Prolog
Die Terrassentür der Villa gibt wie erwartet mühelos nach. Ein leises Klicken und ich stehe im Wohnzimmer meines ehemaligen Chefs. Es riecht nach Kaffee, Holz und viel Geld.
Aufgrund meiner wochenlangen Recherche habe ich geschätzt knapp eine Stunde Zeit, bevor seine Haushaltshilfe hier auftaucht. Statt sich selbst um den Haushalt zu kümmern oder dass seine Frau das tut, sitzt er wohl lieber seinen Schreibtischstuhl platt und sie fährt lieber in den hundertsten Wellnessurlaub. Da, wo sie jetzt gerade auch wieder ist.
Ich sollte mich beeilen, doch so ganz genau weiß ich nicht, wonach ich suchen soll. Ich meine, klar habe ich mit dem Arschloch noch ein Hühnchen zu rupfen. Immerhin hat er mich fristlos entlassen und das, obwohl ich sowieso schon viel weniger Gehalt bekommen habe als die anderen Mitarbeiter. Die waren allerdings auch zu nichts zu gebrauchen, aber es waren leider welche dabei, die mich offenbar verpfiffen haben, weil ich des Öfteren mit einer Alkoholfahne zur Arbeit gekommen bin.
Wie sollte ich den Mist denn auch sonst bitte aushalten? Erst war ich ja froh, dass er mich eingestellt hat, denn das hier ist nicht mein erster Einbruch, weshalb mein polizeiliches Führungszeugnis nicht besonders clean ist, aber schlussendlich wäre ich besser arbeitslos geblieben.
Ich schaue mich im Wohnzimmer um. Überall antike Holzmöbel, große Vitrinen und eine Sofalandschaft, auf der eine ganze Fußballmannschaft Platz fände. Mein Blick bleibt am Sekretär hängen, der neben dem großen Holzschrank steht. Ich öffne die erste Schublade und ‒ Bingo! Bargeld. Schnell stecke ich es in meinen Rucksack und öffne die nächste. Schon wieder ein Volltreffer: Schmuckkassetten. Ein Lachen legt sich auf meine Lippen. Ich habe es scheinbar immer noch drauf.
Nachdem auch der Schmuck in meinem Rucksack gelandet ist, schaue ich mich weiter um. Was könnte ich finden, was Rick helfen könnte? Denn sagen wir es mal so, eigentlich bin ich nicht hier, um mich an meinem alten Chef zu rächen, sondern um meinem Kumpel zu helfen.
Letzte Woche habe ich ihn nach Jahren noch mal in der Kneipe getroffen. Er war sichtlich betrunken, seine Worte waren eigentlich nur noch ein Lallen. Und auch wenn ich nicht der emotionalste Mensch bin, habe ich mir sein Leid angehört.
»Bevor Lisa schwanger wurde, hatte ich eine Affäre mit Lydia. So hieß sie. Ich habe sie sehr geliebt. So sehr, dass ich überlegt habe, meine Frau zu verlassen. Doch dann hat sie mir eines Abends ihren positiven Schwangerschaftstest vor die Nase gehalten. Da wusste ich, ich musste das mit Lydia beenden. Aber dazu bin ich nicht mehr gekommen, denn am nächsten Tag habe ich erfahren, dass sie ermordet wurde.«
Ricks Worte hallen immer noch in meinem Kopf wider. Seit er damals Vater wurde, habe ich nichts mehr von ihm gehört. Davor haben wir uns oft in der Kneipe, zum Fußballspielen oder am Meer zum Trinken getroffen. Über viel Persönliches haben wir nie geredet, daher wusste ich auch nichts von seiner damaligen Affäre.
Na ja, jetzt stehe ich hier und tue ihm einen Gefallen. Denn er denkt, dieser arrogante, reiche Schnösel hat etwas mit dem Mord an Lydia zu tun. Ich soll Beweise finden, habe aber keine Ahnung, welche. Also schaue ich weiter in jedes Zimmer und schnappe mir Dinge, die mir wichtig erscheinen. Und natürlich solche, die Geld bringen könnten. Schließlich möchte ich bei der Aktion ja auch nicht zu kurz kommen …
Als mein Rucksack so gut wie voll ist, trete ich den Rückweg an. Und da sehe ich im Augenwinkel die Vitrine, die ich bereits zu Anfang registriert habe, doch jetzt erst nehme ich wahr, was sich wirklich darin befindet: eine riesige Uhrensammlung. Dafür ist definitiv noch Platz im Rucksack.
