Leseprobe Alaska Summer | Eine cozy Forbidden Love Small Town Romance

Prolog

Ich habe mein ganzes bisheriges Leben in Snowport Falls verbracht, einer zauberhaften Kleinstadt im Herzen Alaskas mit knapp dreihundertfünfzig Einwohnern, sieben Monaten Schnee pro Jahr und Höchsttemperaturen von gerade mal zwanzig Grad Celsius. Ich bin nie gereist, habe nie das Meer gesehen. Und dennoch habe ich nicht das Gefühl, dass mir diese Erlebnisse fehlen. Dass mir ein anderes Leben fehlt. Mein Platz ist hier. Unser Platz ist hier.

In dem Moment, als ich erfahren hatte, dass ich mit meiner Tochter Kayleigh schwanger war, hatte sich dieses Gefühl noch mehr gefestigt. Die Pferderanch, auf der ich aufgewachsen bin, ist der einzige Ort, den ich je als Zuhause gekannt habe. Vielleicht liegt meine enorme Bindung zu diesem besonderen Platz daran, dass ich sogar ungeplant hier geboren wurde, weil ich als Sturzgeburt zur Welt kam und meine Eltern es nicht mehr rechtzeitig ins Krankenhaus geschafft hatten. Zwischen den beiden hintersten Pferdeboxen ist der Ort, an dem mein Leben vor siebundzwanzig Jahren als einzige Tochter nach drei Söhnen begann. Und ich werde auf ewig darum kämpfen, dass es auch hier endet.

Vielleicht spielt bei meiner Verbundenheit zur Ranch zudem eine Rolle, dass meine Eltern beide hier gestorben sind. Meine Mutter, an die ich keinerlei Erinnerung habe, erlag vier Tage nach meiner Geburt in ihrem Schlafzimmer einer akuten Lungenembolie, und mein Vater verstarb vor zwölf Jahren auf der Pferdekoppel, als er in den frühen Morgenstunden seinem zweiten Herzinfarkt erlag. Es würde sich falsch anfühlen, von dem Ort fortzugehen, an dem sie sich alles aufgebaut und eine Familie gegründet hatten und schließlich gestorben sind. An dem meine drei Brüder und ich unsere gesamte Kindheit, Jugend und einen Teil des Erwachsenseins verbracht haben. An dem meine Tochter krabbeln, sprechen, laufen und Widerworte geben gelernt hat. Vor allem Letzteres beherrscht sie wie ein Profi.

Ich habe meine Mutter nie gekannt, aber man erzählt mir regelmäßig, dass ich genauso aussehe wie sie und ihren sturen Schädel geerbt habe, mit dem sie sich gegen alle anderen durchzusetzen wusste. Ich lächle dann immer milde und zucke mit den Schultern, weil ich nicht weiß, welche Reaktion man von mir erwartet. Vielleicht weiß selbst ich nicht einmal, was ich dabei empfinde. Etwas wie Heimweh? Trauer? Kann man denn überhaupt jemanden vermissen, an den man keinerlei Erinnerungen hat? Dessen Stimme, Geruch und Berührung man nicht kennt?

Angus war der Erste, der die Ranch verließ, und obwohl wir uns nach Dads Tod geschworen hatten, für immer hierzubleiben, brachten meine beiden anderen Brüder damals Verständnis für seine Entscheidung auf. Er zog nach London, der Geburtsstadt unserer Mutter, in der sie gelebt und ihre Ausbildung gemacht hatte, bevor sie mit zwanzig Jahren der Liebe wegen nach Alaska gezogen war. Dort baute Angus sich in rasantem Tempo einen Freundeskreis auf, wurde befördert, kaufte sich eine Eigentumswohnung und lebt seitdem ein völlig neues Leben, als würde das alte ihm nicht einen Herzschlag lang fehlen. Eine Entscheidung, die ich Angus nie ganz verziehen habe.

