Prolog
Die meisten Menschen denken, dass es die Beseitigung einer Leiche ist, bei der man erwischt wird. Ich meine, wie schafft man es, dass sich jemand buchstäblich in Luft auflöst?
Sofern man keinen Zugang zu einem Krematorium hat, ist es ein nahezu unmögliches Unterfangen.
Feuer ist nicht heiß genug und Säure mag in Filmen funktionieren, aber dafür muss man die richtige Mischung aus Chemikalien hinbekommen. Selbst dann kann es Tage dauern, bis sich die Leiche aufgelöst hat. Nicht zu vernachlässigen ist der Gestank, der dabei freigesetzt wird. Zwar können Schweine Knochen zerkauen, aber selbst sie hinterlassen Spuren. Das Gleiche gilt für deinen äußerst zuverlässigen, aber sehr lauten und extrem schmutzigen Holzhäcksler.
Nein, der beste Weg, um sich einer Leiche zu entledigen, ist, sie tief unter der Erde zu verbuddeln, und zwar an einem Ort, an dem nie jemand suchen würde. So sehe ich das.
Was uns wieder zum ersten Punkt zurückführt.
Oft ist es nicht die Beseitigung der Leiche, die einen auffliegen lässt, sondern die Verbindung zum Opfer. Wenn es der Polizei gelingt, dich damit zu verbinden, bist du geliefert.
Also musst du schlau sein. Nur Fremde wählen, zufällige Begegnungen, die Überwachungskameras im Blick behalten und niemals, wirklich niemals, zu nah an deinem eigenen Zuhause herumstreifen.
So mache ich es.
Beliebte Automarke, neutrale Farbe. Ich nutze einen VW Van, dunkelgrau, da verdächtige Spuren auf der Lackierung kaum auffallen. Unauffällig, schließlich sind Tausende solcher Vans auf den Straßen unterwegs. Und gefälschte Nummernschilder. Super wichtig. Wenn du beobachtet wirst und sie sich dein Kennzeichen notieren, ist das Spiel vorbei.
Deshalb verkleidest du dich vorher.
Perücke, Bart, Brille und ein anderer Kleidungsstil als der, den du normalerweise tragen würdest. Besorg dir Einlegesohlen für die Schuhe, um größer zu wirken. Und Polster. Mach dich älter, dicker und humple beim Gehen. Du willst doch harmlos erscheinen.
Arbeite nie in einem Radius von unter einhundert Kilometern. Lass dich nicht dazu verleiten, dein Opfer näher mitzunehmen.
Halte dich an Seitenstraßen, wo es weniger Kameras gibt. Sieh zu, dass sich dein Fahrzeug in einem ordentlichen Zustand befindet – weder willst du wegen eines kaputten Rücklichts angehalten werden noch eine Panne riskieren –, und halte dich an die Geschwindigkeitsbegrenzung.
Meide Städte, bleib in ländlichen Gegenden – kaum Kameras –, und versuche nachts zu jagen, wenn weniger Leute unterwegs sind.
Kommen wir nun zu unseren Opfern. Du ziehst einen bestimmten Typ vor und das ist okay.
Ich stehe auf Brüste, also wähle ich Frauen. Ziemlich jung, lange Haare – hilfreich, um sie leichter zu packen –, schlank. Es ist mir egal, ob blond oder brünett. Einmal habe ich einen Rotschopf mitgenommen, weil ich gehört hatte, sie seien temperamentvoll. Ich mag es, wenn sie sich zur Wehr setzen. Aber das dumme Miststück heulte nur die ganze Zeit und zeigte überhaupt keinen Kampfgeist.
Sei also wählerisch, aber nicht zu wählerisch. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, willst du sie schließlich nicht verpassen, nur wegen einer falschen Augenfarbe. Nur einmal bin ich mit leeren Händen von der Jagd nach Hause gekommen und Frust ist nicht gerade förderlich.
Ohne Ventil wächst das Verlangen und dann, mein Freund, bist du besonders gefährdet, weil du beginnst, Risiken einzugehen, um Druck abzulassen. Du kannst es dir nicht leisten, nachlässig zu sein.
Finde deine Zielperson, beobachte sie für eine Weile und stell sicher, dass sie allein ist. Hundebesitzer gehen klar – lass den Hund aber um Himmels willen nicht frei herumlaufen, sonst schlägt er schneller Alarm. Spaziergänger und Jogger sind noch besser. Radfahrer lassen sich leicht mit einem Stoß von hinten zu Fall bringen, oder die einsame Frau, die auf den Bus wartet. Sorg nur dafür, dass der Bus nicht auftaucht, während du sie einsackst. Wenn du sie überraschen kannst, ist das von Vorteil. Wenn nicht, dann hinkst du besser deutlicher, lächelst freundlich und gewinnst sie mit Charme für dich, indem du den glücklosen älteren, verlorenen Autofahrer spielst.
Du willst sie so schnell und leise wie möglich außer Gefecht setzen. Ich ramme ihr die Seite meiner Hand schnell in die Halsschlagader. Sei schnell, dann liegt dein Opfer auf dem Boden, bevor es weiß, wie ihm geschieht.
Jetzt bleiben dir nur wenige Sekunden Zeit, bevor die Frau wieder zu sich kommt. Also solltest du sie schnell in deinen Van verfrachten. Schließ die Türen, klebe ihr den Mund zu, zieh ihr eine Haube über den Kopf und fessle ihre Handgelenke hinter ihrem Rücken sowie ihre Knöchel aneinander – mit Handschellen geht’s am schnellsten und am einfachsten. Mit etwas Übung hast du sie geknebelt, bevor sie zu sich kommt.
In meinem Van habe ich hinten eine Sitzbank installiert. Vielmehr ist es eine Holzkiste, die ich am Boden festgeschraubt habe. Nimmt man den Deckel ab, bietet sie genügend Platz, um einen menschlichen Körper darin zu verstauen. Innen ist sie mit dickem Schaumstoff gepolstert, was sämtliche Geräusche dämpft, auch wenn ich sie mit ein paar Luftlöchern versehen habe. Wenn der Sitzbezug drauf ist, merkt niemand, was darunter ist.
