1. Kapitel
Montag, 19. März
„Euer neuer Rennfahrer ist angeblich richtig gut“, stellte Bernard fest.
Elaisa reagierte nicht.
Er überlegte, ob er seine beste Freundin an der Schulter schütteln sollte. Gerade saß sie an dem Schreibtisch in seiner Wohnung, den sie für sich beschlagnahmt hatte, und konzentrierte sich auf irgendwelche Berichte statt auf sein Geheimnis, das er ihr dringend verraten wollte. Warum arbeitete Elaisa überhaupt? Er hatte sie eingeladen, damit er sich in Ruhe mit ihr unterhalten konnte. In den letzten Wochen schien sie jedoch von ihrem Job regelrecht besessen. Dafür hatte sie wahrscheinlich Lob verdient. Vielleicht würde er sie später noch weiter anfeuern. Im Augenblick wünschte er sich allerdings die alte Elaisa zurück. Die hätte längst mit einem Glas Sekt und genau dem richtigen Maß an Aufregung und Neugier neben ihm auf der Couch gesessen.
„Hast du mich gehört?“, fragte er ungehalten.
Sie brummte als Antwort irgendetwas Unverständliches. Mit zusammengekniffenen Augen beugte sie sich näher an den Bildschirm heran. Ob sie mit einem Mal dermaßen fasziniert von Zahlen war?
„Auf jeden Fall habt ihr noch nie so einen heißen Typen hinter dem Lenkrad sitzen gehabt“, plapperte Bernard weiter. Auch auf diese Behauptung erhielt er keine zufriedenstellende Reaktion.
Bernard umkreiste den Schreibtisch und überlegte, den Laptop zuzuklappen, auf dem Elaisa anscheinend immer noch versuchte, fleißig zu arbeiten. Hatte sie nicht verstanden, dass er mit ihr reden wollte? Dringend. Er wollte loswerden, was ihm schon viel zu lange im Kopf herumspukte. Sein Geheimnis war auch eine echte Bombe. Bestimmt wäre seine beste Freundin darüber genauso aus dem Häuschen wie er.
Ungeduldig strich er sich eine Strähne seines blonden Haares nach hinten und ärgerte sich, dass seine Frisur heute so gar keinen Halt hatte. Selbst der Lidstrich entsprach nicht seinen hohen Anforderungen an seine Schminkskills. Seine Hand hatte einfach zu sehr gezittert. Und der schwarze Lack auf seinen Fingernägeln blätterte ab, weil er seit seinem Beschluss, seine beste Freundin endlich einzuweihen, darauf herumgekaut hatte.
Das, was an diesem einen Abend zwischen ihm und Yannik passiert war, konnte er einfach nicht ignorieren. Dabei wusste er selbst, wie verrückt das war. Er hatte überlegt, die Handynummer des Rennfahrers rauszubekommen und ihn anzurufen. Hin und wieder zog er sogar in Betracht, Yannik um ein Date zu bitten. Was für eine seltsame Idee! Man könnte meinen, er würde etwas für das neue Mitglied bei Amber Heart Racing empfinden. Dabei war ihm dieser Fehler schon seit Ewigkeiten nicht mehr unterlaufen.
Er brauchte die Unterstützung seiner besten Freundin. Nachdem er so lange darüber gebrütet hatte, musste er endlich reden und sich klar werden, was diese seltsamen Gedanken in seinem Kopf zu suchen hatten. Aber dazu musste es ihm gelingen, Elaisa von ihrem dämlichen Laptop wegzulocken.
„Elaisa, wir müssen uns unterhalten“, maulte er.
„Worüber?“, erkundigte sich Elaisa. Ihre Stimme klang abwesend.
„Über Yannik Hoffmann.“
Weiterhin blickte sie nicht auf. „Seit wann interessierst du dich für Rennsport? Bislang war dir die Formel 1 total egal.“
Frustriert rollte er mit den Augen. „Mir geht es nicht um die Formel 1 an sich. Meine Neugier beschränkt sich auf euren Fahrer.“
„Ach so, du hast recht. Der Kerl ist eine Diskussion wert.“ Sie tippte auf der Tastatur herum. „Das Ganze fühlt sich total seltsam für mich an. Yanniks Ex ist jetzt offiziell mit meinem Vater zusammen.“
Er betete um Geduld. „Eine Stellungnahme war gar nicht notwendig. Mit dem Foto von ihrem heißen Kuss auf dem Hotelgang haben sie allen gezeigt, was sie füreinander empfinden.“
„Sich beim Rummachen von einem Journalisten beobachten zu lassen, war ein dämlicher Fehler. Das ist unangenehm für alle, dass man sie erwischt hat.“
So sehr er seine beste Freundin auch liebte, konnte er die Tatsache nicht ignorieren, dass sie früher viel Schlimmeres angestellt hatte. „Ich glaube nicht, dass ausgerechnet du dir erlauben darfst, sie zu verurteilen. Manchmal kann man nicht beeinflussen, welches Bild die Welt von einem hat. Die Erfahrung hast du doch auch schon gemacht.“
Mit gerunzelter Stirn erwiderte sie endlich seinen Blick. „Wenn man sich so leichtfertig aufführt, darf man sich nicht wundern. Es fühlt sich an, als interessiere sich die ganze Welt für unsere Familie. Klar darf mein Dad trotz seines Alters noch Spaß haben. Langsam gewöhne ich mich an den Gedanken von meinem Vater mit einer neuen Frau. Aber muss sie unbedingt jünger sein als ich?“
Bernard baute sich neben ihr auf und stemmte die Arme in die Hüften. „Du bist wirklich ein armes Ding. Gestraft mit einem glücklich verliebten Papa, der dich doch trotzdem nach Strich und Faden verwöhnt und alles für dich tun würde. Dein Leben muss schrecklich sein.“
„Versprüh deine schlechte Laune woanders und lass mich arbeiten“, bat Elaisa ärgerlich.
„Das geht nicht. Erst mal muss ich dir ein Geheimnis anvertrauen. Es ist wichtig.“
Seine beste Freundin seufzte und drehte sich endlich auf ihrem Stuhl von ihrem Laptop weg. „Du hast meine Aufmerksamkeit. Also was ist los?“
Wurde auch langsam Zeit. „Ich habe ihn geküsst“, platzte er einfach heraus. Mit seiner Geduld war es zu Ende.
Verwirrung huschte über ihr Gesicht. „Wen? Meinen Vater?“
Als ob! Obwohl Johann Gruber gar nicht schlecht aussah. „Na, Yannik.“
Trocken lachte Elaisa. „Ja, klar. Dieser Frauenschwarm lässt sich von dir abknutschen. Und in einem Jahr bin ich verheiratet und kriege mein erstes Kind.“
„Da gratuliere ich schon mal.“ Bernard grinste zufrieden. Dieses Spielchen würden sie weiterspielen. „Ich wollte schon lange Onkel werden. Du musst mich unbedingt zum Taufpaten machen.“
Sie verdrehte die Augen. „Du bist so doof. Als würde ich eine gute Mutter abgeben! Das Kind, das es mit mir aushalten müsste, hätte jahrelange Therapie vor sich.“
„Wirklich schade. Vielleicht berichtigst du ja deine Meinung noch mal. Jedenfalls ändert das nichts daran, dass ich mit Yannik Hoffmann geknutscht habe.“
Verunsicherung zeigte sich im Blick seiner Freundin. „Ein Scherz, oder?“
Langsam schüttelte er den Kopf. „Wohl kaum.“
„Du nimmst mich doch auf den Arm.“ Sie runzelte ihre Stirn. „Versuchst du mich reinzulegen? Bist du sauer, weil ich weniger Zeit für dich habe, seit ich mit Marc zusammen bin?“
Er unterdrückte ein Seufzen. Sie war wirklich unverbesserlich. Auch wenn sie sich in den letzten Monaten sehr geändert hatte, glaubte sie immer noch, die Welt würde sich ausschließlich um sie drehen. „Wenn ich dich verarschen wollte, hätte ich einen anderen Weg gewählt.“
Misstrauisch musterte sie ihn. „Ich verstehe es einfach nicht. Hast du dich betrunken an ihn rangeschmissen? Wann habt ihr euch denn angeblich kennengelernt?“
„An dem Abend, als du diese Wohltätigkeitsgala hattest“, erzählte er. „Ich war ein wenig angetrunken.“
„Das ist doch schon Ewigkeiten her. Würde deine Geschichte der Wahrheit entsprechen, hättest du mir das schon längst auf die Nase gebunden. Apropos Nase. Die Gala war kurz nach deiner Nasen-OP? Du solltest doch parallel zu den Schmerzmitteln nichts trinken.“ Während sie ihn tadelte, schenkte sie ihrem Laptop zum Glück keinen Blick mehr. Offensichtlich war sie jetzt wirklich neugierig, denn sie klappte das Gerät sogar zu. „Vermutlich hat die Mischung von Alkohol und Medikamenten deine Fantasie verrücktspielen lassen. Du hast dir das wahrscheinlich nur eingebildet.“
„Die Drinks haben mich vielleicht etwas lockerer gemacht.“ Er musste lächeln, als er daran dachte, wie aufgekratzt er gewesen war. Um ihm dieses Hochgefühl zu schenken, hatte die Anwesenheit von Yannik allerdings vollkommen ausgereicht. „Meine Erinnerung mag ein wenig verschwommen sein, passiert ist dieser Kuss allerdings tatsächlich. So etwas unerwartet Großartiges hätte sich mein Verstand niemals ausgedacht.“
Missbilligend schüttelte sie den Kopf. „Kein Wunder, dass bei so was Blödsinn rauskommt und du sexy Heterokerle anbaggerst.“
Wenn sie wüsste! „Das muss jetzt unter uns bleiben, Elaisa. Ernsthaft. Aber … versprich mir, dass du niemandem etwas von dem verrätst, was ich dir gleich sage.“
Sie nickte. „Klar. Und jetzt raus damit.“
Bernard spürte, wie sich sein Grinsen von ganz alleine vertiefte. Es war die Hölle gewesen, die Details so lange für sich zu behalten. Bei diesem Kuss hatte es sich um das aufregendste Erlebnis in diesem Jahr gehandelt, aber er hatte nicht gewagt, es ihr zu erzählen, weil er wusste, was das für Yanniks Leben bedeuten konnte. Doch jetzt musste es endlich raus! „Ich habe ihn geküsst, als wir auf dem Heimweg waren. Es hat irgendwie total gut gepasst. Wir haben uns unterhalten und sofort eine gemeinsame Wellenlänge gefunden. Die Schwingungen, die von ihm ausgegangen sind, waren nicht ganz eindeutig. Also habe ich einfach mein Glück versucht.“
„Und dann hat er dir gleich eine geknallt“, schlussfolgerte Elaisa.
Lächelnd schüttelte er den Kopf. „Falsch. Er hat meinen Kuss nicht unbedingt erwidert, aber er hat mich auch nicht angeekelt weggeschupst.“
Ihre Augen wurden groß. „Nein!“
„Doch! Soll er ruhig den Frauenschwarm spielen. Ich weiß jetzt, dass er zumindest bi ist.“
„Muss er doch, schließlich war er jahrelang mit Miriam zusammen“, erinnerte sie ihn.
