Leseprobe Coming Home to Maple Tree Lodge | Eine herbstliche Grumpy x Sunshine Small Town Romance

Kapitel 1

»Jetzt links abbiegen«, verkündete das Navi. »Sie haben Ihr Ziel erreicht.«

Lily Wilson bog von der Landstraße ab und trat sofort auf die Bremse. Sie spähte durch die Windschutzscheibe auf das verschlossene Holztor vor ihr, das durch den starken Regen kaum zu erkennen war.

Sie drückte den Knopf, um das Fenster zu öffnen, streckte den Kopf hinaus und seufzte, als sie auf das weitläufige, von Unkraut überwucherte Feld hinter dem Tor blickte. Das war ganz sicher nicht die Maple Tree Lodge.

Der Regen lief ihr über das Gesicht, also fuhr sie schnell das Fenster wieder hoch. Lily warf einen Blick auf die Google Maps-Karte auf ihrem Handy. Aber ihr Handy hatte überhaupt keinen Empfang und sie hatte den Eindruck, dass sie sich immer noch in dem kleinen Dorf Cranley befand, durch das sie vor zehn Minuten gefahren war.

Also schaltete sie das Navigationsgerät im Mietwagen aus und machte sich erneut auf den Weg, in der Hoffnung, dass sie das Hotel auf gut Glück finden würde. Sie schaltete die Scheibenwischer auf doppelte Geschwindigkeit, konnte aber dennoch kaum etwas auf der Straße vor sich sehen, so stark war der Regen. Es war Ende September, und der Herbst hielt mit äußerst feuchten Fanfaren Einzug.

Sie musste den Tatsachen ins Auge sehen. Sie hatte sich an einem verregneten Freitagnachmittag völlig im ländlichen England verirrt. Und es war weit und breit niemand zu sehen, den man nach dem Weg fragen konnte.

Es fühlte sich an, als würde ihr das Universum ein klares Signal senden. Du hast dich verirrt und es regnet in Strömen. Bist du sicher, dass du nicht einfach umdrehen und nach Hause nach London fahren willst?

Sie schüttelte den Kopf bei diesem Gedanken und sagte sich, dass drei Probleme dagegensprachen, diese Reise aufzugeben, obwohl die Chancen scheinbar gegen sie standen.

Zunächst einmal war ihr derzeitiges Zuhause kein Ort, den sie zu jeder Tages- und Nachtzeit aufsuchen wollte. Sie hatte das kleine Doppelzimmer in einer Wohngemeinschaft in Wimbledon für sechs Monate gemietet, und das waren fünf Monate zu lang, um mit den drei Fremden zusammenzuleben, die ihre derzeitigen Mitbewohner waren. Wayne spielte jeden Nachmittag bis Mitternacht laute Musik, Moira behauptete jedes Mal, wenn sie ausging, dass sie Lilys Make-up nicht »ausgeliehen« habe, und Jason betrieb auf dem Dachboden eine dubiose Plantage. Lily konnte es kaum erwarten, in der folgenden Woche, wenn der Mietvertrag auslief, auszuziehen.

In den letzten zehn Jahren hatte sie an verschiedenen trostlosen Orten in der Hauptstadt gelebt, und jeder schien schlimmer zu sein als der vorherige. Das alles stand in krassem Gegensatz zu den schicken, gehobenen Wohnhäusern, in denen sie aufgewachsen war.

Lily war in England geboren worden, aber die Familie war nicht sehr lange im Land geblieben und hatte es verlassen, als sie erst zwei Jahre alt gewesen war. Ihr Vater war Diplomat, und soweit Lily sich erinnern konnte, waren sie etwa alle zwei Jahre von Land zu Land gezogen und wurden dorthin geschickt, wo die jeweilige Regierung sie hinschicken wollte. Ihre Mutter war Englischlehrerin und konnte daher in den meisten Fällen in jedem neuen Land weiter unterrichten und gleichzeitig ihren Mann unterstützen.

Lily hatte ihre gesamte Kindheit damit verbracht, alle paar Jahre in einem anderen Land und manchmal auch auf einem anderen Kontinent eine neue Schule zu besuchen. Sie hatte kaum genug Zeit, um Freundschaften zu schließen, bevor sie abreisen und wieder von vorne anfangen musste. Es verunsicherte sie sehr.

Im Laufe der Jahre begann Lily, sich beim Freundschaft schließen zurückzuhalten, und gewöhnte sich an das Gefühl, dass nichts jemals von Dauer war, da sich alles unweigerlich veränderte – Schulen, Freunde und Zuhause. Dadurch und weil sie ein Einzelkind war, hatte sie die meiste Zeit nur ihre Eltern als Gesellschaft, und das Gefühl der Einsamkeit verschwand nie ganz.

Im Alter von zwölf Jahren wurde sie auf ein Internat in England geschickt und hasste es von Anfang an. Fast sofort hatte sie ihre Eltern angefleht, sie zu ihnen zurückkehren zu lassen, aber sie hatten sich geweigert und ihr gesagt, dass es besser werden würde. Aber das war es nicht. Das Gefühl, von den eingeschworenen Cliquen von Mädchen nicht akzeptiert zu werden, verstärkte ihre Einsamkeit und ihr Gefühl der Verlassenheit nur noch mehr. Also zog sich Lily in ihr Schneckenhaus zurück und beschloss, dass sie niemanden brauchte. Dass sie allein stärker war und dass das Leben so einfacher sein würde.

Wenn sie während der Schulferien zu ihren Eltern fuhr, schienen diese nicht zu spüren, wie sehr sie es vermisste, Freunde zu haben, und ermutigten sie lediglich, sich auf ihre Schularbeiten zu konzentrieren, damit ihre eigene Karriere genauso glänzend werden würde wie die ihre.

Aber Lily war nie übermäßig ehrgeizig gewesen. Manchmal kam es ihr sogar so vor, als ob das Einzige, was sie von ihren Eltern geerbt hätte, das dichte rote Haar und die grünen Augen ihrer Mutter war. Sie wollte immer nur die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, aber aufgrund ihres vollen Terminkalenders hatten diese nicht viel Zeit für sie. Dank ihrer hohen Intelligenz erzielte sie jedoch stets zufriedenstellende Prüfungsergebnisse, worüber ihre Eltern sehr erfreut waren.

