Leseprobe Circle of Sin | Eine Dark Romance über Schuld und Erlösung

Prolog

Deliah

Sommercamp, vor sechs Jahren

„Verpasse ich etwas? Lohnt es sich wirklich zu warten? Ich möchte nicht an meiner Liebe zu Gott zweifeln, aber ich weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist.” Die Worte sprudelten aus Deliah hervor. Sie stolperte über ihre eigenen Worte, rang nach Atem, während sie den Mann anstarrte und dabei fast gedankenverloren mit ihrem Ring spielte, an den ein schwerwiegendes Versprechen gebunden war.

Deans Hand legte sich auf ihr Knie und drückte das zitternde Bein, als wollte er sie damit beruhigen, dass er seinen eigenen silbernen Ring gegen ihre warme Haut presste. Doch die Geste hatte nicht die beabsichtigte Wirkung.

Das Gefühl seiner Haut gegen ihre ließ eine neue Welle an Hitze in Deliah aufsteigen; sie kroch ihren Rücken hinauf, neckte ihren Nacken, während Schweiß auf ihrer Stirn perlte. Ihre Frage hatte ihn merklich überrumpelt, so als hätte Dean nicht erwartet, dass die junge Frau binnen weniger Tage, nachdem sie ihn das erste Mal getroffen hatte, so offen mit ihm sprechen würde. Besonders dann nicht, wenn sie beide spätabends Zuflucht in der alten Kirche fanden.

Eine lose Haarsträhne fiel in ihr Gesicht, die Dean behutsam hinter ihr Ohr strich. Seine Finger verweilten für einen Moment, während sie das Gefühl seiner rauen Fingerspitzen an ihrer warmen Wange aufnahm. Deliahs Augen fielen bei der Berührung zu, sie sog das neue Gefühl auf, als ob sie befürchtete, dass sie nie wieder so nahe bei ihm sitzen würde.

„Hast du dich jemals selbst berührt, Deliah?” Die Frage raubte ihr den Atem, ihre Augen öffneten und weiteten sich, während sie fast beschämt auf ihrer Unterlippe kaute. Leise flüsterte Deliah ein „Nein“ und erinnerte sich an all die Male, an denen ihre Mutter sie vor des Teufels Griff gewarnt hatte, vor den Sünden, die über sie kommen würden, wenn der Mond hoch am Himmel stand und die Dunkelheit durch ihre Jalousien sickerte.

„Weißt du”, seine Augen fanden ihre Lippen, „mit jemandem zu schlafen, dem du vertraust, ist der Gipfel von Intimität, ein Moment voller Liebe und Geborgenheit. Nur du kannst entscheiden, ob du etwas verpasst. Aber sei dir gewiss, ich werde immer da sein, um dich auf den richtigen Weg zu führen.”

Deliah kam keine Antwort über die Lippen, als seine Hand erneut ihr Knie fand und sein Daumen die Haut unter ihrem Kleid streifte. Ihr kam auch keine Antwort über die Lippen, als sich sein Griff festigte und seine Fingerspitzen in ihre Haut drückten, bevor seine Hand langsam höher wanderte. Nichts als ein überraschter Laut verließ sie.

„Das, was du verspürst, ist keine Sünde, nicht, solange du sie mit mir teilst.” Sie drehte sich dem Campleiter weiter zu, die großen Augen auf sein Gesicht gerichtet. Ihr Atem stockte in der Brust, während Dean seinen Kopf zu ihr herunterbeugte, den Blick erneut auf ihre Lippen gerichtet. Es fühlte sich an, als würde ihr Herz in ihrem Hals schlagen und jeden Luftzug unterbrechen, nur um sich endlich näher an ihn drücken zu können.

„Du solltest mich nicht so ansehen, Deliah.” Seine warnenden Worte ließen sie verwirrt zurück, die Augenbrauen zusammengezogen, den Kopf leicht zur Seite geneigt. „Meine Kraft ist nicht endlos.”

„Deine Kraft wofür?”

Ein raues Lachen verließ ihn bei ihrer Frage, fast so, als würde er sich über die naive, junge Frau lustig machen.

„Mich weiter hiervon abzuhalten.” Deliah bekam keine Chance, eine weitere Frage zu stellen. Deans Lippen fanden ihre, er drückte sie zuerst nur leicht gegen sie, als ob er darauf wartete, dass sie ihn wegstoßen würde. Aber Deliah verharrte nur für einen Moment, bis sie sich mit rasendem Herz in die neue Empfindung fallen ließ.

