Kapitel eins
Whizzys Zisch & Zauber
Whizzys Zisch & Zauber war wie mein zweites Zuhause. Die historischen Ziegelsteinwände und das leicht verstaubte Fünfzigerjahre-Design täuschten wohl alle, die nicht aus der Gegend stammten. Denn für jede moderne Hexe sah Whizzys wie ein gewöhnliches, uriges Diner aus, aber wir Stammgäste wussten es besser. Chesney, der Besitzer, hatte ein Gespür für alles, was retro und menschlich war, konnte aber nie widerstehen, seinen Speisen und Getränken ein kleines zauberhaftes Extra zu verleihen. Ich lächelte beim Anblick der vertrauten Umgebung und blieb vor dem großen Schaufenster stehen. Chesney hatte es so verzaubert, dass sich das Tagesmenü, die heutigen Specials und Geschmacksrichtungen darin spiegelten. Die Whizz-Limo des Tages – mein Lieblingsgetränk – gab es heute in Orange, mit Kiwi und Butterrum. Außerdem war Brownie-Tag – musste man da noch mehr sagen? Ich trat ein und ließ die Szenerie auf mich wirken. Ich war wochenlang nicht hier gewesen, wollte das aber auf keinen Fall zur Gewohnheit werden lassen. Ich strich mein blaues Sweatshirt glatt und zupfte an den Spitzen meiner sandblonden Haare. Ich war nervös. War es echt schon so lange her, dass ich hier gewesen war? Da ich dank meiner stümperhaften Zaubersprüche in letzter Zeit ständig im Mittelpunkt gestanden hatte … mied ich jede Form von Aufmerksamkeit wie die Pest. Ich verhielt mich total albern.
Halb entschlossen zwang ich mich, die Panik zu ignorieren, und konzentrierte mich auf das Hier und Jetzt. Die karierten Bodenfliesen glänzten unter meinen Füßen, als ich eine Nische hinten in der Ecke ansteuerte. In diesem Moment trat Chesney hinter der Kasse hervor, fing mich ab und zog mich in eine überraschende Umarmung.
„Wo bist du gewesen, Melissa?“, fragte er. Seine raue Stimme passte nicht zu diesem sanften Tonfall.
„Es tut mir leid. Ich weiß, dass ich lange nicht mehr da war“, antwortete ich und erwiderte seine Umarmung. „Ich weiß nicht, ob Tante Judy es dir erzählt hat, aber mir gehört jetzt eine Buchhandlung in Maple Springs.“
„Ja, sie hat es erwähnt, aber das muss ich immer noch verdauen. Warum zur Hölle willst du in einer Stadt voller Normies leben?“
Normies waren Nicht-Hexen, und obwohl Chesney die Ästhetik der Menschen liebte, band er mir und jedem, der es hören wollte, auf die Nase, dass er der Magie niemals den Rücken kehren würde.
„Es ist friedlich, zumindest meistens, und die Buchhandlung ist wirklich toll. Ich kann gar nicht anders, als sie zu lieben, Chesney. Und bevor du fragst: Ich bin immer noch eine praktizierende Hexe und habe mich nicht von der Magie abgewandt.“ Ich zwinkerte ihm zu.
„Na, wenn du das sagst. Und, wo bleibt deine bessere Hälfte? Ich dachte schon, ihr zwei seid durchgebrannt und habt geheiratet. Erzähl! Ist dein Nachname schon Macks?“
Um ein Haar verschluckte ich mich an meiner eigenen Spucke.
„Joe ist ein Freund! Wir sind weder durchgebrannt, noch haben wir geheiratet. Ich bin immer noch Melissa Sneedle, vielen Dank auch …“, stammelte ich.
„Ja. Klar“, lachte er. „Hol dir was zu essen und mach’s dir gemütlich. Es ist einsam hier ohne eine Hexe von deinem Schlag. Ich muss jetzt wieder arbeiten, aber pass auf dich auf.“
„Du auch.“
War das jetzt ein Kompliment? Hexe von meinem Schlag … Ganz sicher war Chesney der Einzige, der meine chaotischen Zaubersprüche vermisste. Ich lachte leise. Als ob ich mit Joe durchbrennen und ihn heiraten würde.