Sobald das Opfer darin liegt, befindest du dich auf der Zielgeraden. Mach aber schön langsam, wenn du zurückfährst. Du wirst aufgeregt sein und unbedingt dein neues Spielzeug austesten wollen, aber es ist wichtig, die Fassade aufrechtzuerhalten, bis du zu Hause angekommen bist.
Leg keine unnötigen Zwischenstopps ein, bleib auf den Seitenstraßen und überstürze nichts. Du schaffst das.
Und genau so geht das. Keine Verbindung, anderer Bezirk, unmöglich, zwischen euch eine Beziehung nachzuweisen. Wenn also endlich Alarm geschlagen wird, gibt es keinen Grund, in Panik zu geraten. Du kannst dich sicher fühlen, weil du weißt, dass sie sie niemals finden werden.
Und das ist der Moment, in dem der Spaß beginnen kann.
Damals
Eins
Es liegt nicht an dir, sondern an mir.
Ich brauche gerade etwas Freiraum.
Wir haben uns einfach auseinandergelebt.
Trotzdem könnten wir Freunde bleiben.
Uff!
Casey Fallon umklammerte das Lenkrad ihres kirschroten Beetle fester und ging leicht vom Gas. Ungefähr zwei Kilometer, dann hätte sie Strumpshaw erreicht, und sie hatte noch immer keine Trennungsansprache parat. Tagelang hatte sie sich die Worte zurechtgelegt, weil sie nicht so feige sein und es mit Gareth am Telefon beenden wollte. Er verdiente etwas Besseres.
Aber alles, was ihr eingefallen war, klang klischeehaft. Natürlich würde er davon ausgehen, dass sie an der Universität jemanden kennengelernt hatte.
Das stimmte nicht. Okay, vielleicht hatte sie sich umgeschaut. Aber die Wahrheit war, dass sie sich verändert hatte.
In ihrem ersten Jahr in Derby waren viele neue Freundschaften entstanden. Das und die neuen Erfahrungen, die sie in dieser Zeit gesammelt hatte, führten ihr vor Augen, dass sie zu jung war, um sich zu binden. Sie war erst neunzehn, um Himmels willen, und sie wollte frei sein, um Neues zu entdecken, zu experimentieren, Spaß zu haben und ja, auch um neue Leute kennenzulernen. Ihre Beziehung zu Gareth war angespannt, weil er nicht wollte, dass sie sich veränderte. Er verstand nicht, warum sie nicht einfach mit ihrem Leben in Norfolk zufrieden sein konnte.
Im vergangenen Semester war ihr Selbstbewusstsein gewachsen, was ihm bitter aufstieß.
Gareth, der etwas älter war als sie und gern über alles bestimmte, war ausgeflippt, als sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie studieren wollte. Und obwohl sie Hunderte von Kilometern voneinander trennten, wurde sie das Gefühl nicht los, dass er ihr die Luft zum Atmen raubte. Seine Nachrichten und Anrufe, in denen er wissen wollte, wo sie gerade war und mit wem sie ihre Zeit zusammen verbrachte, wollten nicht abreißen und gingen ihr langsam auf die Nerven.
Casey musste dem einen Riegel vorschieben, bevor sie es ihm übel nahm.
Sie wollte Gareth wirklich nicht grollen. Mit ihm hatte sie vieles zum ersten Mal erlebt. Von ihm hatte sie ihren ersten Kuss bekommen. Er war ihr erster Freund, ihr erster Liebhaber und ihre erste große Liebe gewesen. Deshalb hoffte sie, dass sie Freunde bleiben könnten, wenn sie die Beziehung mit ihm beendete.
Und bei der Trennung dachte sie nicht nur an sich, sondern auch an Gareth. Casey liebte ihn nicht mehr, und er hatte es verdient, ungebunden zu sein, um eine neue Liebe zu finden.
Das alles klang in ihren Gedanken einfach großartig. Warum fiel es ihr dann so schwer, die richtigen Worte zu finden?
Das Ortsschild rauschte an ihr vorbei. Die lange Auffahrt zum Haus würde direkt hinter der nächsten Kurve liegen. Ihr Magen zog sich zusammen.
Sie hatte spontan beschlossen, Gareth zu besuchen. Er wusste nichts davon, dass sie vorbeikommen wollte.
Es war schon spät, als sie gestern zu Hause angekommen war, und wollte ihn überraschen, um die ganze Sache hinter sich zu bringen und den Rest ihrer Sommerferien zu genießen. Aber die Wahrheit war, dass sie sich vor seiner Reaktion fürchtete. Wenn er schon wegen Derby ausflippen konnte, wie würde er es verkraften, verlassen zu werden?
Sie ignorierte den Drang, das Auto zu wenden, blinkte und bog in die Einfahrt ein. Wo sie schon einmal da war, würde sie jetzt nicht kneifen. Ihre Nerven durften nicht mit ihr durchgehen.
Das Haus, das von einem weitläufigen Grundstück umgeben war, lag fernab der Straße. Gareths Vater Steve sprach oft davon, dass er die Abgeschiedenheit, weit weg von den Blicken neugieriger Nachbarn, bevorzugte.
Waren Steve und Julie gerade zu Hause? Insgeheim hatte sie gehofft, dass die beiden da sein würden, und sich deshalb dafür entschieden, bei Gareth zu Hause mit ihm Schluss zu machen. Vor seinen Eltern würde er sich zusammenreißen. Außerdem könnte sie gehen, wenn und wann sie wollte. Was sie nicht bedacht hatte, war, wie unangenehm sich das Ganze tatsächlich entwickeln könnte.
In den vier Jahren, die Gareth und sie inzwischen zusammen waren, hatte sie genügend Gelegenheit gehabt, seine Eltern kennenzulernen. Casey mochte die beiden und wusste, dass sie ihre Beziehung mit Gareth guthießen. Steve Noakes war der perfekte Vater: locker, freundlich, immer zu einem Plausch und ein paar Späßen aufgelegt. Julie war ruhiger, bemühte sich aber sehr, Casey das Gefühl zu geben, stets willkommen zu sein. Wie würden sie reagieren, wenn sie sich von ihrem Sohn trennte?