Ich rüttele an der Tür, doch sie ist verschlossen. Kurzerhand schlage ich die Glastür mit meinem Ellbogen ein und die ganzen Splitter verteilen sich auf dem teuer aussehenden Parkettboden. Ich greife durch die zerstörte Tür und schnappe mir die Uhren. Außer mit dem Rolex-Symbol auf einigen Uhren kann ich mit den Marken nichts anfangen. Aber ich denke, die werden nicht weniger wert sein. Also stopfe ich sie dort in den Rucksack, wo noch Platz ist. Bei der letzten Uhr durchzieht mich plötzlich ein Schmerz am rechten Unterarm. Shhiiitt! So ein Mist! Ich habe mich an der scharfen Kante der kaputten Vitrinentür geschnitten. Hastig wische ich das Blut an meiner Hose ab und überprüfe, ob sich irgendwo noch weitere Spuren finden. An der Scheibe sehe ich einen kleinen Fleck, den ich mit meinem Ärmel fortwische. Er ist nun nicht mehr zu erkennen. Glück gehabt, dass es nur ein kleiner Schnitt ist, der nicht weiter blutet.
Ein Blick auf eine der Uhren verrät mir, dass ich mich jetzt wirklich beeilen muss, wenn ich nicht erwischt werden will. Also verlasse ich das Gebäude mit vollgepacktem Rucksack wieder durch die Terrassentür, ziehe mir meine Sturmhaube vom Kopf und verlasse das Grundstück, als ob ich nicht gerade mehrere tausend Euro aus einer Villa entwendet hätte.
1
»Kiana! Zieh dir deine Jacke an, wir müssen los!« Mein Kollege Pepe stürmt in unser Büro und schnappt sich bereits seine eigene.
»Wenn du mir sagst, wo wir so plötzlich hinmüssen?«
»Es gab einen Einbruch in Landkirchen.«
»Lass mich raten: wieder in einer von den schicken Villen?«
»Hundert Gummipunkte. Und jetzt komm!«
Wir fahren mit unserem zivilen Dienstwagen Richtung Landkirchen, ein Dorf von unserer Polizeistation in Burg auf Fehmarn entfernt. Hier auf der Insel ist alles schnell erreichbar.
In Landkirchen wohnen die Reichen und Schönen. Ein Leben, von dem ich damals immer geträumt habe. Doch mittlerweile will ich mich nicht beschweren, denn ich liebe meinen Job, auch wenn Pepe das manchmal anders sieht. Ich würde ihn für kein Geld der Welt eintauschen wollen. Sowohl ihn als auch meinen Kollegen nicht.
Angekommen bei der pompösen Villa erwartet uns bereits die Spurensicherung. Sie liegt relativ abgelegen und fällt daher noch mehr auf. Die weiße Fassade sieht aus wie frisch gestrichen und man könnte meinen, dass sogar die Dachziegel regelmäßig gereinigt werden.
Auf Fehmarn haben wir keine eigene Spurensicherung oder Forensik. Wir müssen also immer zwischen Kiel und der Insel hin und her pendeln. Auch wenn heutzutage vieles online möglich ist, fahre ich gerne aufs Festland und pflege die Verbindung zwischen den Kollegen vor Ort. Schließlich hat es immer wieder Vorteile, die Mitarbeiter auch persönlich zu kennen.
Direkt im Eingangsbereich steht eine aufgebrachte Hausangestellte. Ich vermute es zumindest, da sie genauso gekleidet ist, wie meine Oma damals. In einem Putzkittel und mit einem Staubwedel in ihrer linken Hand bewaffnet ist. Hektisch läuft sie mit kleinen Schritten von links nach rechts und zupft am Saum herum. Die grauen Haare stehen ihr zu Berge, vermutlich hat sie sich mehrfach vor Nervosität hindurchgestrichen.
Wir begrüßen die Kollegen der Spurensicherung und wenden uns dann der Dame zu, denn ich denke, sie kann uns am ehesten weiterhelfen. Sie stellt sich als Frau Kremer vor und wedelt weiterhin unkontrolliert mit ihrem Staubwedel durch die Luft.
