Leseprobe The Replay

Kapitel 1

Matt

Oh, fuck. Ich bin hart gelandet. Ich höre das Wummern meines Herzens in meinen Ohren, laut wie drei Presslufthämmer, meinen eigenen, stoßartigen Atem. Kalt. Es ist kalt. Dunkel. Wo … was ist passiert? Ist etwas passiert? Das Dröhnen in meinen Ohren lässt nach, wird zu einem Rauschen im Hintergrund, wie es sich gehört. Mit jedem Wummern, das leiser wird, wird die Welt um mich herum lauter. Und heller. Sehr hell. Grelle Lichter, Stimmengewirr, jemand ruft. Ruft was? Meinen Namen?

„Matt? Ey, Mann, alles gut?“ Der Besitzer der Stimme fummelt an meinem Helm herum. Aha. Helm. Ich bin bei … einem Spiel? Beim Training? Habe ich geschlafen? Bin ich aus dem Schlaf direkt aufs Eis gestürzt?

„Matt, wie viele Finger?“ Jemand fuchtelt vor meinem Gesicht herum.

Wie viele was? „Finger?“ Halt doch mal still, wie soll ich denn so zählen? Ich blinzele. Grelles Scheinwerferlicht bohrt sich in meine Stirn und ich wimmere. Etwas uncool vielleicht. Was zur Hölle ist passiert?

„Matt?“ Die Stimme kenne ich. Das ist Phil. „Hey, sag was, ja?“

„Wasch“, nuschle ich. Uargs. Metall im Mund. Ich spucke Blut aufs Eis, ein weißer Zahn schwimmt in der hellroten Pfütze. Auch das noch. Meine Zunge tastet nach der blutigen Stelle in meinem Mund. Ah, das bedeutet Zahnarzt und ich hasse Zahnärzte. Was für ein scheiß Tag! Vermute ich. „Was ist passiert?“

Phil grinst, aber etwas stimmt nicht. Er kniet in voller Montur über mir, hat seinen Helm abgenommen. Sein Blick ist besorgt und außerdem ist er verschwommen. Nicht sein Blick. Phil ist verschwommen. Verdammt. Ich blinzele, aber Phils gutmütiges Gesicht sieht immer noch aus, als würde er leicht vibrieren. Und das tut er sicher nicht. Phil vibriert grundsätzlich nicht. Nie. Und er schaukelt. Oder ist das der Hintergrund? Himmel, kann bitte mal kurz alles aufhören, zu schwanken?

„Trent ist passiert“, erklärt Phil.

„Trent?“ Ich komme mir vor wie ein Papagei. Ein Papagei, den jemand aus großer Entfernung aufs Eis geklatscht hat. Vielleicht mithilfe eines Baseballschlägers. Oh, mein Kopf.

„Trent McAllister“, sagt Phil und nickt mir aufmunternd zu.

Ah. Mit genau dem Gesichtsausdruck hat er mir früher in der Schule vorgesagt. Immer der festen Überzeugung, dass ich die Antwort eigentlich kenne. Tue ich aber nicht. Phils Worte ergeben überhaupt keinen Sinn.

„Du hast seinen Puck volle Kanne …“ Phil tippt sich gegen die Schläfe. „Wumms“, murmelt er etwas hilflos. „Ich dachte echt, jetzt hat's dich erwischt. Bist umgefallen wie ein Baum.“

Und jetzt schiebt sich ein neues Gesicht in mein Sichtfeld. Auch dieses Gesicht kommt mir bekannt vor. Aus den Tiefen meines dröhnenden Schädels taucht eine Information auf. Ich kenne ihn aus Zeitungen. Aus dem Fernsehen. Klar doch! Trent McAllister im Trikot der Thunder Bay Bisons. Trent the Thunder McAllister! Ich fasse es nicht. Haben wir mit den Bisons trainiert? Oder träume ich immer noch?

„Sorry, Mann“, sagt Trent mit gequältem Gesichtsausdruck.

„Ein Autogramm hätt's auch getan“, murmele ich. „Großer Fan.“

Trent runzelt die Stirn. „Fan?“ Er hebt den Blick zu Phil. Ich sehe nur noch zwei stoppelige Kinns von unten.

„Das ist nicht gut“, raunt Trent.

Warum ist das nicht gut? Ich werd doch wohl Fan sein dürfen. Ich bin total begeistert von McAllisters Leistungen. Er ist einfach unglaublich! Er beherrscht den Puck wie kein anderer und seine Schläge sind so schnell, dass man kaum folgen kann.

Ich würde das gern sagen, aber meine Zunge fühlt sich zu groß für meinen Mund an. Irgendwie wattig.

Ich erinnere mich an ein Spiel, bei dem McAllister den entscheidenden Treffer in der letzten Sekunde erzielte. Er schoss den Puck mit einer Geschwindigkeit von über hundert Stundenkilometern ins Tor – das war echt beeindruckend! Wenn ich an McAllisters Spielerkarriere denke, werde ich richtig neidisch. Er hat schon in jungen Jahren begonnen und sich hart durchtrainiert, um seinen Traum zu verwirklichen. Mit achtzehn Jahren wurde er zum ersten Mal für die Nationalmannschaft nominiert und spielte bald darauf auch in der NHL. McAllister hat viele Auszeichnungen gewonnen, darunter MVP-Titel und Stanley-Cup-Siege.

