Kapitel 1
Mein charmanter damaliger Freund Joe mit seinem sonnenverbrannten Teint und den perfekten Zähnen sagte mir einmal halb im Scherz und mit belustigt blitzenden Augen, dass jedes Mal, wenn ich käme, ein winziges Erdbeben in irgendeinem fernen Winkel der Erde ausgelöst würde. So als könnte meine sexuelle Lust tektonische Platten sprengen und die Grundfesten unseres Planeten erschüttern. Und ich habe ihm geglaubt. Na ja, nicht ganz. Aber doch genug. Gerade so viel, dass sich diese Vorstellung wie ein Saatkorn in den weichen aufgerissenen Boden meiner Seele eingrub, in den Teil, der sich immer noch danach sehnte, etwas zu empfinden, das sich annähernd nach Macht anfühlte. In jenen Teil, der glauben wollte, dass ich nicht bloß ein weiteres Mädchen war, dessen man sich entledigen konnte. Nur ein zusätzlicher Punkt in einer traurigen Statistik. Ein Kind, das von Eltern immer weitergereicht wurde – von Eltern, die zu high waren, um sich an meinen Geburtstag zu erinnern, zu zugedröhnt, um sich darum zu kümmern, wer gegen Bezahlung ihre Tochter anfassen durfte, solange der Schein echt und der Dealer nicht geizig war.
Diese Lüge, diese herrliche, schillernde Lüge trug ich wie eine zweite Haut. Ich ließ zu, dass sie sich um meine Rippen schnürte und sich wie ein Geheimnis, das nur ich schmecken konnte, in meiner Kehle festsetzte. Sie verlieh mir eine Art Schutzpanzer. Sie ermöglichte es mir, mich unantastbar zu fühlen. Zumindest für eine Weile. Aber Macht, wahre Macht, kommt nicht in Seide und Versprechen gehüllt. Sie flüstert keine leeren Nettigkeiten in der Dunkelheit, um am nächsten Morgen wieder zu verschwinden. Sie war nie real. Nur eine weitere Illusion – so hell wie Glas, so bröselig wie Zucker. Und außerdem behalten Illusionen nur eine gewisse Zeit lang ihre Form, dann zerbrechen sie.
Der Mann, der das Drehbuch meines Lebens umgeschrieben hat, bewies dies, sobald Joes Zuneigung nachließ und sein Blick zu wandern anfing. Ein Mann, der mich nie umwarb, stattdessen nistete er sich in mir ein. Mit seinem geübten Charme kroch er unter meine Haut, belagerte mich mit einem Lächeln, das seine Verdorbenheit verbarg. Höflichkeit war sein Panzer, Artigkeit seine Tarnung. Er war ein Raubtier, das sich wie ein Gentleman kleidete, jede Geste einstudiert, jedes Wort kalkuliert.
Es gab keine lauten Beschimpfungen, keine Fäuste – nicht am Anfang. Er wählte subtilere Waffen. Gift im Honigmantel. Ein nichtssagendes Lob als Ausdruck seiner Verehrung. Er sagte mir das, wonach ich mich sehnte. Er schmeichelte meinem verletzlichen Ego, bis ich Manipulierung für Liebe hielt. Dann warf er mir kleine Bröckchen Anerkennung hin. Krümel, die er mir wie Geld vor die Nase hielt. Und ich, das naive, verzweifelte Mädchen, stürzte mich darauf, hungrig, töricht, blind – wie ein ausgehungerter Hund, der danach schnappt.
Er riss mich nicht mit einer brutalen Bewegung in Stücke. Stattdessen schälte er mich. Sachte. Methodisch. Als würde er diesen Prozess genießen. Schicht für Schicht. So lange, bis ich mein eigenes Spiegelbild nicht mehr erkannte. Bis der Klang meines eigenen Lachens mich zusammenzucken ließ. Bis meine Gedanken nicht mehr meine waren, sondern seine, die in mein Gehirn eingewoben waren wie Schimmel in Brot. Er höhlte mich aus. Machte mich zum Schatten meiner selbst. Und brachte mich dazu, ihm auch noch für die Dunkelheit zu danken, in die er mich gehüllt hatte.
Als ich schließlich erkannte, was er war, was aus mir geworden war, war es zu spät. Da war ich nicht mehr ich selbst. Nur noch ein Echo des Mädchens, das ich früher gewesen war. Ein Flüstern im Albtraum eines anderen.
Es gab keine Erdbeben. Keine Stürme, die über den Himmel brausten. Keine Elektrizität, die durch vergessene Leitungen strömte. Nur Stille. Das sterbende Echo eines Mädchens, das einst gedacht hatte, ein sinnvolles Leben führen zu können. Ein Mädchen, das gewagt hatte, zu glauben, dass es zählte. Das gedacht hatte, seine Stimme könnte Gewicht haben. Jemand könnte ihm zuhören. Es könnte etwas bewirken.
Doch Träume sterben leise. Und er stand inmitten der Trümmer. Still. Gelassen. So ruhig wie das Auge eines Sturms, der nie ausbrach. Er lächelte – sanft, entwaffnend, so als ob ihn all das nicht berührte. Als wären das Chaos und Gemetzel nichts weiter als Geräusche im Hintergrund. Als hätte er nicht alles zerstört. Als wäre er nicht das Monster hinter der Maske.
Denn genau das war er: ein Mann, der mit einem Flüstern Verderben säte und die verheerenden Folgen aus kühler Distanz betrachtete. Er gab nichts als Schmerz. Nahm alles, Stück für Stück, bis ich innerlich ausgehöhlt und kaum noch menschlich war. Und genau an diesem Punkt bin ich jetzt, während ich dies aufschreibe.
