Leseprobe Common Goal | Die Buchvorlage zum kanadischen Serienphänomen Heated Rivalry

Kapitel 1

Eric

„Das wird mich heute Nacht bestimmt nicht schlafen lassen“, murmelte Eric Bennett. „Den hätte ich wirklich halten sollen.“

Seine Torpfosten antworteten nicht, wie immer.

Eric griff nach der Flasche, die oben auf dem Netz des Tores lag, und spritzte sich Wasser in den Mund. Dann blickte er zur Anzeigetafel, wo noch einmal zu sehen war, wie der Puck hinter ihm ins Netz schlug. In Zeitlupe sah das tatsächlich noch viel schlimmer aus.

„Den nächsten halten wir aber, ja, Jungs?“ Eric klopfte mit seinem Schläger nacheinander auf die Torpfosten und kreiste dann mit den Schultern. Mittlerweile stand es 3:1 für die gegnerische Mannschaft und sie befanden sich gerade mal im ersten Drittel. Das Spiel war wirklich eine Katastrophe. Eric konnte sich nur zu gut vorstellen, was die Kommentatoren im Fernsehen gerade über ihn zu sagen hatten. Nämlich dass Eric Bennett einfach nicht mehr mit der Geschwindigkeit der NHL Schritt halten konnte. Dass er seinen Zenit überschritten hatte und endlich in den Ruhestand gehen sollte.

Scheiß auf sie! Das sagten sie jetzt auch schon seit fast zehn Jahren. Jedes Mal, wenn er einen schlechten Tag hatte oder eine kleinere Verletzung, meinten sie, dass es Zeit wäre, ihn in den Ruhestand zu schicken. Als hätte Eric nicht auch schon mit sechsundzwanzig mal ein schlechtes Spiel gehabt und trotzdem hatte er jede Auszeichnung als Torhüter gewonnen, die es gab. Und als hätte er vor drei Saisons und im zarten Alter von achtunddreißig nicht eine große Rolle beim Gewinn des Stanley Cups gespielt, den sich die New York Admirals geholt hatten.

Scott Hunter, der Kapitän der Admirals, skatete auf ihn zu und tätschelte seinen Schulterschutz. „Der war kaum zu halten, Benny. Bist du okay?“

„Alles klar. Ab jetzt bleibt mein Tor zu. Glaubst du, du hast selbst noch ein paar Tore auf Lager?“

„Auf jeden Fall.“

Eric beugte sich nach vorne, bereit für die Wiederaufnahme des Spiels. „Heute Abend kommt nichts mehr an mir vorbei“, versprach er sich selbst.

Das Versprechen konnte er genau eine Minute und vierzig Sekunden lang halten. Dann pfefferte Shane Hollander, der dämliche Super-Stürmer von Montreal, einen Bilderbuch-Treffer in Erics Tor. Der Puck segelte über seine linke Schulter direkt ins Netz.

Fuck.

Eric sah zur Bank und war nicht im Geringsten überrascht, als Coach Murdock ihm durch Gesten zu verstehen gab, dass er rüberkommen sollte. Tommy Andersson, der New Yorker Ersatztorwart, zog sich bereits seine Goalie-Maske auf.

Fuck!

„Sorry, Jungs“, entschuldigte sich Eric bei seinen Torpfosten. „Jetzt werde ich mir den Rest des Spiels wohl nur noch von außen anschauen. Seid nett zu Tommy.“

Mit gesenktem Kopf skatete er zur Bank. Das Publikum applaudierte nur verhalten, vielleicht um Eric seine Unterstützung zu zeigen, vielleicht aber auch aus Erleichterung darüber, dass er endlich auf dem Eis ersetzt wurde.

Als er an Tommy vorbeikam, klopfte der ihm leicht auf den Schulterschutz. „Mach dir keinen Kopf, Benny.“

Eric antwortete nicht. Natürlich würde er sich Gedanken machen. Nicht nur über dieses Spiel, sondern auch über den Rest der Saison.

Und dabei konnte es sich vielleicht sogar um den Rest seiner Karriere handeln. Als sich Eric auf die Bank fallen ließ, äußerten seine Teamkameraden nur zurückhaltend ihre Unterstützung. Er riss sich die Maske herunter und reichte sie dem Zeugwart, der Eric stattdessen ein Admirals Cap reichte. Eric hasste es, so ein Basecap tragen zu müssen. Irgendwie sahen die Dinger auf seinem Kopf einfach komisch aus.

Das Spiel ging wieder weiter und Tommy – noch kaum richtig aufgewärmt – musste gleich zwei schnelle Schüsse halten. Doch er hielt beide und das Publikum brüllte vor Begeisterung. Tommy war wirklich ein guter Torhüter. Er war viel zu gut, um nur Erics Ersatzmann zu sein, und das war allen klar. Eric war sich sicher, dass Tommy es nur so lange bei den Admirals ausgehalten hatte, weil er auf Erics Rücktritt wartete. Vielleicht wartete ja schon sein gesamtes Team darauf.

Seine Frau hatte jedenfalls nicht mehr länger gewartet.

Eric runzelte die Stirn. So etwas zu sagen oder auch nur zu denken, war wirklich nicht fair. Holly hatte jede Menge Gründe gehabt, ihre Ehe zu beenden. Und er verstand sie sogar alle. Schon seit Jahren war ihm bewusst, dass ihre Ehe nicht mehr funktionierte. Der Funke, der in ihrer Jugend noch da gewesen war, war schon vor langer Zeit erloschen. Eric hatte sich gesagt, dass sein Zeitplan dafür verantwortlich war und dass er und Holly sich wieder neu ineinander verlieben könnten, sobald er im Ruhestand war. Und vielleicht hatte sie das auch eine Weile lang gehofft. Doch irgendwann mussten sie sich beide eingestehen, dass das wahrscheinlich nicht mehr geschehen würde. Sie hatten ihre besten Jahre als Paar hinter sich und jetzt war es an der Zeit, weiterzuziehen. Eric wusste, dass die Scheidung das Beste für sie beide gewesen war. Aber er wusste auch, dass er sich deswegen trotzdem nicht weniger einsam fühlen würde.

