Kapitel 1
Tausendundein winzig kleine Staubpartikel tanzen durch die Luft, über den dunklen Parkettboden und vor der glatten Spiegelwand entlang. Es ist ein grauer Freitagnachmittag in Lakehaven. Regentropfen prasseln seit einer gefühlten Ewigkeit ans Fenster, als würden sie um Einlass bitten. Der Winter steht kurz bevor und der Herbst hat zu seinen letzten, kräftigen Atemzügen angesetzt.
Hier im Inneren strahlen die vielen systematisch angebrachten Studio-Spots in der Decke um die Wette. Während New York State Of Mind aus den Lautsprechern dringt, schreite ich mit aufmerksamem Blick durch den Ballettsaal.
„Tessa, du musst an deinem Plié arbeiten.“ Ich lege dem zarten blonden Mädchen, das ganz vorne an der Stange steht, eine Hand auf die Schulter und nicke ihr aufmunternd zu, ehe ich mich wieder meinen anderen Schülerinnen zuwende. „Nächste Woche konzentrieren wir uns noch einmal alle gemeinsam auf die Pirouetten. Das hier ist schließlich ein Ballettstudio, kein Zirkus voller Tanzbären.“
Einige der Kinder kichern, doch meine ernste Miene lässt sie schnell wieder verstummen. Um meine Worte zu untermalen, drehe ich mich einmal um die eigene Achse, halte den Körper dabei in einer kerzengeraden Position und lasse sogleich eine zweite, dritte und vierte Pirouette folgen. Das, was auf meine jungen Zuschauerinnen wahrscheinlich vollkommen mühelos wirkt, ist das Ergebnis jahrelanger, harter Arbeit – kombiniert mit Kraft und Technik sowie absoluter Kontrolle über das Gleichgewicht und den eigenen Körper.
„Eines Tages will ich auch so gut sein“, seufzt Olivia, eine muntere Achtjährige mit schwarzen Locken und bezaubernd langen Wimpern. Ihre Wangen glühen vor Anstrengung, auf ihrer Stirn glitzern die Schweißperlen als Zeugen ihrer Bemühung.
„Das werdet ihr ‒ wenn ihr immer fleißig übt“, gelobe ich und weiß aus eigener Erfahrung sehr wohl, dass ich dieses Versprechen nicht werde halten können. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch nur eine meiner zehn Schülerinnen dieses Kurses auch noch als Erwachsene an der Liberty‘s School Of Dance trainiert, selbst unterrichtet oder regelmäßig auf der großen Bühne tanzen wird, ist schwindend gering. Je älter sie werden, desto mehr von ihnen werden aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr in meinen Unterricht kommen. Mangelndes Talent, aufgebrauchte finanzielle Mittel der Eltern und andere neue Hobbys, die ihre Zeit und Aufmerksamkeit einfordern, sind nur einige wenige davon. Doch es ist nicht mein Job, ihre Träume platzen zu lassen, sondern das Beste aus ihnen herauszukitzeln – mit Erfahrung, Geduld und liebevoller Strenge.
Lächelnd winke ich den Mädchen beim Abschied nach, als ich Matt hinter der Glastür warten sehe. Wir waren für heute gar nicht verabredet. Was für eine schöne Überraschung! Mein Herz macht einen Sprung. Er sieht aus wie ein Filmstar. Ein verdammt heißer Filmstar mit kurzen blonden Haaren, strahlend blauen Augen und breiten Schultern, die nur dazu einladen, sich anzulehnen. Wir sind erst seit vier Monaten ein Paar, also kann man das, was uns beide beim Anblick des jeweils anderen wie Honigkuchenpferde grinsen lässt, wahrscheinlich unter anfänglicher Verliebtheit verbuchen. Jene Zeit, in der man den Partner durch eine rosarote Brille betrachtet, ganze Horden an Schmetterlingen im Bauch hat und sich am liebsten bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegenseitig die Kleidung vom Leib reißen will. Aber ich hätte absolut nichts dagegen, wenn es für immer so bleiben würde.
„Zeit für ein Mittagessen?“, begrüßt er mich und drückt mir zeitgleich einen Kuss auf die Lippen und einen Strauß Blumen in die Hände. Rote, langstielige Rosen, so viele, dass man sie auf den ersten Blick nicht zählen kann. Wie fast alles, was er mir schenkt, sind sie schwer und waren eindeutig teuer.
„Mein nächster Kurs ist um fünfzehn Uhr“, überlege ich laut, während ich einen flüchtigen Blick auf unser Spiegelbild werfe. Nicht nur einmal sind wir beide als das perfekte Paar betitelt worden. Matt ist einen guten Kopf größer als ich und sieht aus wie der typische Kapitän der Footballmannschaft, auf den jede Cheerleaderin ein Auge geworfen hat. Ich bin 165 cm groß, schmal gebaut, mit einer Menge Muskeln durch das fortwährende Tanzen. Meine fast hüftlangen, blond gesträhnten Haare trage ich meist zu einem straffen Dutt am Oberkopf zurückgebunden. Außerdem schminke ich mich gern und täglich. Ich liebe es, mit Make-up zu experimentieren und trage für mein Leben gerne Lippenstift und schwarz getuschte Wimpern. Meine Augen sind ebenfalls blau, aber dunkler und nicht ganz so strahlend wie seine. Die Augenfarbe unserer zukünftigen Kinder wäre also geklärt.
