Leseprobe Cruel Ever After | Eine spicy Enemies to Lovers Dark Romance

KAPITEL EINS

WINSTON

Die Stille ist ein Segen.

Kein Gemurmel, kein Lachen, kein Bullshit.

Ein Gefühl von Stolz durchströmt mich, wie sie alle meinen Anweisungen nachkommen. Es ist das, was das Rad am Laufen hält. Nicht ohne Grund sind wir ein Fortune-500-Unternehmen und eine der renommiertesten Akquisitionsfirmen der Welt. Es braucht eine eiserne Faust, um alle in vollkommener Unterwerfung zu halten. Alles nur, weil sie sich an meine eine goldene Regel halten.

Arbeit vor Vergnügen.

Dafür belohne ich sie auch großzügig.

Halcyon verlangt von allen, nach den Constantine-Regeln zu spielen – nach meinen Regeln –, um die vollständige Kontrolle über diese gottverdammte Stadt zu behalten.

Der eintausendsieben Fuß hohe Wolkenkratzer Halcyon Building ist mehr als nur der Sitz eines multimilliardenschweren Unternehmens, er beherbergt auch drei Fünf-Sterne-Restaurants, eine Bar und Zigarrenlounge, ein hochmodernes Wellness-Spa, drei exklusive Wohnetagen und eine private Dachterrasse. Er ist eines der angesehensten und meistbewunderten Bauwerke in ganz New York.

Wir waren in jeder Architekturzeitschrift, und sogar ein Film wurde hier gedreht.

Dieses Gebäude, das sind sprichwörtlich unsere Eier.

Groß. Mächtig. Einschüchternd.

Die Morellis können sich nur wünschen, ihre Präsenz in dieser Stadt käme auch nur annähernd an unsere heran. Egal, wie sehr sie versuchen, sich aus der Gosse herauszukämpfen und sich so zu kleiden, dass sie in unsere Welt passen – sie werden immer verdammte Ratten in Anzügen bleiben.

„Guten Morgen, Mr Constantine“, zwitschert Abby. Hübsche Blonde. Große Titten. Drei Kinder.

Ich neige den Kopf. „Abby.“

„Guten Morgen, Mr Constantine“, ruft Brenda mit einem breiten Lächeln auf ihrem faltigen Gesicht. Sechziger. Verwitwet. Besessen von Yoga.

„Brenda.“

Die Personalabteilung hasst meine Obsessionen.

Ordnung. Sauberkeit. Regeln.

Aber da sie alle ebenfalls mir gehören, lassen sie mir meine Marotten durchgehen, ganz gleich, welche Regeln ihnen einst beigebracht wurden.

„Guten Morgen, Mr Constantine“, sagt Cara und winkt mit perfekt manikürter Hand. Gescheitertes Model. Vaterkomplex. Liebt chinesisches Essen.

„Cara.“

Unsere vier Sekretärinnen, die die Führungsetage unterstützen, halten sich an die strengsten Vorgaben. Vor allem Vertraulichkeit ist nicht nur eine Bitte, sondern eine Notwendigkeit. Wir haben zu viele Ratten in dieser Stadt, die nur auf einen Riss warten, um sich hineinzuschleichen. Es ist meine Aufgabe, alles über jeden zu wissen, der unter mir arbeitet, um sicherzustellen, dass sie zuverlässig sind, und auf Ungeziefer reagiere ich äußerst allergisch.

Ich erreiche den letzten Schreibtisch – perfekt ausgerichtet und genau so angeordnet, wie ich es mag –, und warte, bis meine Sekretärin ihr Telefonat beendet. Sobald sie damit fertig ist, setzt sie ihr Veneer-Lächeln auf und reicht mir meinen Kaffee. Schwarz, kochend heiß, mit einem Hauch Muskat.

„Guten Morgen, Mr Constantine.“ Sie klimpert mit ihren falschen Wimpern. Geschieden. Karrierefrau. Meisterin der Organisation.