»Haben Sie die Polizei gerufen, Frau Kremer?«, frage ich sie in ruhigem Tonfall. Ich hoffe, sie beruhigt sich so langsam ein wenig, denn so lange ich diesen Job auch mache, solche Menschen stecken mich mit ihrem Verhalten geradezu an. Und das kann ich gar nicht gebrauchen.
»Ja. Ich wollte gerade mit der Arbeit beginnen, da sehe ich das ganze Chaos im Wohnzimmer.«
»War die Tür verschlossen, als Sie hier ankamen?«
»Ja. Ich bin ganz normal mit meinem Schlüssel reingekommen.«
Ich schaue mich im Raum um. Überall stehen teuer aussehende Holzmöbel, die vermutlich schon seit Jahren in Familienbesitz sind. Alles ist steril und sauber, wenn man mal vom Chaos absieht, das der Einbrecher hinterlassen hat. An der Terrassentür sehe ich, dass die Kollegen bereits beschäftigt sind. Der Täter muss also vermutlich dort eingestiegen sein.
»Okay, Sie haben also einen eigenen Schlüssel zur Villa?«, fragt Pepe die ältere Dame.
»Genau.«
»Seit wann arbeiten Sie bereits hier?«
Frau Kremer überlegt und reibt sich dabei mit ihrer freien Hand über das Kinn. »Puh, bereits seit drei Jahren, glaube ich.«
»Dann wissen Sie doch bestimmt auch, wann der Besitzer immer das Haus verlässt, oder?«
»Meistens gegen acht Uhr. Ich komme dann immer gegen neun, wenn er weg ist, dann störe ich niemanden und auch mir läuft keiner über den frisch geputzten Boden.«
»Gut. Dann hatte der Einbrecher wohl nur ein knappes Zeitfenster«, stelle ich fest.
»Oh Gott! Dann hätte es ja sein können, dass ich ihn auf frischer Tat ertappt hätte.« Panik steigt in den Augen der Putzfrau auf und sie lässt endlich diesen blöden Staubwedel fallen, während ihre Hände leicht zittern. »Der hätte ja weiß Gott was mit mir machen können …« Sie reißt ihre Augen weiter auf.
»Na ja, das ist ja zum Glück nicht passiert«, versuche ich sie zu beruhigen.
»Ja, das sagen Sie so einfach.« Ihre Worte unterstreicht sie mit einem Schnauben und ich meine zu sehen, wie sie ein Augenverdrehen zurückhält. Mein Versuch, zu beruhigen, scheint also nicht besonders wirksam gewesen zu sein. Aber was hätte ich denn auch sonst sagen sollen? Manchmal frage ich mich, was die Leute von mir hören wollen.
Pepe stellt sich dichter neben Frau Kremer und drückt leicht ihre Schulter. »Da haben Sie wirklich Glück gehabt. Aber keine Angst, wir werden den Einbrecher schon finden.«
»Danke.« Sie nickt deutlich zufriedener.
Zum Glück findet er wenigstens immer die richtigen Worte.
»Sie können dann gerne nach Hause fahren, wenn Sie möchten. Ihre Personalien haben die Kollegen ja vermutlich bereits erfasst, oder?«
Sie nickt, bückt sich, hebt den Staubwedel wieder auf und verschwindet dann fluchtartig aus der Haustür.
»Puh, die ist fertig mit den Nerven. Die arme Frau.« Mitleidig schaut Pepe ihr hinterher.
Ich würde mich niemals als emotionslos bezeichnen, aber im Job versuche ich meine Gefühle immer zu unterdrücken. Was vermutlich auch daran liegt, dass ich oft nicht die richtigen Worte finde, wie man eben unschwer bemerkt hat.
Genervt trete ich von meinem Kollegen weg und lasse meinen Blick erneut durch den Raum schweifen. Überall liegen Gegenstände auf dem Boden. Alle Türen der Schränke sind aufgerissen und Splitter liegen verstreut über den gesamten Boden. Angezogen von diesen gehe ich zur Glasvitrine herüber. Besser gesagt zu dem, was noch von ihr übrig ist. Denn die Scheiben sind vollkommen zerschmettert worden. Was da wohl Wertvolles drin war? Ich schaue mir das Möbelstück genauer an. Was ist dort am Rand der Scheibe? Blut?