***

The Healing Path, Ende August vor sechs Jahren

„Deliah?”, Hannas Stimme riss Deliah aus ihrer Erinnerung. Glasige Augen fanden die besorgten ihrer Zimmernachbarin, sie musste ein paar Mal blinzeln, in der Hoffnung der Schleier würde sich langsam lüften und ihr etwas Luft zum Atmen geben. Hannas kürzeres blondes Haar fing ein paar der Sonnenstrahlen auf, die das Zimmer durchfluteten, ein Anblick, der Deliah fast etwas Warmes fühlen ließ in der neuen Hölle, in die sie verbannt worden war.

„Alles gut, sorry, was hattest du gesagt?”

Nichts weiter als ein Seufzen verließ Hanna. Sie beobachtete Deliah noch für einen Moment, bevor sie von ihrem Bett aufstand und zu ihr kam.

Das Zimmer, in dem Deliah sich wiederfand, strahlte eine unangenehme Kälte und Unpersönlichkeit aus. Nichts außer zwei Betten, eine kleine braune Kommode, ein Kreuz an der Wand und ein Tisch mit einem Stuhl davor bestückten den Raum. Das achtzehnjährige Mädchen konnte nicht anders, als sich nach ihren eigenen vier Wänden zu sehnen, nach ihren Postern, dem Ausblick auf den Garten ihrer Eltern und nach ihrem prall gefüllten Bücherregal. Allein der Gedanke an ihre Bücher trieb Deliah erneut die Tränen in die dunklen Augen. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter sie bereits alle verschenkt, weggeworfen oder im schlimmsten Fall verbrannt, angetrieben von ihrer Überzeugung, dass etwas mit Deliah nicht stimmte und alle Medien, die sie konsumierte, ihren Zustand nur verschlechtert hatten.

Ihr glasiger Blick wanderte von Hannas besorgtem Gesicht zu dem Tisch, der von den Abnutzungsspuren derjenigen gezeichnet war, die vor Deliah und Hanna in diesem Raum untergebracht gewesen waren. Ein paar Broschüren dieser Einrichtung The Healing Path lagen auf der Tischplatte, Ausdrucke, denen sie bislang keine Beachtung geschenkt hatte, zu beschäftigt mit dem Gedanken, dass ihre Mutter sie hierher verbannt hatte.

Kein Wort hatte sie bei der Verabschiedung mit Deliah geteilt, alles, was das junge Mädchen mitbekommen hatte, war, dass man ihrer Mutter eine, laut der Sekretärin, auf unbegrenzte Dauer geltende Einwilligungsbestätigung gereicht hatte, mit dem Hinweis, dass sie für Deliah unterschreiben sollte, wie andere Eltern es auch taten.

Sie hatte nicht die Kraft gefunden zu protestieren. Hatte es einfach so hingenommen, wie all die anderen Taten ihrer Mutter auch. Sie war nicht mehr in der Nähe ihres Zuhauses, fernab von all jenen, die ihr plötzliches Verschwinden mitbekommen würden. Vielleicht würde ihre Mutter ihnen genug Lügen erzählen, um sie alle von der erdrückenden Wahrheit abzulenken. Genauso wie Hannas Mutter es getan hatte, die ihre Tochter hierhergebracht hatte, in der Hoffnung, Hanna von ihren sündhaften Neigungen befreien zu können.

Auch wenn beide Mädchen sich noch kaum kannten, verband sie etwas, das tiefer reichte als die Angst und Verwirrung, die sie beide fühlten. Da war etwas, was Deliah zuflüsterte, dass sie Hanna vertrauen konnte, trotz den stetigen, wachsamen Blicken, denen beide ausgesetzt waren.

„Was geht dir durch den Kopf?” Hanna griff nach Deliahs kalter Hand und verschränkte ihre Finger miteinander. Deliah hatte jegliches Zeitgefühl verloren und konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie lange sie schon hier war. Es war alles so monoton, so gleich, so steril.