Als ich mich sortiert hatte, fasste ich meine Ecke wieder ins Auge und setzte mich. Joe würde jeden Moment hier sein. Joe Macks war mein bester Freund auf der ganzen weiten Hexenwelt. Wir waren das komplette Gegenteil voneinander, wie Tag und Nacht … aber irgendwie funktionierte unsere Freundschaft trotzdem. Joe war der Meinung, dass wir uns gegenseitig ergänzten. In letzter Zeit spürte ich eine Veränderung in unserer Freundschaft, etwas, von dem ich nicht sicher wusste, ob ich dafür bereit war. Und wie alle anderen schwierigen Dinge in meinem Leben schob ich dieses Gefühl weit von mir weg. Keine fünf Minuten später trat Joe durch die Tür. Pretty Boy, mein Kakadu und Vertrautentier, saß auf seiner Schulter. Er trug ein makelloses weißes Hemd, das sich perfekt von seiner dunklen Haut abhob. Seine Anzughose saß genau richtig und war aus irgendeinem Grund völlig faltenfrei. Ich vermutete, dass er einen Anti-Falten-Zauber für seine Kleidung benutzte, aber er wollte es bis heute nicht zugeben. Joe sah immer aus wie der personifizierte Erfolg, kein Wunder, er stammte aus einer wohlhabenden Hexenfamilie, und das gehörte einfach zu seinem Look. Ich hatte ihn mal gefragt, warum er sich jeden Tag so fein kleidete, da hatte er nur gelacht und mit den Schultern gezuckt. In Jogginghosen und T-Shirts fühle er sich unbehaglich, hatte er gesagt. Und ich war die Seltsame, klar. Vielleicht hatte seine Mutter einen Zauber gewirkt, damit sich der edle Stoff so weich wie Baumwolle anfühlte? Ich war jedenfalls überzeugt, dass richtige T-Shirts deutlich bequemer sind als so steife Sachen. Als die beiden mich entdeckten, steuerten sie direkt auf mich zu. Pretty Boy krächzte, wippte fröhlich mit seinem gefiederten Kopf und landete kurz darauf auf meiner Schulter, von wo aus er sanft meine Wange stupste. Joe rutschte mir gegenüber auf die gepolsterte Bank.
„Na, wie ist es gelaufen?“, fragte ich.
„Doc hat gesagt, dass es ihm gut geht. Und er meinte auch, dass du beim nächsten Mal bleiben darfst, wenn du versprichst, nicht wieder auszuflippen“, erklärte Joe, seine braunen Augen funkelten dabei.
„Ich bin doch nicht ausgeflippt! Ich habe mir nur Sorgen um das Leben meines Vertrauten gemacht.“
Joe grinste und beugte sich über den Tisch zu mir.
„Sich Sorgen zu machen ist in Ordnung. Aber wie ein Wirbelwind durch die Tierarztpraxis zu stürmen und einen Zauber zu benutzen, um freie Bahn zu haben, ist ein bisschen drüber.“ Lachend lehnte er sich zurück. „Du musst vorsichtiger sein. Deine Zaubersprüche waren in letzter Zeit ganz schön … doll. Du hast sogar die arme Mrs Hendricks durch die Luft geschleudert!“
Ich schnaubte. „Ist ja gut! Der Zauber war etwas impulsiv, das gebe ich zu. Aber zu meiner Verteidigung: Sie ist auf einem gepolsterten Stuhl gelandet und hat sich nicht verletzt!“
„Diesmal“, erwiderte Joe. „Und da ich dein bester Freund bin, denke ich, dass ich dich darauf hinweisen sollte, dass Pretty Boy gestresst ist, wenn du es bist. Dein Vertrauter spürt all deine Gefühle und Stimmungen. Sei mir bitte nicht böse, aber du solltest daran arbeiten, Ruhe zu bewahren.“
Ich wandte den Blick ab. Seine Worte taten weh, aber er hatte recht. Ich legte meinen Kopf auf den Tisch, von mir selbst genervt und müder, als ich zugeben wollte. Pretty Boy gefiel die plötzliche Bewegung nicht, er pickte mein Ohr und rutschte von meiner Schulter herunter. Natürlich wählte er meinen Kopf als neuen Ruheplatz.
„Hey, du Schlingel!“
„Komm her.“ Joe streckte die Hand aus und tätschelte den Kopf des Kakadus. Pretty Boy rekelte sich unter der Zuwendung, rührte sich allerdings nicht von der Stelle.
„Tja, ich hab’s versucht. Wenn er nicht freiwillig mitmacht, werde ich ihn nicht anrühren. Ich erhole mich immer noch von seiner letzten Attacke.“
Ich kicherte. „Er hat halt seinen eigenen Kopf.“
„Hm, kommt mir irgendwie bekannt vor.“
„Ja, ja. Pretty Boy und ich sind wohl beide ein bisschen stur.“
„Meinst du wirklich?“
„Joe“, sagte ich und blickte vom Tisch auf.
Pretty Boy schreckte bei der erneuten Bewegung endgültig auf und pickte meinen Kopf.
„Aua. Ist ja gut, ich bewege mich langsamer, meine Güte. Jedenfalls weiß ich, dass du recht hast. Ich muss meine Gefühle in den Griff bekommen und aufhören, wahllos Zaubersprüche abzufeuern. Ich arbeite dran.“
Ich setzte mich wieder aufrecht hin, diesmal ganz langsam, damit Pretty Boy zurück auf meine Schulter watscheln konnte. In Wahrheit arbeitete ich längst daran, meine Magie besser zu kontrollieren, aber seit ich das Tagebuch meines Vaters gefunden und die Geheimnisse über seine Seite der Familie aufgedeckt hatte, war sie unruhiger denn je und strotzte vor Energie.
