Leseprobe Winterküsse mit Meerblick

Kapitel 1

Tessa

Es kann doch nicht so schwer sein, ein Spiegelei zu braten? Verzweifelt starre ich auf die glibberige Masse, die sich mit dem gelben Dotter vermischt und nicht stocken will. Mit dem Pfannenwender schabe ich die Masse weg, darunter kommt erneut schwarz Angebranntes zum Vorschein.

Es ist das dritte Ei, das mir misslingt. Bei Stine sah alles so leicht aus. Bei ihr stockt die Masse. Warum brennt bei mir alles an, und das Ei bleibt trotzdem flüssig?

Das Ehepaar Wagenreiter wartet auf das Frühstück, die beiden sind keine angenehmen Gäste. Ständig was zu meckern, nichts passt.

Was soll ich bloß tun?

Beschämt kratze ich das Ei aus der Pfanne und werfe es in den Müll.

»Tessa?«, höre ich es aus dem Frühstücksraum rufen. Als ich hinauswill, tritt mir ein Mann entgegen. Ich erkenne ihn sofort.

»Hör mal, Mädchen, wir warten jetzt seit zwanzig Minuten. Müssen unsere Eier erst noch gelegt werden?« Herr Wagenreiter steht in der Küchentür, der herabgezogene Mundwinkel wird durch den hängenden Schnurrbart noch verstärkt. Das gibt ihm das Aussehen eines Schnauzers. Rasch wende ich mich ab, damit er mein Grinsen nicht sieht. Er tut es trotzdem. »Sie finden das wohl lustig, was?« Nun bellt er auch noch wie ein Hund. »Na, so wie’s hier riecht, wird das bestimmt nichts. Wie konnten wir ausgerechnet hier landen!« Er verdreht die Augen zum Himmel. »Vergessen Sie’s, meine Frau und ich gehen woanders zum Frühstücken.« Er dreht sich um, ich höre Gesprächsfetzen von draußen und höre kurz darauf die Haustür zuklappen.

Tränen schießen mir in die Augen, als ich das Durcheinander rund um mich wahrnehme. Drei verkohlte Pfannen, ein Stapel schmutziges Geschirr, offene Marmeladengläser und eine Zuckerpackung, von der ein Teil auf dem Tisch und der andere auf dem Boden gelandet ist. Das Nachfüllen in die kleinen Dosen auf den Frühstückstischen hat nicht so geklappt, wie ich wollte.

»Tessa?«, höre ich es erneut rufen.

Beschämt streiche ich die blau-weiße Schürze glatt, die ich hier tragen muss, und trete hinaus in den Frühstücksraum. Der verglaste Raum öffnet sich zum Strand hin, der in der Morgensonne verlockend aussieht. Sieben Tische stehen darin, eingedeckt mit hellblauen Tischdecken und passendem Keramikgeschirr, das mit zarten blauen Blumen bemalt ist und dem Raum eine freundliche Wärme verleiht.

Vier Tische sind besetzt. Ein fünfter direkt am Fenster ist leer, jedoch zeigen das verschobene Geschirr und die hingeworfenen Servietten, dass er benutzt worden ist. Vermutlich der Platz der Wagenreiters, die soeben gegangen sind.

Am vordersten Tisch sitzt das junge Ehepaar mit seinem Kleinkind. Ein knuddeliger Junge mit dicken Pausbäckchen, der vor sich hin brabbelt und ein Spielzeugauto auf dem Tischtuch hin und herfährt.

»Ist die Milch noch nicht warm?«, fragt die dunkelhaarige Mutter. Der Kleine sieht auf und hüpft auf ihrem Schoß auf und ab. »Charly wird ungeduldig.«

Richtig, der kleine Charly wartet auf seinen Kakao. Das habe ich vergessen wegen der Eier-Misere.

»Moin.« Eine ältere Dame winkt von der Seite. »Wäre es möglich, ein weiches Ei zu bekommen?«

»Natürlich, sehr gern.« Ei in Wasser, das kriege ich hin.

Zurück in der Küche stelle ich fest, dass die Milch in dem kleinen Topf noch eiskalt ist. Dafür glüht die hintere Platte, ich habe die falsche eingeschaltet! Na, nehme ich eben die andere und schiebe den Topf mit der Milch nach hinten. Das Fläschchen mit dem Sauger habe ich mir bereits hingestellt.

Und jetzt das Ei. Stine hat doch irgendwo den Eierkocher? Richtig, da hinter dem Toaster.

Ich fülle Wasser hinein, hole ein Ei aus dem Kühlschrank und hinein damit. Schließlich habe ich Stine zugesehen. Einschalten. Na, das klappt ja prima. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht wenigstens ein weiches Ei hinkriege. Das rote Lämpchen am Eierkocher leuchtet auf.

Alle anderen Dinge können sich die Leute vom Büfett holen.

Aufatmend sinke ich auf den Stuhl, gähne herzhaft und beobachte den Eierkocher. Der scheint zu funktionieren. Energisch blinzle ich die Müdigkeit fort. Aufstehen um sechs. Mein Respekt steigt vor Leuten, die das immer tun müssen.

Halt, zu denen gehöre ich jetzt auch.

Kurz überschwemmt mich Selbstmitleid.

Mit gesenkten Schultern sitze ich da und sehe auf meine Hände. Rau sind sie geworden. Ich habe keine Zeit mehr, sie täglich einzucremen. Und meine Nägel schauen ganz schlimm aus, ohne Glanz und Lack. Der Daumennagel ist sogar gesplittert, weil ich die Milchpackung nur mit Mühe aufbekommen habe.

Vermassle es nicht, höre ich eine böse Stimme in mir.

Der Job hier ist deine letzte Chance.

Ein Zischen. Au weia, ich fahre herum. Die Milch läuft über. Mit einem Satz bin ich dort, kann jedoch nicht mehr verhindern, dass ein Teil der weißen Flüssigkeit auf den Herd schwappt. Sofort steigt beißender Brandgeruch in meine Nase. Als ich den Topf kippe, erkenne ich, dass der Boden ebenso schwarz aussieht wie die nun verkohlten Milchreste auf dem Herd. Mit einer heftigen Bewegung stelle ich den Topf auf die drei schmutzigen Pfannen in den Ausguss. Was nun? Charly braucht seine Milch. Ich gucke in den Kühlschrank und hole eine neue Packung heraus. Verzweifelt suche ich einen zweiten Topf und bücke mich zum Schrank. Dabei fege ich den Sauger zu Boden. Er rollt unter den Tisch und verschwindet weit unter der Eckbank.

Auf allen vieren krieche ich auf dem Boden und verrenke mir fast die Hand. Mühselig ertaste ich ihn mit den Fingerspitzen, erreiche ihn jedoch nicht. Stattdessen stoße ich ihn nur weiter nach hinten.