Hamish folgte kurze Zeit darauf, um mit seiner Langzeitfreundin Daisy zusammenzuziehen. Ebenfalls nach London, nur wenige Minuten von Angus‘ Wohnung entfernt, in ein schickes Apartment mit Balkon. Als könnten sie gar nicht genug Meilen zwischen ihre neue und alte Familie bringen. Dass ausgerechnet Kieran sich anschließen und mich ebenfalls für London im Stich lassen würde, hatte ich stets für unwahrscheinlich, wenn nicht gar für unmöglich gehalten. Er war immer unser aller Fels in der Brandung, dem die Ranch, zumindest nach außen, am meisten bedeutet hatte. Er, der die größte Verantwortung trug. Doch offensichtlich habe ich mich geirrt.

Ich bin eine verwaiste Tochter, alleinerziehende Mutter und zurückgelassene Schwester, und von nun an gibt es nur noch Kayleigh, mich und unsere Pferderanch in Alaska. Und solange nicht Theo James höchstpersönlich an meine Haustür klopft, wird das auch so bleiben.

Kapitel 1

„Du steckst in ernsthaften Schwierigkeiten, Dee! Irgendwann in den nächsten Jahren wird Dads Geld aufgebraucht sein. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber in einer Zukunft, die näher ist, als du zu hoffen wagst. Und dann stehst du mit einem kleinen Kind und zwölf Pferden eher vor einem Schuldenberg als du Emanzipation sagen kannst!“ Etwas zu grob stapelt Kieran die sechs weißen Dessertteller aufeinander und drückt sie mir in die Hand. Ein wenig herausfordernd sieht er mich an. „Hast du gar nichts dazu zu sagen?“

„Zu deiner dämlichen neuen Frisur oder dem Vortrag in Sachen Schwarzmalerei?“ Ich nehme die Teller, verdrehe die Augen und wende mich resolut von meinem ältesten Bruder ab, um ins Wohnzimmer zu gehen. Dem Chaos in der Küche den Rücken kehrend, was ich immer verursache, wenn ich völlig im Backen aufgehe, decke ich den großen Wohnzimmertisch. Erst als ich den letzten Teller abgestellt habe, bemerke ich Kayleigh, die ganz oben auf der Holzkommode sitzt.

„Komm da runter, na los!“, fordere ich sie auf und strecke ihr die Arme entgegen. „Was machst du eigentlich immer da oben?“

„Bergsteigen“, antwortet sie ohne zu zögern, schmiegt sich kurz an mich und strampelt dann mit ihren schmalen Beinen, um heruntergehoben zu werden.

„Bergsteigen? Wie kommst du denn darauf?“ Lachend schüttle ich den Kopf und setze sie auf dem Boden ab.

„Könnte sie eventuell von Hamish haben“, wirft Daisy ein und verdreht mit einem Seufzen die Augen. „Der hat gerade so eine Phase.“

Ich weiß nur zu gut, was sie damit meint. Meine Brüder haben ständig irgendwelche Phasen. Sie wollen Football spielen, Bergsteigen, sich ein Tattoo stechen lassen, vegan leben, ein Buch schreiben, Motorrad fahren. Jede dieser Phasen dauert in der Regel nur zwei bis drei Wochen, was sie jedoch nicht weniger anstrengend macht, und bringt in den meisten Fällen mindestens einen Knochenbruch oder eine kleine Sinnkrise mit sich, ehe sie dann nahtlos in die nächste übergeht. Die drei sind und bleiben Jungs, die zu früh erwachsen werden mussten und nicht müde werden, ihren Platz im Leben irgendwo zwischen Pubertät und Midlife-Crisis zu suchen.

Nicht nur Daisy und Hamish, sondern auch mein anderer Bruder Angus ist an diesem milden Samstagnachmittag zu Kierans Geburtstag zu Besuch auf die Ranch gekommen, und obwohl ich immer noch kein Verständnis dafür habe, dass sie gegangen sind, ist es schön, das Haus mal wieder voll zu haben. Sie werden das ganze Wochenende hierbleiben und erst Sonntagabend zurück nach London fliegen. Neun Flugstunden liegen zwischen ihrem neuen und alten Zuhause, und sie fühlen sich nur allzu oft unendlich an.

Kieran, der mir mit etwas Verzögerung aus der Küche folgt, murmelt irgendetwas vor sich hin, was wahrscheinlich nur er selbst versteht.