„Deborah“, erwidere ich. „Irgendwelche Anrufe?“

„Ihr Bruder. Perry.“ Ahh, Perry. Hängt immer noch an Mutters Rockzipfel, als könnte er jederzeit in ihre tiefen, tiefen Taschen greifen und sich nehmen, was auch immer er verdammt noch mal will. Dummer Junge. „Er meinte, er versucht, Sie zu erreichen. Ich habe gefragt, ob er einen Termin vereinbaren möchte, aber er hat abgelehnt. Allerdings benutzte er dabei weit farbenfrohere Ausdrücke, als ich für nötig hielt.“

Wir tauschen ein schiefes Lächeln.

Baby Constantine hasst es, übergangen oder ignoriert zu werden. Ich schiebe es auf Mutters Nanny, Ivory. Die Frau konnte nie eigene Kinder haben und behandelte Perry, als wäre er ihr echter Sohn. Er ist verdammt verzogen – und das will was heißen, wenn es unsere Familie betrifft.

„Ich werde ihn wohl irgendwann nächste Woche zurückrufen“, sage ich und führe die Tasse an die Lippen. „Ahh, wie immer perfekt.“

Deborah strahlt. „Nur das Beste für Sie.“

Ich zwinkere ihr zu, leicht genervt von einer meiner selbst auferlegten Regeln. Fick nicht das Personal. Oft überlege ich, sie für Deborah zu brechen. Sie ist so verdammt bemüht, mir zu gefallen, und genau das macht meinen Schwanz so richtig hart. Aber ich weiß, welches Chaos das anrichten würde. So gut die Frau im Bleistiftrock auch aussieht und so verlockend die Vorstellung ist, sie unter meinem Schreibtisch auf den Knien zu haben – es würde im Desaster enden. Deborah ist zu gut in ihrem Job, um sie durch enttäuschte Gefühle zu verlieren. Und dass es zum Teufel gehen würde, steht außer Frage – denn ich bin absolut kein Beziehungstyp.

„In einer Stunde habe ich ein Meeting mit Ralph Bison von der Bison Group. Halten Sie alle Anrufe zurück. Wenn Perry anruft, fragen Sie ihn, wie viel.“

Wir wissen beide, dass Perry nur dann ständig anruft, wenn er mal wieder Geld braucht – aus welchem gottverdammten Primadonna-Grund auch immer.

„Natürlich, Sir.“

Ich schreite zu meiner Bürotür und stelle meine tiefbraune Laptoptasche aus Venezia-Leder ab, um meinen Code einzugeben. Auch wenn ich Deborah viel anvertraue – Zugang zu meinem Büro, wenn ich nicht da bin, ist eine Grenze, die sie nicht überschreiten darf.

Nachdem ich die Tür geöffnet habe, nehme ich meine Tasche wieder auf und betätige den Lichtschalter, wodurch mein riesiges Büro erleuchtet wird. Nicht, dass es bei der wenigen Einrichtung nötig wäre, aber ich mag leeren Raum. In der Mitte des Büros steht ein eleganter, fünf Fuß breiter, schwebender Schreibtisch in Schwarz. Auf Knopfdruck lässt er sich in einen Stehtisch verwandeln – absolut notwendig, da ich beim Arbeiten oft auf und ab gehe.

Ich betrete das Zimmer, bemerke einen mir unbekannten süßlichen Duft in der Luft und stelle meine Tasse sowie die Tasche auf den Schreibtisch. Wie immer gehe ich zu einer der beiden Wände mit raumhohen Fenstern, um auf die Stadt hinabzublicken, die uns gehört.

Das hier ist nicht New York City. Es ist Constantine City.

Ich lächele bei dem Gedanken an ein Zitat meines Vaters: Die Constantines lassen die Rockefellers wie Bettler aussehen. Unsere Familie trinkt, atmet und scheißt Geld. Das ist mein Zitat, sehr zum Entsetzen meiner Mutter.

Die Stadt glitzert unter der Morgensonne im Mai wie mit Diamanten besetzte Modellgebäude. Ich könnte mir die Zeit nehmen, jedes Einzelne zu zählen, das uns gehört, aber ich habe nur noch etwa vierzig Minuten, bis Bison und ich darüber sprechen, wie er sich vornüberbeugen und von mir ficken lassen wird. Nicht wortwörtlich, aber im übertragenen Sinne werde ich diesen reichen Arsch zu meiner Schlampe machen. Der Punkt ist: Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.