»Was ist hier los?«, höre ich eine harsche tiefe Stimme.

Ruckartig richte ich mich auf und schlage meinen Kopf heftig am Tisch an. »Autsch«, jammere ich, reibe mir die Stelle und stehe langsam auf. In der Tür steht ein Hüne von einem Mann, bestimmt über eins achtzig, mit kräftigen Muskeln, die unter dem T-Shirt hervorschauen. Sein mittelblondes Haar ist mit helleren Strähnen durchzogen, ein paar hängen ihm ins Gesicht. Der Gesichtsausdruck ist abschreckend finster: verkniffene Augen und gerunzelte Stirn. »Wer bist du?«

Mein Kopf tut weh und der unfreundliche Tonfall trägt nicht zur Besserung bei. »Ich bin neu. Stine, also Frau Timm, hat mich eingestellt …«

Mit einem undefinierbaren Knurrlaut sieht er sich um. »Als was? Als Chaosstifterin? Wo ist meine Mutter?«

Au Backe, das ist Stines Sohn. Was muss er nur von mir denken? Wenn er seiner Mutter alles erzählt, fliege ich wieder raus. »Ähm … sie ist zu ihrer Freundin gefahren, die ist gestürzt und …«

»Zu Lola?«

»Ja, ich glaub.« Den Namen habe ich mir nicht gemerkt.

Der Eierkocher piept. Froh, mich umdrehen zu können, öffne ich ihn und greife nach dem Ei, ziehe aber gleich darauf die Finger mit einem Wehlaut zurück. Scheiße, ist das heiß!

»Wer hat dich denn freigelassen?« Der Mann drängt mich zur Seite, nimmt ein Geschirrtuch, fischt das heiße Ei heraus und sieht sich suchend um. »Wo ist der Eierbecher?«

Meine Wangen glühen, als ich hastig einen aus dem Regal hole.

Mit einem ungläubigen Seufzen gibt er das Ei hinein. »Bring es gleich rein.«

Das tue ich. Als ich in den Frühstücksraum komme, sind nur noch die ältere Dame und das junge Pärchen mit dem Kind übrig. Das quengelt mittlerweile lauter.

O Gott, die Milch!

»Vielen Dank.« Wenigstens die weißhaarige Dame schenkt mir ein freundliches Lächeln. »Bringen Sie mir bitte noch einen Löffel?«

»Und endlich die Milch für Charly.« Nun ist es der Papa und er klingt genervt und ungeduldig.

»Sofort.« Mit großen Schritten gehe ich in die Küche zurück und hoffe, dass der Wikinger in der Zwischenzeit fort ist. Stattdessen renne ich in etwas hinein, das sich wie ein warmes Fell anfühlt, und höre gleich darauf ein Jaulen.

Vor mir steht ein riesiger Hund, schwarz. Panik steigt in mir auf. Ohne nachzudenken, stoße ich einen lauten Schrei aus.

Das Ungetüm bellt, und ich mache einen großen Schritt zurück.

»Odin, benimm dich.« Stines Sohn steht im Flur, und der ist reichlich eng für uns zwei Menschen und einen Hund, der nahezu die Größe eines Kalbes hat. »Du hast doch nicht Angst vor Hunden?« Es klingt herablassend und einen Tick amüsiert.

»Hunde sind nicht ungefährlich. Jedes Jahr werden Leute totgebissen.« Den patzigen Tonfall kann ich nicht verhindern, obwohl das eher nach trotzigem Teenager klingt als nach einer fünfundzwanzigjährigen Frau. »Lässt du mich in die Küche? Der Kleine braucht seine Milch.«

Wortlos marschiert er an mir vorbei, zieht einen zweiten Topf aus dem Regal und kippt Milch hinein.

»Ich übernehme das. Und du sorgst dafür, dass das hier …« – er macht eine großzügige Halbkreisbewegung über das Chaos in der Küche – »… wieder halbwegs normal aussieht, bevor meine Mutter zurück ist.«

Sein Blick wandert suchend herum. »Wo ist der Sauger?«

»Noch unter der Eckbank. Ich wurde vorhin unterbrochen.« Langsam kriege ich mein Selbstbewusstsein zurück.

»Dann hol ihn.«

Mit einem Löffel testet er die Milch, nickt zufrieden und füllt sie sauber in die Babyflasche. Kein Tropfen daneben. Streber.

Als ich ihn immer noch anstarre, hebt er eine Augenbraue. »Der Sauger?«

»Zu weit hinten. Meine Arme sind zu kurz.« Ich halte sie demonstrativ hoch.

Sein Gesichtsausdruck ist köstlich: eine Mischung aus Verzweiflung und Fassungslosigkeit. »Nicht dein Ernst! O mein Gott. Mudda muss echt ’nen richtig miesen Tag gehabt haben, als sie dich eingestellt hat.«

Er stellt die Flasche ab, schmeißt den Topf ins Spülbecken und drückt mir einen Besen in die Hand.

Ich drehe das Ding planlos. »Und jetzt?«

»Ernsthaft? Hol. Den. Sauger.«

Da steht plötzlich eine kleine Frau mit riesiger, rot umrandeter Brille in der Tür. »Moin, ihr Lieben, könnte ich ein Rührei haben? Wo ist denn Stine?«

»Meine Mutter ist verhindert, aber kommt sofort, Frau Hahn.« Aha, er kann auch freundlich.

Und er kennt sogar den Namen der Frau. Mit Namen hab ich’s nicht so.

»Danke.« Die Dame entschwindet wieder.

Er dreht sich zu mir. »Warum glotzt du mich an? Denkst du, hier tauchen gleich Heinzelmännchen auf und machen deinen Job?«

Autsch.

»Sorry«, murmele ich und starre auf meine Schuhe. Wie kann jemand so gut aussehen und gleichzeitig so ein Arsch sein?

»Sauger?«, erinnert er mich erneut.

Gehorsam gehe ich in die Hocke und stochere mit dem Besenstiel unter der Bank herum. Nichts. Nur Staub und Krümel.

Nach dem dritten Versuch reißt er mir das Ding aus der Hand. Ein gezielter Stoß – zack, da rollt der Sauger raus.

»Abwaschen«, knurrt er.

Ich halte ihn kurz unters Wasser.

Erneut schnaubt er. »Nicht nur angucken, sauber machen.« Ungeduldig nimmt er ihn mir ab, schrubbt gründlich mit den Fingern drüber und schraubt ihn auf die Flasche. »Und jetzt das Rührei.«

Mit einem unverständlichen Brummen stapft er raus. »Sorry, unsere Aushilfe aus dem Süden ist noch in der Lernphase«, höre ich ihn laut zu den Gästen sagen.

Aus dem Süden. Wie das klingt.