Er zuckte mit den Schultern. „Es soll Männer geben, die sich ihr ganzes Leben nicht eingestehen, dass sie sich nach etwas anderem sehnen. Die Zeit hat jedenfalls für mich stillgestanden, deshalb kann ich keine genauen Angaben machen. Aber ein paar Sekunden lang war da etwas zwischen uns.“
Seine Freundin wirkte verblüfft. Ungläubig starrte sie ihn an. „Wie außergewöhnlich!“
„Finde ich nicht“, meinte er achselzuckend. „Viele Männer wären durchaus neugierig auf neue Erfahrungen. Die wenigsten gestehen sich das allerdings ein.“
„Davon spreche ich nicht. Du hast gesagt, die Zeit stand für dich still. Ich hätte das niemals erwartet. Aber du klingst ja richtig …“, sie suchte nach den passenden Worten, „… verliebt. Mein Einfluss auf dich ist ja noch größer, als ich gedacht habe.“
Bernard verlor sein freches Grinsen. „Was redest du denn da für einen Blödsinn? Verliebt? So was Dämliches passiert doch nur dir. Ich bin vor solchen Albernheiten gefeit. Spaß ist erst mal meine Devise. Nach einem Vier-Komma-fünf-Sekunden-Kuss verliere ich mein Herz doch nicht an einen Kerl, über den ich überhaupt nichts weiß!“
„Manchmal braucht es nicht mehr als vier Komma fünf Sekunden, um zu wissen, ob man auf jemanden steht oder nicht. Das siehst du doch wie ich.“
„Möglich“, gab er zu. „Meistens kann ich dir nach dem ersten Blick sagen, welche Art von Mensch ich vor mir habe. Ich weiß sofort, ob ich mit einem Kerl ins Bett will oder nicht. Das dauert keine vier Komma fünfeinhalb Sekunden.“
Jetzt war es an ihr, ein freches Grinsen aufzusetzen. „Da stimme ich dir zu. Übrigens freue ich mich, dass du dein Zeitgefühl wiedergefunden hast.“
Ob es nicht angenehmer gewesen war, als sie noch schockiert die Augen aufgerissen hatte? „Die vier Komma fünfeinhalb Sekunden waren ein Scherz. Ich will damit nicht sagen, dass ich auf die Uhr geblickt oder die Zeit mitgezählt hätte“, erklärte er. „Dreh mir daraus keinen Strick.“
Elaisa stand auf und trat mit einem breiten Lächeln zu ihm. Sie legte ihm einen Arm um die Schulter und setzte einen mütterlichen Gesichtsausdruck auf. „Ich unterstütze dich, egal was du anstellst oder in welche Schwierigkeiten du gerätst. Wir sind ein Team und bewältigen gemeinsam jedes Problem. Du bist beinahe wie ein Bruder für mich. Ich werde dich vor allem beschützen und weiß, du bist dazu auch bereit. So war es schon immer und so wird es auch immer sein.“
„Du als meine Schwester? Eine schreckliche Vorstellung.“
Sie knuffte ihn gegen die Schulter. „Sag mir eine passendere Bezeichnung.“
Sekundenlang schwieg er. Schließlich stimmte er ihr mit einem Nicken zu. Er hatte sich ja wirklich angestrengt, aber der Intensität ihrer Beziehung wurde keine andere Umschreibung gerecht. „Okay. Du bist meine Soulsister“, gab er zu. „Ohne dich wäre ich verloren.“
„Ich kann gar nicht glauben, dass du dein Geheimnis so lange vor mir verborgen hast. So zurückhaltend kenne ich dich gar nicht.“
„Hast du Hunger? Ich brauche jetzt dringend was zu essen“, lenkte er ab. So gerne er über sich selbst redete, das Thema machte ihn hungrig. Normal war das nicht. Vielleicht sollte er sich deswegen mit einem Psychologen unterhalten.
Seine beste Freundin - nein, Soulsister - lachte auf. „Bis zum Abendessen ist noch etwas Zeit. Ich sollte mich zurückhalten. Seit ich mit Marc zusammen bin, habe ich schon zwei Kilo zugenommen.“
Er rollte mit den Augen. „Sieht man dir schon in deinem Gesicht an. Ich erkenne den Ansatz eines Doppelkinns.“
„Wirklich?“ Ihre Stimme überschlug sich. Sie lief in Bernards Vorraum, wo sich ein großer Spiegel befand.
Amüsiert folgte er ihr und beobachtete, wie sie den Hals streckte und die Kinnlinie mit den Fingern nachstrich. Mit einer gehobenen Augenbraue stellte er sich neben sie. „Deine Bäckchen sind auch runder geworden.“
Ihre Augen wurden schmal, während sie ihren Kopf weiterhin vor dem Spiegel drehte. „Machst du dich schon wieder über mich lustig?“
„Warum schon wieder?“ Sein rechter Mundwinkel zuckte, ohne dass er sich daran hindern konnte.
Elaisa sandte ihm einen bösen Blick, hängte sich bei ihm ein und zog ihn Richtung Küche. „Noch bin ich nicht davon überzeugt, dass du dir die Sache mit Yannik nicht nur ausgedacht hast.“
Empört schnappte er nach Luft. „Ich bin kein Lügner!“
Ohne auf seinen Einwurf einzugehen, ging Elaisa zu den Schränken seiner Küche und kramte darin herum. Sie fand eine Packung Sandwichscheiben, strich Butter darauf. Danach belegte sie sie mit Wurst und Käse.
„Was hast du denn jetzt mit Yannik vor?“, fragte sie, während sie mit Messer und Sandwich hantierte.
„Mir muss es irgendwie gelingen, die Erinnerung an diesen Abend …“ Und an diesen umwerfenden Kuss! „… zur Gänze zu verdrängen.“
„Blödsinn! Wie willst du das denn vergessen? In den letzten Wochen hast du das ja auch nicht geschafft.“ Sie räumte die Sachen weg und holte weitere Zutaten hervor. Salat und Mayonnaise wurden auf dem Sandwich verteilt.
Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte er sich neben sie an die Arbeitsplatte. „Was bleibt mir anderes übrig?“
Nach einem schnellen Seitenblick in seine Richtung arbeitete sie weiter. „Habt ihr seitdem miteinander gesprochen?“
Traurig schüttelte er den Kopf. „Ich hatte keine Gelegenheit, ihn wiederzusehen.“
„Würdest du denn gerne?“
„Keine Ahnung. Was soll es bringen?“ Auch wenn er immer wieder davon träumte, Yannik noch einmal zu treffen, war das reine Fantasie, die nichts mit der Realität zu tun hatte. Selbst wenn der Rennfahrer schwul sein sollte, wäre eine Affäre zwischen ihnen völlig absurd.
Sie schnaubte, schnitt das Sandwich in zwei Hälften und hielt ihm den Teller vor die Nase. „Damit ihr den Kuss wiederholen könnt.“
„Danke dir.“ Er nahm den Snack entgegen und biss davon ab. Mit vollem Mund ließ er sich jede Menge Zeit, das leckere Sandwich zu zerkauen. „Hast du gut gemacht“, sagte er nach dem Schlucken.
„Magst du ihn denn nicht noch einmal küssen?“, blieb sie hartnäckig beim gleichen Thema und lauerte auf eine Regung von ihm.
Auf diese Frage hatte er eine eindeutige Antwort. Sie hallte in seinem Kopf wider, erzeugte ein Echo, das einen mehrstimmigen Canon in seinem Inneren erklingen ließ. Aussprechen konnte er das Ja dennoch nicht.
Er zuckte mit den Schultern und biss erneut von dem Sandwich ab.
„Das reicht, damit ich die Wahrheit erkenne“, erklärte sie und griff nach der zweiten Hälfte des Snacks.
Schweigend lehnten sie nebeneinander und aßen.
Bernard wollte mit Elaisa über das sprechen, was ihn beschäftigte. Er wollte ihr sein Herz ausschütten. Doch irgendwas hielt ihn zurück. Yannik war nicht einer seiner üblichen Flirts, über die er lachend hinweggehen konnte, weil sie nichts bedeuteten. Mit den anderen Männern hatte er mehr geteilt als mit dem neuen Rennfahrer von Amber Heart Racing. Dass Yannik nicht als geouteter Mann lebte, änderte für Bernard viel. Was auch immer er täte, hätte Auswirkungen auf den Rennfahrer und das Image, das er sich aufgebaut hatte.
„Ich weiß nicht, ob er auf Männer steht oder ob er beide Geschlechter anziehend findet“, gestand er irgendwann doch. „Vielleicht war er auch nur ausschließlich höflich. Möglicherweise wollte er mich nicht beleidigen oder mir wehtun, weil ich mit dieser dämlichen Nasenschiene wie ein hilfsbedürftiger Clown gewirkt habe. Ich mache nicht den Fehler, zu viel in diesen Kuss hineinzuinterpretieren.“
„Das kannst du gerne erzählen, wem du willst. Ich kaufe dir das nicht ab.“
„Aber ich könnte recht haben“, stellte er klar.
Elaisa lachte. „Sicher. Unter Umständen hat er lediglich ein weiches Herz und Mitleid mit dir. Du wirst es nur herausfinden, wenn du dich mit ihm unterhältst. Ich höre aus deiner Stimme, dass du das sehr gerne tun würdest.“
„Ich habe weder seine Handynummer noch seine Adresse. Soll ich bei euch im Büro auftauchen und ihm zurufen, ob ihn der Kuss genauso beeindruckt hat wie mich? Oder ist es besser, wenn ich ihn gleich noch einmal abknutsche? Vor allen Leuten diesmal natürlich, damit ich ihn auch wirklich blamiere.“ Das wäre total übergriffig. So etwas würde er niemals tun. Doch die Vorstellung war verlockend. Gemeint war die Vorstellung, Yannik noch einmal zu küssen.
„Du könntest mich die Informationen rausfinden lassen“, schlug sie vor. „Soll ich dir seine Nummer von Marc besorgen?“
Was Yannik davon halten würde? Vermutlich hatte dieser Kuss für ihn nicht so viel Bedeutung wie für Bernard. „Ich weiß nicht.“
„Warum hast du mich nicht schon früher um Hilfe gebeten?“, tadelte sie. „Ich hätte dich mit zu der Feier des Rennstalls meines Vaters nehmen können. Dort hättet ihr euch unauffällig näher kennenlernen können.“
„Das habe ich mich nicht getraut“, gestand er.
Sie schüttelte den Kopf. „Wer bist du und was hast du mit meinem Bernard gemacht?“
Hitze stieg in seine Wangen. „Unsere Freundschaft … ähm, Verwandtschaft würde ich niemals ausnutzen, um Vorteile daraus zu ziehen. Das sollen die anderen tun, die sich nur mit dir anfreunden, um davon zu profitieren. Von mir hast du das nicht zu befürchten.“
Der Rempler gegen seine Schulter war nicht sonderlich fest, trotzdem zuckte er zusammen.
„Ich würde dich niemals mit diesen Speichelleckern vergleichen und schon gar nicht verwechseln“, stellte sie klar. „Außerdem willst du ja nicht die geheimen Pläne der Rennwagen von mir. Du hättest bloß gerne, dass ich dich verkupple. Ich organisiere dir die Telefonnummer natürlich. Und dann habe ich noch eine andere Idee.“
„Oje.“ Er liebte Elaisa. Aber die Pläne, die sie umzusetzen pflegte, verursachten meistens bloß großes Chaos im Leben von anderen Menschen. Sie liebte es, Leute um sie herum zu manipulieren, nur um ein wenig Abwechslung zu haben. Dass ihre Opfer das Ergebnis ausbaden mussten, verursachte ihr keine schlaflosen Nächte. Zumindest war es bis vor Kurzem so gewesen.