Ich bin äußerst zufrieden für einen Freitagmorgen, was sich garantiert auf das Gespräch auswirken wird und mir genau das einbringen wird, was ich will. Wie gewohnt beginne ich auf und ab zu gehen, während die Zahnräder in meinem Kopf in Bewegung kommen. Doch dann höre ich ein Knistern.

Klein. Unbedeutend. Aber vollkommen falsch.

Ich halte inne und hebe den Fuß. Nichts. Ich setze ihn ab und mache einen weiteren Schritt. Knistern.

Der Zorn schießt in mir hoch wie ein wütend ausbrechender Vulkan.

Erneut hebe ich den Fuß, greife mir das Fußgelenk und drehe ihn, um zu sehen, was unter meiner Sohle klebt.

Ein Bonbonpapier.

Ich zupfe es von meiner Sohle ab und bin stinksauer wegen der roten Klebrigkeit, die auf der Unterseite zurückgeblieben ist. Als Kind durfte ich nie Süßigkeiten essen, und als mittlerweile fast sechsunddreißigjähriger Mann habe ich nie auch nur ein einziges Mal gesündigt. Diese Süßigkeit kenne ich nicht.

Wo zum Teufel kommt die her?

Ich reiße mir den Schuh vom Fuß, um die klebrigen Spuren nicht im ganzen Büro zu verteilen, stürme zu meinem Stuhl und lasse mich fallen. Auf dem Papier steht Starburst. Kirschgeschmack.

Jemand war in meinem Büro.

Aber wer?

Ein Blick auf mein „Silver Fog“-Ölgemälde aus der John-Richard-Kollektion sagt mir, dass sich niemand an meinem Safe zu schaffen gemacht hat. Das Bild ist unberührt und hängt gerade. Alle meine Unterlagen befinden sich auf meinem Laptop, geschützt und verschlüsselt. Es gibt nichts Wertvolles außer dem, was sich hinter diesem Gemälde befindet.

„Deborah!“, belle ich, während mein Zorn mit jeder Sekunde weiter anwächst.

Das Klackern ihrer Absätze ist hastig, fast panisch. Ihre braunen Augen sind weit aufgerissen, als sie meinen wütenden Zustand erfasst.

„Sir?“

„Was zum Teufel ist das?“, knurre ich und halte das anstößige Bonbonpapier hoch.

Ihr Gesicht verliert jegliche Farbe. „Ich, äh, ich bin mir nicht sicher. Vielleicht haben Sie es hereingetragen?“

Mehrere lange Sekunden vergehen, in denen sie zu zittern beginnt – denn wir wissen beide, dass ich diesen Scheiß ganz sicher nicht hereingetragen habe.

„Ich werde es herausfinden. Ich sehe mir die Sicherheitsaufnahmen an und kontaktiere die Reinigungsfirma …“

Ich kümmere mich um das Filmmaterial“, fauche ich. „Sie finden heraus, wer nicht nur vergessen hat, mein Büro zu reinigen, sondern auch dachte, es wäre okay, eine verdammte Spur zu hinterlassen.“

Ich beuge mich vor, um den Papierkorb unter meinem Schreibtisch hervorzuziehen. Vier weitere Bonbonpapiere liegen darin.

„Ich lasse ihnen sofort kündigen“, versichert sie mir, nun selbst vor Wut dunkelrot im Gesicht. „Das ist absolut inakzeptabel.“

Das ist ein Fehler epischen Ausmaßes.

Nicht nur wird die Reinigungskraft entlassen – wenn dies ist, wonach es aussieht –, ich werde die gesamte Firma vernichten, weil sie solch ein unprofessionelles Verhalten bei Halcyon zugelassen hat. Es ist abscheulich. Ich wusste, ich hätte meiner Mutter nicht erlauben dürfen, ihre Reinigungsfirma zu empfehlen. Es ist mir scheißegal, ob Caroline Constantine deshalb ausrastet. Vater hätte so etwas niemals zugelassen.

„Nein“, belle ich Deborah an. „Ich will, dass Sie mit denen beginnen, die letzte Nacht gearbeitet haben. Dann will ich jeden Vorgesetzten über diesen Personen – bis ganz nach oben. Jeden einzelnen Namen. Ich will alle in einer E-Mail in der nächsten halben Stunde, damit ich mich darum kümmern kann.“

„Natürlich, Sir.“

Sie klackert aus meinem Büro, um meinen Befehlen nachzukommen.

