Prolog
Wir ziehen das jetzt also wirklich durch? Ein nervöses Ziehen machte sich in Maddies Bauch breit, während sie Toms Hand festhielt, ihre Finger unter dem Tisch fest ineinander verschränkt. Sie saßen in ihrem Lieblingsrestaurant, am vorletzten Abend vor der zweiwöchigen Verlängerung ihres Urlaubs in Split, Kroatien, und warteten auf die Ankunft ihrer neuen Freunde. Jetzt, da es an der Zeit war, den Tausch durchzuziehen, war es schwer zu glauben, dass das alles wirklich passierte. Noch vor einer Woche wäre so eine Aktion völlig undenkbar gewesen. Und doch waren sie jetzt hier, so kurz davor, endlich etwas Abenteuerliches zu machen. Etwas, von dem sie hoffte, es würde ihre Beziehung nach all den herben Enttäuschungen der vergangenen Monate wieder einrenken.
Alles war schiefgelaufen. Zuerst die erschütternde Nachricht, dass eine natürliche Schwangerschaft nicht möglich sein würde. Dann hatte sie auch noch den größten Kunden der Werbeagentur verloren, und jetzt wackelte ihr Job gewaltig. Schließlich war auch noch der Verkauf ihrer Wohnung gescheitert, sodass sie den Kauf ihres ersten gemeinsamen Hauses aufschieben mussten. Und als wäre das alles nicht schlimm genug, war da noch die Sorge um die Gesundheit ihres Dads nach seinem kürzlichen Herzanfall – und um ihre Mum, die ihren Job aufgeben musste, um sich um ihn zu kümmern. Die ganze Familie hatte eine schwere Zeit durchgemacht, und eine kleine Auszeit würde ihnen guttun. Etwas Abstand von all dem Stress und der ganzen Belastung.
Diese Gelegenheit fühlte sich an, als könnte sie ein Neuanfang sein, ein Richtungswechsel in eine neue Zukunft. Sie wagte kaum, zu hoffen, aber das musste sie einfach. Sie musste hoffen, dass sie ihre Träume und Ziele neu formen konnte. Sie musste daran glauben, dass das Leben mehr zu bieten hatte als die ursprüngliche Fantasie von einem Haus in der Vorstadt und zwei Kindern – jetzt, da diese Möglichkeit vom Tisch war.
Ihr Blick wanderte wieder zur Tür, während ein Gefühl der Aufregung durch ihren Körper sprudelte, weil sie sich eine andere Zukunft vorstellte – oder besser noch: erhoffte. Denn nicht nur die letzten paar Wochen waren schlecht gelaufen. Die ganzen letzten zwei Jahre waren hart gewesen. Sie beide hatten immer wieder Tiefschläge einstecken müssen, jeder für sich, während sie gleichzeitig gegen ihre Beziehungsprobleme kämpften. In gewisser Weise war es unglaublich, dass sie immer noch zusammen waren. Andere Paare wären daran zerbrochen. Aber sie hielten durch, strebten immer noch nach einer gemeinsamen Zukunft, die sie beide wollten – auch, wenn es nicht die war, die sie ursprünglich geplant hatten.
Sie saßen an einem Fenster, und Maddie musterte ihre Spiegelbilder in der Glasscheibe. Tom, kräftig gebaut und mit breiten Schultern, saß kerzengerade auf seinem Stuhl und wirkte alles andere als entspannt. Sein kantiges Gesicht war nach dem Urlaub gebräunt, sein dunkelblondes Haar an den Seiten kurz und oben etwas länger. Eher ein vernünftiger Haarschnitt als ein stylischer. Aber genau so war Tom. Man bekam, was man sah, und er hatte keine Zeit für Trends oder Oberflächlichkeiten. Sie mochte das an ihm, nachdem sie in der Vergangenheit mit stilbewussteren Typen zusammen gewesen war, die jede Menge Zeit damit verbrachten, sich selbst im Spiegel zu bewundern und Selfies zu machen. Tom war still und tiefsinnig. Im Moment sagte er keinen Ton. Das war noch etwas, was sie an ihm mochte. Zwischen ihnen herrschte oft ein angenehmes Schweigen, aufmerksam und verständnisvoll. Durchdacht und vernünftig, wie er war, war sie nicht sicher gewesen, ob er ihrem Vorschlag zustimmen würde. Oder vielmehr dieser unglaublichen Möglichkeit, die sich aus dem Nichts vor ihnen aufgetan und die Maddie in Sekundenschnelle so gepackt hatte, dass sie fest entschlossen war, sie sich nicht durch die Lappen gehen zu lassen. Sie brauchte das. Sie beide brauchten das.
Ihr Gesicht sah im Moment etwas eingefallen aus, fand sie, als sie ihr Spiegelbild betrachtete. Und ihr langes braunes Haar musste dringend geschnitten werden, wenn man sich den Spliss und die trockenen, krausen Spitzen ansah. Sie hatte sich schon seit einer Weile nicht mehr darum gekümmert. Immerhin hatte sie sich heute Abend etwas Mühe gegeben und es geschafft, ein klein wenig Make-up aufzulegen.
Was, wenn sie uns versetzen? Ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Was, wenn das genauso schiefgeht wie alles andere?
Sie drückte Toms Hand, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Wie immer befand er sich in seiner eigenen kleinen Welt, während er seinen Blick durch das gut gefüllte Restaurant schweifen ließ. Er schenkte ihr ein flüchtiges Lächeln. „Um welche Zeit wollten sie noch mal kommen?“ Sie merkte deutlich, dass auch er nervös war.
„Sieben Uhr war abgemacht.“ Sie warf einen Blick auf die überdimensionierte Wanduhr neben der Tür. Es war bereits halb acht. Hatten sie sich vielleicht doch auf acht Uhr geeinigt? Sie runzelte nachdenklich die Stirn, schüttelte die Zweifel dann aber ab. Nein, es war definitiv sieben vereinbart. Sie lachte unsicher auf. „Alex scheint ein bisschen unzuverlässig zu sein, was vereinbarte Zeiten betrifft. Das eine Mal, als du dieses Zoom-Meeting hattest, hat sie sich um fast eine Stunde verspätet. Sie meint, das liegt daran, dass Zeit nicht dieselbe Bedeutung hat, wenn man hier draußen lebt, als digitaler Nomade.“
„Aber hast du nicht gesagt, sie arbeitet? Als Finanzberaterin oder so was?“
„Ja, stimmt. Sie arbeitet über dieses Portal, das ihr Kunden vermittelt, und sie bekommt eine Provision. Sie hat es mir mal gezeigt, aber ich kann mich gerade nicht erinnern, wie es heißt.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Du kennst mich ja, dieser Kram interessiert mich nicht.“
Er schnaubte. „Völlig egal, was genau das für ein Job ist. Auch als digitaler Nomade muss man zu Online-Meetings mit Kunden pünktlich sein.“ Er klang frustriert. Maddie wusste, wie sehr er es hasste, wenn man ihn warten ließ.
Sie spannte die Muskeln in ihren Schultern unwillkürlich noch härter an. Er durfte jetzt keine kalten Füße kriegen. Nicht an diesem Punkt. „Vielleicht gibt es irgendein Problem, und sie wurden aufgehalten.“
Genau in diesem Moment verkündete Maddies Handy das Eintreffen einer neuen Nachricht. Sie zog es aus ihrer Hosentasche und lächelte erleichtert. „Es ist Alex.“ Schnell las sie die Nachricht.
Es tut mir wirklich leid, aber ich schaffe es heute Abend nicht. Ich muss mir was eingefangen oder etwas Falsches gegessen haben. Ed ist gerade losgegangen, um mir Medikamente zu besorgen, aber dann macht er sich direkt auf den Weg zu euch. Wie traurig, dass wir uns nicht persönlich verabschieden können, aber wir sehen uns ja in zwei Wochen, wenn ihr zurückkommt. A x
Sie drehte das Handy so, dass Tom das Display sehen und die Nachricht lesen konnte. „Siehst du, ich wusste, es muss etwas dazwischengekommen sein.“ Sie seufzte erleichtert auf. Aber dann wurde ihr schlagartig bewusst, dass Alex’ Abwesenheit ihre Pläne durchkreuzen konnte. Sie schloss ihre Hand fester um seine. „Zu schade, dass du sie nicht persönlich kennenlernen wirst, aber wenn du nicht die ganze Woche so sehr in deine Arbeit vertieft gewesen wärst, hättest du sie längst treffen können. Ich habe ja schon ein paar Mal erwähnt, dass die beiden ein wirklich liebenswertes Paar sind. Wenigstens kannst du Ed noch einmal sehen.“
Tom rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. Sein Adamsapfel hüpfte hoch und runter, aber er sagte nichts.