„Hey, ist schon okay“, antwortete Joe. „Deswegen bin ich ja für dich da, und umgekehrt. Wir helfen uns gegenseitig. Außerdem: Wenn du dich mit einem Zauber oder so mal wieder in Schwierigkeiten bringst, können die Leute mich einfach anrufen, und ich komme sofort.“
Ich blinzelte. „Ich glaube, das machen die sowieso schon. Doc hat dich angerufen, als ich, ähm, ein bisschen über die Stränge geschlagen bin. Und meine Tante meldet sich auch ständig bei dir. Scheiße, das wird langsam zur Gewohnheit. Ich sollte etwas unternehmen, um zu zeigen, dass ich auf mich selbst aufpassen kann.“
„Klar! Alles was du willst, nur kein Zauberspruch.“ Joe lachte. „Obwohl es mir irgendwie gefällt, dein Notfallkontakt zu sein. Und eigentlich macht dein Chaos auch immer ziemlich viel Spaß.“
In Joes Augen blitzte ein kleiner Funken von irgendetwas auf. Da war sie wieder, diese seltsame Veränderung in unserer Freundschaft. Er blickte mich erwartungsvoll an. Was wollte er von mir hören?
„Willst du was essen?“, platzte ich in diesem Moment heraus.
„Hä?“
„Essen“, wiederholte ich schnell und machte mit den Händen eine Geste, als würde ich gerade etwas in mich hineinschaufeln. „Ich habe noch nicht bestellt und bin echt am Verhungern.“
Ich rutschte aus der Bank heraus, um aufzustehen, doch Joe bedeutete mir, sitzen zu bleiben.
„Ich mache das schon, hatte eh noch keine Zeit, mir die Specials anzuschauen.“
Ich beobachtete meinem gutaussehenden besten Freund, wie er zur Kasse schlenderte, und atmete erleichtert auf. Pretty Boy landete flatternd auf der Tischplatte und neigte fragend den Kopf.
„Ich weiß“, stöhnte ich. „Ich bin auch verwirrt.“
Pretty Boy stapfte mit dem Fuß auf und krächzte: „Mögen Joe! Mögen Joe!“
„Pssst. Ja, ich mag ihn auch. Er ist mein bester Freund, aber ich verkrafte im Moment keine Veränderungen zwischen uns. Ehrlich gesagt will ich überhaupt keine Veränderung in meinem Leben – ich habe schon genug Überraschungen hinter mir.“
Pretty Boy schenkte mir ein gefiedertes Nicken, sprang auf die hinterste Lehne unserer Sitzecke und machte es sich dort bequem. Kurz darauf kam Joe zurück und rutschte auf den Platz mir gegenüber.
„Sollte nicht lange dauern, heute ist es ziemlich ruhig hier.“
Ich blickte mich um. „Stimmt. Normalerweise ist um diese Zeit mehr los, oder?“
„Ich beschwere mich nicht, wenn das bedeutet, dass unser Essen früher kommt.“ Joe lachte.
„Stimmt auch wieder“, antwortete ich lächelnd. „Also, wie läuft eigentlich dein Zaubertrank-Business? Tut mir echt leid, dass wir nie darüber reden. In meinem Kopf dreht sich alles darum, den Buchladen richtig zu organisieren und die offizielle Eröffnung zu planen.“
Joes Gesicht hellte sich auf. „Es läuft gut! Mein neuester Trank ist fast fertig, ich muss nur noch ein paar Kleinigkeiten ausbügeln.“
Ich nickte. Joe hatte ein Online-Zaubertrank-Business gegründet, von dem ich erst vor knapp vier Wochen überhaupt erfahren hatte. Kaum zu glauben, dass er so ein Geheimnis vor mir verborgen hatte, aber es zeigte auch allzu deutlich, dass ich ihm beweisen musste, dass er immer mit mir reden konnte. Wenn mein bester Freund Zaubertränke verkaufen wollte, dann würde ich ihn dabei unterstützen, komme was wolle. Außerdem kamen seine kleinen Elixiere mir inzwischen auch zugute, die konnten nämlich eine Migräne innerhalb von 30 Sekunden komplett verschwinden lassen.
„Weißt du, ich wollte dich die ganze Zeit schon fragen, wie du die Tränke testest? Woher weißt du, wenn einer fast fertig ist?“
„Na ja.“ Joes Blick schweifte kurz ab, bevor er mir wieder in die Augen sah.
„Manchmal weiß ich es einfach. Hexenintuition, weißt du? Und wenn das der Fall ist … teste ich ihn.“
„Joe!“, quietschte ich. „Das ist total gefährlich!“
Joe rutschte auf seiner Bank hin und her. „Aber nur, wenn man nicht weiß, was man tut! Vertrau mir, ich kann das.“
Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
„Überleg doch mal: Das ist nichts anderes, als wenn du einen Zauberspruch wirkst. Eigentlich ist das sogar riskanter, weil du deine Sprüche nicht planst. Bei mir ist alles sehr durchdacht.“
„Trotzdem“, sagte ich.
