. „Ich sehe das wie Adele. Derek hat recht, er hat auf sie gewartet.“
Das war genau das, was Adele hören wollte. „Gut gesagt, Monica. Mackenzie wurde von Anfang an verzogen und meint, sie könne tun und lassen, was sie will, und scheißt auf alle anderen. Sie hat was mit diesem Typen, wer auch immer er ist. Derek hat gesehen, wie sie zu ihm ins Auto gestiegen ist?“
Blair wollte davon nichts hören. „Wir wissen nicht, zu wem sie ins Auto gestiegen ist, und Derek weiß es auch nicht.“
Adele warf den Kopf zurück und lachte. „Männer, ihr seid so leichtgläubig. Sie hat es doch zugegeben. Wir haben es alle gehört. Nein, sorry, aber meine Schwester ist nichts als eine egoistische, selbstsüchtige Schlampe.“
Monica pflichtete ihr bei. „Sie hat Alice seit Monaten nicht besucht. Meine Schwestern sind ständig da, nicht wahr, Gavin?“
„Das sind sie in der Tat.“
Der Sarkasmus war unüberhörbar.
* * *
Als Derek nach Hause kam, wartete Mackenzie in der Lounge auf ihn. Sie trank immer noch. Wo zum Teufel hatte sie das Zeug her? Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um dieses Thema anzusprechen. Ihre Miene war hart, ihre Finger trommelten gegen das Glas, Rauch stieg von der Zigarette in ihrer Hand auf. Es ließ sich nicht vermeiden. Sie wollte streiten und machte dort weiter, wo sie früher am Tag aufgehört hatte. „Ich gehe.“
„Oh, leg mal eine andere Platte auf, ja? Die kennen wir schon.“
„Du kannst mich nicht aufhalten.“
„Warum sollte ich? Ich will, dass du glücklich bist. Offensichtlich bist du es nicht. Vielleicht wäre es das Beste.“
Sie spottete: „Als ob dich interessieren würde, was das Beste für mich ist.“
„Das tue ich, Mackenzie, das tue ich wirklich. Das habe ich immer getan. Hör mal, lass uns nicht wieder damit anfangen. Das kann bis morgen warten.“
„Nein, kann es nicht. Warum hast du mich geheiratet?“
„Ich liebe dich, das weißt du doch.“
„Nein, das ist eine Lüge. Du hast mich nie geliebt. Gib es wenigstens zu.“
Derek war am Ende. „Weißt du was, Mackenzie? Das Ganze ist nur eine verdammte Nebelkerze. Du hast jemanden kennengelernt. Gib es zu.“
„Ja! Ja, es gibt jemand anderen“, stichelte Mackenzie. „Tu nicht so, als würde es dich interessieren.“
„Dein Freund von vorhin, nehme ich an.“
Sie verzog das Gesicht. „Du bist ein erbärmlicher Mann. Ich verabscheue dich.“
Sie warf ihr Weinglas. Es zerschellte an der Wand. Eine Scherbe prallte ab und schnitt Derek unter dem linken Auge. Die Wunde begann sofort zu bluten.
„Du dummes Miststück, du hättest mein Auge treffen können.“
Sie schrie: „Ich wünschte, ich hätte es. Ich wünschte wirklich, ich hätte es“, und stürzte sich auf ihn. Er packte ihre Handgelenke und hielt sie fest. „Werd endlich erwachsen, du dumme Kuh. Werd einfach erwachsen.“
Mackenzie rannte die Treppe hinauf, während er ihr hinterherrief: „Wage es nicht, im Bett zu rauchen. Ich werde nicht zulassen, dass du das Haus abbrennst.“
Die Tür zu einem der Gästezimmer schlug zu, ein Geräusch, das ihm in letzter Zeit nur allzu vertraut geworden war. Derek berührte seine Wange, sah Blut an seinen Fingerspitzen und ließ sich deprimiert auf einen Stuhl fallen. Der Streit war der letzte Strohhalm gewesen. Ihre Ehe war vorbei, das war nicht zu übersehen.