Genervt will ich ihm hinterher und bleibe abrupt stehen. Dieser riesige Hund blockiert den Flur.

Odin. Klar. Passt. Bei der Größe fühlt er sich bestimmt wie ein Gott. Genau wie sein Besitzer.

»Was ist jetzt?« Er steht plötzlich wieder vor mir. »Rührei kriegst du hin, oder?« Sein Blick fällt demonstrativ auf die schmutzigen Pfannen in der Spüle.

»Ungefähr so wie Spiegeleier.« Verlegen nestle ich an meiner Schürze.

»Das ist nicht dein Ernst.«

Ich sage lieber nichts mehr. Sein Blick ist finster. Mich wundert, dass die Sonne noch scheint und breite Strahlen auf den Küchenboden wirft.

Nach einer Minute schiebt er mich zur Seite. »Super. Keine Pfanne sauber. Perfekt.«

Ich würde am liebsten im Boden versinken.

Wo ist eigentlich die schlagfertige, entspannte Tessa hin?

»Ich bin erst eine Woche hier«, murmele ich.

»Und Mudda hast du erzählt, du kannst kochen?« Seine Augen sind wie Laser auf mich gerichtet. »Sonst wäre sie nie fortgegangen.«

Mit etwas mehr Selbstvertrauen ziehe ich die Schultern hoch. »Sie musste dringend weg.«

Nun würdigt er mich keiner Antwort, schrubbt mit Scheuermilch und Bürste die Eisenpfanne, trocknet sie ab, stellt sie auf den Herd.

»Okay, Crashkurs für Anfänger: Öl rein. Eier verquirlen. Würzen. Rein damit.«

Bei ihm sieht alles lächerlich einfach aus. Minuten später gleitet perfektes, goldgelbes Rührei auf einen Teller. Schnittlauch drüber.

Mit einem Nicken deutet er darauf. »Bring’s raus. Das schaffst du hoffentlich.«

Ich haste los und übersehe Odin.

O nein, ich stolpere.

Zeitlupe.

Das Rührei rutscht vom Teller …

… und verschwindet direkt im Hundemaul.

Schmatzen.

Ich schwöre, der grinst mich an.

Nun hocke ich im Flur und weiß nicht, was ich tun soll.

»Verdammt«, höre ich ihn direkt hinter mir fluchen. »Das waren die letzten Eier.« Er zeigt mit dem Finger auf mich, als würde er jemanden zum Duell fordern. »Du gehst jetzt zu Frau Hahn und erklärst ihr das.«

»Eigentlich müsstest du da rein«, murmele ich und starre Odin an, der sich genüsslich über die Schnauze leckt. »Ja, genau du. Du hast’s gefressen.«

Er wedelt sofort mit dem Schwanz und stupst meine Hand an, als wären wir beste Freunde. Verräter. Oder denkt er ernsthaft, ich hätte ihm das spendiert?

Super. Jetzt hab ich auch noch ’nen Komplizen.

Ich rapple mich hoch und schleiche in den Frühstücksraum. Charly hat sein Fläschchen leer und matscht zufrieden auf einem Stück Brot mit Aufstrich rum. Überall Krümel. Wenigstens einer hier, der seinen Morgen im Griff hat.

Frau Hahn schaut auf. Ihre Augen wirken hinter der riesigen Brille doppelt so groß. Der Blick: aufmerksam, leicht streng.

Definitiv Lehrerin, schießt es mir durch den Kopf. Oder Finanzamt.

Ich räuspere mich. »Ähm … es tut mir total leid. Aber Ihr Rührei ist jetzt … na ja … Hundefutter.«

Pause.

»Ich bin über Odin gestolpert, und er war schneller als ich. Hat’s wohl für sein Frühstück gehalten.«

Ich warte auf Gemecker. Stattdessen lacht sie. Laut. Herzlich. So richtig aus dem Bauch heraus. »Ach, wie schade! Das hätte ich gern gesehen. Das wäre perfekt für meinen nächsten Roman gewesen.«

Ich blinzle. »Moment! Sie schreiben?«

»Erwischt.« Sie grinst. »Heitere Gesellschaftsromane. Irgendwer muss die Leute ja zum Lachen bringen.«

Okay. Wieder was gelernt. Vielleicht werde ich hier doch nicht von allen gehasst. Nur von einem schlecht gelaunten Wikinger. Leider führt mein Weg zurück. Zu ihm.

Ich gehe an Odin vorbei, der sofort aufsteht, um meine Beine streicht und mit dem Schwanz wedelt, als hätte ich gerade sein Leben gerettet.

Okay. Ein Verbündeter kann nicht schaden. Und ein Hund meint es wenigstens ehrlich. Nicht so wie meine sogenannten Freundinnen …

Nope. Nicht jetzt daran denken.

Ich tätschle den riesigen Schädel vor mir. Eher Kalb als Hund. »Kannst ja nix dafür, Odin.«

Er gähnt ausgiebig, zeigt mir sein komplettes Gebiss und plumpst dann wieder auf den Teppich im Flur, als wäre die Welt anstrengend. Hund müsste man sein.

Nicht unterkriegen lassen. War schon immer mein Motto. Bleibt auch so.

»An deiner Stelle würde ich langsam aufräumen, bevor meine Mutter das Schlachtfeld in der Küche sieht.«

Ich zucke zusammen. Super. Der Wikinger.

Das Wort Schlachtfeld trifft’s leider ziemlich gut. Überall schmutziges Geschirr, Milchflecken, Krümel. Als hätte hier eine Horde Kleinkinder eine Party gefeiert.

Motiviert mich null. Der Typ, dessen Namen ich immer noch nicht kenne, läuft an mir vorbei.

»Komm, Odin.«

Der Hund ist für seine Größe erschreckend schnell auf den Beinen und trottet ihm sofort hinterher, durch die Hintertür nach draußen.

Und ich? Bleibe allein zurück. Ich drehe mich einmal langsam im Kreis. Chaos. Überall. Mist. Trotzdem atme ich auf, weil der Wikinger erst mal fort ist.

Hausarbeit und ich, das war nie eine Liebesgeschichte. Wie hat er noch mal die Pfanne sauber gekriegt?

Die ersten Tage hier habe ich hauptsächlich zugesehen und getan, was Stine mir aufgetragen hat. Sie ist dermaßen flink in allem, unmöglich, jeden Handgriff abzuspeichern.

Ich habe absolut keinen Plan, wo ich anfangen soll. Im Aufenthaltsraum höre ich die letzten Gäste. Ein paar trappeln die Treppe hoch. Auch dort muss ich das Geschirr einsammeln und das Büfett abräumen. Reiß dich zusammen, sage ich mir. Eine Tessa Schönfeldt lässt sich nicht unterkriegen.