Während des restlichen Spiels redeten seine Teamkameraden nicht viel mit ihm, und auch nicht während der Pause in der Umkleidekabine. Ihnen war klar, dass er jetzt lieber für sich sein würde. Tommy spielte ein Wahnsinnsspiel und hielt bis auf einen alle Torschüsse von Montreal. Trotzdem verloren die Admirals am Ende mit zwei Toren Rückstand.

Lange nach Ende des Spiels und nachdem Coach Murdock mit dem Team gesprochen und Tommy für seine Bemühungen gelobt hatte, saß Eric noch vor seinem Spind. Er trug noch nicht seinen kompletten Ted Baker-Anzug, der Hemdkragen stand offen und seine Krawatte hing ungebunden um seinen Hals. Bislang hatte er es nicht über sich bringen können, seinen Ehering abzulegen, und so drehte er ihn nun geistesabwesend hin und her.

„Hey.“

Auch ohne den Kopf zu heben, wusste Eric, dass sich Scott Hunter neben ihn gesetzt hatte. „Hi.“

„Alles okay bei dir? Ich meine, nicht nur wegen des Spiels heute Abend. Gibt es etwas, das dich bedrückt?“

Nö, gar nicht. Frisch geschieden zu sein und meinem einundvierzigsten Geburtstag entgegenblicken zu müssen, ist einfach super. „Nein. War nur ein blödes Spiel.“

Scott klopfte ihm auf die Schulter. „Beim nächsten Spiel bist du wieder obenauf.“

Eric nickte. Dafür würde er schon sorgen.

„Du kommst doch morgen Abend, oder?“, wollte Scott noch wissen.

Eric hatte wirklich keine Lust auf die Verlobungsparty von Scott und Kip, seinem Zukünftigen. Trotzdem rang er sich ein Lächeln ab. „Klar. Natürlich. Kann’s kaum erwarten.“

Scott strahlte ihn an. Überhaupt lächelte Scott in den letzten Jahren, seitdem er sich in Kip Grady verliebt hatte, ziemlich viel. Bevor er sich entschieden hatte, alles aufs Spiel zu setzen, um mit dem Mann, den er in einem Smoothie-Laden kennengelernt hatte, glücklich zu werden, hatte Scott seine Homosexualität versteckt und ein einsames Leben geführt. Eric war einer der ersten gewesen, denen sich Scott anvertraut hatte, und das nahm er nicht auf die leichte Schulter. Er freute sich aufrichtig für Scott, auch wenn die Ehe als Institution aktuell nicht gerade zu seinen Favoriten zählte.

„Schön“, erwiderte Scott und lächelte immer noch. „Lassen wir dieses Spiel hinter uns, ja? Und morgen Abend werden wir dann alle einfach Spaß haben.“

Eric schenkte ihm ein schiefes Lächeln. „Ich auch?“

Scott lachte. „Du auch, Benny. Dafür werde ich schon sorgen.“

***

Kyle

Kyle Swift warf wohl schon zum millionsten Mal an diesem Morgen einen Blick über den Tisch zu seinem Gegenüber. Er konnte es einfach nicht lassen. Diese Lerntreffen mit Kip waren für ihn einfach immer unproduktiv – er verbrachte doch eh immer mehr Zeit damit, Kips Gesicht zu studieren, anstatt sich seinen Notizen zu widmen.

Kip dagegen sah konzentriert auf seinen Laptop, er war in irgendeinen Text vertieft und seine braun-grünen Augen huschten beim Lesen hin und her. Auf seinen Wangen und seinem Kiefer zeigte sich ein dunkler Bartschatten, was Kyle ziemlich gefiel, auch wenn Kips Grübchen so weniger gut zu erkennen waren. Und … puh. Kyle hatte in den letzten Jahren schon viel zu viel Zeit damit verbracht, an diese Grübchen zu denken.

Kip blickte auf und Kyle schaute schnell wieder auf seinen eigenen Bildschirm.

Kyle war sich nicht sicher, warum er sich überhaupt derart quälte. Nur weil er und Kip beide an ihrem Master-Abschluss in Geschichte arbeiteten, hieß das ja nicht, dass sie auch zusammen lernen mussten. Sie gingen doch nicht einmal auf die gleiche Uni. Die erste Stunde ihres sogenannten Lerntreffens verbrachte Kyle sowieso nur damit, Kip heimliche Blicke zuzuwerfen, und später dann wurde es Kip langweilig und er fing an, Kyle Fragen zu stellen, die nichts mit ihrem Studium zu tun hatten. Es waren diese Gespräche, die Kyle jedes Mal so zu schaffen machten. Die Ungezwungenheit, mit der sie miteinander reden und lachen konnten. Ihre Gemeinsamkeiten. Kips lustige und süße Art. Er war in allem so perfekt für Kyle, wie es keiner der Männer, die er normalerweise datete, war.

Zu blöd, dass Kip verlobt war.

„Kyle?“

Kyle sah auf und wurde gleich von einem von Kips süßen Lächeln, bei dem sich seine Grübchen zeigten, überwältigt.

„Hey, da bist du ja wieder. Ich hol mir noch einen.“ Kip schwenkte seine leere Kaffeetasse. „Für dich auch?“

„Also, eigentlich“, erwiderte Kyle langsam, „muss ich jetzt gehen.“

„Oh.“ Kip runzelte die Stirn.