„Du bist immer noch einverstanden mit dem Tausch, oder?“ Schon allein diese Frage zu stellen, ihm die Möglichkeit zu geben, Nein zu sagen, löste in ihr ein mulmiges Gefühl aus. „Ich meine, ich will nicht, dass wir das machen, wenn du nicht hundertprozentig dabei bist.“
Er zögerte, bevor er antwortete. „Ehrlich gesagt bin ich irgendwie hin- und hergerissen. Ich weiß, wir haben das stundenlang besprochen, und du bist ganz begeistert von der Idee, aber … Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich beide kennenlernen könnte. Es ist noch nicht zu spät, einen Rückzieher zu machen.“ Als ihre Blicke sich trafen, bildete sich ein schwerer Kloß in ihrem Magen. Will er einen Rückzieher machen? Bei dem Gedanken durchzuckte sie eine kurze Panik.
Sie spannte den Kiefer an. Ich werde mir das nicht entgehen lassen. Dieses eine Mal denke ich an mich selbst. „Ich will keinen Rückzieher machen, Tom.“ Eine eiserne Entschlossenheit festigte ihre Stimme. „Wirklich nicht. Es ist doch nur für zwei Wochen. Das ist doch echt kein großes Ding. Und wir haben ein bisschen mehr Zeit in dieser wunderschönen Stadt. Ich meine, wie viele Chancen werden wir noch bekommen, das Leben als digitale Nomaden auszuprobieren, ohne dass es uns irgendetwas kostet?“
Er nickte und ließ seinen Blick von ihrem Gesicht zu seinem leeren Weinglas wandern. „Ich weiß. Und ich will, dass du glücklich bist.“ Sein schweres Seufzen klang noch niedergeschlagener, als sie befürchtet hatte. Es war offensichtlich, dass er Nein sagen, aber gleichzeitig nicht der Blödmann sein wollte, der ihre Pläne durchkreuzte.
„Ach, komm schon, lass die Spielchen, schieb die Entscheidung nicht allein auf mich.“ Sie trommelte mit ihrem Finger auf die Tischplatte wie ein wütender Specht. „Ich weiß genau, dass du das selbst schon seit Jahren mal ausprobieren wolltest. Versuch gar nicht erst, das zu leugnen.“ Irgendwo tief in ihrem Inneren fand sie noch ein klein wenig Geduld, mit der sie ihre Stimme besänftigen konnte. Sie war sich nur zu bewusst, dass ihr Ton gerade dabei gewesen war, schrill zu werden. „Das ist die perfekte Gelegenheit für einen Probelauf. Das weißt du genau.“
Sie zog die Hand von seiner weg und verschränkte die Arme vor der Brust. Es nervte sie, in welches Licht er die Sache rückte. Das würde sie ihm nicht durchgehen lassen. Er bekam nur kalte Füße, da war sie sicher. Während dieser letzten paar Tage ihres Urlaubs war er ein anderer Mann gewesen, nachdem er endlich Zeit gehabt hatte, sich ordentlich zu entspannen. Mit dieser Version von Tom wollte sie zusammen sein. Nicht mit der in sich gekehrten, verschlossenen Person, in die er sich verwandelt hatte.
Als er weiterhin still blieb, gab sie nach, nahm seine Hand wieder in ihre und verschränkte ihre Finger mit seinen. „Schau, das ist unsere Chance, diesen Lebensstil auszuprobieren, ohne irgendwelche Verpflichtungen einzugehen.“ Sie lächelte ihn an und war froh, dass er aufmerksam zuhörte. „Und wenn es uns gefällt, stehen wir doch gerade an dem perfekten Scheideweg in unserem Leben, um unsere Pläne zu überdenken, findest du nicht?“
Er nickte wieder, antwortete aber immer noch nicht.
„Zwei zusätzliche Wochen, Tom. Das ist alles.“ Sie konnte den Hauch Frustration in ihrer Stimme nicht unterdrücken. „Ich sehe da kein großes Risiko.“
Er fummelte an seinem Glas herum, hob es an und schlürfte die letzten paar Tropfen Wein daraus, bevor er es wieder auf den Tisch stellte. Dann, endlich, sagte er etwas. „Ich mache mir keine Sorgen, weil wir hierbleiben und versuchen, auf Reisen zu arbeiten. Darauf freue ich mich. Der Teil, der mir Sorgen macht, sind die in unserer Wohnung.“ Er fing an, sein Besteck in Ordnung zu bringen, rückte Messer und Gabel gerade, wobei er penibel darauf achtete, dass der untere Rand jedes Besteckteils fein säuberlich mit der Tischkante abschloss. „Du weißt, wie ich mit meinem Zeug bin. Alles hat seinen Platz.“
Maddie biss die Zähne zusammen und schrie innerlich. Sie hatten das Ganze schon so oft durchgekaut, dass sie nicht fassen konnte, dass sie jetzt alles noch einmal wiederholen musste. Aber sie wusste, dass es nichts bringen würde, wütend zu werden. Ruhig zu bleiben und sich einfach zu wiederholen, war das Beste, was sie tun konnte. So frustrierend das auch sein mochte.
„Ach Tom, sie wissen das, ich habe es ihnen erklärt. Ganz ehrlich, ich bin sicher, dass sie sich durch und durch respektvoll verhalten werden. Ich habe ziemlich viel Zeit mit Alex verbracht, während du dich in deinem Projekt vergraben hast. Ich meine, ich musste mich die meiste Zeit dieses Urlaubs selbst unterhalten. Und du wirst meinem Urteil vertrauen müssen. Von dem Moment an, als ich Alex in diesem Café getroffen und angefangen habe, mich mit ihr zu unterhalten, war es, als würde ich sie schon mein Leben lang kennen.“ Sie hielt inne und überlegte, was sie noch sagen konnte, um Tom zu überzeugen. „Sie sind ein gutes, aufrichtiges und professionelles Paar.“ Langsam gingen ihr die Argumente aus. Aber sie fand einen letzten Trumpf, den sie ausspielen konnte, um den Sack hoffentlich zuzumachen. „Ich weiß, du hast Ed nur einmal getroffen, aber ihr zwei habt euch doch auch gefunden, oder? Weil er doch auch ein Gamer ist und so.“
Tom verzog nachdenklich die Lippen von einer Seite zur anderen und schien gründlich zu überlegen. „Ja, er scheint ein vernünftiger Kerl zu sein“, sagte er schließlich. „Und du hast recht, ich mag ihn.“
„Wenn du darüber nachdenkst, könnte das Timing für die ganze Sache mit dem Tausch nicht besser sein. Das meiste von unserem Kram ist nicht einmal in der Wohnung, oder? Es ist alles eingelagert, fest verpackt für den Umzug in unser Haus, der nicht stattgefunden hat. Es fühlt sich an wie Schicksal.“ Sie drückte seine Hand und hoffte, sie hatte genug getan, um ihn zu überzeugen. „Wir hätten das nicht besser planen können, wenn wir es versucht hätten.“
Lächelnd strich sie ihm über seine Wange, als könnte sie ihm die Sorgen einfach aus dem Gesicht wischen. „Wie du letztens gesagt hast: Wir müssen uns das einfach nur wie so ein Airbnb-Ding vorstellen.“
„Ja, ich weiß.“ Er seufzte und rieb sich mit den Fingern über das Kinn. „Ich mache mir nur Sorgen um meinen Computer.“
Maddie lachte. Tom und sein verdammter Computer. Er war wie verwachsen mit diesem Ding. „Der ist in seinem eigenen Zimmer eingeschlossen, und den Schlüssel werden wir Alex und Ed kaum geben, oder? Womit sie auch einverstanden sind, also musst du dir darüber keine Sorgen machen. Und ich habe dem Immobilienbüro Bescheid gegeben, dass wir zwei Wochen länger hierbleiben. Die werden keine weiteren Besichtigungen organisieren, bis wir zurück sind.“ Sie spürte, dass ihre Überzeugungskraft vielleicht nicht ausreichte. Deshalb legte sie nach: „Übrigens haben Alex und Ed gesagt, sie werden sowieso kaum dort sein. Sie wollen sich nur an den Abenden irgendwohin zurückziehen können, bis sie eine dauerhafte Lösung finden.“
Im Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Eine Welle der Erleichterung flutete sie, als sie Ed dabei zusah, wie er sich umständlich an den Tischen des vollen Restaurants vorbeimanövrierte. Sein langes, dunkles Haar war aus dem Gesicht gekämmt und hing ihm auf die Schultern, was ihm in Kombination mit seiner locker sitzenden Kleidung einen exotischen Look einhauchte. Definitiv jemand, dem man das Schild „Reisender“ umhängen würde. Gott sei Dank. Sie hatte das Gefühl, wenn es auch nur einen Moment länger gedauert hätte, hätte Tom sich die ganze Sache selbst ausgeredet.
Der arme Ed sah allerdings nicht so fröhlich aus, wie er sonst war. Tiefe Falten hatten sich in seine Stirn gegraben. Sie hatte während ihres Urlaubs einige Zeit mit ihm und Alex verbracht, während Tom beschäftigt gewesen war. Normalerweise war er ein sehr sympathischer, gesprächiger Mann. Sie hatte ihn nie ohne ein Lächeln in seinem Gesicht gesehen, aber jetzt sah er besorgt aus.