Seufzend lasse ich den Blick durch den Raum schweifen. Draußen ziehen zwei Jogger am Fenster vorbei, gleichmäßige Schritte, mit Shorts und Stirnbändern. Weiter hinten, auf dem Deich, jagt Odin voller Energie mit einem Ball im Maul über das Gras hin und her. Dahinter läuft der Wikinger, etwas langsamer. Hinkt er?

Ein Hingucker ist er allemal. Muskeln zeichnen sich unter dem Shirt ab, kein Gramm zu viel, das halblange blonde Haar vom Wind zerzaust. Er hat diese lässige, selbstsichere Ausstrahlung, die mich verunsichert. Erst nach einigen Minuten merke ich, dass ich ihn anstarre. Kann den Blick kaum lösen.

Er ist ganz anders als Ronald. Selbst in der Freizeit wirkte der, als hätte man ihn direkt aus einem Meeting geholt. Polo-Shirt, exklusive Seidenhose, Jackett. Nur Nuancen trennten diese Kombination von seinen sündhaft teuren Anzügen und perfekt gebügelten Hemden. Alles an ihm war kontrolliert. Glatt. Berechnend.

Jetzt im Gefängnis hat er sich wohl oder übel an andere Stoffe gewöhnen müssen.

Der Gedanke trifft mich wie ein Schwall Eiswasser.

Habe ich diesen Typen da draußen tatsächlich minutenlang angestarrt?

Mit einem feuchten Lappen schrubbe ich über den Herd, doch die braune Kruste verbrannter Milch nimmt zwar eine dunklere Farbe an, löst sich jedoch nicht. Entnervt werfe ich den Lappen in den Ausguss. Er landet direkt im mit Wasser gefüllten Milchtopf und den drei ebenso schmutzigen Pfannen, sodass Wasser heraus und auf den Boden spritzt.

Mein Blick fällt auf die Marmeladengläser auf dem Tisch, immerhin das schaffe ich. Rasch schraube ich sie zu und verstaue sie im Kühlschrank, dabei stelle ich fest, dass der Boden klebt. Oder vielmehr der Zucker, der nass geworden ist. Kaum kann ich meine Flip-Flops lösen. Es gibt ein knautschendes Geräusch. Wie kriege ich bloß alles sauber?

Erneut lenke ich mich ab, trete ans offene Küchenfenster und beobachte die junge Familie, die den Deich hinunter Richtung Ort läuft. Der Wind zerrt an den Jacken. Der Vater hat Charly auf den Schultern, die Mutter zieht den Trolley hinter sich her, beladen mit Sandkübel und Strandtasche. Wahrscheinlich steuern sie die Perlebucht an. Viel mehr als diesen einen Sandstrand hat Büsum schließlich nicht zu bieten.

Zum Baden ist das Meer längst zu kalt, ich habe erst gestern die Zehen hineingesteckt. Auch die Strandkörbe standen schon halb verlassen in Reih und Glied. Aber der Anblick war wunderschön. Das Wasser sah aus wie flüssiges Blei. Ich beneide die Familie. Bestimmt werden sie mit Charly im Sand buddeln.

Die Schriftstellerin folgt in einigem Abstand. Sie hat ihren Laptop unter den Arm geklemmt, als wollte sie dem Herbst trotzig ein paar Geschichten abringen.

Im Haus ist es still geworden. Vielleicht sollte ich doch zuerst den Frühstücksraum aufräumen?

Da sehe ich Odin wieder herauflaufen. Und ich bleibe stehen, bis auch Stines Sohn wieder auftaucht.

Was tue ich, verdammt noch mal? Schon wieder gaffe ich. Und erneut fällt mir auf, wie unfair gut der Kerl aussieht. Sogar von hinten. Er trägt nur einen Pullover, eng genug, um wirklich gar nichts der Fantasie zu überlassen. Ernsthaft, Muskeln, wohin ich schaue. Als hätte jemand »ländlicher Handwerker« mit »Fitness-Influencer« gekreuzt.

Mein Gehirn sagt mir: Reiß dich zusammen.

Meine Augen: Nur noch ein bisschen gucken.

Scheiße. Ich stehe hier eindeutig schon viel zu lange und sabbere dem Typen hinterher. Dabei weiß ich genau, wie er drauf ist. Hinter der attraktiven Fassade wohnt ein grantiger Einsiedler mit Dauerpuls von 180.

Was nutzt es da, dass er ein optischer Snack ist?

Ende mit dem heimlichen Deich-Stalking.

Mit neuer Energie eile ich zur Spüle und stapele das schmutzige Geschirr. Bei Stine sieht das immer leicht aus, wie sie alles auf das große Tablett packt. Mit Schwung hebe ich es hoch. Ups, es war wohl ein wenig zu schwer. Vielleicht hätte ich nicht noch eine Tasse auf den ohnehin bereits hohen Stapel stellen sollen.

Der Turm schwankt bedenklich, und wie in Zeitlupe kippt alles, und der Großteil des Geschirrs landet auf dem Holzboden.

Fassungslos starre ich auf die auf dem ganzen Boden verteilten Scherben.

Mein Hals kratzt, meine Augen brennen, und das Bedürfnis, wegzurennen, mich zu verstecken und in Selbstmitleid zu baden, ist riesengroß.

Stattdessen habe ich das Gefühl, dass meine Füße zu Stein geworden sind. Keinen Millimeter kann ich mich rühren. Und dann höre ich erneut die tiefe Stimme, heftig und zornig.

»So ’n verdammten Schiet noch mal!«

Kapitel 2

Hauke

Das darf doch nicht wahr sein. Der gesamte Frühstücksraum ist mit Scherben übersät.

»Odin, stopp.« Reflexartig halte ich den Hund am Halsband zurück. »Nicht dass du mir in die Scherben trittst!« Mein Pulli klebt am Körper. Odin liebt es, mit mir am Deich zu rennen.

Wobei, das Rennen besorgt er, denn meine Bewegungen sind eher Slow Motion. Eine gute halbe Stunde waren wir fort, offenbar zu lange. Dieses unglückselige Mädchen hat jetzt nicht nur die Küche verwüstet, nein, sie hat auch noch geschafft, den Frühstücksraum umzugestalten, sodass nun jeder glauben muss, eine Bombe wäre eingeschlagen.

Weshalb hat meine Mutter sie nur eingestellt? Kaum bin ich ein paar Tage fort, passiert so was! Nie zuvor habe ich eine Person getroffen, die ungeeigneter für den Job wäre als sie. Am liebsten würde ich sie mit einem Fußtritt vor die Tür setzen.

Und jetzt steht sie da, sieht mich mit riesengroßen Augen an, wie ein kleines Kind, das ergeben auf Strafe wartet. Irgendwie rührt mich das, obwohl ich normalerweise nicht auf blonde Püppchen stehe. Und plötzlich steigt auch Mitgefühl mit ihr auf, weil sie so ein Pechvogel ist.