Kurz darauf eilt Cara herein, mit einem feuchten Tuch in der Hand. Ich koche vor Wut, während sie die Unterseite meines Schuhs reinigt. Als sie das Bonbonpapier vom Schreibtisch nehmen will, schlage ich ihre Hand weg.

„Liegen lassen“, murre ich, nehme meinen Schuh wieder an mich und ziehe ihn mir über den Fuß.

Sie nickt, bevor sie eilig den Raum verlässt. Ich greife nach meiner Tasche und hole den Laptop heraus. Sobald er hochgefahren ist, öffne ich die Gebäudeüberwachungs-App. Meine Schwester Tinsley meint, ich sei ein Kontrollfreak wie unser Vater. Ich nenne es die Augen offen halten. Wenn man sie schließt und davon ausgeht, dass jeder das Beste für einen will, rauben sie dich aus oder schießen dir in den Rücken. Zugang zu den Sicherheitskameras ist für mich unverzichtbar – ich nutze ihn regelmäßig.

Ich rufe die Aufzeichnung von letzter Nacht auf. Gegen neun Uhr abends geht das Licht an, und eine Frau in hellblauer Uniform betritt den Raum, einen Reinigungswagen hinter sich herziehend. Sie beginnt zu putzen, legt dann das Tuch auf meinen Schreibtisch und setzt sich in meinen Stuhl.

Angewidert beobachte ich, wie sie sich so oft in meinem Stuhl dreht, dass mir schwindelig wird. Schließlich hält sie an, zieht ein rotes, quadratisches Bonbon aus ihrer Tasche.

Ich habe die Schuldige.

Jetzt wird sie dafür bezahlen.

Sie wickelt es aus und wirft das Papier in den Mülleimer. Meine Wut steigt, als sie aufsteht und zu meinem Bücherregal geht. Ihr Finger fährt über die Regale, dann hält sie ihn vor ihr Gesicht, als prüfe sie ihn auf Staub. Eine Weile bewundert sie mein Gemälde, dann kehrt sie zu meinem Stuhl zurück. Die Frau – nein, das Mädchen, ihren jungen Gesichtszügen nach zu urteilen – isst weitere Bonbons, eins nach dem anderen. Sie legt die Füße auf meinen Schreibtisch und beginnt auf ihrem Handy zu scrollen. Das geht mindestens eine halbe Stunde so. Ich spule vor.

Schließlich steckt sie das Handy weg und spielt mit den Tasten meines Schreibtisches, lässt ihn mehrfach hoch- und runterfahren. Anschließend steht sie auf, tritt auf ein Bonbonpapier, das sie nicht in den Mülleimer geworfen hat, und trägt es dorthin, wo ich später darauf getreten bin. Dort bleibt es auf dem Boden haften. Sie schüttelt den Kopf, als wäre sie wütend über was auch immer sie gerade denkt, und geht dann direkt zum Fenster. Nachdem sie mit dem Anstarren meiner verdammten Stadt fertig ist, läuft sie am Papier vorbei, das jetzt auf meinem Boden klebt, schnappt sich ihren Lappen vom Tisch und verlässt mit dem Wagen den Raum.

Un-fucking-glaublich.

Sobald im Video das Licht ausgeht, schalte ich es ab, bereit, vor Wut zu explodieren.

Erst nach mehreren tiefen Atemzügen gelingt es mir, meinen Herzschlag zu verlangsamen. Um dieses Gör kümmere ich mich bald.

Ping.

Ich öffne meine E-Mails – verdammt gespannt, was Deborah für mich herausgefunden hat.

Ash Ember Elliott.

Nagelneue Angestellte bei FGM Services.

Jemand hat diese völlig unqualifizierte Frau in mein Büro gelassen. Alle, die daran beteiligt waren, werden dafür zur Rechenschaft gezogen. Es ist eine solch grobe Fahrlässigkeit, dass ich vor Wut kaum noch klar sehen kann.

Ich könnte direkt ganz oben ansetzen und den Manager alle Verantwortlichen feuern lassen. Oder ich übernehme das selbst. Bestrafe die Täterin direkt. Ich genieße stets eine ordentliche verbale Zurechtweisung.