„Wo hast du nur deine schlechte Meinung von mir her?“, überlegte sie laut.
„Jahrelange Erfahrung.“
„Dafür sollte ich mein Angebot fast zurücknehmen.“ Sie zog eine Grimasse. „Hast du ein Glück, dass ich so gerne verkupple. Nicht dass ich bislang sonderlich erfolgreich darin gewesen wäre. Aber du liegst mir am Herzen. Das ist etwas anderes.“
In seinem Magen grummelte es. „Ich habe kein Interesse an einer Beziehung, das muss dir schon klar sein. Ich will nur ein wenig Spaß haben.“
Sie nickte, aber ihr Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass sie ihm kein Wort glaubte. „Natürlich. Du knutschst ja oft genug mit irgendwelchen Kerlen und siehst danach für Wochen keinen anderen an.“
„Ich habe seitdem nur zufällig niemanden getroffen, der mich interessiert hat“, behauptete er und spürte, wie die Hitze auf seinem Gesicht zunahm.
„Dann werden wir schnellstmöglich eine Gelegenheit suchen, bei der du deinen Traummann wiedertreffen kannst. Ich will dich nicht dein Herz versehentlich an irgendeinen anderen Kerl verlieren sehen.“
„Keine Sorge. Mein Herz bleibt, wo es ist.“ Zumindest der Teil, der nicht hin und wieder zu diesem einen Abend reiste.
Elaisas Augen begannen zu blitzen. Sie wirkte voller Begeisterung und viel zu tatendurstig. „Hast du morgen schon was vor?“
„Morgen?“, echote er etwas benommen.
„Genau. Hast du Lust, Marc und mich zu besuchen? Ich plane ganz spontan einen Abend mit Freunden.“
„Morgen?“ Es wollte irgendwie nicht in seinen Kopf.
Ein frustriertes Seufzen kam über ihre Lippen. „Klar. Wozu noch weiter Zeit vergeuden? Wenn ich dir zu viel Gelegenheit gebe, darüber nachzudenken, springst du nie über deinen Schatten und nimmst meine Hilfe an.“
Um seine Hände zu beschäftigen, räumte er den Teller in die Spülmaschine. „Aber wenn wir alle zusammenhocken, kann ich mich nicht mit ihm allein unterhalten.“
„Wir werden schon eine Möglichkeit finden“, versprach sie und lief von der Küche ins Wohnzimmer. „Am besten plane ich gleich die Details.“
Er eilte ihr nach. „Was hast du vor?“
„Noch nichts Konkretes. Erst sage ich Marc Bescheid. Dann widme ich mich bis morgen Abend dem Feinschliff meines Plans.“ Ihr Handy lag neben dem Laptop auf seinem Wohnzimmertisch. Sie steuerte darauf zu. Mit einem zufriedenen Lächeln griff sie danach und wählte eine Nummer.
„Warte doch eine Sekunde“, bat er. „Sollen wir nicht noch überlegen, ob das wirklich so eine gute Idee ist? Vielleicht sollten wir auf irgendeine andere Art versuchen-“
„Hallo Schatz.“ Elaisas Stimme klang mit einem Mal ganz weich und hell. Das war immer der Fall, wenn sie mit Marc telefonierte. „Hast du morgen Zeit?“
Ihr Freund antwortete etwas, das Bernard nicht verstand.
„Natürlich weiß ich, dass wir heute zum Essen verabredet sind. Nein … Nein, ich bin pünktlich da. Versprochen. Es ist nur so …“ Sie sandte Bernard einen schnellen Blick und biss sich auf die Unterlippe. „Ich habe mir überlegt, dass ich morgen gerne meinen Vater zum Abendessen einladen würde. Und Frederick und den anderen neuen Fahrer auch.“
Seit den Vertragsverhandlungen hatte sich Elaisa mit Yannik angefreundet. Warum tat sie jetzt plötzlich so, als hätte sie seinen Namen vergessen? Das war so was von auffällig! Marc war doch nicht auf den Kopf gefallen.
„Ja, genau“, flötete sie. „Ein gemütliches Beisammensein, das uns alle von unseren Sorgen ablenkt. Ich weiß, wie sehr du unter Stress stehst.“
Sollte Elaisa Marc nicht lieber Honig ums Maul schmieren? Ihn auf das aufmerksam zu machen, womit er gerade zu kämpfen hatte, konnte nicht die richtige Strategie sein, wenn sie ihn dazu bringen wollte, sich den Abend mit einer Horde Besucher zu versauen.
„Du bist ein Schatz“, freute sie sich lautstark und warf Bernard einen triumphierenden Blick zu. „Danke dir. Ich werde gleich noch ein wenig planen und die anderen informieren. Wir sehen uns dann später. Liebe dich.“ Bevor sie auflegte schickte sie noch ein Küsschen durch die Leitung.
„Wie schön, dass ihr inzwischen zu euren Gefühlen steht“, merkte Bernard an.
„Wenigstens einer von uns beiden Hübschen.“ Elaisa strahlte. Sein Kommentar konnte ihr offensichtlich die gute Laune nicht verderben. „Ich habe schon ewig keine geheimen Pläne mehr umgesetzt und jemanden hinters Licht geführt. Das macht mich ganz hibbelig. Du kannst dich freuen. Dein Herzschmerz ist mein erstes Projekt, dem ich mich nach meiner Karriere als Meistermanipulatorin widme.“
Innerlich rollte er mit den Augen. „Ich fühle mich geehrt. Wirklich. Was genau erwartest du jetzt von mir?“
Sie legte den Kopf schief. „Du musst morgen nur bei mir auftauchen, umwerfend aussehen und deinen Charme spielen lassen. Ein Klacks für dich, oder?“
Normalerweise würde er ihr, ohne zu zögern, zustimmen. Doch leider hatte seine Selbstsicherheit gelitten. Aus irgendeinem Grund brachte ihn dieser eine Mann völlig aus dem Gleichgewicht. Mit nicht mehr als einem Paar unglaubwürdig tiefgründiger moosgrüner Augen, einer viel zu vollen Unterlippe und irreal perfekten Wangenknochen.
„Das wird bestimmt ein toller Abend“, heuchelte er Begeisterung.
Das würde bestimmt eine riesige Katastrophe.
Eine Konfrontation vor Publikum. Ob das eine gute Idee war? Elaisa war mit Sicherheit nicht mehr zu stoppen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als dieses Treffen irgendwie durchzustehen und sich nicht völlig zum Affen zu machen.
2. Kapitel
Der Regen trommelte ein leises Lied auf die Scheibe, lief in dünnen Bächen vom Fenster der Rückbank des Taxis abwärts und ließ die Häuser von Wien verschwimmen. Yannik atmete tief durch und versank etwas in der Sitzpolsterung. Die Anspannung bei den Teambesprechungen und den Trainingseinheiten forderte ihren Tribut. So viel hing davon ab, jetzt alles zu lernen, was ihm irgendwann von Nutzen sein würde. Die Erwartungen an ihn waren groß. Doch auch er selbst setzte sich unter Druck. Er wollte diese Chance nutzen, von der so viel abhing. Ihm war klar gewesen, auf was er sich einließ, als er den Vertrag bei Amber Heart Racing unterzeichnet hatte. Und trotzdem überwältigten ihn die Eindrücke mehr als gedacht.
Während er also tagsüber fokussiert und zielgerichtet funktionierte, überrollte ihn abends die Müdigkeit. Er freute sich eigentlich auf sein Bett, wollte sich unter die Decke verkriechen und sich in seinen Träumen auf die Reise zu einem bestimmten Menschen machen. Und das, obwohl er eine Ablenkung so gut gebrauchen konnte wie einen lockeren Reifen bei einem Rennen.
Wie verrückt, dass er über diese Sache noch immer nicht hinweg war. Er war oft genug in Versuchung geführt worden. Manchmal hatte er ihr widerstanden. Manchmal hatte er sich auf ein Abenteuer eingelassen. Aber noch niemals hatte ihn ein Kuss so lange beschäftigt. Seit dem Vorfall waren Monate vergangen. Warum also wanderten seine Gedanken überhaupt zu diesem Mann? Der Kerl war der beste Freund der Tochter seines Bosses, der ganz zufällig auch der Freund seiner eigenen Ex war, die in Wirklichkeit … Zu kompliziert. Zurück zum eigentlichen Thema.
Bernard.
Was er wohl gerade machte? Dachte er hin und wieder an Yannik? Vielleicht sogar in diesem Augenblick? Ließ er diesen Abend auch ab und zu Revue passieren oder hatte er ihn bereits vergessen? Hatte ihn dieser Kuss genauso erschüttert wie Yannik?
Wenn Yannik die Augen schloss, befand er sich wieder spätabends in der Gasse, in der Bernard und er ohne ihre Begleitung gelandet waren. In Yanniks Erinnerung entstand das Bild des anderen Mannes, der in der Dunkelheit neben ihm hergegangen war. Ein Lachen auf dem Gesicht. Mit der Schiene auf seiner Nase lächerlich wirkend und dennoch selbstbewusst und anziehend. Dieses Funkeln in den unecht wirkenden blauen Augen. Die widerspenstige Strähne seines blonden zurückgekämmten Haares, die immer in sein Gesicht fiel. Der dunkle Lidstrich. Die schwarz lackierten Nägel. Die bunte enge Kleidung. Auffällig und total extrovertiert. Und dann dieser Blick, der in Yanniks Seele getaucht war, während das Lachen zwischen ihnen verhallt war.
Wenn er sich über die Lippen leckte, meinte er immer noch den Geschmack des anderen Mannes zu erahnen. Von einer Sekunde auf die nächste hatte sich der Ausdruck in Bernards Augen verändert. Der Schalk war gänzlich daraus verschwunden. Dann hatte er sich einfach langsam zu ihm gebeugt und Yannik Zeit gegeben, einem Kuss auszuweichen. Doch Yannik war nicht dazu in der Lage gewesen. Er hatte sich danach gesehnt, sich von dem anderen Mann küssen zu lassen. Bereitwillig war er Bernard entgegengekommen. Der Flashback ließ den Boden unter Yannik erzittern. Er konnte sich an jedes Detail entsinnen. Den festen Druck, mit dem sich Bernards Lippen auf Yanniks gelegt hatten. Die Zunge, die sich in seinen Mund geschoben hatte. Hände auf seinen Schultern, die nicht annähernd genug Körperkontakt darstellten. Das dringende Bedürfnis, den anderen zu packen und ihm das gemusterte Hemd auszuziehen. Die Sehnsucht, den Kuss zu vertiefen. Die Enttäuschung, als er ganz plötzlich und viel zu früh wieder geendet hatte.
Wenn Yannik die Nasenflügel weitete, glaubte er sogar noch das Parfüm von Bernard riechen zu können. Ein aufdringlicher, aber nicht unangenehmer Duft, der hervorragend …
„Hörst du mir eigentlich zu?“, beschwerte sich jemand neben ihm. „Wo bist du denn mit deinen Gedanken?“
Schuldbewusst zuckte er zusammen. Er öffnete die Augen und sah in Miriams irritiertes Gesicht. „Tut mir leid. Ich bin nur müde.“
„Wovon?“
Er lachte. „Dein Freund hält mich ordentlich auf Trapp.“
„Ich dachte, ihr würdet im Moment ausschließlich in Besprechungen sitzen. Bist du schon wieder auf der Rennstrecke unterwegs?“ Besorgnis klang in ihrer Stimme mit.