Als sie klein war, schenkten ihr ihre Eltern zu Weihnachten ein großes Puppenhaus. Es war nicht sehr groß, mit nur zwei Stockwerken, aber sie liebte es. Für Lily stellte es ein dauerhaftes Zuhause dar, das Einzige, wovon sie immer geträumt hatte.

Im Alter von zehn Jahren war sie zu alt, um mit Puppen zu spielen, aber die leeren Räume weckten etwas anderes in ihr. Sie richtete sie immer wieder neu ein, probierte verschiedene Stile und Möglichkeiten für jeden Raum aus und war begeistert, wenn ihr eine neue Design-Idee kam. Von diesem Moment an wusste sie, dass sie Innenarchitektin werden wollte, trotz der Vorbehalte ihrer Eltern. Sie wollten, dass sie in die Fußstapfen ihres Vaters trat, und argumentierten, dass dies eine sicherere Karriere sei, aber Lily hatte sich bereits entschieden.

An der Oberschule lernte sie Grafik- und Textildesign. Nach ihrem Schulabschluss zog sie nach London, um eine Lehre als Innenarchitektin zu beginnen.

Sie wusste, dass ihre Eltern über ihre Berufswahl enttäuscht waren. Ihnen war bewusst, wie wenig Geld sie als Lehrling monatlich verdiente, aber Lilys kreative Seite war zu stark, um ihr zu widerstehen. Sie lehnte alle Geldangebote ihrer Eltern ab und war entschlossen zu beweisen, dass ihre Vorbehalte falsch waren. Also hatte sie endlose Wochenenden und Überstunden gearbeitet, um ihrer Konkurrenz voraus zu sein.

Ihr Ziel war es schon immer, ein eigenes Innenarchitekturbüro zu haben, ein Traum, der außer Reichweite lag. Aber sie musste es schaffen. Musste diesen Wunsch in die Tat umsetzen. Denn sie wusste, dass ihre Eltern dann endlich ihre Berufswahl gutheißen würden.

Die harte Arbeit hatte jedoch dazu geführt, dass sie ihre Ambitionen über fast alles andere gestellt hatte, einschließlich der kleinen Gruppe von Menschen in ihrem Leben, die ihr am meisten bedeuteten.

Das war Grund Nummer zwei, warum sie das Auto nicht wenden konnte, obwohl sie sich in der unbekannten Landschaft der Cotswolds immer mehr verlor.

Als sie vor vierzehn Jahren in London ankam, kannte Lily niemanden. Es war ihr gelungen, ein Zimmer zu mieten, ohne es vorher zu besichtigen. Die Mietpreise in London waren lächerlich hoch, sodass ihre Wahl auf ein gemeinsames Haus in einer äußerst unerwünschten Gegend beschränkt war. Aber trotz der Schäbigkeit sowohl der Lage als auch des Hauses selbst stellte sich heraus, dass es eines der besten Dinge war, die Lily jemals passiert waren.

Das Haus war gerade erst auf den Markt gekommen und hatte drei weitere Frauen im gleichen Alter angezogen: Hannah, Beth und Ella. Obwohl Lily sich davor scheute, jemandem näher zu kommen, konnte sie nicht anders, als in den ersten Wochen des Zusammenlebens langsam eine Bindung zu ihren Mitbewohnerinnen aufzubauen. Sie hatten alle gerade die Schule abgeschlossen und waren voller Tatendrang, eine hoffentlich lange und glänzende Karriere in ihrem jeweiligen Fachgebiet zu beginnen. Hannah absolvierte eine Ausbildung zur Konditorin in einem beliebten Restaurant im West End, Beth war angehende Astronomin und daher begeistert, im Royal Observatory in Greenwich zu arbeiten, und Ella war Social-Media-Assistentin in Canary Wharf.

Sie kamen aus verschiedenen Gegenden Englands und lebten alle zum ersten Mal in London. Nach einem anstrengenden Arbeitstag genossen sie es, abends in Weinbars zu gehen oder noch günstiger bei Pizza zu plaudern, während im Hintergrund Desperate Housewives und The Big Bang Theory liefen.

Sie waren alle unterschiedlich in ihrer Persönlichkeit und auch in ihrer Berufswahl, aber sie waren seitdem beste Freundinnen geblieben. Nachdem sie die meiste Zeit ihres bisherigen Lebens so einsam gewesen war, fühlte sich Lily durch ihre Liebe und Freundschaft sofort getröstet. Allerdings hatte sie sich keiner von ihnen gegenüber jemals wirklich vollständig geöffnet und ihre innersten Gefühle offenbart. Das Erbe, das sie aus ihrer Zeit im Internat mitgenommen hatte, bedeutete, dass sie immer Angst vor Ablehnung und Verletzungen haben würde. Und doch waren Hannah, Beth und Ella zu ihrer Familie geworden, während ihre Eltern immer so distanziert gewesen waren.

Nach ein paar Jahren des Zusammenlebens begannen sich die Dinge im Haus jedoch zu ändern. Beth war die Erste, die auszog, nachdem ihr das einmalige Angebot eines zweijährigen Sabbaticals am South African Astronomical Observatory unterbreitet worden war. Ella folgte bald darauf und ging nach Manchester, um für ein Start-up-Unternehmen im Bereich Technologie zu arbeiten.

Nur Lily und Hannah blieben im Haus, und die beiden neuen Mitbewohnerinnen taten nichts, um sich bei den engen Freundinnen beliebt zu machen, sodass sie sich die nächsten zwei Jahre zurückzogen und sich nur gelegentlich mit Beth und Ella trafen, wann immer sie konnten.

Vier Jahre nach ihrer Ankunft in London war Lily immer noch eine einfache Nachwuchskraft in einem Innenarchitekturbüro, ohne jeglichen beruflichen Aufstieg, und Hannah war viel zu schüchtern und unsicher, um sich in der hart umkämpften Welt der Gastronomie einen Namen zu machen.

Dann jedoch verliebte sich Hannah unerwartet. Lily hatte Sean auf den ersten Blick gehasst und konnte nicht verstehen, was Hannah nur in ihm sah. Er war launisch und das komplette Gegenteil der freundlichen, sanften Hannah. Aber ihre Freundin war wie verzaubert, und als Sean ein paar Monate später vorschlug, in eine eigene Wohnung zu ziehen, war Hannah bereit, mit ihm zu gehen.