Natürlich sind meine Worte nur ein flüchtiger Blick auf meine neue Realität. Ein einzelner Faden, der aus einem riesigen einschnürenden Netz gezogen wurde, das mich immer noch fest und unerbittlich umschlingt. Die Art von Netz, die man nicht entwirren kann. Ich habe kaum an der Oberfläche gekratzt. Ich habe nur die verfaulende Haut von etwas weitaus Bösartigerem gestreift, etwas, das in der Stille schwelt und einfach nicht sterben will.
Es gibt noch so viel mehr zu erzählen. So viel mehr. Dinge, die ich bisher verschwiegen habe. Dinge, die ich nicht sagen kann, noch nicht. Nicht weil ich mich nicht daran erinnere, sondern weil manche Erinnerungen einen beißen, wenn man sie anrührt.
Trotzdem werde ich weiterschreiben. Weiter aufs Papier bluten. Nicht nur um dem Ganzen einen Sinn zu geben, auch wenn ich mich danach sehne, mehr als ich zugeben will, sondern weil ich verzweifelt bin.
Verzweifelt darauf angewiesen bin, dass irgendjemand diese Worte liest und hinter die fein säuberlichen Zeilen und geordneten Absätze blickt. Die sorgfältige Struktur durchschaut und erkennt, was in Wahrheit da ist: die blauen Flecke hinter der Tinte. Den Schrei, der sich zwischen den Sätzen verbirgt. Dass er mich sieht. Dass er versteht, was geschehen ist. Was immer noch passiert. Dass er mir hilft.
Und wenn er das nicht erkennt, wenn mich niemand durch das Rauschen hindurch hört, dann bin ich verloren. Denn der Ort, an dem ich mich befinde, dieser Käfig aus Tapeten und Nettigkeiten, besteht nicht nur aus Wänden und Schlössern. Er ist der Käfig. Sein Schatten. Sein Echo. Seine Stimme, die noch immer in meinem Hinterkopf flüstert, selbst wenn ich glaube, allein zu sein. Wenn mir nicht bald jemand hilft … dann werde ich es nicht überleben. Nicht unbeschadet. Nicht geistig gesund. Nicht lebendig. Mehr als alles andere ist dies ein Hilferuf.
Kapitel 2
Während ich letzte Nacht im schmalen Bett meines zugesperrten Dachbodenverlieses lag, wurde mir bewusst, dass ich den grundlegendsten Akt der Höflichkeit missachtet habe: Ich habe mich nicht vorgestellt. Der Drang, mich mitzuteilen, zu warnen, hat mich überwältigt. Ich habe mich wie eine Frau, die in Flammen steht und verzweifelt um Luft ringt, in meine Geschichte gestürzt und dabei das Grundlegendste vergessen. Meinen Namen. Meine Identität. Und die ist wichtig. Denn wie soll mich jemand retten, wenn derjenige nicht weiß, wer ich bin? Also lass mich das korrigieren.
Ich heiße Olivia Ashford. Ich bin achtzehn Jahre alt. Klein, an guten Tagen einen Meter siebenundfünfzig groß, und ich werde immer schmaler. Mein Körper schwindet Zentimeter für Zentimeter dahin. Ich bin nur noch ein Schatten des Mädchens, das ich einmal war. Er gibt mir nicht genug zu essen. Lässt mich langsam verhungern. Ein grausames Rinnsal an Kalorien, gerade genug, um mich am Leben zu erhalten. Vorerst.
Aber ich spule zu hastig vor. Ich rase durch den Horror, ohne dir die Grundlage dafür zu geben. So wird es nicht funktionieren. So wirst du es nicht verstehen. Mir nicht glauben. Du brauchst den Kontext. Du brauchst die Wahrheit, ausgebreitet wie scharfe Glasscherben, die im Licht glitzern.
Also lass mich zurückgehen. Ganz zurück. Bis zum Anfang. Erst dann wirst du verstehen, wie ich hier gelandet bin, an diesem Ort. In dieser Hölle. Und vielleicht, für den Fall, dass sich jemand da draußen die Zeit nimmt, zuzuhören, falls es ihm wichtig genug ist, falls er mich nicht als nur eine weitere traurige Stimme im Nichts abtut, gibt es eine Chance. Einen Hoffnungsschimmer. Wenn du mich magst, wenn du mich siehst und wenn du mich finden kannst, dann sterbe ich vielleicht nicht in diesem Raum. Vielleicht werde ich dann doch am Leben bleiben.
Also, auf geht’s. Schnall dich an. Das hier wird kein gemütlicher Spaziergang in die Vergangenheit. Es wird eher ein mühsames Kriechen durch die Trümmer. Ich werde dir einen kleinen Einblick geben, nur einen flüchtigen Blick durch ein gesprungenes Fenster ins Chaos meiner Kindheit. Gerade so viel, dass sich die Schatten bewegen. Gerade genug, damit du einen kalten Hauch davon, wie es war, spüren kannst. Die volle Obduktion brauchst du nicht. Die Knochen reichen.
Meine Eltern? Scheiße, die kannst du in die Tonne kloppen. Sie hätten nicht mal einen Hund großziehen können, geschweige denn ein Kind. Sie waren die Art von Leuten, denen man auf der Straße aus dem Weg geht. Gebrochene Menschen. In ihrer Gleichgültigkeit gefährlich. Und ich war der Kollateralschaden. Unschuldig. Unsichtbar. Ungewollt.