Heute Abend kümmere ich mich um Miss Elliott.

Sie ist in meinem Büro herumgetollt wie ein Kind, hat es mit ihrem Müll verwüstet und Lohn für eine Arbeit kassiert, die sie nicht verrichtet hat.

Ich habe schon Männer für weniger erledigt – und das mit einem verdammten Grinsen.

Ich werde es absolut genießen, sie zu zerstören.

Tatsächlich werde ich jede einzelne Sekunde bis zu ihrer Ankunft zählen.

KAPITEL ZWEI

Ash

Ich starre auf meinen Kontoauszug, wieder einmal verletzt von Dads Verhalten.

Es ist weg.

Bis auf siebentausend Dollar hat mein Vater alles abgehoben.

Nicht, weil er spielt oder uns ein Dach über dem Kopf sichern musste.

Nicht, weil sein Auto kaputt war oder wir plötzlich medizinische Rechnungen bezahlen mussten.

Nein.

Dad hat meinen Collegefonds aus nur einem einzigen Grund geplündert.

Wegen ihr.

Es ist schwer, nicht die Frau zu hassen, die deine Mutter ersetzt.

Mom ist seit zehn Jahren tot, also sollte ich eigentlich damit klarkommen, dass Dad wieder geheiratet hat. Manda ist eine recht nette Frau. Etwas zu hochnäsig für meinen Geschmack, aber ich komme ganz gut mit ihr klar. Das heißt aber nicht, dass ich sie mögen muss.

Was ich hasse, ist, dass Dad sich für sie verändert. Bevor er Manda auf einem Galaabend kennengelernt hat, zu dem er letztes Jahr eingeladen war, waren wir glücklich. Klar, wir hatten das Haus im Norden aufgegeben, das er mit Mom geteilt hatte, und waren in eine Wohnung in der Stadt gezogen, um näher an seiner Arbeit zu sein. Wir lebten nicht mehr im Wohlstand, mussten plötzlich jeden Cent umdrehen. Seit Mom keine gut bezahlten Vorträge mehr halten konnte, war Dad der Ernährer. Zum Glück hatten sie genug für mein Studium gespart.

Aber für Manda wollte er sich aufwerten. Jemand sein, der er nicht ist. An schicken Veranstaltungen teilnehmen und sie mit Geschenken überhäufen. Erst letzte Woche, als ich ihn bitten wollte, etwas Geld aus meinem Collegefonds zu nehmen, um mir ein Auto zum Geburtstag zu kaufen, erfuhr ich, wie sehr er ihn bereits geplündert hatte.

Fünfhunderttausend Dollar in sechs Monaten ausgegeben.

Alles für sie.

Ein teurer Verlobungsring. Kostspielige Abendessen. Eine Reise nach Europa.

Ich wusste, dass er Geld für Manda ausgab, aber mir war nicht klar, dass es aus meinem Collegefonds stammte.

Mit siebentausend komme ich nicht mal ansatzweise durch das erste Semester an der Columbia University, wo allein das Studienjahr fast sechzigtausend kostet – Unterkunft, Bücher und Verpflegung nicht eingerechnet.

Manda hat großzügig angeboten, deine Studiengebühren zu zahlen, Püppchen.“

Ich kann nicht anders, als bei Dads Antwort zusammenzuzucken, nachdem ich in Tränen ausgebrochen bin, als er mir erzählt hat, wo mein Bildungsgeld geblieben ist. Er hat zu viel verdient, als dass wir für finanzielle Unterstützung infrage gekommen wären, und selbst wenn ich jetzt ein Darlehen beantrage, ist es nicht sicher, dass das Geld rechtzeitig zur Zahlung der Studiengebühren da ist. Ich hatte so hart gearbeitet, um an die Columbia zu kommen, und jetzt fühlt es sich an, als würde es mir gestohlen.

Klar, die reiche Ärztin, die jetzt meine Stiefmutter ist, wird dafür zahlen.

Aber alles, was Manda tut, hat Bedingungen.

„Jemand schmollt“, sagt eine tiefe, lauernde Stimme.

Terror-Drilling #1. Auch bekannt als Scout. Mein böser, schrecklicher, abscheulicher neuer Stiefbruder.

