Kapitel eins
Grace Murphy zog die braune Strickjacke enger um ihren Körper und sah versonnen der fetten Nacktschnecke zu, die sich durch den verrosteten Hundenapf neben der Mülltonne schleimte. Niemand hätte vermutet, dass in diesem Moment ein Mann in ihrem Gästezimmer saß, der langsam vor sich hin siechte. Die Kabelbinder hatten sich tief in seine Handgelenke und Knöchel eingegraben und einige der vielen Wunden hatten sich bereits entzündet. Aber das war nicht Grace’ Problem. Der Mann war genau dort, wo er hingehörte.
Dem Napf hingegen schenkte sie ihre volle Aufmerksamkeit. Er stand schon hier, seit sie eingezogen war — vielleicht sogar lange davor. Vielleicht hatte irgendwann einmal ein Vormieter einen Hund gehabt, und das Ding hatte es einfach nie bis in die Mülltonne geschafft. Jetzt jedenfalls gehörte er ihr. Und sie hatte eine gute Verwendung dafür.
Die fette Schnecke hatte sich den Napf in der Nacht mit anderen geteilt. Davon zeugten die silbernen Spuren, die ihn in scheinbar zufälligen Mustern durchzogen. Außerdem war er übersät mit den Ausscheidungen anderer Lebewesen, die längst das Weite gesucht und dem Rost ihren Platz überlassen hatten. Grace winkte höflich einem Nachbarn zu, der gerade die verwahrloste Grünfläche überquerte, um die herum eine ebenso ungepflegte Wohnsiedlung errichtet worden war. Sie bückte sich, um den Napf aufzuheben, hielt ihn auf Augenhöhe und sah sich die Schnecke genauer an. Grace war bei solchen Dingen nie zimperlich gewesen. Ganz im Gegenteil, sie mochte Schnecken. Ja, sie waren schleimig und eklig. Aber sie gaben nie vor, es nicht zu sein, und so viel Ehrlichkeit fand Grace bewundernswert.
„Weißt du was, Kumpel? Du kannst bleiben“, sagte sie mit einem Lächeln, während sie den Napf vorsichtig in die Küche trug. Auf der Arbeitsfläche stellte sie ihn samt schleimigem Inhalt auf ein sauberes Geschirrtuch. Dann bedeckte sie die Schnecke und alles andere darin mit Trockenfutter. Kein gutes Zeug, nur das billige Eigenmarken-Futter von Aldi. Drei Kilogramm für drei Euro. Aber für ihn genügte das völlig. Einen Hund hätte Grace damit nie abgespeist. Hunde waren etwas Besonderes. Das wusste schließlich jeder.
Sie holte einen Messbecher aus dem Schrank und schüttete vier Päckchen eines weißen Pulvers hinein. Dann fügte sie die erforderliche Menge Wasser hinzu, vermischte alles und goss es über das Futter. Danach zerkleinerte sie eine ohnehin schon kleine Pille in noch feinere Bröckchen und streute sie wie Puderzucker darüber. Ob er noch bemerkte, was er da zu sich nahm, konnte sie nicht sagen. Jedenfalls hatte er aufgehört, Einwände zu erheben. Vielleicht hatte er erkannt, dass es reine Energieverschwendung war.
Sie wusch sich die Hände, bevor sie mit dem Napf die Treppe zum kleinsten der drei kalten Schlafzimmer hinaufstieg. Vor der Tür stellte sie ihn auf den Boden, öffnete das Vorhängeschloss, schob die beiden Riegel zur Seite und trat ein. Das gedämpfte Stöhnen, das der Mann von sich gab, ignorierte sie gekonnt. Scheinbar hatte sich ihr Gast mit seiner Situation mittlerweile abgefunden. Jedenfalls war es in den letzten Tagen leiser geworden. Auch der Geruch nach fauligem Fisch, der zu lange in der Sonne gelegen hatte, störte sie nicht. Er hatte sich so oft eingenässt und eingekotet, dass seine vormals weißen Boxershorts mittlerweile mit seinem Körper eins geworden zu sein schienen. Das war eine Nebenwirkung der Medikamente, die sie ihm verabreicht hatte, und sie war darüber nicht im Geringsten unglücklich. Sich den Zustand seiner Haut am Gesäß jetzt vorzustellen, bereitete ihr ein beinahe kindliches Vergnügen. Für sie rochen die eitrigen Wunden inzwischen fast wie Parfüm.