„Hi zusammen“, sagte er, zog einen Stuhl auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches heraus und ließ sich darauf plumpsen. „Es tut mir so leid, dass wir euch versetzen mussten. Ich habe mich auf den Abend gefreut, aber die arme Al ist ziemlich schlecht beieinander. Ich hoffe nur, dass sie für den Flug morgen fit ist.“ Er kratzte mit den Fingern über die Stoppeln an seiner Wange. „Ich weiß nicht, ob sie was Schlechtes gegessen hat oder ob es der Stress ist, wegen der Neuigkeiten über ihre Mum. Hoffentlich wird es besser, wenn sie diese Medizin nimmt, die ich ihr aus der Apotheke geholt habe.“
Maddie lehnte sich über den Tisch und tätschelte mitfühlend seinen Arm. „Wie schrecklich, dass es ihr so schlecht geht. Denkst du, ihr solltet noch ein paar Tage bleiben, damit sie sich erholen kann?“ Ihr Verstand raste bereits. Sie fragte sich, ob sie ihren Aufenthalt im Hotel wohl verlängern konnten.
O Gott, was, wenn sie kein Zimmer frei haben? Dann müssten wir nach Hause. Jetzt, da sie sich darauf eingestellt hatte, hier zu bleiben, war allein der Gedanke unerträglich.
Ed zuckte mit den Schultern. „Das habe ich auch vorgeschlagen, aber sie will unbedingt zu ihrer Mum, besonders jetzt, wo sie doch mit der Chemo anfängt. Ich meine, das ist schließlich der Grund, warum wir überhaupt umplanen mussten. Und dass wir in eurer Wohnung übernachten können, rettet uns den Hintern. Ehrlich, wir können euch nicht genug danken.“
Er griff in seine Hosentasche und kramte einen Schlüsselbund hervor. „Hier, bitte. Die sind für das Apartment. Wir haben noch ein Set, das wir brauchen, um abzusperren, wenn wir gehen. Das werfen wir dann in den Briefkasten.“
Er ließ die Schlüssel in Maddies ausgestreckte Hand fallen. Tom holte den Bund mit Ersatzschlüsseln für ihre Wohnung aus seiner Hosentasche und zögerte eine Sekunde, bevor er sie Ed hinhielt.
Maddies Herz machte einen Sprung. Sie war begeistert, dass Tom eingewilligt hatte. Ed schloss seine Finger um die Schlüssel und hielt sie einen Moment fest, bevor er sie in seine Tasche stopfte. „Macht euch nur keine Sorgen. Wir werden uns um euer Zuhause kümmern, als wäre es unser eigenes, und wir werden alles ordentlich und sauber halten, damit bei eurer Rückkehr alles so ist wie immer. Wie gesagt, ich glaube sowieso nicht, dass wir viel dort sein werden.“ Er stand auf und schob seinen Stuhl wieder unter den Tisch. „Ich … äh, gehe besser wieder. Es tut mir so leid, dass ich sofort wieder losmuss. Wir holen das in zwei Wochen nach, ja? Wenn ihr mir eure Flugzeiten gebt, kann ich euch auch vom Flughafen abholen, wenn ihr wollt.“
Maddie lächelte. Ed war so ein aufmerksamer Typ. Nichts war ihm zu umständlich, und sie wusste, er meinte jedes Wort ehrlich. Sie konnte sich vorstellen, dass sie Freunde bleiben würden. Ihr gefiel der Gedanke, neue Leute zum Rumhängen zu haben. Alex und Ed waren interessante Menschen, eine angenehme Gesellschaft, und sie waren so sehr ineinander verliebt, dass es sie zeitweise sogar etwas neidisch gemacht hatte. Sie schienen genau das Leben zu führen, das sie wollten – und genau das konnte Maddie jetzt auch ausprobieren.
Sie verabschiedeten sich, und Ed verließ das Restaurant.
Ein minimales Risiko, sagte sie sich selbst, als sie die Schlüssel in ihre Handtasche fallen ließ.
Was konnte schon schiefgehen?
TEIL EINS
MADDIE UND TOM: KROATIEN
Kapitel eins
Maddie
Vor zehn Tagen
Maddie saß an einem Tisch auf dem Bürgersteig vor dem Café und genoss die frühe Morgensonne auf ihrem Gesicht. Während sie auf ihr Frühstück wartete, beobachtete sie die Menschen um sich herum und dachte an ihren Lebensgefährten. Seufzend wünschte sie sich, sie könnte diese Erfahrung mit Tom teilen, umgeben von der atemberaubenden Architektur der antiken Altstadt. Aber das wäre nur möglich, wenn sie in derselben Zeitzone leben würden.
Sie war ein Morgenmensch, er war eine Nachteule. Seit sie hier im Urlaub waren, war er nie vor der Mittagszeit aus dem Bett geklettert. Das war mehr als nur ein wenig frustrierend, aber sie stand einfach trotzdem auf. Sie konnte einfach nicht auch nur einen Moment länger liegen bleiben, sobald sie einmal wach war. Die Zeit ohne ihn hatte sie genutzt, um die Gegend auf eigene Faust zu erkunden. Sie wollte keine Minute ihres Urlaubs in dieser fabelhaften Stadt verschwenden.
Hätte er die Möglichkeit, würde Tom das Leben eines Einsiedlers führen. Er chattete lieber online mit seinen Gamer-Freunden, als sich nach draußen zu wagen und echte Menschen zu treffen. Maddie hingegen liebte es, mit Fremden ins Gespräch zu kommen und neue Orte zu besuchen. Jeder Mensch hatte unterschiedliche Erfahrungen und eine einzigartige Sicht auf das Leben. Und sie lernte immer wieder etwas Neues, wenn sie sich mit Zufallsbekanntschaften unterhielt. Genau das liebte sie am Reisen.
Eine gute Unterhaltung gab ihr Antrieb und füllte ihren Verstand mit neuen Ideen. Sie würde sogar sagen: Sich mit Menschen zu unterhalten, war ihr Treibstoff und lieferte ihr die nötige Inspiration für die Werbekampagnen, die sie entwarf. Jede Konversation und all die Zeit, die sie damit verbrachte, Menschen zu beobachten – das alles war gewissermaßen Recherche. Auf diese Art fand sie heraus, was den Menschen wichtig war. Echten Menschen, die potenzielle Kunden sein konnten für die Produkte, die ihre Klienten verkaufen wollten. Welche Bilder gefielen ihnen? Was würde sie zum Kauf anregen? Diese Fragen spukten permanent in ihrem Kopf herum. Sie war eine aufmerksame Beobachterin, die sich jedes Detail einprägte – was Menschen trugen, wie sie sich verhielten – und für später abspeicherte.
In vielerlei Hinsicht waren Tom und sie wie Feuer und Wasser. Ihre Beziehung funktionierte trotzdem irgendwie. Wahrscheinlich, weil sie sich gegenseitig genug Raum gaben, um sie selbst zu sein, dachte sie und trank einen weiteren Schluck von ihrem Kaffee. Und sie teilten eine Liebe für Strategiespiele, die sie gerne im Team miteinander spielten, aber auch gegeneinander.
Sie waren auf einem zweiwöchigen Urlaub in Split, einer überwältigend schönen Küstenstadt in Kroatien mit einer Geschichte, die über zweitausend Jahre zurück bis in die römische Antike reichte. Sie wollte schon seit einer Ewigkeit dorthin. Spätestens jedenfalls, seit ihre Arbeitskollegin im vergangenen Sommer dort gewesen war und ihr anschließend Fotos von der atemberaubenden Landschaft gezeigt und von ihrem wundervollen Aufenthalt geschwärmt hatte. Seither hatte Maddie sich immer wieder sabbernd Bilder der Dalmatinischen Küste im Internet angeschaut, mit dem türkisfarbenen Wasser und den zahllosen Inseln, die den Horizont sprenkelten.
Am Hafen von Split herrschte geschäftiges Treiben. Sie hatte bereits Stunden damit verbracht, über die Promenade zu schlendern und den Kreuzfahrtschiffen beim An- und Ablegen zuzusehen. Hatte all die kleinen Boote dabei beobachtet, wie sie ablegten und zur Bucht schipperten. Und sie stand noch ganz am Anfang ihres Urlaubs. Es gab noch so viel, worauf sie sich freuen konnte – besonders, wenn sie sich ein Auto mieten und die Küstenstraße entlangfahren würden. Die Kulisse war sensationell: Die Straße war an einer Seite vom Meer und auf der anderen von einer gigantischen, felsigen Bergkette begrenzt. Und dann gab es da noch die Stadt zu erkunden, mit ihren Museen und Galerien und Restaurants. Zufrieden seufzte sie, fühlte sich verwöhnt von der überwältigenden Auswahl und wusste gar nicht, womit sie anfangen sollte. Gott sei Dank hatte sie darauf bestanden, hierherzukommen.
