Leseprobe Bound by the Villain

Kapitel 1

Lynn

Beim Verlassen des Flughafens war mir, als würde ich gegen eine Wand aus brodelnder Hitze laufen. An die Temperaturen hier in Alabama musste ich mich eindeutig erst wieder gewöhnen. Früher hatte ich jeden Sommer bei Großmutter in Fairhope verbracht. Seit ich mein Studium beendet und beim Verlag angefangen hatte, war ich nicht mehr hier gewesen. Doch als Mom mich vergangene Woche angerufen hatte, um mir von Grans Unfall zu erzählen, hatte ich nicht eine Sekunde gezögert und alles für einen Sommer in Alabama vorbereitet.

Meinen Job konnte ich zum Glück von überall erledigen. Der Verlag schickte mir die zu lektorierenden Manuskripte zu und ich bearbeitete sie. Außerdem war das die Gelegenheit an meinem eigenen Projekt weiterzuarbeiten, denn auch da rückte die Deadline für den dritten Band der Reihe immer näher.

Ich arbeitete an einer Dark-Romance-Thriller-Trilogie rund um eine junge FBI-Agentin. Der erste Teil war ein Experiment gewesen. Die Idee war mir in einem recht wirren Traum gekommen und ich hatte angefangen, zu schreiben. Mit dem unheimlichen Erfolg hätte ich nie gerechnet, aber ich war jeden Tag dankbar dafür, denn dies gab mir die Chance mein Leben so zu führen, wie ich es wollte.

Ein Taxi brachte mich vom Flughafen zu Grans Haus, wo ich heute erst einmal alles vorbereiten wollte. Sie hatte sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen und würde in den kommenden Wochen viel Hilfe brauchen. Da sich ihr Schlafzimmer im ersten Stock des Hauses befand, musste ich ihr das Gästezimmer im Erdgeschoss herrichten. Erst morgen früh durfte ich sie dann aus dem Krankenhaus abholen.

Der Ersatzschlüssel zum Haus steckte schon seit Jahren in einer irre kitschigen Froschfigur, die auf der Veranda ihren Platz hatte. Es war schon ein Wunder, dass die Tür überhaupt abgeschlossen war.

Ich trat ein, und sofort fühlte ich mich zu Hause. Mit diesem Ort verband ich die schönsten Erinnerungen meiner Kindheit. Das Grundstück lag direkt an einem kleinen See etwas außerhalb der Stadt. Hier draußen gab es nur zwei Anwesen, und das Nachbarhaus stand seit einigen Jahren leer. Gran war hier draußen also völlig allein und es war nur ein glücklicher Zufall gewesen, dass sie nach ihrem Sturz so schnell gefunden worden war.

Das Gepäck ließ ich im Eingangsbereich neben der Treppe stehen und ging weiter in die Küche, um nachzusehen, in welchem Zustand der Kühlschrank nach einer Woche war und was ich alles einkaufen musste. Ein Mann stand mit dem Rücken zu mir und wühlte in einem der Schränke. Dieser Anblick ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, was vermutlich hauptsächlich daran lag, dass dies der letzte Ort war, von dem ich erwartet hätte, einen Einbrecher auf frischer Tat zu ertappen.

Der Kerl war mindestens einen Kopf größer als ich und nach seiner Rückenmuskulatur zu urteilen deutlich stärker. Doch bisher hatte er mich noch nicht entdeckt, weshalb das Überraschungsmoment auf meiner Seite lag. Anstatt zu fliehen entschied ich mich im Bruchteil einer Sekunde für den Kampf.

»Hey, Arschloch«, rief ich.

Er drehte sich überrascht zu mir um und in der nächsten Sekunde kollidierte mein Fuß mit seinem Unterkiefer. Er kam ins Straucheln, doch fing sich schneller als erwartet und packte mich. Es gelang mir beinahe, ihm mein Knie in die Eier zu rammen, leider schien er dies geahnt zu haben, denn er wich mir aus. Diese kurze Bewegung nutzte ich, um ihm meinen Ellbogen gegen seinen Solarplexus zu stoßen, woraufhin er sich mit einem dumpfen Stöhnen zusammenkrümmte.