„Sollen wir als zusätzliches Geburtstagsgeschenk für eine Mütze zusammenlegen?“, fragt Hamish in die Runde und spielt damit auf die neuste Kurzhaarfrisur auf Kierans Kopf an.

Seit ich zurückdenken kann, sind meine Brüder immer langhaarig gewesen. Genau wie Kayleigh und ich haben sie alle drei kräftige, dunkle, glatte Haare, die sie meistens zu einem Männerdutt auf dem Kopf zusammengebunden haben. Seit Kieran für sich entschieden hat, dass er die Ranch verlassen will, trägt er eine Frisur, die ihn, vor allem in Kombination mit dem komplett abrasierten Bart, wie einen braven Schuljungen wirken lässt. Er hatte irgendwo den Satz Hair holds memories gelesen und ihn sich zu sehr zu Herzen genommen. Eine überstürzte Entscheidung später hatte er das Ganze natürlich bereut, was ihn jetzt jedoch nicht vor den Scherzen seiner Brüder schützen kann.

Kayleigh klettert auf Kierans Schoß und schmiegt sich an ihn. „Ich mag deine neue Frisur“, sagt sie entschieden. „Und dein Gesicht kratzt jetzt nicht mehr so.“ Um ihre Aussage zu untermauern, reibt sie ihre Wange ein paarmal an seiner.

„Endlich mal jemand mit gutem Geschmack.“ Kieran legt die größte Zimtschnecke von allen auf Kayleighs Teller und zieht ihn neben seinen. „Dein Onkel Kieran kann eben alles tragen.“

Ich verdrehe die Augen. Sie wird nicht mal die Hälfte davon essen, und der Rest landet am Ende wie immer im Müll. Aber so war es von Anfang an: Die drei Onkel verwöhnen sie und bringen ihr Blödsinn bei, und ich erziehe und versuche wieder auszubügeln, was sie vergeigt haben.

Schweigsam verteile ich Kaffee und Zimtschnecken und sehe dabei zu, wie glücklich und zufrieden alle ‒ bis auf das unregelmäßige Gähnen wegen des Jetlags ‒ wirken. Es fällt mir schwer, mich für sie zu freuen, schließlich haben sie sich dafür entschieden, Kayleigh und mich im Stich zu lassen ‒ einer nach dem anderen.

„Hey, winzig kleiner Bruder, reich mir mal den Zucker rüber“, verlangt Kieran.

„Das winzig kleiner Bruder darf ich mir jetzt wieder fast ein ganzes Jahr lang anhören“, brummt Hamish und gibt der Zuckerdose einen Stoß mit dem Zeigefinger, sodass sie über den Tisch direkt in Kierans geöffnete Hand gleitet.

Nur zehn Monate nach Kierans Geburt war Hamish auf der Welt, weitere elf Monate später Angus. Die Jungs wuchsen wie Drillinge auf. Unser Vater hatte immer felsenfest behauptet, dass der kurze Altersabstand gewollt gewesen war, was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann. Wenn ich nur daran denke, drei von Kayleighs Sorte zu haben, stellen sich mir schon die Nackenhaare auf. Sie ist mein größter Schatz, aber ihr Temperament, ihre überbordende Fantasie und die wahnwitzigen Ideen, die in ihrem hübschen Köpfchen entstehen, haben mich schon den einen oder anderen Nerv gekostet.

Als Angus zwei war, kam ich zur Welt, und kurz darauf stand mein Vater alleine da, mit einer Ranch, vier kleinen Kindern, damals elf Pferden und einem riesigen Erbe, das unserem Großvater zu verdanken war. Der hatte einst ein Kinderbuch verfasst, das zum Klassiker wurde und bis vor einigen Jahren regelmäßig neu aufgelegt wurde. Die Rechte an der Geschichte hatten genügt, um meinem Vater damals, nach Mutters Tod, zumindest ein Leben zu bieten, das keiner finanziellen Belastung unterlag. Ich bin ihm mehr als dankbar, dass er nie in übertriebenen Verhältnissen gelebt und viel Geld hatte ansparen können, von dem noch heute eine Menge übrig ist.