„Ich ziehe mich nur schnell um“, erkläre ich, küsse ihn ein zweites Mal, dieses Mal länger und sanfter, und deute auf die Rosen. „Und die hier stelle ich ins Wasser, damit sie so schön bleiben, wie sie sind.“
Mit dem Strauß in den Händen verlasse ich den Raum, um in der Gemeinschaftsküche eine Vase zu organisieren. Die Liberty‘s School Of Dance ist mein zweites Zuhause, seit ich zurückdenken kann. An keinem anderen Ort der Welt habe ich so viel gelernt, gelacht, geweint und geblutet wie an diesem. Hoffnungen, Wut, Liebeskummer, Zweifel, Unsicherheiten – jede einzelne Emotion wurde genutzt, um sie in meine Entwicklung zu stecken. In die Karriere. In die Perfektion. Nun bin ich sowohl Elevin kurz vor dem Ende der Ausbildung als auch Lehrerin für die Petit rat, die Ballerinen zwischen sechs und zehn Jahren, und die Précoce, jene kleine Tänzer und Tänzerinnen, die zwischen vier und sechs Jahre alt sind. Ich bin das, was man in der Welt des Tanzes als Naturtalent betitelt, weiß aber selbst, dass es tatsächlich nur zu einem Bruchteil mit Talent, sondern ebenso mit Förderung, Disziplin und Geld zu tun hat.
Auf dem Gang zwischen Küche und Umkleide begegne ich meinem Kollegen Pierre. Schweigend nicken wir einander zu. Er ist ein großartiger Tänzer und mit seinem sonnengebräunten Teint, den dunklen Augen und der streng zurückgekämmten Langhaarfrisur verdammt attraktiv, aber die Tatsache, dass die gesamte Tanzschule mindestens fünfmal am Tag von seinen strengen, ungeduldigen Schreien erfüllt wird, die seine Schülerinnen in Tränen ausbrechen lassen, schmälert meine Sympathie für ihn. Ich hatte während meiner Ausbildung viele Lehrer, und die Lautesten waren nie die besten. Strenge braucht keinen Lärm, um zu wirken.
Schnell tausche ich Trikot, Strumpfhose und Ballettschuhe gegen ein Alltagsoutfit, das aus einem weiten Sweatkleid und einer schwarzen Leggins besteht, schlüpfe in meine Stiefel und laufe zurück zu Matt, der noch am Ballettsaal steht und auf sein Handy blickt. Kaum bemerkt er mich, steckt er es ein und zwei Reihen strahlend weißer Zähne blitzen mich an.
„Barry‘s Eck?“, fragt er.
„Barry‘s Eck“, segne ich unser aktuelles Lieblingsrestaurant ab, das auch noch den Vorzug hat, unmittelbar in der Nähe der Tanzschule zu liegen.
Hand in Hand laufen wir durch das Herbstwetter, das inzwischen nur noch aus feinen Nieseltropfen besteht. Die Luft riecht nach Regen. Ich ziehe mir meine übergroße Kapuze über den Kopf, um meine Haare zu schützen, die zwar naturglatt sind, sich aber bei Feuchtigkeit leicht zu kräuseln beginnen. Mittags hat man meistens das Glück, einen freien Platz zu ergattern. Abends hingegen ist das hippe Restaurant mit den bananenförmigen Lampen ständig restlos ausgebucht, und man reserviert seinen Tisch am besten schon eine ganze Weile im Voraus.
Der Kellner begrüßt uns freundlich und führt uns an einen ovalen Zweiertisch am Fenster, auf dem ein einziges Teelicht flackert. Matt schiebt meinen Stuhl zurück, damit ich Platz nehmen kann.
„Danke.“ Lächelnd setze ich mich und nehme die Speisekarte in die Hand, die wie die Doppelseite einer Tageszeitung gestaltet ist. Alles in diesem Restaurant ist futuristisch, auffällig und andersartig, und genau das macht es zu einem großen Anlaufpunkt in dieser Stadt, in der es kaum neu und besonders genug sein kann. Der schwarz-weiß geflieste Boden, die auffälligen Aktfotos an den Wänden, die gerade einmal das Nötigste verbergen, und die lilafarbene Kleidung der Kellner sind nur einige Details, die einem ins Auge fallen, wenn man den Blick schweifen lässt. Aus dem Radio dringt eine wilde Mischung aus Jazz, klassischen Musikstücken, Rock und Charts.
„Ich nehme die kleine Couscous-Bowl mit Lachs und dazu ein Glas Wasser.“ Ich reiche die Speisekarte an Matt weiter.
Er entscheidet sich für ein Steak mit Rucola Salat, gibt unsere Bestellung auf und sieht aus dem Fenster. „Mistwetter“, urteilt er nachdenklich, ehe sein Blick zurück zu mir gleitet. „Du siehst hübsch aus.“
„Danke.“ Ich lasse die Wimpern flattern und schicke ihm einen Handkuss über den Tisch. „Du auch.“
Matt lacht. Es ist vielleicht ungewöhnlich, Männer hübsch zu nennen, weil sie meist eher mit stark, attraktiv, muskulös und so weiter betitelt werden, aber meiner Meinung nach ist er wirklich hübsch. Seine Haut ist glatt und makellos, sein Kleidungsstil hat einfach Klasse und seine Wimpern lassen mich jedes Mal vor Neid erblassen. Von den breiten Schultern und den kräftigen Armen will ich gar nicht erst sprechen. Er ist eine Zehn von zehn – und er weiß es.