„Auch wenn ich für meinen Job regelmäßig trainieren musste, bin ich dennoch nicht in idealer Form“, gab er zu. „Die Fitnessstunden sind fordernder als bisher. Danach in einem Besprechungsraum zu sitzen, macht keinen Spaß. Ich freue mich darauf, endlich einmal ein echtes Lenkrad in der Hand halten zu können.“
Ihr Gesichtsausdruck zeigte ihm, wie wenig ihr die Vorstellung gefiel.
„Irgendwann muss ich auf die Rennstrecke“, erinnerte er sie. „Wenn die Saison im März beginnt, muss ich gewappnet sein. Es ist gefährlicher, wenig Übung zu haben, als jeden Tag schnell unterwegs zu sein.“
„Jaja, ich habe diese Erklärung schon beim ersten Mal überzeugend gefunden“, stellte sie fest. „Das ändert allerdings nichts daran, dass ich mir Sorgen um dich mache. Ich liebe dich und will dich nicht verlieren.“
„Hältst du mich für einen schlechten Fahrer?“
Trotz des düsteren Gesprächsthemas erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. „Immer noch so leicht in deiner Ehre gekränkt? Du hast es weit gebracht. In der neuen Saison bist du am Ziel deiner Träume. Das ist mir bewusst. Darum werde ich mich dir nicht in den Weg stellen. Ich unterstütze dich, wobei auch immer du mich brauchst. Es ist nur …“
„Dröhnende Motoren, überhöhte Geschwindigkeiten, hochprozentiges Testosteron“, zählte er auf. Er wusste nur zu gut, worauf sie hinauswollte. Auch er war sich der Gefahr bewusst. Das Risiko unterschätzte er niemals. Angst bestimmte dennoch nicht sein Handeln. „Es gibt ruhigere Berufe. Aber Rennfahrer in der Formel 1 ist mein Traumjob. Meine Berufung. Es war immer klar, was mein Ziel ist.“
Sie nickte. „Ich habe es seit unserer Jugend gewusst. Trotzdem fühlt es sich jetzt seltsam für mich an, weil es nun ernst wird.“
„Der Nachmittag, an dem du in dem Simulator von Florian gesessen hast, hat ganz offensichtlich einen bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen.“
„Die Fahrt in dem Spiel hat meine Sicht tatsächlich geändert“, gab sie zu. „Es war so verdammt real. Die Tatsache, wie wenig Kontrolle ich über das Fahrzeug hatte, jagte mir einen Schreck ein. Der Gedanke, dass du in einem Rennwagen sitzt, der nicht bloß von jemandem in ein Spiel programmiert worden ist, gefällt mir gar nicht.“
„Du warst bei der Erklärung des Spiels abgelenkt und hast keinerlei Erfahrung. Wenn ich in einem Rennwagen sitze, ist das Risiko viel geringer, als wenn du den Boliden fährst. Du würdest mit der Zeit auch besser werden. Aber es tut mir leid, dass ich dich dazu gezwungen habe, in den Simulator zu steigen.“
Inzwischen bereute er so vieles, zu dem er sie gedrängt hatte. Erst seit sie nicht mehr zusammenlebten, wurde ihm bewusst, wie eng er sie an sich gebunden hatte. Er hatte ihr die Luft zum Atmen abgeschnürt und sich nie gefragt, wonach sie sich wirklich sehnte. An Johanns Seite entwickelte sie sich jetzt zu einer selbstbewussten, unabhängigen Frau. Zwar nahm sie auf ihren Freund Rücksicht, aber sie stellte ihre Träume und ihre Zukunft nicht mehr in den Schatten eines anderen. Sie hatte gelernt, für sich selbst einzutreten. Yannik hatte ihr das nicht ermöglichen können. Irgendwann würde er das wiedergutmachen müssen.
Ohne eine Spur von Vorwurf in ihren Augen lehnte sie sich an ihn. „Schon okay. Du konntest ja nicht wissen, dass es sich bei mir um eine empfindliche Mimose handelt.“
Sein Herz zog sich zusammen. „Du bist keine Mimose, Miriam. So würde ich niemals von dir denken. Du bist eine starke Frau, die sich mir niemals in den Weg gestellt hat. Ich habe deine Loyalität ausgenutzt und zugelassen, dass sich unsere gemeinsame Welt immer nur um mich gedreht hat. Du hättest mehr verdient gehabt. Dafür möchte ich mich entschuldigen.“
„Die Entscheidung, dich beim Erreichen deiner Ziele zu unterstützen, habe ich alleine getroffen. Es war mein eigener Fehler, mich nicht manchmal nach meinen eigenen Wünschen zu fragen.“
„Ich war ein schrecklicher Alibi-Freund.“
Ihr leises Lachen lockerte den Knoten in seiner Brust. Mit ihrem Kopf immer noch auf seiner Schulter schickte sie ihm einen warmen Blick. „Möglich. Wir haben das Ganze einfach viel zu lange durchgezogen. Wir mussten irgendwann den Drang entwickeln, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.“
Er verzog das Gesicht. „So sehr sind wir uns zum Glück nicht auf die Nerven gegangen. Im Nachhinein muss ich dir das aber hoch anrechnen. Du warst viel zu selbstverständlich für mich.“
Sie hob den Kopf und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Dafür sind Freunde da. Ich hätte mich jederzeit beschweren können. Also noch mehr, als ich es ohnehin getan habe. Du warst für mich da, als ich dich am dringendsten gebraucht habe. Dafür werde ich dir ewig dankbar sein.“
„Meine Eltern haben dich warmherzig aufgenommen“, stellte er klar und wurde das Gefühl nicht los, überfordert zu werden. „Damit hatte ich nichts zu tun, auch wenn ich es vorgeschlagen habe. Ich hätte dich viel früher freigeben sollen.“
„Dann wäre ich aber verloren gewesen und hätte Johann nicht kennengelernt. Alles, was uns im Leben zustößt, hat einen guten Grund. Alle positiven und negativen Erlebnisse und alle Entscheidungen führen uns an einen bestimmten Ort, an den wir unbedingt gelangen sollen. Wieso glaubst du, das Schicksal betrügen zu können?“
Ihre mit Leichtigkeit vorgetragenen Worte versuchten zu verbergen, wie unglücklich Miriam in ihrer Jugend tatsächlich gewesen war. Sie glaubte daran, alle Prüfungen des Lebens würden einem bestimmten Zweck dienen.
Wenn das der Fall sein sollte, hätte Yanniks Zusammentreffen mit Bernard ebenfalls einen guten Grund. Es wäre wichtig, dass sie sich geküsst hatten. Seine Besessenheit von diesem Moment hätte seine Richtigkeit. Dieser Gedanke brachte ihn kurzfristig aus dem Gleichgewicht.
Dieser Kuss könnte vorhergesehen gewesen sein.
Bernard könnte noch eine Rolle in seinem Leben spielen.
Yannik fuhr sich mit dem Daumen über die Unterlippe, versuchte sich mit dem gleichen Druck zu streicheln, den Bernards Lippen ausgeübt hatten. Seine Augen schlossen sich flatternd. In seinem Magen entstand ein Hitzeball, als die Bilder jener Nacht auf ihn einstürmten. Mit einem leisen Stöhnen versuchte er sich von der Vorstellung zu lösen und seine Sehnsucht zu unterdrücken.
„Yannik?“
Hatte er erneut vergessen, wer mit ihm im Taxi saß? Langsam öffnete er die Augen, bereitete sich darauf vor, von Miriam auf den Arm genommen zu werden. Doch sie schien nicht zu ahnen, was in ihm vorgegangen war, denn ihr Blick wirkte besorgt.
„Hast du Schmerzen?“, fragte sie. „Übertreibst du es mit dem Training? Vielleicht solltest du mal einen Tag aussetzen?“
„Unsinn! Ich bin hartes Training gewöhnt. Aber vielleicht sollten wir das gemeinsame Abendessen ausfallen lassen. Mir ist nicht danach, mich den Fragen der Presse zu stellen, weil wir beide zusammen ausgehen.“
Miriam verdrehte die Augen. „Ist ja nicht so, als würden wir in einem romantischen Restaurant Händchen halten. Mir geht die Neugier dieser Leute total auf den Kecks. Es hat sie nicht zu interessieren, mit wem einer von uns seine Freizeit verbringt. Nur weil sie unsere Freundschaft nicht verstehen, müssen sie uns doch nicht ständig darauf ansprechen.“
Ihr Missfallen verstand er, doch die Situation war weit komplizierter. „Sollten sie herausfinden, dass ich schwul bin, wäre der Pressewirbel noch größer.“
„Die Tatsache, dass wir unsere Beziehung gefakt haben, könnte man uns vielleicht vorhalten. Aber es sollte keinen Unterschied machen, ob du auf Frauen oder Männer stehst.“
Darüber wollte Yannik sich keine Gedanken machen. Er griff nach Miriams Hand und drückte sie. „Tut mir leid, Miriam. Können wir vielleicht in meine Wohnung fahren und uns etwas zu essen kommen lassen?“
Obwohl sie nickte, sah er ihr an der Nasenspitze an, wie enttäuscht sie war. Er beugte sich vor und teilte dem Taxifahrer die Änderung der Zieladresse mit. Dann ließ er sich wieder in die Sitzpolster fallen.
„Ich verspreche dir, wir holen das nach. Heute bin ich einfach zu kaputt. Ich sollte früh ins Bett. In den letzten Nächten habe ich nicht sonderlich gut geschlafen.“
Die Enttäuschung in ihrem Blick wurde zu Besorgnis. „Du wirst doch nicht krank? Vielleicht fühlst du dich deshalb nicht so fit.“
Rasch schüttelte er den Kopf. „Nein. Daran liegt es nicht. Ich mache mir bloß zu viele Gedanken.“ In dem Moment, in dem er die Worte ausgesprochen hatte, wusste er, dass er sie bereuen würde.
„Was beschäftigt dich?“
Er zuckte mit den Schultern. „Dies und das.“
„Lange hast du dieses Problem noch nicht“, grübelte sie laut weiter. „Du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert. Möglicherweise war es ein Fehler, zu Johann zu ziehen. Ich könnte mich in deinem Gästezimmer einquartieren und ein wenig auf dich achten.“
Trocken lachte er auf. „Willst du der Presse unbedingt etwas zu tun geben?“
Ihre Miene wurde finster. „Die ist mir egal. Wenn du möchtest, kann ich gleich morgen …“
„Stopp, Miriam. Du hast jetzt dein eigenes Leben. Du hast dir verdient, an dich selbst zu denken und deine eigenen Träume zu verfolgen. Ich wäre ein schlechter Freund, sollte ich dir das wegnehmen. Wenn du also noch einmal so einen Blödsinn vorschlägst, leg ich dich übers Knie.“
„Aber …“
„Stopp“, wiederholte er. „Ich erzähle dem Boss, was du planst, wenn du das Thema nicht sofort fallen lässt. Er weiß bestimmt, wie er dafür sorgen kann, dass du der Pressemeute nicht noch mehr Futter in den Rachen wirfst, nur weil du glaubst, meine Mutter spielen zu müssen.“
Miriam klappte der Unterkiefer runter. Sie starrte ihn an. „Bist du fies.“
„Ich bin müde“, korrigierte er. „Und ich möchte nicht mehr über etwas diskutieren, das keinen weiteren Kommentar verdient hat.“
„Fühlst du dich manchmal einsam? Wir haben so viele Jahre zusammengelebt, höchstens ein paar Tage ohne den anderen verbracht. Bestimmt ist es seltsam für dich, in eine stille Wohnung zu kommen.“
„Schließe nicht von dir auf mich“, versetzte er abweisend.
