Prolog
Freitag, 20. Juli 2012
Dieses Mädchen besaß das schönste Lachen, das Thimo jemals gehört und gesehen hatte. Das glucksende Geräusch, das aus der Tiefe ihrer Seele zu kommen schien, und die Unbeschwertheit, mit der sie den Kopf in den Nacken legte, berührten etwas in seinem Inneren. Er wurde an eine Zeit erinnert, in der er genauso sorglos gewesen war, bevor das Leben kompliziert wurde. Außerdem erfüllte es ihn auf gewisse Weise mit Stolz, dieses Lachen durch etwas verursacht zu haben, was er gesagt hatte.
Die Musikkapelle stimmte das nächste Lied an. Die blechernen Blasinstrumente würden ein weiteres Gespräch in dem riesigen Festzelt schwierig machen. Musste er tatsächlich wieder mehrere Minuten warten, bevor er sich weiter mit ihr unterhalten konnte?
Sie deutete auf sein leeres Glas und sah ihn fragend an. Rasch nickte er, woraufhin sie aufstand und zum Tresen ging, um Nachschub zu holen. Thimo sah ihr nach. Das grau-rosafarbene Dirndl umschmeichelte ihre Figur. Ihre brünetten Haare waren zu einem Knoten geflochten. Wie es wohl aussehen würde, wenn sie ihr offen über den Rücken flossen?
Thimo spürte die Blicke der Gruppe von Männern in der Nähe. Einer von ihnen wirkte besonders wütend. Ob er mal mit der jungen Frau zusammen gewesen war? Seit ein paar Minuten war sie ganz offensichtlich an Thimo interessiert. Sollten die Kerle also ruhig überlegen, wie er es geschafft hatte, ihnen dieses wundervolle Mädchen vor der Nase wegzuschnappen.
„Gut, dass du uns zu diesem Fest geschleppt hast“, rief ein junger Mann mit bayerischem Akzent seinen Kumpels am Nebentisch zu. „Diese Kirmes ist super.“
Sie stießen mit ihren Biergläsern an, lachten und schäkerten mit jeder vorbeikommenden Frau. Mit jedem Schluck Alkohol wurden ihre Witze zotiger. Die Einheimischen warfen ihnen bereits ungehaltene Blicke zu.
Kirmes! Ob Thimo die Männer darauf hinweisen sollte, dass dieses Fest in Österreich Kirtag hieß? Vermutlich würden sie es nicht gut aufnehmen, wenn er ihnen erklärte, dass sie den falschen Begriff verwendeten. Es wäre ihnen wohl auch egal, wenn sie bei solchen Ausdrücken schief angeschaut würden. Hauptsache, man amüsierte sich.
Auf den Heurigenbänken um ihn herum saßen Gäste unterschiedlichen Alters. Es wurde gelacht und über die Tische hinweg gerufen, um die Musik zu übertönen. Eine Welt, die ihm als waschechtem Wiener völlig fremd war. Doch er war froh, an diesem Freitagabend nicht mit seinem Bruder und ihren gemeinsamen Kumpeln in die zwielichtige Bar gefahren zu sein, die Marc als Ziel auserkoren hatte. Und noch glücklicher schätzte sich Thimo, weil das wunderschönste Mädchen hier, das mit einem Tablett voller Biergläser bei ihm vorbeigekommen war, ihn mit einem Schwall Bier übergossen hatte.
Sein Shirt klebte an seinem Oberkörper. Der Geruch hatte sich bis in sein Gehirn vorgekämpft. Die Feuchtigkeit ließ ihn trotz der Wärme hier drinnen frösteln. Doch das Missgeschick hatte die hübsche Kellnerin dazu gebracht, zu ihm zurückzukehren und sich einfach neben ihn zu setzen.
Sie kam mit zwei Gläsern gespritztem Almdudler zurück und ließ sich wieder neben ihn fallen.
„Danke dir.“ Er lächelte ihr zu, griff nach einem Glas und prostete ihr zu. „Wie heißt du eigentlich?“, erkundigte er sich nach einem großen Schluck.
„Greta. Und du?“
„Thimo. Sehr erfreut, Greta. Wohnst du hier in Neunbach?“
Sie nickte. „Und du bist wohl nur auf der Durchreise …“
„Mit meinem Bruder und ein paar Freunden, ja. Wir wollen morgen rauf auf den Neunbachpass.“
„Da habt ihr euch aber was vorgenommen. Seid ihr für so einen Anstieg ausgerüstet?“ Das Glas in ihren Händen drehend, sah sie ihn mit einem ernsten Ausdruck in den Augen an.
„Machst du dir etwa Sorgen um mich?“, fragte er grinsend.
„Jedes Jahr gibt es Touristen, die glauben, diese Tour mit Sneakern und Ausrüstung aus dem Discounter durchzustehen. Mein Vater arbeitet bei der Bergrettung. Er setzt sein Leben aufs Spiel, weil diese ahnungslosen …“ Sie stockte und holte tief Luft. „Tut mir leid, ist ja deine Entscheidung.“
„Mein Bruder ist Profisportler. Wir wissen, was wir tun. Keine Sorge. Aber wenn du möchtest, komme ich am Sonntag vor unserer Abreise noch einmal hier vorbei, damit du dich davon überzeugen kannst, dass ich wohlauf bin.“
Endlich kehrte ihr Lächeln zurück. „Nur zu meiner Beruhigung besuchst du mich noch einmal?“
Lächelnd nickte er. „Klar. Ich kann doch nicht zulassen, dass du Albträume von Unfällen hast, die uns zugestoßen sein könnten.“
„Um sechs Uhr endet das Fest. Wenn ihr es vorher schafft, triffst du mich noch an.“
Dass sie den Vorschlag nicht rundheraus ablehnte, schenkte ihm Hoffnung, sie könne ihn ganz nett finden. Mit ihr schien das Flirten viel einfacher als sonst zu sein. Sein Bruder war der Aufreißer in der Familie. Thimo dagegen brachte in der Gegenwart von hübschen Frauen selten einen flotten Spruch über die Lippen.
„Perfekt. Ich werde dafür sorgen“, versprach er.
Sie schien erfreut. „Nur damit ich sicher sein kann, dass ihr okay seid.“
„Ja, klar. Du kannst ruhig zugeben, wenn du mich wiedersehen möchtest.“
„Ich …“ Ihre Wangen röteten sich.
Wie süß! Hatte er sie etwa sprachlos gemacht? Er gefiel ihr wohl tatsächlich. Dass er eine Chance bei ihr hatte, konnte er kaum fassen. „Bist du hin und wieder in Wien?“
Bedauern zeigte sich auf ihrem Gesicht. „Ich komme nicht besonders oft dazu. Eine Cousine von mir wohnt dort. Ich besuche sie alle paar Monate. Aber ich habe mehrere Jobs, damit ich mir bald eine Wohnung leisten und das Landleben hinter mir lassen kann.“
Das klang, als würde sie wirklich hart arbeiten. Er hatte ihr quirliges Auftreten gesehen und gedacht, ihr Leben wäre einfach. Sie wirkte dennoch nicht unzufrieden. „Ich könnte dir meine Adresse geben, damit du …“
„Ich finde dich nett, aber ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist“, unterbrach sie ihn.