Eine junge Kellnerin serviert uns zwei große Wassergläser mit Eiswürfeln und Zitrone am Rand und blinzelt verlegen in seine Richtung. Ich grinse. Eifersucht kenne ich nicht, ich bin eher stolz, dass ich diejenige bin, die mit ihm hier sitzt und nachts mit ihm das Bett teilt. Außerdem kann ich, ohne arrogant klingen zu wollen, wirklich behaupten, dass ich es mir erarbeitet habe, ebenfalls eine Zehn von zehn zu sein. Und ich bin mir durchaus im Klaren darüber, welches Privileg das ist.
Erst als unsere Gerichte serviert werden, spüre ich, wie hungrig ich bin. Mein Magen zieht sich in jäher Vorfreude zusammen, während die köstliche Geruchsmischung aus Sojasauce, Knoblauch, Kürbis und Koriander mir in die Nase steigt. Was für ein Glück, dass gesunde Ernährung nicht das heißt, was die meisten denken: Verzicht. Die Gerüchte, dass Ballerinen sich nur von Knäckebrot und Light-Getränken ernähren, hält sich viel zu hartnäckig. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Wir dürfen genießen. Wir dürfen satt werden. Natürlich sind ständige Essensorgien mit Fast Food, Eiscreme und Torten nicht drin, aber die Vielfalt ausgewogener Lebensmittel ist reichlich, außerdem verbrennt der Sport unfassbar viele Kalorien. Da ich von klein auf getanzt habe, wurde auch auf meine Ernährungserziehung geachtet, sodass ich einen gesunden und verantwortungsbewussten Umgang mit Essen quasi in die Wiege gelegt bekommen habe.
Während ich meine Bowl Löffel um Löffel genüsslich verspeise, gibt Matt eine seiner Bürogeschichten zum Besten. Wie immer verstehe ich nicht genau, was er da erzählt, dennoch liebe ich es, ihm zuzuhören. Er ist ein hochrangiges Tier in einer expandierenden Firma, die irgendetwas mit Computern herstellt und bestimmte Programme stetig modernisiert. Mehr weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass seine Augen besonders stark funkeln, wenn er sich an diese Momente erinnert. Dass seine Mundwinkel bereits zucken, Sekunden bevor er den eigentlich lustigen Teil erzählt. Dass der Praktikant James heißt und nach Marihuana stinkt, seine persönliche Sekretärin eine richtige Karen ist und verrückterweise auch so heißt und der neue Vorgesetzte, der erst seit drei Wochen dabei ist, ein ziemlicher Idiot zu sein scheint.
Ich lache, als Matt lacht und schüttle den Kopf über die Naivität der jungen Auszubildenden, obwohl die Erzählung mir an keiner Stelle verraten konnte, was genau ihr Fehler beim Programmieren war. Als ich meinen Löffel beiseitelege, ist die Schüssel vor mir noch zu einem Drittel gefüllt.
„Und du?“ Matt neigt leicht den Kopf und schneidet sich ein mundgerechtes Stück Steak ab. „Wie war dein Tag bisher?“
„Ziemlich gut“, nicke ich zwischen zwei Schlucken Wasser. „Heute Abend wird es noch einmal schweißtreibend.“
Beim bloßen Gedanken an das fordernde Training, das mich nach meinen Ballettstunden mit den Kindern noch selbst erwartet, läuft mir ein wohliger Schauer über den Rücken. Nichts tut so gut, wie eine Trainingseinheit unter der Anleitung von Monsieur Martin, die uns Elevinnen alles abverlangt.
„Bist du aufgeregt?“, erkundigt Matt sich, nachdem er sich mit einer Serviette den Mund abgetupft hat.
„Wie immer“, winke ich ab. „Das ist nicht mein erster Auftritt.“
„Aber vielleicht dein Wichtigster“, wirft er ein und hat damit nicht ganz unrecht. Nicht nur, dass ich die Hauptrolle in einem furchtbar anspruchsvollen Stück tanze – es werden auch wichtige Menschen im Publikum sitzen, die für das Weiterkommen meiner Karriere von Nutzen sein könnten.
„Ich freue mich einfach, wenn sich der Vorhang hebt und ich alles geben kann“, antworte ich lächelnd.
„Ich kann es kaum erwarten, dich dort oben zu sehen.“ Er stützt die Ellbogen auf dem Tisch ab, verschränkt die Hände ineinander und legt sein Kinn darauf ab. In seinen Augen leuchten Bewunderung, Zuneigung und Stolz auf. „Und dann werde ich jedem verkünden, dass du meine Freundin bist. Ob sie das alle interessiert oder nicht, ist mir egal.“
Gut gelaunt verlassen wir wenig später das Restaurant und machen uns in verschiedene Richtungen auf, um nach der Mittagspause unseren Jobs wieder nachzugehen. Ich schlinge die Arme um meinen Körper und beschleunige meine Schritte. Es ist verdammt kalt geworden.
