KAPITEL 1
Die Straße strahlte so viel Hitze aus, dass ich fast damit rechnete, meine Sandale würde im klebrigen Zement stecken bleiben. Eine Hitzewelle hatte zwei Tage zuvor die Stadt heimgesucht, und es schien, als hätte selbst die kühle Meeresbrise es aufgegeben, sich gegen die unerbittliche Sonne zu behaupten.
Ich nahm noch einen Schluck von dem Erdbeer-Bananen-Joghurt-Smoothie, den ich mir zum Frühstück gemixt hatte, und trottete zum Laden. In meinem winzigen Haus kam es nicht in Frage, irgendetwas auf dem Herd oder im Backofen zuzubereiten. Ich hatte mich auf Salate, Sandwiches und alles andere verlegt, was erfrischend und gut zu mixen war.
Kingston flog voraus, aber tauchte schnell wieder ab, als er Elsie sah, die an ihren Tischen auf dem Bürgersteig stand. Mein Vogel wusste, dass die kleine, flinke Frau mit den grauen und karamellfarbenen Haaren immer eine sichere Quelle für einen Keks oder einen Muffin-Krümel war. Zu Kingstons Enttäuschung enthielt die Kiste, die Elsie trug, Batterien und Mini-Handventilatoren.
Elsie warf einen Blick auf Kingston, der unruhig auf dem heißen Beton auf und ab ging, immer noch in der Hoffnung, dass sich unter den Batterien Scones versteckt hielten. Sie stellte die Schachtel auf einen ihrer Tische und ließ ihren Blick über den Bürgersteig schweifen.
Ihr strahlendes Lächeln richtete sich auf mich. »Ich habe die Krähe gesehen und mir gedacht, dass ihre Besitzerin nicht weit hinter ihr sein würde.«
Ich drückte den Smoothiebecher gegen meine Wange. »Ich kann nicht glauben, dass es schon so heiß ist.«
»So etwas habe ich noch nie erlebt. In meiner Küche, wo vier Heißluftöfen Backwaren zubereiten, ist es tatsächlich kühler als hier draußen auf dem Bürgersteig. Klug von dir, dass du dein Fahrrad heute zu Hause gelassen hast.« Elsie holte einen winzigen Ventilator aus der Schachtel und begann, Batterien in den Sockel einzulegen.
»Ich habe versucht, mir einzureden, dass ich hart genug im Nehmen sei, um mit dem Fahrrad in die Stadt zu fahren, aber sobald ich vor die Tür getreten war, bin ich sofort wieder reingerannt, um meine Schlüssel zu holen.«
Elsie zuckte mit den Schultern. »Du musst los, bevor die Sonne aufgeht. Ich bin fünf Meilen gelaufen, bevor ich im Morgengrauen aufgemacht habe, und die Temperatur war herrlich.«
»Ja, nun, du bist eine Superfrau, und ich bin die sanftmütige Floristin, die erst dann aus dem Bett aufsteht, wenn ich das Sonnenlicht durch die Vorhänge spitzen sehe.«
Kingston watschelte unter den Tisch, an dem wir standen, doch selbst der Schatten der Tischplatte reichte nicht aus, um den Beton abzukühlen. Ungeduldig tanzte er hin und her und wartete darauf, zu seiner Sitzstange zu gelangen.
»Der arme Kerl muss von Kopf bis Fuß schwarz tragen.« Elsie schaltete den Ventilator ein. Ich schloss die Augen, als mir ein leichter Luftzug ins Gesicht wehte. »Was denkst du?«
»Ich denke, dass der Große Tischkrieg wieder ausgebrochen ist. Ich dachte, ihr beiden hättet keine Lust mehr auf diesen Wettstreit.« Elsie und Les hatten ihre Geschwisterrivalität mit ihren Sitzecken auf dem Bürgersteig auf ein ganz neues Niveau gehoben, aber ich bezweifelte, dass die schicken Möbel und selbst die kleinen Handventilatoren die Leute davon überzeugen würden, sich auf den glühend heißen Bürgersteig zu setzen. Sogar die Bäume, die die Harbor Lane säumten, sahen aus, als wollten sie lieber irgendwo anders sein, nur nicht hier auf der Straße.