Mehr brauchst du nicht zu wissen. Das ist alles, was ich dir im Augenblick geben kann. Also lass uns weitergehen, okay? Bevor uns die Vergangenheit herunterzieht. Bevor er die Tür zum Dachboden zuschlägt und alles wieder in Dunkelheit hüllt. Glaub mir, es ist besser so.
Ich war zehn, als sie mich holten. An einem heißen Sommertag im Juni. Zehn Jahre alt und schon halb gebrochen. Sie nannten es eine Schutzanordnung. Als wäre ich eine falsch abgelegte Akte, die endlich jemandem aufgefallen war. Ein Fehler, der bearbeitet werden musste.
Ein gutmütiger Sozialarbeiter Mitte zwanzig holte mich ab. So ein Typ, der immer zu viel lächelte, als würde das alle Risse reparieren. Schulterlanges kastanienbraunes Haar, ein ordentlich gestutzter Bart und eine lächerliche dunkelgraue Pilotenbrille, die ihn wie ein Relikt aus einem Jahrzehnt aussehen ließ, von dem er keine Ahnung hatte. Er versuchte sich während der Fahrt mit mir zu unterhalten, aber ich weiß nicht mehr, was er gesagt hat. Ich erinnere mich nur noch an das Motorengeräusch.
Er setzte mich in einem Kinderheim in der Nähe der Feuerwehrwache ab. An einem dieser Orte, die nach Bodenpolitur und alten Tränen riechen. Zu viele Türen, zu viele Regeln, und keiner, der nach dem Lichtausschalten meinen Namen wusste.
Danach kamen die Pflegefamilien. Eine nach der anderen. Wechselnde Wände, wechselnde Fremde. Jedes Mal, wenn ich auspackte, ließ ich ein bisschen mehr in meinem Koffer zurück. Bis ich schließlich im Alter von vierzehn – oh Wunder! – an einem Ort landete, der sich weniger wie eine Strafe als wie eine Chance anfühlte. In einer Familie, die nicht zusammenzuckte, wenn ich zurückwich. Die mich sah, statt der Beurteilung, die meiner Akte angeheftet war.
Familie Jones lebte auf einem bescheidenen Bauernhof ein paar Kilometer außerhalb von Carmarthen, an der kurvenreichen Straße nach Pembrokeshire, in die sich die Hecken hinein neigen, als würden sie ein Geheimnis hüten. Es war kein imposantes Anwesen, nur ein altes Bauernhaus aus Backstein, dessen Farbe abblätterte, und ein paar Nebengebäude, die sich unter der Last der Zeit bogen, aber auf mich wirkte es fast unwirklich. Stille. Keine lauten Stimmen, die durch die Flure hallten. Keine Schritte, die mitten in der Nacht die Treppe hinaufschlichen.
Ich brauchte Zeit. Zeit, meine Wachsamkeit zu senken. Zeit, aufzuhören, auf jedes Geräusch zu achten. Ich hatte gelernt, bei Freundlichkeit misstrauisch zu werden, nicht an Trost zu glauben. Beides hatte immer seinen Preis. Doch die Jones’, Eva und Edward, waren anders. Sanftmütig auf eine Art, mit der ich nichts anzufangen wusste. Und sie erwarteten nichts von mir.
Schließlich begann ich nach ein paar Monaten gegen jeden Instinkt, der mich laut warnte, ihnen zu vertrauen. Nur ein bisschen. Es gefiel mir dort. Ich mochte sie. Ihre ruhige Art, ihre Beständigkeit. Sie zuckten nie zusammen, wenn ich mich zurückzog, bestraften nie mein Schweigen. Und dann die Tiere. Wow! Die Tiere waren mein Rettungsanker. Eine schwarz-weiße Kuh mit traurigen Augen, die sich immer in meine Nähe stellte, als würde sie mich verstehen. Zwei Pferde mit wildem Temperament, das mein eigenes widerspiegelte. Schweine, die mit einer Art freudigem Trotz grunzten und schnaubten. Und Hühner, zänkische, gackernde Kreaturen, die jeden Morgen um meine Füße herum wuselten, wenn ich die Eier einsammelte. Das gab mir einen Lebenssinn. Eine Routine. Etwas, woran ich mich festhalten konnte. Mein Leben hatte sich verändert. Nicht von jetzt auf gleich, nicht wie im Film. Es geschah subtil. Ungleichmäßig. Wie Licht unter einer verschlossenen Tür.
Natürlich war es nicht perfekt. Es gab Streitereien. Die gibt es immer, wenn man ein Kind wie mich hat, das die Grenzen austestet, sie überschreitet und die anderen herausfordert, aufzugeben. Ich habe ihre Geduld mehr als einmal auf die Probe gestellt, nicht weil ich das wollte, sondern weil ich es brauchte. Ich musste wissen, dass sie mir nicht den Rücken kehren würden. Dass ich schwierig sein konnte und ich es trotzdem wert war, mich zu behalten.
Aber ich will nicht bei den schlechten Dingen verweilen. Hier nicht. Denn zum ersten Mal seit Langem überwog das Gute. Und das betraf alles. Insgesamt war das Leben gut. Vor allem Eva Jones interessierte sich für meine Kunst. Sie hatte die unkonventionelle Energie eines Freigeistes, die Art von Frau, die manchmal Räucherstäbchen in der Küche anzündete und an die Heilkraft von Lavendel glaubte. Sie hatte was von einem Hippie, hätten manche vielleicht gesagt, aber nicht auf eine nervige Art. Jedenfalls meistens nicht. Ihre Sanftheit hatte etwas Erdendes, etwas, das das Chaos in mir weniger scharfkantig wirken ließ, wenn sie in der Nähe war. Ich glaube, meine Skizzen sprachen etwas in ihr an. Vielleicht erkannte sie Bruchstücke von sich selbst in meiner Art zu zeichnen: ruhig, sorgfältig, suchend.