Lily konnte es plötzlich nicht mehr ertragen, in dem Haus zu sein, in dem sie einst mit ihren drei besten Freundinnen so glücklich gewesen war. Also hatte sie schnell gekündigt und war weitergezogen. Seitdem lebte sie mit anderen in Häusern und großen Wohnungen, kam aber ihren neuen Mitbewohnern nie näher.

Abgesehen von ihren besten Freundinnen hatte sich Lilys sozialer Kreis kein bisschen vergrößert, so sehr sträubte sie sich dagegen, jemand anderem näher zu kommen. Aufgrund ihrer Schüchternheit hatte Hannah auch nicht allzu viele Freunde, und Lily hatte das Gefühl, dass die Beziehung zu Sean nicht besonders gesund war. Ein Jahr später stellte sich heraus, dass sie Recht hatte, als Hannah ihr mitteilte, dass sie Sean verlassen hatte und für eine Weile zu ihrer Familie nach Cranley zurückgezogen war. Zehn Jahre später war sie immer noch da.

Die vier besten Freundinnen trafen sich über die Jahre hinweg weiterhin, doch in letzter Zeit, als Lily endlich Anerkennung für ihre Fähigkeiten erhielt und mehr Verantwortung bei der Arbeit übernahm, stellte sie fest, dass ihre Zeit begrenzter war und sie aufgrund von Terminen oft widerwillig Verabredungen absagen musste. Sie verfolgte weiterhin ihre Karriere, versuchte immer noch, ihren Eltern etwas zu beweisen und sie dazu zu bringen, stolz auf ihre Entscheidung zu sein, Innenarchitektin zu werden. Die Freundinnen telefonierten jedoch weiterhin jede Woche und schrieben sich fast jeden Tag SMS. Jetzt, Anfang dreißig, verliefen die Leben der Freundinnen auf unterschiedlichen Wegen, obwohl keine von ihnen in ihrem Liebesleben ihr Glück gefunden hatte. Sie alle hatten verschiedene Beziehungen gehabt; trotz einiger festen Freunde im Laufe der Jahre hatte Lily jedoch ganz aufgehört, zu daten, um sich auf ihre Karriere zu konzentrieren.

Lily wusste natürlich alles über Hannahs Familie, da sie im Laufe der Jahre so viel über sie gehört hatte, obwohl sie sie nie getroffen hatte. Aber die Tatsache, dass sie ein Hotel besaßen, hatte sich bis zu ihrem letzten Gespräch einige Tage zuvor nicht so bedeutsam angefühlt.

»Seit Ben das Ruder übernommen hat, ist alles so anders«, hatte Hannah ihr erzählt. Hannahs Bruder hatte die Leitung des Hotels übernommen, seit ihr Vater vor sechs Monaten unerwartet verstorben war. »Das ganze Haus ist ein einziges Durcheinander, weil offenbar alles erneuert werden muss. Wie auch immer, wenn alle Arbeiten abgeschlossen sind, muss es neu dekoriert werden, und ich habe ihm vorgeschlagen, dass du genau die richtige Person bist, um uns dabei zu helfen!«

Lily hatte tief Luft geholt. »Ich?«, fragte sie.

»Natürlich!«, bestätigte Hannah und lachte. »Wer denn sonst? Schließlich bist du die talentierte Designerin in dieser schicken Firma!«

Lilys Freude war nur von kurzer Dauer, als sie die Scham darüber hinunterschluckte, dass sie nicht ehrlich zu ihrer besten Freundin gewesen war.

Was der dritte Grund war, warum sie nicht umdrehen konnte, obwohl sie immer noch nicht wusste, wo sie sich befand. Sie brauchte diesen Auftrag mehr, als sie jemals zuvor etwas in ihrem Leben gebraucht hatte.

Von Anfang an hatte Lily ihre Karriere langsam aufgebaut, von einer Auszubildenden bis hin zu einer Juniorposition. Sie hatte viele Opfer gebracht, darunter auch ihr Privatleben oder vielmehr das Fehlen desselben, bis sie schließlich vor zwei Jahren eine Stelle als Assistentin eines erfolgreichen modernen Innenarchitekten angenommen hatte. Hans Haubermann galt als Genie und war nach einigen hochkarätigen Aufträgen für die Londoner Elite der angesagteste Designer der Moderne.

Lily war begeistert gewesen, einen Job bei einem so exklusiven Designer zu bekommen. Endlich hatten sich ihre Opfer gelohnt. Sie war fast am Ziel. Mit ein paar eigenen Aufträgen könnte sie endlich ihr eigener Chef sein. Selbst ihre Eltern waren von Hans‘ exklusiver Kundenliste beeindruckt.

Aber der Job hatte einen hohen Preis. Hans‘ Entwürfe waren minimalistisch und sehr modern, ganz im Gegensatz zu Lilys eigenem Stil, der darauf abzielte, einen Raum warm und gemütlich zu gestalten. Aber sie beschloss, dass es sich lohnte, dieses Opfer zu bringen, wenn sie Hans‘ Namen in ihrem Lebenslauf stehen hatte.

Zu ihrem Entsetzen hatte sie jedoch schnell herausgefunden, dass Hans ein Betrüger war. Er hatte keinerlei Talent. Es war ein Betriebsgeheimnis, dass er das Talent all seiner Assistenten nutzte und sich hinter ihrer Kreativität versteckte, um sie als seine eigene auszugeben. Und Lily war da keine Ausnahme gewesen, hatte sie doch erst vor drei Monaten die Wahrheit erfahren, dank einer unglücklichen Kollegin, die sie bei ihrer Abschiedsfeier ausgeplaudert hatte.

Es war alles so ungerecht. Hans hatte ihr am Anfang so viel versprochen, darunter auch, sie zur Partnerin in seiner Firma zu machen. Es stellte sich jedoch heraus, dass es sich um die gleichen Versprechen handelte, die er im Laufe der Jahre vielen verschiedenen Designerinnen und Designern gegeben hatte.