»Ich habe dir doch schon gesagt, das ist kein Wettbewerb.« Elsie schnaubte spöttisch. »Offensichtlich sitzen die Leute lieber vor der Bäckerei. Wer kann schon dem Duft von Zimt, Zucker und Gewürzen widerstehen, der aus meinem Laden kommt?«
Ich tippte mir ans Kinn. »Hmm, vielleicht Leute, die es vorziehen, den Duft von geröstetem Kaffee zu genießen. Ich glaube nicht, dass diese Woche irgendetwas die Leute dazu bewegen wird, auf einer der beiden Seiten zu sitzen. Zumindest nicht, bis die drückende Hitze vorbei ist.«
Elsie ignorierte meine Vorhersage und legte weiterhin Batterien in die Ventilatoren ein.
Schritte erregten unsere Aufmerksamkeit. Ryder schlenderte vorbei, starrte auf sein Handy und wirkte mehr als nur ein bisschen abgelenkt. Die Sonnenbrille saß ihm schief auf der Nase, und sein Mund war zu einer festen Linie verzogen. Er bemerkte weder uns noch die Krähe, die sofort in seine Richtung trabte.
»Kinder und ihre Handys.« Elsie schnalzte mit der Zunge. »Die ganze Welt könnte um sie herum in Flammen stehen, und sie würden es nicht bemerken, weil sie zu sehr auf das neueste Instagram-Bild ihres Freundes fixiert wären.«
Ich sah zu, wie mein sonst so aufmerksamer und engagierter Assistent einfach weiterging, ohne auch nur einen Blick in unsere Richtung zu werfen. »Merkwürdig. Ich weiß, dass viele Leute ständig auf ihre Handys starren, aber bei Ryder ist das nicht so. Da muss etwas nicht stimmen.« Ich wandte mich Elsie zu. »Wie auch immer, ich muss reingehen. Heute Vormittag kommt eine zukünftige Braut vorbei, um Blumen für die Brautsträuße auszusuchen. Bis später. Und viel Glück mit den Ventilatoren.«
»Danke.«
Kingston erschreckte Ryder, als er die Tür zum Blumenladen aufschloss. Die Krähe flog an ihm vorbei und steuerte direkt auf ihren Platz unter dem Lüftungsschacht der Klimaanlage zu.
»Du musst sein unhöfliches Verhalten entschuldigen«, sagte ich von hinten und ließ Ryder erneut zusammenzucken.
»Hey, Boss«, begrüßte er mich mit milder Begeisterung. Da stimmte definitiv etwas nicht, und ich war mir sicher, dass es mit meiner launischen besten Freundin zu tun hatte. Lola schien sich über ihre Beziehung zu freuen. Gleichzeitig hatte sie gelegentlich diesen nervösen, verängstigten Ausdruck im Gesicht, als würde sie nur auf das erste Anzeichen von Gefahr warten, um zu flüchten.
Ich folgte ihm hinein und ging direkt zum Thermostat an der Rückwand. »Hier drinnen sind es schon 27 Grad.« Ich legte den Schalter um. Das dröhnende Geräusch der Klimaanlage hallte durch die Lüftungsschächte über uns. »Ich habe das Gefühl, dass die Stromrechnung diese Woche meine Gewinne übersteigen wird, aber ich muss den Laden für die Blumen und die Kunden kühl halten.«
»Oder du könntest ein großes Gewächshaus daraus machen.« Selbst sein übliches Lächeln wirkte gezwungen. »Hat die Braut sich schon für eine Blumenart entschieden?«
»Ja, sie will Pfingstrosen. Ich habe letzte Nacht ein paar Beispiele zusammengestellt, bevor ich geschlossen habe. Hoffentlich ist eins davon in Ordnung.«
Ryder folgte mir den kurzen Flur entlang zum Büro. Seine Schritte waren nicht so beschwingt wie sonst.
Ich legte meine Handtasche weg und schaltete meinen Computer ein. Ryder warf noch einmal einen Blick auf sein Handy, bevor er es in seine Tasche schob.
»Stimmt etwas nicht?«, fragte ich zögernd. Mir war klar, dass die Beziehung zwischen meiner besten Freundin und meinem Kollegen für zusätzliche Komplikationen in meinem engen Freundeskreis sorgen würde, aber ich hatte nur mir selbst die Schuld dafür zu geben. Ich hatte so sehr darauf gedrängt, sie dazu angestiftet und Andeutungen gemacht, dass sie endlich zusammenkommen sollten, dass ich mir ohne Weiteres den Titel einer aufdringlichen Kupplerin hätte verdienen können.