Zog ich eine Schnute? Vielleicht ein bisschen.
Joe lächelte. „Komm schon. Es ist ganz normal, dass man in einem Start-up jede Aufgabe erst mal selbst übernimmt. Irgendwann stelle ich jemanden ein, und bis dahin ist Earl in der Nähe, falls doch was daneben geht.“
Ich zweifelte immer noch. Earl war ein schwarzer Kater und Joes Vertrauter, der zwar sehr begabt in Sachen Magie war, aber auch sein eigenes Ding durchzog. Earl war manchmal stundenlang oder sogar den ganzen Tag allein unterwegs. Joe schien das nichts auszumachen, aber wie sollte ich darauf vertrauen, dass er keinen seiner Tränke ausprobierte, wenn Earl nicht da war? Ich seufzte.
„Ich weiß, was du denkst“, grinste Joe. „Ich werde immer sichergehen, dass Earl zu Hause ist, bevor ich einen der Tränke verkoste, okay?“
„Na gut, dann ist es wohl in Ordnung. Aber denk dran: Ärger machen ist meine Sache, nicht deine“, warnte ich.
„Wie könnte ich das vergessen?“
Kapitel zwei
Das Tagebuch
Auf der Suche nach einem Kaugummi griff ich in meine Tasche. Dabei streiften meine Finger das Tagebuch, das ich stets bei mir trug. Ich ließ meine Hand kurz darauf ruhen, und für einen Moment fühlte ich mich mutig. Vielleicht schlug ich es heute endlich auf und las darin. Vielleicht … aber wahrscheinlich eher nicht.
„Komm schon“, sagte Joe und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
„Was?“, fragte ich und zuckte die Achseln. Pretty Boy krächzte schief und flatterte zwischen uns auf die Tischplatte. „Alles gut, Kleiner“, beruhigte ich ihn.
„Siehst du?“, sagte Joe. „Selbst Pretty Boy hält deine Ablenkungsmanöver nicht mehr aus.“
„Ich lenke nicht ab. Ich warte auf den richtigen Zeitpunkt.“ „Du weißt so gut wie ich, dass das Einzige, was dich davon abhält, dieses Tagebuch zu lesen, deine Angst ist. Du weißt, dass ich dir einen Zaubertrank dagegen brauen könnte.“
„Nein, danke.“ Ich grinste schief. „Ich werde das wie bisher in meinem eigenen Tempo angehen.“
„Angsthexe! Angsthexe!“, stichelte Pretty Boy.
„Verräter“, murmelte ich.
Pretty Boy watschelte noch näher heran, nickte mit dem Kopf und gab dabei ein seltsames Zwitschern von sich.
„Ist er gerade –“, sagte Joe ungläubig.
„Am Lachen.“ Ich seufzte. „Ganz richtig, er lacht mich aus. Du hast Glück, dass ich dich liebe“, sagte ich zu Pretty Boy, streckte die Hand aus und wuschelte durch seine Federn. Er lachte einfach weiter.
„Zwei Whizz-Limos und ein Brownie!“, rief Chesney.
Joe erhob sich, um unsere Bestellung abzuholen. Mein Blick folgte ihm, während er sich entfernte und dann den klebrig-weichen Brownie zu uns an den Tisch brachte.
„Für dich“, sagte er, stellte den Brownie und eine der Whizz-Limos vor mir ab und setzte sich wieder.
Ich griff sofort nach dem Teller und zog den leckeren Brownie näher zu mir heran.
„Joe! Du hättest mir doch nicht auch noch etwas Süßes mitbringen müssen!“
„Deine verkrampften Finger sagen was anderes“, bemerkte Joe grinsend. „Außerdem habe ich gelernt, dass Schokolade deine Angst lindert.“
Ich lachte und stach mit der Gabel in den Brownie, gespannt auf die zauberhafte Überraschung. Ich wurde nicht enttäuscht: Schokoladensirup brodelte aus dem Inneren und schoss dann wie ein Vulkan heraus, überflutete den ganzen Brownie und lief an den Seiten herunter.
„Mmmm, so lecker“, nuschelte ich mit vollem Mund.
„Besser?“, fragte Joe.
„Ein bisschen“, gab ich zu.
„Gut“, sagte Earl, der wie aus dem Nichts auftauchte und auf den Tisch hopste.
„Hey! Pass auf den Brownie auf.“
Er setzte sich seufzend und hob eine pelzige Pfote, um sich zu putzen. Erst dann sprach er: „Tante Judy bittet euch zwei um eine Audienz.“
„Da bist du also gewesen“, sagte Joe.
„Natürlich. Ich nehme mir immer Zeit, sie zu besuchen. Sie hat Leckereien für mich.“ Earl sprang wieder auf den Boden und schlenderte zur Tür. „Also?“
„Was also?“, fragte ich.