„Aber wir sehen uns heute Abend auf der Party.“

Kips Lächeln kehrte schnell zurück. „Ich kann nicht glauben, dass ich wirklich verlobt bin!“

„Ich weiß gar nicht, was du an dem Typen findest“, brummte Kyle.

Kip seufzte dramatisch. „Ja, wirklich. Aber wenn ein Mann erst mal ein bestimmtes Alter erreicht hat, muss er sich eben manchmal häuslich niederlassen, weißt du?“

„Achtundzwanzig. Dieses Alter meinst du?“

„Ich will schließlich keine alte Jungfer werden.“

„Und es ist ja auch wirklich sehr zuvorkommend von dir, dich zu erbarmen und einen umwerfenden und millionenschweren Sportler zu heiraten.“

„Aber echt“, stimmte Kip feierlich zu. „Ich bin ganz schön tapfer.“

Das brachte sie beide zum Lachen und Kyle bemühte sich, sein schmerzendes Herz zu ignorieren.

„Vielleicht triffst du ja heute Abend deinen zukünftigen Ehemann“, schlug Kip scherzhaft vor.

„Oha. Na ja, bis später dann.“ Kyle stopfte seinen Laptop in seinen Rucksack und warf ihn sich über die Schulter.

„Dein Traummann könnte wirklich da sein! Sei einfach offen dafür.“

Mein Traummann wird auf jeden Fall dort sein. Das ist ja auch das Problem. Was Kyle aber natürlich nicht laut sagte. Stattdessen erwiderte er nur: „Ich werde mir sicherheitshalber was Schönes anziehen.“

„Du siehst doch immer schön aus.“

Kyles Herz zog sich zusammen. „Mach Scott nicht eifersüchtig.“

Kip gab ein schnaubendes Geräusch von sich, mit dem er wohl zum Ausdruck bringen wollte, wie absurd allein der Gedanke war. Und Kyle nahm an, dass es wohl wirklich so war. Jeder – einschließlich Scott – konnte sehen, dass Kip nur Augen für seinen Zukünftigen hatte.

Um seine Frisur und seine Brille vor dem Nieselregen draußen zu schützen, zog Kyle die Kapuze seines Hoodies über. Vermutlich könnte er die Party heute Abend als Inspiration nutzen, um endlich – und endgültig – dieser sinnlosen Verliebtheit in Kip Grady einen Riegel vorzuschieben. Kyle hatte sich freiwillig angeboten, heute Abend die Bar zu übernehmen. Hauptsächlich, weil er hoffte, dass er dann seinem Herz nicht dabei zuhören musste, wie es verwelkte und schließlich starb, während Kip und Scott ihre perfekten Gesichter aneinanderdrückten, um zu knutschen.

Das wäre es dann, beschloss Kyle, während er die Treppe zur U-Bahn runterflitzte. Ab heute Abend würde er Kip nicht mehr anschmachten, stattdessen würde er sich einen Spaß daraus machen, dass sich ein paar hetero Hockeyspieler unbehaglich fühlten, weil er mit ihnen flirtete. Und dann würde er sich darauf konzentrieren, einen netten, verfügbaren und – was am wichtigsten war – angemessenen Mann zu finden, mit dem er bis zum Ende seines Lebens glücklich zusammenleben konnte.

Oder einen süßen Typ mit knackigem Hintern. Egal.

Kapitel 2

Kyle

Kyle war noch nie so von einer Schwulenbar voller heißer Männer enttäuscht gewesen.

Und er hatte schon viel Zeit in Schwulenbars verbracht. Vor allem in dieser. Das Kingfisher war schon seit Jahren seine wichtigste Einnahmequelle und in dieser Zeit hatte er hier mit einer Unmenge heißer Männer geflirtet. Mit einigen davon war er auch nach Hause gegangen. Heute wurde im Kingfisher zwar die Verlobung von zwei schwulen Männern gefeiert, aber trotzdem war die Kneipe voller Heteros. Hauptsächlich Eishockeyspieler.

Extrem attraktive Eishockeyspieler. Und ihre Ehefrauen.

Wasser, überall Wasser …

Kyle seufzte und zapfte zum x-ten Mal an diesem Abend ein Lagerbier. Die Hockeyspieler waren nicht gerade experimentierfreudig, was ihre alkoholischen Getränke anging. Er stellte das Bierglas auf die Theke und lächelte den großen Sportler mit Dreitagebart und ein paar Millionen auf dem Konto an. Doch der nahm einfach sein Glas, ohne Kyle auch nur einen Blick zu schenken.

Heteros. Gott.

Es hatte einmal eine Zeit gegeben, wo es aufregend gewesen war, auch nur einen einzigen NHL-Star zu treffen, doch seit Scott Hunter regelmäßig zu Gast im Kingfisher und Kyle mit Kip befreundet war, waren die Spieler der New York Admirals zu einer Selbstverständlichkeit in Kyles Leben geworden. Irgendwie war das mittlerweile sogar schon langweilig.

„Na, hast du Spaß?“ Aram, Kyles Mitarbeiter, stupste ihn spielerisch mit seiner Hüfte an und griff nach einem Bierglas.

„Hätte mehr Spaß, wenn einer dieser Jungs flirten könnte“, grollte Kyle.

„Aber echt. Was für eine Verschwendung, oder? Hier wimmelt es von Hammertypen und alle sind sie nutzlos.“

„Alles nur schöner Schein“, stimmte Kyle zu.

Aram legte seine massigen Arme auf die Theke und lehnte sich nach vorne. Er grinste in Richtung der wilden, attraktiven Meute. „Aber trotzdem nett anzuschauen. Hast du Matti Jalo schon mal aus der Nähe gesehen?“

„Ich war nicht so nah dran, wie ich gerne wollte.“

Aram lachte noch, als ein Mann, bei dem es sich leider nicht um den umwerfenden finnischen Verteidiger der Admirals handelte, an die Bar geschlendert kam und ein paar Gläser Bier bestellte. Aram machte sich ans Zapfen und versuchte sich an einem Flirt mit dem Mann. Zwecklos. Kyle ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.