„Deine Zimtschnecken sind und bleiben einfach die besten“, stöhnt Daisy mit sichtlichem Genuss und verdreht die Augen, während sie jeden noch so winzigen Tropfen Zuckerguss von ihren Fingern leckt. „Ganz egal, was ich auch tue, meine werden nicht annähernd so saftig, fluffig und köstlich. Wenn ich so backen könnte wie du, würde ich es täglich machen und mich kugelrund futtern.“

„Danke.“ Ich lächle sie an und ignoriere wie immer geflissentlich die nicht gestellte Frage nach dem Rezept. Dad hat es einzig und allein mir gegeben, und irgendwie fühlt es sich an, als würde diese kleine, letzte Verbindung nur uns beiden gehören. Es mit anderen zu teilen, käme mir falsch vor. Die einzige Person, die es je bekommen wird, ist Kayleigh. Längst habe ich dafür gesorgt, dass sie es erhält. Für den hoffentlich nicht eintretenden Fall, dass ich sterben sollte, ehe sie alt genug ist, um danach zu fragen.

„Wenn ihr hier einziehen würdet, könntet ihr die täglich essen“, murmle ich. Ich richte den Blick auf meine volle Kaffeetasse und rühre übertrieben lange um. „Und fluffige Pancakes, Cookies mit Schokoladenfüllung, gedeckten Apfelkuchen, Erdbeerrollen …“

Als ich wieder aufsehe, knabbert Daisy betreten an ihrer Zimtschnecke, während meine Brüder einen wissenden Blick miteinander tauschen.

„Das hatten wir doch schon besprochen, Dee.“ Hamish klingt gequält.

„Wir haben mehr als genug Platz hier, und für euer Kind wären die gute Landluft und der Umgang mit den Tieren auch besser als die verpestete Stadtluft“, entgegne ich.

Instinktiv lässt Daisy die Zimtschnecke sinken und legt eine Hand auf ihren Babybauch, als hätte ich das Kind darin gerade höchstpersönlich beleidigt.

„London hat großartige Schulen, Betreuungsangebote sowie Fort- und Ausbildungsmöglichkeiten“, sagt sie schließlich mit empörtem Unterton in der Stimme.

„Landan auch“, halte ich dagegen und verweise an die nächstgrößere Stadt, die nur wenige Fahrminuten von Snowport Falls entfernt liegt.

„Landan, London … streiten wir uns doch nicht über diese zwei kleinen Vokale“, mischt Kieran sich halbherzig und mit vollem Mund ein.

„Was sind Vokale?“, fragt Kayleigh.

„Buchstaben, die man in die Länge ziehen kann“, erklärt er ihr ruhig. „A, E, I, O, U.“

„Ich weiß noch einen“, bemerkt Kayleigh überzeugt, während sie den Zuckerguss von ihrer Zimtschnecke kratzt. „Der heißt Fuuuuuuck.“

Einen Moment lang halten alle am Tisch die Luft an, dann brechen Hamish, Kieran und Angus in schallendes Gelächter aus, während Daisy unsicher scheint, ob sie mitlachen darf oder dafür einen strengen Blick von mir erntet.

Ich kneife die Augen zusammen. Von mir hat sie das F-Wort sicher nicht.

„Fuuuuuuuck“, wiederholt Kayleigh, völlig erfreut darüber, dass sie offenbar bei allen einen Nerv getroffen hat, wenn auch nicht bei jedem denselben. „Fuuuuck, Kennedy steht auf meinem Fuuuuuß!“

„Das klingt eindeutig nach dir, Kieran!“, ruft Angus freudig aus.

„Eindeutig“, gebe ich ihm halb grimmig, halb amüsiert recht.

Kennedy ist das sturste unserer Pferde – und das größte. Als Dads persönlicher Liebling hat er einen besonders großen Platz in unser aller Herzen. Zugegebenermaßen kann er aber ein ziemlicher Teufel sein.