„Kommt ihr jetzt mit oder nicht?“
„Earl, wir haben gerade erst unsere Getränke bekommen“, sagte Joe. „Sag Tante Judy, dass wir kommen, sobald wir fertig sind.“
„Na schön, aber lasst sie nicht zu lange warten. Ihr wisst ja, wie sie sonst wird.“
Und mit dieser letzten Warnung trat Earl vor die Eingangstür und quetschte sich durch die Katzenklappe, die Chesney für die Vertrauten eingebaut hatte. Seine kleinen Hinterbeine mussten einen zusätzlichen Schubs geben, damit sein rundliches Hinterteil es auf die andere Seite schaffte. Ich musste schmunzeln.
„Earl ist in letzter Zeit ein bisschen fülliger geworden. Ich glaube, er bekommt ziemlich viele Snacks von Tante Judy.“
„Lass dich von seiner mürrischen Art bloß nicht täuschen. Er kann sehr, sehr charmant sein, wenn er will – und Essen ist ein großartiger Anreiz dafür. Gypsy von der Kaffeebar füttert ihn auch die ganze Zeit. Ich sage ihr ständig, dass er genug bekommt, aber Earl hat sie überzeugt, dass ich ihn auf eine strenge Trockenfutter-Diät gesetzt habe.“
„Und, hast du?“, fragte ich grinsend und sah vor meinem inneren Auge genau, wie Earl Gypsy eine grandiose Lügengeschichte erzählte. Allerdings ist sie auch bei Weitem keine dumme Hexe.
„Jetzt schon!“, antwortete Joe ärgerlich. „Früher hat er jeden Morgen eine richtig gute Dose von mir bekommen, aber bei den ganzen zusätzlichen Mahlzeiten mache ich mir doch Sorgen um seinen Magen. Aber keine Sorge, den Geschmack des Trockenfutters liebt er auch. Ich erkläre ihm regelmäßig, dass wir wieder auf Dosenfutter umsteigen können, wenn er aufhört, überall zu betteln.“
„Ha!“ Ich lachte auf. „Earl will, was er will. Mein Vertrauter scheint also nicht der einzige Sturkopf zu sein.“
„Da hast du wohl recht“, sagte Joe. „Bist du schon fertig? Wir könnten zu Tante Judy gehen, wenn du möchtest.“
Ich seufzte schwer. „Ich schätze, eine Pommesrunde würde auch nur das Unvermeidliche herauszögern, oder?“
„Leider ja.“ Joe lächelte. „Du musst mit ihr reden.“
Er griff quer über den Tisch nach meiner Hand und drückte sie sanft.
„Ich weiß. Aber ich habe einfach keine Ahnung, wo ich anfangen soll.“
Es stimmte, dass ich Tante Judy seit unserem letzten Treffen gemieden hatte. Da hatten wir genau hier, bei Whizzys Zisch & Zauber, gefeiert. Der Anlass? Dass ich noch mein Leben hatte, nachdem ich ganz knapp dem Raub meiner magischen Kräfte samt plötzlichem Tod entkommen war. Klar, ein Mordfall hatte sich aufgeklärt, und es war mir wichtig gewesen, meine Freunde und Familie um mich zu versammeln. Eins hatte mich diese Nahtod-Erfahrung nämlich gelehrt: Die Menschen, die man liebt, sind unbezahlbar. Aber nun war eine ganze Weile vergangen, und es gab noch so viele Fragen, die einer Antwort bedurften. Fragen, die ich meiner Tante stellen musste. Hatte ich erwähnt, dass ich nicht so auf Veränderungen stehe? Ich seufzte doppelt.
Wie sollte ich überhaupt ein solches Gespräch mit der Frau, die mich aufgezogen hatte, beginnen? Wie sollte ich die Antworten einfordern? Mir war längst klar, dass sich unsere Beziehung dadurch verändern würde. Da war wieder dieses Wort: Veränderung. Ich hasste es. Ich griff erneut in meine Tasche, fand das Tagebuch meines Vaters und umklammerte es fest. Warum hatte Tante Judy nie etwas über die Familienseite meines Vaters erzählt? Dass er lebende Schwestern hatte, die ich hätte kennenlernen können (okay, abgesehen von der verrückten)? Und vor allem: Warum hatte Tante Judy mir nicht erklärt, dass meine Art von Magie wie seine war? Ich fragte mich, ob sie Angst davor hatte.
„Möchtest du noch einen Brownie? Ich glaube, wir haben gerade noch Zeit für einen zweiten“, sagte Joe.
Ich lächelte. „Nur, wenn wir teilen. Danach können wir gehen, und ich rede mit ihr. Versprochen.“
Kapitel drei
Vertraue Orte
Meine Schultern und mein Nacken waren ein einziger großer Knoten, als wir uns dem Haus meiner Tante näherten. Vor gar nicht langer Zeit war es auch noch mein Zuhause gewesen, bevor ich in das entzückende Tiny House in Maple Springs gezogen war. Ein Teil von mir wollte einfach hineinrennen, die Tür meines alten Schlafzimmers aufreißen und mich in alles Vertraute und Behagliche einhüllen. Der andere Teil wollte in die entgegengesetzte Richtung abhauen, zurück in mein neues Zuhause … das mehr als nur behaglich war. Es fühlte sich richtig an. Als ich die Tür erreichte, fragte ich mich für einen Moment, ob ich anklopfen sollte, statt einfach reinzugehen wie in den letzten fünfzehn Jahren meines Lebens.