Ooh. Eric Bennett.

Der Top-Torhüter der Admirals lehnte an der Bar und schien die Party zu beobachten. Kyle kannte ihn nicht wirklich, aber er hatte ihn hier schon zusammen mit Scott und Kip gesehen. Er war so ziemlich genau Kyles Typ. Oder, besser gesagt, er war genau der Typ Mann, in den sich Kyle nicht mehr verlieben wollte. Aber ein bisschen Anschauen konnte ja nicht schaden. Erics dunkle, lockige Haare und sein gepflegter Dreitagebart – beides schon grau meliert – gefielen Kyle ziemlich gut. Außerdem war er groß und schlank und schien im Vergleich zu den anderen Spielern der Admirals reif und elegant zu sein.

Im Moment war Eric allein und befand sich genau genommen an der Bar, also könnte ihn Kyle genau genommen auch fragen, ob er etwas bestellen wollte. Was, wenn er die ganze Zeit schon geduldig darauf wartete, endlich einen Drink bestellen zu können? Auch wenn er mit dem Rücken zur Bar stand …

„Kann ich dir was bringen?“ Kyle beugte sich über die Theke und drehte sein Gesicht so, dass Eric ihn aus dem Augenwinkel sehen musste.

Eric wandte sich sofort zu ihm um. „Nein, danke“, lehnte er mit einem höflichen Lächeln ab.

Schade. Er sah wirklich gut aus in seinem blau-weiß-karierten Hemd, dessen Ärmel aufgerollt waren, was seine starken Unterarme zum Vorschein brachte. Seine dunklen Augen waren auf Kyle gerichtet, sein Blick war selbstbewusst und fest.

Oha! Wenn Kyle eine Schwäche hatte – und dem war nicht so, er hatte nämlich viele –, waren es selbstbewusste, attraktive ältere Männer. Und auch selbstbewusste, attraktive jüngere Männer. Und überhaupt Männer.

„Kyle, richtig?“, erkundigte sich Eric. „Du bist mit Kip befreundet.“

„Ja, genau.“

„Eric.“ Er streckte Kyle seine Hand entgegen, der sie ergriff und schüttelte.

„Ich weiß, wer du bist.“ Kyles Tonfall war neckend und flirty, weil er eben meistens auch neckend und flirty drauf war. „Du bist der, der sein hübsches Gesicht die ganze Zeit hinter einer Maske verbirgt.“

Er ging davon aus, dass sich Eric, der heterosexuelle Torhüter, jetzt abwenden und eine Ausrede erfinden würde, um schnell das Weite suchen zu können. Oder er würde einfach nur wortlos die Flucht ergreifen. Doch stattdessen verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln. „Deswegen bleibt es ja auch so hübsch“, erwiderte Eric.

Kyle erlaubte sich, das spielerische Funkeln in Erics Augen einen Moment lang zu genießen.

„Hey Kyle! Ich muss ein neues Fass Lager holen. Übernimmst du kurz?“

Kyle drehte sich zu Aram um. „Klar. Auf geht’s, mach auch mal Gebrauch von all den Muskeln.“

Aram warf ihm eine Kusshand zu und ging dann ins Hinterzimmer.

„Schon nett von Scott, ausgerechnet Kips Arbeitsplatz für die Party zu buchen“, brummte Eric.

Kyle lachte. „Ich hab genau das Gleiche gedacht. Wer macht das schon, oder?“

Eric schüttelte den Kopf. „Nur Scott Hunter. Ihm gefällt es hier und er fühlt sich wohl. Ich bin mir sicher, dass er nur daran gedacht hat.“

Kyle entdeckte Scott in der Menge – was nicht sonderlich schwer war, weil er eins fünfundneunzig groß war und genau so aussah, wie sich Kyle immer Achilles vorgestellt hatte. Scott lachte gerade zusammen mit ein paar Freunden und Kyle musste einfach lächeln. Noch vor zwei Jahren hatte Scott seine Homosexualität vor der Öffentlichkeit versteckt, er war einsam gewesen und hätte sich nie getraut, in eine Schwulenbar wie das Kingfisher zu gehen. Mittlerweile war er hier ein Stammgast – man hatte sogar einen Drink nach ihm benannt – und schmiss seine große schwule Verlobungsparty hier. Kyle freute sich für ihn. Und er freute sich auch für Kip, obwohl seine Gefühle in dieser Hinsicht ein bisschen komplizierter waren.

„Bist du sicher, dass ich dir nichts bringen kann?“, hakte Kyle noch einmal nach. „Ich schenke schon den ganzen Abend Bier ein und würde zu gerne mal meine Cocktailkünste vorführen.“

„Ich trinke keinen Alkohol.“

„Oh. Oh Gott, entschuldige. Ich sollte dich nicht in Versuchung führen.“

Eric machte eine abwehrende Handbewegung. „So ist das nicht. Ich bin nicht versucht.“

„Ah.“ Kyle verschränkte die Arme auf der Theke und beugte sich vor. „Dann bist du also einfach ein guter Junge, hmm?“

Eric grinste. „Meistens.“

Moment mal. Flirtete Eric etwa mit ihm? Das Gespräch schien schon irgendwie flirty zu sein, andererseits hatte Kyle schon des Öfteren geglaubt, Verlangen bei einem Mann zu spüren, der es aber absolut nicht empfand.

Heteros. Eine weitere seiner Schwächen.

„Du hast Glück – zufällig mache ich nämlich die besten Mocktails aller Zeiten.“

Erics Augen funkelten amüsiert. „Ach, wirklich?“

Kyle zwinkerte ihm zu. „Sie sind so gut, dass du kaum glauben wirst, dass wirklich kein Alkohol drin ist.“

„Ich hab keinen Vergleich.“

„Ist es wirklich schon so lange her, dass du einen Drink hattest?“

Bevor Eric antworten konnte – wenn er das denn getan hätte –, wurden sie von einem aufgeregten Kip Grady unterbrochen.