Es hatte monatelange Überredungsarbeit gebraucht, Tom davon zu überzeugen, dass er eine Pause von seinem Computerbildschirm brauchte und von den animierten Helden und Bösewichten, die er für seine Videospiele erschuf. Das Problem war, dass er sich in seiner Arbeit verlor, besessen war von seinen Kreationen. Zeitweise fühlte sie sich etwas einsam. Zum Glück hatte er gerade ein Projekt beendet und musste warten, dass der nächste Vertrag unterschrieben wurde, bevor er anfangen konnte. Es war der ideale Zeitpunkt für eine anständige Pause.
Maddie war Grafikdesignerin, sie verstand den kreativen Prozess also. Aber ihr Job war zwangsläufig gesellig. Sie entwarf Werbung für Konsumgüter, musste also soziale Trends erkennen, verstehen, was die Menschen zum Kauf bewegte, und herausfinden, welche Bilder und Farben funktionierten. Sie liebte ihren Job. Das tat sie wirklich, und besonders liebte sie es, herauszufinden, wie die Menschen tickten. Tom hingegen lebte zunehmend fernab der Realität in seinen selbst gestalteten Welten. Die Entfernung zwischen den beiden machte ihr langsam Sorgen – besonders nach den emotionalen Turbulenzen der jüngsten Rückschläge, durch die er sich immer weiter von ihr abwandte. Er war genauso enttäuscht wie sie, dass eine eigene Familie kein Kapitel in ihrem Leben sein würde, das wusste sie. Aber sie konnte ihn einfach nicht dazu bewegen, darüber zu reden.
Sie hoffte, ein Urlaub würde helfen, die Risse in ihrer Beziehung zu kitten. Die vielen kleinen Zankereien zu beenden, bei denen sie aneinander herumkritisierten – auf eine Art, die langsam zur Gewohnheit wurde. Natürlich hatte es nicht gerade geholfen, in ihrer kleinen Wohnung aufeinanderzuhocken. Die Arbeit im Homeoffice war okay gewesen, solange es nur sie allein gewesen war. Aber dann war Tom nach dem Verkauf seiner Wohnung eingezogen, und der Kauf ihres neuen Hauses war noch nicht abgeschlossen. Ihr erstes echtes gemeinsames Zuhause. Wenn das nicht klappte, steckten sie fest.
Die letzten zwei Wochen hatte sie zum Arbeiten ins Büro fahren müssen, weil ihr der fehlende Platz auf die Nerven ging. Es war unmöglich, sich zu konzentrieren. Immer wieder latschte Tom durch das Wohnzimmer, in dem sie versuchte, zu arbeiten, holte sich Getränke und Snacks aus der Küche und wanderte dann wieder zurück. Aber das Arbeiten im Büro funktionierte für sie auch nicht wirklich. Es gab viel zu viele Ablenkungen. Immer wieder ertappte sie sich dabei, wie sie sich in die Projekte ihrer Kollegen hineinziehen ließ, statt sich auf ihre eigenen zu konzentrieren. Ihr Stresslevel hatte einen Punkt erreicht, an dem sie befürchtete, jeden Moment zu explodieren. Tom gegenüber war sie zunehmend gereizt und nörgelte wegen Kleinigkeiten an ihm herum, die eigentlich gar keine Rolle spielten.
Sie hatte sofort entschieden, den unerwarteten Bonus als Belohnung für ihre harte Arbeit in einen Urlaub zu investieren. Sie waren seit Jahren nicht gemeinsam verreist. Eine Auszeit konnten sie dringend gebrauchen. Kroatien war eines der Reiseziele, für die es relativ günstige Flüge gab, und sie hatte noch dazu ein Last-Minute-Schnäppchen gefunden.
Sie lächelte in sich hinein, während sie die Krümel ihres Frühstücks-Croissants mit einem Finger aufsammelte, als eine Stimme sie aus ihren Gedanken riss.
„Entschuldigung, ich habe mich gefragt … wäre es okay, wenn ich mich dazusetze?“
Sie sah auf, direkt in das Gesicht einer sehr attraktiven jungen Frau mit glänzendem schwarzem Haar und karamellfarbener Haut. Ihre Augen waren hinter einer überdimensionierten Sonnenbrille versteckt.
Mit einem schnellen Rundumblick stellte Maddie fest, dass alle anderen Tische besetzt waren. Etwas Gesellschaft während des zweiten Kaffees an diesem Morgen konnte nicht schaden.
„Zu gern.“ Sie lächelte, und die Frau setzte sich. „Ich bin übrigens Maddie.“
„Alex“, sagte die Frau, während sie ihre Handtasche auf den Boden stellte. „Tut mir leid, dass ich mich aufdränge, aber ich habe meinem Lebensgefährten gesagt, dass wir uns hier treffen, und es ist alles voll. Ich konnte nicht einen einzigen anderen freien Stuhl finden.“
„Kein Problem.“ Sie nahm ihre Kaffeetasse in die Hand und nippte daran. „Ich bin bald fertig.“
Alex schob sich die Sonnenbrille auf den Kopf, im Schatten unter der Markise brauchte sie sie nicht. „Oh, lass dich bitte nicht von mir vertreiben. Ich schätze, er wird noch ein Weilchen brauchen. Aber ich konnte keine Minute länger im Bett bleiben.“ Augenrollend fuhr sie sich durch die Haare, bevor sie sich ihre Mähne über eine Schulter legte. „Echt, wir leben in verschiedenen Zeitzonen.“
Maddie lachte. Sie war sofort angetan von dieser Frau, die anscheinend dasselbe Problem hatte wie sie selbst. „Erzähl mir nichts. Meiner ist genauso.“
Es entstand eine ungezwungene Unterhaltung, in der sie sich gegenseitig dafür bemitleideten, mit einem Gamer zusammen zu sein.
„Wie lange bleibt ihr hier?“, fragte Alex, als eine kurze Pause in ihrer Konversation entstand und beide an ihrem frischen Kaffee nippten.
„Zwei Wochen. Heute ist Tag drei, also hoffe ich, Tom ist nur müde und hat irgendwann genug Schlaf nachgeholt, damit wir mehr von den Tagen gemeinsam haben.“ Sie seufzte. „Die Zeit vergeht so verdammt schnell.“ Sie lehnte sich näher an ihre neue Freundin heran. „Wenn ich diese Menschen sehe, die hier in den Cafés arbeiten, wünschte ich, ich könnte das auch tun. Du weißt schon, das ganze Work-and-Travel-Ding, auf Reisen arbeiten. Dann müsste ich gar nicht erst daran denken, wieder nach Hause zu fahren.“
„O Gott, ja.“ Alex wühlte in ihrer Handtasche und warf einen Blick auf ihr Telefon, bevor sie es wieder einsteckte. Sie lächelte Maddie an. „Wir sind seit drei Monaten hier, und es fühlt sich an, als wären es erst ein paar Tage. Ich weiß nicht, wo die Zeit hin ist.“
„Drei Monate? Also lebt ihr hier?“ Der Gedanke daran, an einem so wunderschönen Ort zu leben, war für Maddie wie ein Traum.
„Wir sind Teil der digitalen Nomaden-Crew.“ Lachend steckte sich Alex den letzten Rest ihres Croissants in den Mund. „Da gibt es eine richtige Community. Ist doch eine schöne Bezeichnung für Menschen, die durch die Gegend reisen und dabei immer arbeiten können, solange es eine Internetverbindung gibt, oder?“ Sie nahm ihre Serviette und tupfte sich die Krümel von den Lippen.
Maddie wurde hellhörig. Sie und Tom hatten genau darüber erst gestern Abend gesprochen. Sie hatte ein Facebook-Posting gesehen, das sie zu einem Artikel geführt hatte, der sie wiederum zu einer Stunde Online-Recherche bewegt hatte. Den Begriff hatte sie vor einer Weile zum ersten Mal gehört, dem Thema aber keine große Beachtung geschenkt. Vor dem Lockdown wäre dieser Lebensstil für sie undenkbar gewesen. Aber jetzt hatte ihre Firma ortsunabhängiges Arbeiten eingeführt, und ihr war bewusst geworden, dass sie mehr über diese Möglichkeit wissen wollte. Tom war überraschend empfänglich für die Idee gewesen. Anscheinend hatte er selbst ehrgeizige Reisepläne gehabt, als er jünger war. Bevor das Leben dazwischenkam. Je mehr sie darüber geredet hatten, desto mehr hatte es nach dem perfekten Weg geklungen, die nächste Phase ihres gemeinsamen Lebens einzuläuten. Ohne Kinder waren sie frei. Konnten reisen, wohin sie wollten. Tun, was sie wollten.
