Kapitel 1
Fuck.
Fuck, Fuck, Fuck!
Als ich ihn zwischen den Fingern halte, springt mein Kugelschreiber plötzlich in all seine Bestandteile auseinander und rollt in unterschiedliche Richtungen davon. Hierhin die Feder, dorthin die Miene, dahin das Gehäuse. Unbewusst drehe ich beim Nachdenken und Schreiben immer wieder daran herum und löse so dabei die Verbindung zwischen den einzelnen Teilen. So ist es mir schon zu Schulzeiten ergangen. Der Clip hat sich bereits vor einer guten Stunde verabschiedet und ist, nachdem ich ihn versehentlich abgebrochen habe, irgendwo im Chaos meines Büros verschwunden, zwischen Heftklammern, leeren Kaffeetassen, Kabeln, Notizzetteln, gelben Markern und etlichen zusammengeknüllten Papieren.
Wobei der Begriff Büro etwas hochgegriffen ist für die kleine Abstellkammer neben meinem WG-Zimmer, in der wir zuvor den Staubsauger, Putzmittel, Alkohol und jede Menge Kram, der keinen festen Platz hatte, aufbewahrten. Nicht mal für ein Fenster hat es gereicht, aber hey, es klingt verdammt professionell, wenn ich von meinem Büro spreche. Auch wenn es nur ein winziges Privileg ist. Seufzend sammle ich die einzelnen Stücke des Kugelschreibers ein und entscheide mich spontan, alles in den überquellenden Mülleimer unter meinem Schreibtisch wandern zu lassen. Die Dinger zusammenzubauen, kostet einfach zu viel Energie, wenn man mal ernsthaft darüber nachdenkt, dass man sie im Supermarkt für neunundneunzig Cent pro Zehnerpack bekommt.
Ich werfe einen prüfenden Blick auf das, was ich vor dem Kuli-Mord geschrieben habe: wenige Worte, dagegen viele Striche, die eben jene durchkreuzen. Deshalb ziehe ich das Papier jedem Computer vor. Ich genieße es, zu sehen, wie ein echter, handfester Zettel mit echten, handgeschriebenen Buchstaben zu etwas wird, das die Menschen später begeistert; ebenso wie ich den bittersüßen Schmerz genieße, Worte durchzustreichen, die mir nicht gefallen. Es ist wesentlich dramatischer und stilvoller, Handschrift durchzustreichen, als abgetippte Buchstaben zu löschen. Nach Letzterem bleibt schließlich nur eine reine weiße Seite zurück, als hätten die Worte darauf nie existiert.
Leider sieht vor allem mein Chef Leroy das anders und kratzt sich jedes Mal auf ein Neues den nervösen Ausschlag auf seiner Stirn blutig, wenn ich ihm in der Entstehungsphase ein Blatt Papier über den Schreibtisch schiebe, das bereits mehrfach zerknüllt, beschrieben und wieder auseinandergefaltet wurde.
Kopfschüttelnd schiebe ich meinen Bürostuhl an den Schreibtisch, mache einen großen Schritt über den Staubsauger, der hier leider immer noch sein trauriges, einsames Dasein fristet, und öffne die Tür, um in den weiß gefliesten WG-Flur zu stolpern.
„Ich gehe Stifte kaufen, brauchst du was?“, rufe ich durch die Wohnung, während ich den Schlüssel von der Kommode in die Hosentasche stecke.
Es dauert nicht lange, bis Duffy ihren Kopf zur Wohnzimmertür herausstreckt und mich skeptisch ansieht. Ihre Haare erstrahlen in einem leichten Zuckerwatterosa und sind zu zwei kurzen Zöpfen geflochten, die ihr bis knapp unter das Kinn reichen.
„Schon wieder Stifte?“, fragt sie.
„Schon wieder Haare gefärbt?“, gebe ich zurück.
„Ja, heute Morgen.“ Sie lächelt verträumt. „Weißt du, Becca, da ist dieser Typ, und er liebt rosa …“
Abwehrend strecke ich ihr die Hände entgegen. „Verschone mich mit deinen gruseligen Tinder-Typen. Die Energie, die du darin investierst, ist absolut nicht gesund.“ Schnell schlüpfe ich in meine Turnschuhe und die fransige graue Jeansjacke, die ich letzten Monat auf dem Flohmarkt für traumhafte vier Dollar erstanden habe.
„Jede Woche ein Dutzend Stifte zu verschleißen, ist auch nicht gesund!“, ruft Duffy mir noch semischlagfertig nach, als ich die Haustür ins Schloss ziehe und die fünf Etagen ins Erdgeschoss laufe. Das Wohnen in einem Hochhaus ohne Aufzug kann ich jedem nur wärmstens ans Herz legen, der sportlich fit bleiben will, aber kein Geld hat, ein Abo in der Muckibude zu bezahlen. Zumindest die Beine kommen so auf ihre Kosten, für die Arme kann man gegebenenfalls auf schwere Einkäufe zurückgreifen.
Unten angekommen weht mir nach dem Öffnen der schweren Eingangstür bereits feuchter Wind entgegen, der für meinen Geschmack viel zu kalt ist. Der Herbst, und vor allem der darauffolgende Winter können mir mit ihrem Sturm, Regen und Schnee gestohlen bleiben, so wie auch alle anderen Tage, an denen das Thermometer Temperaturen unter zwanzig Grad anzeigt. Noch weigere ich mich hartnäckig, mir einzugestehen, dass der Winter unmittelbar vor der Tür steht. Deshalb trage ich an diesem regnerischen und windigen Tag im Spätoktober stur die Jeansjacke, anstatt sie allmählich gegen etwas Wärmeres und Wetterfesteres einzutauschen.