„Wieso nicht? Hast du einen Freund?“
Sie lachte auf. „Nein. Denkst du, sonst würde ich hier mit dir sitzen und flirten?“
„Warum habe ich nicht gemerkt, dass du mit mir flirtest?“, zog er sie auf. „Dann bist du ganz offensichtlich genauso schlecht darin wie ich.“
Ihre Augen funkelten. „Ist es zu spät, es besser zu machen?“
„Ich habe den Rest des Abends Zeit. Vielleicht üben wir zusammen.“ Er konnte die Augen nicht von ihr abwenden. Eigentlich glaubte er nicht an Liebe auf den ersten Blick, aber so wie sein Herz gerade schlug, hatte er sich zumindest in der ersten Sekunde ihres Aufeinandertreffens in sie verguckt.
„Eine tolle Idee. Eigentlich. Aber ich sollte zurück auf meinen Posten.“ Vage deutete sie rüber zur Getränkeausgabe. Zwei Tabletts warteten darauf, von einer der Kellnerinnen verteilt zu werden.
„Bestimmt hast du das Recht, kurz Pause zu machen“, erinnerte er sie.
„Schon, aber ich sitze schon eine Weile hier bei dir. Ich sollte den anderen jetzt wirklich wieder helfen.“ Bedauern huschte über ihr Gesicht.
„Kommst du später noch einmal vorbei?“
Unsicher knabberte sie an ihrer Unterlippe. „Kannst du bis Mitternacht warten?“
„Für dich würde ich mich auch noch länger gedulden.“ Das entsprach der absoluten Wahrheit. Die Gelegenheit, noch mehr Zeit mit ihr zu verbringen, würde er sich auf keinen Fall entgehen lassen. Er versuchte sich an einem frechen Grinsen.
„In Ordnung. Dann sehen wir uns später.“ Sanft legte sie ihre Hand auf seine Schulter, als sie aufstand. Die Wärme ihrer Finger brannte sich durch den Stoff seines Shirts.
Gott, diese Frau war heiß. Irgendwie musste es ihm gelingen, sie näher kennenzulernen. Es war ihm egal, wenn er morgen früh nicht aus dem Bett kommen sollte und ihm freche Kommentare von seinen Freunden drohten. Er würde ausharren, bis sie wieder Zeit für ihn hatte.
Die nächsten zwei Stunden beobachtete er, wie sie sich zwischen den Tischen hin und her bewegte, wie sie mit den Menschen plauderte und lachte. Immer, wenn sie zufällig in seine Richtung sah, machte sein Herz einen Hüpfer.
Nur einmal verlor sie ihre Fröhlichkeit. Sie unterhielt sich mit einem Mann, der während des Gesprächs am Band ihrer Schürze zog. Ihre Schleife befand sich links, was dieser Kerl als Aufforderung zu verstehen schien, sie belästigen zu dürfen. Nach einem finsteren Blick wandte sie sich einfach um und ging davon.
Als sie kurze Zeit später endlich an Thimos Tisch zurückkehrte, erkundigte er sich nach dem Vorfall. Zuerst wiegelte sie ab, bevor sie schließlich doch von den mehrdeutigen Angeboten des Mannes berichtete.
„Und zum Schluss sagte der Typ, wenn ich mich auf seinen Schoß setzen würde, bekäme ich extra viel Trinkgeld“, schloss sie mit einem Lachen.
Ärger wallte in ihm hoch. „Wie unverschämt. Ich gehe gleich rüber zu ihm und werde ihm mal …“
Greta legte eine Hand auf seinen Unterarm. Sie kannten sich erst seit ein paar Stunden, aber es fühlte sich richtig an, dass sie ihm so nahe kam. „Schon okay. Das war noch einer der harmloseren Kommentare, die ich heute Abend gehört habe.“
„Männer sind Schweine“, sagte Thimo.
„Manchmal“, antwortete sie. „Aber ich bin froh, einem netten Kerl gegenüberzusitzen.“
„Du hast das Recht, mit Respekt behandelt zu werden. Es gibt allerdings Typen, die das gerne vergessen.“
„Vielleicht sind wir Frauen zum Teil selbst schuld“, gab sie zu bedenken. „Schließlich können wir unsere Finger nicht von den bösen Jungs lassen. Sie üben einen besonderen Reiz auf uns aus, weil sie sich nicht an Regeln halten. Wir sollten uns nicht wundern, wenn sie sich uns gegenüber manchmal grob verhalten.“
Leider wusste er nur zu genau, wovon sie sprach. Sein Bruder war einer dieser schlimmen Jungs. Marc war der Meinung, Frauen seien nur zu seinem Vergnügen auf dieser Welt. Er nahm sich, was er wollte, und verschwand danach einfach wieder. Und dennoch waren die Frauen von seiner raubeinigen Art hin und weg.
Thimo hingegen wurde neben seinem Bruder kaum bemerkt. Dabei würde er sich selbst als einen der Guten bezeichnen. Der richtigen Frau würde er niemals einen Grund geben, an seiner Liebe zu zweifeln. Die richtige Frau … Wieso erzählte er sich das selbst. Greta sollte das hören.
„Ich bin ein Netter“, stellte er klar und suchte Gretas Blick. „Brav, aber nicht langweilig. Die ideale Mischung aus allem, was man sich wünschen kann.“
„Soso. Vielleicht auch noch statistisch bewiesen? Hast du dafür extra Daten zusammengetragen?“ Ihre Augen blitzten amüsiert auf.
Eifrig nickte er und bemühte sich um eine ernste Miene. „Ich habe unzählige Frauen befragt. Deine Meinung werde ich natürlich auch auswerten. Das geht allerdings erst nach einem richtigen Date.“
„So lange will ich nicht warten“, gab sie zurück.
Verweigerte sie ihm eine Verabredung? Hatte sie sich bereits ein Urteil über ihn gebildet? Was genau sollte ihr Kommentar bedeuten. „Aber …“
Ohne Vorwarnung beugte sie sich zu ihm und küsste ihn. Ihre Lippen berührten seine mit sanftem Druck. Dann lehnte sie sich wieder zurück, um ihm in die Augen zu schauen.
Perplex starrte er sie an. Der Kuss hatte ihn überrumpelt. Er war zu schnell vorbeigewesen. Gerade deshalb hatte Thimo noch nicht genug. Sanft legte er ihr die Hände ums Gesicht, um ihre Lippen noch einmal einzufangen, doch sie stand auf.
„Nicht hier.“ Ungeduldig zog sie ihn hoch.
Kurzzeitig hatte er die Menschen vergessen, die mit ihnen im Zelt saßen. Denen mussten sie wirklich keine Show bieten. Sein Gesicht wurde heiß. Perplex stolperte er hinter ihr her.
„Ich habe unsere letzten Getränke noch nicht bezahlt“, erinnerte er sie.
„Darum kümmere ich mich morgen bei der Nachbesprechung. Jetzt komm mit.“ Über ihre Schulter warf sie ihm einen beruhigenden Blick zu.
Eilig verließen sie das Zelt und liefen dann ein paar Meter die Straße entlang, bis der Lärm nicht mehr zu ihnen drang. Im Schatten einer Wand blieb Greta schließlich stehen. Links und rechts von der Straße parkten Autos, doch im Augenblick waren sie alleine. Das Licht der Straßenlaternen erfasste sie nicht, weshalb er hoffte, dass sie eine Zeit lang ungestört blieben.