Es war seltsam, dass sie nicht früher schon auf diese Weise darüber nachgedacht hatte, aber sie war in ihren eigenen Denkmustern gefangen gewesen. Und genau das war der Grund, wieso sie es liebte, sich mit Fremden zu unterhalten. Ihr wurde klar: Wenn sie von zu Hause aus arbeiten konnte, konnte sie auch von einem Hotel aus arbeiten – oder von überall sonst. Genauso wie Tom. Tatsächlich hatte er während dieses Urlaubs viel Zeit damit verbracht, Ideen für sein nächstes Projekt zu sammeln.
Sie strahlte Alex an, wollte unbedingt mehr erfahren. „Das klingt ziemlich gut. Mir war gar nicht bewusst, wie viele Menschen auf diese Weise leben.“
„Es gibt Unmengen von Leuten, die es machen. Und es gibt so viele Apartments zur Kurzzeitmiete. Wir leben gerade in einem, und es ist viel billiger als in England, schon allein die Miete. Trotzdem verdienen wir englische Gehälter. Finanziell betrachtet ergibt es so viel Sinn.“ Sie trank ihren Kaffee aus. „Im Moment überlegen wir gerade, noch etwas länger hier zu bleiben.“
Maddie war inzwischen restlos fasziniert. Aus dem Samen der Idee wuchsen schon erste Knospen in ihrem Verstand. „Das klingt nach einem guten Weg, etwas Geld anzusparen.“ Sie lehnte sich nah zu ihrer neuen Freundin. „Erzähl mir mehr.“
„Es ist genial, überall in Kroatien gibt es schnelles WLAN. Ich meine, das Land hat wirklich viel in die digitale Infrastruktur investiert, um Reisende anzulocken. Und die Einheimischen sind so gastfreundlich, du fühlst dich sofort als Teil der Community. In Wahrheit lebt dieses Land vom Tourismus, also ist es wie eine Symbiose.“ Sie zuckte mit den Schultern und lächelte. „Es scheint gut zu funktionieren.“
„Das klingt idyllisch.“ Maddie ließ ihren Blick durch das Café schweifen und entdeckte eine Handvoll Menschen mit Laptops vor der Nase. Im Hintergrund vermischten sich Gelächter und Gespräche zu einem angenehmen Rauschen. „Ich liebe es hier. Die Stimmung ist toll.“ Maddie sammelte die letzten Krümel von ihrem Teller auf, während ihr Verstand alles aufsaugte, was Alex gesagt hatte. Ein Bild eines neuen Lebens formte sich. Eines Lebens voller Abenteuer.
„Ich weiß, und wow, die Landschaft. Ehrlich, setz dich in irgendeinen Bus und sieh dich um, es ist atemberaubend. Oder sieh dir mit dem Boot ein paar der Inseln an.“
Maddie kramte ihren Stadtplan für Touristen aus ihrer Handtasche, inspiriert, ein paar Ausflüge zu organisieren – egal, ob Tom sie dabei begleiten wollte oder nicht. Sie breitete die Karte auf dem Tisch aus. „Na dann. Zeig mir die besten Orte.“
Sie plauderten über eine Stunde miteinander. Danach hatte Maddie eine Liste mit Dingen, die sie sehen und tun wollte, und einige nützliche Links zum Arbeiten in Kroatien. Sie verabschiedeten sich erst, als Alex’ Freund Ed auftauchte, mit zerzausten Haaren und verschlafenen Augen. Nach einer kurzen Vorstellung stand Maddie auf, überließ Ed ihren Stuhl und konnte es kaum erwarten, Tom ihre neue Idee zu präsentieren. Die Aufregung sprudelte in ihr, und zum ersten Mal seit vielen Monaten fühlte sie sich zuversichtlich. Das Leben hatte ihr eine Menge zu bieten. Dazu musste sie nur ihre Scheuklappen abnehmen.
Wenn Alex und Ed diese Lebensweise genießen konnten, warum sollten sie und Tom es nicht können?
Kapitel zwei
Maddie musste sich etwas beruhigen, deshalb nahm sie einen Umweg zurück zum Hotel, um in Ruhe nachzudenken, bevor sie mit Tom sprach. Es ergab keinen Sinn, mit einer Idee herauszuplatzen, die sie nicht ernsthaft in Betracht ziehen wollte. Aber als sie an ihrem Hotelzimmer ankam, war sie alles im Kopf gründlich durchgegangen und fest davon überzeugt, dass sie ernsthaft über das Leben als digitale Nomaden nachdenken sollten.
Tom stand unter der Dusche und sang schief, als sie das Zimmer betrat. Nachdem sie darauf gewartet hatte, dass er fertig wurde, schmiegte sie sich an ihn und gab ihm einen innigen Kuss.
Er sah überrascht aus, bevor er sie grinsend näher an sich heranzog. „Mehr davon, bitte“, murmelte er, während er sanft ihren Hals küsste. Sie lachte und stieß ihn weg. „Später vielleicht. Ich habe eine Idee und muss unbedingt darüber sprechen, bevor ich in Flammen aufgehe.“
Er zog eine Grimasse. „O Gott, sollte ich mir Sorgen machen?“
Sie verpasste ihm einen spielerischen Schlag auf die Schulter. „Nein, besorgt solltest du nicht sein. Aber aufgeregt, hoffentlich.“ Sie gab ihm einen Klaps auf seine in ein Handtuch eingewickelte Hinterseite. „Hopp, hopp, zieh dich an, dann können wir in dem Café auf der Promenade Mittag essen und ich erzähle dir alles.“
Es war ein strahlend schöner Tag. Eine sanfte Meeresbrise sorgte für angenehme Temperaturen, während die Sonne auf der Wasseroberfläche glitzerte wie tausend Sternschnuppen. Stell dir vor, ich könnte das jeden Tag sehen. Eine vorfreudige Aufregung brachte ihr Herz zum Rasen, und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
Im Café saß Tom neben ihr, seine Hand ruhte auf ihrer Schulter, während sie den Ausblick genossen. Er wirkte entspannt, nicht gesprächig, sondern gedankenverloren, was für ihn nicht unüblich war. Ihr machte die Ruhe nichts aus. Es war nicht so eine unangenehme Stille, durch die die Luft zum Zerreißen angespannt wurde. Das hier war friedlich. Kameradschaftlich. So, wie sie früher gewesen waren. Vor dem ganzen Stress mit dem gescheiterten Hauskauf und den sinnlosen Versuchen, ein Baby zu bekommen.
Das war genau das, was sie sich von diesem Urlaub erhofft hatte: wieder eine Verbindung zu ihrem Lebensgefährten zu finden.
„Ich liebe dich, Maddie“, sagte Tom wie aus dem Nichts. „Und es tut mir leid, wenn ich ein bisschen … distanziert war.“ Er zog sie näher an sich heran und streichelte sanft ihre Haut. „Mir ist alles über den Kopf gewachsen, aber ich fühle mich besser, jetzt, da das Projekt abgeschlossen ist. Wenigstens kommt ein Haufen Geld auf uns zu.“
Das war das Problem mit Toms Arbeit. Er war selbstständig und arbeitete auf Auftragsbasis, wobei die Bezahlung erst erfolgte, sobald festgelegte Ziele erreicht wurden. Aber das Timing war nie vorhersehbar, weil sich die Anforderungen und Abgabetermine immer wieder verschoben. Und Tom war nicht besonders gut in organisatorischen Dingen. Wie bei vielen kreativen Köpfen war sein größtes Problem mit der Selbstständigkeit, dass er Papierkram leidenschaftlich verachtete. Maddie hatte ihm Unterstützung angeboten, aber er konnte ganz schön kratzbürstig und abwehrend reagieren, wenn sie vorschlug, sie könnte ihm bei seinen Rechnungen, der Ablage oder sonstigen organisatorischen Dingen helfen. Deshalb hatte sie gelernt, ihn machen zu lassen, wenn er nicht von sich aus um Hilfe bat.
Sie hatte Glück, dass sie nicht nur als Freelancerin, sondern fest angestellt für ihre Werbeagentur arbeitete. Auch wenn sie vor ein paar Jahren auf einen freien Vertrag umgestellt worden war – sie arbeitete bereits seit fast einem Jahrzehnt dort und gehörte zum Kernteam. Sie war dankbar für ihr monatliches Gehalt, durch das sie beide ihre laufenden Kosten decken konnten. Allerdings gab es zuletzt Gerede über Entlassungen, nachdem ein wichtiger Kunde weggebrochen war. Die Sorge darüber lebte mietfrei in ihrem Kopf.
Auf Reisen könnten sie günstig leben. Und wenn sie den Hauskauf auf Eis legten, konnten sie ihre Wohnung vermieten und daraus ein laufendes Einkommen erzielen. Selbst wenn sie in Teilzeit gehen musste, konnten sie alles stemmen. Je mehr sie darüber nachdachte, desto besser hörte sich die Idee an.