Es war ein heißer Julitag und ihre nackten Beine klebten unangenehm am Ledersitz, wobei es nicht nur an der Hitze lag. Als das Haus in Sicht kam, bemerkte sie die leere Einfahrt. Erleichterung und Angst vermischten sich in ihrer Brust.
War Gareth unterwegs? Casey hatte gar nicht daran gedacht, dass er nicht zu Hause sein könnte. Es war ihr gar nicht in den Sinn gekommen, dass sie vielleicht warten müsste.
Wenn er nicht da war, würde sie sich eine Ausrede einfallen lassen und verschwinden.
Feigling!
Sie stieg aus, steckte den Schlüssel in die Tasche, fuhr sich nervös mit den Fingern durch die Haare und machte einen Schritt auf das Haus zu.
Das Anwesen war gigantisch, auch deshalb, weil Steve als Bauunternehmer mehrmals angebaut hatte. Einst als zwei separate Cottages erbaut, hatte er sie zusammengelegt und im Laufe der Jahre um ein Spielzimmer, eine größere Küche und einen Wintergarten erweitert. Wahrscheinlich war es inzwischen ein Vermögen wert.
Casey klingelte an der Haustür, schob ihre Sonnenbrille nach oben und strich ihren Jeansminirock glatt. Das aufgesetzte Lächeln wich einem Stirnrunzeln, als niemand die Tür öffnete.
Vielleicht war die ganze Familie unterwegs.
Sie trat einen Schritt zurück und ihr Blick fiel auf das offene Schlafzimmerfenster. Sicherlich waren sie nicht ausgegangen und hatten es offen stehen lassen, oder? Casey drückte noch einmal auf die Klingel und wartete einen Moment, bevor sie schließlich aufgab.
Noch während sie darüber grübelte, ob sie nach Hause fahren und doch so feige sein sollte, sich von Gareth mit einer SMS zu trennen, fiel ihr das Nachbarhaus ein, das Steve erworben hatte. Sein Plan war, es zu renovieren, um es gewinnbringend zu verkaufen. Kurz nach dem Kauf war Casey einmal dort gewesen und wusste noch, dass es sich in einem desolaten Zustand befand. Julie war besorgt gewesen, dass sie das Geld zum Fenster rausgeworfen haben könnten. Es war ein Vater-Sohn-Projekt, bei dem Gareth seinem Vater half, das Haus zu renovieren. So wollte Gareth genug Geld verdienen, um die Anzahlung für sein Eigenheim zu leisten. In seinen letzten Nachrichten hatte er erwähnt, dass er an den Wochenenden oft da arbeitete. Vielleicht war er gerade dort?
Das Haus lag nur ein Stück weiter die Straße runter. Sie sollte da mal vorbeischauen.
Casey kletterte in ihr Auto, verließ die Einfahrt und machte sich auf den Weg weiter landeinwärts. Obwohl sonst niemand unterwegs zu sein schien, setzte sie den Blinker und bog links auf den Feldweg ab, von dem sie wusste, dass er zu dem Grundstück führte.
Steves Van stand draußen, aber von Gareths Auto war nichts zu sehen. Trotzdem waren sie vermutlich zusammen hier. Sie parkte vor der Haustür, gespannt darauf, welche Arbeiten sie am Haus bereits erledigt hatten.
Steve war es gelungen, das Anwesen nach dem Tod des Vorbesitzers als Sanierungsobjekt bei einer Auktion zu erwerben. Damals waren die Fenster zerbrochen, einzelne Ziegel fehlten und Unkraut überwucherte die Dachrinnen. Die Fassade wirkte schon deutlich einladender und in der Auffahrt stand ein Container, der bis zum Rand mit Bauschutt gefüllt war. Wie sich das Innere wohl schon verändert hatte?
Casey verließ das Auto und klopfte an die Haustür. Als niemand antwortete, gewann ihre Neugier die Oberhand. Sie drückte die Türklinke herunter und sah ihre Vermutung bestätigt, dass die beiden gerade im Haus herumwerkelten, als die Tür leicht aufschwang.
»Gareth? Steve? Seid ihr da drin?«
Sie glaubte, ein Rascheln zu hören, und trat ein. Sofort lenkte die Holztreppe, die in liebevoller Arbeit von der alten Farbe befreit und restauriert worden war, ihre Aufmerksamkeit auf sich.
»Gareth? Wo seid ihr?«
Langsam schlenderte sie durch das Haus und bewunderte die Arbeiten, die bereits durchgeführt worden waren. Die Wand zur Küche war eingerissen worden und ein Bogen öffnete den Raum zum Wohnbereich hin. Die Wände mussten noch verputzt werden und überall lag Zeug herum, aber Casey erkannte das Potenzial.
Das breite Fenster gab den Blick auf den Rasen hinter dem Haus frei, wo Casey das Nebengebäude entdeckte, das zum Grundstück gehörte. War es möglich, dass sie dort drüben waren? Die beiden hatten sich mal über das Nebengebäude unterhalten, nachdem Steve das Haus gekauft und nicht gewusst hatte, was er damit machen sollte. Vielleicht hatte er sich inzwischen entschieden. Die Tür zum Gebäude stand einen Spaltbreit offen. Vermutlich waren die beiden wirklich dort drin.
Casey beschloss nachzusehen, verließ das Haupthaus und folgte dem Steinweg zum Garten hinunter. Sie überquerte den Rasen, erreichte das Nebengebäude und spähte durch die Tür. Innen war es dunkel und muffig. Überall stand Gerümpel herum und ein modriger, unangenehmer Geruch hing in der Luft.
»Gareth, bist du hier? Steve?«
Von ihrer Position an der Tür aus konnte sie einen abgetrennten Raum weiter hinten erkennen. Trotzdem zögerte sie, hineinzugehen. Allein bei dem Gedanken, es könnten sich Spinnen oder, Gott bewahre, Ratten da drin aufhalten, wurde ihr angst und bange.