»Hey, schaut mal hier. Ich habe etwas gefunden!« Ich winke die Kollegen zu mir heran.
Ein Mitarbeiter der Spurensicherung kommt sofort zu mir herüber.
»Vielleicht hat der Einbrecher sich beim Zerschlagen der Scheibe verletzt. Nehmt am besten direkt eine Probe. Vielleicht haben wir Glück und der Täter ist bereits aktenkundig.«
»Machen wir.« Der Kollege in seinem Ganzkörperanzug nickt eifrig und macht sich unverzüglich an die Arbeit.
Zurück bei Pepe, der sich gerade mit einer Kollegin von der Streifenpolizei unterhalten hat, berichte ich von meiner Entdeckung.
»Das wäre natürlich ein absoluter Volltreffer. Aber mal abwarten. Du weißt ja, hundertprozentig sicher ist das nicht.«
»Ja ja.« Immer muss er noch ein Haar in der Suppe finden.
»Hey! Sie dürfen hier nicht rein!« Ein weiterer Kollege der Streife versucht einen Mann zurückzuhalten, der gerade die Villa betreten will.
»Das ist mein Haus! Machen Sie Platz!« Er zwängt sich vorbei und ich nicke meinem Kollegen nur stumm zu. Seinem Erscheinungsbild nach zu urteilen, muss er der Besitzer der Villa sein. Er trägt einen dunkelgrauen Anzug, dazu eine orangefarbene Krawatte, ein gebügeltes Hemd und hält eine Aktentasche in der Hand. Über die Krawatte lässt sich streiten und auch seine Frisur sieht etwas wild aus, aber das kann auch am Wind liegen, der hier ständig über die Insel pfeift.
»Und Sie sind …?«, frage ich, um auf Nummer sicher zu gehen.
»Moritz Brick.« Förmlich reicht er mir seine Hand und begrüßt auch Pepe.
»Meine Hauswirtschafterin hat mich angerufen. Ich bin so schnell herkommen wie nur möglich. Was ist denn passiert?«
»Wie Sie sehen, wurde bei Ihnen eingebrochen.« Hat der denn keine Augen im Kopf? Das ist doch wohl offensichtlich. Ich verkneife mir, genau wie seine Hausangestellte, das Verdrehen der Augen, denn dann müsste ich mir von Pepe sicher wieder etwas anhören.
»Oh Gott! Ich bin doch gefühlt eben erst aus dem Haus gegangen.«
»Ja, der Täter hat Sie vermutlich beobachtet und wusste ganz genau, wann Sie nicht da sind. Leben Sie alleine hier?«
Laut Zentrale haben wir die Info, dass die Villa lediglich auf Herrn Brick eingetragen ist, aber es wäre ja dennoch möglich, dass jemand mit ihm hier wohnt. Platz wäre ja ausreichend vorhanden.
»Nein, mit meiner Frau. Die ist aber gerade mit ihren Freundinnen im Wellnessurlaub.«
Herr Brick wirkt genauso schockiert wie eben Frau Kremer. Daher versuche ich, das Ganze für ihn und mich abzukürzen.
»Bitte bringen Sie eine Liste der entwendeten Gegenstände mit.
Meine Gedanken wandern noch einmal zu den Blutspuren zurück. Damit müsste doch was anzufangen sein …
2
»Also, fassen wir noch mal zusammen: zwei Perlenketten, ein Laptop, drei paar Ohrringe, vierundzwanzig Uhren, zwei antike Vasen und Bargeld in Höhe von dreitausend Euro.« Ich werfe einen Blick auf die Liste.
Was macht ein Mensch bitte mit vierundzwanzig Uhren? Er kann maximal zwei tragen, jeweils eine am rechten und eine am linken Handgelenk und das wäre schon ungewöhnlich. Dazu haben die Uhren einen Gesamtwert von fast einer Million Euro. Der Mann hat doch komplett den Bezug zur Realität verloren. Aber wer bin ich schon, das zu beurteilen? Immerhin gibt es für alles eine Sammelleidenschaft.
»Ja, genau. Und hier sind die Fotos.«
»Sie haben Bilder der Uhren?«
»Ja, natürlich. Die sind doch alle versichert und dafür muss ich alles nachweisen können.«
»Verständlich. Sehr umsichtig, das macht nicht jeder.«
Allerdings hätte er sein Geld zusätzlich mal in eine funktionierende Alarmanlage investieren sollen.