„Um noch mal auf die Idee, hierherzuziehen, zurückzukommen …“, setzt Hamish an und erntet dafür von seiner Freundin und seinen Brüdern einen vernichtenden Blick. „Das kommt für uns einfach nicht infrage. London ist eine großartige Stadt. Wir arbeiten beide dort und haben uns mittlerweile einen Freundeskreis aufgebaut.“

Ich zucke mit den Schultern, als wäre es mir egal, dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Dass ich meinen Neffen nicht so intensiv aufwachsen sehen werde wie Hamish Kayleigh, bricht mir das Herz. Wahrscheinlich werden meine Tochter und er nicht einmal eine besonders enge Bindung haben, denn sehr viele Besuche lassen die neun Flugstunden zwischen uns nicht zu.

„Außerdem ist London für die Entwicklung eines Kindes wesentlich förderlicher als Snowport Falls“, schiebt er unnötigerweise hinterher und überhört Daisys resigniertes Seufzen zu seiner Linken. Als würde sie sich damit ablenken können, schiebt sie sich den gesamten Rest ihrer Zimtschnecke auf einmal in den Mund und greift hastig nach einer zweiten.

„Snowport Falls ist sogar sehr förderlich für Kinder“, kann ich mir nicht verkneifen zu entgegnen. „Und Landan sowieso. Kayleigh geht jeden Dienstag und Freitag zum Tanzunterricht.“

„Es macht Spaß, ich will aber noch lieber Rodeo reiten“, seufzt meine fast Fünfjährige, rutscht von Kierans Schoß und schnappt sich ihre nicht einmal halb aufgegessene Zimtschnecke. „Ich gebe Willy-Fee Pferdinand den Rest“, verkündet sie, während sie auf einem Bein aus dem Wohnzimmer hüpft.

„Du gibst Willy-Fee Pferdinand nicht den Rest!“, rufe ich ihr nach. „Zum hundertsten Mal, Kayleigh – er darf so etwas nicht essen, er kann eine Kolik bekommen.“

„Und Diabetes“, lacht Angus, tut es Daisy nach und nimmt sich seine zweite große Zimtschnecke.

Willy-Fee Pferdinand ist Kayleighs Pferd und ihr ganzer Stolz. Wenige Monate nach Dads Tod geboren, blieb der rötliche Hengst, inzwischen Wallach, die längste Zeit seines Lebens namenlos, bis sie sich irgendwann einen ganz speziellen Namen für ihn ausdachte. Er ist er ein fünfhundert Kilo schwerer Engel, der sich von meiner Tochter reiten, frisieren und sogar verkleiden lässt.

„Vielleicht solltest du dir wenigstens mal anhören, was der Kerl zu sagen hat, Dee.“ Hamish steckt sich ein besonders großes Stück in den Mund, kaut und spült es mit einem Schluck Kaffee herunter. „Vielleicht macht er dir ein derart gutes Angebot, dass du nicht Nein sagen kannst. Du könntest mit Kayleigh ganz neu anfangen, ihr könntet euch ein kleines Haus kaufen, und du hättest noch genug Geld übrig, um ihr ein Studium zu finanzieren, falls sie …“

Ehe er den Satz beenden kann, stehe ich so schwungvoll auf, dass mein Stuhl mit einem unangenehmen Quietschgeräusch über den Parkettboden rutscht. „Ich gehe raus zu Kayleigh.“

„Dee.“ Kierans Stimme ist ruhig, aber bestimmt, als er es mir gleichtut. Obwohl ich höre, dass er mir in den Flur folgt, lasse ich die Tür hinter mir zufallen. Er fängt sie mit der Hand ab und atmet lautstark aus. „Delilah Rae Monroe, jetzt warte doch mal.“

Wenn mein voller Name genannt wird, weiß ich, dass es sich um eine ernste Sache handelt. Dennoch gebe ich meinem Bruder nicht die Genugtuung, klein beizugeben. Ich bin kein Kind mehr.

„Wozu?“ Aufgebracht wirble ich herum. „Damit du mir erklären kannst, dass es wichtig ist, dass jeder sich in seine eigene Richtung entwickelt? Damit du sagen kannst, es wäre besser so? Damit du behaupten kannst, Mum und Dad hätten gewollt, dass wir unser Leben leben und nicht an der Vergangenheit festhalten?“

Ich weiß, dass ich mich wie ein trotziges kleines Kind verhalte, dennoch stampfe ich mit dem Fuß auf, um meiner Wut Ausdruck zu verleihen. Manchmal ist sie grenzenlos, kommt einfach über mich und reißt mich wie eine gleißend heiße, unberechenbare Welle mit sich.