In diesem gehobenen Stadtviertel Lakehavens, in der Nähe von New York City, gibt es weder herumfliegenden Müll noch schäbige graue Wolkenkratzer, die fast überall sonst wie verrückt aus dem Boden schießen. Es ist sauber, hell und modern, und ich spiegle mich in den auf Hochglanz polierten Schaufenstern diverser Boutiquen und Cafés. Selbst die Pfützen am Boden, die der heute immerwährende Regen mit sich bringt, haben Klasse und verlaufen in schmalen Rinnsalen Richtung Straßenrand.
Kurz bevor ich die Tanzschule erreicht habe, vibriert das Handy in der Bauchtasche meines Sweatkleides. In Erwartung einer süßen, mit Komplimenten vollgepackten Textnachricht von Matt ziehe ich es hervor und runzle irritiert die Stirn, als mir stattdessen als Absender eine mir unbekannte Nummer angezeigt wird.
Hi, meine Süße. Lange nichts von dir gehört. Ich habe gerade den letzten Umzugskarton ausgepackt (wird nach fünf Monaten auch mal Zeit, nicht wahr?) und dabei sind mir alte Fotos von uns beiden in die Hände gefallen. Mein Gott, waren wir jung. Jetzt muss ich die ganze Zeit an dich denken und hoffe, dass deine Nummer noch aktuell ist. Tausend Küsse. Eisige Grüße
Lane
Lane. Erst beim Lesen des Namens macht es Klick bei mir. Ich habe meine ehemalige beste Freundin ewig nicht mehr gesehen, um genau zu sein, seit wir unseren gemeinsamen Wohnort im sonnigen Kalifornien verlassen haben und in die Nähe der Liberty‘s School Of Dance gezogen sind. Die Tanzschule, die ich damals besuchte, legte zwar den Grundstein für meine Liebe zum Ballett, war jedoch nicht annähernd so berühmt und elitär wie die Liberty‘s School Of Dance, die mich dank meiner bekannten Eltern und einem vorzüglichen Zeugnis sofort annahm.
Ich muss elf oder zwölf gewesen sein und der damals unheimlich enge Kontakt zwischen uns verlief sich mit den Jahren, spätestens jedoch, als Lanes Familie ebenfalls umzog und in der Nähe von Florida landete. Und nun ist sie offenbar erneut umgezogen.
Ich zucke mit den Schultern und versenke das Handy wieder in der Kleidertasche. Ich habe keine Zeit zum Kontakte knüpfen oder um alte Freundschaften wieder aufleben zu lassen. Die große Aufführung steht an – und nichts auf der Welt ist jetzt wichtiger als das.
Kapitel 2
Nirgendwo auf der Welt bin ich so sehr ich selbst wie auf der Bühne. Überall sonst bin ich bloß ein Teil davon, wie ein Puzzle, dem ein Stück fehlt. Ich bin süchtig nach dem Tanzen, süchtig nach dem Gefühl, das es in mir auslöst. Und auch wenn es arrogant klingt – ich bin ebenso süchtig nach der Anerkennung und der Bestätigung, wie gut ich inzwischen bin.
Sobald der Vorhang fällt, das Licht gedimmt wird und die Musik einsetzt, ist alles andere in meinem Kopf wie ausgelöscht. Und wenn ich alles sage, dann meine ich alles. Da ist kein Platz mehr für Lampenfieber, anstehende Termine, vorherige Unstimmigkeiten in der Gruppe oder Teile meines Lebens, die das Ballett nicht betreffen. Es gibt nur mich und dieses unfassbare Gefühl von Energie, das durch meine Adern fließt und mich so sehr erfüllt, dass ich glaube, ewig tanzen zu können. Jeder Schritt, jede Bewegung, jeder Sprung sitzt. Ich spüre mich bis in die Fingerspitzen und in die Zehen hinein. Jeder Muskel ist angespannt und weiß ganz genau, was er zu tun und zu lassen hat.
Es ist egal, ob es eine Probe oder der eigentliche Auftritt ist, denn ich bin ein Hundert Prozent-Mensch. Diese Ausbildung hat schließlich nicht horrende Summen an Geld, unzählige blutgetränkte Zehen und Fersen und so mancherlei Freundschaft und Freizeit gekostet, damit ich nur fünfzig oder fünfundsiebzig Prozent gebe.
Mit dem anstehenden Auftritt hat sich der größte Traum meiner Elevinnen-Gruppe, der Shadow Foxes, erfüllt und mit der Hauptrolle mein größter Traum. Die Liberty‘s School Of Dance ist zwar bekannt dafür, regelmäßig Aufführungen zu geben, doch das bekannte Stück namens Schwanensee, bestehend aus vier Akten, und das zu erwartende große Publikum, machen das Ganze unfassbar spektakulär und wichtig.
„Wir tanzen hier den Schwanensee, meine Damen, nicht den Waschweiberteich“, ermahnt Monsieur Martin mit jenem leisen, aber schneidenden Unterton in der Stimme, der jegliche Gespräche unserer kurzen Pause augenblicklich ersterben lässt.