Auf dem Boden hatte Grace eine dicke Plastikplane ausgebreitet, damit er ihren Teppich nicht ruinierte. Der Raum war stockduster, weil sie die Fensterscheiben schwarz gestrichen hatte. Da die Rückseite des Hauses von einigen Bäumen umsäumt war, bestand zwar nicht die Gefahr, dass jemand von unten durch dieses Fenster hineinsehen konnte. Aber man konnte nie wissen, wer in diesen Bäumen herumkletterte. Das wäre auf Grace’ Grundstück nichts Ungewöhnliches. Hauptsächlich ging es ihr aber darum, seine Welt so dunkel und kalt wie möglich zu gestalten.
Sie stellte den Napf auf den Klapptisch vor ihm. Seinen Napf. Seine Augen sprachen schon lange nicht mehr zu ihr. Zu Anfang hatten sie noch versucht, ihr zu sagen, was für ein guter Kerl er doch sei. Dann ließen sie sie wissen, wie sehr er sie hasste. Eine Zeit lang hatte sein Blick sie angefleht, doch nun waren diese Augen tot, und Grace fand, dass sie so auch am besten zu ihm passten. Sie trat hinter ihn und zog ihm den Knebel aus dem Mund.
„Du hast drei Minuten.“ Ihre Stimme klang monoton und emotionslos wie die Durchsage am Bahnhof von Cork.
Während er den Kopf in den Hundenapf senkte und laut kaute, zählte sie in Gedanken einhundertachtzig Sekunden herunter. Ihr kam es wie eine Ewigkeit vor, aber für ihn zerrann die Zeit zweifellos wie Sand zwischen den Fingern, während er versuchte, sich das einzige Essen, das er in den nächsten Tagen bekommen würde, ohne die Hilfe seiner Hände einzuverleiben. Sie senkte den Blick auf seine Handgelenke, die an die Rückenlehne des harten Holzstuhls gefesselt waren. Um die schwarzen Kabelbinder herum hatte sich verkrustetes Blut gesammelt, und an einigen Stellen waren kleine Eiterblasen zu erkennen. Seinen Knöcheln erging es nicht besser, während seine geschwollenen Füße in der übel riechenden Pfütze ruhten, die auf dem Boden entstanden war.
„Du weißt, dass du dir das selber zuzuschreiben hast, oder?“
Er hörte auf zu kauen und schüttelte mühsam den Kopf. Dann begannen seine Schultern zu zittern. Schon wieder. Er weinte. Aber er konnte weinen, so viel er wollte. Seine Tränen würden ihr kein bisschen Mitleid entlocken.
„Zweieinhalb Minuten.“
Das Kauen setzte wieder ein, und das Geräusch, vermischt mit seinem Keuchen und Grunzen, hätte in einem anderen Zusammenhang vielleicht komisch gewirkt. Nun würde er bald anfangen zu würgen. Das kannte sie schon. Er war ziemlich vorhersehbar. Als sie das Gefühl hatte, dass seine Zeit abgelaufen war, nahm sie ihm den Napf wieder weg. Er hatte nur eine kleine Portion des Essens geschafft, aber die pulverigen Bröckchen oben drauf waren verschwunden. Das restliche Futter schwamm in einer Flüssigkeitslache, die auf dem Boden des Napfes zurückgeblieben war. Sie legte ihre Hand auf seine Stirn, drückte damit seinen Kopf nach hinten und führte den Rand der Schüssel mit der anderen Hand an seine Lippen. Dann hielt sie ihm die Nase zu und kippte ihm den kompletten flüssigen Inhalt in den Rachen, sodass er würgte und hustete, während sein Gesicht mit matschigem Hundefutter verschmiert wurde. Danach nahm sie den Knebel wieder zur Hand, den sie aus einem Paar blickdichter, lilafarbener Strumpfhosen gefertigt hatte. Die Mühe, das alte Ding zu waschen, hatte sie sich nicht gemacht.