»Eine Frage noch: Wer von Ihren Familienmitgliedern wusste noch von den Wertgegenständen?«
»Eigentlich niemand. Außer Frau Kremer und meiner Frau natürlich. Nun ja, aber meine Uhrensammlung war kein großes Geheimnis. Immerhin trage ich oft unterschiedliche Exemplare. Das fällt den richtigen Leuten natürlich auf.« Ein schelmisches Grinsen legt sich auf seine Gesichtszüge. Was für ein arroganter Schnösel.
»Waren auf dem Laptop irgendwelche wichtigen oder für Fremde interessante Dinge?«
»Wie meinen Sie das?« Seine linke Augenbraue schnellt in die Höhe.
»Na, zum Beispiel, ob darauf irgendetwas gewesen ist, was gegen Sie hätte verwendet werden können oder Interna ihrer Firma?«
Mittlerweile wissen wir, dass Herr Brick eine Baufirma auf dem Festland besitzt. Er hat auch einige Ferienhäuser auf der Insel bauen lassen und vermietet diese jetzt.
»Ja, ein paar neue Baupläne. Aber ich denke, damit kann niemand außer mir etwas anfangen.«
»Also haben Sie keine konkreten Hinweise darauf, wer es gewesen sein könnte?«
»Nein. Ich denke, die sind auf gut Glück eingestiegen. Die haben vermutlich das teure Auto meiner Frau vor unserem Haus gesehen und gedacht, da gibt es was zu holen.«
Ja, ganz bestimmt. Ich denke, ich sollte das mit der Alarmanlage doch mal ansprechen. Ein paar Tipps könnten da wirklich helfen. »Gut möglich.«
Pepe betritt mit einer Akte in der Hand unser Büro. »Hier, schau mal.«
Ich überfliege kurz den Text der Forensik. Es ist bereits das Ergebnis der Blutspurenuntersuchung. Da war mal jemand fleißig.
»Oh, das ist ja fantastisch. Damit hätte ich nicht gerechnet.« Ich ziehe das Foto aus der Akte und zeige es Herrn Brick. »Kennen Sie diesen Mann?«
Er schaut sich das Bild genauer an, doch dann schüttelt er den Kopf. »Nein, den habe ich noch nie gesehen.«
»Gut, danke. Dann können Sie jetzt gehen. Ich glaube, wir haben erst mal alles. Ach, Herr Brick …« Er steht gerade auf, da überkommt mich der Gedanke, an meine Pflichten zu denken. »Unten am Empfang finden Sie einige Broschüren zum Thema Diebstahlschutz und Alarmanlagen. Nehmen Sie gerne welche mit.«
Mit einem Nicken verlässt der Villenbesitzer endlich unser Büro und ich atme tief durch.
»Wie lief es mit ihm?«, fragt Pepe.
»Hör mir bloß auf. So ein arroganter Schnösel.« Jetzt kann ich mir das Augenverdrehen nicht mehr verkneifen.
»Bist du etwa neidisch?«, schmunzelt mein Kollege.
»Bitte? Auf seine Uhrensammlung, oder was meinst du?«
»Nein, auf sein Geld.«
»Mit Sicherheit nicht.«
»Na gut, wenn du das sagst …« Schulterzuckend lässt er sich auf seinen Stuhl fallen.
»Aber jetzt noch mal zur Akte. Die Blutspuren in der Villa gehören also zu Herrn Jörg Meistner. Ich glaube, so schnell haben wir den Täter noch nie gefunden.«
Laut Akte ist er dreiundfünfzig Jahre alt und lebt mit seinem Sohn in Puttgarden. Auf dem Bild ist er definitiv noch jünger, aber das scheint auch schon über zehn Jahre alt zu sein. Seine Haare sehen noch relativ dicht und dunkel aus, auch die leichten Falten deuten auf ein jüngeres Alter hin. Lediglich die Augenringe unter seinen braunen Augen zeigen, dass er schon einiges erlebt hat.
»Jap. Er hat bereits vor acht Jahren einen Einbruch begangen und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Ist aber schon wieder seit sieben Jahren draußen.«
»Na, dann werden wir dem guten Herrn doch mal einen Besuch abstatten. Vielleicht hat er uns ja vermisst«, schlage ich vor.