Dann, vor einer Woche, hatte er die große Bombe platzen lassen, dass er ihr kündigen würde. Hans hatte erklärt, dass sie Personal abbauten und Mitarbeiter entließen, aber Lily wusste, dass nur sie ihren Job verloren hatte. Hans war so hinterhältig gewesen, ihr Arbeitsverhältnis nur wenige Tage vor ihrem zweijährigen Jubiläum zu kündigen, sodass sie auch keinen Anspruch auf die gesetzliche Abfindung hatte.

Seit ihrer sofortigen Entlassung hatte Lily die letzten Tage in einem chaotischen Zustand verbracht und in ihrem Zimmer über die Ungerechtigkeit der ganzen Situation geweint. Aber was konnte sie tun? Niemand würde ihr glauben, selbst wenn sie es erzählen könnte. Denn es stellte sich heraus, dass ihr ursprünglicher Arbeitsvertrag eine kleine Klausel enthielt, die ihr verbot, die Firmengeheimnisse an Dritte weiterzugeben.

Alles, was sie wollte, war die Chance zu beweisen, dass sie die richtige Berufswahl getroffen hatte, ihren Eltern zu zeigen, dass sie es aus eigener Kraft schaffen konnte. Sie hatte die Fähigkeiten und die Erfahrung. Allerdings hatte sie nun keine Empfehlungen mehr und der Kundenstamm, den sie aufgebaut hatte, war weg, da er zu Hans‘ Geschäft gehörte.

Sie wusste, dass sie gut genug war, um ihr eigenes Unternehmen zu haben. Aber wo sollte sie überhaupt anfangen? Sie brauchte nur ein bisschen Glück.

Und dann hatte die wunderbare Hannah sie wegen des Hotels angerufen, und es war, als hätte ihr das Schicksal eine zweite Chance gegeben. Hannah glaubte immer noch, dass Lily in der Firma arbeitete, und sie hatte ihr nicht die Wahrheit gesagt. Tatsächlich hatte sie es niemandem erzählt, weder ihren besten Freunden noch ihren Eltern, die sich derzeit in Canberra aufhielten. In Wahrheit schämte sie sich. Sie war eine Versagerin. Nach so vielen Jahren harter Arbeit hatte sie absolut nichts vorzuweisen. Wenn sie jedoch die Provision für das Hotel erhalten würde, würde sie ihren Freunden die Wahrheit verraten, sobald ihre Zukunft geklärt wäre.

Aber sie wusste auch, dass die Familie Jackson diesen Auftrag nicht an jemanden vergeben würde, der nicht von einem renommierten Unternehmen vertreten wurde, also hielt sie es vorerst für das Beste, darüber Stillschweigen zu bewahren. Lily wusste auch, dass die Arbeit an einem prestigeträchtigen Projekt wie einem Hotel auf dem Land die perfekte Gelegenheit für sie war: ein Sprungbrett für die Gründung ihres eigenen Unternehmens und hoffentlich auch für den Erfolg. Wenn sie nur das Hotel finden könnte!

Der Regen hatte mittlerweile nachgelassen, und sie konnte sehen, dass sich der Herbst entlang der Hecken, die die Landstraße säumten, und über den weit entfernten grünen Hügeln ankündigte. Das dunkle Grün der Landschaft war nun, da die Jahreszeiten zu wechseln begannen, mit bernsteinfarbenen und ockerfarbenen Tönen durchsetzt. Es war ein krasser Gegensatz zu den städtischen Straßen, an die sie gewöhnt war, aber dafür war die Aussicht umso schöner.

Als der Regen endlich aufhörte, sah sie etwas, das wie ein glänzendes neues Schild für die Maple Tree Lodge aussah.

Mit einem erleichterten Aufschrei bog sie mit dem Auto auf einen schmalen Weg ab und befand sich fast augenblicklich in einem schattigen Waldgebiet. Sofort wurde das Licht viel dunkler, aber als sie um eine Ecke bog, konnte sie in der Ferne durch die Bäume einen Schimmer von Wasser erkennen.

Sie konnte nun auch einen Teil eines größeren Gebäudes ausmachen. Hannah hatte ihr gesagt, es sei ein kleines Hotel, aber es war viel größer, als Lily erwartet hatte. Sie spürte, wie ein Kribbeln durch sie hindurchfuhr. Was wäre das für ein toller Start, dieses Hotel als ihren ersten eigenen Auftrag zu bekommen.

Da Lily so lange in London gelebt hatte und nicht an das Autofahren gewöhnt war, drückte sie versehentlich das Gaspedal statt der Bremse, und der Mietwagen schoss so schnell vorwärts, dass sie fast mit einem entgegenkommenden Fahrzeug kollidierte, das gerade um eine Kurve gekommen war.

Um einen Frontalzusammenstoß zu vermeiden, drehte sie das Lenkrad und lenkte den Wagen scharf nach links. Eine Kollision war vermieden worden, doch Lily stellte fest, dass das Auto stattdessen nun steil eine Böschung hinunter und direkt in etwas fuhr, das wie ein kleiner Teich aussah.

Der Motor ging aus und schließlich kam sie zum Stehen. Sie war erleichtert, obwohl das Auto von Wasser umgeben war. Sie holte tief Luft und vergewisserte sich, dass es ihr gut ging. Zum Glück war sie angeschnallt gewesen, was sie vor Schlimmerem als einem steifen Nacken bewahrt hatte.

Als sie eine Bewegung in der Nähe bemerkte, schaute sie zu dem anderen Auto hinüber und sah einen Mann aus seinem Fahrzeug steigen. Ein wenig verlegen fuhr sie das Fenster herunter.

»Geht es Ihnen gut?«, rief sie und merkte, dass ihre Stimme durch den Schock etwas atemlos klang.

Er fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles Haar und sah benommen aus. »Mir geht es gut. Und Ihnen?«, rief er zurück.

»Mir geht es gut«, antwortete sie, obwohl das Auto mitten im Teich feststeckte.

Der Fremde stieß einen Seufzer aus und sah dann verärgert aus. »Wenn Sie ordentlich gefahren wären und nicht wie Lewis Hamilton, wäre das nicht passiert«, erklärte er ihr.

Verlegen wollte sie gerade antworten, als sie bemerkte, dass Wasser begann, an der Unterseite der Autotüren hereinzusickern.