„Bi… bitte!“
Sie dämpfte seinen schwachen Protest mit der Strumpfhose und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen, mit dem Napf davon.
Kapitel zwei
Grace genoss den kurzen Weg zur Arbeit. Ein paar Schritte durch die Wohnsiedlung, dann über die Wiese laufen und die Straße überqueren. Schon war sie da. Die Morgenkühle half ihr, den Kopf freizubekommen – einmal gründlich durchzulüften, wie man so schön sagt – und sich auf den Tag vorzubereiten. Sie war leitende Barista in Jake’s Café und genoss die Verantwortung, die damit einherging. Eigentlich war sie dort die Geschäftsführerin, aber ein solcher Titel wäre wahrscheinlich mit einer Gehaltserhöhung verbunden gewesen. Und allein der Gedanke daran hätte Jake Schnappatmung beschert. Wenn nicht gleich einen Herzinfarkt. Aber Grace machte das nichts aus. Sie brauchte keinen Titel und das Gehalt reichte aus, um ihre Rechnungen zu bezahlen und sich relativ gut zu ernähren. Außerdem genoss sie die Arbeit und die Routine, die sie mit sich brachte, wirklich sehr.
Jake selbst war eigentlich auch in Ordnung, obwohl das offenbar niemand sonst so sah. Er war ein kleiner, rundlicher Mann, den seine Kundschaft hasste. Das wusste er, weil die meisten es ihm mit Vergnügen ins Gesicht sagten. Genau das mochte Grace an diesem Teil von Cork: Die Leute sagten, was sie dachten. Aber nur weil Jake das wusste, verstand er noch lange nicht, warum. Grace hatte ihm einmal zu erklären versucht, dass Menschen es nicht mögen, wenn man sie von oben herab behandelt. Wenn jemand sich fühlt, als hätte ihn das Leben durch den Dreck geschleift, dann bringt ihn ein fröhliches »Wow, tolle Frisur!« auch nicht dazu, noch ein Croissant zum Kaffee zu nehmen. Jake ließ sie dann mit einer genuschelten Beleidigung auf den Lippen ziehen, die laut auszusprechen ihm allerdings seine gute Kinderstube verbot.
Grace erkannte jedoch, wie er wirklich war. Wenn er nicht gerade versuchte, sich einzuschmeicheln, nur um einen zusätzlichen Verkauf zu erzielen, war er ein fleißiger Geschäftsmann, der Grace als wertvolle Mitarbeiterin behandelte. Es gab zwei weitere Jake’s Cafés in der Stadt, und das in Heatherhill war definitiv nicht seine Lieblingsfiliale. Deshalb verbrachte Jake so wenig Zeit wie möglich vor Ort. Er vertraute darauf, dass Grace sich um den Laden kümmerte, und das bedeutete ihr etwas. Er kam jeden Abend zur Ladenschlusszeit vorbei, um die Tageseinnahmen mitzunehmen, er bezahlte sie jede Woche pünktlich und, was am wichtigsten war, er ließ sie in Ruhe. Alles in allem war Jake also in Ordnung.
Wie jeden Morgen öffnete Grace auch heute pünktlich um acht Uhr das Café. Der Mann zu Hause war zu diesem Zeitpunkt bereits vergessen. Sie schaltete alle Geräte ein, nahm die Lieferung mit dem Tagesgebäck und den vorverpackten Sandwiches entgegen und drapierte alles ordentlich in der Theke. Ihr Jake’s war das sauberste Café in Cork, und das verdankte es Grace. Es war möglicherweise auch das kleinste. Sobald man durch die Tür trat, waren es nur noch zwei Schritte bis zur Theke. Aber trotz der Enge, hatte Jake es geschafft, zwei kleine Tische, eine Bank an der Wand und drei Stühle in den Raum zu quetschen. Die meiste Zeit gehörte die Sitzecke ohnehin Maggie Hayes. Sie war jeden Tag die erste Kundin und hatte die Angewohnheit, sich dort für Stunden niederzulassen.