Ich nehme einen letzten Schluck Wasser und straffe die Schultern.
Kaum einen Atemzug später befinden sich alle Elevinnen wieder auf der Probebühne. Die Musik setzt ein und Monsieur Martin nickt diskret in meine Richtung.
Ich halte den Atem an, fokussiere mich. Und dann tanze ich meine zweiunddreißig Fouetté-Drehungen. Da sind kein Schwindel, kein Schmerz in den Zehenspitzen, auf denen ich stehe, keine Erschöpfung. Nur der Tanz und ich. Und als ich mit nach oben gestreckten Händen ende, ist das Lächeln in meinem Gesicht echter denn je.
„Bravo, Gia.“ Monsieur Martin klopft zweimal sachte seine Finger gegeneinander, was für ihn schon einem Applaus nahekommt. „Und so, meine Damen und Herren, sieht eine zukünftige Primaballerina aus.“
Mit pochendem Herzen bedanke ich mich für das Kompliment. Meine Wangen glühen, mein Kiefer schmerzt bereits, so sehr lächle ich. Atemlos und erfüllt von Glück, das jede einzelne Vene und Arterie meines Körpers durchströmt, wünsche ich mir, wie schon so oft, die Zeit anhalten zu können. Ich will dieses Gefühl festhalten, will es bis in die Ewigkeit ausdehnen, konservieren und für immer davon zehren können.
Beim nächsten Schritt jedoch verschwindet es von einem Sekundenbruchteil auf den anderen und wird durch einen messerscharfen, stechenden Schmerz im Knöchel ersetzt, der mir zuerst den Atem raubt und mich dann einen spitzen Schrei ausstoßen lässt. Ich sacke in mich zusammen und versuche, meinen Atem unter Kontrolle zu bringen und zu verstehen, was gerade passiert ist. Bin ich falsch aufgekommen? Ist mein Gelenk überlastet, krampft womöglich, obwohl es das nie zuvor getan hat?
Plötzlich verschwimmt alles, was bisher noch um mich herum passiert ist. Alle sehen mich an, eine Hand drückt meine Schulter, irgendwer fragt, was passiert ist. Ich schaffe es kaum, aufzusehen, geschweige denn zu antworten. Ich will nur, dass es aufhört wehzutun.
„Kannst du aufstehen?“ Monsieur Martin klingt ernst.
„Nein“, bringe ich mit einem Keuchen hervor. Der Schmerz verändert sich. Er pulsiert, zieht sich enger um das Gelenk und brennt wie ein verdammter Feuerring. Irritiert bemerke ich, dass mir Tränen über das Gesicht laufen.
„Bestimmt brauchst du nur eine Pause“, murmelt jemand.
Tröstliche Worte, die bestimmt gut gemeint sind, aber mir ist längst klar, dass eine Pause allein das, was gerade passiert ist, nicht richten wird. Ich habe über Jahre mit Schmerz gearbeitet, bin Schmerz gewohnt. Blutende Fersen und Zehen, Muskelkater, Überlastungen, Zerrungen. Nie jedoch habe ich etwas wie das gespürt.
Immer noch atemlos und erhitzt von den vielen Drehungen versenke ich das Gesicht in den Händen und flehe stumm, dass der Schmerz aufhören möge. Im Hintergrund höre ich, dass jemand von einem Rettungswagen spricht und Monsieur Martin ohne zu zögern seine Zustimmung gibt. Dann wird alles schwarz.
Als ich wieder zu mir komme, herrscht ein verwirrendes Durcheinander aus Stimmen, Schritten und ungewohnten Geräuschen um mich herum. Der Schmerz ist immer noch da, auch wenn er sich erneut verändert hat. Der Knöchel pocht und tief im Inneren brennt er wie Feuer.
„Wie lange soll das denn bitte noch dauern?“ Die Stimme meines Dads dringt wie durch eine dichte Watteschicht an mein Ohr. „Wie ich bereits sagte, zahlen wir schon immer in eine Privatversicherung mit Zusatzversicherung ein und …“
„Das ändert, wie schon erwähnt, nichts an der Tatsache, dass Sie sich gedulden müssen, Sir“, entgegnet eine zugleich resolut wie auch abgestumpft klingende Frauenstimme. „Das ist die Notaufnahme und nicht das Hilton. Sobald einer unserer Ärzte oder Ärztinnen frei ist, wird Ihre Tochter untersucht und gegebenenfalls auf ein Zimmer gebracht. Wir haben Notfälle hier, bei denen es um Leben und Tod geht. Ihre Tochter sieht ziemlich lebendig aus, wenn Sie mich fragen. Sie muss warten. Punkt.“
Ich werfe einen Blick auf meinen lädierten Knöchel. Meine Trainingshose ist hochgezogen, mein Fuß nackt und hochgelagert, und ein flaches blaues Tuch, unter dem ich ein Kühlpad vermute, liegt auf der schmerzenden Stelle.
Irgendwo ganz in der Nähe grölt ein Mann, der ziemlich betrunken klingt. Er verlangt nach einem Glas Wasser, einem Telefon und seinem Bruder Steve, gleich darauf brüllt er auf und droht mit Prügel.