»Alles ist eitel Sonnenschein«, entgegnete Ryder trocken.
»Da du mit Worten wie ›eitel Sonnenschein‹ um dich wirfst, gehe ich davon aus, dass die Lage alles andere als sonnig ist.« Ich ging hinter ihm her.
»Lola fährt nach Frankreich«, stieß er schnell hervor, als hinterließen diese Worte einen bitteren Nachgeschmack in seinem Mund.
Lolas Eltern hatten ein Ferienhaus in Frankreich gemietet. Sie boten ihr an, ihr Flugticket zu bezahlen, falls sie mitkommen wolle. Als sie mir das letzte Mal davon erzählte, schien sie absolut dagegen zu sein. Sie musste es sich anders überlegt haben.
»Ich bin mir sicher, dass sie nicht lange wegbleibt.« Es war eine lahme Antwort, um ihn aufzumuntern, aber es war das Einzige, was mir in den Sinn kam.
Ryder wirbelte herum. »Also wusstest du von ihrer Reise?«
»Was? Nein, nicht wirklich. Sie erwähnte, dass ihre Eltern ihr angeboten hatten, ihr einen Flug nach Frankreich zu bezahlen, aber als wir das letzte Mal sprachen, hatte sie beschlossen, nicht zu fahren.« Meine Worte sprudelten nur so aus mir heraus, als würde ich sie mir gerade erst ausdenken, aber sie entsprachen der Wahrheit. Ich lächelte ihn schwach an. »Sie wird nicht lange bleiben, Ryder. Außerdem weißt du doch, was man sagt –«
»Wenn du mir jetzt erzählen willst, dass die Liebe durch die Entfernung wächst, muss ich dich warnen: Meine Mutter hat mir diesen Weisheitsspruch schon einmal an den Kopf geworfen, und er ist direkt an meinem dicken Schädel abgeprallt. Lola wird mich völlig vergessen, wenn sie an der traumhaften französischen Küste herumspringt und durch die Landschaft reist. Und ich würde es ihr auch nicht verübeln. Was bin ich schon im Vergleich zu den Eindrücken, Gerüchen und Klängen Frankreichs?«
Ich legte meine Hand auf seinen Arm. »Was mich betrifft, sind die Eindrücke, Gerüche und Klänge von Ryder Kirkland genauso aufregend.« Seine gerunzelte Stirn spiegelte meine eigene wider. »Ja, jetzt, wo ich das laut ausgesprochen habe, klingt es nicht ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte.«
Endlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Es schien, als hätte ich ihn vorübergehend aus seiner Phase der Selbstzweifel herausgeholt. »Ich fange schon mal mit den Blumensträußen für das Mittagessen des Frauenvereins an«, verkündete Ryder. »Und ich verspreche, nicht zu schmollen. Jedenfalls nicht allzu sehr.«
»Das ist die richtige Einstellung.« Ich ging zum Kühlschrank und holte die vier Brautstrauß-Muster heraus, die ich angefertigt hatte. Der eine war ein schlichter Strauß aus zartrosa Pfingstrosenknospen, gemischt mit prallen weißen Blüten. Ich hatte die Stiele lang und unbehandelt gelassen und sie mit Sackleinen umwickelt. Der zweite Strauß war eine eher formelle Komposition aus rosa Pfingstrosen und gelben Rosen. Kleine Zweige aus weißem Schleierkraut verliehen ihm eine verspielte Note. Ich hatte einen auffälligen, einfarbigen Strauß aus gefüllten rosa Pfingstrosen zusammengestellt und ihn mit einem weißen Satinband gebunden. Er strahlte vor Farbe und Duft. Der letzte Strauß war eine Mischung im ländlichen Stil aus zartrosa Pfingstrosen und gelben Butterblumen, eingerahmt von zartgrünem Farn. Mit etwas Glück würde die Braut genau wissen, welcher Strauß perfekt zu diesem Anlass passen würde.
KAPITEL 2
Ein babyblauer Fiat parkte vor dem Laden. Ich hatte nur einmal mit Jazmin, der zukünftigen Braut, telefoniert, aber sie machte auf mich einen entschlossenen und selbstbewussten Eindruck. Sie wusste, dass sie Pfingstrosen in ihren Blumensträußen haben wollte, weil diese die Lieblingsblumen ihrer Großmutter waren.