„Alles in Ordnung, Gracie, meine Liebe?“, krächzte Maggie, als sie um zwanzig nach acht durch die Tür schlenderte und ihren zweirädrigen Hackenporsche hinter sich herzog. Wie immer blieb er im Rahmen stecken, und wie immer ging sie nicht gerade zimperlich vor, um ihn der Türumklammerung zu entreißen.
„Irgendwann schaffst du es vielleicht mal, das Ding hier reinzusteuern, ohne die Tür aus den Angeln zu heben, Maggie.“ Grace lächelte die Frau an.
Maggie antwortete mit einem Hustenanfall. Auch nichts Neues. Sie trug denselben braunen Pelzmantel, den sie immer trug, egal bei welchem Wetter. Es sei echter Nerz, hatte sie behauptet. Zweifellos hatte ihr das der Typ erzählt, der ihn ihr vor dreiundzwanzig Jahren am Coal Quay für fünf Pfund verkauft hatte.
„Das Übliche?“
„Weißt du was, Grace? Ich habe heute Lust, mal richtig auf den Putz zu hauen. Gib mir eins von diesen Espresso-Dingern.“
„Einen Espresso? Bist du sicher?“
„Ja! So eins von den Dingern, die all die Schickimickis in der Stadt trinken.“ Sie lächelte. Maggie fehlten so viele Zähne, dass man ihr direkt in den Rachen sehen konnte, wenn sie breit genug lächelte. Aber mit ihren über achtzig Jahren war ihr das völlig egal.
„Wie du willst, Mag. Setz dich, ich bringe ihn dir.“
Während Grace das Getränk zubereitete, von dem sie wusste, dass es ihr gleich nach dem Servieren wieder zurückgegeben werden würde, kamen ihre nächsten Kunden herein. Drei ausgelassene Teenager, die auf dem Weg zur Schule sein sollten, es aber offenbar nicht waren. Sie kannte ihre Namen nicht, aber sie kamen von Zeit zu Zeit vorbei.
„Einen Tee und eine Cola, bitte“, rief einer von ihnen ihr locker von der Tür aus zu.
„Und deine Telefonnummer!“, hängte sein Freund fröhlich an, bevor er sich schnell wieder nach draußen duckte und aus dem Blickfeld verschwand.
Maggie lachte höhnisch. „Na, du bist mir ja ein besonders Mutiger. Erst frech werden und dann verpissen wie ein kleiner Scheißer.“
Die Jungs grinsten, Maggie schluckte eine weitere Bemerkung herunter und Grace schenkte allen ein Lächeln. Sie wusste, wie sie auf andere wirkte. Damit hatte sie schon fast ihr ganzes Leben lang zu kämpfen. Schon als kleines Kind war sie größer als die anderen, dünn, fast schon dürr, hatte naturblonde Haare und leuchtend grüne Augen. Jetzt, mit siebenundzwanzig, wusste sie damit umzugehen und ihr Aussehen in Szene zu setzen. Kommentare wie dieser gerade eben beeindruckten sie nicht sonderlich. Nicht, dass Grace viel mit anderen siebenundzwanzigjährigen Frauen gemeinsam gehabt hätte. Nach allem, was sie durchgemacht hatte, hätte sie im Vergleich zu ihnen genauso gut hundertsiebenundzwanzig sein können. Aber an den meisten Tagen machte ihr das nichts aus.
„Vier, fünf, sechs, acht, fünf, drei, sieben.“
„Cool, ist das wirklich deine Nummer?“, fragte der Junge überrascht.