Odin zieht am Halsband, aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund möchte er zu der Frau hinrennen. Und ich wiederum habe das Gefühl, den Hund besser außer Reichweite dieser Person zu bringen. Ungeschick kommt bei ihr offenbar serienmäßig.

Im Hinausgehen ziehe ich mein Handy aus der Tasche und rufe meine Mutter an. Es tutet.

Auf dem kleinen Parkplatz bleibe ich stehen. Direkt neben einem knallgelben Fiat Punto. Der ist mir gestern, als ich zurückkam, schon aufgefallen. Das Ding sticht zwischen den anderen Autos hervor wie ein Warnschild. Und ein Kennzeichen aus Augsburg.

Na großartig. Das muss ihrer sein.

Ehrlich gesagt wundert es mich, dass sie es geschafft hat, damit heil hier anzukommen. Augsburg ist schließlich nicht um die Ecke. Und bei dem Chaos, das sie in den letzten eineinhalb Stunden verbreitet hat, hätte ich mindestens eine eingedrückte Stoßstange erwartet.

Ich mustere den Wagen noch einen Moment. Vielleicht täuscht der erste Eindruck ja.

Aber meine Erfahrung sagt: eher nicht. Endlich meldet sich meine Mutter.

»Gut, dass du anrufst.« Keine Begrüßung. Schließlich hat sie mich ein paar Tage nicht gesehen, und ich bin gestern erst spät heimgekommen. »Ich bin momentan bei Lola, du weißt schon, meiner Freundin …«

»Mudda, ich weiß, wer Lola ist.« Ungeduldig fahre ich über Odins Fell, der geduldig neben mir steht. Das ist sonst nicht seine Art, offenbar spürt er meine Gereiztheit. »Sag du mir lieber, wer die Person ist, die unsere gesamte Küche und auch den Frühstücksraum verwüstet hat und nun wie ein Häuflein Elend nicht weiß, wie sie das Chaos beseitigen soll.«

»Oje, so schlimm?« Meine Mutter seufzt. »Das arme Kind. Ich habe sie im Stich gelassen. Sie arbeitet erst seit ein paar Tagen bei mir, natürlich kennt sie sich noch nicht aus.«

»Mudda, die Frau ist eine komplette Sturmwarnung. Die Küche sieht aus, als hätt’ der Wind Stärke 12 drin geprobt. Sie kann weder Milch erwärmen noch Rühreier zubereiten. Ein älteres Ehepaar ist wütend aus der Pension gerannt, weil sie nicht mal ein Spiegelei bekommen haben.«

»Das können nur die Wagenreiters sein. Ganz ehrlich? Ich bin froh, wenn sie abreisen. Ständig meckern sie: Das Wasser ist zu kalt, die Matratzen biegen sich durch, die Fensterläden klappern zu laut …«

»Das ist doch nicht der Punkt.« Genervt sehe ich zum Haus zurück. Es würde mich nicht wundern, wenn plötzlich Rauchschwaden aufsteigen würden.

»Hauke, ich hab wirklich andere Sorgen! Lola ist gestürzt und hat sich den Arm gebrochen. Ich bin mit ihr zum Doktor und danach ins Krankenhaus, wir sind grad erst heimgekommen. In einer Stunde bin ich wieder daheim. Ina will kommen und sich um ihre Mutter kümmern. So lange bleibe ich noch. Die Arme ist komplett durch den Wind. Sie hat Schmerzen, und mit dem Gips kann sie nicht viel machen. Kannst du Tessa nicht helfen?«

Tessa! Klar, dass die auch noch so einen modernen Namen hat. Passt zu ihr.

»Oder hast du heute viel zu tun?«, fragt meine Mutter scheinheilig.

»Äh, nein, aber …«

»Ich weiß, du wolltest nach deinem Auftrag in Flensburg eigentlich einen Tag Pause machen. Übrigens: Schön, dass du endlich wieder hier bist. Waren deine Auftraggeber zufrieden?«

»Natürlich. Der Boden sollte jetzt ein paar Jahrzehnte halten.« Ich war stolz darauf, den Großauftrag für einen privaten Kindergarten in Flensburg bekommen zu haben. Zu verdanken hatte ich das einem Urlaubsgast meiner Mutter, der mir auch gleich ein Quartier vermittelt hatte. Dort konnten Odin und ich die letzten Wochen verbringen.

Zwei Wochen harte Arbeit liegen hinter mir. Da wäre ein Tag Erholung wirklich nicht zu viel verlangt gewesen.

Doch meine Mutter hat offenbar andere Pläne. »Du musst mir später alles erzählen. Bitte, hilf Tessa.«

»Du willst, dass ich ihr Nachhilfe gebe?« Entsetzt wird meine Stimme lauter.

»Ich habe jetzt keine Zeit zum Schnacken. Erst muss ich Lola versorgen und ihr Tee und Schmerztabletten griffbereit richten. Du schaffst das. Und sei lieb zu Tessa, sie muss alles erst lernen, hat es nicht leicht gehabt.«

»Du meinst, ihr fehlt die Grundschule …« Fassungslos starre ich auf das stumme Handy. Sie hat tatsächlich aufgelegt. Was hat sich Mudda nur dabei gedacht? Nicht leicht gehabt, aha. Und alle anderen sind wohl auf Rosen gebettet? Unwillkürlich reibe ich mir über das Knie. Und ich soll jetzt meinen freien Sonntag opfern und Babysitter spielen? Trotzdem habe ich plötzlich ein schlechtes Gewissen.

»Was meinst du, Odin?« Automatisch möchte ich ihn streicheln, doch ich fasse ins Leere.

Mit langen Schritten gehe ich ins Haus zurück und finde Odin mitten im Küchenchaos, den Kopf auf den Schoß der neuen Aushilfskraft gelegt, während sie ihn streichelt.

Der Anblick rührt mich irgendwie: der schwarze, riesenhafte Neufundländer, liebkost von zarten weißen Händen.

Doch gleich darauf überwiegt der Ärger.

Es sieht nicht aus, als hätte sie in der letzten halben Stunde auch nur einen Finger gerührt! Im Gegenteil scheint das Chaos noch größer geworden zu sein.

»Viel hat sich nicht geändert.« Mit der Hand mache ich eine kreisförmige Bewegung. »Wolltest du nicht aufräumen? Stattdessen sieht nun auch der Frühstücksraum aus, als wäre ein Tornado durchgefegt. Du wirst meiner Mutter in kurzer Zeit sämtliche Gäste vertreiben.«

Rasch hebt sie den Kopf, und zum ersten Mal sehe ich ihre unheimlich blauen Augen. »Ein toller Hund, ich habe noch nie zuvor einen derart großen gesehen. Was ist das für eine Rasse?«

Hä?

