Eine Pressekonferenz
Ich lernte Laura de Fabbris bei einer Buchpräsentation kennen. Für die Pressekonferenz, bei der ihr Buch über die römische Inquisition vorgestellt wurde, hatte der Verlag einen Saal im Palazzo Spada in der Nähe der Ponte Sisto angemietet. Die Präsentation fand am frühen Abend statt; am Nachmittag hatte ich meinen Artikel über die erneute italienische Kabinettskrise pflichtgemäß abgeschickt. Mit etwas Glück würde er auf Seite 2 der morgigen Ausgabe erscheinen. Ich freute mich auf die Abendveranstaltung; der Feuilletonredakteur hatte mich gebeten, für die Freitagsausgabe einen kurzen Bericht zu schreiben. Denn Artikel über die politische Dauerkrise in Italien begannen mich allmählich zu langweilen. Die Buchpräsentation an jenem Abend versprach dagegen einigen Zündstoff. Die prominente Historikerin Laura de Fabbris hatte vor ein paar Jahren mit einem Buch über die Borgia-Päpste und ihre Skandale Aufsehen erregt. Von ihrem Buch über die Inquisition versprach sich meine Redaktion deshalb einen unterhaltsamen intellektuellen Schlagabtausch.
In dem Saal, in dem die Pressekonferenz stattfinden sollte, war ein Podium mit zwei Sesseln aufgebaut worden. LED-Lampen tauchten die Szenerie in ein für meinen Geschmack viel zu kaltes Weiß. Für die Pressevertreter waren mehrere Reihen von Stühlen aufgebaut worden. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, immer ziemlich früh zu solchen Veranstaltungen zu erscheinen. Das hat mehrere Vorteile: Erstens kann man sich den strategisch günstigsten Sitzplatz aussuchen, und zum anderen bleibt manchmal noch Zeit, mit dem einen oder anderen ebenfalls zu früh eingetroffenen Kollegen bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wasser einen kurzen Schwatz zu halten. Außerdem tut man in Rom immer gut daran, eine gewisse Zeitreserve einzuplanen. Frost ist in Rom zwar selten, aber er kommt vor. Und das war gerade an diesem Tag im späten Januar der Fall. Die Busse fuhren noch unzuverlässiger, als sie es ohnehin schon taten. Und als ich am Corso Vittorio Emanuele II aus dem Bus stieg, war ich froh, für den kurzen Fußweg warme Winterschuhe angezogen zu haben.
Auf jedem der Plätze befand sich eine Mappe mit den Presseunterlagen. Eine Mitarbeiterin des Verlages legte dazu noch jeweils ein eingeschweißtes Exemplar des Buches L’inquisizione. Da ich bereits in der ersten Reihe Platz genommen hatte, gab sie mir das Buch einfach in die Hand.
„Signor Marc Heller?“, fragte sie, während sie mir mein Namensschild reichte.
Ich nickte, bedankte mich kurz und betrachtete den Umschlag. Auf dem Cover prangte ein schwarzes Kreuz vor dem Hintergrund einer lodernden Flamme. Für ein Buch mit wissenschaftlichem Anspruch fand ich das Design etwas zu reißerisch, aber es würde in den Auslagen der Buchläden zweifellos gut ankommen. Ich drehte das Buch um und sah mir die Rückseite des Umschlags an. Darauf hatte der Coverdesigner ein Foto von Laura de Fabbris platziert – es zeigte eine ausnehmend gut aussehende Mittvierzigerin mit schulterlangen blondierten Haaren. Darunter stand ihre Autoren-Vita. Eine Zeile stach mir sofort ins Auge: Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Vatikanischen Apostolischen Archivs. Mir war bekannt, dass sie im Vatikan arbeitete – keiner der vielen Artikel, die über sie geschrieben worden waren, vergaß dies jemals zu erwähnen, und auch in Talkshows wurde sie regelmäßig dazu befragt.
„Na, lernst du mit deiner deutschen Gründlichkeit direkt alles auswendig?“, fragte mich mein Sitznachbar.
Ich hatte bis dahin gar nicht bemerkt, dass sich jemand neben mich gesetzt hatte. Als ich mich umwandte, sah ich Roberto Cavalcanti von der Repubblica neben mir sitzen. Er grinste bis über beide Ohren, als wollte er gleich ausrufen: „Erwischt!“ Cavalcanti hatte in München studiert. Daher sprach er fließend Deutsch. Manchmal glaubte ich sogar, so etwas wie Spuren eines bayerischen Dialekts bei ihm herauszuhören.
Roberto hatte mir meine ersten Schritte in Rom sehr erleichtert. Er arbeitete eigentlich für das Feuilleton seiner Zeitung, war aber auch für seine politischen Essays und Kommentare gefürchtet – und zwar bei allen Parteien. Wie immer sah er formvollendet aus: Dunkelbrauner Anzug, hellblaues Hemd, dezente Krawatte. Seine Schläfen waren leicht angegraut, ansonsten hätte er immer noch als jugendlicher Liebhaber durchgehen können. Ich streckte meine Hand aus, die er nun kräftig schüttelte.
„Hast du keinen Urlaub?“, fragte er mich. „Rom ist wirklich trostlos im Januar. Fast wie Deutschland das ganze Jahr über. Warum bist du nicht wenigstens zum Skifahren abgehauen?“
„Eure Regierung lässt mir keine Ruhe“, entgegnete ich. „Und mein Feuilletonchef ebenfalls nicht. Er findet die Geschichte hier super. Attraktive Historikerin legt die geheimsten Geheimnisse des Vatikans offen. Wenn das mal keine Story ist.“
Auf dem Podium tat sich jetzt etwas. Laura de Fabbris und eine andere Frau, die ich vom Sehen her kannte – sie war eine Nachrichtenmoderatorin bei der Fernsehanstalt RAI – hatten ihre Plätze auf den Sesseln eingenommen. Techniker halfen ihnen beim Anlegen der Headsets. Während Laura de Fabbris einen eleganten dunkelblauen Blazer trug, der ihre blonden Haare hervorragend zur Geltung brachte, hatte sich die Fernsehfrau für eine schneeweiße Motorradjacke entschieden, unter der sie ein schwarzes Oberteil trug. Während Laura de Fabbris auf ihrem Sessel so etwas wie königliche Ruhe ausstrahlte, wirkte die Nachrichtenmoderatorin hektisch und hibbelig. Von meinem Sitzplatz aus fielen mir die konfusen Handbewegungen der Moderatorin sofort auf, die die ganze Zeit über ihre Fragekärtchen sortierte. Ein ganz klarer Fall – die Fernsehfrau hatte vermutlich vor zehn Minuten ihre letzte Zigarette geraucht und befand sich jetzt auf Entzug. Ich kannte das nur zu gut – ich selbst hatte bis vor ein paar Jahren mindestens dreißig Kippen pro Tag konsumiert. Ganz besonders schlimm war es während des halben Jahres gewesen, in dem ich übergangsweise die Nachrichtenredaktion geleitet hatte. Erst durch den Korrespondentenjob in Rom war ich ruhiger geworden und hatte das Rauchen schließlich einstellen können. Deswegen hatte ich leider zeitweise zugenommen, und das nicht zu knapp. Es dauerte sehr lange, bis ich das alles wieder in den Griff kriegte.
Nun ging die Veranstaltung endlich los – mit Verspätung zwar, aber die war zu erwarten gewesen. Eine PR-Mitarbeiterin des Verlages baute sich mit einem drahtlosen Mikrofon vor dem Podium auf und kündigte an, dass man nun mit der Buchvorstellung beginnen würde. Sie stellte Laura de Fabbris und die Moderatorin vor – ihren Namen vergaß ich sofort wieder – und machte einige Angaben zum Ablauf des Programms. Schließlich sagte sie, es habe mehrere Anfragen zu Einzelinterviews mit Laura de Fabbris gegeben, sodass man sich dazu entschlossen habe, im Anschluss einen Roundtable in einem nahe gelegenen Restaurant zu veranstalten. Wer daran teilnehmen wolle, sei herzlich dazu eingeladen. Der Roundtable finde in der Hosteria dal Moro in der Nähe der Piazza Trilussa statt, dazu müsse man einfach über die Ponte Sisto gehen und dann sei man praktisch schon am Ziel. Die Adresse laute Vicolo de‘ Cinque Nummer 36. Ich kannte das Lokal nicht. Trastevere war für seine Touristenfallen berüchtigt, aber gerade in letzter Zeit, hatten mir Kollegen berichtet, dass sich dort immer mehr echte Perlen finden würden. Ich würde mich überraschen lassen – sowohl von der Pressekonferenz als auch von dem anschließenden Essen. Die Fernsehmoderatorin begann damit, Laura de Fabbris in weitschweifigen Sätzen mit vielen Adjektiven vorzustellen. Ich schaltete daraufhin die Aufnahmefunktion meines elektronischen Diktiergerätes ein.
Italienisch ist eine wunderbare Sprache, und ich spürte, wie ich immer mehr der melodischen Stimme der Vatikan-Archivarin verfiel. Ich sah sie an, ich lauschte ihrer Stimme, ich begehrte sie. Wenn hingegen wieder die Fernsehfrau an der Reihe war, um in ihrem hektischen Sprachduktus eine Frage zu stellen, tat mir das fast körperlich weh. Sie klang ein wenig, als hätte sie permanent einen Frosch im Hals. Ich vermutete, dass sie den Nachrichtenjob beim Fernsehen eher wegen ihres Aussehens bekommen hatte und weniger wegen ihrer Stimme.
Auf den Kern ihres Buches L‘Inquisizione angesprochen, erwiderte sie, dass die Inquisition zumindest teilweise zu Unrecht von der Geschichte verteufelt worden sei. Mit der Einführung der Inquisition sei das Beweisverfahren in Ketzerprozessen modernisiert worden, weil man fortan auf Gottesurteile und ähnliche archaische Beweise verzichtet habe und eine rationale Prozessführung eingerichtet habe. Insofern sei die Inquisition ein Fortschritt gegenüber den bis dahin üblichen Verfahrensformen gewesen.