„Ruf an und finds heraus.“
Der Junge, der draußen gewartet hatte, steckte den Kopf zur Tür herein und wedelte mit seinem Handy. „Ey, das war die Polizeiwache in Heatherhill!“
„Eben. Und jetzt nerv mich noch einmal. Dann wirst du sehen, was du davon hast.“
„Ich nehme auch eine Cola, bitte“, antwortete er, ohne einen Anflug von Reue. „Das war das erste Mal, dass ich freiwillig die Bullen angerufen habe.“
Während des Gesprächs mit den Teenagern stellte Grace den Espresso vor Maggie ab. Dann holte sie drei Cola aus dem Kühlschrank, wohl wissend, dass der dritte Junge letztendlich dasselbe bestellen würde wie seine Freunde, ob er nun um halb neun Uhr morgens tatsächlich Cola trinken wollte oder nicht.
„Was zum Teufel ist das, Grace?“, fragte Maggie empört und zeigte auf die winzige Tasse vor sich.
Die Jungs führten ihre fröhliche Unterhaltung unbekümmert fort.
„Das ist ein Espresso, Maggie.“ Grace stellte die Colaflaschen auf die Theke und goss den Tee für die Jungs in einen Becher zum Mitnehmen. Sie musste nicht lange auf Maggies Erwiderung warten.
„Ich zahle keine zwei Euro und vierzig Cent für einen Fingerhut voll Katzenpisse.“
„Zwei Euro sechzig“, korrigierte Grace mit einem Lächeln.
„Zwei Euro und sechzig Cent für das hier?“ Maggie war kurz davor, in die Luft zu gehen. „Wo ist das schaumige Zeug oben drauf? Wo ist mein Schokoladenpulver? Was in Gottes Namen soll das hier sein?“
„Gib mir eine Minute, um diese Jungs zu bedienen, Mag, dann bring ich dir deinen Cappuccino.“
„Ach, verdammt noch mal, gib mir einfach eine Tasse Tee. Da weiß ich wenigstens, was ich bekomme.“
Grace hörte die Jungs noch einige Zeit lachen und Maggie treffend nachäffen, nachdem sie sich aus der Tür gedrängt hatten und nun den Weg rechts entlang der kleinen Ladenzeile nahmen. Jeder kannte Maggie. Sie gehörte einfach zum Viertel dazu, genau wie einige andere Gestalten — die guten ebenso wie die schlechten.
Jake’s Café lag in einer von anderen Corkern eher als „übel“ bezeichneten Gegend. Heruntergekommene Bausubstanz, hohe Arbeitslosenquote und so weiter, aber Grace gefiel die Vorstellung, dass es hier ehrlich zuging. Die Leute machten eine Menge durch, da hatten sie keine Zeit, um für andere eine Show abzuziehen, also taten sie das auch selten. Grace mochte das. Woanders trugen gefährliche Menschen teure Anzüge, fuhren glänzende Autos und wurden von allen bewundert. Nicht hier. Hier konnte man die Gefahr schon von Weitem erkennen — wenn man wusste, worauf man achten musste. Und hier kümmerten sich die Leute um ihren eigenen Kram.
Grace bereitete einen Cappuccino zu und schenkte einen Tee ein, dann brachte sie beides zu Maggie. „Hier, probier deinen Schaum-Kaffee, und wenn er dir nicht schmeckt, trink diesen Tee.“
Maggie lächelte, wobei sich die kleinen runzligen Fältchen um ihre Mundwinkel zusammenzogen, und kniff Grace sanft in die Wange. „Du bist ein braves Mädchen, Gracie.“ Ihr Kniff endete in einem kleinen Klaps und hinterließ einen klebrigen Fleck auf Grace’ Haut.
„Das habe ich schon mal gehört.“
„Aber du solltest mal mit dem Fettsack über diese Augenwischerei reden. Was auch immer er damit zu verkaufen versucht, es ist abgezockter Katzenpisse-Mist, den er hart arbeitenden Leuten unterjubeln will. Wir sind hier nicht an der Côte d’Azur. Das hier ist Cork. Mit solchen Tricks kommt er hier nicht durch.“
„Ich werde es ihm ausrichten.“
Grace blickte auf und sah, wie Mary-Assumpta ihren pinkfarbenen, aufgemotzten Buggy durch die Tür schob.