Die Tür schwang auf, und zwei junge Frauen plauderten munter vor sich hin, als sie hereinkamen. Es war leicht, die zukünftige Braut zu erkennen. Sie strahlte wie eine Frau, die ganz in eine Fantasiewelt aus Satin, Spitze und allem, was mit Hochzeiten zu tun hat, eingetaucht war. Oder vielleicht waren es auch die gnadenlos heißen Sonnenstrahlen, die vom Himmel herabstrahlten. In der einen Hand hielt sie eine Flasche Vitaminwasser, in der anderen eine übergroße Designerhandtasche. Ein kleiner Kopf mit grauen Locken tauchte aus der Tasche auf. Der Zwergpudel sah sich kurz im Laden um, nieste zweimal und verschwand dann wieder in seinem Versteck. Die zweite Frau, die eher wie ein Teenager als wie eine erwachsene Frau wirkte, tänzelte in ihren Sandalen und weißen Hotpants über den Boden.
»Schau, Jazzy! Ich habe gehört, dass es in diesem Laden eine Krähe gibt.« Das Mädchen hatte karamellfarbenes Haar. Ein langer, stufiger Pony fiel ihr dicht über die blauen Augen. Sie sah mich quer durch den Laden an. »Ist er freundlich?«, fragte sie.
Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass es am besten war, Fremde Kingston nicht anfassen zu lassen. So domestiziert er auch war, ich wusste nie genau, wie er auf jemanden reagieren würde. Und die meisten Leute streckten ihm einfach ihre Hand entgegen, ohne daran zu denken, dass ihn das erschrecken könnte.
»Kingston liebt Menschen«, erklärte ich. »Aber er lässt sich lieber aus der Ferne bewundern.«
»Komm schon, Trinity. Wir haben keine Zeit zum Trödeln. Ich treffe mich mit Bradley zum Mittagessen in Mayfield.« Die Braut ging direkt zu den Pfingstrosensträußen auf der Arbeitsinsel und stellte ihre Handtasche neben ihren Füßen auf den Boden.
»Hallo.« Ich streckte meine Hand aus. »Ich bin Lacey, die Ladenbesitzerin. Sie müssen Jazmin sein.«
Sie nahm meine Hand. Auf ihren Fingernägeln waren kleine Blumen aufgemalt. »Ja, wir haben miteinander telefoniert.« Das jüngere Mädchen hatte das Interesse an Kingston verloren und gesellte sich zu uns an die Arbeitsinsel. Sie hüpfte auf einen Hocker. »Das ist meine Schwester Trinity. Eigentlich sollte sie mir helfen, aber, na ja …« Jazmin warf ihrer Schwester einen finsteren Blick zu, woraufhin diese nur mit den Augen rollte.
»Was auch immer, Jazzy. Du kannst dich einfach bei nichts entscheiden. Wir haben bestimmt drei Jahre in der Druckerei verbracht, um ihre Einladungen auszusuchen. Dann hat sie es sich zehn Minuten, nachdem wir den Laden verlassen hatten, anders überlegt.«
Jazmin hatte dunkle, ausdrucksstarke Augenbrauen. Sie verrieten Frustration. »Klar, drei Jahre. Es waren höchstens zwei Stunden.«
»Ne, ne, ne.« Trinity schüttelte den Kopf. Sie warf mir einen ernsten Blick zu. »Ich bin mit kurzem Pony in den Laden gekommen und mit diesem hier wieder gegangen.« Sie zeigte auf ihren überlangen Pony und strich ihn sich dann aus der Stirn. Der Blick ihrer blauen Augen landete auf den Pfingstrosen. »Die sind so hübsch. Grammie wird sie lieben.«
Jazmin schien weniger begeistert von den Sträußen zu sein. Sie spitzte die Lippen und neigte den Kopf von einer Seite zur anderen. Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete die Blumensträuße mit zusammengekniffenen Augen.
Trinity stieß einen Atemzug senkrecht nach oben, sodass ihr langer Pony in die Luft flog. »Warum gehst du von den Blumen weg und machst das?« Trinity rümpfte die Nase und kniff die Augen zusammen. Sie lachte und fischte nach ihrem Handy. »Ich sollte ein Bild von dir mit diesem albernen Gesicht machen.«
Jazmin schüttelte den Kopf und seufzte hörbar. »Sehen Sie, was ich meine?«, fragte sie mich.