„Ich betone: Die Inquisition war ein Fortschritt“, wiederholte Laura de Fabbris. „Natürlich hatte das Verfahren Mängel, unter anderem waren Ankläger und Richter in vielen Fällen ein und dieselbe Person. Das ändert aber nichts daran, dass mit der Inquisition erstmals ein modernes und rationales Verfahren eingeführt wurde – in dem, ich betone das, das Urteil eben nicht von vornherein feststand.“ Abgesehen davon förderte das Zwiegespräch nicht mehr viel Bemerkenswertes zutage.
Ich war überrascht, dass sich nur eine kleine Schar von Reportern auf den Weg zum Restaurant machte. Abgesehen von der Pressedame des Buchverlags und Laura de Fabbris begab sich nur ein gutes Dutzend Journalisten auf die Ponte Sisto. Die Bögen der schmalen Fußgängerbrücke spiegelten sich im ruhig dahingleitenden Wasser des Tiber und in der Ferne sah man die festlich angeleuchtete Kuppel des Petersdoms. Jetzt im Januar war keine Touristensaison, man konnte daher gemütlich über die Brücke schlendern und seinen Gedanken nachhängen. Cavalcanti verabschiedete sich und wünschte mir einen schönen Abend.
Der Spaziergang zur Piazza Trilussa war kurz. Ich bemühte mich, nicht zu weit vorneweg zu gehen, denn Trastevere war vor allem in der Dunkelheit ein echtes Labyrinth. Während meiner Studentenzeit war es mir mehrfach passiert, dass ich mich nach feuchtfröhlichen Partys rettungslos in den kleinen Gassen verlaufen hatte. Damals waren Smartphones mit GPS-Ortung noch nicht so verbreitet gewesen. Ich hatte dann nur hoffen können, eine Kirche zu finden und mich von dort aus weiter zu navigieren. Bei diesen Gelegenheiten hatte ich einige der schönsten Plätze Roms kennengelernt. Wenn man zum Beispiel aus dem Gassengewirr kommt und plötzlich auf dem Platz von Santa Maria in Trastevere steht, fühlt man sich wie ein Wüstenwanderer, der nach mancherlei Irrungen endlich eine Oase erreicht.
Laura de Fabbris trug während des kurzen Weges eine violette Winterjacke mit Pelzkragen und unterhielt sich allem Anschein nach gut mit den Kolleginnen und Kollegen. Natürlich wollte jeder, dass ein wenig von ihrer Berühmtheit auf ihn abfiel. Ich freute mich zwar auf den anschließenden Roundtable und das Essen, befürchtete aber, dass das Gespräch nur Banalitäten zutage fördern würde. Daher hoffte ich, nachher einen strategisch günstigen Platz erhaschen zu können, um meine Fragen abfeuern zu können.
Die Hosteria besaß zwei vergleichsweise kleine Gasträume. Da die Tische wie in vielen typisch italienischen Lokalen sehr eng beieinander standen, ging es hier recht beengt zu. Im rückwärtigen Teil des größeren Gastraums waren allerdings einige zusammengeschobene Tische für uns reserviert worden. Die Atmosphäre würde sehr intim sein. Tatsächlich hatte ich Glück, denn ich erwischte genau den Platz gegenüber von Laura de Fabbris. Im gedämpften Licht der Kneipe sah sie etwas geheimnisvoller aus als vorher unter den gleißenden Scheinwerfern der Pressekonferenz. Höflich stellte ich mich vor.
„Ach, Sie sind aus Deutschland?“, entgegnete sie – auf Deutsch, mit einem sympathischen Akzent. Sie erzählte mir, dass sie je ein Semester ihres Studiums in Heidelberg und in Tübingen verbracht und sich dort mit alten salischen und staufischen Handschriften beschäftigt hatte. Danach sei sie nach Paris gegangen, um für ihre Dissertation die Geschichte des Templerordens zu erforschen.
Da es ein Roundtable-Gespräch war, waren hier die Karten ein wenig anders gemischt. Natürlich wollte jeder am Tisch seine eigenen Fragen loswerden. Es kam darauf an, jederzeit präsent zu sein und die Lücke zu erkennen, in die man seine Frage abfeuern konnte. Andererseits durfte man nie zu dominant auftreten, denn sonst wurde man im schlimmsten Fall als Kollegenschwein von den Kolleginnen und Kollegen sabotiert. Ich erinnere mich noch gut an einen Korrespondenten einer deutschen Rundfunkanstalt, der dieses Verhalten an den Tag gelegt hat und seine Arroganz später bitter zu bereuen hatte. Nach einer gewissen Zeit hatte er keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen. Er wurde nicht mehr zu Pressekonferenzen eingeladen, er erhielt keine Akkreditierungen mehr und musste seinen Posten schließlich vorzeitig aufgeben.
Die Fernsehmoderatorin der RAI war nicht mitgekommen, sehr wohl aber die PR-Mitarbeiterin des Buchverlags. Der Wirt hatte Bruschetta-Häppchen vorbereiten lassen, die zwei Kellner jetzt auf großen Platten hereintrugen. Ich gebe gerne zu, dass ich Tage und Wochen von Bruschetta leben könnte, wenn die Tomaten frisch sind und das Brot so richtig knusprig ist. Leider bin ich beim Essen aber nicht sehr geschickt. Wenn ich in die Häppchen beiße, fallen immer ein paar Tomatenwürfel auf den Teller. Aber Laura de Fabbris entschied sich, diesen Fauxpas huldvoll zu übersehen.
Ich versuchte, sie auf ihr aktuelles Buch anzusprechen. „Gab es viele Widerstände im Vatikan, als Sie sich mit der Inquisition befasst haben?“, fragte ich sie.
„Nein“, antwortete sie. Ihr Manuskript sei komplett mit dem Präfekten der Glaubenskongregation abgesprochen gewesen – auch die kritischen Passagen. „Man kann diese Dinge selbst gegenüber den höchsten Stellen offen ansprechen“, sagte de Fabbris.
Der Abend plätscherte etwas dahin. Inzwischen waren exzellente Muscheln aufgetragen worden, die ich mit großem Genuss verzehrte. Hin und wieder ertappte ich Laura de Fabbris dabei, wie sie bei einer Frage ganz dezent das Gesicht verzog. Dann zuckte ich mit den Achseln, woraufhin sie lächelte. Ich glaube, dass sie sich über die Fragen amüsierte. Und ich wünschte mir unwillkürlich, allein mit dieser Frau zu sein.
Am Ende blieben nur noch ich, zwei weitere Kollegen, Laura de Fabbris und die Pressedame des Verlages übrig. Mit einem Blick auf die Uhr, es ging bereits auf Mitternacht zu, entschied die PR-Frau, dass der Abend jetzt beendet sei. Ohne Hast tranken wir aus (der Wirt hatte uns einen hervorragenden Vernaccia-Weißwein aus San Gimignano und einen blutroten Chianti serviert, es wäre eine Sünde gewesen, den guten Stoff stehenzulassen). Als sie sich zum Gehen aufmachte, überreichte ich Laura de Fabbris meine Visitenkarte. „Rufen Sie mich an, wenn Ihr neues Projekt feststeht“, raunte ich ihr zu.
„Gern“, entgegnete sie grinsend. Mit einem eleganten Drehbleistift schrieb sie etwas auf die Karte, das wie PPPPPP aussah. Ich sah sie fragend an, doch sie lächelte nur. Dann zog sie ihre Jacke an und verschwand in der Nacht.
Am nächsten Tag schrieb ich pflichtschuldig meine Buchrezension, blieb dabei aber an der Oberfläche, während ich bei den Details, die die Autorin betrafen, ausführlicher wurde. Die Archivarin aus dem Vatikan, die Zugang zu den Geheimnissen der Geschichte hat, die Türhüterin der Schatzkammer – denn es war kein Geheimnis, dass Laura de Fabbris ein gewichtiges Mitspracherecht hatte, wenn Forscher aus aller Welt Einsicht in die vatikanischen Akten beantragten. Die Rezension fiel mir leicht, denn ich bin ein schneller Leser und Laura de Fabbris war offenkundig eine gute Autorin – oder sie hatte einen guten Lektor, wie auch immer. Ihr klarer Schreibstil gefiel mir. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, das Buch von Anfang bis Ende seiner knapp sechshundert Seiten durcharbeiten zu müssen.
Denn schon auf den ersten Seiten wurde klar, dass sie mit dem Werk die Rehabilitierung der Inquisition anstrebte, so etwa nach dem Motto: Das System an sich war in Ordnung, aber bedauerliche Einzelfälle, Machtmissbrauch und religiöses Eiferertum brachten die Behörde in Verruf. Das sei insbesondere bei der spanischen Inquisition der Fall gewesen. Der Feuilletonredakteur, der den Artikel in Auftrag gegeben hatte, wunderte sich, dass ausgerechnet eine Frau eine so konservative, um nicht zu sagen revisionistische Sicht auf die Geschichte hatte. Ich mailte zurück, dass ich das leider nicht ändern könne, denn unsere Zeitung hätte sich ja das Motto Immer die Fakten zuerst auf die Fahne geschrieben. Ich würde der Autorin aber ausrichten, dass sie sich bei ihrem nächsten Buch um eine korrekte politische Haltung bei der Geschichtsbetrachtung bemühen solle. Danach kam keine Antwort mehr.