Es war ein warmer Aprilnachmittag, einer dieser Tage, an denen man für einen Moment vergisst, dass jemals etwas Schlimmes passiert ist. Ich saß mit gekreuzten Beinen im Gras, den Rücken an die niedrige Steinmauer gelehnt, die die Wiese eingrenzte, den Skizzenblock auf den Knien. Die alte Eiche auf der anderen Seite des Gartens war mir ins Auge gefallen; ihre knorrigen Äste ragten empor, als hätte sie Dinge gesehen, die sie lieber für sich behielt.
Dann kam Eva vorbei. In der einen Hand schwang ein verbeulter Eimer voller Schweinefutter, während ihre Stiefel leise über den Boden glitten. Sie warf einen kurzen Blick mir zu, wohl in Erwartung des üblichen leeren Gesichtsausdrucks oder einer halbherzigen Kritzelei.
Doch mitten im Schritt blieb sie wie angewurzelt stehen, einen Fuß halb angehoben, als sei sie an etwas hängen geblieben. Sie betrachtete die Skizze und sah dann mich an. Und dann lächelte sie – langsam, freundlich und ein wenig traurig.
Keine Fanfaren. Kein überschwängliches Lob, kein unbeholfener Versuch, den Augenblick mit Worten zu füllen. Nur Stille. Die Art von Stille, die lauter spricht als alles andere. Ihr Blick verweilte einen Augenblick zu lange auf dem Blatt, als würde sie etwas auf dem Papier, in mir, erkennen, das andere übersehen oder einfach ignoriert hatten.
Es war nichts Großartiges oder Dramatisches. Aber es war wichtig. Und wie wichtig! Denn in diesem stillen, sonnendurchfluteten Augenblick veränderte sich etwas. Ein Draht spannte sich. Ein Funke sprang über. Damals verstand ich es noch nicht, nicht ganz, aber ich fühlte es. Tief in meinem Inneren, in dem Teil von mir, den ich so lange verborgen gehalten hatte. Vielleicht war es eine Erkenntnis. Oder Verständnis. Als würde sie den Sturm hinter der Ruhe sehen und nicht wegschauen.
Es war ein Wendepunkt. Der Beginn von etwas, das ich noch nicht benennen konnte. Ein subtiler Anstoß, der alles in eine neue Richtung lenkte. Der Anfang eines Weges, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich mich schon darauf befand, der mich zu all dem hinführen sollte, was danach kam. Und von dem es kein Zurück gab.
Ein paar Stunden später sprach Eva über meine Kunst. Es war früh am Abend, gegen fünf Uhr; das Licht fiel schräg durch das Fenster des Farmhauses und warf lange bernsteinfarbene Streifen auf den abgenutzten Kieferntisch. Die Küche duftete nach langsam gegartem Fleisch und Rosmarin, die wohlige Wärme von Evas hausgemachtem Shepherd’s Pie hing noch schwer in der Luft. Es war die Art von Essen, die mehr als nur den Magen füllt.
Ich saß da, die Gabel in der Hand, und hatte gerade einen Bissen gegessen, als sie mich mit ihrem sanften, wissenden Lächeln ansah. Eva hatte ein Gesicht, das einem Vertrauen einflößte: offen, sanft, scheinbar unberührt von der Härte der Welt. Sie blickte mir einen Moment zu lange in die Augen, so als könnte sie die Schichten durchschauen, hinter denen ich mich jahrelang versteckt hatte.
„Du hast wirklich ein künstlerisches Talent, Olivia“, sagte sie mit warmherziger, ruhiger und aufrichtiger Stimme. „Eine echte göttliche Gabe. Das weißt du doch, oder?“
Ihre Worte trafen mich wie ein Stein, der in einem stillen Gewässer aufprallt. So etwas zu hören, war ich nicht gewohnt. Von niemandem. Nicht ohne einen Hauch von Spott oder Misstrauen. Ich rutschte mit gezückter Gabel unbehaglich auf meinem Platz hin und her, wobei der Holzstuhl knarrte. In diesem Moment konnte ich ihrem Blick nicht standhalten. Stattdessen ließ ich meine Augen über die Küchenwand gleiten und folgte den Rissen im Putz, als hätten sie die Antwort, die ich geben sollte. Ein solches Lob … Es passte irgendwie nicht. Nicht zu so jemandem wie mir. Es brachte meine Haut zum Jucken.
Doch irgendwo tief in meinem Inneren, unter dem abgenutzten Panzer des Misstrauens und des Rückzugsreflexes, spürte ich, wie sich etwas regte. Subtil. Nicht greifbar. Hoffnung vielleicht. Oder jener seltene, gefährliche Glaubensschimmer, dass sie vielleicht … möglicherweise jedes Wort ernst meinte.
Ihr Blick hielt meinen freundlich und bestimmt fest. Und zum ersten Mal seit länger, als ich mir eingestehen wollte, wandte ich den Blick nicht ab.
„Findest du wirklich?“, fragte ich leiser als beabsichtigt, fast ängstlich, es zu glauben.
Sie nickte. Zweimal. Und die Gewissheit, die in dieser simplen Geste lag, brachte etwas in mir zum Schwingen.
„Unbedingt“, sagte sie, als wäre es die selbstverständlichste Wahrheit der Welt. „Sonst hätte ich es nicht gesagt. Ich habe noch irgendwo Farben und Pinsel. Es sind die meines Vaters, von vor vielen Jahren. Es war eine Phase, ein Hobby. Aber deine Begabung hatte er nie. Es würde ihn überglücklich machen, zu wissen, dass sie endlich zum Einsatz kommen. Möchtest du sie haben? Es sind Aquarellfarben und Ölfarben.“
Ich lächelte. Und es war nicht gezwungen oder höflich, sondern echt und von Herzen kommend. Selten.