Ich antwortete nicht. Ich verbrachte bereits meinen gesamten Arbeitstag zwischen dem König und der Königin der Geschwisterrivalität. Da musste ich mich wirklich nicht auch noch zwischen zwei Schwestern stellen.
»Wenn du es unbedingt wissen willst, Trini, ich versuche herauszufinden, wie die Blumen aus der Ferne aussehen. Es ist eine große Kirche. Ich möchte, dass die Leute hinten sie sehen. Ich sollte ein paar Fotos machen und sie Mom schicken.« Jazmins kleiner Hund quietschte und streckte seine Nase aus der Handtasche, während sie nach ihrem Handy suchte. Sie machte sich daran, die Blumensträuße aus jedem Winkel zu fotografieren, als würde sie ein Fotoshooting für einen Floristen machen, anstatt ihre Hochzeitssträuße auszuwählen.
Ich klopfte auf den Tresen. »Dann lasse ich Sie entscheiden. Sagen Sie mir einfach Bescheid, wenn Ihnen eine bestimmte Kombination gefällt oder Sie eine bestimmte Kombination bevorzugen würden.«
Ryder kam mit einem großen Sack Blumenerde über der Schulter aus dem Lagerraum. Trinity richtete sich auf dem Hocker auf. »Hallo«, trällerte sie durch den Laden.
»Guten Morgen«, erwiderte er höflich.
Trinity beugte sich vor und senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Er ist süß. Arbeitet er hier?«
Bevor ich antworten konnte, meldete sich Jazmin mit einem kurzen Lachen zu Wort. »Nein, sie hat ihn einfach von der Straße aufgelesen, damit er im Laden Erde herumschleppt.« So sehr Jazmin sich auch bemühte, die reife, bald verheiratete ältere Schwester zu sein, schien sie einer sarkastischen, schwesterlichen Stichelei doch nicht widerstehen zu können.
»Ryder arbeitet hier«, fügte ich hinzu. »Er ist ein großartiger Assistent.«
Trinity rückte auf dem Hocker ein Stück zur Seite. »Er ist süß, aber zu alt. Ich bin gerade erst achtzehn geworden. Außerdem habe ich einen Freund.« Sie scrollte schnell durch die Fotos auf ihrem Handy und zeigte mir ein Bild. Ein roter Platzanweiserhut im Pillbox-Stil drückte das lockige, sonnengebleichte Haar des Teenagers platt. Er hielt Daumen und kleinen Finger in typischer Geste hoch. »Er heißt Justin. Normalerweise trägt er diese alberne Kino-Platzanweiser-Uniform nicht. Ich meine, er zieht sich cool an, wie ein Surfer, wenn er nicht gerade in der Uniform steckt.« Sie ließ das Handy sinken. »Wir arbeiten beide im Mayfield Four Movie Theater. Waren Sie schon mal dort?«
Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal im Kino war. Briggs hatte es schon ein paar Mal vorgeschlagen, aber wir konnten uns dann nie auf einen Film einigen. »Ich habe schon lange keinen Film mehr gesehen«, gestand ich. »Aber bei dieser Hitzewelle ist das bestimmt ein toller Ort, um ein paar Stunden zu verbringen.«
»Auf jeden Fall.« Trinity schwang ihre sonnengebräunten Beine hin und her. »Vor allem, weil wir die beste Slush-Maschine weit und breit haben. Wir haben auch gerade eine neue Geschmacksrichtung ins Sortiment aufgenommen. Zitrone-Limette. Es ist super lecker.«
»Hmm, Zitrone-Limette klingt gut.« Ich wandte meine Aufmerksamkeit ihrer Schwester zu. Sie machte immer noch Fotos. »Ich muss mal im Kinoprogramm nachsehen, ob da etwas für meinen Freund …« Ich hielt inne. Plötzlich wurde mir klar, dass ich Briggs noch nie meinen Freund genannt hatte. Es klang seltsam in meinen Ohren.