»Gute Idee, lass uns noch ein paar Kollegen mitnehmen. Nur für den Notfall. Man weiß ja nie, wie er reagiert, wenn er uns sieht.«
Pepe wirkt manchmal wie ein kleiner Angsthase. Doch im Grunde fällt er fast immer die richtigen Entscheidungen und hat mir mit seiner fürsorglichen Art schon oft den Allerwertesten gerettet.
Auf dem Weg zur Adresse des Verdächtigen erzählt er mir von seinem letzten Date. Seit der Trennung von Charlotte vor drei Jahren stürzt er sich jedes Wochenende in sein Verderben. Bisher war noch keine Frau dabei, die ihm gepasst hat. Jedes Mal hatte er etwas auszusetzen. Die Haare hatten nicht die richtige Farbe, die Wimpern waren zu kurz oder lang, die Schuhe waren nicht schick genug. Besonders der Kleidungsstil wird oft von ihm kritisiert. Dabei weiß ich nicht mal, was er in seiner Freizeit trägt. Ich kenne ihn eigentlich nur in Dienstkleidung, die bei ihm immer aus schwarzer Hose und Hemd besteht und ich denke, davon hat er mehrfach dieselben im Kleiderschrank. Ganz im Gegensatz zu mir, die jeden Morgen vor ihrem Schrank steht und verzweifelt überlegt, was sie anziehen kann. Mit meinem relativ schlanken Körper habe ich glücklicherweise keine Probleme, passende Klamotten zu finden, was allerdings auch meine Kleiderstange an ihr Limit bringt.
Vielleicht sollte ich ihm mal heimlich auflauern und schauen, was bei seinen Dates falsch läuft. Nein, Kiana, ganz bestimmt nicht. Den Gedanken verdränge ich besser ganz schnell wieder.
Am Haus von Jörg Meistner angekommen, parken wir vor dem Garagentor. Ehrlicherweise hätte ich mit einer Wohnung in der Hochhaussiedlung auf Fehmarn gerechnet, aber anhand der Adresse hätte mir bereits klar sein müssen, dass dies nicht der Fall ist. Wir stehen vor einem relativ gepflegten Einfamilienhaus.
»Laut meiner Recherche hat er momentan keinen Job. Ich frage mich, wie er sich dieses Haus leisten kann.« Pepe hebt eine Augenbraue und mustert das Gebäude.
»Keine Ahnung. Vielleicht hat er was geerbt.«
»Oder sein ganzes Geld mit Diebstählen verdient.«
»Du meinst doch wohl nicht ernsthaft, dass er so viel stiehlt, dass er sich so etwas leisten kann und bisher nur zweimal erwischt wurde?« Dann hätte er definitiv gute Beute gemacht.
»Ein Meisterdieb.«
»Wahrscheinlich.« Ich schüttele den Kopf und mir entfährt ein Schnauben.
Wir gehen zur Haustür und ich betätige die Klingel. Hinter uns stehen zwei Kollegen in Uniform.
Bereits nach wenigen Sekunden öffnet uns ein junger Mann die Tür, der definitiv nicht unser Verdächtiger ist, ihm aber verdammt ähnlich sieht. Vor allem, da er in dem Alter ist, in dem Herr Meistner zum Zeitpunkt der Fotoaufnahme war.
»Guten Tag. Ich bin Frau Dederichs und das ist mein Kollege Herr Lindner. Wir sind von der Kriminalpolizei.« Gleichzeitig halten wir unsere Dienstausweise in die Höhe. Meistens erkennt man uns zwar schon an Waffen und Handschellen, die an unseren Gürteln befestigt sind, aber sicher ist sicher.
»Guten Tag, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?«
»Wir sind auf der Suche nach Herrn Jörg Meistner.«
»Ja, das ist mein Vater.«
Na, das erklärt die Ähnlichkeit.
»Und wo können wir ihn finden?«
»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Der ist alt genug, der meldet sich nicht mehr bei mir ab.«
Offenbar genauso ein Witzbold wie Pepe …
»Dürfen wir reinkommen?«, frage ich, ohne auf seine aberwitzige Antwort einzugehen.