Offensichtlich waren Gareth und Steve doch nicht hier. Nun, zumindest hatte sie es versucht.
Als sie sich bereits zum Gehen wandte, drang ein Geräusch aus dem hinteren Teil des Gebäudes an ihre Ohren. Es war kaum hörbar, klang wie ein Stöhnen, bestätigte ihr aber, dass sich eindeutig jemand hier aufhielt.
War einer von den beiden gestürzt? Brauchten sie Hilfe?
»Gareth? Steve?«
Diesmal zögerte sie nicht, sondern eilte in das Nebengebäude hinein. In ihrer Vorstellung lag Gareths Vater entweder tot auf dem Boden oder hatte einen Herzinfarkt erlitten.
An der gegenüberliegenden Wand entdeckte sie eine Treppe, die nach unten führte. Es war ihr gar nicht klar gewesen, dass das Nebengebäude unterkellert war.
»Gareth? Steve? Seid ihr da unten?«
Ein weiteres Stöhnen, diesmal lauter und definitiv von unten, ließ sie zur Treppe rennen.
Eine Glühbirne warf ihr schwaches Licht auf die Steinstufen und leuchtete ihr den Weg. Unten war es deutlich kühler. Unterschiedliche Werkzeuge waren im Raum verteilt, den sie nun betrat. Daneben erkannte sie eine große Gefriertruhe, während Sägen, Äxte und andere Gerätschaften an den Steinwänden hingen. Hinter der Gefriertruhe befand sich eine Tür, unter der ein schwaches Licht hindurchschimmerte.
»Gareth? Steve?«
Das Stöhnen, das auf ihre Worte folgte, klang lauter, verzweifelter. Sogar gequält.
Vorsichtig schob Casey die Tür auf und blinzelte, als sich der Anblick vor ihr offenbarte: eine nackte Frau. Ausgestreckt auf einem großen Holztisch. Gefesselt.
Casey stand wie angewurzelt da und versuchte zu begreifen, was zur Hölle vor sich ging. Wo waren Gareth und Steve? Wussten Vater und Sohn von der Frau hier unten?
War das ihr Werk?
Da die Augen der Frau mit einem schwarzen Tuch verbunden waren, konnte sie Casey unmöglich sehen. Aber sie musste sie gehört haben, denn ihre Brust hob und senkte sich heftig. Sie strampelte verzweifelt und wand sich gegen ihre Fesseln. Casey zuckte zusammen, als ihr Blick auf die blauen Flecke um den Hals und auf den Brüsten der Frau fiel. Getrocknetes Blut klebte an ihren Oberschenkeln und verteilte sich über ihren Bauch.
O Gott. O Gott. O Gott.
Mit zitternden Fingern nestelte Casey an der Augenbinde herum, bis es ihr gelang, sie ein Stück weit nach oben zu schieben. Die Frau starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an und bettelte stumm um Hilfe. Casey versuchte das Klebeband von ihrem Mund abzuziehen, merkte aber, dass es fest um ihren Kopf gewickelt war und sie ein Messer brauchen würde. Verzweifelt huschte ihr Blick durch den Raum, als die Fremde erneut gequält aufstöhnte, womit sie Caseys Aufmerksamkeit wieder auf ihre blauen Augen zog. Die Frau – so denn es überhaupt eine Frau war, denn unter den ganzen Blutergüssen, Schmutz und dem verschmierten Mascara war ihr Gesicht kaum zu erkennen – konnte kaum älter als Casey selbst sein. Wie ein gefangenes Tier zerrte sie an den Seilen und versuchte verzweifelt, sich zu befreien.
»Ich werde dir helfen. Ich hole dich hier raus.«
Caseys Mund fühlte sich wie ausgedörrt an, die Zunge klebte ihr am Gaumen.
Die Seile waren dick und fest verknotet. Wie zum Teufel sollte sie es schaffen, die Frau zu befreien?
Während sie überlegte, was sie tun sollte, ertönte oben ein Pfeifen und sie gefror in der Bewegung.
Das Pfeifen war ihr vertraut. Es war Steve und er würde sie finden.
Das war kein Scherz und keine Situation, aus der Casey sich herausreden konnte. Im Keller des Nebengebäudes hielt er eine Frau an einen Tisch gefesselt. Wenn er erfuhr, was sie gesehen hatte, würde er sie nicht einfach so nach draußen spazieren lassen.
Die Frau drehte den Kopf zur Seite und Tränen schossen ihr erneut in die Augen.
»Es tut mir so leid. Ich muss weg, aber ich komme wieder.« Es fühlte sich schrecklich an, die Augen der Fremden wieder mit der Augenbinde zu verdecken. Aber Steve durfte auf keinen Fall erfahren, dass sie hier gewesen war. Sie versuchte die völlig außer sich geratene Frau zu beruhigen. »Ich hole Hilfe. Das verspreche ich.«
Schuldgefühle, Wut, Angst – all diese Emotionen verdrängte Casey, als sie aus dem Raum huschte und sich panisch nach einem Versteck umschaute. Steve würde sie hier unten finden.
Ihr Blick fiel auf den Gefrierschrank, als sie in der Etage über sich Schritte hörte.
Ihr blieb keine Wahl. Sonst gab es nichts, um sich zu verstecken.
Erleichtert stellte sie fest, dass der Gefrierschrank leer war, kletterte schnell hinein und senkte langsam den Deckel nach unten. Um ihn nicht einrasten zu lassen, klemmte sie die Fingerspitzen in den Spalt dazwischen.
Dann wartete sie, lauschte Steves fröhlichem Pfeifen und den verzweifelten Schluchzern der Frau, die sie gefesselt zurückgelassen hatte, während sie versuchte, die beißende Kälte auszublenden. Alles war so schnell gegangen, und sie hatte immer noch Mühe, es zu begreifen. Als Schritte auf der Treppe ertönten, zitterte sie vor Kälte und Angst. Panische Angst, dass Steve sie hören und den angelehnten Gefrierschrankdeckel sehen würde, breitete sich in ihr aus.