„Ja“, sagte ich und nickte. „Doch. Das wäre … toll. Danke. Die hätte ich wirklich gerne.“
Und das war er, der Funke, der das Feuer entfachte. Was als Ablenkung begann, wurde zu etwas viel Größerem. Einem Zwang. Einer Erlösung. Zwar hatte Zeichnen mich schon immer beruhigt, aber jetzt packte mich das Malen. Es wurde zu einer Besessenheit. Die Stunden vergingen, ohne dass ich es merkte. All der Lärm in meinem Kopf, die Angst, der Schmerz, die scharfkantigen, bruchstückhaften Erinnerungen lösten sich in Farbe und Leinwand auf. Nichts anderes existierte mehr. Es brauchte nichts anderes mehr zu geben.
Und ich muss meinen Pflegeeltern zugutehalten, dass sie meine Kunst von diesem Tag an förderten. Das taten sie wirklich. Auch in den folgenden Monaten ließ ihre Unterstützung nicht nach. Sie kauften Nachschub, wenn meine Farben aufgebraucht waren, lobten meine Werke und klebten meine Zeichnungen und Bilder an den Kühlschrank, als hätten sie einen Wert. Als hätte ich einen Wert. Sie taten es aus reiner Güte. Aus Freundlichkeit. Deshalb nehme ich ihnen nichts übel. Gar nichts. Sie konnten ja nicht ahnen, was kommen würde. Was sie angerichtet hatten. Wie hätten sie auch? Niemand sah den heraufziehenden Sturm, seine dunklen Umrisse am Horizont. Das Universum, das seine Geheimnisse hütete und hinter vorgehaltener Hand lächelte.
So ist das Leben, stimmt’s? In dem Moment, in dem man den Glauben, den ernsthaften Glauben zulässt, dass sich die Dinge endlich zum Guten wenden könnten, fletscht es die Zähne. Krallt sich in dein Fleisch. Und lässt nicht mehr los.
So kam es für mich. Meine neu gefundene Freude währte nicht lange. Keine Geschichte von Triumph oder Erlösung, sondern eine, die in Schatten gemeißelt war. Ein langsames, gnadenloses Auflösen. So was wünsche ich nicht einmal meinem ärgsten Feind, nicht einmal denen, die es verdient hätten. Denn manche Albträume hören nicht auf, wenn man die Augen öffnet. Stattdessen nisten sie sich ein und warten. Still. Geduldig. Bis man zu erschöpft ist, um weiterhin gegen sie anzukämpfen.
Es war, als hätte eine unsichtbare Hand, eine grausame, chaotische Muse, den Weg bereits vorgezeichnet, einen spitzen Stein nach dem anderen. Eine verzerrte Reise, die mein Schicksal war, ungeachtet der Entscheidungen, die ich traf. Ohne Umwege. Ohne Fluchtmöglichkeit. Als würde ich nicht von Ehrgeiz oder Instinkt geführt, sondern von etwas Kälterem. Etwas Schlauerem. Etwas Dunklerem. Sogar etwas Bösartigerem.
Und die ganze Zeit über beobachtete er mich amüsiert aus dem Schatten heraus. Mein Wohlbefinden? Belanglos. Nur Kollateralschaden in seinem Spielchen. Kunst war nie einfach nur Kunst. Nicht für mich. Sie war Teil einer Falle.
In den folgenden Monaten stürzte ich mich mit einem Druck, den ich selbst nicht ganz verstand, in meine Kunst. Ich war getrieben, ja, schon fast besessen, so als könnte der Akt selbst eine Antwort liefern. Ich fing an, indem ich die großen Künstler imitierte: Picassos zersplitterte Brillanz, Dalís surreale Verzerrungen, die gequälte Eleganz Modiglianis. Wie besessen studierte ich sie, sezierte ihren Wahnsinn und ihr Genie gleichermaßen. Doch allmählich veränderte sich etwas. Meine Hände hörten auf, sie zu kopieren, und begannen, mit ihrer eigenen Stimme zu sprechen. Die starren Konturen wurden weicher, die entlehnten Stile lösten sich auf und etwas Dunkleres, Intimeres tauchte auf: ein Spiegelbild meiner gequälten Seele.
Mein technisches Können wurde unheimlich. Menschen, Gegenstände, ganze Szenen, die ich mit schon fast schmerzhafter Schärfe darstellte, so als hätte ich sie in dem Moment eingefangen. Doch der Realismus, so beeindruckend er auch war, konnte den Schmerz in meiner Brust nicht stillen. Die Abstraktion war es, in der ich wahre Erlösung fand. Kräftige Linien, grelle Farben, zersplitterte Figuren, in denen außer mir niemand einen Sinn erkannte. Im Rückblick erkenne ich, was es war: eine Art rohe, verzerrte Therapie. Ein stummer Schrei auf der Leinwand. Ich erreichte mit dem Pinsel Bereiche, die in der Gesprächstherapie nie angerührt wurden, kratzte an Wunden, die zu tief für Worte waren, und zerrte sie ans Licht, egal ob ich dazu bereit war oder nicht. In meinen Werken lag eine Spannung, ein Faden der Beklommenheit durchzog jeden Pinselstrich. Damals bemerkte ich es nicht, ich war zu nah an der Leinwand, zu sehr in den Schaffensprozess versunken; doch im Rückblick ist es unverkennbar. Die Farben, von denen ich angezogen wurde, waren nicht zufällig – dunkles Violett, schwere Schwarztöne, animalisches Rot. Sie blieben nicht nur auf der Oberfläche, sondern bluteten. Sie sickerten ins Papier, flossen in die Maserung der Leinwand, als würde die Farbe selbst etwas Giftiges enthalten, das freigesetzt werden musste.