Ein Rätsel
In den nächsten Wochen hatte ich viel zu tun. Ich berichtete über einen Justizskandal in Mailand, besuchte eine Ausstellungseröffnung in Florenz und flog für zwei Tage auf die Insel Lampedusa, um die Situation der Flüchtlinge dort beschreiben zu können. Das Buch von Laura de Fabbris hatte ich immer dabei; im Zug oder im Flugzeug las ich darin. Irgendwann rief Cavalcanti bei mir an und teilte mir mit, dass der Papst in die Gemelli-Klinik eingeliefert worden sei. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, hieß es. Der Pontifex sei aber in guten Händen, er werde von Claudio de Fabbris, dem Chefarzt der Inneren Abteilung der Klinik, bestens versorgt, sagte er. Dennoch habe der Vatikan für den Nachmittag eine Pressekonferenz anberaumt.
„Er ist ihr Mann, oder?“, gab ich zurück.
„Wer?“, fragte Cavalcanti.
Ich saß im Zug, die Verbindung war schlecht.
„Der Chefarzt. Der Arzt, der den Papst behandelt. Er ist der Mann von Laura de Fabbris, nicht wahr?“
„Denkst du immer noch an sie?“ Cavalcanti pfiff durch die Zähne. „Mann, die Dame hat offenbar richtig Eindruck auf dich gemacht.“
Mein Kollege hatte damit mitten ins Schwarze getroffen. „Wo bist du gerade?“
Ich sagte es ihm.
„Dann steig so schnell wie möglich aus und fahr mit dem nächsten Zug nach Rom zurück. Sag all deine Termine ab. Du kannst in drei Stunden dort sein. Nimm dir ein Taxi und fahr zur Vatikanstadt. Die Pressekonferenz ist für sechzehn Uhr angesetzt.“
„Ich kann meinen Termin nicht mehr absagen“, entgegnete ich. Es war gerade halb elf. „Aber ich versuch’s kurz zu machen. Sechzehn Uhr ist knapp, aber ich kann es schaffen.“ Cavalcanti verabschiedete sich, meine Antwort hatte er wohl kaum noch gehört, denn der Zug war gerade in ein Funkloch gefahren.
Ich war sehr überrascht, dass mir dieses Detail so stark im Gedächtnis geblieben war. Natürlich hatte ich einige Presseartikel über Laura de Fabbris im Netz recherchiert, bevor ich meine Buchrezension geschrieben hatte. In diesen Beiträgen war erwähnt worden, dass die Historikerin verheiratet war. Ich glaubte mich zu erinnern, dass in dem Wikipedia-Artikel über Laura de Fabbris stand, dass ihr Mann Chefarzt an der Gemelli-Klinik war. Aber da jeder grundsätzlich alles in einen Wikipedia-Artikel hineinschreiben kann (gut, es gibt Ausnahmen, bei denen die Inhalte etwas strenger kontrolliert werden), muss man eigentlich immer prüfen, woher die Information kommt, bevor man sie verwendet. Ich war dieser Sache allerdings nicht nachgegangen, denn sie schien mir nicht wichtig genug.
Aber das war jetzt nebensächlich. Denn in meinen vier Jahren als Korrespondent in Rom hatte ich eines gelernt: Wenn der Papst ein gesundheitliches Problem hat, dann spielt jedes andere Thema die zweite Geige. Cavalcanti hatte mir diesen Grundsatz eingebläut. Er hatte mir einige Male eine Geschichte erzählt, die sein Onkel erlebt hatte.
Sein Onkel, der als Korrespondent des Corriere beim Vatikan gearbeitet hatte, war Anfang August 1978 wie jeder gute Italiener in die Ferien gefahren. Am Abend des 6. August 1978, ein Sonntag, war in der Redaktion die Hölle losgebrochen, denn Papst Paul VI. war auf seinem Sommersitz in Castel Gandolfo ziemlich überraschend gestorben und Cavalcantis Onkel war nirgendwo aufzutreiben gewesen – er hatte eine Pauschalreise nach Mexiko gebucht. Als ihn dort die Nachricht vom Tod des Papstes erreichte, befand sich seine Reisegruppe gerade im Landesinneren, und er musste alle Hebel in Bewegung setzen, um so schnell wie möglich wieder an seinen Schreibtisch zurückkehren zu können.
Und – Ironie des Schicksals – die Sache hatte sich wenige Wochen später wiederholt, als sein Nachfolger Johannes Paul I. nach nur dreiunddreißig Tagen auf dem Stuhl Petri gestorben war. Die meisten Journalisten hatten nach dem Konklave und der Inthronisation des Luciani-Papstes ihren Urlaub nachholen wollen und waren prompt zurückgerufen worden, als die Nachricht vom Ableben des lächelnden Papstes um die Welt ging. Deshalb gilt für Rom-Korrespondenten die eherne Regel: Wenn der Papst in der Öffentlichkeit auch nur hustet, hast du alles stehen- und liegenzulassen.
Nun hielt ich mich in diesem Moment aber gerade nicht an diese eherne Regel. Hätte ich im Auto gesessen, dann wäre ich natürlich umgekehrt. Aber ich hatte den Zug genommen, weil man damit dem höllischen Autoverkehr in und um Rom entkommt. Ich fragte mich, was Cavalcanti mit dem Vatikan zu schaffen hatte – er war stellvertretender Leiter des Ressorts Innenpolitik, sein Jagdrevier war daher das Abgeordnetenhaus im Palazzo Montecitorio. Aber vielleicht war sein für den Vatikan zuständiger Kollege momentan im Urlaub – oder er war Opfer von Einsparungen geworden, von denen auch die italienischen Zeitungen nicht verschont geblieben sind.
Ich hatte einen Termin in Prato. Vom Bahnhof aus nahm ich ein Taxi. Der Tag versprach schön zu werden – die Morgensonne hatte Kraft und der Wagen schaukelte mich durch die Hügellandschaft, die das Städtchen umgab. Die Moderedakteurin (ausgerechnet) war auf den Trichter gekommen, dass es in Prato eine Manufaktur gab, die das traditionelle Schuhmacherhandwerk wiederentdeckt hatte und mit High-Tech-Methoden kombinierte. Soll heißen: Die Füße eines Kunden wurden dort mit Lasertechnik auf den Bruchteil eines Millimeters genau vermessen. Auf Grundlage dessen wurde ein 3-D-Modell berechnet, das dann wiederum von einem 3-D-Drucker ausgespuckt wurde. Und an dieses individuelle Modell wurden dann die Schuhe nach bewährter Handwerkstradition angepasst. Die Manufaktur bot sogar einen Online-Service für alle Kunden an, die nicht persönlich in Prato vorbeikommen konnten. Man brauchte sich nur eine App herunterzuladen und konnte mit der Handy-Kamera die Füße scannen. Die Preise für die so hergestellten Schuhe waren astronomisch – dafür hatten sie den Ruf, ewig und drei Tage zu halten. Aber da ich ein Faible für skurrile Anwendungen der Technik habe, wurde ich selbst neugierig. Ich hatte für das Gespräch ursprünglich zwei Stunden eingeplant, darüber hinaus hatte der Firmenchef mir noch angeboten, dass wir gemeinsam essen gehen könnten. Da ich nun aber schneller nach Rom zurückkehren wollte, musste ich dieses Programm leider abkürzen. Als ich ankam, erklärte ich dem Chef der Firma mein Problem. Er war nicht glücklich darüber, sagte aber zumindest, dass er froh sei, dass ich meinen Termin nicht komplett abgesagt hatte. Er würde mir dann eben beim Rundgang alles erläutern.
Der Firmenchef hieß Ceri. Er war ein jugendlich wirkender Enddreißiger, der eine randlose Designerbrille und einen makellos sitzenden hellgrauen Anzug trug. Er erklärte mir, dass mit dem Internet der direkte Kontakt zum Kunden ohne Zwischenstufen möglich geworden sei, als wenn man früher in die Schuhmacherwerkstatt um die Ecke gegangen sei – ganz so, wie es sein Vater in seiner Jugend noch erlebt hatte.
„Customization ist das Zauberwort“, sagte er. „Ich will nichts weniger als der Schuhmacher um die Ecke für die ganze Welt sein.“
Er zeigte mir einige Beispiele – sehr schöne Business-Schuhe, elegante Modelle für den Abend, aber auch robuste Straßenschuhe, in denen man zweifellos Kilometer um Kilometer zurücklegen konnte. Die Damenkollektionen wiesen zum Teil aberwitzige Absätze auf, außerdem waren derzeit wieder Stiefel mit atemberaubenden Schaftlängen in Mode. Ich fragte Ceri, wer so etwas kaufe. Er lachte. Diese Stiefelmodelle seien zurzeit in Asien besonders populär, dort habe man auch keine Vorbehalte gegen echtes Pelzfutter. Das sei ein Grund für den Erfolg seiner Firma, da er nur edelste Materialien verwende. Im nächsten Moment steckte eine Assistentin den Kopf durch die Tür und erklärte, dass die Lieferung für das Atelier Marozia fertig sei.
„Ich kümmere mich gleich darum“, erwiderte Ceri.
„Eine wichtige Kundin?“, fragte ich.
„Das ist streng vertraulich“, sagte er.
Ceri brachte mich zurück zum Bahnhof, wofür ich dankbar war. Ich hatte den Expresszug nach Rom knapp verpasst, aber nach etwa zwanzig Minuten fuhr ein Regionalzug nach Florenz, wo ich umsteigen konnte. Der Anschlusszug würde um 15.10 Uhr in Rom eintreffen. Bei dem üblichen Nachmittagsverkehr in der Ewigen Stadt konnte ich allerdings nicht darauf wetten, pünktlich um vier Uhr in der Vatikanstadt zu sein. Ich musste es jedenfalls versuchen. Ich schlenderte zum Bahnsteig.
In diesem Moment klingelte mein Telefon. Es war der diensthabende Newsdesk-Redakteur. „Was ist mit dem Papst los?“, fragte er mich.
Ich antwortete, dass ich es nicht wisse, aber dass für den Nachmittag eine Pressekonferenz angesetzt sei.
„Wo bist du gerade?“, kam sofort die Gegenfrage.
