Leseprobe Das Haus ihrer Angst

Prolog

1. Januar 2000, 1 Uhr morgens

Sie stampfte mit ihren nackten Füßen über den Kies, die scharfen Steinchen schnitten ihr gnadenlos die Haut auf. Der Wind zerrte erbarmungslos an ihrem Haar und spielte mit ihrem neuen Chiffonkleid, bis sich ihre Beine darin verfingen. Sie befreite sich von dem Stoff, ohne langsamer zu werden. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Sie hörte das Blut in ihren Ohren pulsieren, es klang wie ein wilder Kriegstanz. Ihre Kopfhaut kribbelte. Irgendetwas hatte sie berührt. Sie unterdrückte einen Schrei. Es war ein Zweig, nur ein Baum in der schwarzen Nacht. Weiter. Sie durfte nicht stehen bleiben. Ein Feuerwerk erblühte über ihr, erhellte den Nachthimmel. Sie stolperte und wirbelte beim Fallen den abscheulichen Kies auf. Ein leises Schluchzen stahl sich über ihre Lippen, bevor sie sich wieder aufrappelte und weiterlief. Renn weiter. Schau nicht zurück. Ein Orchester aus Farben explodierte am Himmel und beleuchtete die riesigen Eisentore des Manstead Manor, die vor ihr in die Höhe ragten. Sie dachte zurück an das Haus, und Übelkeit breitete sich in ihren Eingeweiden aus. Bald würde sie den beißenden Geruch von Seegras in der Nase haben. Ihr Herz trommelte jetzt einen gleichmäßigen Rhythmus. Sie wusste, dass der Strand nicht weit weg war. Aufgeregte Stimmen und betrunkenes Gelächter bahnten sich den Weg durch ihre pulsierenden Trommelfelle. Menschen feierten am Strand. Es war der Anfang von etwas Neuem, etwas Aufregendem, ein Neustart.

„Frohes Millennium“, schrie jemand.

In ihrer Hast, sie zu erreichen, stolperte sie erneut. Ihr Mund traf auf kalten Sand, die Körner kratzten ihr über die Haut.

„Helft mir“, würgte sie heraus. „Bitte.“

„Hattest wohl einen zu viel“, sagte eine Stimme.

Es gab Gelächter von einer kleinen Gruppe, die sich um ein Lagerfeuer versammelt hatte.

„Wartet mal“, sagte eine andere Stimme. Sie klang besorgt.

Sie spürte eine Berührung von jemandem. „Scheiße, sie blutet.“

„Ruft die Polizei“, brüllte irgendwer.

Ein Getümmel brach aus, und jemand wickelte sie in einen Mantel. Er war warm und tröstlich. „Gott, was ist passiert?“, sagte er.

„Jemand hat meine Tante und meinen Onkel erschossen“, jammerte sie. „Ich glaube, sie sind tot.“

Kapitel eins

Gegenwart

Ewan Galbreith schlenderte in den Raum. Er ließ sich mit dem Hinsetzen Zeit. Lionel wartete und zog dann eine Mappe aus seiner Aktentasche. Es war ein Déjà-vu für beide. Lionel hob den Blick. Er fand, Galbreith sah erschöpft aus. Ein blassblauer Fleck zierte sein rechtes Auge. „Was ist das?“, fragte Lionel.

Ewan setzte sich und berührte den Bluterguss. „Das ist gar nichts“, sagte er mit seinem leicht schottischen Akzent. „Ich bin gegen eine Tür gelaufen.“

„Sicher bist du das“, sagte Lionel. „Hatte wohl einen ordentlichen Schlag drauf, diese Tür, was?“

Ewan sah aus dem Fenster. Ein heftiger Sturm tobte draußen. „Du hättest besseres Wetter mitbringen können.“

„Hurricane Lavinia“, sagte Lionel. „Ich weiß nicht, wo die immer diese bescheuerten Namen hernehmen.“

Ewan wandte sich vom Fenster ab und richtete seine unnachgiebigen braunen Augen auf die Mappe. „Und?“, sagte er matt. Er hatte schon lange keine Erwartungen mehr.

„Sie haben sich länger beraten“, erklärte Lionel. „Deshalb bin jetzt erst gekommen.“

Ewans Gesichtsausdruck veränderte sich kein bisschen. „Sie haben mich abgelehnt, oder?“

„Nicht ganz.“

Jetzt riss Ewan den Kopf hoch. „Was soll das heißen?“

„Sie wollen, dass du in sechs Monaten einen neuen Antrag stellst.“

Ewan verzog die Lippen zu einem Lächeln. „Sechs Monate?“, fragte er nach. Es war Februar. Im Sommer könnte er draußen sein. Das war gar nichts. Er hatte vierzehneinhalb Jahre hinter sich. Das Bisschen würde er auch noch schaffen.

„Du wirst einwilligen müssen, noch einmal zum Psychiater zu gehen.“

Ewan nickte.

„Ich kann nichts garantieren, Ewan, aber ich habe das Gefühl, die nächste Anhörung könnte zu deinen Gunsten ausfallen.“

Ewan ließ seine Fingerknöchel knacken, und Lionel zuckte zusammen.