„Geld stresst mich so sehr“, fuhr er fort. Dabei grub er seine Finger für einen Moment tief in ihre Schulter, weil er sich bei dem Gedanken verspannte. „Ich weiß, dass ich dann gereizt bin. Und ich weiß, dass es nicht immer leicht ist, mit mir zusammenzuleben, aber manchmal zieht mich das alles so runter. Ich will in der Lage sein, mich um dich zu kümmern, oder zumindest ein gleichwertiger Partner in finanziellen Dingen sein, aber das gelingt mir nie.“
Als sie die Schwermütigkeit in seiner Stimme hörte, zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Sie hatte bereits vermutet, dass er sich so fühlte, aber er hatte sich zuvor noch nie geöffnet. Er blieb sonst lieber still, als darüber zu sprechen.
„Es ist einfach kein Ende in Sicht. Immer nur dieser Druck, irgendwie auszukommen.“ Ihre Blicke trafen sich. „Alles wird immer teurer, und der Gedanke, einen gigantischen Kredit für ein Haus aufzunehmen, macht mir Sorgen. Und dann erst die Energiekosten.“ Er blies die Wangen auf. „Es ist anstrengend, findest du nicht?“
„Oh, Tom.“ Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und legte ihm den Arm um die Taille. „Ich liebe dich auch, mein Schatz. Und du hast recht, in letzter Zeit war alles ganz schön schwierig, aber mir war nicht bewusst, wie sehr dich das belastet.“
„Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, wie wir etwas ändern könnten, aber mir will einfach nichts einfallen. Und das zieht mich auch runter. Ich will nicht immer nur arbeiten. Ich will, dass wir uns Zeit füreinander nehmen können, Urlaube wie diesen hier machen können.“ Er seufzte schwer, als läge das Gewicht der Welt auf seinen Schultern. „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Es ist, als hätten wir nicht mal Zeit zum Leben.“
Toms Worte formten einen Kloß in ihrer Kehle. Er klang so niedergeschlagen, und dabei liebte er seine Arbeit, das wusste sie genau. Sie hatte seinen begeisterten Blick vor Augen, der immer in seinem Gesicht glänzte, wenn ein neues Projekt bestätigt wurde. Die Finanzen waren das Problem. Wenn sie damit besser zurechtkamen, würde es ihnen gut gehen, da war sie sicher, denn ihre Liebe zueinander war stark. Das hatte sie nie hinterfragt. Sie waren füreinander geschaffen, zwei Hälften, die zueinander gehörten. Ihre Beziehung war nicht das Problem. Es war die Art von Leben, für das sie sich entschieden hatten.
Sie setzte sich kerzengerade hin. „Es ist verrückt, dass du das Thema ansprichst, denn genau darüber wollte ich mit dir reden. Und weißt du was? Ich habe vielleicht eine Lösung.“
Er machte große Augen. „Wirklich?“
Sie lachte und freute sich darauf, ihm alles zu erzählen. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich eine Idee habe. Weißt du noch, dass wir gestern über digitale Nomaden gesprochen haben?“
Er nickte. „Ja, aber ich bin noch nie einem begegnet.“
„Nun … Ich eben schon. Ein Pärchen namens Alex und Ed, ich bin beim Frühstück mit ihnen ins Gespräch gekommen. Sie sind schon seit drei Monaten hier und konnten gar nicht aufhören, davon zu schwärmen.“ Ihr Lächeln wurde breiter, und die Hoffnung ließ ihr Herz tanzen. „Wieso versuchen wir es nicht einfach? Offensichtlich ist Kroatien ein großartiger Ort dafür. Hier gibt es alles, was wir brauchen. Wir könnten uns ein Apartment suchen, und das wäre so viel billiger als das Leben in London. Und wenn wir meine Wohnung vermieten, statt sie zu verkaufen, könnten wir sogar etwas Geld zur Seite legen. Oder einfach weniger arbeiten. Für eine Weile etwas vom Gas gehen.“
Er starrte sie einen langen Moment an, und sie konnte sehen, wie die Zahnräder in seinem Gehirn mahlten. „Was? Glaubst du wirklich, dass das funktionieren könnte?“ Er klang misstrauisch, aber nicht so, als wäre der Fall bereits verloren. Das war vielversprechend.
„Alex schätzt, dass sie jede Menge Geld sparen, und sie denken sogar darüber nach, länger zu bleiben. Sie hat mir erzählt, dass es ein spezielles Visum gibt, mit dem man ein Jahr hierbleiben kann.“
Er nahm den Arm von ihrer Schulter und rieb sich mit der Hand den Nacken – ein sicheres Zeichen dafür, dass er sich unwohl fühlte. „Ein Pärchen, das du eben erst kennengelernt hast, hat dir das erzählt?“ Maddie nickte. „Und du glaubst ihnen?“
Jetzt war sie verdutzt. Das war eine merkwürdige Frage, und sie hatte die dunkle Ahnung, dass sie an Boden verlor. „Wieso sollte ich nicht? Die haben keinen Grund, mich anzulügen.“
„Ja, na ja, du kennst sie nicht wirklich. Und du neigst dazu, alles zu glauben, was man dir erzählt.“ Er seufzte. „Du kannst den Menschen heutzutage nicht so einfach vertrauen. Und jeder tut gern so, als lebte er seinen Traum, selbst wenn er gerade eine richtig beschissene Zeit hat. Social Media hat die ganze Welt in eine Fata Morgana verwandelt.“
Sie klopfte mit den Fingern eine unbekannte Melodie auf dem Tisch, bevor sie eine Hand über die andere schlug, um sich selbst zu bremsen. Es war ärgerlich, dass Tom so abweisend auf ihre neuen Freunde reagierte. Aber sie hing immer noch an der Idee einer neuen Lebensweise, und so leicht würde sie nicht aufgeben.
Sie entspannte ihren Kiefer und zwang sich, sich zu beruhigen. Mit Tom zu streiten, funktionierte nicht. Er machte beim ersten Anzeichen eines Konflikts dicht und wechselte entweder das Thema oder ging einfach weg. Um anständig mit ihm zu diskutieren – über welches strittige Thema auch immer –, musste sie sicherstellen, dass nicht zu viele Emotionen mitspielten. Wenn er sich auf irgendeine Weise herausgefordert fühlte oder auch nur dachte, er hätte sie verärgert, hörte er einfach auf, zu funktionieren.
Natürlich war das kein optimaler Charakterzug von ihm. Aber niemand war perfekt, und sie war immer noch dabei, herauszufinden, wie sie dieses Hindernis umgehen konnte, damit sie ihre Unstimmigkeiten ausdiskutieren konnten. Sie wusste genau, dass er es wert war, denn die guten Zeiten mit Tom füllten ihr Herz mit Freude. Und wenn sie die felsigen Klippen umschiffen konnte, konnte ihre Beziehung nur stärker werden, da war sie sicher. Sie liebte ihn, wie sie nie zuvor einen anderen Mann geliebt hatte. Und auch, wenn es frustrierend sein konnte, mit ihm zusammen zu sein, hatten die Herausforderungen, vor die er sie gestellt hatte, sie auch dazu gebracht, ihr eigenes Verhalten und ihre Art der Kommunikation zu überdenken. Schließlich, dachte sie, hatte sie das zu einem besseren Menschen gemacht.
Nachdem sie sich ein paar Momente genommen hatte, um sich zu beruhigen, atmete sie tief durch und hob zu ihrer Rede an. „Wir beide können überall arbeiten, wo wir wollen, richtig? Das könnte also perfekt für uns sein. Du musst doch zugeben, dass es sich nach einer Win-win-Situation anhört. Ich habe mich online schlau gemacht, und es scheint im Moment immer beliebter zu werden. Besonders für Menschen in unserer Lebenssituation. So hat man die Chance, zu reisen und gleichzeitig Geld zu verdienen, bevor man sesshaft wird.“
Sie holte ihr Handy heraus und öffnete ihren Suchverlauf, um ihm einen Artikel zu zeigen, auf den Alex sie hingewiesen hatte.
Er verzog den Mund von einer Seite zur anderen, während er las, bevor er ihr das Telefon zurückgab. „Wirklich … Wenn das funktionieren würde, wäre es toll.“ Ihr Herz machte einen Sprung, und sie drückte sich selbst unter dem Tisch die Daumen. „Heute habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich anfange, mich zu entspannen. Weißt du, es ist schon gut, etwas Abstand zu haben von … allem, nicht nur von der Arbeit. Das hilft.“
Sie wusste, dass das „alles“, worauf er sich bezog, nicht nur ihre Geldsorgen waren oder der tägliche Trott. Bis vor zwei Wochen war sie besessen davon gewesen, eine Familie zu gründen. Es war eine intensive und emotionale Zeit gewesen, als ihre Hoffnungen zerschmettert wurden.
Sie mussten das Ganze immer noch verdauen. Für ihn war es schwer gewesen, sie so niedergeschlagen zu sehen und anzunehmen, er sei vielleicht verantwortlich für ihren Schmerz. Dabei hatte sich herausgestellt, dass es ihr Körper war, der nicht mitspielen wollte. Jetzt versuchte sie, die Situation zu akzeptieren. Sie waren an einem Punkt, an dem sie die Wahl hatten: Eine künstliche Befruchtung war eine Option, und natürlich war da noch das Thema Adoption. Aber für den Moment waren sie sich einig, dass sie eine Pause brauchten, um wirklich herauszufinden, wie sie sich ihre gemeinsame Zukunft vorstellten. Jetzt war ihr klar geworden, dass Reisen und ein Leben im Ausland ihnen neue Möglichkeiten zeigen konnten.