„Hebst du gerade die Hand, um anzuklopfen?“, fragte Joe mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.
„Was? Nein! Obwohl … vielleicht.“
Pretty Boy wackelte mit den Flügeln. „Rein da! Rein da!“
Seufzend ließ ich meinen Arm sinken, öffnete die Tür und steckte den Kopf nach drinnen.
„Tante Judy, wir sind’s, Joe und ich“, rief ich.
„Ich habe euch schon gehört. Warum steht ihr denn vor der Tür herum?“, fragte Tante Judy, die uns von der Küche aus antwortete. „Kommt rein! Earl und ich bereiten gerade das Essen vor.“
„Siehst du“, flüsterte Joe. „War doch gar nicht so schlimm.“
Ich gab ihm einen kleinen Schubs, trat aber trotzdem ein. In der Küche hüllte uns ein himmlischer Duft von hausgemachtem Gemüseeintopf ein.
„Mmm“, summte ich, schloss die Augen und atmete tief ein.
„Wie ich sehe, genießt du den Duft meines Eintopfs immer noch. Ihr kommt gerade rechtzeitig, die Knoblauchbrötchen sind gleich fertig.“
„Ohh yes!“, rief Joe aufgeregt. „Man, bin ich froh, dass du uns eingeladen hast.“
Earl saß auf einem der Esszimmerstühle und fraß genüsslich aus einem zierlichen Schälchen etwas, das nach Thunfisch aussah. Ich setzte mich zu ihm und bedeutete Joe, sich uns anzuschließen.
Warum war ich hier? Dass Tante Judy mein Lieblingsessen servierte, konnte kein Zufall sein. Vielleicht hatte sie ein schlechtes Gewissen wegen all der unausgesprochenen Dinge zwischen uns in letzter Zeit.
„Gab es einen bestimmten Grund, warum du uns eingeladen hast?“, fragte ich. „Dein Eintopf ist übrigens immer noch mein absolutes Lieblingsessen. Danke, dass du ihn gekocht hast.“
„Ach, keine große Sache“, winkte sie ab.
Ich wusste es besser, diese Suppe dauerte ewig. Das Aroma der vielen verschiedenen Gewürze, des gerösteten Gemüses und marinierten Rindfleischs, vermischt mit ihrer hausgemachten Brühe, sorgte für ein fantastisches Geschmackserlebnis im Mund. Mir war aber auch bewusst, dass sie meine Frage nicht beantwortet hatte. Ich beobachtete, wie Tante Judy am Herd hantierte und hier und da eine Prise von diesem oder jenem hinzufügte. Kurze Zeit später piepste wie versprochen der Ofen, aus dem sie ein Blech sehr lecker aussehender Knoblauchknoten zog. Ich wagte es nicht, meine Hilfe anzubieten, sie würde sowieso beleidigt ablehnen. Nein, es war einfach Tante Judys Art.
Sie stellte das dampfende Gebäck in die Mitte des Tisches. Earl sprang sofort auf, um etwas abzugreifen, doch Tante Judy zückte in der gleichen Sekunde eine mit Wasser gefüllte Sprühflasche, richtete sie auf den Kater und hob herausfordernd eine Augenbraue. Earl fauchte zur Antwort und sprang zurück auf seinen Platz.
„In diesem Haus legen wir Wert auf gute Manieren“, sagte Tante Judy mit strengem Blick, und ich verbarg ein Lächeln hinter meiner Hand. „Denkt bloß nicht, dass ich die Flasche nicht auch gegen euch zwei einsetze, wenn einer nach den Brötchen greift, bevor der Eintopf fertig ist.“
„Ja, Ma’am“, murmelten Joe und ich wie aus einem Munde.
Ich mied bewusst seinen Blick, da ich genau wusste, dass ich sonst in schallendes Gelächter ausbrechen müsste. Wenigstens schien unsere Zurechtweisung Earl zu besänftigen. Sein Fell glättete sich sichtbar, und er nahm eine zufriedenere Haltung ein. Erst als der Eintopf serviert, probiert und die Brötchen verteilt waren, kam ich noch einmal auf meine Frage an Tante Judy zurück.