„Zu viel, keine Ahnung. Ich weiß nicht mehr, woran ich noch denken soll.” Es war alles so schnell gegangen. Sie war aus dem Sommercamp zurückgekehrt, mit der Hoffnung, ihre Mutter würde für sie da sein und ihr dabei helfen, das zu verarbeiten, was ihr in der letzten Woche im Camp widerfahren war. Doch als Deliah zu Hause angekommen war, hatte ihre Mutter ihr alles entrissen, was sie bei sich trug, sie ins Auto gedrängt und zur Klinik gefahren. Zuerst hatte Deliah nicht verstanden, was vor sich ging und warum ihre Mutter ihr nicht zuhören wollte, aber sobald Deliah die Verachtung und den Ekel in der Stimme ihrer Mutter vernommen hatte, schien sich alles wie Puzzleteile zusammenzufügen. Ihre Mutter glaubte ihr kein einziges Wort, glaubte ihr nicht, dass das, was er Deliah angetan hatte, nicht ihre Schuld gewesen war.

Deliah hatte versucht, die grausamen Worte ihrer Mutter zu verdrängen, als sie sie zur Klinik gebracht und Deliah mit eiserner Stimme vorgepredigt hatte, dass ihr Wahnsinn nun ein Ende finden würde und sie sich endlich von der Dunkelheit loslösen müsse, die sie in ihr Verderben gestoßen hatte. Deliah musste dem Drang widerstehen, ihre Fingernägel in ihre Handflächen zu pressen, um ein Ventil für ihre Wut zu finden, als sie sich erneut an die Autofahrt erinnerte.

„Dafür bin ich doch da. Ich erzähle es auch nicht Doktor Sutton, versprochen.” Hanna hatte alles mit Deliah geteilt, was sie selbst über die Einrichtung wusste, die von Doktor James Sutton vor Jahren gegründet worden war. Deliah hatte ihn noch nicht getroffen, doch sie wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis man sie dem Doktor präsentieren würde, der sie für ihre Sünden strafen und auf den richtigen Weg führen würde.

Er schien, wie die Pfleger, die hier arbeiten, selbst auf einem anderen Weg zu wandeln, als Deliah es je getan hatte. Sie wirkten alle zu distanziert, wie Maschinen, statt Menschen, die nach ihren Schichten nach Hause fuhren und all das hier für ein paar Stunden vergessen durften.

„Ich verstehe nicht, warum er nicht kommt, warum er mich so im Stich lassen kann, nach all diesen Wochen.” Deliah hatte Hanna einiges von Dean erzählt, dem einen Mann, nach dessen Nähe ihr Herz sich noch immer sehnte. Dem einen Mann, der ihr Hoffnung auf ein eigenes Leben fernab ihrer Familie, geschenkt hatte. Dem einen Mann, der ihr den Weg zu sich selbst offenbart hatte, nur um vor ihr die Tore zu schließen und sie zurück in den tiefen Abgrund zu stoßen.

„Wie konnte er mich so hintergehen? Wie konnte er mich so verletzen?” Deliah verkrampfte sich, während Hanna ihren Arm um sie schlang und an sich drückte. Sie presste die Knie gegen die Brust, während ein kraftloser Schrei aus dem jungen Mädchen dringen wollte.

Plötzlich schien alles über sie einzubrechen, wie ein Kartenhaus, das seinen Halt verloren hatte.

Eins

Deliah

Sommercamp, Gegenwart

Die Junisonne brannte vom blauen, wolkenlosen Himmel herab und ließ Schweiß auf Deliahs Stirn perlen.

Noch immer musste sie schmunzeln bei dem Gedanken daran, dass es in der Nähe von Nightwood, der kleinen Gemeinde, in der sie aufgewachsen war, meist sonnig und selbst die Nächte kaum von einer dichten Dunkelheit gezeichnet waren, ganz im Gegensatz zu dem, was der Ortsname bedeutete.