„Eric!“ Kip legte einen Arm um Erics Schulter und torkelte nach vorne, wobei er Eric mit sich zog, bis sie beide nahe bei Kyle standen, der immer noch auf die Theke gestützt hinter der Bar war. Erics Nase berührte fast Kyles Wange. „Du bist hier!“

„Das bin ich“, erwiderte Eric und wand sich unter Kips Arm hervor. Er richtete sich wieder auf und trat einen Schritt zurück, sein Gesichtsausdruck war aber immer noch entspannt und er wirkte amüsiert. „Hast du Spaß?“

„Ich werde heiraten!“ Kips Wangen waren gerötet und seine Augen leuchteten vor trunkener Ekstase und Liebe. Kyle schaute weg.

„Herzlichen Glückwunsch“, gratulierte Eric. Er lehnte sich an die Theke und umfasste mit seiner linken Hand sein rechtes Handgelenk. In diesem Moment bemerkte Kyle den goldenen Ring an seinem Finger.

Verheiratet. Sicher. War ja klar.

Er blinzelte, als er bemerkte, dass Kip versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Kyle riss sich von dem Anblick des Eheringes los und sah in Kips strahlendes Gesicht.

„Das ist Eric!“, nuschelte Kip. „Er ist so ungefähr der beste Torhüter aller Zeiten!“

„Hab ich schon gehört.“

„Und schlau ist er auch! Er sammelt Kunst.“ Kips Augen weiteten sich, als ihm plötzlich etwas einfiel. „Eric! Kyle studiert Kunst!“

„Echt?“ Eric sah zu Kyle.

„Kunstgeschichte“, verbesserte Kyle. „Hauptsächlich Antike Kunst. Falls also dreitausend Jahre alte Mosaike zu deiner Sammlung gehören, bin ich der richtige Mann für dich.“

Erics Gesicht verzog sich zu einem so herzlichen Lächeln, dass es Kyle fast aus den Socken haute. Dieser Mann war einfach umwerfend.

Während Kyle sich in der Betrachtung von Erics attraktivem Gesicht verlor, flitzte Kip hinter die Theke, wo er mit Kyle zusammenstieß. Er holte sich ein Glas und begann sich selbst ein Bier zu zapfen. Doch Kyle hielt ihn auf. „Verzieh dich. Du bist betrunken.“

Kip verdrehte übertrieben die Augen. „Okay. Du zapfst.“

Als Kyle ihm das Bier reichte, von dem er eigentlich schon viel zu viel gehabt hatte, beugte sich Kip vor und küsste ihn auf die Wange. „Hab dich lieb.“

Kyle versteifte sich. „Ich dich auch“, antwortete er leise. Ohne, dass er etwas dagegen tun konnte, folgte sein Blick Kip, der mit seinem Drink davonwankte.

„Und wo studierst du Antike Kunst?“, sprach Eric ihn an und zog so Kyles Aufmerksamkeit wieder auf sich.

Kyle brachte ein leichtes Lächeln zustande. Siehste, Kyle? Du hast doch überhaupt keinen Grund, traurig zu sein. Immerhin leistet dir ein toller, verheirateter, heterosexueller Mann Gesellschaft.

„Columbia. Ich arbeite gerade an meinem Master.“

„Beeindruckend.“

„Na ja, bevor du total verzaubert von mir bist, sollte ich vielleicht sagen, dass ich nur ganz langsam an meinem Abschluss arbeite. Aktuell hab ich nur einen Kurs belegt.“

„Trotzdem beeindruckend. Ich glaube nicht, dass ich schon jemals jemanden getroffen habe, der Antike Kunst studiert. Warum hast du dich ausgerechnet für diesen Bereich entschieden?“

Erics Blick war herzlich und aufmerksam. Kyle hatte das Gefühl, dass er wirklich auf seine Antwort gespannt war. „Ich hab mich schon immer dafür interessiert, schon als Kind. Ich hatte so ein illustriertes Kinderbuch über griechische Mythologie, das ich tausende Male gelesen haben.“ Er lachte. „Erst als ich älter war, habe ich herausgefunden, dass die echte Version dieser Mythen viel grausamer ist. Und viel geiler.“

„Brutaler als du erwartet hast?“

Kyle winkte ab. „Das ist noch das Geringste. Jedenfalls interessierte ich mich wegen dieser nicht jugendfreien Version natürlich noch mehr für Mythologie. Und daraus hat sich dann ein Interesse für die Leute entwickelt, die diese Mythen erfunden und daran geglaubt haben. Für die Geschichtenerzähler, weißt du?“

Eric nickte nachdenklich. „Hast du deinen Bachelorabschluss auch in Kunstgeschichte gemacht?“

„Meine Hauptfächer waren Antike Geschichte und Latein, und für meinen Master habe ich mich dann für Antike Kunst und Architektur entschieden.“

„Das klingt faszinierend.“

Kyle zuckte mit den Schultern. „Ich hab keine Ahnung, was ich mal damit anfangen soll, aber mir gefällt einfach das Lernen an sich.“

„Mir auch.“

Kyle stützte sich auf die Theke. „Ach ja? Liest du viel?“ Vielleicht war Eric ja einer dieser umfassend gebildeten Sportler, die Online-Collegekurse belegten und zahlreiche Bildungspodcasts hörten.