Sie verzog das Gesicht, stieß die Tür auf und wollte schnell hinaus, bevor sie noch weiter unterging.

»Warten Sie!«, hörte sie den Mann rufen.

Aber sie war nicht in der Stimmung, zuzuhören. Sie geriet wegen des eindringenden Wassers in Panik und nachdem sie die Tür gegen etwas gedrückt hatte, das sich wie ein Erdhügel anfühlte, sprang Lily aus dem Auto und landete direkt in etwas, das sich eher als Sumpf denn als Teich entpuppte.

Ihre weißen Lieblingsturnschuhe waren schnell in einer braunen Pfütze versunken, die ihr bis zu den Knöcheln reichte. Sie starrte ungläubig auf den Teich hinunter, der mehr aus Schlamm als aus Wasser zu bestehen schien.

»Ich habe gesagt, Sie sollen warten!«, rief der Mann und ging auf sie zu.

»Das hätten Sie etwas ausführlicher erklären können«, entgegnete sie, während ihre Demütigung von Sekunde zu Sekunde wuchs.

»Ich helfe Ihnen«, sagte er, trat an den Rand des Ufers und streckte seinen Arm nach ihr aus.

»Ich komme schon klar«, murmelte sie und schüttelte seine Hand ab. Sie war keine Jungfrau in Nöten. Die Verlegenheit über ihre missliche Lage ließ ihre Worte schärfer als sonst klingen. »Ich muss nicht gerettet werden!«

Er wirkte überrascht, zog aber seine Hand zurück und lehnte sich an einen nahe gelegenen Baum. »Na dann los«, meinte er. »Ich habe heute noch nicht gelacht.«

Was hatte der Mann für ein Problem? Er war ungefähr in ihrem Alter und trug Jeans und einen Pullover. Aber sein zugegebenermaßen attraktives Gesicht sah derzeit äußerst selbstgefällig aus, und sie konnte sich nicht erklären, warum.

Und dann wurde es ihr klar. Denn sie konnte ihre Füße nicht bewegen. Überhaupt nicht. Sie versuchte es immer wieder, bis ihr Gesicht rot anlief, doch egal, wie sehr sie auch an ihren Füßen zerrte, sie bewegten sich nicht. Es war, als wären sie festgeklebt.

Mit einem frustrierten Aufschrei sah sie schließlich widerwillig zu dem Mann hinüber, der vom Ufer aus auf sie herablächelte.

»Es ist eine Mischung aus Sand und Erde«, erklärte er ihr. »Erzeugt den klebrigsten Schlamm. Die Bäume lieben ihn. Er speichert die ganze Feuchtigkeit und lässt sie groß und stark werden.«

»Großartig«, murmelte sie und versuchte ein letztes Mal vergeblich, ihren Fuß zu bewegen. »Wie schön für die Bäume.«

»Nehmen Sie jetzt meine Hilfe an?«, erkundigte er sich.

»Ja, bitte«, murmelte sie.

Er streckte beide Hände aus, um ihre zu ergreifen. Sie verschränkten die Finger und sie versuchte, sich nicht noch mehr zu blamieren.

»Bereit?«, fragte er, bevor er sich anspannte. »Eins, zwei, drei …«

Bei drei zog er sie mit einem kräftigen Ruck zu sich heran. Als sie jedoch bemerkte, dass sie endlich aus dem Schlamm befreit war, stellte Lily auch fest, dass ihre Füße nun nackt waren, während sie durch die Luft flog. Ihre Turnschuhe waren zurückgeblieben.

Das war jedoch nichts im Vergleich zu dem größten Problem, das ihr durch den Kopf ging, nämlich dass sie dank seines extrem starken Rucks nicht nur aus dem schlammigen Teich katapultiert worden war, sondern direkt gegen die Brust des Fremden. Sie hörte, wie er beim Aufprall »Uff!« rief. Der Schwung riss sie mit sich, sodass sie beide zu Boden stürzten.

Für einen Moment war Lily etwas benommen. Und schließlich drang ihr die Erkenntnis, dass sie nun mitten im Wald direkt auf einem Fremden lag, mit voller Wucht ins Bewusstsein.

Sie sah hinunter in sein Gesicht und bemerkte, dass er sie aus seinen dunkelbraunen Augen anblickte. Für einen Moment war nichts zu hören außer dem Geräusch der Wassertropfen, die von den Bäumen auf den Boden tropften.

Dann verzog sich sein attraktives Gesicht zu einem Grinsen.

»Willkommen in der Maple Tree Lodge«, verkündete er.

Kapitel 2

Ben Jackson hatte einen schlechten Tag gehabt, bis er unerwartet eine wunderschöne Rothaarige auf sich liegen hatte.

Es war nur schade, dass sie ihn finster anblickte, ihre grünen Augen nur wenige Zentimeter von seinen entfernt. Und natürlich, dass sie eine völlig Fremde war. Was zu der Frage führte: Wer um alles in der Welt war sie?

Er wollte sich gerade vorstellen, als sie abrupt aufstand und ihn zurückließ, sodass er sich langsam auf dem Waldboden aufsetzte. Ben nahm sich einen Moment, um zu versuchen, das Geschehene zu verarbeiten, das sich innerhalb kürzester Zeit ereignet hatte.

Es waren nur fünf Minuten vergangen, seit er voller Wut das Hotel verlassen hatte. Er wusste nicht einmal, wohin er fuhr, wusste nur, dass er irgendwo anders hinmusste. Überallhin … außer der Maple Tree Lodge. Und doch hatte er es nur wenige Meter weit vom Hotelparkplatz geschafft, als er einem Frontalzusammenstoß mit einem anderen Auto ausweichen musste.

Er warf einen Blick auf sein Auto, das zum Glück unversehrt war. Da das andere Auto jedoch mit allen vier Rädern im Teich festzusteckte, sah es nicht so aus, als wäre es noch fahrtüchtig. Daher wusste er, dass seine dringend benötigte Flucht so schnell vorbei war, wie sie begonnen hatte.

Jetzt musste er zurück zum Hotel und sich erneut seinem Grandpa stellen, obwohl er erst vor kurzem nach einem weiteren Streit wütend davongelaufen war. Ben liebte seinen Grandpa sehr. Er glaubte nur nicht, dass sie noch lange zusammenleben könnten.