Miriams Hand lag immer noch in seiner. Nun drückte sie seine Finger. „Muss ich nicht. Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, kann ich zu Johann gehen. Ich habe jemanden, der für mich da ist. An wen kannst du dich wenden?“
Die Antwort war bitter. An niemanden. Seine Wohnung war riesig, viel zu weitläufig, ohne jeglichen Schnickschnack oder Erinnerungen an ein gemeinsames Leben mit einem anderen Menschen außer Miriam. Ihre gemeinsamen Fotos hatte er nach ihrem Auszug stark reduziert, um bei Besuchern keinen falschen Eindruck zu hinterlassen. In seiner Wohnung konnte er sich nicht verstecken vor dem, was er sich immer schon gewünscht hatte. Die leeren Wände brüllten ihn förmlich an und wollten mit Bildern von Liebe gefüllt werden.
Natürlich konnte er Miriam jederzeit kontaktieren. Daran musste sie ihn nicht erinnern. Ihm war bloß bewusst, dass das nicht genug war. Er wollte jemanden an seiner Seite. Nicht eine Freundin, mit der er über alles quatschen konnte und die ihn kannte wie ihre eigene Westentasche. Nein, jemanden, an den er sich abends schmiegen konnte. Jemanden, dem er etwas bedeutete, mit dem er Lachen, Traurigkeit, Leidenschaft und Zuneigung teilen konnte.
Wie undankbar von ihm! Er hatte so viel erreicht, für das er dankbar war. Die einzigartige Chance, die sich ihm bei Amber Heart Racing bot, würde er sich nicht versauen, nur weil sich ein Teil von ihm danach sehnte, eine Beziehung zu führen. Kurze Ablenkungen würden ihm genügen müssen. Mit ein wenig vorsichtiger Recherche würde er bestimmt Lokale ausfindig machen, in denen ihm schnelle anonyme Nummern geboten würden. Nichtssagende und wenig befriedigende One-Night-Stands waren alles, was im Augenblick möglich war. Es kam nicht infrage, dass er sich verliebte. Das würde er sich für die Zeit nach seiner Rennfahrerkarriere aufheben. Und scheiß auf die Stimme, die ihm zuflüsterte, dass es bis dahin noch verdammt lange dauern könnte. Das war es, was er wollte.
„Ich freue mich, dass du jemanden gefunden hast“, sagte er, ohne Miriams Frage direkt zu beantworten. „Der Boss ist ein großartiger Mann. Ihr gebt ein schönes Paar ab. Ich verstehe, dass du das Bedürfnis hast, jetzt auch mich zu verkuppeln. Aber das musst du dir aus dem Kopf schlagen.“
„Hast du Bernard wiedergesehen?“
Er biss die Zähne so fest aufeinander, dass es knirschte. „Über ihn will ich nicht sprechen.“
„Tu nicht so, als würde er dir nicht im Kopf herumspuken. Jedes Mal, wenn das Gespräch auf ihn kommt, wirst du aggressiv. Deutlicher könntest du mir gar nicht sagen, dass er dir nicht egal ist.“ Tadelnd hob sie eine Augenbraue.
„Komm schon. Wird dir das nicht irgendwann zu langweilig?“
Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Nö, ich mische mich furchtbar gern in dein Leben ein.“
„Das merke ich.“
„Du hast dich zu ihm hingezogen gefühlt“, behauptete sie. „Warum gibst du das nicht zu und versuchst ihn besser kennenzulernen?“
„Ich habe Wichtigeres, um das ich mich kümmern muss. Ich habe keine Zeit, um mir Gedanken über etwas zu machen, das so wenig Bedeutung hat.“ Missmutig verschränkte er die Arme vor der Brust.
„Ob Elaisa Bescheid weiß?“, überlegte Miriam laut.
Ein Hitzepfeil schoss durch seinen Magen. Das wäre ein Albtraum. Eine mittlere Katastrophe. Jeder wusste, dass diese Frau nichts für sich behalten konnte. Würde Bernard ihr von diesem Kuss erzählen, könnte alle Welt am nächsten Tag in der Zeitung lesen, dass Yannik seine Beziehung zu Miriam nur gefakt hatte. Oder man behauptete, er würde zweigleisig fahren. Auf jeden Fall wäre Yannik auf die eine oder andere Art geoutet. Jeder wüsste, dass er sich zu Männern hingezogen fühlte.
„Es ist zu hoffen, dass Bernard die Klappe gehalten hat“, murmelte er. „Inzwischen wissen auch so viel zu viele Menschen Bescheid. Wenn das meine Kollegen mitbekommen! Keiner von ihnen würde mich mehr für voll nehmen. Es gibt noch immer Menschen, die Schwulsein mit Schwäche gleichsetzen.“
„Das ist doch Unsinn. Du bist ein tougher, talentierter Mann. Mehr hat sie nicht zu interessieren.“ Miriams Stimme klang kämpferisch.
„Du hast recht. Aber das bedeutet nicht, dass der Rest der Welt das genauso sieht. Ich kann das Risiko nicht eingehen. Nicht wenn meine Karriere gerade erst Fahrt aufnimmt.“
Das Taxi hielt vor seiner Wohnung an. Yannik war froh, das Thema dadurch erst mal ruhen lassen zu können. Er bezahlte den Fahrer, stieg aus und hielt Miriam dann die Tür auf.
Gemeinsam gingen sie an dem Pförtnerhäuschen vorbei. Yannik nickte dem Mann hinter der Glasscheibe zu. Ein Leben wie in einem goldenen Käfig. Ein Wachschutz, damit die Presse ihm nicht folgen konnte. Aber solange er sich von Taxis durch Wien kutschieren ließ, war das Risiko ohnehin nicht sonderlich groß.
„Hast du Lust auf Italienisch oder Mexikanisch?“, fragte er auf dem Weg die Stufen hoch. Er öffnete die große Eingangstür, marschierte weiter und rief dann den Lift zu seiner Wohnung.
Miriam lief direkt hinter ihm her und stieg mit ihm in die Kabine. „Ich richte mich ganz nach dir. Schließlich muss ich keinen Diätplan einhalten.“
„Der erlaubt mir, auch mal über die Stränge zu schlagen. Wenn du einverstanden bist, bestelle ich was beim Italiener um die Ecke. Die Lasagne dort ist himmlisch.“
„Klar. Mach nur. Pizza geht bei mir immer.“
Yanniks Handy bimmelte. Er warf einen kurzen Blick darauf. Eine Nachricht von Marc, in der er einen Link mitschickte. Eigentlich sollte er es gar nicht beachten. An diesem Abend hatte er sich eine kleine Auszeit verdient. Zeit mit Miriam verbringen wie in alten Zeiten, das war sein Plan gewesen. Sich von irgendwelchen Nachrichten ablenken zu lassen, gehörte nicht dazu. Doch was, wenn es wichtig war?
„Lies ruhig rein“, ermunterte Miriam ihn.
„Das ist eigentlich total unhöflich, aber …“
„… was, wenn es dringend ist?“, vollendete sie seinen Satz mit einem Lachen.
„Genau.“ Sein Finger entwickelte ein Eigenleben und tippte auf die kurze grußlose Nachricht von Marc.
Sollte ich mir deswegen Sorgen machen?
Mit gerunzelter Stirn öffnete er den Link. Der führte zu einem Internetportal, in dem sich Spielefans austauschten. In dem Beitrag, um den es Marc ging, wurde eine verbesserte Version von One Car Uno erwähnt. Einer der User bot ein Programm an, bei dem es sich angeblich um die gepimpte, verfeinerte Version eines Rennteams mit Extrafunktionen und Bonusinfos handelte. Diese optimierte Spielfassung stand nur ausgewählten Teammitgliedern zur Verfügung. Yannik hatte sie erst nach Vertragsunterzeichnung dauerhaft erhalten. Niemand von den Leuten, die Zugang dazu hatten, würde das in ihn gesetzte Vertrauen missbrauchen und das Programm verkaufen. Jemand Außenstehendes musste die Spielversion geklaut haben. Doch wie sollte das ein Fremder bewerkstelligt haben?
Die CD, auf der sich das Programm befand, gab niemand freiwillig aus der Hand.
Außer vielleicht um auf einem Simulator eine Testfahrt zu machen.
Aber Yannik hatte Florian das Programm doch nicht zu seinem Gebrauch überlassen. Er war dabei gewesen, als sein alter Freund die CD eingelegt hatte. Nach dem Spielen hatte Yannik sie wieder mitgenommen. Sie war lediglich die wenigen Augenblicke von ihm unbeaufsichtigt gewesen, die der Computer zum Runterfahren gebraucht hatte.
Trotzdem bildete sich ein harter Knoten in Yanniks Magen. Florian war von der Version ganz angetan gewesen. Er hatte mehrmals versucht, Yannik dazu zu bewegen, sie ihm zu überlassen. Hatte er Yanniks Vertrauen missbraucht? Hatte er ihn hintergangen?
Nein! Nicht Florian. Nicht nach allem, was sie gemeinsam erlebt hatten. Nicht mit der Vergangenheit, die sie miteinander teilten.
Gab es eine andere Möglichkeit, wie der Nutzer an die teameigene Spielversion gelangt war? Konnte ein anderes Mitglied des Teams unvorsichtig gewesen sein? Innerlich schüttelte er über diese Hoffnung den Kopf. Niemand war so dämlich. Niemand außer ihm.
Verdammt, es war ein Fehler gewesen, Marcs CD für diese Testfahrten zu verwenden. Wenn Florian für diese Anzeige auf dem Portal zuständig war, würde das Ärger geben. Yannik trug die Verantwortung, weil es sich um seine Idee gehandelt hatte. Er hatte Marc dazu gedrängt und damit vielleicht das ganze Team in Schwierigkeiten gebracht.
Er starrte auf den Bildschirm, ohne etwas zu sehen. In ihm brodelte es. Wenn Florian ihn tatsächlich dermaßen hintergangen haben sollte, würde das nicht nur das Ende einer Freundschaft darstellen. Es wäre ein Verrat in einer nie dagewesenen Dimension. Es durfte nicht sein. Die Auswirkungen wären weitreichender als jeder andere Fehler, den er jemals begangen hatte. Übelkeit stieg in ihm auf. Alles nur nicht das.
„Schlechte Neuigkeiten?“, fragte Miriam.
Yannik sah hoch. Die Lifttüren hatten sich geöffnet. Miriam stand in der Tür, um sie am Zugleiten zu hindern. Rasch schob er sich an ihr vorbei.
„Keine Ahnung“, gab er zu und fühlte sich leer und ausgebrannt. „Ich muss etwas klären. Aber das erfordert lediglich ein Telefonat. Danach weiß ich hoffentlich mehr.“
Sobald sie seine Wohnung betreten hatten, wählte er die Nummer von Florian. Ein helles Geräusch in regelmäßigen Abständen zeigte ihm an, dass der Anruf durchgegangen war, doch niemand hob ab.
Um Miriam nicht zu beunruhigen, verschwieg er ihr seinen Verdacht gegen Florian. Sollte sein alter Freund tatsächlich hinter dem Programm stecken, das angeblich im Umlauf war, würde sie die Auswirkungen schon bald zu hören bekommen. Sie würde erkennen, dass Yannik ein ausgemachter Idiot war.