Was, wenn er ihre Anwesenheit bemerkte? Was, wenn er sie in dem Gefrierschrank einsperrte?
Sie sah, wie er die Treppe herunterkam, und konnte hören, wie er in dem Raum hinter ihr verschwand, bevor ein gedämpfter Schrei des Entsetzens ertönte. Im Gefrierschrank presste Casey die Augen zusammen, unterdrückte ihr eigenes Aufschreien und konnte nur noch daran denken, dass sie fliehen musste.
Vorsichtig schob sie den Deckel auf. Ihr Herz raste, denn sie befürchtete, dass Steve zurückkommen und sie erwischen würde.
Geplagt von Schuldgefühlen, weil sie die Frau zurückgelassen hatte, verstand sie doch, dass ihr keine Wahl blieb. Wenn sie ihm nicht entkam und Alarm schlug, würde die Frau sterben.
Sie würden beide sterben.
Casey kroch aus dem Gefrierschrank, schlich auf Zehenspitzen zur Treppe und behielt die Tür im Auge, aus Angst, Steve könnte sie sehen. Er stand mit dem Rücken zu ihr und sie erkannte das Aufblitzen einer Messerklinge.
Übelkeit stieg in ihr auf, dennoch rannte sie los.
Die Treppe hinauf, durch das Nebengebäude hindurch, aus der Tür hinaus und um das Haupthaus herum. Sie nestelte an ihrem Schlüsselbund herum, ließ ihn fallen, schnappte ihn sich wieder, kletterte in ihren Käfer, startete den Motor und raste mit halsbrecherischem Tempo die Auffahrt hinunter. Steves Stimme hallte in ihren Ohren wider, doch als sie in den Rückspiegel blickte, war dort niemand. Er war nicht hinter ihr her. Das musste sie sich eingebildet haben.
Casey sah das Schlagloch kommen, doch sie fuhr zu schnell und erkannte es zu spät, um auszuweichen. Keine Sekunde später prallte sie mit ihrem Käfer gegen einen Baum. Der Sicherheitsgurt schnitt ihr ins Fleisch, als sie hart nach vorn geschleudert wurde, und ihr Kopf schoss Richtung Windschutzscheibe.
Metall klirrte und der Motor zischte auf. Tränen der Wut liefen ihr die Wangen hinunter, als sie nach Luft schnappte und den Sicherheitsgurt mit zitternden Händen löste.
Dumm, dumm, dumm!
Sie hätte besser aufpassen sollen.
Ihr blieb keine Zeit. Sie musste von hier weg, bevor er sie erwischte.
Also schnappte sie sich ihre Tasche, stieg aus und rannte die Auffahrt hinunter, wo sie auf die Straße stolperte. Sie musste Hilfe holen, die Polizei anrufen. Das Leben der Frau hing davon ab.
Schnell rannte sie über die Straße, fand Schutz in einem Feld, duckte sich hinter einer Hecke und kramte ihr Handy aus der Tasche. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie Mühe hatte, die 999 zu wählen.
»Notruf. Welche Dienststelle brauchen Sie?«
»Die Polizei.«
Ihre Stimme klang selbst in ihren Ohren fremd und sie zitterte immer noch am ganzen Körper.
Der Anruf wurde durchgestellt, und als sie die ruhige Stimme des Polizeibeamten vernahm, versagte ihr die eigene Stimme den Dienst.
»Da ist ein Mädchen. Sie müssen ihr helfen, bevor er sie umbringt.«
Zwei
Die nächste halbe Stunde rauschte einfach an ihr vorbei.
Casey stand unter Schock, als die Rettungswagen ankamen. Während die Sanitäter sie im Krankenwagen untersuchten, stellten ihr die beiden Polizeibeamten – eine Frau, die etwa im gleichen Alter sein musste wie ihre Mutter und ihr männlicher Kollege – Fragen.
Casey versuchte, so gut sie konnte, alles zu beantworten und erzählte der Frau, die sich als Police Constable Thompson vorgestellt hatte, von dem Nebengebäude und der jungen Frau im Keller. Schließlich nickte Thompson ihrem Partner zu, der daraufhin die Auffahrt hinaufging und sich auf dem Grundstück umsah, während ein zweiter Streifenwagen vorfuhr. Aus diesem stiegen zwei jüngere Beamte aus.
Derjenige von ihnen, der hinter dem Steuer gesessen hatte, folgte dem Constable zum Haus, während der andere auf den Krankenwagen zueilte. Thompson fing ihn ab. Gern hätte Casey gehört, worüber die beiden miteinander sprachen, als sich die Sanitäterin vor sie stellte und die beiden von ihr abschirmte.
»Sie haben ein Schleudertrauma erlitten und stehen noch immer unter Schock«, erklärte ihr die Frau. »Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Schmerzen etwas verzögert einsetzen und Sie durch den Aufprall gegen den Sicherheitsgurt einen steifen Nacken bekommen. Ich empfehle Ihnen dringend, morgen zum Arzt zu gehen und sich untersuchen zu lassen.«
»Mir geht es gut, ehrlich. Selbst wenn ich unter Schock stehen sollte, habe ich mich nirgendwo verletzt.«
»Das ist das Adrenalin. Sobald es nachlässt, werden die Schmerzen einsetzen.«
Thompson kam zu ihnen zurück und wartete geduldig, bis die Sanitäterin fertig war.
»Das ist PC Murphy. Er bringt Sie aufs Revier«, wandte sie sich an Casey.
Caseys Blick huschte zum jüngeren Officer, der gerade von seinem Auto auf sie zukam und ihr kurz zunickte.
»Was ist mit der jungen Frau? Sie müssen ihr helfen.«
»Wie ist Ihr Name, Schätzchen?«
»Casey. Casey Fallon.«
»Okay, Casey. Wir kümmern uns darum, aber Sie sollten nun Police Constable Murphy zum Revier begleiten. Am besten helfen Sie uns, wenn Sie ihm alles der Reihe nach erzählen.«
»Er hat sie verletzt. Sie müssen bitte gleich nach ihr sehen.«
Thompson verzog die Lippen zu einer dünnen Linie und formte sie zu etwas, das ein schmales Lächeln sein könnte. Ihre Bemerkung völlig außer Acht lassend, nickte sie Murphy zu und eilte dann zu ihren Kollegen hinüber.