Jedes Gemälde pulsierte mit einer seltsamen Art von Emotion. Es war nicht Schönheit, die ich suchte, nicht wirklich. Es war brutale Ehrlichkeit. Und was aus mir herausströmte, war zersplittert und düster, ein zerbrochener Spiegel mit scharfen Kanten, der meiner eigenen verletzten Seele vorgehalten wurde. Sogar jetzt noch fällt es mir schwer, mir manche dieser frühen Werke ins Gedächtnis zu rufen, ohne ein vertrautes unangenehmes Gefühl in der Magengegend zu verspüren. Es waren nicht einfach nur Bilder. Es waren Erinnerungen. Erinnerungen, die sich nicht unterdrücken ließen.
Damals war ich sechzehn, und auch in der Schule fingen sie an, es zu bemerken: die Tiefe meiner Werke, die stummen Schreie zwischen den Linien, die unausgesprochene Wahrheit, die unter den Farben lauerte. Was ich schuf, hatte eine Schwere, eine Aussagekraft, die die Leute anzog, selbst wenn sie nicht erklären konnten, warum. Sie spürten es. Das weiß ich. Ich hatte eine Begabung, die ich nicht einmal ansatzweise erklären konnte.
An meinem siebzehnten Geburtstag schien sich die Welt ein wenig langsamer zu drehen, so als würde sie den Atem anhalten. Den Nachmittag verbrachten wir in der dunklen, staubig riechenden Stille eines fast leeren Kinos in Carmarthen, nur wir drei. Der Film war belanglos, irgendein klischeebehaftetes Drama, das keinen bleibenden Eindruck hinterließ und mir im Rückblick bewusst ausgesucht erscheint. Eine sichere Wahl. Nur Hintergrundgeräusche.
Edward saß links von mir, Eva rechts. Meine Pflegeeltern, obwohl ich sie selten so nannte. Ihre Anwesenheit war beständig, vertraut, aber an diesem Tag wirkte sie etwas brüchig an den Rändern. Edward warf mir immer wieder verstohlene Blicke zu, wenn er dachte, ich würde es nicht bemerken, und Eva lachte etwas zu schnell an den falschen Stellen. Ich fühlte mich zwischen ihnen gefangen und nahm ihr Schweigen akuter wahr als ihre Worte.
Als endlich der Abspann lief und wir ins Licht des frühen Abends hinaustraten, fühlte sich die Luft auf meiner Haut unnatürlich kühl an. Edward wandte sich mir mit einem Blick zu, der irgendwie unpassend war. Sein Lächeln wirkte einstudiert, zu kontrolliert, zu vorsichtig, als würde er Zeilen aus einem Drehbuch ablesen, an das er selbst nicht ganz glaubte.
„Ich habe uns einen Tisch im Café Iechyd Da reserviert“, sagte er mit aufgesetzter Fröhlichkeit, die mich noch unbehaglicher machte. „Das vegetarische Restaurant in der Jackson’s Lane. Ich dachte mir, es wäre nett dort.“
Ich nickte, dankbar für den vertrauten Namen. Das kleine Café, das eng, gemütlich, freundlich, von der Welt abgeschieden war, fühlte sich wie ein sicherer Ort an. Ein Ort, der unserer war, an dem scheinbar nie etwas falsch lief. Es machte Sinn, und dennoch …
Ein Faden der Spannung zog sich in meiner Brust zusammen. Damals konnte ich es mir nicht erklären, nicht wirklich, aber irgendetwas an der Art, wie sie Blicke austauschten, wie Eva mich am Arm berührte und eine Sekunde zu spät lächelte, gab mir das Gefühl, als sei der Abend bereits vorgeplant. Als wäre meine Geburtstagsfeier nur das Vorspiel zu etwas anderem. Trotzdem spürte ein Teil von mir, der naive, hoffnungsvolle Teil, einen Anflug von Aufregung. Die Art von Aufregung, die dich überkommt, wenn du glaubst, dass jemand etwas nur für dich geplant hat. Etwas Besonderes. Und das war es auch. Etwas scheinbar Wunderbares. Ich wusste nur nicht, wo es hinführen würde.
Wir saßen auf zwei schwarzen Ledersofas, deren Oberflächen an manchen Stellen abgewetzt waren, als hätten viele Jahre geflüsterter Gespräche und vergessener Tage sie weicher gemacht. Sie waren nahe an der Theke und zwischen ihnen stand ein niedriger Tisch. Ein Hauch von Kreuzkümmel und geröstetem Knoblauch lag in der warmen Luft.
Die Wände – zumindest drei – waren in ein warmes gebranntes Orange getaucht, das das Licht auf seltsame Weise einfing und einen sanften Schein zurückwarf, der den Raum kleiner und intimer wirken ließ. An ihnen hing eine eklektische Sammlung von Kunstwerken – verschiedene Rahmen und Farben, die nicht zusammenpassten, wilde Pinselstriche und kantige abstrakte Gemälde, die sich gegenseitig zu übertönen schienen. Jedes der Bilder drängte sich in den Vordergrund, doch keines konnte die Aufmerksamkeit des Betrachters wirklich fesseln.