Ungeduldig drängte er sie rückwärts, bis sie gegen die Mauer stieß, legte seine Hände um ihr Gesicht und knabberte an ihrer Unterlippe. Seine Zunge bahnte sich den Weg zwischen ihre Lippen. Sein Körper jubilierte, als sie den Mund leicht öffnete. Er genoss es, wie sie leise stöhnte, als ihre Zungen sich berührten, wie sie sich an ihn presste, um ihm noch näher zu sein. Erregung kochte in ihm hoch und brüllte, dass er mehr davon brauchte.
Als ihre Hände über seinen Oberkörper strichen, erhitzte sich sein Körper weiter. Er wollte ihre Finger auf seiner nackten Haut spüren. Alles in ihm drängte darauf, sie aus diesem verführerischen Dirndl zu bekommen. Deshalb machte er schwer atmend einen Schritt zurück. Immer schön langsam. Seine Alarmglocken schrillten, dass er Vernunft zeigen musste. Er war schließlich ein Gentleman.
„Sag, dass du mich in Wien besuchen wirst“, bat er und holte tief Luft, um seinen Puls zu beruhigen. „Vielleicht kannst du nächstes Wochenende kommen. Neunbach ist nur zwei Stunden von Wien entfernt. Wir könnten einen Tag zusammen verbringen, und ich zeige dir die Stadt. Wenn du magst, kann ich mich auch ins Auto setzen und herkommen.“
„Wir werden sehen.“ Sie zog seinen Kopf zu sich, um ihn zu küssen. Es wirkte nicht, als wolle sie sich weiter Zeit lassen und ihre Bekanntschaft auf die Zukunft vorbereiten. Warum sollte er sich darüber beschweren.
Seine Hände verselbstständigten sich und fuhren von ihrer Taille hoch. Knapp unter ihren Brüsten hielt er inne. Der Ausschnitt der Dirndlbluse hatte ihn bereits zuvor in Versuchung geführt. Er konnte das schnelle Klopfen ihres Herzens spüren, als er einen Arm hob und mit den Knöcheln über die zarte entblößte Haut strich. Ihr Kuss wurde stürmischer.
„Warte, Greta“, bat er außer Atem, legte seine Wange an ihre. „Vielleicht sollten wir das nicht überhasten …“
Atemlos lachte sie. „Gott, bist du süß. Es ist in Ordnung. Ich will dich. Du scheinst mich auch zu wollen … oder täusche ich mich?“
Aufgewühlt starrte er sie an und schüttelte den Kopf. Sollte sie wirklich vorschlagen, dass sie beide …? Ging das nicht zu schnell? Normalerweise führte er Frauen mehrmals aus, begnügte sich mit einem Gute-Nacht-Kuss zum Abschied, nahm sich Zeit, sein Gegenüber näher kennenzulernen. Bisher hatte er etwas länger gebraucht, um eine Verbindung zu seinem Gegenüber aufzubauen. Aber Greta hatte ihn vom ersten Augenblick an in ihren Bann gezogen.
„Natürlich“, antwortete er schließlich. „Aber bist du dir wirklich sicher?“
Mit einem frechen Grinsen nickte sie. „Ich glaube, dass das zwischen uns nichts Fixes werden kann. Eine Fernbeziehung ist nicht mein Ding. Trotzdem fühle ich mich zu dir hingezogen. Warum also nicht ein wenig unbeschwert sein?“
Ihre Worte trafen ihn. Tief in seinem Inneren hatte er auf mehr gehofft. „Warum sollten wir nicht zusammen sein, wenn wir uns mögen? Die Entfernung stellt kein echtes Problem dar. Ich kann dich besuchen. Und wenn wir merken, dass es nicht reicht, uns in unregelmäßigen Abständen zu sehen, könnte einer von uns umziehen. Lass uns doch einfach sehen, was passiert.“
Während sie den Kopf schüttelte, verlor ihr Lächeln etwas an Strahlkraft. Ihr Körper presste sich immer noch an ihn. „Gerade bin ich nicht auf der Suche nach einer Beziehung. Ich bin zwanzig, versuche mir gerade den Traum von einem eigenen Laden zu verwirklichen. Keine Ahnung, wohin mich der Wind treibt. Erst mal kann ich dir lediglich diese eine Nacht anbieten.“
Er wollte widersprechen, ihr sagen, dass es ihm nicht reichte, dass er sich Hals über Kopf in sie verliebt hatte, dass sie die Richtige sein könnte. Stattdessen beugte er sich vor und küsste sie, versuchte ihr seine Gefühle mit einer sanften Berührung seiner Lippen mitzuteilen.
Greta vertiefte den Kuss viel zu schnell. Das Begehren ließ ihn seine Gegenargumente vergessen. Schließlich sah sie keuchend zu ihm auf. Ihre Pupillen waren geweitet, die Wangen gerötet.
„Wir haben nur ein wenig Spaß, okay? Keine Komplikationen, keine Ansprüche.“ Forschend betrachtete sie sein Gesicht.
Langsam nickte er. Wenn es das war, was sie wollte, sollte sie es bekommen. Erst mal. Vielleicht spürte sie den Zauber auch noch. Sollte sie ihre Meinung dann ändern, würde er alles Nötige möglich machen.
Erneut küsste sie ihn, drückte sich noch enger an ihn. „Dann lass uns von hier verschwinden“, murmelte sie atemlos an seinen Lippen.
„Ich wohne in einem Hotel hier ganz in der Nähe“, bot er schnell an.
„Wir sollen zu dir?“, fragte sie zweifelnd. „Bedeutet das nicht schon mehr Komplikationen, als es sollte?“
„Das ist in Ordnung für mich … Verdammt! Meine Freunde könnten schon zurück in unserem gemeinsamen Zimmer sein.“ Gott sei Dank hatte er rechtzeitig daran gedacht.
Ihre Hand schob sich an seinem Rücken hinunter. Sie massierte seinen Po. „Zu schade. Was dann? Rückbank deines Autos?“
Sein Gehirn funktionierte offensichtlich nicht mehr so tadellos, wie es sollte. Es fiel ihm schwer, vernünftige Argumente zu finden, wenn das Blut in seinem Körper mit etwas anderem beschäftigt war. „Nein, ich bin zu Fuß hergekommen.“
Ihre Nasenspitze krauste sich. „Du kannst nicht mit zu mir. Meine Familie hört, wenn ich nach Hause komme.“
Vielleicht wollte ihnen das Schicksal einen Wink geben. Möglicherweise sollten sie der Anziehungskraft zwischen sich eine Chance geben und sich mit ihrem spontan geplanten Vorhaben noch etwas Zeit lassen.
„Unter Umständen ist das …“, begann er.
„Ich habe eine Idee!“, unterbrach sie ihn und zog ihn mit sich. „Du nimmst einfach ein zweites Zimmer in dem Hotel.“
Er hatte keine Ahnung, weshalb er ihr nicht Einhalt gebot oder wieso er nicht in der Lage war, ihr zu widersprechen. Sie hatte irgendetwas an sich, das ihn willenlos machte. Vermutlich war ihr Zauber ihm direkt ins Gehirn gekrochen. Anders konnte er sich nicht erklären, warum er kurz darauf an der Rezeption stand und um ein Zimmer bat, das im Erdgeschoss lag.
Es war nur eines mit einfacher Ausstattung verfügbar, aber das spielte für ihn keine Rolle. Die neugierigen Blicke des Rezeptionisten ignorierte er.