„Ja, ich lese gerne. Ich hab einen Abschluss in Englischer Literatur.“

Einen Augenblick lang war Kyle überrascht, doch als er den Mann vor sich betrachtete, kam er zu dem Schluss, dass es wirklich besser zu ihm passte, Literaturstudent als Hockeyspieler zu sein. „Wo hast du studiert?“

Erics Lippen zuckten und es schien, als wäre ihm das, was er gleich sagen würde, unangenehm. „Harvard.“

Kyle blinzelte. „Du hast einen Abschluss von Harvard?“

„Ja.“

Kyle brach in Gelächter aus. Er konnte einfach nichts dagegen tun. Schnell legte er sich eine Hand über den Mund, peinlich berührt von seiner unhöflichen Reaktion. „Entschuldige bitte! Das hab ich nur nicht erwartet.“

Glücklicherweise war Eric nicht beleidigt. „Da bist du nicht der Einzige. Wenn du mir nicht glaubst, schau dir einfach meinen Wikipedia-Eintrag an.“

„Doch, ich glaube dir.“ Aber was er nicht glauben konnte, war das grausame Spiel des Universums, das ihm diesen unglaublich perfekten und absolut verbotenen Mann direkt vor die Nase setzte. Ein älterer, selbstbewusster Mann, der in Harvard einen Abschluss in Literatur gemacht hatte? Fick dich, Universum. Kyle war so versucht, jetzt etwas sehr Verführerisches zu sagen, um herauszufinden, ob er Erics ruhige Fassade ins Bröckeln bringen könnte. Nur um zu sehen, ob ein Ausdruck von Unbehagen in seine Augen treten würde – oder doch von Verlangen.

Eine atemberaubende Frau mit blondem Haar und perfektem Timing rettete Kyle davor, unangebrachte Experimente durchzuführen. Trotzdem spürte Kyle Erics Blick, der ununterbrochen auf ihm lag, während er eine Skinny Bitch für sie zubereitete.

„Du arbeitest auf der Verlobungsparty deines Freundes“, nahm Eric das Gespräch wieder auf, nachdem die Frau mit ihrem Drink verschwunden war.

„Ja. Das ist dir aufgefallen, hm?“

Eric schien Kyle einen Moment lang zu mustern, als ob er versuchen würde, ihn zu durchschauen. Irgendetwas in der Art, wie Eric ihn ansah, gab Kyle das Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein. Er erschauderte.

„Na ja, es ist ja nicht wirklich Arbeit. Es handelt sich schließlich um eine private Veranstaltung und jeder, der hier arbeitet, steht auch auf der Gästeliste. So ist Kip eben. Aber da ich eh die meisten Gäste nicht kenne, bin ich ganz froh, an der Bar aushelfen zu können.“

„Ist wohl besser als Small Talk mit Hockeyspielern halten zu müssen.“ Erics Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als er das sagte.

Kyle beugte sich zu ihm. „Meistens jedenfalls.“

Einen Augenblick lang sagte Eric nichts. Er starrte Kyle nur unverwandt an, als könnte er so all seine Geheimnisse offenlegen. Auf seinen Lippen lag noch dieses amüsierte Lächeln und Kyle hatte keine Ahnung, was hier gerade passierte. Aber sein Schwanz war voll dabei. Sein Schwanz stand aber auch immer auf die unerreichbaren Männer, also sollte er bloß nicht auf ihn hören.

„Also. Mocktails“, unterbrach Kyle die Spannung, die in der Luft lag und die womöglich nur er gespürt hatte. „Bist du auf irgendwas allergisch?“

„Katzen“, erwiderte Eric.

Kyle runzelte die Stirn. „Oh, dann muss ich das Rezept wohl ändern.“

Eric brach in Gelächter aus. Sein Lachen war so warm und wunderbar, dass sich Kyle am liebsten darin eingewickelt hätte wie in eine kuschelige Decke. Hetero. Verheiratet, rief sich Kyle in Erinnerung. Hetero, verheiratet und Eishockey-Profi. Und außerdem wahrscheinlich fünfzehn Jahre älter als du.

„Du musst mir keinen Drink machen. Wirklich“, erklärte Eric. „Ich muss eh schon bald los.“

Darüber sollte Kyle nicht so enttäuscht sein, wie er es war. „Sicher?“

„Ja, ich …“ Eric senkte die Stimme. „Nur unter uns gesagt, ich liebe Scott. Und Kip. Aber ich hab das Gefühl, sie feiern ihre Beziehung durchgehend schon seit drei Jahren.“

Kyle grinste erfreut. „Ja, oder? Dabei haben wir’s doch verstanden. Ihr seid perfekt und verliebt.“

„Ekelhaft“, stimmte Eric zu und beide mussten lachen.

„Aber im Ernst“, Eric fühlte sich ein bisschen schuldig, dass er das gerade über seine Freunde gesagt hatte. „Ich freue mich wirklich für sie. Vor allem für Scott. Ich kenne ihn jetzt schon so lange, und er … na ja, er hat dieses Glück so was von verdient.“

Kyle entdeckte Kip und Scott in der Menge. Scott hatte seinen Arm fest um Kips Schultern gelegt und beide Männer strahlten. „Er hat einen guten Mann gefunden“, erwiderte Kyle wehmütig. Als er wieder zu Eric sah, erkannte er das Mitleid, das in seinen Augen lag. Es erschreckte ihn.

„Das stimmt“, gab Eric ihm recht.

Kyle verdrehte die Augen, was er immer tat, wenn er seine Gefühle auf eine zugegeben unreife Art verbergen wollte. „Na ja, egal. Ich sollte mal die leeren Gläser und so einsammeln.“ Er nahm sich ein Tablett, zwinkerte Eric zum Abschied zu und verschwand in dem Gewühl der betrunkenen Menge.

***

Eric

Eric beobachtete, wie Kyle sich durch die überfüllte Bar schlängelte, wie er Tischen und Leuten aus dem Weg ging, und wie seine Hüften dabei schwangen. Er beobachtete, wie Kyle mit seinen langen Fingern die leeren Flaschen und Gläser von den Tischen nahm und sich seine Lippen zu einem verschmitzten Lächeln verzogen, wenn ihn jemand ansprach.