„Geh weg“, murmele ich und klappe meinen Laptop zu, damit er nicht sieht, wie wenig noch auf meinem Konto ist.

Er schleicht in mein Zimmer und verzieht angewidert das Gesicht bei meinem Wandschmuck. Dad nennt es Krempel. Ich nenne es Boho-Chic. Ich würde sagen, ich habe einen eklektischen Stil. Ich sammele alle möglichen lustigen, zufälligen Dinge, um meinen Raum zu meinem eigenen zu machen.

„Mom wird dir den Kopf abreißen, weil du überall Löcher in die Wände gemacht hast“, sagt Scout und lässt sich neben mich aufs Bett fallen.

Zu nah.

Mit dem hier ist es immer zu nah.

„Wo sind Arschloch zwei und drei?“, frage ich mit meinem fiesesten Lächeln. Als ob mich seine Brüder interessieren würden. Ich hasse sie alle.

„Sully ist mit Baron auf der Driving Range.“ Seine dunkelbraunen Augen verengen sich, während er auf eine Reaktion wartet. Ich gebe ihm keine.

„Dad wollte immer einen Sohn“, kontere ich. „Und schau, jetzt hat er gleich drei.“

Er schnaubt, als sei er beleidigt, Baron Elliotts Sohn genannt zu werden. „Sparrow gibt ihnen bis Ende des Jahres.“ Er grinst mich an, wölfisch und beängstigend. „Dann wird Mom ihn genauso zerstören wie ihre letzten drei Ehemänner.“

Dr. Amanda Mannford oder, wie ich sie in meinem Kopf nenne, Manda die Männerfresserin – Seriengeschiedene.

Wut steigt in mir auf, und ich muss mich zusammenreißen, um nicht auf ihn loszugehen. Ich hasse Scout, weil er immer Ärger anzettelt. Dad hat mich gebeten, mit Manda klarzukommen, was ich versuche, aber meine drei Stiefbrüder sind ein ganz anderes Thema. Alle drei sind beinahe schon psychotisch, besonders Scout.

„Dad sagt, es ist wahre Liebe“, stichele ich. „Vielleicht bekommen sie ja sogar ein Überraschungsbaby zusammen.“

Seine dunklen Augen blitzen grausam auf. „Sie liebt ihn nicht, und dich erträgt sie kaum. Außerdem sind wir Reagenzglasbabys. Mom kann nicht auf natürliche Art schwanger werden.“

„Mir egal“, murmele ich. „Hast du nicht irgendwo zu sein?“

Er fährt mit seinem Knöchel an meiner Wirbelsäule auf und ab, und ich erschaudere bei der Berührung. „Nee. Ich bin heute mit Babysitten dran.“

Ich reiße den Kopf zu ihm herum und starre ihn wütend an. In einer anderen Welt würde ich jemanden wie Scout attraktiv finden. Groß, muskulös, markantes Kinn. Seine schwarzen Haare und seine helle Haut lassen ihn wie einen Vampir aussehen. Ich hatte schon immer eine Schwäche für dunkle, gefährliche Typen. Aber mit den Terror-Drillingen stimmt etwas ganz und gar nicht. Ihnen fehlen entscheidende Eigenschaften, die Menschen normalerweise haben. In den drei Monaten, die ich mit ihnen zusammenlebe, habe ich gesehen, wie sie Dienstmädchen zum Weinen gebracht, mutwillig Sachen zerstört und mehr Mädels flachgelegt haben, als menschenmöglich ist.

„Ihr seid noch auf der Highschool“, fauche ich. „Ich gehe aufs College. Ich brauch keinen Babysitter.“

„Aber nur technisch gesehen, weil wir sitzen geblieben sind. Wir drei sind älter als du, Ash. Aber ich meinte nicht das Alter. Ich meinte, dass wir sicherstellen müssen, dass du unsere Mom nicht über den Tisch ziehst. Das erfordert ständige Überwachung.“

„Verpiss dich“, fauche ich. „Und raus aus meinem Zimmer.“

„Es gehört Mom, nicht dir“, höhnt er. „Merk dir das. Mom erinnert dich gern daran. Vielleicht sollte ich ihr von all den neuen Löchern in ihren Wänden erzählen.“

Er steht auf und streckt sich, sein T-Shirt hebt sich und zeigt seine durch Lacrosse an der Pembroke Preparatory School gestählten Bauchmuskeln. Als er merkt, dass ich hinschaue, wird sein Grinsen noch teuflischer.