„In Prato. Ich bin auf dem Weg zurück nach Rom. Ich werde rechtzeitig da sein.“
„Was sagen dir deine Quellen?“
Das war der Moment, in dem mir meine Lust zum Fabulieren ins Gesicht flog. Ich hatte bei meinen Berichten immer wieder auf geheimnisvolle Quellen verwiesen, die entweder an entscheidenden Stellen in der italienischen Regierung saßen oder an den Schalthebeln der Macht im Vatikan. Natürlich gab es diese Quellen gar nicht, oder besser gesagt: Cavalcanti war die Quelle. Ich hatte in meine Geschichten so manches einfließen lassen, was er mir bei dem einen oder anderen Gläschen erzählt hatte. Offenbar meinte der Newsdesk-Redakteur, ich hätte nichts Besseres zu tun als hektisch zu recherchieren.
Ich antwortete ihm: „Die sind gerade schwer zu erreichen. Aber ich bin dran.“
Der Newsdesk-Redakteur grummelte und legte auf.
Ich überlegte, wen ich anrufen könnte. Ich versuchte, Cavalcanti zu erreichen, aber er ging nicht ran. Vermutlich saß er in der Mittagskonferenz seiner Redaktion. Ich dachte nach. In dem Moment, als der Zug einfuhr, klingelte mein Handy erneut. Das Display zeigte eine mir unbekannte Nummer an.
Ich zögerte einen Moment lang, bevor ich mich meldete. „Pronto.“
Als ich die Stimme hörte, kippte ich fast aus den Schuhen. „Ciao. Hier ist Laura de Fabbris. Sie erinnern sich vielleicht an die Buchpräsentation vor ein paar Wochen. Störe ich Sie gerade oder haben Sie kurz Zeit?“
„Hallo“, stammelte ich. Ich hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit ihrem Anruf. „Sie stören keineswegs. Ich bin gerade in Prato, fahre aber gleich nach Rom zurück. Wie geht es Ihnen?“
Sie lachte ins Telefon. „Danke, es geht mir gut! Ich hoffe, Ihnen auch. Vielleicht habe ich etwas Interessantes für Sie. Ich arbeite gerade an einem Projekt, bei dem Sie mich eventuell unterstützen könnten. Hätten Sie Lust dazu?“
„Worum geht es?“, fragte ich. Gleichzeitig stieg ich in den Regionalexpress ein und suchte mir einen freien Platz. Glücklicherweise war der Zug um die Mittagszeit fast leer. Ich setzte mich. „Entschuldigung, ich bin gerade in den Zug eingestiegen.“
Ich hörte, wie sie erneut lachte. „Schon in Ordnung“, antwortete sie. „Als Journalist führen Sie ein unstetes Leben – heute hier und morgen dort. Leider kann ich Ihnen am Telefon nichts über mein kleines Projekt erzählen. Bitte haben Sie dafür Verständnis. Ich schicke Ihnen aber gleich eine kurze Textnachricht. Wenn Sie diese entschlüsseln können, dann sind Sie des Geheimnisses würdig, das ich zusammen mit Ihnen zu ergründen hoffe. Sind Sie bereit?“
„Moment!“, rief ich, als sich der Zug in Bewegung setzte. „Haben Sie gehört, wie es dem Papst geht? Ist es etwas Ernstes? Das spricht sich im Vatikan doch herum, oder nicht?“
Sie machte eine kurze Pause. Offensichtlich überlegte sie, was und wie viel sie mir erzählen durfte.
Dann vernahm ich ihre Stimme wieder. „Augenblick, ich schließe gerade die Bürotür.“
Ich hörte Schritte auf einem knarrenden Boden und eine Tür, die mit einem schweren Klacken ins Schloss fiel.
Dann sagte sie im Flüsterton: „Er hatte heute Morgen bei der Frühmesse einen Schwächeanfall. Na ja, er ist Achtundsiebzig. Man hat ihn ins Krankenhaus gebracht und einen unregelmäßigen Herzschlag festgestellt. Er bekommt daher in den nächsten Tagen einen Herzschrittmacher eingepflanzt. Ansonsten geht es ihm so gut, wie es einem Achtundsiebzigjährigen gehen kann. Reicht Ihnen das als Info?“
„Vielen Dank!“, rief ich ins Telefon.
Die Verbindung war wackelig, aber ich hatte das Nötigste verstanden.
„Sie haben die Informationen aber nicht von mir“, erwiderte sie mit strengem, nachdrücklichem Tonfall. „Ist das klar?“
Ich bejahte.
„Gut. Betrachten Sie diese Information als Anzahlung auf unsere künftige Zusammenarbeit. Ich sende Ihnen jetzt die Textnachricht. Versuchen Sie, zu entschlüsseln, was sie bedeutet. Die Nachricht hat mit meinem gegenwärtigen Projekt zu tun. Wenn Sie den Sinn der Botschaft herausfinden, wissen Sie auch, worum es geht.“
„In Ordnung.“ Mir schwindelte fast. „Wie kann ich mich für Ihre Information erkenntlich zeigen?“
„Finden Sie heraus, was die Textnachricht bedeutet. Googeln ist erlaubt, aber es wird Ihnen wenig nützen. Wenn Sie wissen, was es bedeutet, texten Sie mir zurück oder rufen Sie an. Wir können uns heute Abend auch treffen, wenn Sie wollen. Ich nehme an, dass mein Mann etwas länger als gewöhnlich in der Klinik zu tun haben wird.“
„Wann und wo soll ich Sie treffen?“
„Nur Geduld. Erst kommt die Arbeit. Wie schon gesagt: Finden Sie heraus, was die Nachricht bedeutet. Dann sind Sie schon mitten im Geheimnis. Ciao.“
Sie hatte aufgelegt. Einen Augenblick später zeigte mir ein farbiger Balken auf dem Display das Eintreffen einer Kurznachricht an. Ich drückte auf das entsprechende Symbol und öffnete die Nachricht. Wenn es ein Briefumschlag gewesen wäre, hätte ich ihn mit bebenden Händen aufgerissen. Leider war es nur ein schwacher elektronischer Abklatsch. Aber ich stellte fest, dass ich schwitzte.
Die Nachricht bestand nur aus ein paar Buchstaben.
P.P.P.P.P.P.
Ungläubig starrte ich auf das Display. Ich hatte alles Mögliche erwartet, aber nicht sechs Mal denselben Buchstaben. Mir war klar, dass Päpste ihrem Namenszug das Kürzel P.P. hinzufügten. Die Bedeutung dieses Kürzels war umstritten. Einige Quellen behaupteten, P.P. stünde für Pater patruum – Vater der Väter – andere meinten, die Abkürzung bedeute schlicht papa, also das lateinische Kosewort für Vater. Aber die dreifache Wiederholung des Kürzels ergab für mich keinen Sinn. Ich gab die Buchstabenfolge in mein Smartphone ein, aber die Suchergebnisse waren ernüchternd. Die ersten Treffer bezogen sich auf ein Pop-Album einer Gruppe namens Souleye mit dem Titel PPPPPP, dessen Songtitel alle mit dem Buchstaben P anfingen. Das hatte Laura de Fabbris bestimmt nicht gemeint, dessen war ich mir sicher.
Weitere Suchergebnisse erklärten das Kürzel PPPPPP als Prior Planning Prevents Piss-Poor Performance – Frühe Planung verhindert eine grottenschlechte Ausführung. Das leuchtete zwar ein, aber dieses Motto entstammte eher dem Berater-Milieu à la McKinsey als dem Umfeld, in dem sich eine Archivarin bewegte.
Dann gab es einen Verweis auf Kurt Schwitters und die Dadaisten – ebenfalls wenig hilfreich. Wenn man die Trefferliste weiter durcharbeitete, zeigten sich immer weniger sinnvolle Ergebnisse. Ein Treffer verwies sogar auf die neuseeländische Einwanderungsbehörde in Auckland. Unwahrscheinlich, dass sich Laura de Fabbris damit beschäftigte.
Vielleicht hatten die Pünktchen ja eine Bedeutung. Ich gab die Buchstabenfolge erneut ein, dieses Mal mit den Pünktchen. Das Ergebnis blieb im Wesentlichen dasselbe. Immer noch die obskure Popgruppe mit ihren Liedtiteln, die alle mit P begannen. Nach wie vor die frühe Planung, die die grottenschlechte Ausführung vermeidet. Und auch die Einwanderungsbehörde in Auckland erschien erneut in der Trefferliste.
Ich wusste, dass ich meine exklusive Information, die mir Laura de Fabbris gegeben hatte, eigentlich längst hätte online stellen müssen.
Papst bekommt Herzschrittmacher war schließlich keine schlechte Schlagzeile. Aber mein Ehrgeiz, das Rätsel zu lösen, obsiegte über mein professionelles Ethos. Laura de Fabbris hatte mich gewarnt, dass mir googeln nur wenig nützen würde. Ich war geneigt, ihr Recht zu geben. Es kam mir so vor, als hätte ich diese Buchstabenfolge schon einmal gesehen. Es gab irgendeine Gemeinsamkeit mit dem Kürzel P.P. Aber welche?
Ich sah, wie sich der Zug Florenz näherte. Ein Blick auf die Uhr – wir waren pünktlich. Das Umsteigen in den Intercity nach Rom würde kein Problem werden, auch wenn ich nur wenige Minuten dafür zur Verfügung hatte.
Mir war klar, dass ich eine Idee brauchte, was die Buchstabenfolge bedeuten konnte. Ich überlegte. Jede Hypothese war so gut wie die andere, wenn man keinen Anhaltspunkt hatte. Also bastelte ich mir eine. Die Buchstabenfolge hat irgendetwas mit dem Vatikan zu tun. Eine Annahme, mehr nicht – aber Laura de Fabbris arbeitete im Vatikan und befasste sich mit der Kirchengeschichte. Von diesem Standpunkt aus gesehen war es nur naheliegend, dass sich ihr neues Projekt ebenfalls wieder in diesem Universum bewegte. Es war nicht zu vermuten, dass sie sich mit dem Spin von Neutrinos oder der Semiotik von Popsongs mit expliziten Texten beschäftigte.