„In den nächsten sechs Monaten darfst du keinen falschen Schritt machen. Das weißt du, ja?“

Ewan lächelte.

„Du musst dich aus jedem Ärger heraushalten.“

„Ich halte mich immer aus Ärger raus.“

Lionel stopfte die Unterlagen zurück in seine Aktentasche und zog den Reißverschluss zu. „Gut, denn nach dieser wirst du keine weitere Chance kriegen.“

Ewan ging zur Tür und hielt mit der Hand auf dem Griff inne. „Wird sie es erfahren?“

„Sie hat darum gebeten, ja. Wenn du rauskommst, Ewan, darfst du dich ihr nicht nähern, verstanden? Denk nicht einmal ihren Namen. Eine falsche Bewegung, und du bist sofort wieder hier drin.“

„Sicher.“ Ewan warf sich einen Kaugummi in den Mund.

„Vermassle das nicht, Galbreith, noch bist du nicht draußen.“

Ewan lächelte. Sechs Monate waren nicht so lang. Er war gut vorbereitet.

Kapitel zwei

Januar 2000

Fünfzehn Jahre zuvor

Sie öffnete die Augen. Fran lehnte sich näher heran. Libby geriet in Panik, als sie die fremde Umgebung wahrnahm. Unwillkürlich versteifte sie sich vor Angst und krallte sich an der Bettwäsche fest.

„Libby“, sagte Fran sanft.

Libby ließ den Blick zu der Frau wandern, die neben ihr saß. Sie war jung, vielleicht in den frühen Zwanzigern. Ein adrett geschnittener Pagenkopf rahmte ihr Gesicht ein. Es war ein freundliches Gesicht, bei dessen Anblick Libby sich etwas entspannte. „Wo bin ich?“, fragte sie.

„Du bist im Padley Hospital, Libby. Du bist am Strand zusammengebrochen. Ich bin Sergeant Fran Marshall. Mein Kollege Inspektor Mike Magregor und ich wurden deinem Fall zugewiesen.“

Libby setzte sich auf und packte Frans Arm. Fran zuckte zusammen, als sich Libbys Finger in ihr Fleisch gruben. „Meine Tante, mein Onkel …“

„Ja, das wissen wir“, sagte Fran sanft und löste vorsichtig Libbys Finger.

Libby fiel flach zurück ins Bett, schlapp und ausgelaugt.

„Gibt es jemanden, den wir anrufen können? Ein Familienmitglied?“

Libby schüttelte den Kopf. „Tante Rose und Onkel Edward waren meine Familie.“

„Es muss doch jemanden geben.“

„Meine Eltern sind gestorben, als ich sieben war. Ich bin ein Einzelkind. Tante Rose und …“ Ein Schluchzer erstickte ihre Worte. Fran reichte ihr ein Taschentuch. „Sie sind meine Eltern“, beendete Libby den Satz.

„Ich muss wissen, was du gesehen hast, Libby“, sagte Fran behutsam.

Dräng sie nicht, hatte Mike sie gewarnt. Sie wird unter Schock stehen. Geh es langsam an, hatte er gesagt. Das war Frans erster großer Fall. Sie wollte loslegen. Sie hatte andere Fälle gehabt, aber nichts Vergleichbares. Das hier würde eine große Sache werden. Fran konnte es in ihrem Innersten spüren.

„Ich habe gesehen … ich habe gesehen …“, setzte Libby an. Sie presste die Augen zu.

„Lass dir Zeit“, sagte Fran.

„Sind sie tot?“, fragte Libby und riss die Augen wieder auf.

Fran zögerte. Der Arzt hatte gesagt, sollte sie fragen, wäre es besser, ihr die Wahrheit zu sagen, aber Fran zögerte trotzdem. Libby starrte sie an. „Ich fürchte, ja“, sagte Fran schließlich.

Libby löste die geballten Fäuste von den Laken und starrte an die Zimmerdecke. „Ich kam nach Hause“, erinnerte sie sich mit gepresster Stimme. „Ich war bei einer Party …“

„Lauras Party.“ Fran nickte.

„Wir haben gefeiert. Ich ging über den Strand zurück. Da waren jede Menge Leute. Ich hätte ein Taxi rufen können, aber es war so berauschend, mit allen zu feiern, dass ich lieber laufen wollte.“

„Um welche Uhrzeit bist du auf dem Anwesen deiner Tante und deines Onkels angekommen?“

„Ich weiß es nicht.“

„War es vor Mitternacht?“

„Nein, danach. Wir hatten ins neue Jahr gefeiert.“

„Es war also bereits nach Mitternacht, als du auf Manstead Manor ankamst?“

Libby nickte und rieb sich die Augen. Sie waren trocken und wund. Fran wartete ungeduldig.

„Du bist also beim Haus angekommen. Hast du irgendjemanden gesehen?“

„Nein.“ Libbys Stimme geriet ins Stocken.

„Du musst keine Angst haben, Libby. Niemand kann dir wehtun.“

Libby blieb stumm.