Ich schnappte mir seinen Arm und verdrehte ihm diesen so auf dem Rücken, dass ich ihn zumindest für den Augenblick unter Kontrolle halten konnte.

»Rühr dich nicht von der Stelle«, zischte ich dem Einbrecher ins Ohr. »Was tust du im Haus meiner Großmutter?«

»Großmutter?«, wollte er verwirrt wissen.

»Ja, verdammt, das hier ist das Haus meiner Gran. Also, was willst du hier?«

»Annabeth hat mich gebeten eine Kleinigkeit einzukaufen, weil ihre Enkeltochter heute Abend herkommen wollte«, entgegnete er und hielt dabei ganz still. »Mein Name ist Elias Campbell. Ich bin vor einigen Wochen nebenan eingezogen. Und du musst dann wohl Lynn sein.«

Es dauerte einen Moment, bis seine Worte richtig zu mir durchdrangen, doch dann ließ ich ihn los, als hätte ich mich an ihm verbrannt.

»Oh mein Gott, das tut mir schrecklich leid«, keuchte ich und schlug mir vor Scham die Hände vors Gesicht.

»Darf ich mich bewegen, oder schlägst du dann wieder zu?«, wollte er wissen und ich konnte eindeutig das Grinsen in seiner Stimme hören.

»Ich schwöre, ich habe Sie für einen Einbrecher gehalten«, versicherte ich, was ihn veranlasste, sich zu mir umzudrehen. Er hatte dunkles Haar und einen kurzen Bart, der sein dezent kantiges Gesicht noch unterstrich. Ein leichtes Schmunzeln umspielte seine sinnlichen Lippen und mein Mund wurde trocken.

Mir entging nicht, dass er mich mindestens genauso intensiv musterte wie ich ihn. Unsere Blicke trafen sich und ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht vor ihm zurückzuweichen, denn da war eine Dunkelheit in seinen Augen, die mich beunruhigte.

»Verrätst du mir, wie es möglich ist, dass ein zierliches Ding wie du mich überwältigen konnte?«, wollte er wissen.

Er betastete seinen Kiefer und verzog das Gesicht vor Schmerzen. Umgehend öffnete ich den Gefrierschrank und holte eine Tüte mit Tiefkühlerbsen heraus.

»Du solltest das kühlen«, bemerkte ich und hielt sie ihm hin. Doch anstatt danach zu greifen, packte er mein Handgelenk und schneller, als ich gucken konnte, war ich zwischen ihm und der Arbeitsfläche eingeklemmt.

»Und du solltest mir antworten«, raunte er mir ins Ohr, während ich es kaum wagte, zu atmen.

»Ich bin in New York aufgewachsen. Dad hat darauf bestanden, dass ich lerne, mich selbst zu verteidigen. Ich mache Kampfsport, seit ich sechs Jahre alt bin«, erklärte ich und zwang mich, ihm dabei direkt in die Augen zu schauen, auch wenn mir das alles andere als leichtfiel.

Elias war attraktiv, aber er hatte etwas an sich, das mir eiskalte Schauer durch den Körper jagte.

»Wir müssen dein Gesicht jetzt wirklich kühlen«, sagte ich, um ihn von mir abzulenken, und hielt ihm erneut die gefrorenen Erbsen hin.

Je länger er mich so wortlos musterte, desto nervöser wurde ich. Gerade, als ich mir sicher war, das keine Sekunde länger aushalten zu können, nahm er mir die Tüte ab und wandte sich ab.

»Wie ich eben schon sagte, hat deine Großmutter mich gebeten einige Kleinigkeiten für dich einzukaufen, denn sie hatte nicht so früh mit dir gerechnet«, erklärte er und ging zu dem Schrank, vor dem ich ihn gefunden hatte, und schloss diesen.