„Zwingen Sie mich nicht, die Polizei zu rufen, Brian“, brummt die Frauenstimme von vorhin. „Sie wissen, dass ich das mache, richtig?“
„Entschuldigung, Schwester Sara“, nuschelt der Betrunkene und gibt Ruhe.
„Unerhört.“ Mum, die neben meinem Bett steht, seufzt, als ihr Blick auf mein Gesicht fällt. „Oh Gia, Schätzchen, du bist wach. Gott sei Dank.“
„Sie sagten doch, es wäre bloß eine Reaktion auf den Schmerz.“ Dad klingt nüchtern. Ich kenne die tiefe Falte, die zwischen seinen Brauen entsteht, und langsam, aber unaufhaltbar die Stirn emporklettert. Meist erscheint sie, wenn er verärgert oder gestresst ist, manchmal bei Müdigkeit. „Ist ein absolutes Ding der Unmöglichkeit“, raunt er mehr zu sich selbst als zu irgendjemandem sonst und schüttelt den Kopf, während er mir mit der Hand das gesunde Bein tätschelt. „Wir werden hier abgespeist wie irgendwelche Geringverdiener, und gleich nebenan schläft ein Junkie seinen Rausch aus. Dieses Krankenhaus wird von unserem Anwalt hören.“
„Ich bin kein Junkie!“, empört sich die benebelt klingende Männerstimme von vorhin lautstark.
„Dann fühlen Sie sich nicht angesprochen!“, ruft Dad zurück.
Mum verdreht die Augen und bedenkt ihn mit einem tadelnden Blick. Um die schmale Liege, auf der ich mich befinde, ist notdürftig ein schmutzig-grauer Sichtschutz gespannt, der von unzähligen Ringen an einer Stange an der Decke gehalten wird. Ein guter Meter zu meinen Füßen hin ist frei davon und offenbart einen Blick auf das Chaos in der Notaufnahme. Es riecht nach einer unangenehmen Mischung aus Desinfektionsmitteln, Schweiß, Blut und Essen. Überall piept es, immer mal wieder fällt in der Ferne eine Tür ins Schloss oder ein Telefon klingelt. Eine Frau mittleren Alters, mit streng nach hinten gekämmtem Dutt und einer Haut, die auf viele, viele Solariumbesuche hindeutet, bleibt vor uns stehen und stemmt die Hände in die Hüften, während sie Dad ermahnend ansieht. Aus irgendeinem Grund bin ich mir absolut sicher, dass die resolute Stimme, die ich vorhin gehört habe, ihre ist.
„Wenn Sie hier weiterhin Ärger machen wollen, Sir, lasse ich Sie aus diesem Krankenhaus entfernen.“
Ich hatte recht.
„Aber meine Tochter ist verletzt!“, begehrt er auf.
„Ich spreche nicht von Ihrer Tochter. Sie und Ihre Frau dürfen bleiben …“, stellt sie trocken klar, „… aber Sie verlassen meine Notaufnahme, wenn ich noch ein einziges Wort höre, was mir nicht gefällt. Verstanden?!“
„Verstanden“, brummt Dad kleinlaut und senkt den Blick, als hätte er plötzlich etwas furchtbar Interessantes auf seinen Schuhen entdeckt.
„Respekt“, flüstert Mum, kaum dass die Krankenschwester weitergezogen ist. „Von der kann man sich noch eine Scheibe abschneiden.“
Dad wirft ihr einen eisigen Blick zu. In seinen langen, einst pechschwarzen Haaren nehmen die silbernen Strähnen allmählich Überhand. Ihm ist anzusehen, wie schwer es ihm fällt, sich zusammenzureißen. Er ist es nicht gewohnt, die zweite Geige zu spielen und sich gedulden zu müssen. Normalerweise tun die Menschen, was er will und wann er es will.
„Wie geht‘s dir, mein Schatz?“, wendet er sich mir zu, nachdem er einmal tief ein- und wieder ausgeatmet hat.
„Es tut weh“, murmle ich. Auf einmal komme ich mir wie ein kleines Kind vor, das auf die Knie gefallen ist und darauf wartet, aufgehoben und mit einem Pflaster verarztet zu werden. Aber ich mache mir nichts vor … das hier ist schlimmer, und weder ein Pflaster noch meine Eltern mit ihrer privaten Krankenzusatzversicherung werden diesen Schmerz so schnell verschwinden lassen können.
Ich versuche, mich auf der unbequemen, harten Liege auch nur annähernd angenehm hinzulegen und fahre zusammen, als die leichte Bewegung wie ein Messerstich in meinen Knöchel fährt. Ich muss mir auf die Zunge beißen, um einen Aufschrei zu unterdrücken, aber ich spüre, wie mir Schweißperlen auf die Stirn treten.
„Sind Sie Miss Swanson?“ Am Fußende der Liege bleibt ein junger, übernächtigt aussehender Arzt mit rotem zerzaustem Haar und weißem Kittel stehen. Er blickt auf sein Klemmbrett, dann über den Rand seiner Brille hinweg auf meinen hochgelagerten Fuß.
„Ja, ist sie“, antwortet Dad, ehe ich es selbst tun kann.