Wahrscheinlich sah er ihm schon viel zu lange zu, als sich eine Hand auf Erics Schulter legte und ihn so aus seiner Trance riss.

„Auf wen hast du denn ein Auge geworfen?“ Erics Teamkamerad und Freund Carter Vaughan hatte es geschafft, sich unbemerkt anzuschleichen, was normalerweise nicht so leicht war. „Heute Abend sind ja nicht wirklich viele Single-Frauen da, aber ich würde auch nicht ausschließen, dass es möglicherweise Matti ist.“

„Was zum Teufel redest du denn da?“

„Also, ich bin hetero. Zu tausend Prozent. Und ich bin Gloria zu einer Million Prozent treu, aber ich muss schon zugeben – Matti Jalo bringt mich manchmal ins Schwärmen.“

„Ich beobachte jedenfalls niemanden“, log Eric. „Ich bin nur kurz mal weggetreten.“

„Tja, das ist verständlich. Solange du nicht an das gestrige Spiel denkst. Wir sind auf einer Party, Benny!“

„Mach ich nicht.“

Carter zog beide Augenbrauen in die Höhe und trank einen Schluck Bier.

Wirklich nicht“, beharrte Eric.

„Okay. Und, hast du wenigstens ein bisschen Spaß?“

Eric zuckte mit den Schultern. „Klar. Ich freu mich, dass sie endlich heiraten, weißt du?“

„Hätte schon letztes Jahr passieren sollen.“

„Ich glaube, es ist besser, ein bisschen zu warten. Man sollte sich sicher sein, dass man die Person gefunden hat, mit der man auch wirklich den Rest seines Lebens verbringen will.“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass Scott das schon in der ersten Woche wusste.“

Dagegen konnte Eric nichts sagen. Seine eigene Ehe hatte ihm gezeigt, dass es eine schlechte Idee war, sich zu schnell zu binden. Doch sogar er konnte die Herzchen in Scotts und Kips Augen erkennen, die aufleuchteten, sobald sie sich ansahen.

„Wie geht’s dir?“, erkundigte sich Carter. Das verschmitzte Funkeln in seinen Augen wich einem Ausdruck, der eher an Besorgnis erinnerte. „Ist das hier sehr schwer für dich?“

Eric überlegte einen Moment lang. Generell dachte er erst über jede Frage sorgfältig nach, bevor er antwortete. „Es geht. Ein bisschen, vielleicht. Es ist nicht so, dass ich mich nicht für Scott freue, aber vermutlich denke ich an meine eigene Hochzeit zurück.“

Carters Augen funkelten jetzt wieder. „Du kannst dich wirklich noch daran erinnern? Das liegt doch schon so weit zurück“, neckte er.

„Ach, halt doch den Mund.“

„Ich hab’s leider vergessen, aber war Holly nicht eine Kriegsbraut? War sie nicht deine Krankenschwester, nachdem du von den Deutschen abgeschossen worden bist?“

„Ja, ja. Ich geh gleich …“

Carter gab ihm einen Stups. „Im Ernst, es tut mir leid, wenn das hier hart für dich ist.“

„Ist ja schon fast ein Jahr her. Ich bin drüber weg. Wirklich. Ich vermisse Holly nicht, aber ich vermisse …“ Eric schüttelte den Kopf.

„Regelmäßigen Sex?“, riet Carter.

„Die Kameradschaft“, beendete Eric seinen Satz und warf Carter einen finsteren Blick zu. „Holly und ich haben in den letzten Jahren nicht wirklich viel gemeinsame, wertvolle Zeit miteinander verbracht, aber trotzdem war es schön, abends jemanden zum Reden zu haben. Wenn wir denn beide mal zu Hause waren.“

„Ich wette, wir könnten jemanden finden, dem es nichts ausmachen würde, dein Kamerad zu sein.“ Carter betonte das Wort so, dass es schmutzig klang.

Eric richtete seinen Blick wieder auf Kyle, dessen Tablett mittlerweile voller leerer Bierflaschen und Gläser und ziemlich schwer war. Eric betrachtete seinen Bizeps, der sich unter dem weißen T-Shirt wölbte. Kyle hatte eine sportliche Figur – er war nicht so aufgepumpt wie der andere Barkeeper, sondern schlank und definiert. Eric fragte sich, ob er irgendeine Sportart machte oder einfach nur im Fitnessstudio trainierte.

„Ich glaub, ich geh jetzt nach Hause“, brummte Eric. Da er schon den sehr jungen Barkeeper anschmachtete, war es definitiv an der Zeit zu gehen.

„Musst wohl die alten Knochen ausruhen“, spottete Carter.

„Ja, ja.“ Eric nahm seinen langen schwarzen Wollmantel und den olivgrünen Kaschmirschal von der Lehne des Barhockers.

Gerade als er sich seinen Schal um den Hals wickelte, kehrte Kyle zurück und knallte das schwere Tablett auf die Theke. Er strich sich die blonde Strähne, die über sein rechtes Auge gefallen war, zurück. „Gehst du?“

„Ja.“ Eric sah auf seine Uhr, als ob die Uhrzeit rechtfertigen würde, dass er die Party jetzt schon verließ. Doch es war noch nicht einmal elf.

„Schon längst Zeit fürs Bett?“ Kyles Stimme klang plötzlich rau und sinnlich. Eric wusste, dass er ihn damit nur reizen wollte, und trotzdem erschütterte der Klang überraschenderweise etwas in seinem Inneren.