Sobald er das Zimmer gefunden hatte, öffnete er die Terrassentür und lauschte in den Garten. Die Geräusche des Festes drangen zu ihm, doch es schien sonst niemand in der Nähe zu sein. Der Mond befand sich in der zunehmenden Phase, trotzdem konnte Thimo draußen keine Details erkennen. Ob es Greta gelungen war, sich auf das Grundstück des Hotels zu schleichen?
In einem Busch ganz in der Nähe raschelte es. Er hielt den Atem an und trat nah an das Geländer.
„Greta?“, flüsterte er.
Ein leiser Fluch war zu hören. Das Rascheln verstärkte sich. Dann drängte sich Greta durch die Zweige des Busches. Ihre Miene wirkte angestrengt, doch in ihrem Blick funkelte der Schalk.
„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich besorgt.
„Ja, klar. Ich habe bloß vergessen, dass sich dieses Dirndl nicht für Wanderabenteuer eignet.“
Sie grinste übermütig, als er ihr über das Geländer half. Ihre Augen blitzten und ihre Wangen hatten sich gerötet. Sie schien diese Heimlichkeit von ganzem Herzen zu genießen.
In diesem Moment eroberte sie einen Teil seines Herzens. Sie war eine lebenslustige, herzliche, selbstbewusste junge Frau. Er hoffte, dass das Schicksal ihr niemals Steine in den Weg legen würde, um ihren Geist zu brechen. Egal was sie sich in den Kopf setzte, er würde sie nicht bremsen. Wenn sie nur zuließe, dass er sie in Zukunft vor den dunklen Seiten des Lebens beschützte!
Immer noch ein Lächeln auf den Lippen trat sie vor ihn und schlang ihm die Arme um den Hals. „Wo waren wir vorhin stehen geblieben?“, fragte sie.
Dann küsste sie ihn und drängte ihn ins Zimmer zurück. Er wurde von ihrer stürmischen Eile förmlich überrollt. Jeder Gedanke an die Planung einer Zukunft wurde von Verlangen ausgelöscht. Wieso sich zu viele Sorgen machen, wenn die Gegenwart so berauschend war?
Sonntag, 22. Juli 2012
Er hatte gedacht, jetzt, mit fünfundzwanzig, wäre er bei Dates nicht mehr nervös. Doch der Gedanke, Greta gleich wiederzusehen, ließ ihn ganz kribbelig werden.
Bevor er aus dem Hotelzimmer trat, blieb er stehen und klopfte seine Hosentaschen ab. Wo war nur sein Schlüssel? Unter Umständen sollte er auch seine Geldbörse mitnehmen, wenn er sie auf ein Getränk einladen wollte.
Nachdem er das Zimmer auf den Kopf gestellt hatte, fand er Schlüssel und Geldbörse in dem Rucksack, der neben der Tür hing. Endlich konnte er sich auf den Weg zu Greta machen. Er verließ das Hotel und ging durch den Ort zu dem Zelt, in dem der Kirtag stattfand. Sein Bruder und seine Freunde waren bereits vorgegangen, weil Thimo unbedingt noch unter die Dusche gewollt hatte. Während er die Straße entlangmarschierte, wurde die Musik der Blaskapelle immer lauter.
Hoffentlich konnte sie sich ein wenig Zeit nehmen, selbst wenn sie kellnern musste. Obwohl er sich freuen würde, sie auch nur zu beobachten, wollte er sich mit ihr unterhalten, sie küssen, ihr sagen, was er begonnen hatte, für sie zu empfinden.
Ihre gemeinsame Nacht war … Es gab kein Wort, das sie treffend beschreiben konnte. Noch niemals hatte er so etwas Intensives, Magisches, Aufregendes erlebt. Mit Greta zu schlafen, war heiß gewesen, leidenschaftlich, atemberaubend. Jede Sekunde davon hatte sich in seine Erinnerung eingebrannt. Es war mehr gewesen als Sex. Es hatte sich angefühlt wie der Beginn von etwas Großem. Am nächsten Morgen war sie verschwunden gewesen, sonst hätte er ihr sofort gesagt, dass er sie unbedingt wiedersehen musste, und er alles dafür tun würde, damit es funktionierte.
Thimo und sein Bruder waren ein untrennbares Team. Ihre Jugend hatte sie zusammengeschweißt, weshalb sie seit Ewigkeiten aufeinander aufpassten. Als Mechaniker kümmerte sich Thimo um den Rallyewagen, den Marc fuhr. Ihr Traum war es, gemeinsam in die Formel 1 zu wechseln. Ein Team war bereits auf Marcs Fahrertalent aufmerksam geworden. Sie standen kurz davor, ihr eigentliches Ziel zu erreichen. Doch auf einmal hatte dieser Traum für Thimo seinen Reiz verloren. Er würde seinen Job kündigen, zu Greta ziehen und sein Geld in einer kleinen Werkstatt verdienen, wenn sie das wollte. Wenn sie sich für ihn entschied. Dies hier war der Moment, der sein Leben für immer verändern könnte.
Mit Marc hatte Thimo noch nicht über das gesprochen, was ihn beschäftigte. Er hatte die Begegnung mit Greta mit keinem Wort erwähnt, hatte die Überlegungen in seinem Kopf gewälzt, hatte sich nicht von seinem Bruder beeinflussen lassen wollen. Wenn seine Pläne für Greta genauso wunderbar klangen wie für ihn, würde er noch heute reinen Tisch machen.
Endlich kam das Zelt in Sicht, in dem die Leute feierten. Er konnte neben der Musik auch Lachen und das Gewirr vieler Stimmen ausmachen. Sobald er das Zelt betrat, sah er sich nach Greta um.
Die Tische in seiner Nähe waren gut gefüllt. Nur wenige Plätze waren nicht besetzt. Menschen schoben sich durch die Reihen dazwischen. Thimo entdeckte einige Kellnerinnen mit schwer beladenen Tabletts. Doch Greta war weit und breit nicht zu sehen. Er ging am Rand des Zeltes entlang weiter nach hinten. Auch dort konnte er sie zwischen den Tischen nicht ausmachen.
Sein Herz klopfte inzwischen vor Aufregung so heftig, dass er Mühe mit dem Atmen hatte. Er wischte sich die feuchten Handinnenflächen an seiner Hose ab und blieb stehen. Ein irritiertes Kribbeln setzte sich in seinem Nacken fest. Hatten sich ihre Pläne geändert? War sie heute gar nicht hier?
Die Musikkapelle beendete ihr Lied. In der plötzlichen Pause des Blechgedudels hörte man die Stimmen der Gäste überlaut. Und dann vernahm er über dem Geschrei hinweg ein Lachen, das er überall wiedererkennen würde. Sein Herz machte einen Hüpfer.
Anscheinend hielt sich Greta im Barbereich neben dem Ausschank auf. Einige Gäste versperrten ihm die Sicht, als er sich dorthin vorarbeitete. Endlich trat ein Mann zur Seite, sodass Thimo Greta entdecken konnte.
Sie lachte immer noch, unterhielt sich mit jemandem neben sich, vor dem zu viele Menschen standen, als dass Thimo ihn hätte ausmachen können.