Ich ließ den Blick von einem Kunstwerk zum nächsten wandern, halb verloren in dem Durcheinander aus Farben und Verwirrung, und tat alles, um nicht die ansehen zu müssen, die mir gegenübersaßen. Edward und Eva taten so, als würden sie die Speisekarte lesen; sie studierten sie mit einer Intensität, die man sonst nur bei schriftlichen Prüfungen oder schlechten Nachrichten anwendet, obwohl sie die Karte schon seit Jahren auswendig kannten. Es war ein schlecht verhülltes Schauspiel, während ihre Blicke über Wörter huschten, die ihnen längst vertraut waren, und ein Schweigen entstehen ließ, dass keiner von uns zu unterbrechen wagte.
Ich brauchte mir die angebotenen Speisen des Cafés genauso wenig anzusehen wie sie. Nicht eine Sekunde lang. Das tat ich nie. Ich bestellte immer dasselbe: frisch zubereitete Champignonburger mit einem knackigen Bio-Salat, angemacht mit würzigem Zitrusdressing, dessen Geschmack noch lange auf der Zunge verweilte. Dieses Ritual spendete mir Trost, es war ein kleiner Akt der Gewissheit in einer Welt, die mir so oft keinerlei Sicherheit bot. Ach Gott, was würde ich jetzt für so eine Mahlzeit geben! Nur noch einen Bissen, noch einen Augenblick in diesem sicheren Kokon, bevor sich die Welt weiterdrehte und sich alles änderte.
Schließlich blickte mir mein Pflegevater über den kleinen Eichentisch hinweg in die Augen, nachdem er unsere Bestellung bei der hübschen rothaarigen Cafébesitzerin aufgegeben hatte, die uns immer beim Namen nannte. Dann fing er an zu sprechen, jedes Wort so bedacht, als würde er befürchten, etwas Zerbrechliches fallen zu lassen. Die ganze Zeit über ruhte sein Blick auf mir, so unerschütterlich, wie er es nur selten tat. Es war entwaffnend. Fast schon intim. Als würde er versuchen, sich in meinem Blick zu verankern, Mut aus der Ruhe zu schöpfen, die er dort zu finden hoffte.
Doch unter der Oberfläche lauerte ein Beben – subtil, kaum wahrnehmbar, aber es durchzog seine Worte mit etwas Rauem, Unausgesprochenem. Eine Vorahnung, ja, aber keine strahlende, ungeduldige Vorfreude. Es war die angespannte, verzweifelte Art der Vorahnung, welche sich am Rand der Hoffnung festkrallt wie ein Mann, der unter die Wellen gleitet und sich an Treibholz klammert, das ihm vielleicht Halt gibt oder auch nicht.
Und unter dieser Hoffnung regte sich eine noch dunklere Strömung. Ein Zögern. Eine flackernde Unsicherheit, die an den Rändern seiner Fassung knackte. Als würde er auf einem schmalen Grat zwischen Geständnis und Zusammenbruch stehen, wohl wissend, dass alles, was als Nächstes käme, die Teile entweder zusammenfügen oder das Wenige, das noch unversehrt war, zerstören könnte.
Zumindest wirkte es so auf mich. Natürlich konnte ich mich irren, Dinge sehen, die nicht da waren. Man sagt mir nach, ich hätte ein Talent dafür, Dinge zu verdrehen, Schatten zu sehen, wo nur Licht ist, den Sturm zu hören, wenn der Himmel wolkenlos ist.
Mein Entführer sagt mir das ständig. Und vielleicht hat er ja recht. Der Herrscher meiner Welt. Vielleicht war das nur eine weitere Verzerrung, noch so ein Trick meines Geistes, der durch zu viele Enttäuschungen und zu wenig Wahrheit verbogen ist.
„Ich habe gute Nachrichten, Olivia. Oder zumindest … hoffe ich, dass du sie gut finden wirst“, sagte Edward. Seine Worte waren in eine gezwungene Heiterkeit gewickelt, so wie etwas Zerbrechliches in Geschenkpapier. „Es ist eine fantastische Chance; ich freue mich schon die ganze Zeit darauf, dir alles darüber zu erzählen.“
Ich wich leicht zurück, gerade so viel, dass er es bemerkte, auch wenn ich bezweifelte, dass er darauf reagieren würde. Meine Finger wanderten zu dem Armband an meinem linken Handgelenk, einem kleinen silbernen Schmuckstück, das von den jahrelangen gedankenverlorenen Berührungen glattgerieben war. Ein Trost. Ein Schutzschild.
Das Wort „Chance“ hing wie Rauch in der Luft – formlos, unlesbar. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog, ein alter Reflex. Veränderungen hatten selten etwas gebracht, was sich zu feiern gelohnt hätte. In meiner Welt waren Überraschungen keine Luftballons und Kuchen, sondern schweigend gepackte Kartons, neue Pflegefamilien mit ungewohnten, fremden Regeln, Anrufe mitten in der Nacht. Ich hatte früh gelernt, der Verheißung von etwas Neuem nicht zu trauen.
So saß ich schweigend da und bereitete mich darauf vor. Ich wartete darauf, dass sich mir die Umrisse offenbarten, was auch immer es war.
Und dann lächelte er, diesmal ein echtes Lächeln. Nicht dieses vorsichtige, beherrschte Lächeln, das er manchmal hatte, sondern ein heiteres, unbefangenes. Es milderte seine Gesichtszüge, erfasste seine Augen und ließ ihn irgendwie jünger wirken, bevor das Leben ihm seine Last auf die Schultern gelegt hatte.
„Es geht um deine Bilder“, sagte er, seine Stimme klang jetzt wärmer, ruhiger.