Ich will unbedingt genauso erfolgreich sein wie er und arbeite hart daran, meine Fähigkeiten zu verbessern. Aber eins steht fest: Wenn ich je gegen McAllister spielen sollte, muss ich höllisch aufpassen! Der Kerl ist ja eine echte Gefahr für alle auf dem Eis. Wenn ein von ihm geschlagener Puck mir so derart das Licht ausknipst, dass ich nicht mehr weiß, wie ich hergekommen bin …

„Zur Seite“, bellt eine Stimme. Neben mir kniet eine Frau mit akkurat geschnittenen, schwarzen Haaren und sehr grimmigem Gesichtsausdruck. „Weißt du, wie du heißt? “

Ist das ein Witz? „Matt“, antworte ich genervt. “Matt Rye.“

Die Frau notiert etwas auf ihrem Block und steht dann auf. „Gut, Matt. Und wer bin ich?“

Ich blinzele. Woher zum Geier soll ich das wissen? Der Kleidung nach … „Sie sind Ärztin?“

Sie sieht mich ausdruckslos an. „Welchen Wochentag haben wir?“

„Wochentag?“ Das müsste ich wissen, oder? Ich habe das dringende Bedürfnis, diese Frage richtig zu beantworten. Man weiß doch, welcher Wochentag ist! Komm schon, Matt, das ist simpel. Wir haben offensichtlich Training. Das ist ein Hinweis – der es leider kaum einschränkt, weil ich eigentlich immer trainiere. „Mittwoch?“

„Weißt du, wo du bist?“

Sieht sie das nicht selbst? Ich schließe kurz die Augen. Verdammt, diese Fragen sind anstrengend. Alles ist anstrengend. Vielleicht sollte ich kurz ein Schläfchen machen und danach … hey! Ich werde hochgehoben und jemand schüttelt mich an der Schulter.

„Nicht schlafen“, befiehlt die Ärztin.

Himmel, ist ja gut! Muss die so streng sein? Mein Schädel dröhnt.

„Fünf Minuten“, lalle ich. Ich brauche wirklich nur eine kurze Pause, dann bin ich wieder fit. Sagen kann ich das allerdings nicht. Zu kompliziert. Zu anstrengend.

Plötzlich liege ich auf einer Trage und spüre, wie meine Welt langsam wieder verschwimmt. Hey, wie bin ich denn hierhergekommen? Ah, mein Kopf. Da war was. Hab was dagegen bekommen. Vermute ich. Ich habe eine Gehirnerschütterung. Wäre nicht das erste Mal. Aber wow, dieses Mal ist es wirklich heftig. Meine Augenlider werden schwerer und das Rauschen im Stadion wird leiser.

Plötzlich höre ich jemanden meinen Namen rufen: „Matt! Matt!“

Ich blinzele ein paar Mal und sehe eine Frau aufs Eis rennen. Sie schlittert direkt auf mich zu. Nie gesehen. Also, warum sieht sie so aufgelöst aus? Vielleicht ist sie Phils Freundin, denn er rennt ihr bereits entgegen. Aber wenn sie es wäre, müsste ich sie doch kennen … oder?

Phil ist jetzt neben ihr und hilft ihr, sich auf dem Eis zu halten. Wie bei einer Comicfigur rutschen ihre Füße hektisch übers Eis, wusch-wusch-wusch. Sie lehnt sich vor, um ihr Gleichgewicht zu halten, scheint aber von ihrem Hintern in eine andere Richtung gezogen zu werden. Sieht überaus amüsant aus, wie ihre Beine immer wieder auseinandergleiten, als wäre sie ein Rehkitz auf einem zugefrorenen See.

Außer mir scheint niemand die schlitternde Brünette lustig zu finden, nicht einmal Phil, der sonst alles ziemlich witzig findet. Er legt seinen Arm um sie und stützt sie, damit sie nicht ausrutscht. Sie fragt ihn etwas Unverständliches – anscheinend in großer Sorge um mich. Wie süß. Finde ich gut, dass Phil eine Frau gefunden hat, die so emotional ist. Passt zu ihm.

„Alles wird wieder gut“, höre ich Phil sagen.

Die Frau kommt näher an die Trage herangetreten und blickt besorgt hinab auf mein Gesicht. Große, dunkle Augen suchen in meinem Gesicht nach etwas, was offenbar nicht da ist. Meinen Zahn, vielleicht. Der liegt da hinten auf dem Eis. Ob den jemand in Milch packen könnte? Ich mochte den.

„Matt?“, haucht die Fremde.

Ich schließe die Augen.

„Ist alles okay mit ihm?“, fragt sie Phil noch einmal.

Ja, ist alles okay? Ich bin sehr gespannt auf die Antwort, doch dann merke ich nichts mehr um mich herum und sinke zurück in die Dunkelheit.