Weil die Wege im Florentiner Hauptbahnhof ziemlich lang sind, stellte ich mich direkt an die Tür, um sofort aussteigen zu können, wenn der Zug zum Stehen kam. In diesem Augenblick klingelte mein Telefon. Leicht gereizt meldete ich mich. Es war Wieland, mein Redakteur vom Dienst, der sich nach dem Stand meiner Recherchen erkundigte. Ich teilte ihm mit, was mir Laura de Fabbris erzählt hatte, natürlich ohne meinen Kontakt zu erwähnen. Da wir beide Deutsch sprachen und der Regionalzug praktisch leer war, hielt ich es für risikolos, ihn übers Handy zu informieren.
Wieland pfiff durch die Zähne. „Das ist interessant“, sagte er. „Wie zuverlässig ist deine Quelle?“
Ich antwortete, dass mein Kontakt direkt im Vatikan sitze und mit den behandelnden Ärzten in Verbindung stehe. Mehr könne ich ihm nicht sagen.
Ich versicherte Wieland, einen kurzen Bericht zu schreiben, der noch am Nachmittag online gehen würde – selbstverständlich mit den vertrauten Floskeln, dass man sich auf gut unterrichtete Kreise berufen würde. Ich würde damit anfangen, sobald ich im Intercity saß, allerdings müsse ich diesen noch erreichen.
Wieland erwiderte: „Alles klar.“
Ich steckte das Handy ein und spurtete los.
Ich hatte Glück. Der Anschlusszug war leicht verspätet, ich kam genau dann am Gleis an, als der Intercity einfuhr. Es war ganz einfach, im Großraumwagen einen freien Sitz mit Tischchen zu finden, an dem ich während der Fahrt arbeiten konnte. Ich klappte meinen Laptop auf und begann, den Artikel zu schreiben. Dass der Zug losfuhr, bekam ich gar nicht mit. Ich fasste in ein paar knappen Zeilen zusammen, was mir Laura de Fabbris erzählt hatte (die Faktenlage war ja sehr dünn), dichtete noch ein paar biografische Angaben über den Papst hinzu und schickte den Artikel ab. Über die Überschrift machte ich mir nur wenige Gedanken, daran konnte sich Wieland austoben. Die Pflicht war erfüllt, jetzt konnte ich mich fürs Erste wieder dem Rätsel widmen, das mir die Archivarin gestellt hatte.
Ich betrachtete wieder die Buchstabenfolge mit den sechs P. Wenn ich mit meiner Annahme recht hatte und die sechs Ps tatsächlich etwas mit dem Vatikan zu tun hatten, dann war es wahrscheinlich, dass irgendein P für den Papsttitel, nämlich papa stand. Anschließend überlegte ich, welche Papstnamen mit P anfingen. Da gab es einige: Pius, Paulus, Paschalis … Das brachte mich der Lösung nicht unbedingt näher. Es gab einfach zu viele Variablen. Aber es konnte durchaus sein, dass am Anfang ein Titel wie Pius P.P. oder Paulus P.P. stand. Wenn ich das in eine Suchmaschine eingab, dann konnte mir das Internet vielleicht den Rest der Buchstabenfolge zuschießen. Zumindest hoffte ich das.
Ich probierte einige dieser Kombinationen aus, kam aber nicht weiter. Ich legte mein Handy auf das Tischchen, lehnte mich zurück und rieb mir die Augen. Die sechs P wanderten vor meiner Netzhaut auf und ab. Je weniger mir meine Hypothese weiterhalf, desto sicherer war ich mir, dass ich diese Buchstabenfolge schon einmal gesehen hatte. Aber wo? Wahrscheinlich in irgendeinem Buch, aber in welchem?
Vielleicht würde eine nochmalige Internetsuche helfen. Aber ich beschloss, zusätzlich zu der Buchstabenkombination noch das Wort Vatican einzugeben. Mit etwas Glück diente der Begriff Vatican als Filter, sodass nur Ergebnisse angezeigt wurden, die in diesem Kontext Sinn ergaben. Wenn es gar keine Ergebnisse gab, dann musste ich meine Hypothese wohl ändern.
Ich gab also vatican und pppppp in die Suchleiste ein und drückte gespannt auf Enter. Die Ergebnisse waren zuerst sehr ernüchternd, aber ich scrollte tapfer nach unten. Dort fand ich schließlich einen interessanten Link: Compilhistoire – Papauté, pape, papesse.
Die verlinkte Webseite war auf Französisch verfasst. Meine französischen Sprachkenntnisse waren zwar etwas eingerostet, aber es fiel mir relativ leicht, das Wichtigste zu verstehen. Es war ein Aufsatz über die Geschichte des Papsttums. Schon der dritte Abschnitt erregte meine Aufmerksamkeit. Denn er war mit der Zeile La papesse überschrieben – zu Deutsch Die Päpstin.
Die Päpstin. War es das, womit sich Laura de Fabbris beschäftigte? Die Legende von der Päpstin Johanna? Ich scrollte durch die Seite. Dort stand die Zeile
Papa Pater Patruum Partu Papissa Proditus.
Sechs Wörter, die alle mit P anfingen. Ich spürte, dass ich der Lösung nahe war. Die Übersetzung der Zeile war auf Französisch verfasst – ich ahnte die Bedeutung, war mir aber nicht hundertprozentig sicher. Die erste Hälfte war leicht: Der Papst, Vater der Väter … aber die Übersetzung enthielt das Wort accouchement, das ich nicht kannte. In der Zeit von Online-Übersetzern war das aber kein Problem. Ich gab das Wort ein und erhielt prompt die deutsche Version. Demnach hatte die Zeile folgende Bedeutung:
Der Papst, Vater der Väter, enthüllte sich durch seine Niederkunft als Päpstin.
Es stand noch etwas darüber, dass die sechs Buchstaben PPPPPP ursprünglich an einer Statue einer weiblichen Gottheit angebracht waren, die ein römischer Bürger aufgestellt hatte. Die originale Bedeutung des Kürzels sei demnach gewesen: Papirius Patri Patrum Propria Pecunia Posuit (Papirius hat dies dem Vater der Väter – gemeint war wohl der asiatische Lichtgott Mithras – aus eigenen Mitteln aufgestellt). Genau, das hatte ich schon einmal gelesen und jetzt fiel es mir wieder ein. Der römische Volksmund hatte daraus im Mittelalter eine Erinnerung an eine angebliche Päpstin gemacht, die genau an diesem Ort – in der Nähe der Kirche San Clemente – ein Kind zur Welt gebracht haben soll. Auf diese Weise soll die Geschichte der Päpstin Johanna entstanden sein.
Hatte Laura etwa Hinweise darauf gefunden, dass das Ganze mehr war als nur eine verstaubte Legende? Ich war augenblicklich elektrisiert. Ich nahm mein Smartphone zur Hand und tippte die lateinische Wortfolge ein: Papa Pater Patrum Partu Papissa Proditus. Meine Hände zitterten ein wenig, als ich auf den Senden-Button drückte.
Weniger als eine Minute später erhielt ich einen Anruf. Es war die Nummer von Laura de Fabbris. Sie kicherte fast, als sie sich bei mir meldete. „Ich hatte schon gedacht, Sie antworten gar nicht mehr. War das Rätsel schwer?“
Ich sagte, dass ich noch dringend einen Beitrag hätte schreiben müssen und erst danach Zeit gehabt hatte, das Rätsel zu lösen.
„Ich verstehe“, sagte die Historikerin. „Aber nun gehören Sie in den Kreis der Initiierten und ich lasse Sie nicht mehr hinaus.“
Sie gluckste wie ein junges Mädchen. „Ich würde mich heute sehr gerne mit Ihnen treffen. Um sechzehn Uhr in der Tavernella, Nummer 5, in der Via Ezio. Seien Sie pünktlich.“
„Da kann ich leider nicht. Um diese Uhrzeit gibt es eine Pressekonferenz im Vatikan.“ Natürlich hätte ich nichts lieber getan als mich mit Laura de Fabbris zu treffen, aber die Pflicht rief nun einmal. Zuerst die Pressekonferenz, dann die Redaktion.
„Papperlapapp. Was kann man Ihnen dort schon sagen, was Sie nicht schon wüssten? Seien Sie um sechzehn Uhr am Treffpunkt. Sie haben nur diese eine Gelegenheit. Die Geschichte, die wir Ihnen dort erzählen, ist viel größer als alles, was Sie heute im Vatikan erfahren könnten.“
Ich schluckte schwer. „Ich werde da sein“, sagte ich, woraufhin Laura de Fabbris auflegte.
Der Zug raste durch Latium. Wir fuhren an Orvieto vorbei. Der Tuffsteinfelsen, auf dem sich die uralte Stadt erhob, zeichnete sich klar gegen den Horizont ab. Es würde knapp werden, die Verabredung einzuhalten, von der ich bis vor wenigen Minuten noch überhaupt nichts gewusst hatte. Zunächst einmal musste ich die Via Ezio finden. Ich kannte weder die Straße noch das Restaurant, das mir Laura de Fabbris genannt hatte. Ich hatte nicht einmal eine Idee, wo die Straße liegen könnte. Mithilfe einer Navigations-App fand ich heraus, dass die Via Ezio irgendwo in dem Stadtviertel lag, das sich zwischen dem Justizpalast und dem Vatikan erstreckte. Die Hauptachse des Stadtteils war die Viale Giulio Cesare. Die übrigen Straßen, die allesamt nach Größen der römischen Geschichte benannt waren, durchzogen den Stadtteil wie ein Netz. Ich sah, dass die Via Ezio in der Nähe der Metrostation Lepanto lag und von der Viale Giulio Cesare abzweigte. Das war günstig. Ich hatte also eine Chance, die Tavernella einigermaßen rechtzeitig zu erreichen.