Mit jedem weiteren Schritt durch das ihr allzu vertraute Gelände fragte sie sich, ob sie die kommenden Wochen durchstehen würde, denn sie war eine derart beißende und fast schon erschöpfende Hitze längst nicht mehr gewöhnt. Ihre dunklen Augen glitten über die Umgebung, über das Camp, das sie als Kind und Jugendliche jeden Sommer besucht hatte. Irgendwie fühlte es sich an, als würde sie in eine alte Erinnerung eintauchen, als könnte sie das Lachen ihrer Freunde hören, die darauf warteten, dass Deliah sich endlich ihrer Gruppe anschließen würde. Die endlose Weite des Camps war ihr nach all den Jahren in der Stadt fast fremd. Die Holzhütten, die über die Wiese verteilt waren, waren Deliah jedoch allzu vertraut, sie hatten sich nicht verändert, hatten nicht mal einen neuen Anstrich bekommen. Auch wenn sie sich kaum an ihren ersten Sommer in diesem Camp erinnern konnte, überkam sie doch das nostalgische Gefühl, als wäre sie endlich zu Hause angekommen. Zuhause. Das Wort war ihr längst fremd geworden, zumindest, seit sie sich von ihrer Familie losgesagt hatte, nachdem sie als Achtzehnjährige vor sechs Jahren aus der Klinik entlassen worden war. Manchmal sehnte sie sich nach den vier Wänden, die sie einst ihr Heim genannt hatte, aber der größere Teil von ihr wollte keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie, nicht einmal jetzt, wo sie sich in der Nähe der Gemeinde aufhielt, in der sie aufgewachsen war. Eine Gemeinde, die sich um ihre Kirche drehte, geschützt durch einen angeblichen Segen, der die Leute wegschauen ließ, wenn Sünden bestraft und Menschen wie Deliah verstoßen wurden.

Die Erinnerungen, die Deliah mit diesem Ort und dem Camp verband, waren trotzdem meist schöne, in denen sie sich gerne immer wieder verlor. Bis auf dieses eine letzte Jahr, das ihre Zeit im Camp und ihr altes Leben vollkommen auf den Kopf gestellt hatte. Ein Jahr, das sie immer wieder mit ihrer Therapeutin durchsprach, während sie verzweifelt versuchte, es hinter sich zu lassen. Erinnerungen, die sich beinahe wie fremde Sprachen verhielten, die Deliah nicht verstand. Erinnerungen, deren Bedeutung sie mit ihrem Aufenthalt hier im Camp endlich entschlüsseln wollte.

Es war Zeit, zu sich zurückzufinden, zu sich selbst zu stehen und den Schmerz und die Scham, die sich tief in ihr Herz eingenistet hatten, loszulassen.

Mit einem flüchtigen Blick auf ihr Handy, um die Uhrzeit abzulesen, beschleunigte Deliah ihre langsamen Schritte und machte sich auf den Weg zur alten Kirche, die sich am Rand des Camps befand. Das hölzerne Bauwerk, das sie seit jeher mit großen Augen bewundert hatte, ragte über das Gelände, umgeben von einer schier endlosen Wiese. Sie fragte sich, welche Gesichter, welche Schicksale, welche Geschichten dieses alte Gebäude im Laufe der Jahre wohl aufgesogen hatte.

Deliah ließ ihren Blick für einen Moment schweifen und konnte nicht verhindern, dass ein Lächeln über ihre Lippen huschte, als ihre Erinnerungen immer mehr zu ihr zurückkehrten.

Sie konnte das Lachen und die aufgeregten Stimmen fast hören, welche nachmittags über die Wiese hallten, während sie und ihre Freunde gespannt darauf warteten, welche Geschichten der damalige Campleiter Francis Barnes ihnen dieses Mal erzählen würde.

Es war ein einfaches Leben gewesen, um das sie nun Jahre getrauert hatte und um das Deliah ihr jüngeres Ich beneidete. Damals hatte sie das Netz aus Lügen, in dem sie aufgewachsen war, noch nicht durchschaut, vor allem das übertrieben religiöse Elternhaus, das sie für jeden Fehltritt bestrafte, besonders als sie älter wurde und allmählich die Wahrheit erkannte, während man versucht hatte, ihr jegliche angeblich falsche Gedanken auszutreiben. Es waren Jahre vergangen, seit Deliah die Stimme ihrer Eltern zuletzt gehört hatte. Ihre Mutter war eine gefühllose Frau, die sich nur für Gott und die Sünden ihrer Tochter interessierte, die mit den Jahren immer schwerer wogen. Sünden, die so oft bestraft worden waren, dass Deliah nicht einmal mehr zählen konnte, wie oft. Ihr Vater war nichts als ein Schatten, der Deliah seit dem Tod ihres Bruders nur mehr mit müden, fast leblosen Augen betrachtet hatte.