Noch mehrmals versuchte er seinen ehemaligen Kumpel ohne Erfolg zu erreichen. Und mit jedem nicht angenommenen Anruf wurde er nervöser.
3. Kapitel
Dienstag, 20. März
Nervös zupfte er am Kragen seines Hemdes und ließ seinen Blick zur Wanduhr wandern. Zum vermutlich zehnten Mal in den letzten fünf Minuten. Die Gäste ließen sich Zeit, aber zumindest hatte keiner abgesagt.
Seufzend stibitzte Bernard sich ein Häppchen vom Tablett. Wirklich lecker das Zeug. Der Hauptgang duftete auch ziemlich verlockend. Vermutlich gab es irgendwas mit unglaublich viel Fleisch und wenig Beilagen, wie Marc es gerne hatte. Natürlich hatte Elaisa das nicht selbst gezaubert. Sie wusste genau, wo ihre Stärken lagen. Die waren ganz sicher nicht in der Küche zu finden.
Als Bernard erneut die Hand ausstreckte, um nach einem der kleinen Brötchen zu greifen, schlug Elaisa ihm auf die Finger. „Die sind auch für die anderen Gäste gedacht. Lass sie in Ruhe, sonst wirkt das ganze Arrangement nicht mehr.“
„Ich dachte, dieser Abend wäre dazu da, mir ein unverfängliches Gespräch mit Yannik zu ermöglichen“, erinnerte er mit gesenkter Stimme. „Da sollte es doch keine Rolle spielen, welchen Eindruck die Gäste vom Essen haben.“
„Heute ist beides wichtig.“ Ihr strenger Blick wich nicht von ihm.
Er zog seine Hand zurück.
„Was ist denn los?“, fragte Marc. „Ärger im Paradies meiner Lieblingspfauen?“
„Du bist dämlich.“ Bernard gestand sich ein, dass ein Streitgespräch keinen sonderlich guten Anfang eines Abends darstellte, von dem er sich so viel erhoffte. Deshalb war er bereit, sich nicht weiter provozieren zu lassen.
Marc schien allerdings den Plan gefasst zu haben, Bernard auf die Palme zu bringen, denn er pöbelte ungerührt weiter. „Du hast dich heute aber ordentlich herausgeputzt. Was hast du denn noch vor?“
„Ich trage Jeans und ein Hemd. Worauf willst du hinaus?“ Bernard runzelte finster die Stirn. Er hatte die Kleidung sehr gewissenhaft ausgesucht. Er wollte bei Yannik einen guten Eindruck hinterlassen. Sollte er es dabei übertrieben haben?
„Die Hose ist so eng, ich könnte beim Vorbeigehen einen Abdruck von deinem Schlüsselbund machen. Und sollte plötzlich der Strom ausfallen, könntest du mit diesem grellgelb-orangen Hemd den Raum hier allein beleuchten.“
Bernard war bewusst, dass Marc ihn auf den Arm nehmen wollte und zweifelsohne übertrieb. Dennoch stieg plötzlich Hitze in sein Gesicht. „Ist es wirklich so schlimm?“
„Nicht wenn du auf Teufel komm raus Aufmerksamkeit erregen willst.“
„Warum sagst du denn nichts?“, wandte sich Bernard vorwurfsvoll an Elaisa. „Ich mache mich total zum Deppen und niemand weist mich darauf hin.“
„Dafür hast du mich.“ Marc sandte ihm ein freches Grinsen.
„Lass ihn reden. Er hat doch keine Ahnung“, versuchte Elaisa Bernard zu beruhigen. „Du siehst großartig aus. Die Farbe lässt deine Augen noch mehr strahlen. Deine Kleidung untermalt perfekt deinen bunten Charakter. Darauf solltest du stolz sein.“
Als es an der Tür klingelte, verließ sie den Raum.
„Gibst du endlich zu, Kontaktlinsen zu tragen?“, forderte Marc. „Niemand hat so blaue Augen. Und das in der Kombination mit deinen blonden Haaren und dem Oberteil, das scheinbar in Flammen steht! Ich kann nicht aufhören, dich anzustarren.“
Ein erstickter Laut kam über Bernards Lippen. Er konnte dieses Hemd unmöglich anlassen, wenn er damit so viel Aufmerksamkeit auf sich zog. Mit ungeschickten Fingern begann er es aufzuknöpfen. „Borg mir eines deiner Hemden, Marc. Ich flehe dich an.“
Marc schüttelte den Kopf. „Lass deines lieber an. Meine passen dir nicht.“
Bernards Nerven begannen zu flattern. „Du hast deine Klappe so weit aufgerissen und mich verunsichert. Jetzt wirst du mir gefälligst helfen, mein Erscheinungsbild zu retten.“
„Klar. Hättest du gerne eine Papiertüte für deinen Kopf? Dein Lidstrich ist heute nämlich verdammt dominant.“
Bernard biss die Zähne zusammen. Er wusste, dass Marc mit jeder Menge Probleme zu kämpfen hatte und es sich in den Kopf gesetzt hatte, sich bei jedem Treffen mit Bernard anzulegen. Doch die Begeisterung, mit der der Freund seiner besten Freundin sich in letzter Zeit über Bernard lustig machte, sollte sich bald abgenutzt haben, sonst würde Bernard ernsthaft wütend.
„Nicht heute“, fauchte er und langte beim untersten Knopf an. „Reiß dich bitte heute zusammen, Marc. Ich verspreche, dich niemals wieder um etwas zu bitten. Aber das würde mir wirklich viel bedeuten.“
In Marcs Blick trat ein Ausdruck von Neugier und vielleicht sogar schlechtem Gewissen. Sein Gesicht verfinsterte sich, dann zuckte er mit den Schultern. „Wenn es sein muss.“
„Danke. Und jetzt bring mir ein Hemd.“
„Du hast gerade versprochen, mich um nichts mehr zu bitten!“, erinnerte Marc.
„Ich bitte auch nicht darum“, stellte Bernard klar. „Ich fordere es von dir. Schließlich hast du es mit deinen Kommentaren geschafft, mir mein Hemd unleidig zu machen.“ Endlich konnte er aus dem Albtraum schlüpfen, dessen gelb-oranges Muster sich in Flammen verwandelt zu haben schien. Ob er es aus dem Fenster werfen sollte? Wo sonst konnte er es verstecken?
Marc verdrehte die Augen und verließ den Raum.
Aus dem Vorraum waren Stimmen zu hören. Bernard erkannte die von Elaisas Vater und seiner Freundin. Hoffentlich brauchten sie noch etwas länger, um ihre Jacken loszuwerden. Vielleicht war es keine gute Idee gewesen, das Hemd so vorschnell auszuziehen. Hastig stopfte Bernard es zwischen die Polster des Sofas.
Die Tür ins Wohnzimmer öffnete sich. Gruber und Miriam traten ein, direkt gefolgt von Elaisa. Nichts zu sehen von Yannik.
Erleichtert atmete Bernard auf. Es gelang ihm, Grubers überraschten Gesichtsausdruck zu ignorieren, und streckte seine Hand aus. „Guten Abend, Miriam. Freut mich, dass wir heute die Gelegenheit haben, uns besser kennenzulernen. Herr Gruber, wie laufen die Geschäfte?“
„Kann nicht klagen.“ Elaisas Dad deutete mit dem Kopf auf Bernards nackte Brust. „Ist bei dir alles in Ordnung?“
Bernard lachte nervös. „Ich habe mir leider meinen Drink über das Hemd gegossen. Marc wird mir eines von seinen borgen.“
„Es gibt Drinks?“, fragte Gruber.
„Ähm …“
In die völlige Leere in seinem Kopf hinein hörte er, wie jemand scharf die Luft einsog. Das Geräusch dröhnte in seinen Ohren. Noch bevor er sich der Quelle zugewandt hatte, wusste er, dass Marc zu spät zurückkam, um Bernard vor weiteren Peinlichkeiten zu bewahren.
„Ich fürchte, ich habe die Kleiderordnung nicht mitbekommen“, stellte Yannik fest. Dann trat der Rennfahrer vor und reichte Bernard die Hand. „Hoffentlich will Elaisa nicht von mir, ebenfalls halbnackt herumzulaufen, weil sie irgendwelche seltsamen Erwartungen hegt.“
Täuschte sich Bernard oder schwang in Yanniks Stimme eine geheime Botschaft mit? Zumindest klang sie tiefer, als Bernard sie in Erinnerung gehabt hatte. Gott, wie sollte er nach all den Monaten, die seit ihrer Begegnung vergangen waren, auch noch alle Details rekonstruieren können?
„Was für eine anregende Vorstellung“, sagte er. „Ich schlage vor, heute Abend sollten alle auf Oberbekleidung verzichten. Dann müsste sich auch niemand Sorgen darüber machen, man könnte sich bekleckern.“
„Hör auf, solchen Unsinn zu erzählen“, schimpfte Elaisa. „Alle lassen ihre ganze Kleidung an. Und du bedeckst dich ebenfalls mit Stoff, sobald sich Marc endlich entschieden hat, welches seiner Hemden er entbehren kann.“
Kurz überlegte er, darauf hinzuweisen, dass er das Hemd nach dem Tragen auch gewaschen zurückbringen könnte. Schließlich würde seine schmale Brust die Knöpfe bestimmt nicht sprengen. Doch dann hielt er lieber die Klappe. Er hatte es ohnehin schon geschafft, einen seltsamen ersten Eindruck zu hinterlassen. Da musste er nicht noch darauf hinweisen, nicht so viele Muskeln zu besitzen wie die anderen anwesenden Männer. Sogar Gruber schien besser gebaut zu sein als er.
Der Impuls, die Arme vor der Brust zu verschränken, ließ sich nur schwer unterdrücken. Er wusste, er war zu dünn, zu schlaksig. Die Sonne hatte seine Haut lange nicht mehr zu Gesicht bekommen. Fitnessgeräte vermied er wie Heteros Schwulenbars. Normalerweise traf er sich mit ähnlich schmalen Männern. Muskelprotze hatten die Angewohnheit, Unterwerfung von ihm zu erwarten, und das kam für ihn nicht infrage.
Gruber räusperte sich und schob sich mit Miriam an Bernard vorbei zu den bereitgestellten Getränken. Elaisa zwinkerte ihm zu, bevor auch sie sich aus dem Staub machte, um in der Küche nach dem Rechten zu sehen, wie sie meinte. Blieb nur noch Yannik, der zu perplex schien, um sich vom Fleck zu bewegen.
So hatte Bernard sich den Start in den Abend nicht vorgestellt. Ihr erstes Zusammentreffen hätte vermutlich doch besser in Zweisamkeit stattgefunden.
„Schön, dich wiederzusehen“, brachte er hervor und hoffte, der Rennfahrer würde ihn seinen Widerwillen nicht sofort deutlich spüren lassen. „Es ist lange her.“
„Das stimmt.“ Yannik lächelte nichtssagend. Mit keiner Regung gab er zu erkennen, ob ihn das Aufeinandertreffen überraschte oder ob er darauf gehofft hatte.
Bernard schluckte krampfhaft. Smalltalk! Warum fielen ihm bloß keine höflichen Floskeln ein? Stattdessen konnte er nur in dieses Gesicht starren, das ihn bis in seine Träume verfolgt hatte.