„Gefällt dir, was du siehst, Schwesterchen?“ Er greift sich durch den Jeansstoff in den Schritt. „Ich könnte dir noch mehr zeigen.“

Widerlich.

Ich zeige ihm den Stinkefinger und ignoriere seine Sticheleien. Von den Drillingen ist er derjenige, der das Stalken ernst nimmt. Die anderen beiden tolerieren mich, aber er legt es gezielt darauf an, mich zu provozieren und zu piesacken.

„Na gut“, sagt er, während er zur Tür geht. „Wenn du mal Bock auf ’nen Schwanz hast, weißt du, wo du mich findest. Aber Vorsicht – Mom wird sehr, sehr wütend sein, wenn du mit ihrem Lieblingssohn fickst.“

Ich verkneife mir, meinen Laptop nach ihm zu werfen. Gerade noch. „Fahr zur Hölle, Scout.“

Sein Lachen hallt noch lange nach, nachdem er gegangen ist.

Widerling.

Tschirp. Tschirp. Tschirp.

Wie immer fängt mein Vogel Shrimp sofort wieder an, in seinem Käfig Lärm zu machen, sobald Scout weg ist. Scout ist definitiv Satans Höllenbrut, denn Shrimp hat eine Heidenangst vor ihm. Mein pinker Bourke-Sittich liebt jeden – außer meine Stiefmutter und ihre Monsterjungs. Shrimp hat ein gutes Gespür für Charaktere.

Mein Handyalarm dröhnt, und ich stöhne auf. Zeit, mich für die Arbeit fertig zu machen. Ich hasse diesen neuen Job, den ich erst seit einer Woche mache. Ich hasse meine neue Familie. Ich hasse die Tatsache, dass ich auf Manda angewiesen sein werde, um mein Studium zu bezahlen. Ich hasse einfach alles.

***

Das Halcyon Building ist still, während ich meinen Putzwagen durch die Flure schiebe. FGM Services reinigt ein paar hochklassige Gebäude in der Stadt, darunter auch dieses hier. Sie sind streng bei der Einstellung und verlangen eine Menge Erfahrung, aber weil Manda den Besitzer kennt, habe ich den Job bekommen. Einen, den ich offensichtlich brauche, seit Dad mein Collegegeld geplündert hat.

Blamier mich nicht.“

Mandas Worte hallen mir die ganze Woche schon im Kopf wider. Die Büros hier zu reinigen, ist nicht gerade Raketenwissenschaft. Tatsächlich benötigen die meisten Büros gar nicht jede Nacht eine Reinigung, aber wir tun trotzdem so, als ob.

Wie letzte Nacht.

Nachdem Dad mich zu meinem Geburtstagsessen versetzt hatte und keiner meiner Freunde etwas mit mir unternehmen wollte, habe ich meinen achtzehnten Geburtstag gestern mit einem lärmenden Vogel verbracht. Und dank Manda durfte ich an meinem gar-nicht-so-besonderen Tag auch noch arbeiten. Gestern Abend war ich genervt und verletzt. Die meisten Büros waren ziemlich sauber, also habe ich nur kurz reingeschaut, um zu sehen, ob sie nicht allzu unordentlich waren, und die Nacht eher herumgealbert.

Die Vorstellung, ein ganzes Stockwerk voller perfekter Büros zu putzen, fühlt sich überflüssig und langweilig an. Ich brauche das Geld, aber ich weiß nicht, wie lange ich das durchhalten werde.

Ich will nicht putzen.

Ich will hinter einem Schreibtisch sitzen und Zahlen wälzen. Fachsimpeln. Expansionen planen. Mein Dad ist Wirtschaftsanalyst, und genau das will ich auch werden. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass wir zusammen eine Firma gründen und leiten würden.

Mit Putzen komme ich da nicht hin.

Ich schätze, mit Manda der Männerfresserin gut auszukommen, ist im Moment meine einzige Möglichkeit.