Trinitys Lachen riss mich aus meinen Gedanken. »Ich weiß, was Sie meinen. Justin und ich können uns nie für einen Film entscheiden. Ich mag Horrorfilme und er mag Superheldenfilme.«
»Aber ich wette, Sie können sie alle kostenlos anschauen, sodass Sie sich alles ansehen können, was Sie wollen.«
Sie schüttelte den Kopf und ihr langer Pony fiel über ihre Augen. Sie wischte ihn beiseite. »Schön wär’s. Unser Chef, Mr. Samuels, ist soo geizig. Er gibt uns nur zehn Prozent Rabatt auf die Snackbar. Selbst dann beobachtet er uns ganz genau, um sicherzugehen, dass wir nicht zu viel essen oder trinken. Wir können Filme nur dann umsonst sehen, wenn wir reingehen und ein paar freche Kinder zur Ruhe bringen oder jemanden bitten müssen, nicht mehr mit Popcorn auf die Leinwand zu werfen.«
»Wie schade. Man sollte meinen, dass ein kostenloser Kinobesuch oder zumindest eine kostenlose Packung Lakritz zu den Vergünstigungen dieses Jobs gehören sollte.«
»In Ordnung.« Jazmin legte endlich ihr Handy ab. »Der gefällt mir wirklich gut.« Sie zeigte auf den Strauß mit rosa Pfingstrosen und gelben Butterblumen.
»Super. Butterblumen sind um diese Jahreszeit schwer zu finden, aber ich bin mir sicher, dass ich welche auftreiben kann. Sie könnten jedoch etwas teurer sein.«
Jazmin winkte beim Thema Geld ab. »Daddy hat gesagt, ich kann mir aussuchen, was ich will.«
Trinity schnalzte mit der Zunge und hüpfte vom Hocker. »Oh Mann. Ich bitte um ein neues Handy, und er bekommt einen Wutanfall.« Sie schlenderte durch den Raum zu der Arbeitsfläche, an der Ryder Blumen für Sträuße schnitt. Die Gesellschaft schien ihm nichts auszumachen. Anscheinend gab es nichts Besseres als ein süßes Mädchen, um sich von Beziehungsproblemen abzulenken.
Jazmin nahm den Blumenstrauß in die Hand und schwenkte ihn in der Luft. Sie war eine sehr gewissenhafte Blumenkäuferin. Der Tanzauftritt weckte das Interesse ihrer Schwester. Trinitys Kichern erfüllte den Laden. »Willst du so zum Altar gehen?« Sie stemmte eine Hand in die Hüfte und führte einen übertriebenen Brautgang durch den Laden, wobei sie ihren unsichtbaren Blumenstrauß hin und her schwenkte.
Jazmin ignorierte die Possen ihrer Schwester. »Ich frage mich, ob er nicht ein bisschen schwer ist.«
»Ich könnte das Arrangement etwas auflockern, indem ich mehr Grün einfüge und einige der Pfingstrosen weglasse.«
Sie bewegte nachdenklich die Lippen hin und her. »Nein, ich glaube, vielleicht weniger gelbe Blumen. Ich möchte, dass die Pfingstrosen der Star der Show bleiben.« Sie lachte leise und deutete auf sich selbst. »Abgesehen von der Braut natürlich.«
»Natürlich. Und Sie werden eine sehr schöne Braut sein.«
Mein Kommentar entlockte Trinity, die sich zu uns gesellt hatte, ein spöttisches Schnauben.
Ich ging um die Arbeitsinsel herum zur Rückseite und holte mein Bestellbuch heraus. »Super. Ich werde die Pfingstrosen für Ihren Strauß bei zehn belassen und die gelben Butterblumen auf vier reduzieren. Wie viele Brautjungfern wird es geben?«
»Das weiß sie nicht, weil sich ihre beiden besten Freundinnen um den Platz als Trauzeugin gestritten haben«, erklärte Trinity mit einem Hauch von Spott. »Fänden Sie es nicht richtig, dass ihre einzige Schwester die Trauzeugin sein sollte?«, fragte sie mich.
Jazmin stieß ihr den Ellenbogen in die Seite. »Nein, das ist nicht richtig. Aber es stimmt. Ich habe zwei beste Freundinnen, und die Entscheidung fällt mir schwer. Aber insgesamt werden es sechs sein, einschließlich der kleinen Schwester, bei der meine Eltern darauf bestanden hatten, dass sie zur Brautgesellschaft gehören müsse –« Jazmin warf Trinity einen finsteren Blick zu.
Trinity nahm einen der Blumensträuße in die Hand und strich mit den Fingern über die zarten Blütenblätter. »Sie macht sich nur Sorgen, dass ich sie an ihrem Hochzeitstag überstrahlen werde.«
Jazmin nahm Trinity den Blumenstrauß aus der Hand und stellte ihn auf die Theke. »Warum unterhältst du dich nicht mit dem Vogel, während wir die Bestellung fertig machen?«
Trinitys Handy vibrierte. »Das ist vermutlich Justin. Er ist wegen dem schrecklichen Mr. Samuels auf der Suche nach einem neuen Job«, sagte sie, an niemanden Bestimmten gerichtet.