Schweigend standen sie sich gegenüber. Bernard konnte fühlen, wie Yanniks Blick über ihn hinwegglitt. Als würde Yannik die Haut auf seiner nackten Brust streicheln und jedes Detail abscannen. Das Blut in Bernards Körper erhitzte sich. Kurz glaubte er sogar, etwas wie Begehren in den Augen des anderen aufflackern zu sehen. Doch dabei handelte es sich vermutlich um eine Spiegelung des Lichts, denn dann verflocht Yannik seinen Blick mit dem von Bernard und zeigte keine Regung mehr. In seinem Gesicht war nichts als Höflichkeit zu lesen.
„Freust du dich auf den Beginn der Saison?“, erkundigte sich Bernard mit kratziger Stimme.
Er erhielt nur ein Nicken als Antwort.
„Hast du dich gut eingelebt?“, murmelte er.
Erneut erntete er nur ein Nicken.
Frustration schwappte in Bernard hoch. Warum hatte er sich nicht vorab überlegt, worüber er sich mit seinem Schwarm unterhalten wollte?
Schwarm?
Halt! Yannik war nicht sein Schwarm. Oder doch? So regelmäßig und über einen dermaßen langen Zeitraum stellte er sich normalerweise keinen einmaligen Kuss in seiner Fantasie vor. Üblicherweise drängte sich nicht immer wieder die Vorstellung in seine Wunschträume, wie er einen anderen Kerl entkleidete und seine Hände über jeden Zentimeter seiner nackten Haut gleiten ließ. Er wünschte sich sonst nicht, dieser Mann würde seine Finger dazu benutzen, um Bernard …
„Wir können uns bestimmt später noch einmal unterhalten“, unterbrach Yannik seine Überlegungen. „Ich sollte noch kurz eine Kleinigkeit mit Herrn Gruber klären.“
Bernard spürte, wie Hitze über sein Gesicht kroch. „Natürlich. Bis dann.“
„Es wirkt, als würdest du frieren“, sagte Yannik, während er an Bernard vorbeiging. „Du solltest dir etwas besorgen, das dich wärmt.“
Wenn man es genau nahm, war Bernard furchtbar heiß. Dennoch wüsste er, womit er sich gerne wärmen würde. Mit der Nähe zu Yannik. Bestimmt würde es sich großartig anfühlen, wenn der mit seinen Händen über seine Haut strich. Ob er das aussprechen sollte? Es dem anderen leise ins Ohr flüstern durfte?
Zu spät. Yannik war an ihm vorbei und trat zu Gruber und Miriam. Sehnsüchtig blickte Bernard ihm hinterher. Bekam er noch eine Möglichkeit, unter vier Augen mit dem Rennfahrer zu sprechen?
Eine Hand landete hart auf seiner Schulter. Ertappt zuckte er zusammen.
„Ich habe endlich ein Hemd gefunden, in dem du nicht wie ein kleiner Junge wirken wirst, der die Sachen seines Vaters anprobiert“, verkündete Marc und drückte ihm dunkelblauen Stoff in die Hand. „Kannst du behalten. Ich müsste es ohnehin aussortieren. Und jetzt zieh dich an, bevor sich die Damen zu fürchten beginnen.“
Bernard zog eine Grimasse und griff nach dem Saum des Hemdes, um es sich über den Kopf zu ziehen. Leider hatte er vergessen, zu überprüfen, ob dafür genug Knöpfe offen standen. Natürlich war das nicht der Fall. Seine hochgestreckten Hände waren in den Ärmeln gefangen, sein Kopf befand sich innerhalb des Hemdes und er konnte sich nicht allein befreien.
„Heute scheint nicht dein Tag zu sein“, bemerkte Marc und machte sich am Kragenausschnitt zu schaffen. „Hilfloser wie ein Kleinkind.“
„Jetzt hör endlich auf, deine schlechte Laune an mir auszulassen“, fauchte Bernard. Er bemühte sich, seine Stimme gesenkt zu halten. „Ich kann verstehen, dass dich das Ende deiner Karriere mitnimmt und das Verfahren gegen deine Stiefmutter eine Belastung darstellt. Aber ich habe deinen andauernden Spott nicht verdient.“
Marc seufzte und zog am Saum des Hemdes, bis Bernards Kopf befreit war. „Du hast recht, sorry, Kumpel. Die Frau meines Vaters hat mich um ein Treffen am Wochenende gebeten. Beim Gedanken, sie wiederzusehen, wird mir ganz schlecht. Sie wird mich vermutlich auffordern, die Anzeige zurückzuziehen. Das kann sie vergessen.“
Mitleid wallte in Bernard hoch. Er rückte das Hemd zurecht. „Willst du wirklich hingehen? Wird Elaisa dich begleiten?“
„Sie weiß nichts davon.“ Marcs Blick huschte zu der Frau, die gerade zurück in den Raum kam. Seine Augen begannen vor Liebe zu leuchten. „Schon jetzt würde sie der Hexe am liebsten die Augen auskratzen. Sie soll nicht hören, wie diese schreckliche Frau versucht, ihre Handlungen zu rechtfertigen.“
„Dann nimm Thimo mit. Und wenn du nicht willst, dass der zu viele Details erfährt, stelle ich mich als Begleitung zur Verfügung. Du bist Elaisa wichtig. Damit gehörst du auch zu meiner Familie.“
Mit einem überraschten Ausdruck auf dem Gesicht sah Marc ihn an. „Das würdest du wirklich tun?“
„Klar. Elaisa ist ohnehin damit beschäftigt, die verkorkste Beziehung zu ihrer Mutter zu analysieren. Da sie genug um die Ohren hat, spiele ich ihren Stellvertreter.“
„Eine verwirrende Vorstellung“, murmelte Marc. Dann straffte er die Schultern. „Danke dir. Ich nehme dein Angebot sehr gerne an. Ich muss lediglich um deine Verschwiegenheit bitten.“
Bernard seufzte. „Wenn du wüsstest, wie gut ich Geheimnisse für mich behalten kann.“
„Schön. Dann gebe ich dir Bescheid, sobald ich Näheres weiß.“
„Zu behaupten, ich würde mich darauf freuen, wäre gelogen“, murmelte Bernard. „Aber vielleicht ist es an der Zeit, dass wir beide uns zusammenraufen. Dank Elaisa bin ich nämlich ein fixer Teil deines Lebens.“
Eine Stunde später, in der die Gäste miteinander geplaudert und gelacht hatten, verfluchte Bernard Elaisas Idee, das Zusammentreffen von Yannik und ihm in Gegenwart aller Freunde zu arrangieren. Sie waren bereits beim Nachtisch angelangt, und es hatte keine einzige Gelegenheit gegeben, noch einmal nahe genug für ein Hallo an Yannik heranzukommen. Aufgrund der fehlenden Tischordnung war es dem Rennfahrer gelungen, sich möglichst weit weg von Bernard zu platzieren. Vermutlich hatte er sich sogar mit voller Absicht dazu entschieden. Ein deutlicheres Zeichen, nicht an einer Unterhaltung interessiert zu sein, hätte er gar nicht setzen können.
Bernard versuchte Yanniks Blick einzufangen. Doch der schien total fasziniert von dem Bericht, den Ava gerade von ihrem letzten Gartenprojekt abgab. Ehrlich, Bernard mochte die junge Frau und ihre bodenständige Art, aber viel lieber hätte er jetzt Yannik gelauscht, der ihm verführerische Versprechungen ins Ohr flüsterte.
„Und willst du auch irgendwann mal Teil des Amber-Heart-Racing-Teams werden?“, wandte sich Frederick mit einer Frage an Bernard. „Durch Elaisa und Marc ist vermutlich die Formel-1-Begeisterung auf dich übergesprungen.“
„Da irrst du dich.“ Bernard setzte ein höfliches Lächeln auf. „Ich finde es spannend, die Rennen zu verfolgen. Aber mein Bedürfnis, mich näher damit zu beschäftigen, hält sich in Grenzen.“
„Zu schade. Ich glaube, du würdest frischen Wind in die Formel 1 bringen“, behauptete Frederick. „Du hast alles, um die Leute vor den Fernseher zu locken.“
Es war deutlich, worauf der Rennfahrer hinauswollte. Eine schillernde Persönlichkeit wie Bernard würde auf der Strecke bestimmt auffallen. Ob Bernard von der Behauptung beleidigt sein sollte?
„Jemand wie Bernard wäre eine Gefahr für den Rennsport“, erklärte Marc. „Jemand wie er hat hinter dem Lenkrad nichts zu suchen.“
Bernard blieb der Bissen im Mund stecken. Hatte Marc gerade angedeutet, Schwule wären keine guten Fahrer?
„Wie bitte?“ Miriams Stimme überschlug sich. „Das war hoffentlich als Scherz gedacht. Und selbst dann wäre es unangebracht.“
Elaisa legte eine Hand auf Marcs Arm ab. „Schatz“, tadelte sie leise.
Über den Tisch hinweg traf Bernards Blick den von Yannik. Der Fahrer war ganz blass um die Nase geworden.
„Ich habe dich nicht für so engstirnig gehalten“, erklärte Gruber. „Die sexuelle Ausrichtung eines Menschen sagt nichts über die Fähigkeiten hinter dem Lenkrad aus.“
„Gott, so habe ich das natürlich nicht gemeint.“ Marc schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. „Klar können Schwule genauso gut Auto fahren wie Heterosexuelle. Gut, niemand kann es so gut wie ich. Aber das ist eine andere Geschichte. Bernard sollte man nicht ans Steuer eines Rennwagens lassen, weil er keinen Führerschein besitzt, geschweige denn eine einzige Fahrstunde hinter sich gebracht hat. Wenn man ihn auf die Rennstrecke ließe, gäbe das in der ersten Kurve eine Massenkarambolage.“
Der Knoten in Bernards Magen lockerte sich. Mann, er hatte wirklich gedacht, Marc würde sich in die Nesseln setzen. Taktgefühl besaß der nämlich gar keines. Aber anscheinend war er zumindest nicht borniert. „Dann besteht ja noch Hoffnung, sobald ich meinen Führerschein nachgeholt habe.“
Bernard lächelte Yannik über den Tisch hinweg an. Die Anspannung in der Haltung des Rennfahrers ließ etwas nach. Er erwiderte Bernards Blick. Höflich, vielleicht sogar ein wenig erleichtert, immerhin hatten alle Anwesenden Marc für seinen anscheinend schwulenfeindlichen Kommentar sofort getadelt. Für einen Augenblick entstand das Gefühl von Verbundenheit zwischen Yannik und Bernard.
In Bernards Magen war ein Kribbeln, während er sich nicht von Yanniks Blick lösen konnte. Endlich hatte er die Aufmerksamkeit des anderen Mannes auf sich gezogen. Nachdem sich der Abend zu einer Enttäuschung zu entwickeln drohte, geschah jetzt das, auf was er gehofft hatte. Diese Chance musste er nutzen. Er musste etwas tun. Irgendetwas. Jetzt.
„Willst du vielleicht …?“ Seine Stimme brach weg. Was sollte er denn sagen? Durfte er bitten, dass sie sich an einem anderen Tag trafen? Könnte er anmerken, dass er sich in Ruhe mit ihm unterhalten wollte? Jeder am Tisch würde mitbekommen, was er sagte. Warum musste sich Yannik auch so verdammt weit entfernt von ihm hinsetzen?