Er hält uns die Haustür auf und wir treten ein. Von innen sieht das Haus nur halb so gepflegt aus wie von außen. Überall sind Flecken an den Wänden, der Boden klebt ein wenig und auf dem Couchtisch kämpft das dreckige Geschirr mit den Pfandflaschen um den besten Platz.
Mit verschränkten Armen bleibt er im Wohnzimmer vor uns stehen. »Was wollen Sie denn eigentlich von meinem Vater?«
»Er steht unter dem dringenden Tatverdacht, einen Einbruch begangen zu haben.«
»Mein Vater? So ein Quatsch! Seitdem er aus dem Knast ist, hat er keine Scheiße mehr gebaut.«
»Da sagen unseren Ermittlungen aber etwas anderes. Kennen Sie einen Herrn Brick?« Als mein Kollege den Namen des Villenbesitzers ausspricht, sehe ich ein kleines Zucken im Augenwinkel von Meistner Junior. Ich bin mir sicher, er kennt ihn. Fragt sich nur woher.
»Ich sehe mich mal ein bisschen um.« Bevor er mir widersprechen kann, gehe ich weiter ins Haus hinein und betrete das Schlafzimmer im Erdgeschoss. »Schaut euch bitte auch mal ein wenig um, vielleicht findet ihr was Verdächtiges«, richte ich meine Worte an die Streifenpolizisten.
Mit einem Nicken verschwinden sie in Richtung der vollgestellten Treppe, die ins Obergeschoss führt.
Hier im Zimmer riecht es ein bisschen wie im Pumakäfig. Das Bett ist nicht gemacht und überall liegen Klamotten herum. Vorsichtshalber ziehe ich mir Handschuhe über. Wer weiß, welche Körperflüssigkeiten oder Essensreste mir hier begegnen. Ich öffne ein paar Schranktüren, hebe die Bettwäsche an und dann wandert mein Blick unter das Bett. Aus Erfahrung weiß ich, dass die meisten Menschen denken, darunter sei ein tolles Versteck. So auch Herr Meistner, denn ich ziehe einen schwarzen Rucksack hervor. Er ist verdammt schwer und als ich ihn öffne, ist er randvoll mit dem Diebesgut, welches ich heute Morgen auf der Liste von Herrn Brick gesehen habe: unzählige Uhren, Schmuck, Vasen und sogar das Geld. Na sieh mal einer an. Die Kollegen von der Streife sollen sich hier mal ein wenig genauer umschauen. Wer weiß, was die hier sonst noch so finden.
Zurück bei Pepe halte ich triumphierend den Rucksack in die Höhe. Herr Meistners Augen werden groß. Ein bisschen erinnert er mich an Frau Kremer, bei der ich Angst hatte, ihre Augen könnten jeden Moment aus den Augenhöhlen springen.
»Sind Sie immer noch so sicher, dass Ihr Vater nichts mit dem Einbruch zu tun hat?« Dabei öffne ich erneut den Reißverschluss und halte ihm die Beute unter die Nase.
Pepe starrt mich ebenfalls entsetzt an. »Der hat sich nicht mal die Mühe gemacht, das auszupacken.«
»Er war also auf jeden Fall nach der Tat noch mal hier. Und Sie sind sich sicher, dass Sie Ihren Vater seit Tagen nicht mehr gesehen haben?«, frage ich vorwurfsvoll.
»Ja, so wie ich es Ihnen gesagt habe.«
»Hat er ein Handy?«
Er schnaubt. »Nein, dafür ist er viel zu altmodisch.«
In der heutigen Zeit?
»Wo waren Sie denn eigentlich gestern Morgen zwischen acht und zehn Uhr?«, wirft Pepe ein.
»Ähm … ich war bei meinem Kumpel, wieso?«
»Vielleicht haben Sie Ihrem Vater ja geholfen?«
»Was? Ich? Mit Sicherheit nicht! Ich bin erst gegen Mittag nach Hause gekommen. Ich war die ganze Nacht mit einem Freund im Pub. Wir haben bis in die frühen Morgenstunden gesoffen und ich bin dann bei ihm auf der Couch eingepennt.«
So, wie es hier aussieht, kann ich mir durchaus vorstellen, dass das stimmen könnte. Er scheint offenbar lieber zu feiern, statt sich um seinen Haushalt zu kümmern.