»Okay, Miss Fallon. Ich muss einen Alkoholtest bei Ihnen durchführen.«
Casey folgte Thompson mit dem Blick, als diese auf ihre Kollegen zuging. Mit ihren markanten Gesichtszügen und dem kurzen blonden Haar strahlte sie Selbstbewusstsein aus. Eine Hand ruhte auf ihrem Walkie-Talkie, die andere schwebte über ihrem Schlagstock. Ihr Blick kehrte zum anderen Officer zurück und zum ersten Mal nahm sie PC Murphy richtig wahr. Sein junges Alter überraschte sie. Er konnte kaum älter sein als sie selbst, hatte dunkles kurzes Haar, von dem ein Teil unter seiner Mütze hervorlugte, und war glatt rasiert.
»Wie bitte?«
»Ich sagte, ich muss einen Alkoholtest durchführen.«
»Sie haben mich Miss Fallon genannt.«
»Ja, das habe ich.«
»Ich heiße Casey. Nennen Sie mich bitte Casey.«
Seine Lippen verzogen sich zu einem sanften Lächeln. »Okay, Casey. Wurde bei Ihnen schon einmal ein Alkoholtest durchgeführt?«
»Nein.« Und sie wollte auch nicht herausfinden, wie ein solcher Test ablief. Sie war frustriert und wollte einfach nur wissen, was zur Hölle vor sich ging.
Er hielt ihr das Gerät hin, damit sie es sich ansehen konnte. »Es ist ganz einfach. Sie müssen nur in dieses Röhrchen hier pusten. Würden Sie das bitte tun?«
»Warum muss ich einen Alkoholtest machen? In dem Haus wird eine Frau gefangen gehalten, er tut ihr weh, und alles, was Sie interessiert, ist, ob ich getrunken haben könnte? Es ist helllichter Tag. Natürlich habe ich nichts getrunken!«
Ihre Stimme wurde immer schriller, aber sie konnte nichts dagegen tun. Das war doch lächerlich. Warum stürmten sie nicht das Haus und versuchten Steve aufzuhalten? Die gedämpften, panischen Schreie der Frau hallten immer noch in Caseys Kopf wider und spielten sich in einer Endlosschleife ab. Es sollte verdammt noch mal aufhören!
»Hören Sie, Casey. Das ist Vorschrift, okay? Sie hatten einen Autounfall, deshalb muss ich den Test durchführen. Aber wenn Sie mich fragen, dann nein, ich glaube nicht, dass Sie getrunken haben. Bringen wir das also schnell hinter uns, dann fahren wir aufs Revier, und Sie können mir genau erzählen, was passiert ist.«
»Aber die Frau …«
»Meine Kollegen kümmern sich darum. Ich verspreche Ihnen, dass sie alles tun werden, was sie können, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Und Sie können helfen, indem Sie mir alles erzählen, was Sie wissen. Also kommen Sie, was sagen Sie dazu? Bringen wir es hinter uns und brechen danach auf.«
Casey schniefte. Für sein junges Alter verhielt er sich ihr gegenüber unglaublich geduldig. Das musste wohl mit seinem Beruf zusammenhängen. Aber er hatte auch recht. So frustrierend es auch war, sie musste die Polizei ihre Arbeit machen lassen und sollte sich nicht einmischen.
Also pustete sie in das besagte Röhrchen, auch wenn sie wusste, dass der Test negativ ausfallen würde. Als das Ergebnis bestätigt war, ließ sie sich von Officer Murphy zum Streifenwagen führen, bevor er sie aufs Revier brachte.
»Möchten Sie etwas trinken?«, fragte er, während er sie in einen Raum führte, der ein Verhörraum sein könnte. »Der Kaffee ist nicht besonders, aber der Tee ist okay.«
Alles, was Casey wollte, war, seine Fragen zu beantworten. Sie sehnte sich verzweifelt nach Neuigkeiten über die Frau, musste wissen, dass sie sicher war und Murphys Kollegen sie noch rechtzeitig gefunden hatten. Dass sie die Fremde im Keller zurückgelassen hatte, lastete schwer auf ihr. Auch wenn Casey sie unmöglich hätte befreien können, ohne selbst entdeckt zu werden, änderte es nichts an der Tatsache. Der verzweifelte, flehende Ausdruck in den Augen der Fremden ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Genauso wenig konnte sie die schrecklichen Geräusche, die kurz vor ihrer Flucht aus dem Raum zu ihr gedrungen waren, einfach ausblenden. Wenn die Frau starb, würde sie sich das nie verzeihen.
Sie wollte, ja musste Murphy helfen, aber ihr Mund war so trocken. »Könnte ich bitte etwas Wasser haben?«
»Klar.«
Als er zurückkam, trank sie das Wasser in einem Zug aus und stellte den leeren Pappbecher auf den Tisch. Ihre Hände zitterten und sie klemmte sie zwischen die Knie, dann blickte sie auf und begegnete seinem Blick. Murphy hatte freundliche tiefblaue Augen, die Ruhe, Geduld und Aufrichtigkeit ausstrahlten. Das gab ihr Halt.
»Okay, ich bin bereit. Was wollen Sie noch wissen?«
***
Casey verlor sämtliches Zeitgefühl, sodass sie nicht mehr sagen konnte, wie lange sie bereits in dem Verhörraum war.
Zuerst ging sie alles haargenau mit Murphy durch, beantwortete seine Fragen so gut sie konnte. Nach einer kurzen Pause betrat ein höherrangiger Beamter das Zimmer, um mit ihr zu sprechen. Sie erinnerte sich, dass er sich ihr als Detective Constable vorgestellt hatte, wobei sie sich seinen Namen nicht behalten hatte. Der Mann war älter als Murphy, ernster und direkter in seinen Fragen. Wann immer sie stockte, schien er ungeduldiger zu werden.