„Ich bin nicht so der Partylöwe.“

Was Kyle als Nächstes machte, funktionierte wahrscheinlich bei vielen Männern ziemlich gut. Er lehnte sich an die Theke und verschränkte die Arme, wobei sich eine Schulter leicht hob und sein T-Shirt ein bisschen nach oben rutschte und einen schmalen Streifen seines flachen Bauches enthüllte. Zweifellos verführerisch. Eric riss sich schnell von dem Anblick der zarten, blassen Haut los, schüttelte den Kopf und knöpfte seinen Mantel zu.

„Ich kann mich noch daran erinnern, dass man mit dir auch mal Spaß haben konnte, Benny“, brummte Carter.

„Nee, kannst du nicht“, erwiderte Eric trocken.

Carter lachte. „Stimmt, kann ich wirklich nicht.“

„Gute Nacht, Carter.“ Dann wandte sich Eric an Kyle. „Es war schön, mit dir zu reden, Kyle.“

„Gleichfalls.“ Das Wort glitt Kyle regelrecht über die Lippen, seine Stimme war dabei so warm, dass es fast schon lächerlich wirkte. Und Eric schämte sich für die Hitze, die sich daraufhin in seinem Unterleib ausbreitete. Er drehte sich schnell um und marschierte zum Ausgang, bevor noch irgendjemand bemerken konnte, dass er völlig aus der Fassung geraten war. Denn er legte großen Wert darauf, immer einen ruhigen und unerschütterlichen Eindruck zu machen.

Draußen erwartete ihn november-kalter Nieselregen und er wünschte sich, er hätte sich für irgendeine wasserabweisende Jacke entschieden und nicht für seinen Burberry Mantel aus feiner Wolle. Doch der eiskalte Regen sorgte zumindest dafür, dass die Flammen endlich erloschen, die durch seinen Körper züngelten, seit er Kyle heute Abend in der Bar entdeckt hatte. In Wahrheit war Kyle ihm aber schon vor einer geraumen Weile … aufgefallen. In den letzten Jahren war Eric ein paar Mal mit Scott ins Kingfisher gegangen – vorgeblich, um ihm dort Gesellschaft zu leisten, doch letztlich eigentlich nur, um dort herumzusitzen, während Scott seinen Freund dabei beobachtete, wie der Drinks servierte.

Als er zum zweiten Mal dort war, arbeitete Kip zusammen mit Kyle und aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen hatte sich Eric sofort zu ihm hingezogen gefühlt.

Na ja, gut, teilweise lagen die Gründe schon auf der Hand. Kyles winterblaue Augen zum Beispiel, und sein lockeres, verführerisches Lächeln. Er wirkte selbstbewusst und unterhaltsam und das auf eine ganz andere Art und Weise als Erics Teamkollegen. Das war ganz schön verführerisch.

Eric sah die Menschen. Das war schon immer so gewesen. Seine Gabe, alles und jeden um sich herum genau zu beobachten und einzuschätzen, hatte er sich auch in seiner Karriere als Torhüter zunutze machen können. Trotzdem fühlte er sich nicht oft zu anderen Menschen hingezogen. Zu Kyle jedoch schon. Definitiv.

Auch wenn er schon seit über einem Jahr keinen Sex mehr gehabt hatte, vermisste Eric ihn nicht. Seine sexuellen Bedürfnisse, wenn auch nur mäßig vorhanden, waren jedoch immer auf die ein oder andere Weise befriedigt worden. Aber jetzt brauchte es nur ein paar freche Worte und das ein oder andere verführerische Lächeln von einem schönen, jungen Barkeeper und plötzlich erwachte Erics Libido und verlangte nach Aufmerksamkeit.

Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da hätte Eric die Tatsache, dass sein Verlangen von einem Mann geweckt wurde, in Angst und Schrecken versetzt. Fast sein ganzes Leben lang hatte er sich dafür entschieden, den Teil von sich zu ignorieren, der sich zu Männern hingezogen fühlte. Schließlich war er ja auch mit Holly verheiratet gewesen und es hatte keinen Grund gegeben, darüber überhaupt noch weiter nachzudenken. Das hatte er sich jedenfalls selbst eingeredet.

Aber seit sich Scott Hunter als schwul geoutet hatte, hatte sich etwas geändert. Scott erlaubte sich endlich, genauso zu leben und zu lieben, wie er es sich lange Jahre aus Angst versagt hatte. Und Eric war in der glücklichen Position, aus nächster Nähe Scotts Freude daran mitzuerleben. Aber er war nicht wie Scott. Er hatte Holly einst wirklich geliebt und er war nie gezwungen gewesen, sein wirkliches Ich zu verstecken. Jedenfalls nicht so. Er hatte nur einfach beschlossen, nicht alles von sich zu offenbaren – weil er das ja auch nie musste.

Doch seit seiner Scheidung – und weil er nun in einer schönen neuen Welt lebte, wo es nicht mehr undenkbar war, dass sich Eishockeyspieler zu anderen Männern hingezogen fühlten –, hatte sich Eric gestattet, sich endlich mit dieser Sache, die er so lange unterdrückt hatte, näher zu beschäftigen. Ein bisschen darin herumzustochern. Jetzt, wo er es konnte, hatte er vielleicht sogar Lust, sie ein bisschen weiter zu erkunden. Aber wie? Wo um alles in der Welt sollte man bei so etwas überhaupt anfangen?

Bei einem flirtenden Barkeeper?

Nein. Einfach nein. Kyle war viel zu jung – er war ja kaum älter als die Rookies in seinem Team. Das war einfach unangebracht. Und mehr noch, es wäre auch peinlich. Da könnte er sich ja gleich „Midlife-Crisis“ aufs Shirt drucken lassen. Einen Mann daten, der gerade mal halb so alt war wie er – das würde nicht passieren. Es musste doch eine sicherere und vernünftigere Möglichkeit geben.

Doch zum ersten Mal in seinem Leben schien ihm sicher und vernünftig nicht die beste Wahl zu sein.