Wie hübsch sie war, dachte er, während er sich durch die Menge schlängelte. Heute trug sie das Haar offen. Die brünetten Locken waren etwas länger als schulterlang, umschmeichelten ihr Gesicht. Zu gern würde er sie wie einen Fächer ausgebreitet auf dem Kissen sehen. Er wollte dieses amüsierte Strahlen in ihren Augen entdecken, sich zu ihr beugen und ihr das Lächeln von den Lippen küssen.
Hals über Kopf hatte er sich in diese wundervolle Frau verliebt. Das würde er nach diesem Tag auch jedem erzählen, der es hören wollte.
Nur noch ein paar Schritte, dann wäre er bei ihr angelangt. Er beobachtete, wie sie die Hand hob und sie auf den Oberarm der Person legte, die sich neben ihr befand. Einen sehr kräftigen männlichen Oberarm. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht veränderte sich, zeigte eine Emotion, die keinen Zweifel an Gretas Interesse an ihrem Gegenüber ließ. Flirtete sie gerade mit jemandem?
Thimos Magen verwandelte sich in einen Klumpen. Sie hatte doch gesagt, sie habe keinen Freund. Dennoch fühlte sie sich ganz offensichtlich zu dem Mann neben sich hingezogen und genoss es, ihn zu berühren. Das konnte nicht sein. Bestimmt gab es eine ganz einfache Erklärung.
Nach einem weiteren Schritt vorwärts konnte er endlich einen Blick auf den Kerl werfen, den sie so anhimmelte. Mitten in der Bewegung hielt Thimo inne und wurde von einer Kellnerin angerempelt, die sein Anhalten überrascht hatte. Aus den Augenwinkeln hatte er sie bemerkt, doch er war wie erstarrt. Schockiert war er nicht in der Lage, dem Zusammenstoß auszuweichen. Sein Blick huschte zurück zu Greta.
Sie und Marc standen immer noch an der Bar.
Ihre Hand strich über seinen Oberarm.
Thimos Bruder trat näher an sie heran, flüsterte ihr etwas ins Ohr und sah sie an, als würde er gerne an Ort und Stelle über sie herfallen.
Und ihr gefiel dieses Bad Boy-Gehabe.
Die Enttäuschung ließ Thimos Herz zu Eis erstarren. Greta hatte sich innerhalb weniger Minuten in sein Herz gestohlen. Für sie hätte er sein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt. Doch nun fiel sie auf einen Herzensbrecher wie Marc herein, sobald Thimo ihr den Rücken zuwandte. Wie konnte er sich nur so in dem täuschen, was sich zwischen ihnen entwickelt hatte?
Thimo überlegte, ob er sich davonschleichen sollte. Noch hatten ihn weder Greta und Marc noch einer seiner Freunde, die sich neben dem Paar an eine Gruppe Frauen herangemacht hatten, entdeckt. Wenn sich Thimo jetzt umdrehte, könnte er ins Hotel zurückkehren und behaupten, doch keine Lust gehabt zu haben, diesen Kirtag zu besuchen.
So leicht wollte er Greta jedoch nicht davonkommen lassen. Sie hatte sich für den heutigen Tag mit ihm verabredet. Auch wenn sie nach eigener Aussage nur auf Spaß aus gewesen war, hatte sie mit ihm geschlafen. Wollte sie jetzt lieber Zeit mit Marc verbringen, dann musste sie das Thimo schon ins Gesicht sagen.
Eine ahnungslose Miene aufzusetzen, fiel ihm schrecklich schwer. Je weiter er seine Mundwinkel anhob, umso mehr schmerzte sein Herz. Er war bemüht, sich davon nichts anmerken zu lassen. Auch in Zukunft wäre er der Bruder, den Marc brauchte. Künftig würde er sich Marc weiterhin nicht in den Weg stellen und ihn unterstützen, wie er es immer tat. Doch zum ersten Mal hasste er die Rolle, die zu ihm gehörte wie dröhnende Motoren zum Rennsport.
„Hallo, alle zusammen“, sagte er, als er schließlich zu Greta und Marc trat. Zum Glück klang seine Stimme ruhig und unerschüttert.
Seine Kumpel begrüßten ihn mit einem Grölen und wandten sich dann wieder ihren Begleitungen zu.
Gretas Wangen röteten sich, als sie ihn entdeckte. „Hallo Thimo.“
Marc grinste und klopfte ihm auf die Schulter. Er sah von Thimo zu Greta und wieder zurück. „Ihr kennt euch schon? Wann hast du meinen Bruder getroffen, Greta?“
Nun wirkte sie schockiert. „Bruder?“
Vielleicht sah sie die Ähnlichkeit jetzt, nachdem sie Seite an Seite standen. Die schmale Nase, die tiefliegenden dunklen Augen, das kantige Kinn. Auch wenn Thimos Haar dunkelblond und Marcs schwarz war, trugen sie es ungefähr gleich lang und hatten beide einen Bart. Das verstärkte die Familienähnlichkeit zusätzlich.
„Thimo ist mein kleiner Bruder.“ Marc stieß Thimo mit der Schulter an. „Anscheinend hat er Geheimnisse vor mir. Wo seid ihr euch über den Weg gelaufen?“
„Wir … ich …“ Mit geweiteten Augen suchte sie nach Worten.
„Ich war am Freitagabend hier“, berichtete Thimo. „Ihr wolltet ja in diesen Laden. Währenddessen habe ich mir etwas zu Essen geholt. Greta dachte, ich würde bestimmt auch gerne etwas trinken. Darum hat sie mir Bier aufs Shirt geschüttet. Und dann …“
„Ja?“, fragte Marc, als Thimo stoppte.
Sekundenlang hielt Thimo Gretas Blick fest. Er ließ sie zappeln und wartete ab, ob sie eingreifen würde. Dachte sie, er wäre in der Lage, sie absichtlich in Verlegenheit zu bringen?
„Und dann hat sie mich als Wiedergutmachung eingeladen“, fuhr er fort. „Wir haben uns unterhalten und für heute verabredet. Aber mir scheint, dein Auftauchen hat ihre Prioritäten verändert.“
Trocken lachte Marc auf. „Tut mir leid, Bruderherz. Mein Charme ist unwiderstehlich. Oder irre ich mich da?“ Er wandte sich der Frau zu, die sie beide begehrenswert fanden.
Greta und Marc sahen sich in die Augen. Die Luft schien Funken zu sprühen, als Marc die Hand ausstreckte und mit dem Daumen über ihre Wange strich. Ihre Pupillen weiteten sich. Sie schien wie gefangen von seiner Präsenz. Deutlicher hätte sie nicht zeigen können, wie fasziniert sie war.
Hals über Kopf hatte sie sich verliebt. Aber ganz eindeutig in den falschen Bruder.
„Dann will ich euch nicht stören“, murmelte Thimo. „Ich brauche jetzt ohnehin etwas zu trinken.“ Mit schmerzendem Herzen stellte er sich hinter Marc an die Bar und bestellte ein Bier.
„Thimo … warte …“, murmelte Greta.
Wie sehr er wünschte, ihre Stimme würde ihn nicht an das erinnern, was er erhofft hatte. „Noch was vergessen?“, erkundigte er sich kühl und drehte sich zu ihr um.
„Es …“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Es tut mir leid.“
„Schon okay. War ja kein Date, das wir vereinbart hatten. Nur eine lockere Verabredung. Frauen stehen nun mal auf die bösen Jungs.“
Mit flehendem Gesichtsausdruck machte sie einen Schritt auf ihn zu, doch Marc legte ihr einen Arm um die Schulter und zog sie an seine Seite.