„Gut.“ Der Arzt tritt zu mir, nimmt das Kühlpad herunter und betrachtet das Ganze kurz. Mir fällt auf, dass mein Knöchel inzwischen angeschwollen und tief blau-grün ist. „Ich bin Dr. Smith. Wie ist das passiert, Miss Swanson?“
„Das haben wir bereits mehrfach erklärt“, merkt Dad ungeduldig an. „Tauschen Sie sich hier untereinander nicht aus?“
Dr. Smith überhört die bissige Bemerkung und sieht mich weiterhin fragend an. Ich erzähle ihm in zwei knappen Sätzen, wie es zu der Verletzung kam.
„In fünf Wochen ist unsere große Aufführung und ich tanze die Hauptrolle“, schiebe ich mit angehaltenem Atem hinterher. „Werde ich dafür wieder fit sein?“ Nein. Ich schüttle den Kopf. Die Frage stellt sich gar nicht erst. „Ich muss bis dahin wieder fit sein“, korrigiere ich mich selbst.
„Das werden wir sehen.“ Dr. Smith ringt sich ein müdes Lächeln ab und legt sein Klemmbrett auf mein unverletztes Bein. „Ich muss Ihren Knöchel einmal abtasten. Das könnte etwas wehtun.“
Etwas ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Mir schießen Tränen in die Augen, als er die Finger auf die tiefblaue Wunde legt und dabei nicht einmal besonders fest zudrückt. Keuchend klammere ich mich am Rand der Liege fest.
„Wir müssen weitere Untersuchungen machen, um sichergehen zu können, aber das sieht mir sehr nach einer Fraktur des Sprunggelenks aus“, erklärt er, während sein Blick mich mit einem milden, mitleidigen Lächeln streift. „Eine typische Verletzung bei Ihrem Hobby.“
„Job“, korrigiere ich ihn mit schmerzverzerrter Miene. Das Ballett als mein Hobby zu bezeichnen, ist lächerlich. Berufung trifft es eher. Schließlich bezeichne ich seinen Medizinerstatus auch nicht als Hobby. Aber das verstehen nur die Wenigsten.
Ich trinke ein Glas Wasser und versuche die Angst vor dem, was mir bevorsteht, zu verdrängen. Allein die Vorstellung, bei der Aufführung nicht auf der Bühne zu stehen … Ich sauge scharf Luft ein und setze ein Pokerface auf.
Einem Röntgenbild, ewiger Wartestunden und einer Handvoll Müsliriegel aus dem Snackautomaten später, folgt die traurige Gewissheit. Ein anderer Arzt namens Dr. Jameson, etwas älter, mit graumelierten Haaren und einem gemütlichen Bauchansatz, erklärt uns mithilfe des Röntgenbilds, das er im Behandlungsraum am Computer aufruft, wo die Verletzung sich befindet. Dr. Smith hatte recht, es ist ein Bruch, eine Sprunggelenkfraktur. Mit jedem Wort, das Dr. Jamesons Lippen verlässt, spüre ich, wie Stück für Stück etwas in meinem Inneren zerbricht.
„Und mein Auftritt?“, falle ich ihm ins Wort. Meine Stimme klingt, als würde mir jemand die Kehle zudrücken.
„Auftritt?“, echot er, die eine Braue verunsichert in die Höhe gezogen.
„Ich tanze die Hauptrolle in Schwanensee, eine … eine Doppelrolle! Wissen Sie, was für eine Ehre das für eine Elevin ist? Sämtliche Elevinnen der Shadow Foxes und Monsieur Martin zählen auf mich, und … und Matt wird in der ersten Reihe sitzen“, werfe ich ihm unzusammenhängend an den Kopf.
Dr. Jameson antwortet nicht, doch sein Gesicht spricht Bände.
„Das ist wirklich ein wichtiger Auftritt“, ergänzt meine Mutter. „Gia hat jahrelang darauf hingearbeitet, auf dieser Bühne zu stehen und die Hauptrolle zu tanzen. Ihre Ausbildung ist bald vorbei, wichtige Personen werden im Publikum sitzen, Journalisten und …“
„Also sorgen Sie dafür, dass sie schnell wieder auf den Beinen ist“, fügt Dad hinzu, den typisch dominanten Unterton in der Stimme, den er immer anschlägt, wenn er sich bei Geschäftspartnern durchsetzen oder die Zustimmung von jemandem erreichen will, der eigentlich nicht seiner Meinung ist.
Doch der betagte Arzt lässt sich nicht beirren. Unbeeindruckt lässt er mein Röntgenbild vom Bildschirm des Computers verschwinden und sieht mir in die Augen. „Wann ist diese Aufführung?“
„In genau fünf Wochen“, antworte ich und lege so viel Hoffnung in diese Worte, dass meine Stimme dabei zittert.
Bitte sag, dass das kein Problem ist. Dass ich in drei Wochen wieder tanzen, springen und mich drehen kann, wie ich es gestern noch konnte. Dass dieser Bruch klein und unkompliziert ist und in wenigen Tagen mit etwas Schonung abheilen wird.
Aber der ernste Ausdruck in seinem Gesicht bleibt. Ich spüre, wie ich blass werde, erstarre, ins Bodenlose falle.