Er schaute zu der Fremden hinüber und sah, dass sie Tannennadeln und nasses Laub von ihrer Jeans und ihrem Pullover abwischte. Als sie sich bückte, wehte ihr langes rotes Haar um ihre Schultern und erinnerte ihn an die Kastanienbäume, deren Blätter sich bereits herbstlich verfärbt hatten – glänzend, warm und leuchtend.

»Sind Sie verletzt?«, fragte er und erhob sich.

»Nur mein Stolz«, antwortete sie und schenkte ihm ein verlegenes Lächeln, das ihr hübsches Gesicht erstrahlen ließ.

Er konnte nicht anders, als ihr unglaubliches Haar zu betrachten, dann die langen dunklen Wimpern und die blasse Haut, die durch Sommersprossen und ein rosiges Erröten der Verlegenheit auf ihren Wangen hervorgehoben wurde.

Er schüttelte leicht den Kopf und wandte den Blick ab. War sein letztes Date schon so lange her, dass ihn die erste attraktive Frau, die ihm begegnete, vorübergehend sprachlos machte?

»Bevor Sie in unseren Teich verschlagen wurden, was haben Sie hier draußen mitten im Nirgendwo gemacht?«, erkundigte er sich, nachdem er endlich seine Stimme wiedergefunden hatte.

Sie sah überrascht aus. »Ich war auf dem Weg zum Hotel. Ich bleibe heute Nacht dort.«

Jetzt war es an Ben, überrascht zu sein. »Bleiben? In der Maple Tree Lodge?«, fragte er, unfähig, seine Bestürzung zu verbergen.

Sie nickte, bevor sie die Stirn runzelte. »Ja.«

Er staunte noch mehr. Er wollte nicht zugeben, dass für diesen Abend keine Buchungen vorlagen. Und dass es auch im letzten Monat keine Buchungen gegeben hatte, fügte er im Stillen hinzu. Der derzeitige Zustand des Hotels war natürlich nicht gerade hilfreich. Überall gab es Arbeiter und Unordnung. Und das war der Grund für den Streit mit seinem Grandpa an diesem Morgen gewesen. Der Grund für jeden Streit, seit er Anfang des Jahres nach Hause gekommen war.

Damals war er Partner in einem erfolgreichen Architekturbüro in London gewesen. Es war der Job, von dem er immer geträumt und für den er hart gearbeitet hatte. Aber es hatte sich nicht ganz so entwickelt, wie er gedacht hatte. Während Ben gehofft hatte, prächtige Gebäude von architektonischem Interesse zu entwerfen, hatte er am Ende eher gewöhnliche Gebäude wie Einkaufszentren und Büro auf der ganzen Welt gestaltet. Es hatte ihm zwar jeden Monat einen netten Gehaltsscheck auf sein Bankkonto gebracht, aber nicht die kreative Befriedigung, nach der er sich sehnte.

Mit einer anständigen Wohnung und einem guten Job war das Leben in der Hauptstadt jedoch gar nicht so schlecht. Er hatte ein großartiges Sozialleben mit seinen Freunden und viele Dates. Alles war gut, bis zu dem Anruf seiner Mutter eines Abends im Frühjahr, der alles veränderte und ihn nach Hause führte.

Für Ben war die Maple Tree Lodge immer sein Zuhause gewesen. Tatsächlich war es das Zuhause von fünf Generationen der Jackson-Familie. Sein Ururgroßvater, der 1918 verzweifelt versuchte, die Schrecken des Ersten Weltkriegs hinter sich zu lassen, hatte sich weit in die englische Landschaft vorgewagt, um die dringend benötigte Ruhe zu finden.

Am Rande eines kleinen Dorfes namens Cranley hatte er einen großen See und 50 Hektar Wald entdeckt, die zum Verkauf standen. Nach dem Kauf hatte er begonnen, sich und seiner neuen Frau ein Haus zu bauen, in dem sie ihre Kinder großziehen konnten.

Jede Generation der Familie Jackson hatte die Lodge um weitere Räume und Flächen erweitert, wobei sie eine Mischung aus den in der Region beliebten Ziegeln in warmen Farben und dem unerschöpflichen Holzvorrat verwendeten, über den die Familie Jackson dank der umliegenden Wälder nun verfügte.

In diesen Tagen war es ein zweistöckiges Gebäude mit langen Flügeln, die sich entlang des sandigen Ufers des Sees erstreckten. Da das Gebäude für seine Eltern, seine Frau und seine beiden Kinder zu groß war, hatte Bens Vater Tony Anfang der 1980er Jahre beschlossen, das Haus als Hotel zu eröffnen. Er hatte es umgebaut, um zwanzig Gästezimmer mit eigenem Bad einzurichten, sodass die Familie in privaten Räumen am Ende des Westflügels wohnen konnte.

Doch obwohl er ein hervorragender Zimmermann war, hatte Tony nie viele geschäftliche Fähigkeiten besessen, und auch wenn sie im Laufe der Jahre einige Gäste und gute Kritiken erhielten, war das Hotel nie der Erfolg, von dem er geträumt hatte. Erschwerend kam hinzu, dass der Ort mitten im Nirgendwo lag und es vor den Tagen des Internets fast unmöglich war, die Existenz des Unternehmens bekannt zu machen.

In den letzten Jahren gab es zwar einige Gäste, aber war das Hotel jemals wirklich erfolgreich gewesen? Ben ging nicht davon aus. Aus seiner Kindheit konnte er sich nur daran erinnern, dass gelegentlich Gäste kamen, aber ansonsten hatten er und seine Schwester das Hotel für sich allein und konnten dort mit ihren Freunden Verstecken spielen.

Sein Dad war oft deprimiert gewesen, weil sein Traum, ein erfolgreiches Hotel zu führen, nicht in Erfüllung gegangen war, und die Belastung durch das Geschäft hatte wahrscheinlich sein Herz zusätzlich strapaziert, sodass er in diesem Frühjahr so plötzlich von ihnen gegangen war.