Gerade als ich den U-Bahnsteig erreichte, fuhr mir der Zug vor der Nase weg. Der nächste sollte erst nach zwölf Minuten kommen – um 15.49 Uhr. Das war viel zu knapp! Ich versuchte, Laura de Fabbris anzurufen, aber in dem unterirdischen Bahnhof hatte ich kein Netz – ganz klar, die Menschentrauben auf dem Bahnsteig waren alle damit beschäftigt, auf ihren Smartphones herumzutippen. Das fahle Licht – nur jede zweite Neonlampe im Tunnel schien zu funktionieren – trug noch zu meiner Frustration bei. Es gibt viele Gründe, Rom schöner zu finden als jede deutsche Großstadt, aber die U-Bahn gehörte definitiv nicht dazu. Man hatte hier unten immer das Gefühl, man hätte eine alte Katakombe notdürftig verbreitert, damit ein Zug hindurchfahren konnte. Außerdem gab es in der Innenstadt von Rom nach wie vor nur zweieinhalb U-Bahn-Linien – das kleinere Mailand brachte es immerhin auf sechs. Die Vollendung der römischen Linie C, die durch das historische Zentrum Roms fahren sollte, hinkte dem Zeitplan noch hoffnungsloser hinterher als der Berliner Flughafen.
Ich trat also von einem Bein aufs andere, bis die U-Bahn einfuhr. Dann quetschte ich mich in den Zug. Der Wagen war mehr als voll, an einen Sitzplatz war also nicht zu denken, aber das war nebensächlich. Wichtiger fand ich, dass mein Handy gut in der Jacke verstaut war und meine Laptop-Tasche so über der Schulter hing, dass man sie mir nicht herunterziehen konnte, ohne dass ich es bemerkte. Automatische Durchsagen warnten wiederholt vor Taschendieben – ganz klar, denn diese U-Bahnlinie war bei Pilgergruppen sehr beliebt, da diese damit in die Nähe des Vatikans gelangen konnten. In den U-Bahnwaggons gab es für Langfinger immer etwas zu holen.
Schließlich erreichte ich die Station Lepanto. Jetzt musste ich schauen, welchen Ausgang ich zu nehmen hatte, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Ich eilte an die Oberfläche und hatte ein bisschen Glück; als ich mich umsah, fand ich das Straßenschild mit der Aufschrift Via Ezio. Es konnte also nicht mehr weit sein. Aber ein kleines Missgeschick passierte mir dann doch noch. Ich übersah das kleine Lokal und rannte deshalb an der Tavernella vorbei. Erst als ich eine Online-Karte konsultierte, bemerkte ich meinen Fehler. Es war daher etwa fünf oder sieben Minuten nach vier, als ich das Lokal betrat.
Ein Treffen
Der Gastraum war klein. Nur ein Tisch war besetzt. Laura de Fabbris erkannte ich sofort. Ich begrüßte sie und entschuldigte mich für die Verspätung. Die Historikerin lächelte. Sie bat mich, Platz zu nehmen und goss mir aus einer Karaffe ein Glas Wasser ein. Erst dann bemerkte ich, dass sie nicht allein war. Lauras Begleiterin war deutlich jünger, etwa Ende zwanzig. Die junge Frau wirkte so unauffällig, dass es kein Wunder war, dass ich sie bis gerade eben übersehen hatte.
„Annunziata, das ist Herr Heller, der Journalist, von dem ich dir erzählt hatte“, stellte mich Laura de Fabbris vor. „Herr Heller, ich möchte Ihnen Annunziata Pellegrini vorstellen. Sie ist Doktorandin an der römischen Universität La Sapienza“, erklärte mir die Archivarin. „Ich unterstütze Annunziata bei ihrer Dissertation. Sie untersucht das sogenannte saeculum obscurum, eine düstere Periode im Rom des frühen Mittelalters.“
Ich gab Annunziata Pellegrini die Hand. Ihr Händedruck war sehr leicht, kaum zu spüren. Die Doktorandin war sehr blass, sie wirkte fast magersüchtig, und im Vergleich zu Laura de Fabbris‘ eleganter Garderobe (ein schwarzer Blazer, unter dem ein flammend roter Pullover hervorlugte) erschien Annunziata Pellegrini noch farbloser. Auf ihrer Nase saß eine große Hornbrille mit dicken Gläsern. Ihr Haar verbarg sie bis auf ein paar Strähnen unter einer grauen Ballonmütze. Sie trug einen schwarzen Anorak, der ihr ein oder zwei Nummern zu groß war, und einen langen grauen Wollrock. Ihre Schuhe sahen aus, als hätte sie Teewärmer aus schwarzem Filz zusammengenäht. Bis auf einen schlichten Ring an ihrer rechten Hand und eine dünne Kette mit einem Kreuzanhänger trug sie keinerlei Schmuck. War sie vielleicht eine Nonne? Aber was sollte dann der Ring?
Laura de Fabbris schien meine Frage erraten zu haben. Sie erklärte mir: „Annunziata ist eine geweihte Jungfrau, eine virgo consecrata. Sie hat ein Leben in Keuschheit gelobt. Aber sie lebt nicht wie eine Nonne im Kloster, sondern in der normalen Welt. Das ist eine besondere Form der Nachfolge Christi.“
„Das ist äußerst interessant“, entgegnete ich. Und zu Annunziata gewandt sagte ich: „Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“
Sie erwiderte mit leiser Stimme: „Ich bin auch erfreut. Laura hat mir eine ganze Menge über Sie erzählt. Ich bin mir sehr sicher, dass Sie uns helfen können.“
Was konnte Laura de Fabbris ihrer Kollegin erzählt haben? Ich sagte zunächst nichts, sondern nickte nur. Vielleicht hatte die Archivarin ja über das Internet ein paar Details über mich herausgefunden. Im Impressum unserer Zeitung standen über jeden Redakteur kurze biografische Angaben. Bei mir war zum Beispiel zu lesen, dass ich ein paar Semester Archäologie und Ägyptologie studiert hatte, bevor ich mich dem Journalismus zugewandt hatte.
„Sie untersuchen also ein wahrlich dunkles Jahrhundert“, begann ich den Gesprächsfaden erneut aufzunehmen. „Dass Sie sich ausgerechnet für diese Periode interessieren …“
„Das Dunkle Jahrhundert oder saeculum obscurum beginnt mit der Ermordung von Papst Johannes VIII. im Jahr 882 und endet im Jahr 1046, als gleich drei rivalisierende Päpste abgesetzt wurden“, erklärte mir die Doktorandin. „Das Dunkle Jahrhundert umfasst also eigentlich eine Periode von hundertvierundsechzig Jahren. Aber auch der sogenannte Hundertjährige Krieg dauerte wesentlich länger als hundert Jahre. In die Periode des saeculum obscurum fällt die sogenannte Pornokratie oder Mätressenherrschaft, in der die Päpste einer gewissen Marozia verfielen und zu willenlosen Marionetten wurden.“
Sie hatte diesen kleinen Beitrag selbstbewusst und mit fester Stimme vorgetragen. Ihre blasse Erscheinung konnte also täuschen. „Und was hat das mit der Legende der Päpstin Johanna zu tun?“, fragte ich. „Ihre Textnachricht bezog sich doch auf diese Geschichte.“
Laura de Fabbris antwortete: „Ja, hier wird es tatsächlich kompliziert. Ich war bisher immer der Meinung, dass die Legende von der Päpstin aus der Erinnerung an diese Marozia entstanden ist. Aber Annunziata ist überzeugt davon, dass an der Geschichte doch etwas mehr dran sein könnte. Außerdem sagt sie, die Päpstin Johanna der Legende sei eine gänzlich andere Person gewesen … ein ganz anderer Charakter als Marozia.“
„Das stimmt“, ergänzte Annunziata. „Marozia war eine völlig amoralische Person. Johanna war hingegen eine Gelehrte, die das Pech hatte, als Frau geboren worden zu sein. Ihr ging es darum, Wissen zu erwerben und den Menschen mit diesem Wissen zu helfen. Zur Päpstin wurde sie quasi aus Versehen gewählt, sie selbst hat dieses Amt nie angestrebt. Wenn die Erzählung von Johanna also einen wahren Kern hat, dann kann nicht Marozia dieser Kern sein. Es muss einen anderen Hintergrund geben.“
„Ich habe mal gehört, dass Kaiser Nero noch lange nach seinem Tod im Orient sehr verehrt wurde“, warf ich ein. „Während die Römer versuchten, die Erinnerung an ihn zu tilgen, wo sie konnten, galt er im Orient, vor allem bei den Parthern und Armeniern, geradezu als das Vorbild eines weisen Herrschers.“
„Sehen Sie? Meine Rede!“, rief Laura de Fabbris triumphierend aus. „Es gibt durchaus Beispiele dafür, dass sich auch die Erinnerung an die schlimmsten Dreckschweine im Nachhinein verklärt. Und so wurde die Hure Marozia in der Sage zur edlen Päpstin Johanna.“
„Bitte“, sagte ich – einerseits, weil ich spürte, dass hier Leidenschaften im Spiel waren, die einen akademischen Gedankenaustausch in eine hässliche Szene verwandeln konnten und andererseits, weil ich wirklich Hunger hatte – „Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles richtig verstanden habe. Ich brauche ein bisschen mehr Informationen. Und vielleicht sollten wir …“, ich blinzelte zum Wirt hinüber, der mit einem ungeduldigen Gesichtsausdruck am Tresen stand, „vielleicht sollten wir auch etwas essen.“
Laura de Fabbris war einverstanden. Annunziata Pellegrini zögerte etwas, bevor sie sich setzte.
