Gendergerechte Sprache 19. Januar 2022

Quelle: Markus Winkler/unsplash.com

Warum nutzen wir eigentlich gendergerechte Sprache und wie stehen die Chancen, dass sie sich in der Belletristik durchsetzt?

Warum nutzen wir gendergerechte Sprache?

„Was in Gesetzestexten sinnvoll ist, muss es nicht unbedingt in der Kunst sein. Dabei ist Gendergerechtigkeit ein selbstverständliches Prinzip“, sagt der deutsche Lyriker und Essayist Durs Grünbein 2018 in einer Befragung der Zeit. Kunst und Gendergerechtigkeit sind in der Realität leider weit voneinander entfernt. Während Frauen 80% der Buchbranche ausmachen, sind nur 20% in Führungspositionen. Mehr männliche Autoren werden als Hardcover veröffentlicht, daher mehr von der Kritik besprochen und mit Preisen ausgezeichnet. Gerade weil Männer in der Literatur mehr ernst genommen werden, ist es gefährlich von „Autoren“ zu sprechen, wenn eigentlich auch Frauen und andere Geschlechteridentitäten gemeint sind. Die Einstellung, dass gendergerechte Sprache keinen Platz in der Literatur hat, lassen daher immer mehr Verlage und Autor:innen hinter sich, damit die gesamte Leser:innenschaft sich angesprochen fühlt. Auch wenn viele darauf beharren, das generische Maskulinum decke alle Geschlechter ab, steht dies im Kontrast dazu, wie wir sonst in unserer Sprache auf Geschlecht verweisen. Viele psycholinguistische Studien bestätigen, dass wir uns meist nur Männer unter der Formulierung vorstellen. Seit den 1970er Jahren gibt es daher Diskussionen, wie unsere Sprache eine diverse Gesellschaft darstellen kann.

 

Welche Möglichkeiten gibt es?

Auch wenn es noch kein festes Regelwerk für inklusive Sprache gibt, setzen sich manche Formen immer mehr durch und auch im aktuellen Rechtschreibduden werden die verschiedenen Möglichkeiten aufgelistet. Diese Neuerung zeigt, dass gendergerechte Sprache immer mehr genutzt wird und wir uns nach und nach an den veränderten Sprachgebrauch gewöhnen.

Folgende Möglichkeiten sind gängig:

Doppelnennung: Autorinnen und Autoren; Autor/-innen

Die Doppelnennung ist eine einfache Form, um wenigstens auch Frauen anzusprechen, nimmt jedoch viel Platz weg und adressiert nur zwei Geschlechter.

Neutrale Formulierungen: Kollegschaft statt Kollegen; Lektorierende statt Lektoren

Neutrale Formulierungen sind besonders elegant und werden meist durch Substantivierung gebildet. Leider funktionieren diese nicht mit allen Wörtern und müssen im Text daher um eine weitere Form des Genderns ergänzt werden.

Genderstern: Autor*innen

Das Gendersternchen ist eine der am häufigsten verwendeten Formen, da es auch Geschlechter einbezieht, die von gewöhnlicher Grammatik oft nicht abgebildet werden.

Doppelpunkt: Autor:innen

Auch der Doppelpunkt wird immer häufiger für gendergerechte Sprache verwendet und bildet ebenfalls mehr als zwei Geschlechter ab.

 

Hat Gendern eine Chance in der Belletristik?

Viele Kritiker:innen von inklusiver Sprache nutzen die Ausrede, die veränderte Form würde vom Inhalt ablenken. Übersetzt bedeutet das: „Ich bin ignorant und habe Angst, dass andere sexistische Menschen mein Buch nicht kaufen.“ Dabei haben bisherige Veröffentlichungen gezeigt, dass es sehr wohl möglich ist, sich von patriarchalen Strukturen im geschriebenen Wort abzuwenden. Ein Beispiel dafür bietet Zoë Beck mit ihrem düsteren Zukunfts-Thriller Paradise City, der komplett ohne generisches Maskulinum auskommt. In einem Podcast merkt sie an, dass dies kaum aufgefallen sei und niemand sich beschwert habe über die neutralen Formulierungen, die auch der Auszeichnung mit dem Deutschen Krimipreis 2020 nicht im Weg standen. Sogar Formen wie das Gendersternchen und der Doppelpunkt werden inzwischen gerne in der Literatur verwendet, beispielsweise in Hengameh Yaghoobifarahs gefeiertem Debüt Ministerium der Träume.

Oft wird auch kritisiert, dass im echten Leben nicht immer gegendert wird und es deshalb dem Realitätsanspruch schade, wenn Romancharaktere konsequent gendergerechte Sprache verwenden. Sich dieser daher komplett zu verwehren, ist jedoch wenig sinnvoll, da es ebenso wenig die Realität abbildet! Natürlich erwartet niemand inklusive Sprache in einem historischen Liebesroman, doch auch in deinem Blog, Newsletter und auf Social Media ist es ein guter Weg, um alle deine Leser:innen anzusprechen und ein Umfeld der Akzeptanz zu schaffen.

Gerade auch in der Literaturwelt gab es in den letzten Jahren viele Stimmen, die das Gendern als Verunstalten unserer Sprache prangern. Blickt man darauf zurück, wie sehr unsere Sprache sich in den letzten hundert Jahren verändert hat – denn Sprache ist konstant im Wandel und steht niemals still – erscheint diese Entwicklung recht klein im Verhältnis zu ihrer außersprachlichen Bedeutung: Studien haben gezeigt, dass Frauen durch Gendern gedanklich mehr einbezogen werden, Kinder sich mehr Berufe zutrauen und Menschen offener über Geschlechterrollen denken. Obwohl es anfangs im Schriftbild ungewohnt erscheint, geht es eben darum Gewohnheiten zu ändern, und gerade Literatur bietet die Möglichkeit mit neuen Methoden zu experimentieren und unsere Sprache weiter voranzubringen. „Sprache war schon immer fluide: Je durchlässiger sie für ihre Zeit ist, desto präziser kann sie sein“ (Sasha Marianna Salzmann).

 

Quellen:

https://web.archive.org/web/20210208191935/https://www.zeit.de/2018/24/gendergerechte-sprache-durs-gruenbein-eva-menasse-clemens-j-setz/komplettansicht

https://blog.buecherfrauen.de/keynote-von-zoe-beck-sexismus-in-der-buchbranche/

Podcast von Bayern 2: Zoë Beck im Gespräch: Widerstand lernen! vom 17. Januar 2021

https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/was-gendern-bringt-und-was-nicht/