„Kann ich kurz mein Entsetzen zum Ausdruck bringen, welch schlechte Meinung ihr alle von mir habt?“, brummte Marc und zerstörte so den Moment. „Ich weiß, ich wirke manchmal unsensibel. Aber als homophob hat mich noch nie jemand bezeichnet.“
„Manchmal?“ Frederick lachte auf. „Du würdest Kinder aus dem Weg schubsen, um vor mir in einem Rennwagen zu sitzen.“
Marc wartete nicht einmal eine Sekunde, bevor er die Behauptung mit einem Nicken bestätigte. „Das stimmt. Für den Erfolg muss man Opfer bringen. Manchmal sind das fremde Kinder, die herumlaufen, wo sie nichts zu suchen haben. Das heißt aber nicht, dass ich Menschen wegen ihrer Orientierung diskriminiere.“
Frederick und Marc begannen eine lautstarke Diskussion, wo die Grenze zwischen Erfolgsgier und Größenwahnsinn zu ziehen war. Yannik widmete sich mit großer Konzentration dem Törtchen auf seinem Teller. Und Bernard wünschte, er könnte diesen verrückten Haufen einfach wegschicken oder Yannik in eine Ecke ziehen und ein privateres Gespräch beginnen.
Was für eine verrückte Wendung dieser Abend genommen hatte! Beinahe wäre seine Sexualität zum Streitthema geworden. Eines stand nach diesem kleinen Irrtum allerdings fest: An diesem Tisch wussten viel mehr Leute über Yanniks Orientierung Bescheid, als Bernard gedacht hatte. Die Art, wie Bernard sofort dafür verteidigt worden war, trotzdem ein guter Fahrer sein zu können, weckte diese Vermutung in ihm.
„Hattest du wirklich noch nie eine einzige Fahrstunde?“, fragte Miriam.
Er zuckte mit den Schultern. „Hat sich nie ergeben. Wer braucht in Wien schon einen Führerschein? Mit den Öffis ist alles gut zu erreichen.“
„Da hast du recht. Ich bin aber trotzdem gerne unabhängig. Sobald wie möglich möchte ich mir ein eigenes Auto zulegen. Die ganzen Taxifahrten will ich mir auf Dauer ersparen, wenn ich doch mal in einen der Randbezirke muss. Als Frau bin ich abends nicht gerne alleine unterwegs.“
„Ziehst du nicht mit Herrn Gruber zusammen?“, erkundigte er sich direkt. „Dann wäre das Problem auch gelöst.“
Sie lachte. „Denkst du, ich würde alles nur mit ihm gemeinsam machen? Ich habe meine eigenen Angelegenheiten zu klären, zu denen ich ihn nicht jedes Mal mitschleppen kann, nur damit ich eine Mitfahrgelegenheit habe.“
„Klar. Aber er wohnt in einer ruhigen Gegend. Die U-Bahn-Station ist keine zwei Minuten entfernt. Das Risiko, dass einem dort etwas passiert, ist ziemlich gering.“ Wieso sollte man sich nicht auf einen Partner verlassen, der ein großes, schönes Haus besaß?
„Oh ja, das stimmt.“ Sie errötete. „Sorry, aber ich dachte …“
Er machte eine wegwerfende Handbewegung und zwinkerte ihr zu. „Heute standen schon jede Menge Missverständnisse im Raum. Eines mehr macht keinen Unterschied. Jetzt erklär mir doch genauer, was du eigentlich beruflich machst.“
Während sie ihm erzählte, dass sie als Lektorin arbeitete und nebenbei versuchte, einen Roman fertigzustellen, warf er immer wieder sehnsüchtige Blicke in Yanniks Richtung. Schien, als würde es immer noch keine Gelegenheit geben, sich mit dem Rennfahrer zu unterhalten.
„Der Nachtisch ist wirklich lecker“, lobte Bernard, als sie beim Kuchen angelangt waren. „Den hast du gut gebacken.“ Er schickte Elaisa ein Augenzwinkern.
Sie errötete, gab aber keine Antwort. Auch wenn jeder hier wusste, dass sie das gesamte Essen des heutigen Abends gekauft hatte, wollte sie es wohl nicht laut zugeben.
Sobald alle die Teller leergeputzt hatten, übersiedelten sie schließlich auf die große Sofalandschaft. Bernard gelang es, sich direkt neben Yannik zu setzen. Endlich war er ganz nahe an der Erfüllung seiner Wünsche für den heutigen Abend. Sein Herz klopfte schneller, während seine Finger kribbelten. Er konnte nur daran denken, dass er bloß seine Hand neben sich legen müsste, um Yanniks Oberschenkel zu streifen. Wenn er den Arm auf der Rückenlehne ablegen würde, wäre er vielleicht in der Lage, mit den Fingerspitzen die Schultern des anderen Mannes zu berühren. Sollte sich noch jemand auf dieses Sofa setzen wollen, würde Bernard näher zu Yannik rücken müssen und könnte die Wärme seines Körpers …
„Entschuldigst du?“ Marc schob sich an Bernard und dem Couchtisch vorbei und quetschte sich zwischen Bernard und Yannik.
„Aber …“ Fassungslos rutschte Bernard ein Stück zur Seite, um nicht an Marc gedrückt zu werden. Dieser Mann machte ihm alles kaputt! Bernard warf einen bittenden Blick zu Elaisa. Wollte sie ihm nicht helfen? Schließlich war das hier ihre Idee gewesen.
„Willst du dich nicht zu mir setzen, Schatz?“, fragte sie auch wirklich in Marcs Richtung und deutete mit einem Lächeln neben sich auf den Einsitzer.
„Sekunde.“ Statt sich um seine Freundin zu kümmern, beugte sich Marc zu Yannik und flüsterte ihm etwas zu.
Frederick schien ebenfalls näher zu rücken und dem Gespräch zu lauschen. Nach dem Gesichtsausdruck, den die Männer dabei zeigten, gab es keine positiven Nachrichten. Wollten sie heute Abend etwa geheime Firmenprobleme wälzen?
Als sich Bernard enttäuscht umsah, bemerkte er den nachdenklichen Blick von Elaisas Vater, der die drei Männer beobachtete. Oh, bitte nicht! Kein zusätzliches Drama!
Getränke wurden ausgeteilt und zwangen die Rennfahrer zum Glück, ihr Gespräch zu beenden. Eine Bewegung auf dem Sofa neben sich lenkte Bernard ab.
Yannik ruckte herum und griff dann hinter sich. Mit spitzen Fingern zog er etwas zwischen den Kissen hervor und hielt es hoch. „Hast du plötzlich Mut zur Farbe gefunden, Marc? Gleich in die Vollen, wie?“
Bernard riss die Augen auf, als er sein gelb-oranges Hemd erkannte. Wie peinlich! Hastig streckte er sich hinüber und nahm es Yannik ab. „Da ist ja mein Hemd! Dann habe ich es doch nicht verloren.“
„Ist das das Hemd, das du mit dem Drink bekleckert hast?“, fragte Yannik mit gerunzelter Stirn.
Verdammt auch! Bernard wand sich innerlich. Wieso hatte er auch die Ausreden durcheinandergebracht. „Ich … äh …“
„Das hat Bernard das letzte Mal bei uns vergessen“, half Elaisa aus.
„Habt ihr Strip-Poker gespielt?“, witzelte Frederick.
Das Glas in Bernards Hand zitterte. Er betrachtete es genauer. Vielleicht gelang es ihm damit, sich ein Loch zu buddeln, in dem er sich den Rest seines Lebens verstecken konnte. Schlimmer konnte der Abend gar nicht mehr werden.
„Bernard hat es mir gezeigt. Er wollte meine Meinung dazu hören“, behauptete Elaisa.
Das klang total unglaubwürdig. Bernard öffnete den Mund, um irgendetwas zu sagen, irgendetwas, das die Situation auflockerte, doch es fiel ihm partout nichts ein.
„Jetzt erzählt doch endlich die Wahrheit.“ Marc stieß ungeduldig die Luft aus.
Erschrocken starrte Bernard ihn an. Was zur Hölle kam jetzt? Als Marc fortfuhr, verkrampfte sich alles in ihm.
„Wir haben um eine Kiste Bier gewettet, Bernard würde sich nicht trauen, diesen Albtraum von Hemd heute Abend zu tragen“, log Marc. „Er hätte es durchgezogen, wenn ich nicht kurz vor eurem Eintreffen die Regeln geändert hätte. Bernard sollte dem Boss mit nacktem Oberkörper die Hand geben. Dafür kriegt er jetzt Fahrstunden von mir. Tja, ihr kennt mich, ich bin ein unberechenbarer Idiot.“
Die anderen schwiegen. Schwer zu sagen, ob sie Marcs letzten Worten nicht zustimmen wollten oder ob sie die Aktion für dämlich hielten. Bernards Achtung vor Marc stieg jedoch in dem Moment ins Unermessliche. Er hatte verhindert, dass sich Bernard blamierte, indem er sich selbst bloßstellte. So viel Großzügigkeit hätte Bernard dem Freund seiner besten Freundin gar nicht zugetraut.
„Ein unverbesserlicher Witzbold“, bestätigte Elaisa, nachdem sie sich von der Überraschung erholt hatte. In ihrem Blick lag Dankbarkeit.
Marc stand auf und ging zu Elaisa, um sich von ihr einen Kuss abzuholen.
Wie unfair! Der Mistkerl hatte Bernard die Schwierigkeiten eingebrockt und stand jetzt als Held da. Vermutlich würde Elaisa Marc später zeigen, wie stolz sie auf sein Verhalten war. Bernard allerdings musste alleine nach Hause gehen und würde von niemandem getröstet werden. Er wollte auch einen Kuss!
Während sich die Enttäuschung noch wie heißes Eisen in seine Eingeweide brannte, spürte er einen Blick auf sich und hob den Kopf. Yannik sah ihn an, einen forschenden Ausdruck in den Augen. Das seltsame Gespräch schien ihn verwirrt zu haben. Was er jetzt von Bernard halten musste! Wie er ihn nach diesem Abend einschätzen würde! Das hier hatte ihn wirken lassen, als wäre er total verrückt.
Zwischen ihnen klaffte immer noch die Lücke, die Marcs breiter Hintern in Anspruch genommen hatte. Eine Lücke, die sich durch Yanniks Blick noch auszuweiten schien. Bernard hegte die Befürchtung, sie würde sich auch niemals schließen. Das hier hatte gar nichts gebracht. Das hier hatte alles schlimmer und komplizierter gemacht.
Er sprang auf. „Sorry, Leute, ich glaube, ich muss gehen. Jetzt. Danke für deine Mühe mit dem Essen, Elaisa. Es hat köstlich geschmeckt. Aber ich habe einen wichtigen Termin vergessen. Noch viel Spaß euch allen.“ Bevor irgendjemand reagieren konnte, eilte er aus dem Wohnzimmer.
„Bernard, warte …“ Elaisas besorgte Stimme ertönte hinter ihm. „Lass uns … lass uns reden.“
„Ich ruf dich an. Morgen.“ Endlich erreichte er die Wohnungstür. Hinter ihm hörte er leises Murmeln. Er griff beim Vorbeigehen nach seiner Jacke und stürmte ins Freie.
Der Druck auf seiner Brust, der sich nach dem verpatzten Start des Abends immer weiter verstärkt hatte, ließ nur langsam nach. Die frische Nachtluft kühlte seinen Kopf und seine Gedanken. Doch sein Herz fühlte sich an, als hätte man es durch den Fleischwolf gedreht und in einer Pfanne von allen Seiten angeröstet.