Und die Uhr tickte die gesamte Zeit über. Es gab keine Neuigkeiten darüber, was im Haus vor sich ging, in dem sie die Frau gefunden hatte. War Steve verhaftet worden? War die Frau in Sicherheit? Oder war die Polizei zu spät gekommen, um sie zu retten? Und was war mit Gareth, Julie und Gareths jüngerem Bruder Ethan? Wussten sie, was passiert war?
War Gareth vielleicht an der ganzen Sache beteiligt gewesen?
Diese Fragen hatte Casey auch dem Detective gestellt, als er das Zimmer betrat, doch er hatte sie unverblümt abgewimmelt. Ihn noch einmal darauf anzusprechen, hatte sie sich nicht getraut. Der Detective stellte ihr die gleichen Fragen wie Murphy, wiederholte sie immer wieder, formulierte sie jedoch anders, als wollte er sie in eine Falle locken. Casey gab ihr Bestes, um die Polizei zu unterstützen, aber sie war müde und hinter ihrer Stirn pochte es ununterbrochen.
Schließlich verließ der Detective den Raum und ließ sie allein zurück. Erschöpft und frustriert rieb sie sich mit den Händen über das Gesicht, während sie wartete. Warum wollte ihr niemand etwas verraten?
»Alles okay hier drin?«
Sie teilte die Finger und blickte durch die Lücken zu Murphy, der seinen Kopf zur Tür hereingesteckt hatte.
»Es dauert nicht mehr lange, dann dürfen Sie nach Hause. Sie müssten nur noch Ihre Aussage durchlesen und dann unterschreiben.«
»Haben Ihre Kollegen sie gefunden?«
»Sie wurde ins Krankenhaus gebracht.«
»Und Steve?«
Er nickte. »Mr Noakes befindet sich in Gewahrsam.«
Casey fühlte sich etwas entspannter.
»Mein Auto.« Bei all dem Trubel hatte sie den Unfall ganz vergessen. Also rührten die Schmerzen doch von dem Schleudertrauma, von dem die Sanitäterin gesprochen, und nicht vom langen Sitzen, so wie sie es zunächst angenommen hatte.
»Es ist bei einer Abschleppfirma. Ich besorge Ihnen die Kontaktdaten, damit Sie morgen dort anrufen können. Soll ich Ihre Eltern benachrichtigen, damit sie Sie abholen?«
»Die beiden sind verreist.«
»Gibt es sonst jemanden, den ich anrufen kann? Geschwister? Freunde?«
Casey überlegte. Sie hatte zwei ältere Brüder, aber Liam arbeitete am Wochenende und Nick war nicht da. Und was ihre Freunde anging, hatten die meisten von ihnen noch keinen Führerschein. »Ist schon okay. Ich nehme den Bus.«
***
Murphy sah sie einen Moment lang an und nickte. »Warten Sie hier, ich bin gleich zurück.«
Vierzig Minuten später saßen sie in seinem Streifenwagen auf dem Weg nach Framingham Earl. Murphy hatte mit seinem Chef geklärt, dass er Casey nach Hause fahren durfte.
Sie war überrascht, wie schnell es dunkel geworden war, und stellte fest, dass sie den gesamten Nachmittag und Abend auf dem Polizeirevier verbracht hatte. Es war eine warme Nacht und die Autofenster hatte er heruntergelassen. Die sanfte Brise war eine willkommene Abwechslung, nachdem sie so lange im Verhörraum eingesperrt gewesen war. Casey war erschöpft, und obwohl sie keinen Appetit verspürte, knurrte ihr der Magen, was sie daran erinnerte, dass sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte.
Sie war sich immer noch nicht sicher, ob sie etwas essen konnte. Zunächst wollte sie heiß duschen und sich dann ins Bett zurückziehen. Casey war nicht so naiv zu glauben, dass sie leicht einschlafen könnte. Ihr war klar, dass sich die schrecklichen Szenen aus dem Keller immer wieder vor ihrem inneren Auge abspielen würden.
Sie hatte die Frau zurückgelassen. Der enttäuschte Ausdruck in den Augen der Fremden verfolgte sie. Auch wenn es keine Möglichkeit gegeben hatte, die Frau zu befreien, war Casey weggerannt. Sie versetzte sich in die Lage der Frau: gefesselt und verängstigt. Der kurze Moment der Erleichterung, als sie gefunden worden war – nur um dann grausam enttäuscht zu werden. Trotz des warmen Sommerabends erschauderte sie.
Murphy musste das bemerkt haben, denn er nahm den Blick kurz von der Straße und schaute in ihre Richtung. »Alles okay?«
Casey nickte. Ihre Gedanken wanderten zu Gareth und Julie. Es war spät. Inzwischen würden sie erfahren haben, was vorgefallen war. War Gareth auch verhaftet worden?
Das brachte sie auf den Gedanken, dass sie ihr Handy bei sich hatte. Die Geschehnisse hatten sie so sehr vereinnahmt, dass sie gar nicht mehr daran gedacht hatte. Sie griff nach ihrem Handy, schaltete es ein und sah schockiert zu, wie es in ihrer Hand aufleuchtete und wiederholt piepte, während die Textnachrichten aufpoppten.
Ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie Gareths Namen las. Er hatte den gesamten Nachmittag über versucht, sie zu erreichen.
Sie las die Nachrichten, die von besorgt über verzweifelt bis verärgert reichten und sie darüber informierten, dass Steve verhaftet worden war, dass Gareth sie dringend brauchte und wo zum Teufel sie denn steckte.
Bei der letzten Nachricht zuckte sie zusammen.
Wo zum Teufel bist du? RUF MICH SOFORT AN!
Was sollte sie ihm denn sagen? Sie konnte doch nicht einfach zu ihm zurückkehren und die empathische Freundin spielen.
Casey spürte Murphys Blicke auf sich.