Nicht zu fassen, dieser Unterschied!, dachte ich mir. Auf der einen Seite die weltgewandte Historikerin und Autorin und auf der anderen Seite dieses etwas blasse Mädchen, das mit Gott verheiratet war – aber beide verband mehr, als sie trennte, nämlich die Liebe zur Geschichte.
„Sie sehen unser Problem“, wandte sich Laura de Fabbris an mich. „Ich habe Annunziata geraten, die Geschichte mit der Päpstin aus ihrer Dissertation herauszuhalten, aber die Sache ist zu wichtig für sie. Deswegen wollte ich Sie fragen, ob Sie nicht eine Story über Annunziata machen wollen – über die Frau, die sich auf die Suche nach der Päpstin gemacht hat.“
„Wie sind Sie gerade auf mich gekommen?“, fragte ich.
„Nun, Sie schreiben für eine große deutsche Zeitung. Die Legende der Päpstin Johanna, so wie wir sie kennen, ist ursprünglich in Deutschland entstanden – der Dominikaner-Mönch Martin von Troppau hat sie 1277 in seiner Papstchronik erstmals erwähnt. Gut, er brachte sie aus Rom mit, wo Martin einige Jahre lang gelebt hatte, aber die Legende ist gerade in Deutschland immer sehr populär geblieben. Ein Roman über die Päpstin war bei Ihnen vor einigen Jahren ein großer Bestseller, und kurz darauf wurde das Buch sogar verfilmt. Deshalb glaube ich, dass ein Artikel über Annunziata und ihre Forschung in Deutschland ganz gut ankommen sollte. Und da Sie sich früher mit Archäologie befasst haben, sind Sie für das Projekt der ideale Kandidat.“
„Ich fühle mich geehrt, kann aber nichts versprechen“, erwiderte ich. „Ich werde mich jedenfalls gern für einen solchen Artikel einsetzen. Wer weiß, vielleicht springt sogar eine Serie dabei heraus. Ich bin auf jeden Fall interessiert. Aber so wie ich meine Redaktionsleitung kenne, brauchen wir noch mehr Hinweise, bevor wir einen Artikel machen können. Was wäre denn jetzt der nächste Schritt?“
„Lesen Sie sich in die Geschichte ein“, erwiderte Laura de Fabbris. Annunziata nickte. Laura nannte mir die Titel zweier seriöser Sachbücher über die Päpstin Johanna, die ich mir pflichtschuldigst notierte.
Außerdem gab sie mir einen USB-Stick mit der Dissertation. „Ein Riesenwerk“, warnte sie mich. „Allein das Hauptdokument hat über neunhundert Seiten und dazu kommen noch die Anhänge und die Bibliografie. Ich habe ihr gesagt, sie muss das Konvolut unbedingt kürzen. Dreihundert Seiten sind das Äußerste, sonst nimmt es die Uni nicht an. Aber Annunziata ist sehr gründlich in allem, was sie tut, darin ist sie fast deutsch. Ich bearbeite gerade meinen Verlagslektor, damit er das ganze Werk als Buch veröffentlicht, aber er will erst einmal abwarten, bis die Promotion abgeschlossen ist. Kann ich ihm nicht verdenken, es gibt einfach zu viele Scharlatane, die ihre Blogs gedruckt sehen wollen, mit Geschichten über Glühbirnen im alten Ägypten und Batterien in Mesopotamien …“
Das Essen kam. Ich stürzte mich wie ein verhungernder Wolf auf die Lachsravioli. Die Portion war zum Glück reichlich und die Ravioli waren ausgezeichnet. In meiner Zeit in Rom hatte ich gelernt, nichts auf die äußere Erscheinung von Lokalen zu geben. Einige der besten Trattorien sind derart unauffällig, dass der Uneingeweihte daran achtlos vorbeigeht. Dann gibt es noch die Gourmet-Tempel, die jeder kennt und die ihren Titel durchaus zu Recht tragen, aber dort kriegst du keinen Tisch, wenn du nicht jemanden kennst, der den padrone kennt. Und zu guter Letzt sind da noch die Touristenlokale, über die man kein Wort verlieren sollte. Da geht man besser zu McDonald’s. Das ist wenigstens immer gleich, und man weiß, was man erwarten kann.
Laura und ich aßen mit unterschiedlichem Appetit. Sie stocherte etwas lustlos in ihrem Salat herum. Währenddessen tippte die virgo consecrata wie eine Besessene auf ihrem iPhone herum und trank gelegentlich einen Schluck Wasser. Ich erkannte, dass es das aktuelle Modell war. Sieh an, dachte ich mir, auch wenn Annunziata etwas aus der Zeit gefallen wirkte, war sie doch im Hier und Heute zu Hause.
„Ich hätte nicht gedacht, dass man als geweihte Jungfrau so … nun ja … digital unterwegs ist“, sagte ich, mehr scherzhaft als kritisch gemeint.
Annunziata hob den Blick, und für einen kurzen Moment huschte etwas über ihr Gesicht, das ich nicht so ganz einordnen konnte. Nicht Empfindlichkeit oder Peinlichkeit. Eher eine Schärfe, die ich nicht in ihr vermutet hatte. „Glauben Sie nicht, dass auch wir frommen Frauen ein Handy bedienen können, Signor Heller?“
Der Satz stand einen Augenblick lang zwischen uns, ungewohnt schwer, fast trotzig. Dann lächelte sie ein wenig zu hastig, als hätte sie sich selbst zur Ordnung gerufen.
„Verzeihen Sie. Es ist ein langer Tag gewesen“, sagte sie und griff nach einer Serviette, um sich den Mund abzuwischen. An ihrem Handgelenk war ein schwarzes Muster zu erkennen, wie ein sehr fein gestochenes Tattoo. Gerade als ich genauer hinsehen wollte, stand Annunziata auf. Sie entschuldigte sich, dass sie noch einen Termin hätte. Laura stand ebenfalls auf. Die beiden Frauen umarmten sich. Auch ich erhob mich. Annunziata gab mir die Hand und sagte mir, sie würde sich bald bei mir melden, Laura habe ihr meine Kontaktdaten gegeben. Ich schaute sie an. „Sie haben sich da einiges vorgenommen“, sagte ich respektvoll.
Die virgo consecrata nickte. „Manche Ketten trägt man freiwillig“, gab sie zurück. Dann verließ sie das Lokal.
Laura und ich setzten uns wieder hin.
„Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht zu viele Umstände gemacht“, entschuldigte sie sich. „Ich will Annunziata nur helfen. Sie ist brillant, aber sie neigt dazu, sich zu verzetteln. Die Sache mit der Päpstin ist eine fixe Idee. Sie könnte sich damit ihren akademischen Ruf ruinieren, bevor ihre Karriere überhaupt begonnen hat. In gewisser Weise ist die Päpstin ein Minenfeld. Sie dient als Projektionsfläche für alle möglichen Gruppen wie Reformtheologen, Feministinnen und andere Leute, die sich einen Wandel in der Kirche wünschen. Ich sage nicht, dass der Vatikan perfekt ist, ganz im Gegenteil. Aber wenn es um die Päpstin geht, dann spielt Wunschdenken auch eine ganz wichtige Rolle. Die Reformisten und die Feministinnen wünschen sich, dass es die Päpstin gegeben hat, denn das würde in letzter Konsequenz bedeuten, dass die ganzen alten Männer an der Spitze der Kirche abdanken sollten. Ich für meinen Teil finde den Papst eigentlich ganz nett, er ist theologisch gesehen ein recht konservativer Knochen, aber er ist auch gütig und macht seine Sache eigentlich ganz gut. Ich weiß gar nicht, ob ich an seiner Stelle eine Frau sehen möchte. Sie hatten in Deutschland mal eine Bischöfin, bei den Evangelischen, die ein Alkoholproblem hatte. Außerdem ist es gut, wenn die Männer ein Refugium haben, wo sie unter sich sein können, wir Frauen haben sie ja schon aus fast allen ihren Nestern vertrieben. Übrigens, ich weiß ganz genau, dass Sie wissen wollen, wie es dem Papst geht. Er bekommt übermorgen seinen Herzschrittmacher, das ist gar kein Risiko. Das kann man mittlerweile fast schon ambulant machen. Die einzige Frage ist, ob er für die Osterfeiertage fit sein wird. Es ist ja ein mörderisches Programm, dem der Papst da ausgesetzt wird. Ich denke, man wird ihm raten, sich zu schonen und die Gottesdienste etwas abzukürzen, aber dann würde es gehen.“ Bei diesen Worten zwinkerte sie mir verschwörerisch zu.
Laura griff jetzt nach ihrer Handtasche. Auch für mich wurde es Zeit zu gehen. Wir zahlten auf römische Art, indem wir ein paar Euro-Scheine zusammenwarfen. Eine Frage wollte ich aber doch noch gern loswerden. Ich wollte wissen, warum Annunziata sich dazu entschieden hatte, lebenslange Jungfräulichkeit zu geloben.
„Sie hat mir das mal erzählt“, antwortete Laura. „Als Teenager ist sie sehr krank gewesen, sie hatte Krebs oder so etwas. Man räumte ihr nur sehr geringe Überlebenschancen ein. Aber eine Ärztin, gab sie nicht auf. Sie kümmerte sich vorbildlich um Annunziata. Beide haben nachts stundenlang gemeinsam gebetet. Diese Ärztin war ebenfalls eine geweihte Jungfrau, und sie muss ein Vorbild für Annunziata gewesen sein.“ Ich verstand.
Ein umfangreiches Werk
Wir verabschiedeten uns. Laura rief sich ein Taxi, ich stieg in die Tiefen der U-Bahn hinab. Ich fuhr bis zur Station Manzoni. Von dort aus waren es etwa zehn Minuten zu Fuß bis zu meiner Wohnung. Leider sind die Mietpreise in Rom in den letzten Jahren abnorm gestiegen, sodass für einen – an sich nicht schlecht bezahlten – Italienkorrespondenten nur wenig mehr als ein Zimmer mit Bad und einer kleinen Küche drin ist.