„Ist doch kein Problem, wenn ich dir Greta entführe, oder?“, fragte er.
Thimo wusste, Marc würde sich nicht auf Greta einlassen, wenn er jetzt andeutete, auf sie zu stehen. Deshalb war er drauf und dran zuzugeben, dass es ihn störte, doch dann flog sein Blick zu Greta. Sie schien sich an Marcs Seite mehr als wohlzufühlen. Obwohl sie gerade noch zerrissen gewirkt hatte, lag ihre Hand jetzt auf seiner Brust und sie sah mit Bewunderung zu Marc auf. Greta hatte ihre Entscheidung bereits getroffen. Mehr hatte Thimo nicht zu interessieren.
„Nein. Kein Problem. Ich wünsche euch viel Spaß.“ Hastig wandte er sich ab. Die beiden zusammen zu beobachten, täte zu sehr weh. Wie es aussah, würde ihm der Anblick in Zukunft vielleicht das eine oder andere Mal ohnehin nicht erspart bleiben.
1. Kapitel
Donnerstag, 1. Juni 2017, fünf Jahre später
„Sieh dir diesen Artikel an! Das kann nicht wahr sein“, beschwerte sich Marc und knallte die Zeitung vor Greta auf den Tisch.
Anscheinend kam sie nicht dazu, ihr Müsli fertig zu essen. Dabei war sie bereits spät dran. Sie zwang sich, nicht zu der Wanduhr in ihrer Küche zu schielen. Wann immer sich Marc dazu entschloss, bei ihr zu übernachten, geriet ihre Routine gehörig durcheinander. Trotzdem freute sie sich, nach dem Aufwachen zuerst sein Gesicht zu sehen. Das kam ohnehin viel zu selten vor.
Sie schob ihre Kaffeetasse auf die Seite, bevor sie das Foto betrachtete, das sich neben dem Artikel befand, über den sich Marc echauffierte. Als Erstes fiel ihr Marc ins Auge, der in einer Ecke des Bildes mit einer Frau sprach. Da er ihr gerade eine Haarsträhne hinters Ohr strich und sie errötend den Blick gesenkt hatte, unterhielten sie sich in dem Moment wohl nicht über das Wetter.
„Du hast mir gar nicht gesagt, dass du am Wochenende auf einer Party warst“, sagte Greta.
Marc machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das hat sich kurzfristig ergeben. Eine Privatparty in Monte Carlo lässt man sich nicht entgegen. Mir war allerdings nicht bewusst, dass sich Presseleute eingeschlichen hatten. Und für wen interessieren die sich? Natürlich nur für Frederick, diesen geschniegelten Widerling. Als hätte Amber Heart Racing nicht zwei gute Fahrer zu bieten.“
Die Schimpftirade war nicht neu. Im Augenblick wollte sie sich allerdings weder über Frederick Aigner unterhalten noch Marc beruhigen. Viel lieber würde sie klären, was mit dieser Frau gelaufen war, mit der Marc ganz offensichtlich geflirtet hatte. „Wo war denn diese Privatparty?“
„Ein Sponsor von Amber Heart Racing hat uns in sein Hotelzimmer eingeladen“, berichtete er beiläufig.
Das, was man auf dem Foto erkannte, sah nicht aus wie ein normales Hotelzimmer. Ganz offensichtlich hatte es sich um eine sündhaft teure Suite gehandelt. Mit einem Schlafzimmer, in das man sich zurückziehen konnte, wenn man Privatsphäre wünschte, während nebenan weiter gefeiert wurde.
Gretas Herz schlug schmerzhaft in ihrer Brust. Bilder von Marc und der anderen Frau rasten an ihrem inneren Auge vorbei, während sie sich vorstellte, was die beiden miteinander geteilt hatten. Greta konnte diese Fantasie nicht stoppen, während die Luft hier im Raum knapp wurde. Dieses Chaos in ihrem Körper kannte sie inzwischen zu genau. Es war wie immer, wenn er sich mit einer anderen traf. Und dennoch wurde es jedes Mal schwerer, den Druck auszuhalten.
„Wie viele Leute haben an dieser Feier teilgenommen?“, erkundigte sie sich nach ein paar Sekunden, um irgendwie zu reagieren und um die Situation in der Hotelsuite einschätzen zu können.
Aufgebraucht sprang Marc auf. „Keine Ahnung. Gruber, Frederick, drei oder vier Mitglieder des Teams und ich. Wir wollten die guten Platzierungen feiern. Der Sohn des Sponsors war ganz aus dem Häuschen, uns kennenzulernen. Vermutlich hat er dafür gesorgt, dass Bilder geschossen werden und sein Name neben unseren in der Zeitung steht.“
Greta versuchte ihre Eifersucht niederzukämpfen und nur an das zu denken, was in diesem Augenblick sicher war. Gar nicht so leicht, wenn sie Marc am liebsten schütteln und zur Rede stellen wollte. Doch noch wusste sie nicht, wie weit er mit der Frau gegangen war.
„Dann ist der Sohn des Sponsors wohl ein großer Fan“, schlussfolgerte sie, als Marc die Augen zusammenkniff und sie abwartend beobachtete.
„Er ist keine zwanzig. Vermutlich interessiert er sich nächste Woche fürs Pokern. Dann wird ihn sein Daddy bei einem Profiturnier einkaufen.“ Aufgebracht lief er vor dem Küchentisch auf und ab und schien nicht glücklich, dass sie ihn nicht ausreichend bemitleidete. „Unser Team hat zwei Fahrer. Wir haben beide eine respektable Leistung abgeliefert. Warum stürzen sich die Journalisten trotzdem immer auf Frederick?“
„Weil er gut aussieht“, meinte sie beiläufig. Genauso wie die Frau neben Marc. Ihr Blick wanderte wieder zur Zeitung und sie wünschte sich, die Fremde hätte sich an Frederick rangemacht.
„Wie bitte?“ Seine Frage durchschnitt die plötzlich eisige Luft.
Noch in ihrer Eifersucht gefangen sah sie hoch. „Frederick ist Model. Hauptberuflich, wie es scheint. Er weiß, wie man sich in Szene setzt. Aber du bist natürlich viel attraktiver.“
„Unsinn! Dieser Junge hat bloß etwas weniger Jahre als ich auf dem Buckel“, brummte Marc. „Er ist jung in dieses Business gestolpert. Aufpolierter Modeschmuck, der im Scheinwerferlicht funkelt, aber an Strahlkraft verlieren wird, wenn er erst mal die Dunkelheit der Bedeutungslosigkeit kennenlernt. Ich musste hart kämpfen, habe nichts geschenkt bekommen und konnte dadurch wertvolle Erfahrungen sammeln. Doch er grinst einmal frech in die Kamera und alle halten ihn für den nächsten Michael Schumacher.“
Als Marc bei seiner ruhelosen Wanderung durch den Raum an ihr vorbeikam, griff sie nach seinem Arm und hielt ihn auf. „Du solltest dich nicht über ihn aufregen. Mach weiter das, was du am besten kannst. Niemand bezweifelt, dass du ein großartiger Fahrer bist. Wenn du dich nicht von ihm ablenken lässt …“
„Ich bin nicht abgelenkt!“ Seine Augen funkelten, als er auf sie nieder sah.
„Marc …“
Wütend riss er sich von ihr los und stapfte ins Wohnzimmer. Dort trat er auf den Balkon hinaus.