Sie drückte seine Hand, fest entschlossen, den Punkt zu holen. „Wir können beide von zu Hause arbeiten – ich sehe also keinen Unterschied, wenn unser Zuhause für eine Weile hier wäre, du etwa?“ Allein der Gedanke löste eine Aufregung in ihr aus, die sie nicht loslassen wollte. Ein Sprung aus dem Hamsterrad, das ihr Leben aktuell war. Etwas Neues, worauf sie sich freuen konnte, jetzt, da Kinder nicht mehr auf dem Programm standen. Das Timing hätte nicht perfekter sein können, nachdem der Hauskauf gescheitert war. In ihrem Herzen wusste sie, dass es genau so sein sollte. Ein kleiner Ausblick darauf, wie das Leben sein konnte, wenn sie sich für neue Ideen öffneten.
Tom kaute an einem Fingernagel, runzelte gedankenverloren die Stirn, und sie ließ ihm den Raum zum Nachdenken. Sie wagte es nicht, etwas zu sagen, um ihn nicht in die falsche Richtung zu schubsen.
„Ja, aber was ist, wenn wir unsere Wohnung vermieten und dann gefällt es uns hier doch nicht? Dann können wir nicht einfach zurück, oder? Wir müssten monatelang warten, und das kann schrecklich lang sein, wenn man sich nicht wohlfühlt.“
Maddie zuckte mit den Schultern. „Wir könnten die Wohnung zur Kurzzeitmiete anbieten. Oder sogar über Airbnb.“
Es war ihr gar nicht in den Sinn gekommen, dass hier zu arbeiten so grauenhaft sein konnte, dass sie nach Hause wollen würde. Sobald sie entschied, etwas zu tun, stand sie voll und ganz dahinter – egal, welche Rückschläge sie auf dem Weg einstecken musste. Aufgeben war kein Teil ihrer DNS, und sie würde auch diese Idee nicht aufgeben. Sie wollte es, sie brauchte es, und sie spürte in ihrem Herzen, dass es Tom genauso ging. Auch wenn er ein bisschen ein Eremit war, besuchte er trotzdem gern neue Orte. Obwohl es ein Kampf gewesen war, ihn hierherzubekommen. Bis jetzt war das Geld ein Stolperstein gewesen. Jetzt hatte sie endlich eine Lösung dafür gefunden, und Tom schien nicht zu wissen, was er damit anfangen sollte.
„Lass uns das Ganze einmal aus der Nähe betrachten, was meinst du?“ Als sich ihre Blicke trafen, schenkte sie Tom ein hoffnungsvolles Lächeln. „Wir stellen Recherchen an und kommen in ein paar Tagen darauf zurück. Was hältst du davon?“
Sie hatten noch zehn Urlaubstage vor sich. Sie hoffte, dass sie in dieser Zeit zu einer gemeinsamen Entscheidung finden würden. Vielleicht fänden sie sogar eine Möglichkeit, gar nicht erst von hier weg zu müssen. Sie dachte kurz darüber nach, ob es irgendetwas gab, wofür sie zurückmussten. Ihr wurde bewusst, dass es nichts gab, was sie davon abhielt, ihren Aufenthalt zu verlängern. War es möglich, dass sie das wirklich tun würden? Jetzt, da sich die Idee in ihrem Verstand eingenistet hatte, war sie entschlossen, sie auszubrüten, bis sie fliegen konnte. Wenn es einen Weg gab, würde sie ihn finden.
Ein Grinsen machte sich auf Toms Gesicht breit. „Ja, machen wir das. Als ich jünger war, habe ich immer davon geträumt, zu reisen und im Ausland zu leben.“ Er lachte. „Damals hatte ich niemanden zum Reisen, und ich war nicht selbstbewusst genug, um allein loszuziehen. Aber wenn du bereit bist, bin ich dabei.“
„Es muss nicht in Kroatien enden. Alex und Ed haben gesagt, sie waren in Thailand und Bali.“ Sie stieß einen glücklichen Seufzer aus. „Kannst du dir das vorstellen?“
Sie lehnte sich zu ihm, um ihn zu küssen. Diese Idee könnte ihr gemeinsamer Neuanfang sein. Oder das Ende, sagte die zweifelnde Stimme in ihrem Kopf. Die Stimme, die oft die Risiken sah, die sie selbst nicht sehen wollte, wenn sie ein Ziel vor Augen hatte.
Kapitel drei
Vor einem Tag
Der Urlaub verging wie im Flug, und Maddie und Tom hakten einen Punkt nach dem anderen auf ihrer Sightseeing-Liste ab. Maddie hatte sich angewöhnt, sich mit Alex zum Frühstück zu treffen, während ihre jeweiligen Lebensgefährten noch schliefen. Dabei entstand eine enge Freundschaft. Manchmal leistete Ed ihnen Gesellschaft und brachte sie mit seinen Beobachtungen und Anekdoten zum Lachen. Einmal trafen sie und Tom Ed zufällig auf der Promenade. Die Männer fanden in ihrer kurzen Unterhaltung über das Gaming sofort Gemeinsamkeiten, aber trotzdem schafften sie es nie, sich zu viert zu treffen. Tom war um keine Ausrede verlegen. Er musste an seinem nächsten Projekt feilen. Oder er hatte ein Meeting mit einem Freund angesetzt, mit dem er von Zeit zu Zeit zusammenarbeitete. Oder er hatte einen Online-Spieleabend mit seinen Kumpels organisiert. Maddie traf sich einfach allein mit ihren neuen Freunden. Sie war fest entschlossen, ihren Urlaub bis zum Äußersten zu genießen und sich nicht von Toms Plänen einschränken zu lassen.
Alex war lebhaft und lustig und brachte Maddie immer zum Lachen. Es war leicht, sich in ihrer Nähe wohlzufühlen. Und sie hatte Maddie dabei geholfen, ihre Pläne, in Split zu bleiben, weiterzuentwickeln. Hatte ihr Kontakte vermittelt und Vorschläge gemacht für alles, was sie noch regeln musste. Sie war wie ein Lexikon auf zwei Beinen, wenn es um das Leben als digitaler Nomade ging. Und je mehr sie darüber redeten, desto machbarer erschien der Plan. Selbst Tom schien sich langsam darauf zu freuen.
Bis zum Ende ihres Urlaubs hatten sie ausführliche Recherchen angestellt, und es sah alles vielversprechender aus, als Maddie zu hoffen gewagt hatte. Sie wussten jetzt, dass sie mit ihrem Touristenvisum einhundertachtzig Tage – sechs Monate – in Kroatien bleiben konnten. Diesbezüglich bestand vorerst also kein Handlungsbedarf. Sie hatten nach Apartments gesucht und ein paar in Split gefunden, die infrage kamen. Ein bisschen kleiner zwar, als sie es sich gewünscht hatten, aber für die kurze Zeit wäre das okay. Sie konnten monatsweise mieten und mussten sich nicht langfristig binden, anders als in England.
Allerdings mussten sie, um wirklich in Split bleiben zu können, ihre Wohnung in London vermieten. Genau das war der Streitpunkt. Tom machte sich Sorgen, fand es zu riskant. Genau dieses Problem ging Maddie gerade durch den Kopf, als sie sich mit Alex zum Frühstück traf.
In dem Moment, als Alex sich ihr gegenübersetzte, war deutlich, dass etwas nicht stimmte. Ihre Augen waren blutunterlaufen und rot gerändert, ihr Gesicht verquollen und tränennass.
„Hey, alles in Ordnung?“ Maddie griff über den Tisch und legte eine Hand auf ihren Arm, streichelte ihn sanft. Alex hatte ein zerknülltes Taschentuch in der Hand, mit dem sie sich die Nase putzte. „Oh … Es geht mir gut, ignorier mich einfach. Ich habe nur schlechte Neuigkeiten bekommen, sonst nichts.“
Die Kellnerin kam, um ihre Bestellung aufzunehmen. Maddie wartete, bis sie gegangen war, bevor sie die Unterhaltung fortsetzte. „Es tut mir so leid, das zu hören. Gibt es irgendetwas, das ich tun kann?“
Alex schüttelte mit einem angespannten Lächeln den Kopf. „Es ist nur … das Leben, schätze ich. Es läuft nie nach Plan, stimmt’s?“
„Das kannst du laut sagen.“ Sie drückte den Arm ihrer Freundin und schlug einen einfühlsamen Tonfall an. „Ich habe immer ein offenes Ohr für dich, wenn du reden willst. Geteilte Probleme sind nur noch halb so groß, sagt man doch so.“
Alex putzte sich erneut die Nase, bevor sie das Taschentuch in ihre Handtasche stopfte. „Es geht um meine Mum. Sie hat die Diagnose Brustkrebs bekommen.“
„O mein Gott, kein Wunder, dass du so geknickt bist.“
„Es ist so ein Schock. Irgendwie denkt man immer, die eigenen Eltern seien unverwüstlich, oder? Sie achtet auf sich, weißt du, sie macht Yoga, ernährt sich gesund, läuft Halbmarathons. Und sie ist doch erst vierundfünfzig.“
Maddie war sprachlos. Es kam ihr so unfair vor. Aber nichts im Leben war fair, nicht wahr? Das hatten ihr spätestens die gesundheitlichen Probleme ihres Dads bewiesen. Man musste sich auf die positiven Dinge konzentrieren. Genau das brauchte ihre Freundin jetzt.