Ben war nach Hause geeilt, um bei seiner Familie zu sein und mit ihr zu trauern. Doch während seines längeren Aufenthalts hatte er die Ursache für den Stress seines Vaters entdeckt. Die Buchhaltung des Hotels bot keinen erfreulichen Anblick, und die Familie stand kurz vor dem finanziellen Ruin. Tony hatte ein großes Bankdarlehen aufgenommen, um den Laden über Wasser zu halten, aber zusammen mit einigen dringend notwendigen Renovierungsarbeiten waren die Schulden enorm.

Und dann war da noch der schockierende Brief, den er in der Schreibtischschublade gefunden hatte. Das Angebot zum Kauf der Maple Tree Lodge kam von einem großen Hotelkonzern, der sie in eines seiner modernen Wellnesshotels umwandeln wollte. Die Summe, die sie anboten, war atemberaubend und für Ben äußerst verlockend, doch er hatte eine Akte gefunden, in der sein Vater bereits eine Antwort verfasst hatte, um das Angebot abzulehnen. Schweren Herzens wusste Ben, dass auch er das Angebot ablehnen und versuchen musste, den Wunsch seines verstorbenen Vaters zu erfüllen, indem er das Hotel in der Familie behielt. Der Verkauf an das multinationale Unternehmen würde bedeuten, dass seine Familie ihr geliebtes Zuhause verlassen müsste, und das wollte niemand.

Die einzige Lösung bestand also darin, stattdessen zu versuchen, das Hotel zu modernisieren, um seine Zukunft zu sichern. Da seine Großeltern schon fast achtzig waren und seine Mutter immer noch trauerte, war es an Ben, die Verantwortung zu übernehmen. Er hatte seinen Anteil am Architekturbüro verkauft und war seither in der Maple Tree Lodge geblieben, wo er verzweifelt versuchte, Wege zu finden, um eine Zwangsversteigerung zu verhindern. Obwohl das alte Gebäude einen enormen Modernisierungsbedarf aufwies, hatte er gedacht, dass die Arbeit relativ einfach sein würde. Sicherlich musste die Maple Tree Lodge etwas zu bieten haben, wenn das große multinationale Unternehmen ihr Hotel haben wollte, nicht wahr? Aber im Laufe der Monate wurden die Renovierungsarbeiten immer umfangreicher, und es lastete schwer auf seinen Schultern, dass das Glück und die Sicherheit der Familie allein auf ihm ruhten.

Plötzlich bemerkte er, dass die Frau ihn mit einer Frage in den Augen ansah, und er beschloss, sich vorzustellen.

»Hi, ich bin Ben Jackson«, sagte er ihr. »Der Hotelmanager.«

»Ich bin Lily Wilson«, erwiderte sie. »Hannahs Freundin.«

»Ach ja.« Plötzlich erinnerte er sich an das, was seine Schwester ihm an diesem Morgen beim Frühstück erzählt hatte. »Natürlich.«

Er hatte im Laufe der Jahre viel über Hannahs beste Freundinnen gehört, aber Beth und Ella hatte er erst kennengelernt, als er wieder nach Hause gezogen war. Lily war laut seiner Schwester eine vielbeschäftigte Karrierefrau und schien nie Zeit zu haben, ihre Freundinnen zu treffen.

Hannah hatte ihn auch daran erinnert, dass ihre Freundin Innenarchitektin war, und seine Schwester hoffte, dass sie sie für die Neugestaltung des Hotels engagieren könnten. Ben hatte das Innenarchitekturbüro gegoogelt, in dem Lily arbeitete, und war beeindruckt. Deren Stil war minimalistisch und modern, genau das, was er für das Hotel wollte. Das Hotel benötigte ein neues, modernes Erscheinungsbild, elegant und stilvoll, das genau zur Einrichtung seiner Konkurrenz passen würde. Er hoffte nur, dass die Rechnung nicht zu teuer sein würde, denn seine Mittel waren stark erschöpft.

Er wollte sie gerade nach ihrer Arbeit fragen, als über ihm ein bedrohliches Donnergrollen zu hören war und er erkannte, dass sich der Himmel wieder verdunkelte und weiterer Regen drohte.

»Ich glaube, wir sollten besser ins Trockene gehen«, meinte er zu ihr.

»Das glaube ich auch«, antwortete sie, ging zu ihrem beschädigten Auto hinüber, beugte sich anmutig vor, um ihre Handtasche vom Beifahrersitz zu nehmen, und holte dann eine größere Reisetasche heraus.

Als sie sich wieder aufrichtete, wollte Ben ihr gerade anbieten, sie in seinem Auto mitzunehmen, doch da entfernte sie sich bereits von ihm und ging in Richtung der Lichtung, wo sich der Hotelparkplatz befand.

Ben beschloss, sein Auto stehen zu lassen, und ging zügig weiter, um mit ihr Schritt zu halten. Es schien ihr nichts auszumachen, barfuß durch den Wald zu laufen, was ihn überraschte. Die meisten Frauen, mit denen er im Laufe der Jahre ausgegangen war, hätten bei dem schlammigen Boden und den möglichen Insekten, die auf dem Boden herumkrabbelten, aufgeschrien. Diese Frau schien sich nicht um so etwas Belangloses zu kümmern.

Sobald sie den Parkplatz erreicht hatten, blieb Lily stehen, um die Aussicht zu bewundern. Er konnte es ihr nicht verübeln. Es war eine spektakuläre Kulisse, dachte er, während er selbst über den See blickte. Selbst an einem dunklen und regnerischen Tag spiegelte sich der weite Himmel in dem großen Gewässer. Sanfte Hügel umgaben den See, als würden sie ihn umarmen und vor Feinden von außerhalb schützen. Und dann war da noch der See selbst, der sogar an einem so trüben Tag glitzerte. Er war von Bäumen und großen Waldstücken umgeben, die alle seiner Familie gehörten.

Schließlich beobachtete er, wie Lily sich umdrehte und mit großen Augen zum Hotel hinaufstarrte. Er folgte ihrem Blick zu dem großen Gebäude vor ihnen. Sein Ururgroßvater hatte viele Bäume gefällt, um die ursprüngliche Hütte zu errichten, und die nachfolgenden Generationen hatten es ihm gleichgetan, sodass die Außenwände des Hotels aus riesigen Baumstämmen bestanden, die dem Ort ein solides, aber warmes Aussehen verliehen. Mächtige Ziegelschornsteine schmiegten sich an die Außenwände bis hinauf zum Schieferdach, von wo aus Rauchschwaden in die Luft stiegen.