Greta folgte ihm, nachdem sie Olivia auf dem Handy eine kurze Nachricht getippt hatte. Ihre Angestellte würde das Geschäft heute alleine aufschließen müssen. Marc brauchte ihre Hilfe, um den Fokus nicht zu verlieren. In solchen Situationen musste ihr Job warten. Da es sich bei Olivia gleichzeitig auch um ihre beste Freundin handelte, konnte Greta auf Verständnis hoffen. Obwohl ihre Gedanken mit der Frau auf dem Foto in der Zeitung beschäftigt waren, überlegte sie, wie sie Marc aufmuntern konnte.
Innerlich seufzend trat sie neben ihn auf den Balkon. Der Muskel an seinem Kiefer zuckte, während er reglos auf den kleinen Spielplatz vor Gretas Wohnanlage starrte.
Ein kurzer Stich in ihrer Herzgegend erinnerte sie daran, wie wichtig ihr eine eigene Familie war. Ob Marc sich ebenfalls Kinder wünschte? Seit fünf Jahren verbrachten sie Zeit miteinander, hatten eine lockere Affäre, weil Marc das Wort Beziehung hasste. Sie gingen regelmäßig miteinander ins Bett und trotzdem gab es so vieles, was Greta nicht über ihn wusste. Wann immer sie versuchte, eine emotionale Verbindung zu ihm aufzubauen oder ihm Geheimnisse zu entlocken, lenkte er sie ab. Üblicherweise reichte dazu leider meist schon ein Kuss, der sie vergessen ließ, worum ihr Gespräch sich gedreht hatte.
Fünf lange Jahre hielt sie nun schon zu ihm und unterstützte seine Karriere aus vollem Herzen. In dieser Zeit war es ihr nicht gelungen, sich seine Liebe zu sichern. Sie würde alles tun, um immer an seiner Seite zu sein. Dazu war sie gewillt, sich ganz auf ihn einzulassen, über seine Fehler hinwegzusehen und ihm seine Freiheiten zu gewähren. Dass sie dazu bereit war, ihn an erste Stelle zu setzen, hatte sie schon bewiesen, als sie für ihn kurz nach ihrem Kennenlernen nach Wien gezogen war. Von Anfang an hatte er in ihr ein Feuer entzündet, das nur neben ihm brannte. An seiner Seite fühlte sie eine Lebendigkeit, nach der sie sich zu lange gesehnt hatte. Sein Selbstbewusstsein, seine Direktheit und seine Rauheit bildeten eine Mischung, nach der sie süchtig geworden war.
Seit fünf Jahren hatte sie alles dafür getan, um ihm nahe zu sein. Er hatte ihr keine Versprechungen machen müssen. Die Aussicht, zumindest vorübergehend seine Partnerin sein zu dürfen, war genug Anreiz gewesen, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und ihre eigenen Pläne erst mal auf Eis zu legen. Sie hatte viel für ihn in Kauf genommen. Manchmal fragte sie sich, ob ihm das überhaupt bewusst war.
Liebe zu ihm brannte sich in ihr Herz, als sie sich an seinen Rücken schmiegte. „Gruber wird schon noch erkennen, was er an dir hat“, murmelte sie.
„Darauf zu warten, habe ich satt, Greta. Ich will endlich gesehen werden!“
Die Sehnsucht in seiner Stimme erschütterte sie. Mit ihren Armen umschlang sie ihn und drückte ihn fest an sich. „Ich sehe dich.“
Er schnaubte nur.
Dieser Laut verletzte sie mehr, als er sollte. Sie trat von Marc zurück. Ihr Herz wurde zu einem Eisklumpen. Mit dieser Reaktion zeigte Marc sehr deutlich, wie unwichtig sie für ihn war. Dass sie für ihn keine Priorität hatte, war schon zu Beginn ihres Arrangements deutlich geworden. Selbst ihre Meinung hatte für ihn nicht wirklich Bedeutung. Dennoch wollte sie nicht aufgeben. Auf das Feuer, das er in ihr entzündete, wollte sie nicht verzichten.
Eigentlich befanden sich Marc und sie in der gleichen Situation. Sie beide wünschten sich, von jemand anderem respektiert zu werden. Marc sehnte sich nach der Wertschätzung seines Bosses. Greta wollte von Marc respektiert werden. Bemerkte er nicht, dass sein Verhalten nicht besser war als das der Leute, die er anprangerte?
Auch wenn sie wusste, dass er nicht erfreut sein würde, stellte sie nun endlich die Fragen, die ihr auf der Seele brannten. „Was war mit dieser Frau in Monte Carlo? Hast du mit ihr geschlafen?“
„Was hat denn das jetzt mit meinem Problem zu tun?“, fragte er wütend.
Der Klumpen um ihr Herz wurde enger und enger. Wieso ging es immer nur um ihn? „Ich will wissen, ob du mit ihr im Bett warst!“
Endlich verlor er das Interesse an der Grünfläche unten und wandte sich ihr zu. „Darüber muss ich mich vor dir nicht rechtfertigen. So eine Art von Beziehung haben wir nicht. Das weißt du ganz genau.“
„Ehrlichkeit. Die haben wir uns geschworen.“
„Und ich habe dir gesagt, dass ich mich nicht einsperren lasse und meine Freiheiten brauche. Wenn du mich nur kontrollieren willst, funktioniert das zwischen uns nicht.“ Wut flackerte in seinem Blick.
Ihre Augen brannten. Sie wollte nicht vor ihm weinen, doch sie konnte nicht verhindern, dass ihre Sicht verschwamm. „Dann hattet ihr also Sex. Du bist mir keine Treue schuldig, da hast du recht, aber diese Gleichgültigkeit mir gegenüber habe ich nicht verdient.“
„Was willst du von mir, Greta?“, fragte er und packte sie an den Oberarmen, als überlege er, sie zu schütteln. „Ich werde mich nicht ändern.“
Dabei handelte es sich um die Wahrheit, egal, wie sehr sie sich eine andere Realität wünschte. Er würde niemals ihr alleine gehören. Das hatte von Anfang an festgestanden. Und dennoch hatte sie sich auf diesen faulen Deal eingelassen. Sie hatte gedacht, sie käme damit zurecht. Aber das war gewesen, bevor sie ihm ihr Herz schenkte.
„Du bist nicht meine Freundin und wirst es nie sein“, sagte Marc kalt.
Sie taumelte rückwärts und riss sich dabei von ihm los. Diese Worte aus seinem Mund zu hören, war ein Schlag in die Magengrube. Er hätte ihr genauso gut ein Messer in den Bauch rammen können.
Bevor sie flüchten und ihr Herz vor weiteren Schmerzen schützen konnte, hielt er sie fest und sah finster auf ihr Gesicht herunter. „Ich verwende solche Ausdrücke nicht“, stellte er klar. „Ich will keine Beziehung und vermeide Nähe. Das wusstest du schon nach kurzer Zeit. Aber du bist die Frau, zu der ich immer wieder zurückkomme. Du bist die einzige Frau, die ein wenig Stabilität in mein Leben bringt. Du bist die einzige Frau, der ich länger als für ein kurzes Vergnügen gehöre.“
Nein, er täuschte sich. Er gehörte ihr nicht. Egal, wie sehr sie sich wünschte, es wäre anders. Trotzdem hatte er mit seiner Argumentation recht. Auch wenn er sich regelmäßig auf One-Night-Stands einließ, wenn er jedem Rockzipfel nachjagte und immer wieder klarstellte, ihr nichts schuldig zu sein, kehrte er zu ihr zurück. Er war ein ruheloser Freigeist, süchtig nach Abenteuern, Abwechslung und Freiheit. Ketten ließ er sich nicht anlegen, aber es lockte ihn doch immer wieder an ihre Seite.