Die Anspannung in meiner Brust ließ ein wenig nach. Die verkrampfte unsichtbare Faust, die zu meinem ständigen Begleiter geworden war, öffnete sich langsam. Die kalte Angst wich dem Aufblitzen von etwas viel Gefährlicherem: Hoffnung.
„Meine Bilder?“, fragte ich und beugte mich vor, ohne es zu merken. „Was ist damit?“
Nun hörte ich zu. Jetzt interessierte es mich. Denn ausnahmsweise ging es diesmal nicht um Umbrüche oder Abschiede. Diesmal ging es um mich. Um etwas, das ich geschaffen hatte, etwas, das mir mehr bedeutete als fast alles andere in meinem Leben.
Edward warf Eva einen Blick zu und sie nickte fast unmerklich. Während sie nach ihrem Becher griff, zitterte ihre Hand leicht und verriet ihre Nervosität. Was auch immer es war, sie hatten es besprochen, vielleicht sogar geprobt, und nun lief alles genau so ab wie geplant.
„Ein sehr guter Freund von uns“, sagte Edward mit vorsichtiger Stimme, als würde er sich auf unsicherem Terrain befinden, „besitzt eine Galerie in Bath. In Somerset. Direkt im Stadtzentrum. In einer der Hauptstraßen in der Nähe des Theaters. Ein toller Laden. Wunderschön. Und Benjamin ist ein guter Mensch – neugierig, großzügig und einflussreich in der Kunstwelt. Er hat ein paar deiner Werke gesehen … Die, die Eva auf Facebook gepostet hat. Deine Winterserie. Die, die dir am besten gefallen haben.“
Mein Magen verkrampfte sich heftig, schnell und instinktiv. Ungläubigkeit, vermischt mit einem zerbrechlichen Hauch von Erregung. Ich sah Eva an, suchte ihre Augen, und diesmal begegnete sie meinem Blick. Ein Lächeln ließ ihre Gesichtszüge weicher werden, erst zaghaft, dann immer breiter, als könnte sie es nicht zurückhalten. Ihre Finger strichen über den Rand ihres Bechers, nicht aus Nervosität, sondern mit der stillen Energie eines Menschen, der die Worte zurückhielt, bis ich bereit war, sie zu hören. Ihre Haltung strahlte etwas aus, eine unausgesprochene Zuversicht, die mir mehr verriet als jedes Wort.
Nun wandte ich mich wieder Edward zu, während mein Puls leise in meinen Ohren pochte. Er beobachtete mich aufmerksam, erwartungsvoll, die Hände ordentlich auf dem Tisch gefaltet. Doch ich zögerte. Die Frage blieb in meiner Kehle stecken, zu heikel, um sie auszusprechen. Denn was wäre, wenn ich es falsch verstanden hatte? Was wenn dieser plötzliche Hoffnungsschimmer nichts weiter war als eine schöne Illusion, ein Spiel des Lichts? Ich traute der Hoffnung nicht. Nicht wirklich. Sie hatte mich schon öfter brutal und ohne Vorwarnung getäuscht.
Und so saß ich da, fast zu erstarrt, um etwas zu sagen, aus Angst, meine Frage könnte den Augenblick völlig zerstören. Schließlich zwang ich mich, die Worte über die Lippen zu bringen.
„Und meine Bilder haben ihm wirklich gefallen?“
Edward nickte zweimal, wobei seine grünen Augen leuchteten.
„Er war wirklich beeindruckt, Olivia. Ehrlich beeindruckt. Und er will einige deiner Bilder in einer Ausstellung zeigen. Einer richtigen. Gerahmt. Beleuchtet. An der Wand.“
Ich machte große Augen.
„Wirklich?“
„Oh ja, wirklich.“ Edward hielt inne, während sein Lächeln einem fast ehrfürchtigen Ausdruck wich. „Die Leute werden kommen, um deine Kunstwerke zu sehen. Und vielleicht kaufen sie sie sogar. Wenn du einverstanden bist, kannst du mit Ben über die Preise sprechen. Ich bin sicher, er berät dich gern. Er ist schließlich der Experte. Ich glaube, es wird dich ziemlich überraschen, was er dir zu sagen hat.“
Einen Moment lang brachte ich kein Wort heraus. Ich saß nur da und blinzelte, während ich versuchte, die Worte zu begreifen, die um mich herum schwebten. Bath. Eine Galerie. Eine Ausstellung. Geld. Meins.
Eine seltsame erregte Wärme breitete sich in meiner Brust aus und traf mich völlig unerwartet. Mir war nie in den Sinn gekommen, dass das, was ich in den stillen, farbgetränkten Stunden allein in meinem Zimmer malte, jemals woanders als online gesehen, geschweige denn gefeiert werden könnte.
„Meinst du das ernst?“, fragte ich mit dünnerer Stimme, als ich beabsichtigt hatte.
Edward nickte erneut. „Todernst. Ben möchte dich kennenlernen. Mehr von deinen Arbeiten sehen. Falls du damit einverstanden bist. Wenn du willst, könnten wir nächsten Samstag früh nach Bath fahren. Ich, du und Eva. Mit dem Zug sind es nur ein paar Stunden von Carmarthen. Was hältst du davon?“
„Samstag? So bald schon?“
„Ja, in einer Woche. Wenn du es möchtest.“
Und so neigte sich die Welt ganz leicht, fast unmerklich, aber genug, dass ich die Veränderung in den Knochen spürte. Wohl zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich echte Freude.
„Oh ja, bitte, ja!“, sagte ich voller Begeisterung, während eine freundliche Kellnerin uns unsere leckeren Gerichte an den Tisch brachte. „Das klingt alles so toll. Ich kann es kaum erwarten!“