Als ich eintrat, fühlte ich mich seltsam aufgekratzt. Das Treffen mit Laura de Fabbris, an das ich am Morgen noch nicht einmal gedacht hätte, versetzte mich in eine fast tänzerische Stimmung. Und das, obwohl ich an diesem Morgen sehr früh aufgestanden war. Nachdem ich meine Jacke ausgezogen hatte, setzte ich mich an den Küchentisch, klappte den Laptop auf und steckte den USB-Stick ein. Ich wollte mir einen Überblick über Annunziatas Dissertation verschaffen. Das Hauptdokument war in der Tat gewaltig – obwohl ich die Dateien vorher auf den Desktop kopiert hatte, brauchte mein Textverarbeitungsprogramm einige Zeit, bis die Datei komplett geladen war und zeigte dann einen Umfang von neunhundertzwölf Seiten an.
Mit dem Mausrädchen scrollte ich durch das Inhaltsverzeichnis. Ich war beeindruckt. Die ehrsame virgo consecrata schien praktisch alles gelesen und verarbeitet zu haben, was jemals über das saeculum obscurum geschrieben worden war. Die Einleitung und die ersten Seiten des Einstiegskapitels zeigten mir außerdem, dass Annunziata ihren Stoff keineswegs zusammenkopiert hatte – der Duktus ihres Stils war jederzeit erkennbar. Sie beherrschte ihren Stoff ganz offensichtlich, hatte die Zitate und Belege sorgsam ausgewählt und zeigte sich, soweit ich es beurteilen konnte, ihrem Sujet jederzeit gewachsen. Ich betätigte die Suchfunktion, um den Namen zu finden, der in der Unterhaltung mit Annunziata und Laura de Fabbris mehrfach angeklungen war: Marozia.
Mein erster Versuch schlug fehl, denn ich hatte den Namen Marozia fälschlich mit „c“ geschrieben, aber beim zweiten Mal landete ich direkt in einem einschlägigen Abschnitt. Ich begann zu lesen. Doch je weiter ich mich vorkämpfte, desto bizarrer kam mir alles vor. Demnach war Marozia bereits im zarten Alter von fünfzehn Jahren die Mätresse des Papstes Sergius III gewesen, der von 904 bis 911 amtierte. Sie hatte zusammen mit Sergius einen unehelichen Sohn, den späteren Johannes XI. Auch mit zwei weiteren Päpsten schien Marozia intime Verhältnisse gepflegt zu haben. Lediglich bei Johannes X., der gemessen an der damaligen Zeit ungewöhnlich lang regierte (von 914 bis 928) und tatsächlich so etwas wie ein moralischer Leuchtturm gewesen sein musste, biss sie auf Granit. Schließlich ließ sie ihren Rivalen beseitigen und ernannte dann kurz hintereinander zwei Päpste, die beide jeweils wenig mehr als ein Jahr regierten, bis schließlich ihr Sohn als Pontifex an der Reihe war.
Ich übersprang die folgenden Seiten, bis ich ein Zitat des englischen Historikers Edward Gibbon fand:
… wir lesen, nicht ohne Überraschung, dass der wackere Enkel von Marozia öffentlich im Konkubinat mit Roms Matronen lebte, dass der Lateranpalast zu einem Hort der Prostitution wurde und dass seine Vergewaltigungen […] die weiblichen Pilger davon abhielten, das Grab des heiligen Petrus zu besuchen, um nicht während ihrer Andacht von dessen Nachfolger belästigt zu werden.
Die Geschichte war verrückter und unübersichtlicher als jede Soap Opera. Die Borgias, gewiss keine Kinder von Traurigkeit, kamen mir im Vergleich mit der Sippe der Marozia wie Waisenknaben vor. Je mehr ich las, desto klarer wurde mir, dass es eine Höllenarbeit sein würde, diese Dissertation von über neunhundert Seiten Umfang auf ein Drittel einzuschrumpfen. Annunziatas Arbeit glich einem Bau mit einer klaren Struktur; an dieser und jener Stelle zu kürzen, hätte bedeutet, einige tragende Teile aus dem Bau herauszuschlagen. Ich befürchtete daher, dass ihr nichts anderes übrig bleiben würde, als die Dissertation in kürzerer Form neu zu schreiben.
Ich wandte mich den Anhängen zu. Diese lagen als separate Dokumente auf dem USB-Stick. Eine Datei war unter dem Namen marozia_papessa.docx abgespeichert. Ich öffnete sie und las:
Die unter Historikern verbreitete These, die Legende der Päpstin Johanna gehe mittelbar auf die Erinnerung an die Ausschweifungen der Marozia zurück, ist entschieden abzulehnen. Es ist zwar richtig, dass Marozia Päpste nach Belieben ein- und wieder abgesetzt hat – sie ist aber nie als Päpstin aufgetreten. Und warum auch. Die damaligen Bischöfe von Rom waren ihr bis auf ganz wenige Ausnahmen hörig, sodass Marozia grob gesprochen immer das bekam, was sie wollte.
Dagegen sehen wir in den Überlieferungen von Johanna eine Frau, die sich aus einfachen Verhältnissen mithilfe ihrer Klugheit und ihres Geschicks eine herausgehobene Stellung in der von Männern dominierten Welt erkämpft hat. Johanna war gewiss eine Frau, der es an Gerissenheit und Konsequenz nicht gefehlt hat, aber ihr wird selbst in den feindseligsten Varianten der Legende keineswegs jene Amoralität unterstellt, die ein wesentliches Kennzeichen von Marozias Charakter war. Deshalb ist es unabdingbar, nach anderen Erklärungen für den Ursprung der Legende zu suchen. Auch die Historizität der Johanna, bisher ein Anathema für die Geschichtsschreibung, darf vor diesem Hintergrund nicht von vornherein ausgeschlossen werden.
So las es sich, wenn Annunziata Pellegrini ex cathedra sprach – oder besser schrieb.
Ich schenkte mir ein Glas Whisky ein und dachte nach. Wenn Annunziata diesen Anhang in ihre Dissertation einbaute, brachte sie praktisch das ganze Establishment der Historikerzunft gegen sich auf. Als Fußnote mochte es noch durchgehen, aber als Anhang bildete es den Schlussakkord der Arbeit, und damit – das sah Laura de Fabbris ganz klar – würde sie sich um die Früchte ihrer Arbeit bringen.
Na ja, dachte ich, eigentlich das Problem anderer Leute. Ich würde versuchen, ihre Thesen zur Päpstin Johanna in unserem Blatt unterzubringen. Das war aus meiner Sicht ein geringer Preis dafür, die Telefonnummer von Laura de Fabbris zu besitzen – auch wenn ich mir im Augenblick nicht vorstellen konnte, wie es mir gelingen sollte, bei ihr zum Abschluss zu kommen, wie ein Kollege aus der Sportredaktion mal treffend formulierte. Seit meiner Scheidung vor fünf Jahren hatte ich vielleicht fünf- oder sechs Mal … aber lassen wir das.
In diesem Augenblick rief Cavalcanti an.
Er war etwas aufgebracht, um es vorsichtig zu formulieren. Er fragte mich, wo ich denn gewesen sei und vor allem, woher ich denn bereits am frühen Nachmittag gewusst hätte, was der Pressesprecher des Vatikans erst um sechzehn Uhr verkünden sollte – nämlich die Sache mit dem Schwächeanfall des Papstes und mit dem Herzschrittmacher. Der Heilige Stuhl hatte sein offizielles Bulletin zudem mit einer Sperrfrist versehen.
„Eine Sperrfrist – das sieht dem Vatikan ähnlich“, entgegnete ich.
„Es gab einen Eklat“, ereiferte sich Cavalcanti. „Di Marchetto, der Pressesprecher, ermahnte uns alle, die Meldung erst morgen früh um sieben Uhr zu veröffentlichen, und dann zeigte Anna Bellingham, du kennst ja diese links-progressive Amerikanerin, dass die Nachricht zu diesem Zeitpunkt bei euch auf dem Portal bereits live war. Und ausgerechnet du warst nicht da! Hast uns einen ganz schönen Streich gespielt. Du hättest mich wenigstens einweihen können. Ein Anruf hätte genügt.“
„Es ging nicht“, sagte ich. „Ich hatte zu tun.“
„Das glaube ich dir gerne, aber wer war deine Quelle? So wie die Meldung verfasst war, klang es, als hättest du einen direkten Draht in die Klinik – oh verdammt, du hattest ihn tatsächlich!“
Cavalcanti erinnerte sich nun an unser Telefongespräch vom Vormittag. „Du Hund“, sagte er, und da er in München studiert hatte, war er sich der bewundernden Konnotation, die dieser Ausdruck im Bayerischen besitzt, wohl bewusst. „Du hast es von Laura.“
Ich prustete ins Telefon. „Bist du verrückt? Wie soll das denn gegangen sein? Ich hab dir doch erzählt, dass sie damals ihre Kontaktdaten nicht rausgerückt hat.“
„Stimmt, stimmt, aber du musst irgendwie an sie herangekommen sein. Hör zu, gleich ist Redaktionsschluss. Ich bin müde und falle sofort ins Bett. Aber morgen früh um neun – und ich meine neun Uhr deutscher Zeit, also keine Minute später – bist du in der Tazza d’Oro, wir trinken einen Caffè und du erzählst mir deine Geschichte. Ist das klar? Sonst bist du hier in Rom unten durch.“
Cavalcanti legte auf. Ratlos blickte ich auf das nun stumme Telefon. Mir blieb keine andere Wahl, als mich am nächsten Morgen meinem Schicksal zu stellen. Ich trank den Whisky aus, warf meine Klamotten über einen Stuhl und mich aufs Bett.