»Ich habe einen früheren Flug genommen, weil ich noch saubermachen und einkaufen gehen wollte«, entgegnete ich. »Es tut mir wirklich leid, dass ich dich angegriffen habe.«

»Keine Sorge, Engelchen, so schnell gehe ich schon nicht kaputt. Wenn du es wieder gut machen willst, könntest du jedoch mit mir zu Abend essen«, schlug er vor.

Es war absurd, aber der Gedanke den Abend mit ihm allein zu verbringen behagte mir gar nicht. Sexy oder nicht, der Kerl machte mir Angst.

»Ich möchte dir wirklich keine Umstände machen. Wie gesagt, ich habe noch viel vor, ehe Gran morgen nach Hause kommt.«

»Aber du musst doch etwas essen. Außerdem habe ich das meiste schon erledigt. Ich habe ihr ein vernünftiges Bett fürs untere Gästezimmer besorgt und bereits ihre Sachen heruntergebracht. Außerdem war gestern eine Putzkolonne hier und hat sauber gemacht. Alles, was du noch tun musst, ist deine Koffer auspacken.« Er ging an mir vorbei, packte die Erbsen zurück in den Gefrierschrank und drehte sich auf dem Weg in den Flur noch einmal zu mir um. »Ich erwarte dich um acht bei mir.« Mit diesen Worten ließ er mich allein.

Kapitel 2

Elias

Ich hatte dieses Haus gekauft, weil es so wunderbar einsam gelegen war. Meine Nachbarin Annabeth Wilkes war eine nette ältere Dame, die ihre Zeit mit Lesen und Malen verbrachte, anstatt ihre Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken. Sie war hilfsbereit und hatte mir bereits bei unserem ersten Treffen erklärt, dass sie abends ihr Hörgerät ausschaltete, weshalb ich mir keine Sorgen machen musste, wenn es mal etwas lauter wurde.

Natürlich hatte ich mir für mein spezielles Hobby den Keller umgebaut und dafür gesorgt, dass keine Schreie nach außen dringen konnten. Aber man wusste ja nie.

Die Tatsache, dass ihre Enkeltochter den Sommer hier verbringen würde, hatte mich gleich nervös gemacht. Bis eben hatte ich die Kleine für einen langweiligen Bücherwurm gehalten, doch offensichtlich hatte ich mich da gewaltig getäuscht. Lynn war ganz und gar nicht das, was ich erwartet hatte.

Sie war nicht nur unheimlich attraktiv mit den langen goldenen Haaren und den karamellfarbenen Augen. Lynn war auch noch unberechenbar. Sie hatte mich für einen Einbrecher gehalten, aber anstatt zu flüchten und die Polizei zu rufen, hatte diese kleine Elfe mich ohne zu zögern angegriffen.

Nie zuvor war ich dermaßen schnell außer Gefecht gesetzt worden. Zu meiner Entschuldigung sollte ich sagen, dass Lynn mich eiskalt erwischt hatte. Noch einmal würde ihr das nicht gelingen. Dennoch hatte sie mein Interesse geweckt. Weshalb ich sie unbedingt näher kennenlernen wollte.

Mir war die Angst in ihren Augen nicht entgangen, als ich sie gegen die Arbeitsplatte gedrückt hatte. Ich befürchtete, dass ich ihr dank des unerwarteten Angriffs etwas zu viel von meinem wahren Ich offenbar hatte, was ich heute Abend unbedingt in Ordnung bringen musste. Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte, war jemand, der mich beobachtete. Dafür war ich meinem Ziel einfach viel zu nah.

Ich brauchte das jetzt, dringend. Ich hatte das Monster in mir vernachlässigt. Es war regelrecht ausgehungert und das war nicht gut. Es durfte unter gar keinen Umständen die Kontrolle übernehmen. Das war einmal passiert und wäre beinahe in einer Katastrophe geendet. Mein Ziel für heute Abend war es also, Lynns Vertrauen zu gewinnen.