Jazmin seufzte erleichtert, als ihre Schwester mit dem Handy wegging. »Teenager halten sich immer für so was von wichtig. Ich glaube nicht, dass ich mich je so verhalten habe wie sie.«
Ich lächelte und warf einen Blick quer durch den Laden zu Trinity. Sie wippte auf den Fersen hin und her, während sie auf ihrem Handy eine SMS schrieb. »Ich glaube, ich habe mich ganz ähnlich verhalten wie Ihre Schwester. Sie ist lustig, aber ich bin ja nicht ihre große Schwester. Ich bin mir sicher, dass ich unter diesen Umständen anders denken würde.« Ich fuhr mit der Bestellung fort. Die Hochzeit fand im Frühherbst statt, daher musste ich mich sofort bei meinem Lieferanten melden, um meine Bestellung aufzugeben. Keine der beiden Blumen war zu dieser Jahreszeit leicht zu bekommen, aber ich hatte mich mit einer Reihe von Gewächshauslieferanten zusammengetan, die mir praktisch jede Blume besorgen konnten, die ich wollte. Auch im Herbst und Winter.
Trinitys Sandalen klatschten niedergeschlagen auf den Boden. »Der arme Justin hat den Job im Lager nicht bekommen. Sie wollten jemanden mit Erfahrung.«
»Schade, dass Surfen nicht gerade als berufliche Qualifikation zählt«, spottete Jazmin, bevor sie wegging, um einen Anruf anzunehmen.
»Nur weil Bradley ein Computerfreak ist, heißt das noch lange nicht, dass ich mich nicht mit jemandem verabreden kann, der cool ist«, sagte Trinity zu ihrer Schwester, die ihr den Rücken zukehrte. Sie kletterte wieder auf den Hocker, stützte die Ellbogen auf die Kücheninsel und das Kinn auf die Hände. »Ich schätze, er muss wohl weiterhin im Kino arbeiten. Mr. Samuels hasst Justin wirklich. Er brüllt ihn wegen allem an«, fuhr Trinity mit ihrem Monolog fort. Ich nickte höflich, konzentrierte mich aber darauf, die Bestellung aufzuschreiben. Plötzlich schlug sie mit der Hand auf die Theke, was mich so erschreckte, dass mir ein Fehler unterlief. Ich strich die Neun durch, die eigentlich eine Sechs hätte sein sollen.
»Tut mir leid«, entschuldigte sich Trinity. »Aber ich wollte Ihnen nur Bescheid geben, dass ein Vintage-Filmabend stattfindet. Morgen Abend um sieben. Wir zeigen Casablanca. Ich habe ihn noch nie gesehen, aber ich habe gehört, dass es einer dieser coolen alten Schwarz-Weiß-Filme ist.«
»›Schau mir in die Augen, Kleines‹«, murmelte ich abwesend.
Trinity blinzelte mich an. »Hä?«
»Oh, das ist aus dem Film. Es ist ein Klassiker. Und dieser Satz ist wahrscheinlich das berühmteste Filmzitat aller Zeiten.« Ich hielt inne und klopfte mit meinem Stift auf den Bestellblock. »Sagten Sie, es fängt um sieben an?«
Sie richtete sich auf, begeistert darüber, dass sie mein Interesse geweckt hatte. »Sally Applegate, die stellvertretende Geschäftsführerin, organisiert coole Veranstaltungen wie diesen Vintage-Filmabend. Sie macht einen tollen Job. Man sollte meinen, Mr. Samuels würde ihr auf die Schulter klopfen und ihr ein Lob aussprechen oder ihr zumindest für ihren Einsatz etwas zu trinken spendieren, aber nein. Er ist so geizig und gemein, wie es nur geht.«
»Er klingt wirklich nach einem schrecklichen Chef.«
»Glauben Sie, Sie kommen? Fragen Sie Ihren Freund. Im Kino ist es schön kühl, und vergessen Sie nicht, den Zitronen-Limetten-Slush zu probieren.«
»Eigentlich klingt das ja ganz lustig. Danke, dass Sie mir Bescheid gesagt haben.«