Die letzten Tage hatte Deliah sich genau auf diesen Tag vorbereitet, darauf, dass sie das Camp, aber auch ihn nach all den Jahren wiedersehen würde. Ihre Wohnung, die in einem Bundesstaat auf der anderen Seite des Landes war, hatte sie fast angefleht, nicht zu gehen, als wüsste sie, dass Deliah sich zu schnell wieder verlieren würde. Sie hatte kaum Schlaf gefunden, da ihr Geist zu aktiv war und sich all die Sachen zurechtlegen wollte, die sie ihm sagen musste und fragen wollte. So sehr sie auch einzelne Phrasen fast auswendig gelernt hatte, schafften ihre Emotionen es nun, sie abzulenken. Deliah konnte sich nicht mehr an die Worte erinnern, die sie loswerden wollte, sondern sich nur auf das drückende Gefühl in ihrem Brustkorb fokussieren, das allein der Gedanke an ihn bereits auslöste.

Mit einem tiefen Seufzen betrat sie die alte Kirche, doch in dem Moment, als Deliahs Blick zu wandern begann, setzte ihr Herz einen Schlag aus, nur um im nächsten Moment heftig gegen ihre Brust zu pochen. Es war, als würde ihr etwas Dunkles seine kalten Hände um ihren Hals legen und ihr langsam den Atem rauben, sobald sich diese allzu bekannte, mysteriöse Aura um ihre Glieder schlängelte, die sie seit sechs Jahren nicht mehr gespürt hatte.

Deliah verlangsamte ihre Schritte und ließ ihren Blick über die Gestalt des Mannes gleiten, den sie seit damals nicht mehr gesehen hatte. Er sah reifer aus, aber leider auch noch genauso gut wie früher, vielleicht sogar etwas besser. Er war deutlich größer als sie, sein dunkles Haar rahmte sein Gesicht, während ihm einzelne Strähnen ungebändigt in die Stirn fielen, was perfekt zu dem dunklen Bart passte, der seine markanten Züge noch mehr betonte. Irgendwie hatte er sich verändert und doch irgendwie auch nicht.

Je näher Deliah ihm kam, desto genauer konnte sie die kaum merklichen Veränderungen erkennen. Ein paar graue Haare zierten seinen Bart und sein Haar; ein paar Falten hatten sich um seine Augen gebildet. Noch immer umgab ihn diese geheimnisvolle Aura, die wohl seiner Größe und dem intensiven Blick seiner Augen geschuldet war. Deliah konnte nun gut erkennen, dass die Jahre auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen waren, seine Züge waren härter geworden, unweigerlich gezeichnet von dem, was er erlebt hatte. Wäre da nicht sein Namensschild gewesen, hätte Deliah ihn niemals für einen Campleiter gehalten. Und doch passte seine imposante Erscheinung perfekt zu den Erinnerungen, die Deliah seit Jahren verzweifelt aus ihrem Kopf verbannen wollte.

Dean Scott.

Sie hasste sich dafür, wie sehr er sie noch immer in seinem Bann zu halten schien, obwohl sie ihn all die Jahre lang nicht mehr gesehen hatte. Obwohl er derjenige gewesen war, der den Kontakt zu ihr ohne eine Erklärung abgebrochen hatte, sie mit einem gebrochenen Herzen und einem von Leid geplagten Körper zurückgelassen hatte.

Auch wenn Deliah erst vor einer Woche mit ihm gesprochen hatte, konnte sie nicht glauben, dass er noch immer hier war. Als wäre die Zeit an diesem Ort stehen geblieben und alles wäre noch genau dort, wo Deliah es damals zurückgelassen hatte, lediglich etwas von der Sonne ausgebleicht.

Es hatte sie einige Stunden gekostet, um Dean schließlich zurückzurufen und seiner Bitte nachzugehen. Eine Betreuerin hatte kurzfristig abgesagt und da die kirchliche Leitung, die das Camp organisierte, dringend Ersatz für diese sechs Wochen suchte, hatte er sich an die Frau gewandt, die einst jeden Sommer ins Camp gekommen war. Die Frau, die sich vor sechs Jahren geschworen hatte, nie wieder auch nur in die Nähe dieses Camps zu kommen.

„Deliah.”

Die Art, wie er ihren Namen fast flüsterte, riss sie aus ihren Gedanken. Sie musste sich räuspern, bevor sie ihm ein falsches Lächeln schenkte.

„Dean.”

Das raue Lachen, das aus seiner Kehle drang, ließ ihr Herz einen weiteren Schlag aussetzen. Ihre Augen hielten Kontakt, als würden beide darauf warten, dass die andere Person etwas sagen würde.