»Na gut, dann schreiben Sie uns doch gleich mal die Kontaktdaten von ihrem Kumpel und den Pub auf, mit dem Sie unterwegs waren.« Pepe überreicht ihm sein Notizheftchen und seinen heiß geliebten Kugelschreiber. Den hat er damals von seiner Schwester zur bestandenen Polizeiprüfung geschenkt bekommen und seitdem trägt er ihn jeden Tag bei sich. Dabei wundert es mich jedes Mal, wie leichtsinnig er ihn anderen Leuten leiht. Wenn ich bedenke, wie viele Kugelschreiber ich bereits verschludert habe, staune ich immer wieder, dass er ihn bisher nirgends verloren hat.
»Hier, bitte.« Der junge Meistner reicht Pepe den Block.
»Danke. Wir werden Ihr Alibi überprüfen.«
»Machen Sie da …« Weiter kommt er nicht, denn hinter mir erscheint einer unserer Kollegen und hält eine Waffe in die Höhe.
»Ist das Ihre oder die von Ihrem Vater?«
»Keine Ahnung, die habe ich noch nie gesehen.«
Ich merke, wie nervös Herr Meistner wird.
»Na gut. Wir werden das mal alles mitnehmen und melden uns wieder bei Ihnen. Bitte halten Sie sich für weitere Fragen bereit.«
»Ja, alles klar.« Seine Stimme zittert leicht und scheinbar schwitzen seine Hände, denn er reibt sich nervös über die Handinnenflächen.
Wir verlassen das Haus mit der Beute und fahren zurück zum Präsidium. Dort übergebe ich all die mitgenommenen Gegenstände an die Kollegen. Diese sollen überprüfen, ob es sich tatsächlich um die gestohlenen Dinge von dem Einbruch handelt und ob auch alles vollzählig ist. Für uns ist jetzt erst mal Mittagspause angesagt.
»Fischbrötchen oder Hähnchenwagen?«, fragt mich Pepe.
»Fischbrötchen.«
Obwohl ich bereits seit dreißig Jahren hier auf der Insel wohne und mindestens einmal die Woche eines esse, kann ich niemals genug davon bekommen. Es schmeckt jedes Mal nach einem Stück Heimat.
Eingewickelt in unsere Jacken verlassen wir das Revier und gehen direkt auf den Marktplatz in Burg. Heute ist nämlich Markttag und bei Erwin gibt es die besten Fischbrötchen auf der ganzen Insel.
»Moin, Erwin.«
»Moin, ihr zwei.«
»Machst du uns zwei Matjesbrötchen?«
»Na sicher.«
Während er die Brötchen aufschneidet, mustert er uns.
»Möchtest du etwas sagen?«
»Ihr seht so aufgeregt aus. Ist auf der Insel etwas Spannendes passiert?«
Sieht er uns das wirklich an? Ich muss ja gestehen, dass wir relativ selten Fälle hier auf Fehmarn haben, die etwas hermachen. Hier mal einen Verkehrsunfall, da mal eine Streiterei unter Nachbarn, kleine Kämpfe um den besten Fahrradplatz am Südstrand oder Taschendiebe. Aber ansonsten ist es hier eher ruhig. So ein Fall mit Verdächtigen und Blutspuren haben wir so gut wie nie.
»Wie man‘s nimmt. In Landkirchen wurde in einer Villa eingebrochen.«
»Ach herrje. Jetzt geht das hier auf der Insel also auch los.«
Also eigentlich gibt es hier immer mal wieder Einbrüche. Aber tatsächlich nie in großem Stil.
»Vielleicht haben wir ja Glück und können den Täter bald schon schnappen, dann muss hier keiner mehr Angst haben.« Pepes Brust schwillt vor Stolz an. Er kommt mir vor wie ein kleiner Junge, der gerade ein Lob von seinem Vater bekommen hat.
»Das wollte ich hören.« Erwin zwinkert uns zu und überreicht uns unsere Fischbrötchen. »Geht aufs Haus. Danke für euren Einsatz.«
»Das ist doch unser Job, Erwin.«
Dennoch nehmen wir sein Angebot gerne an und setzen uns mit unserem Mittagessen auf eine Bank inmitten der Menschenmassen. Wäre Fehmarn doch immer so harmlos, wie in diesem Moment.