Fran schluckte und atmete tief durch. „Du hast das Haus betreten. Kannst du beschreiben, was du gesehen hast?“

Libby schloss die Augen. „Da war Musik … Ich erinnere mich, dass meine Schuhe voller Sand waren, also zog ich sie aus, bevor ich reinging.“

Sie zögerte. Fran wartete. Keinen Druck machen, dachte sie. Aber sie stand unter Strom, wollte unbedingt mehr wissen.

„Ich ging in die Empfangshalle“, fuhr Libby leise fort. „Ich hörte Stimmen aus dem Morgenzimmer. Ich ging darauf zu, und …“

„Lass dir Zeit“, sagte Fran, obwohl sie Libby viel lieber zur Eile angetrieben hätte.

Libby presste die Augen zu. „Tante Rose fing an zu schreien, und dann hörte ich einen Schuss. Er war ohrenbetäubend laut. Ich drückte die Tür auf und sah einen Mann, der meinem Onkel in den Rücken schoss, und …“ Libby brach den Satz ab und öffnete die Augen. Sie konnte kaum atmen.

Fran drückte ihre Hand. „Alles ist gut, Libby.“

„Ich bin ausgerutscht. Da war überall Blut.“ Ihre Hände bebten, und das ganze Bett vibrierte unter ihrem zitternden Körper.

Fran fragte sich, ob sie eine Krankenschwester rufen sollte. Aber das wollte sie nicht. Sie brauchte nur noch ein paar Minuten. „Der Mann, der auf deinen Onkel geschossen hat, Libby – hast du sein Gesicht gesehen?“

Libby biss sich so fest auf die Lippe, dass sie blutete. „Ich habe Angst“, sagte sie.

Fran unterdrückte ein Seufzen. Libby war noch ein Kind, sie sollte sie besser nicht drängen. Sie hatte Zeit. „Du bist also gerannt. Zum Strand.“

Libby nickte und ballte die Fäuste.

„Ist dir der Mann mit der Schrotflinte gefolgt?“

„Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht erinnern.“ Libby wirkte zunehmend aufgewühlt. „Ich konnte nicht klar denken. Ich hatte die ganze Zeit ihre Leichen vor Augen und dachte immer wieder, ich sollte zurück und versuchen, sie zu retten, aber ich konnte nicht.“

„Was ist dann passiert?“

„Ich bin zum Strand gerannt.“

„Sonst hast du niemanden gesehen?“

Libby schüttelte den Kopf. „Wo soll ich denn jetzt hin?“, fragte sie.

Fran zögerte. Gott, das war eine schwierige Frage. „Ich glaube, der Anwalt deines Onkels kommt dich später noch besuchen. William Stephens, du kennst ihn doch, oder?“

„Ja.“ Libby nickte.

Die Krankenschwester zog die Vorhänge auf und legte eine Blutdruckmanschette um Libbys Arm. Fran verabschiedete sich und versprach, am nächsten Tag wiederzukommen. Sobald sie draußen war, holte sie ihr Handy aus der Tasche und rief Mike an.

„Wie lief's?“, fragte er.

Er wirkte distanziert, desinteressiert. Fran machte das nichts aus. Sie hatte Mike während der letzten zehn Monate ziemlich gut kennengelernt. Wahrscheinlich ging er gerade irgendeinen Bericht durch. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass Mike jemals nur eine Sache gleichzeitig getan hätte.

„Armes Ding“, sagte Fran. Die eiskalte Januarluft piekte wie Nadelstiche in ihrem Gesicht, aber dadurch fühlte sie sich lebendig, und dafür war sie dankbar.

„Ja, so viel wussten wir bereits“, sagte Mike.

„Sie hat gesehen, wer geschossen hat“, sagte Fran, während sie die Fahrertür ihres Minis aufsperrte. Ihre Finger fühlten sich an wie Eiszapfen. „Sie will nicht sagen, wer es war, aber ich bin fast sicher, dass sie die Person kennt. Das hat mir ihre Körpersprache verraten. Sobald sie sich sicher fühlt, wird sie uns bestimmt sagen, wer den Abzug gedrückt hat.“

Das schien Mikes Aufmerksamkeit zu erhöhen. „Nun, ich nehme nicht an, dass sie den Mörder beschrieben hat, oder?“

„Ich habe nie gesagt, dass es ein Mann war.“ Fran zog die Autotür hinter sich zu und pustete sich in die Hände. Wie schaffte Mike es nur, ihr immer einen Schritt voraus zu sein?

„Angeblich wurde Ewan Galbreith nur wenige Stunden zuvor dabei belauscht, wie er drohte, mit einer Schrotflinte auf Edward Owen loszugehen. Es würde mich nicht überraschen, wenn er es wäre, den das Mädchen gesehen hat“, schlussfolgerte Mike.

„Ewan Galbreith?“, fragte Fran nach. „Aber war das nicht der …“

„Der Wildhüter des Anwesens, genau. Wie in diesen britischen Krimis, die du so gern liest. Da ist es am Ende doch auch immer der Wildhüter, stimmt's?“