»Ein Neufundländer. Hör mal …«

»Ich wollte auch immer einen Hund, aber …«

»Ein Hund ist eine große Verantwortung und kein Spielzeug.« Meine Stimme wird scharf. »Es bedeutet, dass man sich täglich mit ihm beschäftigen, ihn erziehen und füttern muss. Nicht nach Lust und Laune einmal hervorholen und in der Ecke lassen, wenn man keine Lust hat. Das heißt, jeden Tag raus, egal ob es regnet, stürmt, hagelt oder schneit. Und vor allem so ein großer Hund, der braucht enorm viel Auslauf.« Automatisch bin ich lauter geworden, weil mir das Thema unheimlich am Herzen liegt. Die Leute, die sich Haustiere zum Zeitvertreib anschaffen und sie dann nicht ihren Bedürfnissen entsprechend behandeln, gehen mir gegen den Strich. Und ich bin mir nicht sicher, ob diese verwöhnte Göre vor mir, die, warum auch immer, erst jetzt mit Haushalt konfrontiert wird, einen Hund gut behandeln würde.

Langsam steht sie auf. »Ja, da gebe ich dir recht. Solche Dinge bedenkt man als Kind nicht.«

»Hör mal, das Thema ist, warum die Küche noch …«

»Es tut mir leid wegen der Küche hier.« Sie spricht gleichzeitig, sodass wir uns gegenseitig kaum verstehen können.

Und wir brechen ab.

Odin rückt ihr schon wieder nahe und streicht ihr um die Beine. Was soll das? Warum kriecht Odin fast in sie hinein, wo er doch sonst meist zurückhaltend gegenüber Fremden ist? Es hat Monate gedauert, bis mein Freund Malte ihn streicheln durfte. Und Tessa kennt er nicht mal zwei Stunden.

»Sieh mal …« Ihre Stimme klingt jetzt einen Tick weniger herausfordernd. Fast vorsichtig. »Wie du schon gemerkt hast: Küchenarbeit ist nicht meins. Hab’s nie gelernt, verstehst du? Aber ich brauch den Job, okay? Deine Mutter war die Einzige, die mir ’ne Chance gegeben hat. Ich will das nicht vermasseln.«

Ihr Geständnis trifft mich mehr, als mir lieb ist. Irgendwo unter meiner verkrusteten Schale bricht etwas auf. »Okay«, höre ich mich zum eigenen Erstaunen sagen. »Ich helf dir.«

Was ist denn los mit mir? Es ist mein wohlverdienter Sonntag. Ich sollte entspannen und nicht die Küchenfee spielen.

»Danke.«

Ihre Stimme ist plötzlich weich, fast sanft. Sie krault Odin noch einmal zwischen den Ohren, schiebt ihn behutsam beiseite und steht auf. Odin bleibt zurück wie ein Häufchen Elend. Seine Lefzen hängen, die braunen Augen groß und tragisch.

Reiß dich zusammen, ermahne ich mich. Das ist ein Hund. Die gucken immer so.

»Weißt du, wo ein Lappen für den Boden ist?« Die Nase gerümpft, starrt sie auf die Sauerei aus Zucker und Milch.

»Weiß ich. Aber wir fangen besser oben an.« Ich deute auf die Pfannen im Ausguss. »Erst das Geschirr, dann die Oberflächen und zum Schluss der Boden.«

»Okay.«

Sie nickt in Richtung Tür. »Soll ich schon mal die Scherben im Frühstücksraum übernehmen?«

Ihr Blick verrät eindeutig, dass sie keinen blassen Schimmer hat, wie sie dem Chaos hier überhaupt zu Leibe rücken soll.

»Zuerst machen wir hier Platz, bevor wir noch mehr Geschirr anschleppen.« Energisch kremple ich die Ärmel hoch und sehe mir die Pfannen an. Verkohlte Reste von Ei finde ich in jeder der drei. »Sieht ziemlich schwarz aus.«

Ein tiefes Seufzen. Sie hebt die Schultern. »Bei Stine hat alles so leicht ausgesehen. Ei in die Pfanne, innerhalb von wenigen Minuten war’s ein leckeres Spiegelei. Warum ist es bei mir glibberig geblieben wie Froschrotze?«

»Weil du vermutlich den Herd zu heiß eingestellt hast. Und hast du Öl oder Butter in die Pfanne getan?«

Ein Zögern, dann schiebt sie die Unterlippe vor.

Ich fasse es nicht. »Ah, jetzt verstehe ich alles. Zu heiße Pfanne, kein Fett. Mannomann, das musste danebengehen.« Ich greife nach der Pfannenbürste. »Sieh mal, so wird’s sauber.« Kurz schrubbe ich darüber, allerdings hat sie das Ganze ordentlich eingebrannt. »Ein bisschen Scheuermilch. Wenn es nicht geht, weichen wir die Pfanne ein.«

»Weichen? Wohin?«

Das Mädchen macht mich fertig. »Wir füllen sie mit Wasser und ein wenig Natron, lassen sie stehen, dann lockert sich das Eingebrannte ein wenig. Ums Scheuern werden wir nicht herumkommen.«

Endlich ist die Pfanne sauber, ich stelle sie ins Abtropfsieb. »Probiere du dich an der nächsten, ich schau mal in den Frühstücksraum.«

Ohne Protest nimmt sie eine Pfanne und ich sehe, wie sie es mir nachmacht. Schrubben mit der Bürste, Scheuermilch, weiterschrubben.

»Sag mal, ist das dein Wagen da draußen? Der gelbe?«

»Ja.«

»Ich muss ja sagen, ich wundere mich, dass du Autofahren kannst … und dass er überhaupt noch ohne Schrammen hier steht.«

Tessa runzelt die Stirn, ein Hauch von Neckerei in der Stimme. »Nee, keine Schramme, aber weißt du zufällig eine Autowerkstatt?«

»Ach, also doch kaputt? Das wundert mich nicht.« Jetzt spüre ich selbst den Spott in meiner Stimme.

»Nicht durch meine Heldentaten.« Verbissen schrubbt sie die Pfanne. »Der Motor macht ein komisches Geräusch. Ein dumpfes Puffen, als hätte er Schluckauf.«

»Oh, wie dramatisch. Schluckauf beim Auto, das kenne ich. Sehr gefährlich.« Dabei spreche ich übertrieben besorgt, wie ein Schauspieler.