„Das habe ich zur Genüge gehört, Kieran! Von Angus, von Hamish, von dir. Aber weißt du, was niemand hören will?“

Meine Stimme überschlägt sich, mein Atem rast, mein Herz pocht so schnell und heftig, als wolle es meinem Körper mit aller Macht entfliehen.

„Dass Kayleigh nach Hamish und Angus ruft, weil sie manchmal vergisst, dass sie fort sind. Dass sie mich fragt, ob es ihre Schuld ist, dass ihr, einer nach dem anderen, die Ranch verlasst, weil sie so viel Blödsinn macht und sonntags in der Früh bereits laut singt.“

„Das hat sie gesagt?“ Kieran wirkt ernsthaft betroffen. Dass er so leise spricht, lässt meine Worte von vorhin noch lauter nachklingen.

„Ja, hat sie. Mehrfach sogar.“ Ich schlucke, aber der widerliche Kloß in meinem Hals will nicht verschwinden. „Das ist unsere Familie, Kieran. Wir haben uns geschworen, zusammenzubleiben, als Dad gestorben ist.“

„Wir waren noch Kinder, Dee!“, begehrt Kieran auf. Er fährt sich mit beiden Händen durch die dichten kurzen Haare und sieht auf einmal schrecklich müde aus. „Ich war neunzehn und hatte plötzlich die Verantwortung für eine riesige Ranch, zwölf Pferde, eine trauernde Fünfzehnjährige und zwei Holzköpfe mit gebrochenen Rippen. Ich musste irgendetwas sagen, um das alles aufzufangen.“

„Also hast du gelogen“, fasse ich trocken zusammen.

„Nein.“ Er schüttelt entschieden den Kopf. „Ich habe das gesagt, was ich damals empfunden, was ich gedacht habe. Ich wollte hier nicht weg, keiner von uns wollte das. Aber Ansichten ändern sich, Dee, Überzeugungen ändern sich. Menschen ändern sich.“

„Ich nicht“, behaupte ich und schiebe das Kinn vor.

Kieran klaubt einen ungeöffneten Brief von der Kommode im Flur und streckt ihn mir entgegen. Ich erkenne den blütenweißen, sauber beschrifteten Umschlag sofort.

„Irgendwann wirst du es. Und wenn du dir sein Angebot durchliest, wird das wahrscheinlich schneller passieren, als du dir vorstellen kannst. Er erhöht es seit Monaten. Ich habe nachgesehen. Er will diese Ranch um jeden Preis. Du hast im Endeffekt also die Wahl: reich und unabhängig zu sein oder … hierzubleiben und …“

Er beendet den Satz nicht, sondern lässt seinen Blick durch die breite, mit Fenstern versehene Haustür schweifen. Eine ganze Weile lang steht er einfach bloß da, atmet tief ein und wieder aus und sieht nachdenklich drein. „Du und Kayleigh, ihr braucht keine drei Scheunen und achthundert Hektar Land. Ihr braucht eure Familie. Dee … lies diesen Brief, nimm sein Angebot an und komm mit mir nach London.“

Was haben die Monroes bloß immer alle mit London? Unsere Mutter hat nicht einmal lange dort gelebt, ehe sie sich für Alaska und unseren Dad entschieden hat. Wenn London ihr etwas bedeutet hätte, wäre sie dort geblieben.

„Auf gar keinen Fall!“, entgegne ich heftiger als gewollt. „Kayleighs Zuhause ist hier. Unser aller Zuhause ist hier. Und wenn ihr so illoyal sein und euch das nicht eingestehen wollt, dann ist es vielleicht wirklich besser, wenn ihr verschwindet.“

Ohne ein weiteres Wort ziehe ich ruckartig die Haustür auf, drehe mich noch einmal um und reiße den wahrscheinlich zehnten Brief in Folge ungeöffnet in Fetzen.