„Es schmeckt köstlich“, begann ich. „Aber du kannst nicht leugnen, dass dieses Gericht ewig dauert. Seit ich auf der Welt bin, gibt es den Eintopf nur zu drei Anlässen: Entweder es ist ein Feiertag oder mein Geburtstag. Der dritte Anlass …“ Ich hob die Augenbrauen. „… ist immer eine schlechte Nachricht.“ Ich räusperte mich und setzte mich aufrechter hin. „Also, wir wissen alle, dass die ersten beiden Möglichkeiten nicht zutreffen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass du dir die Mühe nicht nur gemacht hast, weil ich zu Besuch komme … also bleibt nur noch –„
„Ist ja gut“, seufzte Tante Judy. „Nur damit das klar ist: Ich freue mich immer, dich zu sehen, und ich hätte den Eintopf gekocht, Feiertag hin oder her. Deine Besuche sind ja mittlerweile fast schon etwas Besonderes, so selten, wie du noch hier bist.“
Sie vollendete den Satz mit einem scharfen Blick in meine Richtung, der mich zum Wegschauen zwang. Zwischen ihr und mir war es einfach kompliziert geworden.
„Aber“, begann Tante Judy. „In diesem Fall liegst du trotzdem richtig, Melissa. Wir müssen reden, und es wird kein schönes Gespräch.“
Mein Appetit ließ schlagartig nach. Joe schaufelte sich den Eintopf noch schneller in den Mund, als hätte er Angst, jeden Moment zum Gehen aufgefordert zu werden und seine Mahlzeit zu verpassen. Ich schüttelte den Kopf und konnte trotz der abstürzenden Stimmung ein leises Kichern nicht unterdrücken. Ach, Joe. Und er fragte sich, warum Earl am liebsten den ganzen Tag aß.
Pretty Boy beobachtete meine Tante und mich still und aufmerksam, wohingegen Earl von der ganzen Situation kaum gestört schien. Er schleckte genüsslich seine Brühe aus einer winzigen Schüssel.
„Dein Tierarzt hat mich heute Morgen angerufen und erklärt, was passiert ist“, sagte Tante Judy.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Ein unbehagliches Gefühl machte sich in mir breit. „Das wundert mich nicht. Hat er auch berichtet, dass ich dachte, Pretty Boy liegt im Sterben?“ Als wolle er mich verteidigen, flatterte Pretty Boy in die Luft und rief: „Mich gerettet! Meine Hexe mich gerettet!“
Die Anspannung löste sich sofort, sogar Tante Judy lächelte.
„Das reicht, du süßer Vogel. Ich muss dieses Gespräch mit deiner Hexe führen. Aber mach dir keine Sorgen, ich bin nicht böse, nur besorgt.“
Tante Judys Stimme war so sanft wie nie zuvor, fast hätte ich die bevorstehende Standpauke vergessen. Aber auch nur fast. Pretty Boy beruhigte sich gezwungenermaßen und ließ sich wieder auf dem Tisch nieder, den Kopf fragend geneigt.
Tante Judy fuhr fort: „Doc hat tatsächlich berichtet, dass du aus Sorge um Pretty Boy in Panik geraten bist. Er beschrieb aber auch, wie dein Zauber Mrs Hendricks fast durch den Raum geschleudert hätte.“
Heiße Röte kroch meinen Hals hinauf bis in meine Wangen. Ich hatte wirklich ein schlechtes Gewissen wegen dieses Zaubers, auch wenn ich wusste, dass es Mrs Hendricks gut ging.
„Wie lange geht das schon, dass deine Zaubersprüche so kraftvoll sind? War es das erste Mal?“, fragte Tante Judy mit einem Hauch von Hoffnung in der Stimme.
Ich konnte ihr kaum in die Augen sehen. Ich hatte ihr nicht erzählt, dass meine Zaubersprüche seit dem Umzug nach Maple Springs viel ausdrucksstärker waren. Vor allem meine neue Hexenfreundin, der das Café neben meiner Buchhandlung gehörte, hatte dazu beigetragen. Mein ganzes Leben lang war ich eine magische Niete gewesen – es war sogar der eigentliche Grund, warum ich meine Heimat verlassen und an einen normalen Ort ziehen wollte. Denn normale Menschen erwarteten nicht, dass ich mir komplizierte Zaubersprüche aus dem Ärmel schüttelte oder aufgrund meiner Abstammung irgendwie spektakulär war. Ich hatte nicht geahnt, dass dieser Umzug mich zu der Schwester meines Vaters bringen und mich so viel mehr entdecken lassen würde, als ich mir jemals erhofft hatte. Ich hatte sie kurz vor ihrem Tod kennenlernen dürfen, aber irgendwie machte das die Sache noch schlimmer – die Grausamkeit von Schicksal oder Leben. Aber ich schätzte, ich hatte auch Glück. Ich konnte eine Verbindung zu Tante Joanna aufbauen, bevor sie ging. In dieser Zeit fand ich auch das Tagebuch meines lieben Vaters. Ich trank einen magischen Kaffee von meiner Freundin, der schon nach kurzer Zeit die Magie erweckte, die offenbar die ganze Zeit in mir geschlummert hatte. Was für ein Glück.
Ich seufzte. Der Umzug hatte definitiv seine Höhen und Tiefen gehabt. Trotzdem musste ich mir eingestehen, dass das Leben im Tiny House in Maple Springs und die Arbeit im Buchladen einen Teil von mir erfüllte, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass ich mich danach sehnte. War Maple Springs der Ort, an den ich gehörte? Joe räusperte sich und sah mich fragend an.