»Für die Bühne reicht’s noch nicht.« Ungerührt spült sie die Pfanne und angelt sich ein Geschirrtuch. »Aber mein Auto hat wirklich was. Zudem will er manchmal morgens nicht so recht anspringen.«

»Wie lange schon? Sag bloß, du bist mit den Geräuschen die lange Strecke von Augsburg gefahren?«

»Ja, was hätte ich machen sollen? Gefahren ist er ja.«

Da kann ich nur den Kopf schütteln. »Also wie lange?«, wiederhole ich.

Tessas Wangen werden leicht rot. Sie lächelt spitzbübisch. »Schon eine Weile. Aber nach der langen Fahrt … puh, da wurde es echt unheimlich. Also, Werkstatt im Ort?«

»Klar. Einem Freund von mir, Immo Hagen, gehört sie. Er freut sich bestimmt auf Heldinnen wie dich und ihre Schluckauf-Autos.«

Ein Freund? Manchmal frage ich mich, wie viel noch von unserer Freundschaft übrig ist. Privat treffen wir uns schon lange nicht mehr, lediglich auf Festen oder wenn ich mit meinem Wagen in den Service komme.

Denn Immo ist ein verdammt guter Automechaniker.

»Dann werde ich meinen Kleinen dorthin bringen.«

»Aber erst machst du hier weiter.«

Rasch drehe ich mich weg und gehe mit Besen und Schaufel bewaffnet in den Frühstücksraum hinüber. Nicht zu fassen! Da fährt die Frau auf der Autobahn stundenlang mit Schluckauf?

Weshalb mache ich mir Sorgen um sie?

Odin folgt mir nicht, er hat es sich in der Küche bequem gemacht, direkt auf dem verstreuten Zucker. Da werde ich ihn nachher wohl ins Meer schicken und danach mit dem Schlauch abspritzen müssen.

Während ich die Teller staple, sehe ich hinaus. Das Ehepaar Lindeman kommt auf das Haus zu, die beiden diskutieren heftig, das erkenne ich an den gestikulierenden Armen. Vermutlich wäre es besser, ich würde ihnen ausweichen, doch ich bin gerade in Laune für eine Konfrontation. Daher kehre ich die Scherben auf und kippe sie in den Abfalleimer. Später muss da der Staubsauger ran, das wird Tessa hoffentlich hinkriegen. Emsig arbeite ich weiter, räume die Tische ab und staple das Geschirr auf dem ersten Tisch.

»Hören Sie, Herr …« Herr Wagenreiter hat mich im Vorbeigehen erspäht und kommt in den Raum herein. »Sie sind der Sohn, glaube ich?« Dabei zwirbelt er mit einer Hand seinen Schnauzer.

»Hauke Timm.« Rasch deute ich eine Verbeugung an. »Was kann ich für Sie tun?«

»Wo zum Teufel ist Stine? Es ist unglaublich, was uns heute zugemutet wurde.« Er legt ein Stück Papier auf den Tisch. »Das ist die Rechnung für unser Frühstück. Das Mindeste ist, dass wir das zurückbekommen.«

»Meine Mutter wird Ihnen das heutige Frühstück bestimmt nicht in Rechnung stellen. Sie ist jedoch nicht verpflichtet, zusätzlich die Kosten für ein Frühstück anderswo zu übernehmen. Es tut mir leid, dass es heute nicht so geklappt hat, unsere neue Angestellte ist noch nicht eingearbeitet.«

»Das interessiert mich nicht.« Der Schnauzbart deutet mit spitzem Zeigefinger auf den Zettel. »Ich will das von der Rechnung abgezogen haben.«

Vor langer Zeit habe ich gelernt, dass es wenig Sinn hat und nur Energie kostet, mit dummen Leuten zu diskutieren. Und noch schlimmer sind strohdumme Querulanten. Daher drehe ich dem Paar den Rücken zu und ziehe die Tischdecken von den Tischen.

Erleichtert höre ich kurz darauf, wie sich die Schritte der beiden entfernen.

Mudda kann nichts Besseres passieren, als dass das Ehepaar Wagenreiter auscheckt. Neugierig werfe ich einen Blick auf die Rechnung, über hundert Euro. Sie haben sich nicht nur das Luxus-Frühstück für zwei gegönnt, sondern auch noch eine Flasche Champagner bestellt. Also die Definition von »unverschämt« sollte noch mal überarbeitet werden. Leute gibt’s!

Na, die werden sich wundern. Gewiss würde ihnen das kein Gericht der Welt zusprechen.

Ein lautes Klirren aus der Küche lässt mich hochfahren.

Ich eile rüber und bin bereit für das Schlimmste. Doch dann bleibe ich überrascht stehen.

Die Pfannen und der Milchtopf sind blitzblank. Tessa räumt sie gerade in den Schrank. Auch die Marmeladengläser und die Kakaodose sind verschwunden. Die Arbeitsfläche sieht ordentlich aus.

»Jetzt brauch ich nur noch ein Bodenwischtuch.«

»Donnerwetter. Du warst ja fix.« Und ich meine es ernst. Dafür, dass sie angeblich von nichts eine Ahnung hat, hat sie hier in Rekordzeit aufgeräumt.

Ihre Wangen färben sich rosa. Da ist es wieder. Dieses komische, warme Ziehen irgendwo in meiner Brust.

Verdammt. Weshalb finde ich so ein Püppchen anziehend?

Klar, sie hat tiefblaue riesengroße Augen.

Und eine süße Stupsnase.

Hellblondes Haar, das natürlich wirr aussieht.

Und Grübchen in den Wangen, wenn sie lacht.

Zum Teufel, das sind Äußerlichkeiten. Seit wann bin ich so oberflächlich? Ich sollte meine Lektion bei Liane gelernt haben.

Seither habe ich mich für niemanden interessiert. Manchmal denke ich noch an sie. Frage mich, wie ich so blind sein konnte. Ob ich bei der Trennung alles falsch gemacht habe, als ich zu ihrer Version nichts gesagt habe. Sie lebt jetzt in London. Glücklich, soweit ich weiß.

Und nach dem Unfall wurde ohnehin alles andere nebensächlich. Zehn Monate ist er her. In dieser Zeit wuchs diese Verbitterung in mir. Schicht für Schicht. Wie eine Kruste. Irgendwann war sie dicker als ich selbst. Also habe ich mich eingekapselt. Zorn war einfacher als fühlen.

Und jetzt steht diese Frau vor mir und spaziert problemlos durch meine Mauern, als wären sie aus Pappe.

Komisch eigentlich.

Vom Haushalt hat sie null Plan, aber ungeschickt ist sie definitiv nicht. Sie starrt mich immer noch an.

Ach. Stimmt. Der Boden.

»Erst muss das Geschirr weg.« Ich nicke zu dem Stapel auf dem Tablett. »Was davon noch lebt.«

Sie beißt sich auf die Unterlippe. Verdammt, das sieht viel zu niedlich aus. In meinem Bauch regt sich etwas, das ich gerade überhaupt nicht gebrauchen kann.