Dean Scott war nie ein Mann vieler Worte gewesen, er hielt sich meist im Hintergrund, während die anderen Betreuer sich um die Kinder und Jugendlichen im Camp kümmerten. Er war ein Mann der Taten und nicht von bedeutungslosen Gesprächen. Taten, die Deliah und Dean an versteckten Orten zusammengeführt hatten, mit wandernden Lippen und erkundenden Fingern.

Es hatte immer etwas Dunkles, etwas Rätselhaftes an ihm gegeben, eine Ausstrahlung, die besonders die jungen Leute wie Deliah fasziniert hatte, auch wenn sie sich nicht eingestehen wollten, wie falsch ihre Gedanken über einen damals fast dreißigjährigen Mann waren. Er hatte sie alle sofort in seinen Bann gezogen.

„Ich hatte schon Sorge gehabt, dass du den Weg nicht mehr finden würdest. Es ist schön zu sehen, dass du dich hier wohl doch noch auskennst, auch nach so vielen Jahren.”

Ihre Zähne bissen auf ihre Zunge, als ihr eine sarkastische Antwort bei seinem fast anschuldigenden Ton über die Lippen kommen wollte. Deliah musste sich zurückhalten, um ihn nicht sofort mit all dem zu konfrontieren, weshalb sie überhaupt nun vor ihm stand, vor dem Mann, der ihr und ihrem jüngeren, gebrochenen Herzen unzählige Antworten schuldig war. Für einen Moment herrschte eine unangenehme Stille zwischen ihnen, aber Deliah antwortete nicht, egal wie sehr sie es auch wollte.

„Du bist die Erste hier. Die anderen sollten aber bald eintreffen. Ich kann dir deinen Schlüssel für dein Zimmer im Haus geben, wenn du möchtest.”

Sie musterte ihn für einen weiteren Moment, ihre Augen versuchten, die schier endlosen Sommersprossen auf seinem Gesicht zu zählen, wie ein klarer Nachthimmel voller Sterne, die sie niemals alle erfassen könnte. Sie hasste sich dafür, dass sie ihn noch immer so attraktiv fand, obwohl sie die Enttäuschung und Verletzung spürte, die an ihrer Seele weiterhin zerrte. Dean war der Grund für so viele schlaflose Nächte gewesen, die Deliah zu viel Zeit gekostet hatten. Und doch hielt etwas Deliah mit Dean verbunden, etwas, von dem sie sich nicht losreißen konnte.

Mein Zimmer im Haus? Bin ich nicht in einer der Hütten untergebracht?” Sie beobachtete, wie sein intensiver Blick über ihre verwirrten Züge wanderte. Da schwamm etwas in seinen grünen Augen, etwas, das sie nicht greifen konnte, etwas, das ihr Inneres mit einer Mischung aus Nervosität und Angst zusammenziehen ließ.

„Die Leitung hat entschieden, dass du im Haus bleibst, da du auch mehr Erfahrung hast als die meisten anderen und mir so etwas mehr unter die Arme greifen kannst. Da Amber dieses Jahr nicht kommen kann, gab es ein paar Änderungen, wir haben stattdessen auch noch eine jüngere Betreuerin gefunden, die mit den Kindern in Ambers Hütte bleiben wird.”

Deliah hätte sich auf diese neue Information konzentrieren sollen, aber sie konnte es nicht. Alles, was bei ihr hängen blieb, war die Tatsache, dass man sie im selben Haus wie Dean untergebracht hatte. Als Teenager hatten sie und ihre Freundinnen immer wieder versucht, sich in dieses Haus zu schleichen, das dem jeweiligen Campleiter zur Verfügung stand. Stets auf der Suche nach versteckten Süßigkeiten oder – als sie dann älter waren – nach Alkohol. Erfolglose Versuche, für die sie jedes Mal mit Strafarbeiten gemaßregelt worden waren.

Diese Unterkunft barg mehr Erinnerungen in sich, als Deliah sich eingestehen wollte. Vielleicht war all dies der Preis, den sie zahlen musste, weil sie seit ihrem Verlassen von Nightwood nicht mehr ins Camp zurückgekehrt war. Vielleicht war es der Preis für ihre Zweifel an allem, was ihr von klein auf beigebracht worden war. Was immer es auch war, Deliah war bereit, diesen Preis zu zahlen, wenn es bedeutete, endlich Antworten zu bekommen, auf die sie seit sechs Jahren wartete.