Mit klopfendem Herzen starrte sie in sein geliebtes Gesicht und suchte nach Anzeichen von Zuneigung für sie darin. Gerade wirkte er so unnahbar, so unberührt von ihrem Schmerz. Trotzdem konnte sie ihr gequältes Herz nicht vor ihm verschließen.
„Greta, du weißt, dass ich dich mag“, behauptete er. „Zu diesem Rosamunde-Pilcher-Liebesschmalz bin ich allerdings nicht fähig. Daraus habe ich nie ein Geheimnis gemacht.“
Bei diesen Worten klang seine Stimme hart. In seinem Blick lag eine Kälte, die sie frösteln ließ. Und gleichzeitig zog sie diese Unbeirrbarkeit magisch an. Er war aalglatt und bot ihr keine Sicherheit. Aber er wusste genau, was er wollte und wie er es bekam. Diese Stärke zeichnete ihn aus und war das, was ihn unwiderstehlich, aber als Ehemann auch unbrauchbar machte. Ihre Gefühle für ihn steckten in einem Teufelskreis fest, den sie nicht durchbrechen konnte. Sie war ihm rettungslos verfallen.
„Ich weiß all das“, murmelte sie. „Diese Sachen sind ein Teil von dir. Trotzdem wünschte ich manchmal …“ Tieftraurig verstummte sie.
Natürlich wusste er, was sie dachte, ohne dass sie es in Worte verpackte. Sie wollte ihn nicht mit anderen Frauen teilen. Aber das durfte sie nicht aussprechen.
„Du hast ganz zu Beginn behauptet, kein eifersüchtiger Mensch zu sein“, erinnerte er sie.
Es hatte sich um eine Lüge gehandelt, um ihn nicht abzuschrecken. Das kam sie jetzt teurer zu stehen, als sie erwartet hatte. Darauf basierte das wackelige Konstrukt ihrer seltsamen Beziehung.
„Das bin ich auch nicht. Dennoch …“ Wie sollte sie ihm deutlich machen, was sie empfand, ohne ihre Täuschung einzugestehen? Kurz schloss sie die Augen und rang um Beherrschung.
„Natürlich kannst du alles tun, was du willst“, behauptete sie dann und suchte seinen Blick. „Es geht mich nichts an. Aber ich ertrage es nicht, wenn du mich belügst. Ich darf dir Fragen stellen, die du mir ehrlich beantworten musst. Anders funktioniert das mit uns nicht.“
Als er die Brauen zusammenkniff, wallte Angst in ihr hoch und mischte sich mit ihrer Verärgerung. War sie zu weit gegangen? Würde er sie fallen lassen, weil sie eine Forderung gestellt hatte?
Zu ihrer Erleichterung wurde sein Gesichtsausdruck weicher. Auf einmal lag so viel Gefühl in seinen Augen, dass ihre Knie weich wurden. Mit diesem Blick konnte er sie schwach machen und das wusste er auch ganz genau. Damit hatte er sie von Anfang an gefesselt.
„Ich verstehe, dass du von dieser Frau lieber von mir als aus der Zeitung erfahren hättest“, sagte er mit einem Hauch schlechten Gewissens. „Es tut mir leid. Künftig werde ich so was verhindern.“
„Ich danke dir.“ Es war nicht das, was sie wirklich hören wollte. Aber weiter würde er ihr nicht entgegenkommen. Das hatten sie die fünf Jahre mit ihm gelehrt. Ihr Ausbruch hätte ihn allerdings dazu bringen können, sie zu verlassen. Es war besser, wenn sie sich mit seinem Versprechen zufriedengab. Mehr würde sie nicht erhalten. Sie seufzte und legte ihm die Arme um den Hals, schmiegte sich ganz eng an ihn. Als sein Duft sie einhüllte, wurde sie von einem Gefühl von Sicherheit erfasst.
„Schon viel besser“, kommentierte er.
Dieses Lob schmerzte. „Du hast wirklich großes Glück, dass ich dich mag, du Sturkopf.“ Sie drückte ihm einen Kuss auf das energische Kinn. Sein Bart kratzte auf ihren Lippen. „Sonst würde ich mir jemanden suchen, der nicht so auf Drama steht.“
„Tu nicht so, als würdest du das Drama nicht lieben.“ Er kniff die Augen zusammen und drängte sie rückwärts durch die Balkontür ins Innere der Wohnung. „Kein anderer Mann kann dir geben, was du brauchst.“
Zufrieden seufzte sie, als er sich zu ihr herunterbeugte und sein Mund endlich den ihren fand. Ein Kribbeln lief durch ihren gesamten Körper und verursachte einen Flächenbrand, der nur von Marc gelöscht werden konnte. Von ihm berührt zu werden, gab ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Der Kuss begann vorsichtig, doch rasch konnte sie Marcs wachsendes Begehren darin spüren, während der Druck seiner Lippen zunahm, seine Zunge über ihren Mundwinkel leckte und seine Hände über ihren Rücken tiefer strichen.
„Warte“, bat sie atemlos, während er sie weiter Richtung Schlafzimmer schob. „Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Leider sollte ich schnellstmöglich los. Ich bin ohnehin viel zu spät dran, um den Laden aufzusperren.“
„Du kannst mein Verlangen nicht anheizen und dann verschwinden“, beschwerte er sich. Er leckte über ihren Hals, knabberte an der zarten Haut. „Ich will dich. Jetzt. Hier.“
„Marc …“
„Lass mich nicht betteln. Dir würde nicht gefallen, was dann passiert. Oder vielleicht doch?“ In seiner Stimme schwang eine Herausforderung mit.
Ein erregender Schauer rann ihr über den Rücken. Sie kannte diesen Tonfall. Marc war nicht in romantischer Stimmung. Im Moment suchte er hauptsächlich Ablenkung von seiner Frustration. Und die würde er nicht bekommen, wenn er sonderlich zärtlich war. Ihm stand der Sinn nach hitziger Leidenschaft, bei der sich Greta vormachen konnte, zwischen ihnen gäbe es mehr als Sex.
„In Ordnung“, hauchte sie. „Ein paar Minuten schafft Olivia das auch alleine.“
Marc knurrte und schlug ihr mit der Hand auf den Po. Etwas zu fest für Gretas Geschmack, aber dass seine Leidenschaft ihr galt, gefiel ihr viel zu sehr. Sie quiekte auf.
„Ein paar Minuten?“, knurrte er. „Ich sollte dich ans Bett ketten und dafür sorgen, dass du diese unverschämte Zeiteinschätzung noch einmal überdenkst.“ Schwungvoll hob er sie hoch und warf sie sich über die Schulter.
Greta wusste nicht, ob sie lachen oder sehnsüchtig stöhnen sollte. Marc machte sich mit ihr auf den Weg ins Schlafzimmer. Und dann bewies er ihr eindrücklich, dass schmutziger Sex noch mehr Spaß machte, wenn man sich Zeit ließ.