„Wäre es in Ordnung, wenn ich kurz erkläre? Vielleicht hilft es dir, den Anfang zu finden“, fragte Joe.
Er lehnte sich über den Küchentisch zu mir und ergriff meine Hand, drückte sie tröstend und ließ dann wieder los. Ich nickte. Das war einer der unzähligen Gründe, warum er mein bester Freund war.
„Vor ungefähr einem Monat hat Melissa zum ersten Mal die Veränderung in ihrer Magie gespürt“, begann Joe.
Tante Judy schnappte nach Luft.
Joe fuhr fort: „Unsere Freundin, der das Café neben dem Buchladen gehört, ist auch eine Hexe. Eines Tages hat sie Melissas Aura bemerkt, die hell und klein war, als würde sie sich unbedingt befreien wollen. Deswegen hat sie Melissas Getränk verzaubert, um ihre Magie zu befreien und ganz sie selbst sein zu können.“
Ich wagte einen vorsichtigen Blick auf Tante Judy. Sie hatte die Lippen zu einer schmalen, zornigen Linie zusammengepresst. „Seit diesem Tag ist Melissas Magie irgendwie … na ja, mehr.“
Ich seufzte und fasste endlich den Mut, selbst zu sprechen: „Seit diesem Tag fühle ich mich lebendiger als je zuvor.“ Tante Judy schob ruckartig ihren Stuhl zurück – so heftig, dass er fast umkippte – und stand auf.
„Du irrst dich.“ Sie kochte vor Wut. „Was du spürst, ist Macht, Melissa. Du musst ihr widerstehen.“ Sie entfernte sich vom Tisch und lief vor der Küchentheke auf und ab. „Ich hatte immer Angst, dass das passiert, aber es ist so viel Zeit vergangen. Ich hatte wirklich gehofft, dass wir sicher sind.“
„Was meinst du damit?“ Ich beobachtete sie mit wild schlagendem Herzen. „Wusstest du es? Wusstest du, dass meine Magie stärker sein könnte, und hast es mir verheimlicht?“ Jetzt war es Tante Judy, die meinem Blick auswich.
„Das kann doch nicht dein Ernst sein!“, begehrte ich auf und schob ebenfalls meinen Stuhl zurück, um aufzustehen. Verzweifelt warf ich die Hände in die Luft. „Die ganze Zeit über? Wow! Du wusstest genau, wie minderwertig ich mich gefühlt habe, und hast nichts gesagt! Hast du mir das angetan? Hast du meine Magie geschwächt, weil du Angst hattest?“
Tante Judy riss den Kopf zu mir herum. „Was? Auf keinen Fall! Das würde ich dir niemals antun!“
Mein Herz beruhigte sich etwas. Joe, Earl und Pretty Boy starrten uns an, ohne einen einzigen Muskel zu rühren. Tante Judy seufzte, die Falten um ihre Augen und ihren Mund vertieften sich. Sie trat zurück an den Tisch und setzte sich. Ihre Schultern hingen resigniert herab.
„Ich habe immer geahnt, dass die Magie deines Vaters dich irgendwann findet“, flüsterte sie. „Aber ich wollte alles tun, was in meiner Macht steht, um dich davor zu schützen. An dem Tag, als du die Runenkarte ausgewählt hast, damals bei Whizzys, da wusste ich … Ich wusste, dass etwas sich verändert und die Magie deines Vaters in dir erwacht war. Und trotzdem dachte ich, wir hätten noch mehr Zeit.“
Ich hatte diesen Tag noch glasklar in Erinnerung: Tante Judy hatte meine magischen Fähigkeiten zum dritten Mal getestet, indem sie drei Karten mit unterschiedlichen magischen Runen vor mir ausgebreitet hatte. Meine Wahl hatte sie nicht gerade glücklich gemacht. An diesem Tag hatte sich unsere Beziehung verändert. Jetzt wusste ich, warum.
„Die Rune also“, stellte ich fest.
„Es ist eine Familienrune deines Vaters“, antwortete Tante Judy. „Sie steht für große Macht, aber auch große Versuchung und eine Neigung zu dunkler Magie.“
Ich holte scharf Luft.
„Deswegen habe ich es nie angesprochen“, sagte Tante Judy. Sie griff nach meiner Hand, so wie Joe es getan hatte. „Ich wollte dich nicht in Versuchung bringen – vor allem nicht, wenn es sich ohnehin nicht manifestiert. Ich habe gedacht: Was würde das bringen? Aber leider hat es sich einfach nur sehr spät gezeigt, und jetzt müssen wir uns damit auseinandersetzen.“
„Und wie soll das gehen?“, fragte ich.
„Training.“ Tante Judy nickte, als wäre die Sache bereits entschieden. „Es ist Zeit, deiner alten Schule einen Besuch abzustatten: der Witchbane & Moonbeam Schule der Auserwählten.“