»Es ist Gareth. Steves Sohn. Mein … Freund.« War er das noch? Casey hatte ihre Beziehung bis jetzt nicht beendet, also waren sie theoretisch immer noch ein Paar. Nur hatte sie seinen Dad gerade wegen der Entführung und Misshandlung einer Frau angezeigt. Also schätzte sie, dass es das Aus für ihre Beziehung bedeutete.
Wusste Gareth, was sie getan hatte? Seinen Nachrichten nach zu urteilen wohl eher nicht.
»Er hat mir ein Dutzend Nachrichten geschickt. Was soll ich ihm sagen?«
Panik schwang in ihrer Stimme mit, aber sie konnte nichts dagegen tun. Das war eine Situation, von der sie niemals gedacht hatte, dass sie eintreffen könnte.
Wer konnte es ihr verübeln?
Murphy dachte einen Moment nach. »Sie sagten, Ihre Eltern seien verreist.«
»Zum Wanderreiten in Peru.« Als er daraufhin leicht die Augenbrauen hob, schalt sie sich selbst. John und Cecelia Fallon waren nicht die Leute für Pauschalreisen nach Benidorm. Aber das war nichts, was er zu wissen brauchte. »Vor Freitag kommen sie nicht zurück.«
»Dann sind Sie allein zu Hause?«
»Mein Bruder Liam arbeitet nachts. Morgen früh ist er wieder zu Hause.«
»Haben Sie Freunde oder Verwandte, bei denen Sie heute Nacht unterkommen könnten?«
Die meisten ihrer Freunde wohnten noch zu Hause. Casey könnte sich aufdrängen, aber das wollte sie nicht. Ihre Tante Natasha lebte allerdings allein. Die jüngere Schwester ihrer Mutter war nur acht Jahre älter als Casey und ganz anders als ihre Mum. Während Cecelia im Grunde ihres Herzens ein freigeistiger Hippie war, zeichnete Natasha sich durch Fleiß, Eleganz und Bodenständigkeit aus. Casey stand ihr nahe, aber trotzdem kam es ihr wie eine Zumutung vor.
»Vielleicht bei meiner Tante.« Sie runzelte die Stirn.
»Okay, warum rufen Sie Ihre Tante nicht einfach an?«
»Aber was ist mit Gareth? Was soll ich ihm antworten?«
»Ehrlich gesagt, würde ich Ihnen raten, ihm überhaupt nicht zu antworten. Rufen Sie Ihre Tante an und schalten Sie dann Ihr Handy aus. Bleiben Sie ein paar Tage bei Ihrer Tante, wenn Sie können, und versuchen Sie jeden Kontakt mit Gareth zu vermeiden. Das wird …« Er hielt inne. »Weniger kompliziert.«
Weniger kompliziert.
Casey dachte über seine Worte nach und fand sie irgendwie ironisch, denn an der Situation war nichts unkompliziert. Trotzdem nickte sie zustimmend, auch wenn es feige war, weil sie sich erleichtert fühlte, Gareth aus dem Weg gehen zu können.
***
Wenn Murphy ihr Elternhaus für schräg hielt, weil es voller Schnickschnack war, den ihre Eltern von den Reisen um die Welt mitgebracht hatten, so ließ er sich nichts anmerken, während er unten auf sie wartete. Casey packte ein paar Sachen zusammen – gerade genug für eine Übernachtung. Sobald Liam wieder zu Hause war, konnte sie immer noch zurückkommen und mitnehmen, was ihr fehlte.
Sie hatte mit Natasha gesprochen, aber ihre Tante wusste noch nicht, was passiert war. Casey wollte es nicht am Telefon besprechen und hatte auch keine Lust, alles noch einmal zu erzählen, wenn sie bei Natasha ankam. Allerdings war ihr klar, dass es Fragen geben würde. Obwohl alles schon mehrere Stunden zurücklag, hatte sie es noch nicht wirklich verarbeitet. Das Warten und die unzähligen Fragen, die ihr gestellt worden waren, hatten sie vollkommen erschöpft.
Nachdem sie ihre Tante angerufen hatte, schaltete sie ihr Handy aus. Dennoch nagte die Angst an ihr, dass sie Gareth nicht ewig ausweichen konnte.
Wie würde er reagieren, wenn er das über seinen Vater erfuhr? Und wie würde er sich fühlen, wenn er erfuhr, dass Casey diejenige war, die ihn erwischt hatte?
***
Auf der Fahrt zu Natasha war sie still und Murphy hakte nicht nach. Offenbar verstand er, dass die Ereignisse des Tages ihren Tribut forderten. Er war nett zu ihr, und ihr war klar, dass es seine Idee gewesen sein musste, sie nach Hause zu fahren. Auch er war es, der ihr eine Lösung für das Problem mit Gareth angeboten hatte. Sie wusste es zu schätzen, was er für sie getan hatte.
Ihre Tante bewohnte ein Reihenhaus in einem beliebten Viertel von Norwich, das als das »Goldene Dreieck« bekannt war. Als Murphy vor dem Haus hielt, brannte das Licht im Fenster warm und einladend.
Er drehte sich zu ihr um. »Ich weiß, dass Sie sich Vorwürfe machen, aber das ist nicht nötig. Sie haben heute etwas Gutes getan, und dank Ihnen lebt diese Frau noch. Vergessen Sie das nicht.«
»Ich weiß.« Casey schenkte ihm ein Lächeln, das sich jedoch etwas gezwungen anfühlte. »Danke für heute. Das meine ich ernst.«
»Ich habe nur meine Arbeit gemacht.«
»Ich weiß, aber Sie haben mir das Ganze ungemein erleichtert. Sie …« Sie suchte nach den richtigen Worten, aber ihr Verstand verweigerte ihr den Dienst. »Danke«, sagte sie schlicht.
Casey schnappte sich ihre Tasche aus dem Fußraum, stieg aus und stellte fest, dass er wartete, bis ihre Tante die Haustür geöffnet und sie hineingebeten hatte.
Bevor sie hineinging, drehte sie sich zu ihm um und hob die Hand zum Abschied. Murphy lächelte und nickte ihr zu, dann fuhr er davon.