In der nächsten Stunde rausche ich durch alle Büros, bei denen es nicht mehr zu tun gibt, als Papierkörbe zu leeren, und komme schließlich zum Büro des CEOs. Eines Tages werde ich ein Büro wie Winston Constantine haben, aber ich werde kein alter Spießer sein. Ich werde ein stylishes Boss‑Babe sein. Meine Angestellten werden mich lieben, weil ich mir vorstelle, dass ich verdammt cool sein werde. Anstatt eine langweilige Innenarchitektin zu engagieren, so wie den Roboter, der offensichtlich die Möbel und Deko für das Halcyon ausgesucht hat, werde ich alles selbst machen.

Wieder verliere ich mich in Tagträumen über meine Zukunft, die momentan immer ungewisser wirkt, während ich auf meinem Handy durch die E-Mail scrolle, um den Code für das Büro des Big Bosses zu finden. Von allen Büros ist das hier das kälteste und langweiligste. Als würde Winston Constantine, wer auch immer das ist, überhaupt nicht arbeiten, sondern den ganzen Tag nur aus dem Fenster starren.

Endlich finde ich den Code und tippe ihn ein.

Er besteht aus zwölf Zahlen, und ich brauche mehrere Versuche, bis ich reinkomme. Mit einem frustrierten Seufzer stoße ich die Tür auf und ziehe meinen Rollwagen in das dunkle Büro.

Mit dem Ellbogen drücke ich den Lichtschalter und lasse meinen Wagen in der Tür stehen, damit sie offen bleibt. Ich zupfe an dem dämlichen Uniformrock herum, den ich tragen muss, und frage mich, ob es jemand merken würde, wenn ich einfach Jeans anziehe.

Ich schnappe mir den Staubwedel und steuere schnurstracks auf das Gemälde an der Wand zu. Es ist das Beste an diesem Büro, abgesehen von dem coolen Schreibtisch, der hoch- und runterfahren kann, und den Fenstern mit Blick auf die schönsten Ecken von New York City. Ich berühre die Unterseite des Rahmens, um nach Staub zu fühlen. Wie erwartet – nicht ein Körnchen.

Gerade will ich zu den Bücherregalen gehen, als ich ein Knarren höre.

„Du sollst hier putzen und nicht nur so tun“, knurrt eine tiefe, wütende Stimme und jagt mir eine Heidenangst ein.

„Was zum Teufel, Mann?“, fauche ich, wirbele herum und lasse dabei den Staubwedel fallen. „Du kannst dich nicht einfach so anschlei…“ Ich breche ab, als ich den Mann im Schreibtischstuhl sehe.

Heilige Scheiße.

War der die ganze Zeit hier?

Verdammt gruselig!

Aber sein Aussehen ist alles andere als gruselig. Er ist auch kein Spießer, falls das hier Winston Constantine ist. Er sieht höllisch gut aus.

Älter. Makellos gekleidet in einem marineblauen Dreiteiler, der maßgeschneidert und teuer aussieht. Ein attraktives, verächtliches Grinsen auf dem Gesicht. Sein dunkelblondes Haar ist an den Seiten kürzer, oben länger, perfekt gestylt – als käme er gerade von einem Gucci-Fotoshooting oder so. Genau genug Bart, um ihm trotz seines sonst gepflegten Aussehens einen raueren Touch zu verleihen. Aber es sind seine Augen, die einen fesseln.

Dunkelblau. Intensiv. Durchdringend.

Aus irgendeinem Grund muss ich an meinen Exfreund Tate denken. Das genaue Gegenteil von diesem Mann. Sanft, süß und leichtgläubig. Tate und ich waren eine Highschool-Sache, aber sobald wir vor ein paar Wochen unseren Abschluss gemacht hatten, haben wir uns im Guten getrennt, weil wir wussten, dass wir in verschiedene Richtungen gehen würden.

Dieser Typ hier wirkt alles andere als sanft, süß oder leichtgläubig.

Er wirkt furchteinflößend.

Unverschämt heiß.

Aber trotzdem furchteinflößend.

Ich räuspere mich. „Sorry. Ich leere nur kurz Ihren Papierkorb und bin dann wieder weg.“

„Nein“, brummt er mit bedrohlicher Stimme. „Ich habe auf dich gewartet. Es wird Zeit, dass wir reden, Kleines.“