Kaum betrete ich den Gehsteig vor dem Haus, empfängt mich das bunte, laute, wilde und manchmal chaotische Stadtleben Aria Heights wird nicht umsonst die kleine Schwester von New York City genannt. Die große Vielfalt an Restaurants und Bars, Museen und Wolkenkratzern sowie der Aria Heights Park können meiner Meinung nach ganz gut mit dem Big Apple mithalten, auch wenn unsere Einwohnerzahl nicht annähernd mit seiner zu vergleichen ist.
Ob ich generell ein Stadtmensch bin, ist schwer zu sagen, aber irgendwann hat sich die Vorstellung in meinem Kopf festgesetzt, dass junge, aufstrebende Journalistinnen eben zwingend in solchen Großstädten wohnen müssen. Als würde es dazugehören – genauso wie Coffee to go Becher, auf denen der eigene Name falsch geschrieben ist, so einfach er auch sein möge, überteuertes Take-away Food und die klobige Spiegelreflexkamera um den Hals. Und wenn es schon nicht New York City sein kann, dann zumindest Aria Heights.
Als mein Zuhause bezeichne ich die Stadt, in der ich arbeite und wohne, jedoch nicht. Es ist mehr die Anonymität der Massen, die dafür sorgt, dass ich hier bin. Das Gefühl, eine von vielen zu sein. Ich kann nur erahnen, wie es sich anfühlt, ein richtiges Zuhause zu haben, einen Ort, an den man gerne immer wieder zurückkommt, an dem man sich rundum wohlfühlt. Dieses Privileg ist eindeutig nicht jedem vorbehalten.
Nur wenige Meter von dem Haus entfernt, in dem meine Mitbewohnerin wahrscheinlich gerade vor dem Spiegel für neue potenzielle Tinder-Profilfotos posiert, betrete ich den besten Supermarkt der Welt. Oder zumindest den besten, den ich kenne. Im Aria‘s Superstore gibt es einfach alles. Neben Zeitschriften, Last-minute-Geschenken, Hackfleisch und frisch importierten Südfrüchten befindet sich ein schmales rotes Regal mit allem, was mein kleines Journalistenherz höherschlagen lässt: Collegeblöcke, Post-its in allen möglichen Farben, Textmarker, Büroklammern, Klarsichtfolien, Ordner und – Kugelschreiber im Zehnerpack. Zufrieden werfe ich gleich drei davon in meinen Korb und schlendere dann weiter durch die Gänge, um noch ein paar belegte, in Plastik verpackte Sandwiches, etwas Nervennahrung, eine Dose meines liebsten Energydrinks und einen Fertigkuchen für Duffy zu kaufen, die morgen Geburtstag hat.
Beim Vorbeischlendern an der Tiefkühlabteilung erhasche ich einen Blick auf mein Spiegelbild. Seit ich mal den Begriff Resting Bitch Face gelesen habe, bin ich mir ziemlich sicher, dass er auf mein Gesicht zutrifft. Es stört mich aber nicht wirklich, da ich sowieso nicht gerade erpicht darauf bin, von Fremden angesprochen zu werden. Smalltalk liegt mir nicht.
Meine dichten hellbraunen schulterlangen Haare habe ich zu einem Zopf im Nacken zusammengenommen. Ich bin mit einem schlichten weißen Langarmshirt, einer schwarzen Leggins, Chucks und meiner heißgeliebten Jeansjacke leger gekleidet. Mein Körper ist das, was man im Allgemeinen als Sanduhrfigur bezeichnet: große Oberweite, schmale Taille, breite Hüften.
Nach außen hin wirke ich vermutlich unauffällig, verschlossen und womöglich sogar etwas abweisend, was mir aber eigentlich entgegenkommt. So bin ich zumindest vor den Blicken und Kommentaren sicher, die einen erwarten, wenn man mit einer offenen und grundsätzlich besser gelaunten Person wie Duffy unterwegs ist.
Von all den Punkten, die es laut gängigen Suchmaschinen und Insidern braucht, um eine gute Journalistin zu sein, ist die Kommunikationsfreude die Einzige, die mir fehlt. Ich bin neugierig, beharrlich, kritisch, aufmerksam, sprachgewandt, kreativ und unglaublich zielstrebig, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe – aber die soziale Ader ist mir nicht in die Wiege gelegt worden. Mich interessieren Geschichten. Menschen eher weniger. Männliche Menschen überhaupt nicht.
„Vierundzwanzig Dollar siebenundzwanzig.“ Die Kaugummi kauende Kassiererin sieht mir dabei zu, wie ich das Geld in meinem Portemonnaie suche. Ich schaffe es gerade so, den Betrag zusammenzukratzen. Die ältere Frau hinter mir hüstelt schon ungeduldig. Ich schlucke einen Kommentar herunter, schultere meine volle Plastiktüte und verlasse Aria‘s Superstore.
Als ich nach dem Bachelor-Abschluss in Journalismus mein erstes mies bezahltes Praktikum antrat, hatte ich mir meine Zukunft zumindest etwas anders vorgestellt. Mit mehr Geld in der Tasche, einem echten Büro und Stories, die so gut sind, dass sie ständig die Titelseite zieren. Ich wollte mir in der Zeitungsbranche einen Namen machen und mit einer dieser schicken rechteckigen Ledertaschen und mit einem Starbucks Karamell Latte to go selbstbewusst durch die Straßen schlendern. An ein winziges WG-Zimmer, einen unfassbar abnormalen Verschleiß an Kugelschreibern, ein fensterloses Möchtegern-Büro und Geschichten, die nicht annähernd etwas mit Schlagzeilen zu tun haben, habe ich nicht gedacht. Aber immerhin bin ich weit weg von allem, was mich hergebracht hat.