Mary-Assumpta war neunzehn Jahre alt und ebenfalls Stammgast in Jake’s Café. Im Buggy lag ein Neugeborenes. Grace erschien diese Art von Kinderwagen für ein so kleines Baby völlig ungeeignet, aber da sie sich mit solchen Dingen nicht auskannte, beschloss sie, den Mund zu halten. Fairerweise musste man sagen, dass der Buggy mit allem Drum und Dran ausgestattet war, einschließlich einem Verdeck mit Kuhmuster und einem passenden Fußsack, und er ramponierte Jakes Tür noch ein bisschen mehr, als Mary-Assumpta ihn hindurchzwängte. Hinter dem Kinderwagen trottete ein kleines Mädchen her, die frühere Besitzerin besagten Buggys. Ganz in ihrer eigenen Welt versunken, watschelte sie hinter ihrer Mutter und ihrer neuen Schwester her. Obwohl alle drei Markenklamotten von Nike und Adidas trugen, sahen sie ungepflegt aus.
„Gib mir bitte eine Tasse Tee, Grace, und eine Cola. Du willst doch eine Cola, Ella-Mai?“
Ella-Mai war mit etwas beschäftigt, das sie gerade draußen vom Boden aufgelesen hatte.
„Ja, sie möchte eine Cola.“
Ella-Mai steckte sich gerade ihr Fundstück in den Mund. „Wie geht‘s der Kleinen?“, wollte Maggie wissen.
Zwar war Ella-Mais Bruder Willie ein Jahr älter als sie, aber mit ihren zwei Jahren hatte sie ihren Status als „Kleine“ bereits wieder eingebüßt. Als ihre Mutter Willie bekam, war sie selbst noch ein Kind, und ein Vater war niemals aufgetaucht. Falls Mary-Assumpta darüber in irgendeiner Weise verbittert war, wusste sie es gut zu verbergen.
„Komm rein und lass die Kälte draußen, Liebes“, forderte Maggie sie auf, während sie sich mühsam auf der Bank ein Stück weiter nach rechts schob, um Platz für Mary-Assumpta und ihre Kinderschar zu machen.
„Zeitungen!“, rief Peter vom Spar-Markt durch die Tür, während er The Echo und The Examiner auf den Mülleimer warf und weiterlief, ohne auch nur einen Fuß in die Stube zu setzen. Der Mann war immer in Eile.
Ella-Mai hob The Echo auf, nachdem sie vom Mülleimer gerutscht und auf dem Boden gelandet war, und begann damit, sie eifrig auseinanderzuzupfen. Die Seiten flogen überallhin, und das Titelblatt landete mit der Vorderseite nach oben zu Mary-Assumptas Füßen. Sie drehte den Kopf, um die in fetten Lettern gesetzte Schlagzeile lesen zu können.
Suche nach Terry Reynolds wird fortgesetzt – Ehefrau aus Cork bittet um Hilfe, um ihren „besten Freund“ zu finden.
Unter der Schlagzeile war ein großes Bild eines lächelnden Mannes mit strohblondem Haar zu sehen.
Mary-Assumpta schnaubte vor Lachen. „Mädchen, dein ‚bester Freund‘ ist mit seiner Geliebten durchgebrannt. Er hat dich einfach ersetzt.“
„Ich weiß nicht“, gab Maggie zu bedenken. „Keine seiner Bankkarten wurde seit seinem Verschwinden benutzt. Ich habe noch nie eine Geliebte getroffen, die dumm genug wäre, sich nicht einladen zu lassen.“
Neugierig hob Mary-Assumpta die Seite vom Boden auf. „Da steht, er wird seit fast drei Wochen vermisst, und du hast recht, Maggie. Keines seiner Bankkonten wurde benutzt. Da steht, er sei nur zum Mittagessen gegangen und nie zurückgekommen, und dass er in einer Buchhaltungskanzlei gearbeitet habe.“ Sie sah Maggie einen Moment lang nachdenklich an, während sie eine Flasche Cola öffnete. Sie reichte sie Ella-Mai, die so gierig trank, als hinge ihr Leben davon ab. „Wahrscheinlich so eine Art ‚tiger-kidnapping‘“, schlug sie vor. „Du weißt schon, bei dem Angehörige als Druckmittel festgehalten werden.“
Maggie nickte, wirkte aber skeptisch.