„Na gut, das klingt fair, denke ich. Welches Zimmer ist meines?”

Dean griff nach einem Schlüssel und der schwarze Stoff seines Hemdes spannte sich über seinem breiten Rücken, als würde er die Last der Welt auf seinen Schultern tragen, ein Anblick, der eine unbändige Hitze durch Deliahs Körper jagte. Für einen Moment glitt ihr Blick hinab zu seinen Händen und sie musste sich an all die Male erinnern, in denen sie und ihre Freundinnen über seine großen Hände und seinen silbernen Ring getuschelt hatten, während sie fasziniert beobachteten, wie ein Schlüsselbund von seiner Hand baumelte. Hände, die sie in ihrem letzten Sommer hier an ihrer Haut gespürt hatte, an Stellen, die laut ihrer Erziehung nur ein Ehemann berühren sollte.

„Zimmer drei ist deines.”

Alles, was Deliah tun konnte, war, ihm mit einem erzwungenen Lächeln auf den Lippen zuzunicken, während sie den leicht neckenden Unterton in seiner Stimme wahrnahm und auf den Schlüssel starrte, den er noch festhielt. Vielleicht konnte er die Hitze spüren, die seine bloße Anwesenheit in ihr auslöste. Vielleicht konnte er ihre Gedanken lesen, so wie sie es immer befürchtet hatte, denn Deliah wusste, dass er in ihrem letzten Sommer in Zimmer vier gewohnt hatte. Und nun lag ein Sommer vor ihr, bei dem sie anscheinend nur eine Tür von ihm entfernt war. Lediglich getrennt durch eine dünne Wand.

„Ich lass dich in Ruhe auspacken, bevor die Kinder ankommen. Ich nehme an, du kennst den Weg zum Haus noch?” Er wandte sich von ihr ab, um auf sein Handy zu blicken, was Deliah endlich erlaubte durchzuatmen. Ihre Augen fanden erneut seinen Rücken und nahmen seine große Gestalt wahr. Doch bevor Deliah in ihren Gedanken versinken konnte, drehte er sich zu ihr zurück und streckte ihr schließlich den Schlüssel entgegen. Wortlos nahm sie den Schlüssel und ließ ihren Blick erneut durch die ehemalige Kirche schweifen.

Schon als sie als Kind Teil des Camps gewesen war, wurde das alte Gebäude nicht mehr als Kirche genutzt, sondern als Aktivitätenraum und trotzdem hing eine allzu bekannte Atmosphäre in der Luft, die Deliah an ihre Familie und ihren einstigen Glauben erinnerte. Und so sehr sie auch versuchte, nicht an diese eine verhängnisvolle Nacht im letzten Jahr des Sommercamps zu denken, konnte Deliah fast ihr Weinen hören, das durch die alte Kirche gehallt hatte, wie ein Lied, das im schiefen Ton von ihrer Gemeinde gesungen wurde.

Mit einem letzten Blick, den sie ihm schenkte, drehte Deliah sich weg von Dean, um endlich für ein paar Minuten Schutz in ihrem Zimmer suchen zu können.

„Ach, Deliah?”

Fast stolpernd kam sie zum Stehen, ihre leicht geweiteten Augen fanden erneut zu seinen.

„Vielleicht solltest du deine Mutter mal anrufen, ich denke, es ist an der Zeit, dass du endlich Frieden mit deiner Vergangenheit und diesem Ort schließt, Darling.” Seine Worte waren alles andere als sanft, sie hatten einen beißenden Unterton, bei dem sich sofort ihre Kiefermuskeln anspannten. Wut brodelte in ihr auf, eine Wut, die so gleißend war wie die Junihitze, die ihr fast schon fremd erschien. Doch Deliah blieb still und ohne ein weiteres Wort verließ sie die Kirche.

Zwei

Dean

Sie hatte sich nicht verändert. Kein bisschen. Es hätte ihn nicht überraschen dürfen. Dean musste sich zwingen, tief durchzuatmen und seine Gedanken zu sammeln. Seit Tagen hatte er auf genau diesen Moment gewartet, auf den Moment, wo er sie nach all den Jahren wiedersehen würde.