„Aber das heißt, die Prognose muss gut sein, oder? Die Behandlungsmöglichkeiten haben sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt, soweit ich weiß.“
Alex’ Nase kräuselte sich. Es wirkte, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. „Ich weiß nicht“, sagte sie mit bebender Stimme. „Sie hat mir nur gesagt, dass sie Krebs hat, und dann hat sie geweint. Ich konnte sie nichts fragen. Ich meine, ich habe tonnenweise Fragen, aber meine Mum ist einer dieser Menschen, die Ärzten blind vertrauen. Sie wird einfach machen, was sie ihr sagen, und nichts davon hinterfragen.“ Eine Träne rollte über ihre Wange. „Ich mache mir solche Sorgen um sie.“
Maddie rückte ihren Stuhl näher heran und legte Alex einen Arm tröstend um die Schultern. „Was ist mit deinem Dad?“
Einen Moment war es still.
„Er ist letztes Jahr gestorben. Es war ein Unfall mit Fahrerflucht. Mum und ich mussten irgendwie damit zurechtkommen, und mit den ganzen Schulden, die er uns hinterlassen hat. Sie musste in eine kleinere Wohnung umziehen und ihr ganzes Leben neu ordnen. Es war ganz schön hart.“ Sie machte eine Pause. „Jetzt gibt es nur noch mich und Mum.“
„Hast du andere Familienmitglieder, die sich vielleicht um sie kümmern können? Geschwister? Tanten oder Onkel? Großeltern?“
„Nicht wirklich. Mums Familie hat sie verstoßen, als sie mit mir schwanger wurde. Irgendeine Skandalgeschichte, aber sie spricht nie darüber, sondern hat vor langer Zeit entschieden, dass es wohl besser wäre, wenn ich es nicht weiß. Und meine Schwester lebt in Dubai.“
Maddies Herz wurde schwer. „Das ist doch bestimmt hart, oder?“
Sie unterbrachen ihre Unterhaltung kurz, als die Kellnerin zurückkam und Kaffee und Gebäck auf dem Tisch abstellte.
Maddie spürte, wie Alex zitterte, als würde sie krampfhaft versuchen, ihren Gefühlen standzuhalten. Sie fühlte sich hilflos, als sie die Schulter ihrer Freundin streichelte. „Was wirst du jetzt tun?“
Alex schniefte und holte ein neues Taschentuch aus ihrer Handtasche, um sich damit die Augen abzutupfen. „Ich muss nach Hause. Mum hat niemanden, der ihr helfen kann, und sie hat gesagt, dass sie in den nächsten Tagen mit der Chemo beginnt. Ich muss für sie da sein. Es wäre nicht fair, sie das allein durchmachen zu lassen. Sie hat fürchterliche Angst, das weiß ich genau.“ Sie putzte sich die Nase. „Ich habe auch Angst. Aber ich glaube, es ist einfacher, damit zurechtzukommen, wenn ich dabei bin und selbst sehe, was vor sich geht.“
„Ja, da hast du bestimmt recht, aber ich werde dich vermissen. Was ist mit Ed? Bleibt er hier oder kommt er mit?“
Alex schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Er weiß noch nichts davon. Ich habe selbst erst davon erfahren, als ich auf dem Weg zu dir war.“ Sie strich sich die Haare hinter die Ohren und schien sich mental zu schütteln, bevor sie ihre Kaffeetasse nahm und einen Schluck trank. „Ich habe allerdings das Gefühl, er wird froh sein, nach Hause zu fahren.“ Sie seufzte. „Wir sind schon seit einer ganzen Weile unterwegs, und er ist ein ziemlicher Familienmensch. Er hat eine Menge Brüder und Schwestern, Cousins und Cousinen.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte niedergeschlagen: „Ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, wie viele. Aber er wollte sowieso zurück und sie alle besuchen.“
Maddie rang innerlich mit sich, was sie sagen sollte. „Na ja, dann seid ihr wenigstens zusammen. Du wirst nämlich auch Unterstützung brauchen.“
Alex trank einen weiteren Schluck von ihrem Kaffee, während ihr Blick über Maddies Schulter hinweg wanderte. Ein paar Momente lang schien sie sich in ihren Gedanken zu verlieren. „Ich kann nicht einmal geradeaus denken. Es war so ein Schock. Und wir haben das Apartment hier schon bezahlt, das Geld ist also verloren.“
Maddie nahm ihre Kaffeetasse, dankbar für die Wärme in ihren Händen. „Ein Albtraum“, murmelte sie, während sie daran dachte, wie sich das Leben von einer Sekunde auf die andere schlagartig ändern konnte, wenn man es am wenigsten erwartete.
„Da sagst du was. Und in England müssen wir auch erst mal etwas zum Mieten finden. Bei Mum kann ich nicht wohnen, sie hat nur eine Einzimmerwohnung. Nachdem Dad gestorben ist, ist sie nach London gezogen, um dort zu arbeiten. Sie musste das Haus verkaufen, um seine Schulden abzuzahlen, und sie wollte näher bei mir sein. Mehr konnte sie sich nicht leisten, und ehrlich, die Wohnung ist winzig. Ich meine, ich liebe sie von ganzem Herzen, aber wir können nicht auf so engem Raum zusammenleben. Da wäre Streit vorprogrammiert – besonders, wenn es ihr wegen der Chemo schlecht geht. Mum hat eine starke Persönlichkeit, sie braucht ihren Freiraum, wenn du weißt, was ich meine.“
Maddie biss von ihrem Gebäckstück ab. Alex’ Neuigkeiten zogen ihre Stimmung runter. „Es tut mir so leid, dass du das durchmachen musst. Und ich habe dich hier die ganze Zeit um deinen Lebensstil beneidet. Ehrlich gesagt haben Tom und ich schon geschaut, wie wir in eure Fußstapfen treten können. Du und Ed habt mich so inspiriert, wie ihr lebt, wie frei ihr seid. Ich glaube, das hat mich aus meinem Trott geholt. Also, danke dafür, und … Ich habe die Zeit mit dir wirklich genossen.“ Sie griff nach der Hand ihrer Freundin und drückte sie sanft. „Gibt es irgendetwas, was ich tun kann? Ich habe nämlich das Gefühl, ich schulde dir etwas.“
Alex legte ihre Hand auf Maddies. „Danke für das Angebot. Das ist so lieb von dir.“ Für ein paar Momente blieb sie still. „Wobei … Nein … Aber vielleicht … Okay … Total verrückte Idee …“ Sie setzte sich kerzengerade hin. „Ich nehme nicht an, dass ihr an einem Tausch interessiert wärt, oder? Würdet ihr uns vielleicht für zwei Wochen eure Wohnung überlassen, während wir nach einer dauerhaften Lösung suchen? Und ihr bleibt inzwischen hier in unserem Apartment? Das wäre wirklich enorm hilfreich, denn gerade wissen wir wirklich nicht, wo wir hinsollen. Und London ist so teuer.“
Maddie starrte sie an. Ihre Gedanken rasten.
„Bitte“, sagte Alex, den Blick fest auf Maddie gerichtet. „Wir werden die perfekten Gäste sein, versprochen. Wenn du willst, kannst du jetzt sofort mitkommen und dir unser Apartment anschauen, bevor ihr euch entscheidet. Du wirst sehen, es ist einfach unglaublich. Wir hatten riesiges Glück, dass wir es gefunden haben, es ist viel besser als jedes Hotelzimmer. Es gibt eine wunderschöne private Terrasse, auf der fast den ganzen Tag die Sonne scheint. Wir haben einen Swimmingpool. Und die zentrale Lage ist super, wenn du in die Cafés oder an den Strand willst. Man sieht sogar das Meer durch die Fenster.“
Maddie zögerte, während sie versuchte, zu begreifen, dass ihr diese unglaubliche Möglichkeit gerade einfach so in den Schoß gefallen war. Und Tom hatte bereits zugestimmt, dass sie es einmal versuchen wollten. Sie brauchte seine Erlaubnis nicht, um diese Entscheidung zu treffen, oder?
„Ja“, sagte sie, bevor die Stimme der Vernunft in ihrem Kopf sie anbrüllen konnte, dass sie Nein sagen sollte.