„Entweder das, oder seine Affäre war selbst noch liiert, und der Typ hat davon Wind bekommen und ging auf diesen Reynolds los“, fuhr Mary-Assumpta fort. „Oder vielleicht war er schwul! Seine Frau hat es gerade herausgefunden und ihn umgebracht, weil er Jahre ihres Lebens vergeudet hat. Und jetzt tut sie in den Medien völlig unschuldig.“
Maggie sah Grace an und hob eine ihrer nachgezeichneten Augenbrauen. „Meine Güte, hör dir mal unsere Miss Marple hier an.“
„Man hört ständig von solchen Sachen, Maggie. Ich habe darüber auf Facebook gelesen.“
„Facebook“, schnaubte Maggie verächtlich. „Der ganze Mist wird doch von Robotern zusammengeschustert. Was wissen die schon?“ „Was denkst du, Grace? Was steckt dahinter?“ Sie blätterte um, sodass Terry Reynolds nun Grace anlächelte.
„Ich habe keine Ahnung.“ Grace ging hinter den Tresen. „Aber Menschen verschwinden selten ohne Grund.“
„Da hast du recht, Grace.“ Maggie nickte ernst. „Da hast du verdammt recht.“
„Ja, aber vielleicht …“
„Hör mal, Mary-Assumpta, Leute verschwinden ständig.“ Maggie war nun richtig in Fahrt. „Manche Leute hauen einfach nur ab, um ein neues Leben anzufangen. Also machen sie sich auf den Weg. Manche stürzen sich in den Fluss. Andere vögeln ihre Sekretärinnen, wie du sagst. Er wird auftauchen oder auch nicht. So oder so, der Regen wird den ganzen Winter über weiter durch mein Dach prasseln, du wirst weiterhin Kinder in die Welt setzen und unser Tee wird weiterhin von der berüchtigten Gracie Murphy aufgesetzt. Mit anderen Worten: Es wird für uns so oder so keinen verdammten Unterschied machen.“
„Wieso berüchtigt? Was meinst du?“ Thema gewechselt. Mission erfüllt.
„Was, hast du noch nie von dem Trottel gehört, der vor drei Jahren hier reinkam, mit einer Harry-Potter-Maske und einem Brotmesser als Zauberstab?“
Grace sprühte die Flächen hinter der Theke ein und begann zu putzen.
„Nein. Erzähl.“
„Es war Gracies zweiter Arbeitstag. Der Dicke war hier und tat so, als wäre das Aufgießen von kochendem Wasser auf einen Teebeutel Raketenwissenschaft, als dieser Typ hereinkam. Später stellte sich heraus, dass es einer der Burkes war. Jedenfalls fing er an, mit dem Brotmesser herumzufuchteln und Geld zu verlangen. Keine Ahnung, was er vorhatte. Vielleicht wollte er einen von uns flach auf den Tisch legen und in Scheiben schneiden.“
„Und was ist dann passiert?“
„Gracie kam hinter der Theke hervor, als würde sie ihm den ganzen Inhalt der Kasse aushändigen wollen. Eine Sekunde später hatte sie ihm das Brotmesser aus der Hand geschlagen und unseren Harry Potter dort drüben an die Wand gedrückt.“
„Das gibts doch nicht! Und weiter?“
„Er fing an zu weinen, also bin ich über die Straße gegangen und habe seine Mutter geholt. Jake hatte seine ‚Mitarbeiterin des Monats‘ gefunden, und seitdem hat niemand mehr versucht, diesen Laden auszurauben.“
„Meine Güte, Grace, du bist ja ein echter Geheimtipp. Aber wie heißt es so schön: Stille Wasser sind tief.“
„Das war einfach Glück, Mary-Assumpta.“
„Hmmm. Auf Facebook habe ich mal gelesen, dass eine Frau ein Auto voller Leute anheben kann, wenn ein Kind darunter eingeklemmt ist.“
Mary-Assumpta schweifte schon wieder ab.