Das letzte Mal, als Dean sie gesehen hatte, trug sie das weiße Kleid, das sie an ihrem letzten Tag zu Hause gefunden hatte, die dunklen, verlorenen Augen von roten Rändern umgeben – ein Anblick, der ihm das Herz gebrochen hatte. Gott, sie hatte noch jünger ausgesehen, als sie es eigentlich gewesen war, zierlich und zerbrochen mit ihren dunklen geflochtenen Haaren, den rosigen Wangen, die sie mehr krank als lebhaft erscheinen ließen.

Auch wenn Deliah noch immer genauso jung aussah wie damals, hatte sich zumindest ihr Auftreten über die letzten Jahre hinweg merklich verändert. Nun wirkte sie nicht mehr so scheu und zurückhaltend, wie sein Vorgänger Deliah immer beschrieben hatte. Nein, sie trat bestimmter auf, als wüsste sie genau, warum sie heute hierhergekommen war.

Dean war nicht naiv. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie seiner Nachfrage überhaupt Beachtung schenken würde, geschweige denn heute tatsächlich hier im Camp auftauchen würde. Ihm war mehr als bewusst, dass er den Preis für solch eine Anfrage zahlen würde. Aber kein Preis war zu hoch, wenn er Deliah dadurch wieder in seiner Nähe haben dürfte.

Noch gut konnte er sich an den Moment erinnern, an dem er Deliah das erste Mal gesehen hatte, umgeben von ihren Freundinnen. Sofort hatten seine Augen ihre getroffen, die so voller Leben und Neugierde gewesen waren, ohne Vorahnung von dem, was noch auf sie zukommen würde. Er hatte sich gehasst für den Drang, den er empfunden hatte, einen Drang, ihr näher zu kommen und sie von all dem abzuschirmen, was ihr die Lebensfreude rauben könnte.

Zu Beginn hatte er sich kaum selbst im Spiegel anschauen können, weil ihm mehr als deutlich bewusst war, dass er beinahe zwölf Jahre älter war als Deliah, die damals gerade mal die Achtzehn erreicht hatte. Auch Francis hatte schnell bemerkt, wie sich Deans Augen an Deliah hefteten, sobald sie in seiner Nähe war. Er hatte warnende Worte gesprochen, hatte Dean daran erinnert, dass Deliah aus einem Haushalt kam, dessen komplette Routine sich um die Kirche drehte und sie eher verstoßen werden würde, als dass man eine Bindung zwischen ihr und ihm akzeptieren würde.

Dean hatte den Versuch, sich von ihr fernzuhalten, jedoch sofort aufgegeben, als ihm bewusst wurde, dass er sich nicht von ihr losreißen lassen würde, egal wie sehr man es von ihm erwartete. Da gab es etwas an ihr, das er nicht in Worte fassen konnte. Etwas, das ihn anflehte, sie bei sich zu halten und sie zu behüten, auch wenn sie seine Motivation dafür wahrscheinlich nie verstehen würde. Binnen Tagen hatte Dean damals ihr Vertrauen gewonnen und endlose Stunden in ihrer Nähe verbracht, ungeachtet des Selbsthasses, den er verspürte, wenn er spät nachts mit dem Gedanken an Deliah und ihre gemeinsame Zeit wach lag. Zu gut konnte er sich noch an den bitteren Geschmack auf seiner Zunge erinnern, den er geschmeckt hatte, nachdem er sie das erste Mal geküsst hatte. Der Moment war zu perfekt gewesen, angetrieben von einem gewaltigen Verlangen, durch das er an Deliah gebunden war – und sie an ihn. Das Schloss war aufgebrochen, es hatte kein Zurück mehr gegeben und mit jeder weiteren Woche hatte er sich erlaubt, sie mehr zu berühren. Bis sie ihm schließlich entrissen wurde.

Die letzten sechs Jahre, die er ohne Deliah verbracht hatte, hätten sich wie eine Erleichterung anfühlen müssen, wie eine Chance, endlich wieder atmen zu können. Doch das hatten sie nicht. Er lechzte nach ihrer Nähe, nach ihren warmen Händen, die seine Haut in Flammen setzen konnten, sobald sie ihn berührte. Er lechzte nach ihren dunklen Augen, die ihn mit dieser cleveren Neugier anblickten, als hielt er das gesamte Wissen der Welt in seinen Händen.

Sie war alles, was er nie sein würde, und genau das war es, was ihn schon immer an sie gebunden hatte.