„In fünf Wochen werden Sie nicht tanzen können, Miss Swanson“, antwortet er so einfühlsam wie möglich. „Sie werden etwa vier bis sechs Wochen lang Krücken benötigen, sich schonen und das Ganze regelmäßig hochlagern und kühlen, damit das Sprunggelenk ganz verheilen kann. Hinzu kommt im Anschluss ein Wiederaufbau der Muskeln. Erst danach darf es wieder belastet werden. Es kann zwölf Wochen dauern, bis Sie wieder vollkommen einsatzfähig sind, je nach Heilung etwas weniger oder sogar mehr.“
Ich falle immer weiter. Tiefer und tiefer, in die dunkelste aller Dunkelheiten hinein.
„Zu Ihrem Glück ist der Bruch stabil und es gibt keine Weichteilverletzung, sodass ich Sie nicht zusätzlich mit einer Schiene ärgern muss“, fügt er hinzu, als wäre mir das irgendwie ein Trost.
All die Worte, die er sagt, prallen an mir ab und erreichen meine Ohren nur in unverständlichen Satzfetzen.
„Regelmäßige Kontrollen … Ruhigstellung … Physiotherapie … Probleme …“
Nichts davon ergibt einen Sinn und zugleich ergibt all das viel zu viel Sinn. Es ist schwer zu sagen, welcher Schmerz mehr wiegt, der in meinem Knöchel oder der, der mir das Herz zu zerreißen droht. Dieser Auftritt ist alles, worauf ich die letzten Monate mit meiner Gruppe hingearbeitet habe. Alles, woran ich gedacht und wovon ich geträumt habe. Und nun soll ein einziger Schritt, ein falsches Aufkommen mit dem Fuß, all das zerplatzen lassen? In Fetzen reißen? Zunichte machen? Mein Magen zieht sich krampfhaft zusammen und ein widerlich säuerlicher Geschmack breitet sich in meinem Mund aus. Ich muss ein Würgen unterdrücken.
„Gibt es denn nicht die Möglichkeit einer Operation, um den Genesungsprozess zu beschleunigen?“, höre ich Dad fragen. Er klingt unfassbar gestresst, beinahe wütend, als trüge der Arzt höchstpersönlich die Schuld an meinem Unfall.
„Ich bedaure … aber nein“, ist die ernüchternde Antwort. „Ich verstehe Ihre Aufregung und Besorgnis, aber …“, fügt er hinzu, doch Dad fällt ihm ins Wort.
„Nein, das verstehen Sie nicht“, entgegnet er mit derselben Stimme, mit der er mir früher verboten hat, mich zu verabreden, ehe ich nicht meine Hausaufgaben erledigt und mindestens eine Stunde trainiert hatte. „Gia ist ein Ausnahmetalent. Eine herausragende Tänzerin und Lehrerin. Dieser Zustand könnte ihre ganze Karriere um Jahre zurückwerfen, schlimmstenfalls zerstören. Ich will bloß sichergehen, dass Sie alles in Ihrer Macht Stehende tun, um das zu verhindern“, erklärt er mit Nachdruck.
Meine ganze Karriere zerstören?
Seine Worte wiederholen sich in meinem Kopf. Pochend. Stechend. Durchdringend. Plötzlich beginnen meine Augen zu brennen. Meine Nase und meine Oberlippe prickeln unangenehm, dann schießen mir die ersten Tränen in die Augen und rinnen lautlos an meinem Gesicht herab. Ich kann nicht mehr an mich halten. Ich schaffe es nicht. Der Schmerz, die Erschöpfung und die Sorge um meine Zukunft sind auf einmal so groß, dass ich sie nicht mehr tragen kann. Ich werde bei dem Auftritt nicht tanzen.
Die Diskussion neben meinem Bett geht weiter, und obwohl es um mich geht, fühlt es sich an, als wäre ich gar nicht anwesend.
„Es steht nicht in meiner Macht, einen solchen Bruch ungeschehen zu machen. Und ein Wunderheiler bin ich auch nicht.“
„Wir werden eine zweite Meinung einholen!“
„Ich kann gerne den Chefarzt hinzuziehen, sobald dieser ein freies Zeitfenster hat.“
„Kann ich etwas gegen die Schmerzen bekommen?“, bringe ich hervor und klinge, als hätte ich eine dicke Erkältung.
„Selbstverständlich. Das habe ich bereits in Auftrag gegeben“, verspricht Dr. Jameson, der nun einen wesentlich einfühlsameren Ton anschlägt als meinem Vater gegenüber.
Und tatsächlich erscheint just in diesem Moment eine junge Krankenschwester mit einer Infusionsflasche in der Hand und einem Lächeln im Gesicht. Zumindest glaube ich, das durch meinen Tränenschleier hindurch erkennen zu können. Ein Infusionsständer wird herbeigerollt, die Flasche kopfüber aufgehängt und mit dem Zugang verbunden, der in meiner Armbeuge steckt. Ich bemerke ihn zum ersten Mal. Wahrscheinlich wurde er mir gelegt, als ich gerade in der Notaufnahme ankam.
Als das Schmerzmittel zu tropfen beginnt, schließe ich die Augen und blende die Stimmen und mich herum aus. Nur die in meinem Inneren lassen sich nicht abschalten.
Ich werde nicht tanzen. Nicht heute, nicht morgen – und nicht bei der Vorführung von Schwanensee.