„Was willst du damit sagen? Dass sie in Jake ihr Kind gesehen hat?“
„Nein, Maggie. Ich meine, dass ihr an diesem Tag alle wie ihre Kinder wart. Sie hat euch beschützt. Das ist der Instinkt einer Frau. Das ist unsere Bestimmung.“
„Lass mich raten: Facebook?“
„Bist du auf Facebook, Maggie?“ Mary-Assumpta nahm ihr Handy und begann zu suchen.
„Dreimal darfst du raten, Schätzchen?“
„Und du, Grace?“
„Ich nicht.“
„Aber du bist doch noch ziemlich jung. Solltest du nicht auf Facebook sein?“
„Ich brauche das nicht. Ich habe doch dich. Du erzählst mir morgens, mittags und abends, was dort so los ist.“
„Aber du kannst darüber Leute kennenlernen. Männer zum Beispiel. Du könntest sicher einen gebrauchen.“
„Und du könntest weniger davon gebrauchen.“ Maggie kicherte.
Ella-Mai wurde immer aufgedrehter. „Ich denke darüber nach, mir die Eileiter durchtrennen zu lassen“, gab Mary-Assumpta bekannt und sah ihre Tochter dabei an. Als ob sie verstehen würde, was ihre Mutter sagte, warf sich Ella-Mai auf den Boden und bekam einen gewaltigen Tobsuchtsanfall. Mary-Assumpta verdrehte die Augen und erhob sich von der Bank. „Das macht sie in letzter Zeit ständig. Ich weiß nicht, was mit ihr los ist. Ich glaube, sie hat ADHS oder so etwas.“
„Für mich sieht das eher nach TOCS aus?“, meinte Maggie trocken.
Mary-Assumpta drehte sich zu Maggie um, sehr gespannt auf die bevorstehende Erklärung. Sie setzte sich wieder hin. „TOCS, Maggie? Was ist das? Das klingt nach irgendwelchen Krabbeltieren!“
„Toddler-On-Coke-Syndrom. TOCS.“
Mary-Assumpta verdrehte die Augen und stand endgültig auf. Sie packte Ella-Mai und zog sie auf die Beine, dann beförderte sie sich und ihre Kinder aus der Tür. Grace war froh, sie gehen zu sehen. Sie hatte nichts gegen Small Talk, aber je länger er sich hinzog, desto schwerer fiel ihr die Unterhaltung. Vor allem mit Leuten, die kein Ende fanden. Leute, die eine ausbleibende Antwort als Aufforderung verstanden, noch mehr Fragen zu stellen. Grace fand Mary-Assumpta zwar nett, aber auch das hatte seine Grenzen.
Über Maggies Anwesenheit hingegen freute sie sich immer. Sie war wie ein Schutzschild für Grace, fing die Seitenhiebe der anderen ab, und hatte offenbar Spaß daran. Allerdings sah Maggie sie manchmal auf so eine seltsame Weise an. Der intensive Blick, mit dem sie Grace betrachtete, wenn sie dachte, sie würde nicht hinschauen, war irgendwie beunruhigend. Doch Grace beobachtete Menschen ebenfalls gerne, und so fiel ihr auf, dass Maggie viele Leute so ansah, als wüsste sie etwas über sie. Etwas, von dem sie nicht wollten, dass es jemand anderes erfuhr. Es war, als könnte diese schrullige alte Frau im Fünf-Euro-Nerz manchen Menschen bis in die Seele blicken. Natürlich stimmte das nicht. Wenn Maggie wirklich erkennen würde, was in Grace vorging, käme sie nicht Tag für Tag hierher. Sie könnte nicht so viel Zeit mit jemandem wie Grace Murphy verbringen. Und wenn doch – was sagte das dann über Maggie aus?