Trotz der Schönheit des Hotels konnte Ben, wie in diesen Tagen üblich, nur die schiere Menge an Geld sehen, die ihn die Renovierungsarbeiten bisher gekostet hatten. Er hatte den Großteil seiner Gewinne aus dem Verkauf seines Unternehmens verwendet, um das Hotel zu stützen, von dem sich schon früh herausgestellt hatte, dass es in Gefahr war, im See zu versinken. Diese kostspieligen Bauarbeiten sowie neue doppelt verglaste Fenster, Türen und ein komplett neues Dach hatten sein Bankkonto so gut wie leergefegt.

Da die Sanitäranlagen und die Elektrik noch auf den neuesten Stand gebracht werden mussten, wusste Ben nicht, ob das Hotel überleben würde, selbst wenn alles fertiggestellt war. Aber er musste es um seiner Familie willen versuchen.

Die Veränderungen hatten jedoch dazu geführt, dass er sich bei jedem Schritt mit seinem Grandpa anlegte. Sein sturer Grandpa wollte alles so lassen, wie es war. Doch Ben wusste, dass das keine Option sein konnte, denn sonst würde das Haus zusammenbrechen und sie würden ihr Zuhause sowieso verlieren.

Er schaute hinüber zu seiner Schwester, die gerade an der eichenholzverkleideten Haustür erschienen war und auf sie zueilte.

»Du hast es geschafft!« Ein breites Lächeln erhellte Hannahs Gesicht.

Ben stellte fest, dass er seine jüngere Schwester schon lange nicht mehr so glücklich gesehen hatte, jemanden zu sehen, und er musste lächeln, als er sah, wie sie Lily in eine Umarmung schloss.

Süße Hannah, dachte er. Es war schön, sie nach einer so traurigen Zeit nach dem Verlust ihres Vaters wieder lächeln zu sehen.

Sie war immer so eine stille, aber beruhigende Präsenz. Im Gegensatz zu Ben hatte sie in der Schule spektakulär versagt und fand nichts Akademisches einfach. Sie war unter dem Druck der Prüfungen zusammengebrochen und nicht mehr zurückgekehrt.

Ohne jegliche Qualifikation hatte sie mit sechzehn einen Job in einem örtlichen Restaurant angenommen, bis sie schließlich auf Bens Drängen hin den Sprung nach London gewagt hatte. Sie war eine äußerst begabte Bäckerin, aber er hatte inzwischen erkannt, dass Hannah in die gnadenlose Welt der Hauptstadt zu schicken, so war, als würde man eine Landmaus in die afrikanische Savanne setzen. Er fühlte sich immer noch schuldig, dass er sie so unter Druck gesetzt hatte, vor allem, weil weder der Job noch ihre Liebesbeziehung geklappt hatten und sie vier Jahre später zurück in die Geborgenheit von Cranley geflüchtet war. Und dort war sie seitdem geblieben.

Hannah war immer am glücklichsten in der Küche, hinter den Kulissen. Backen war ihre absolute Lieblingsbeschäftigung. Derzeit arbeitete sie abends in einem lokalen Pub-Restaurant, um Geld zu verdienen, während das Hotelrestaurant wegen Renovierungsarbeiten geschlossen war.

»Es ist zu lange her, aber du siehst wie immer umwerfend aus«, sagte Hannah zu Lily, als sie sich aus der Umarmung löste. Dann runzelte Hannah die Stirn, als sie ihre Freundin von oben bis unten musterte. »Nur dass du ein Blatt im Haar hast … und wo sind deine Schuhe?« Sie schaute mit großen Augen von Lily zu Ben.

»Ich hatte einen kleinen Unfall«, gestand Lily und lachte. »Ich bin auf dem Weg in einen Teich gefahren!«

»Was?« Hannah lachte nicht, sondern sah stattdessen entsetzt aus. »Geht es dir gut? Bist du verletzt?«

»Mir geht es gut«, versicherte Lily ihr. »Aber ich sollte wahrscheinlich meine Füße waschen!«

Hannah sah erleichtert aus und legte ihren Arm um Lily, um sie ins Haus zu bringen. »Du solltest mir besser alles darüber erzählen«, sagte sie.

Ben wollte ihnen gerade folgen, als sein Grandpa an der Seite des Hotels auftauchte. Selbst aus dieser Entfernung konnte Ben den finsteren Blick seines Grandpas nach dem neuerlichen Streit an diesem Nachmittag spüren.

Walter Jackson war stur, aber trotz seiner neunundsiebzig Jahre immer noch voller Entschlossenheit und Tatendrang. Ben wusste, dass sein Grandpa nur das Beste für das Hotel wollte, aber gleichzeitig stieß jede neue Idee auf Widerstand und zog einen neuen Kampf nach sich. So stieß Bens Idee, jedes Gästezimmer mit WLAN, neuen Flachbildfernsehern und LED-Beleuchtung auszustatten, auf noch mehr Murren, weil man befürchtete, dass dadurch die Seele des Ortes verloren gehen würde.

Früher hatten Ben und sein Grandpa ein gutes Verhältnis zueinander gehabt, aber seit dem Tod seines Vaters hatte Ben das Gefühl, als sei er eine ständige Enttäuschung für Walter. Dass nichts von dem, was er mit dem Hotel gemacht hatte, die Zustimmung seines Grandpas fand.

Ben hatte das Hotel im Testament seines Vaters geerbt, aber es war eine ständige Belastung für ihn. Die Finanzen stimmten einfach nicht und das schon seit sehr langer Zeit. Es war ein Chaos, das er verzweifelt versuchte, vor seiner Familie zu verbergen, die nach dem plötzlichen Tod seines Vaters immer noch trauerte.

Er wusste, dass er sich weiter bemühen musste, den Ort zu retten, nicht nur, um seinen Grandpa zu besänftigen, sondern weil es ihr Zuhause war. Ben versuchte alles, was ihm einfiel, um die Maple Tree Lodge über Wasser zu halten, aber er wusste immer noch nicht, ob das ausreichen würde.