»Halt, nichts anfassen«, sage ich schnell. »Sonst haben wir morgen kein Geschirr fürs Frühstück und die Gäste müssen vom Tisch essen.«

Glatte Lüge. Meine Mutter besitzt genug Geschirr für eine Kleinstadt. Vor allem für ihr jährliches Sommerfest.

Ich schnappe mir das Tablett, bringe es in die Küche und stelle es auf den Tisch. Die Spülmaschine läuft, also muss es warten.

Als ich mich umdrehe, pralle ich fast gegen sie. Sie ist mir nachgekommen.

»Wir haben etwas Moderneres als einen Wischlappen.« Ich eile in die Abstellkammer und hole den Wischsauger heraus.

In ihrem Gesicht ist eindeutig Skepsis. Offenbar hat sie so ein Ding noch nie zuvor gesehen. Wo ist sie denn aufgewachsen? In einem Schloss als Prinzessin mit hundert Dienern?

Wir starten in der Küche. Mit wenigen Worten erkläre ich ihr das Gerät, befeuchte den Wischbezug und stecke das Kabel in die Steckdose. Odin steht schwanzwedelnd daneben. Als Welpe ist er ständig vor dem Sauger herumgesprungen, als wäre der ein Spielgefährte. Und noch immer steckt ein bisschen Baby in ihm.

Tessa beobachtet mich. »Wow, klasse, wie das funktioniert.« Zucker und Sonstiges werden weggesaugt, der nasse Wischlappen tut seine Pflicht. Die Küche ist nicht groß, und bald glänzt der Boden. Ich ziehe den Stecker des Geräts und gehe in den Frühstücksraum. Dann nimmt sie mir den Schlauch aus der Hand. »Danke, ich mache weiter.«

Und ich muss zugeben, dass sie sich geschickt anstellt, sogar Stühle und Tisch zur Seite rückt, damit sie überall hinkommt.

Verflixt, ich ertappe mich dabei, dass ich sie anstarre. Sie stellt sich geschickter an, als ich dachte.

Weg von hier. Das Geschirr im Frühstücksraum fällt mir wieder ein. Vielleicht ist die Spülmaschine schon fertig. Ich eile hinüber und bin nicht einmal überrascht, dass Odin mir nicht folgt wie sonst. Offenbar war es bei ihm Liebe auf den ersten Blick.

Ein bisschen kann ich ihn verstehen. Tessa ist ein Hingucker. Sie ist nicht, wie ich zuerst gedacht habe, eine glattgebügelte Barbiepuppe mit künstlichem Grinsen und dümmlichem Blick, sondern da ist etwas an ihr, das mich zu ihr hinzieht.

Energisch knülle ich die beschmutzten Tischdecken zusammen und werfe sie in die Ecke. Auf dem Tisch stapelt sich das benutzte Geschirr. Es ist eine dumme Idee gewesen, zuerst den Küchenboden zu wischen. Nun ist der Boden nass, und ich kann nicht hinein, obwohl ich von der Tür aus sehe, dass der Geschirrspüler fertig ist.

Ein Scheppern lässt mich aufhorchen, dann bricht das Sauggeräusch ab. »Mensch, Odin, was machen wir denn jetzt?«

Tessa klingt verzweifelt, sodass ich alarmiert in den Aufenthaltsraum renne. Entsetzt sehe ich auf das Desaster.

Irgendwie ist es ihr gelungen, die Magnettafel von der Wand zu fegen. Mit zersplittertem Holzrahmen liegt sie auf dem Boden. Auch ein paar von Mamas geheiligten Magneten haben den Sturz nicht überlebt und liegen zerbrochen im Chaos der Zettel und Pläne, die hier auf Abruf fixiert sind.

Tessa ist eine persönliche Vollkatastrophe auf zwei Beinen.

Die Wut trifft mich ohne Vorwarnung. Wie eine Welle. Nein, wie ein verdammter Tsunami.

»Herrgott noch mal!«

Odin zuckt zusammen und verschwindet mit eingezogenem Schwanz nach draußen.

Ich raste selten aus. Eigentlich nie. Aber jetzt sehe ich nur meine Mutter vor mir. Wie sie von jeder Reise irgendein kleines Souvenir in Form eines Magneten mitgebracht hat, obwohl sie sich kaum Urlaub gegönnt hat.

Mein Blick bleibt an der zerbrochenen venezianischen Maske hängen. Ihr letzter Urlaub mit Papa.

Mir schnürt es den Hals zu. Ich gehe in die Hocke, meine Finger zittern, während ich die Scherben zusammensammle. Zu viele. Viel zu kleine. Das Material ist spröde geworden über die Jahre. Manche Teile sind kaum größer als ein Fingernagel.

Verdammt.

»Du hast keine Ahnung, was du da angerichtet hast.« Ich bemühe mich, leise zu sprechen, obwohl der Zorn unter der Haut sitzt. »Mudda wird untröstlich sein. Das war das letzte Geschenk von meinem Vater. Er hatte Lungenkrebs.« Ich schlucke hart. »Das wird sie dir nicht verzeihen. Pack am besten gleich deinen Koffer.« Die Worte stoße ich aus wie Gift.

Tessa ist kreidebleich. Eine Hand hält sie vor den Mund. »Das wollte ich nicht, ehrlich. Odin hat nur …«

»Wenn du jetzt meinem Hund die Schuld gibst …« Mir fällt nicht mal eine passende Drohung ein.

Und ich frage mich ernsthaft, wie ich sie vorhin auch nur eine Sekunde lang faszinierend finden konnte. Sie ist ein Elefant im Porzellanladen. Reines Chaos. Am besten, sie ist so schnell wie möglich weg. Vorsichtig lege ich die Bruchstücke auf den Tisch.

Moment, da fehlt noch was. Neben mir tauchen plötzlich ihre Hände auf. Schmale Finger, die weitere Splitter ablegen. Dann kniet sie wieder auf dem Boden und sucht.

»Es tut mir so leid«, flüstert sie. Ihre Stimme bricht.

Doch da ist kein Platz für Mitleid. Nur diese alte Gereiztheit, die mich seit dem Unfall begleitet. Wie ein Dauerrauschen unter der Haut. Ich halte das nicht aus.

Mit großen Schritten gehe ich durch die Hintertür nach draußen. Bei dem Tempo kann ich mein Hinken nicht verstecken.

Odin sitzt im Gras und legt den Kopf schief. Manchmal glaube ich wirklich, er versteht mehr als die meisten Menschen.

Also gehe ich. Richtung Meer. Das Wasser, die Wellen und die Luft haben eine beruhigende Wirkung auf mich. Bevor ich drinnen irgendetwas sage, das ich nicht zurücknehmen kann.

Oder schlimmer.