Kapitel 1
„Zum Donnerkeil, Hexi, jetzt zieh doch nicht so“, murmelte Tilli, tätschelte dabei jedoch liebevoll den Kopf der kleinen Mischlingshündin. Hexi bellte kurz auf, ließ sich ansonsten aber nicht weiter beeindrucken. Sie wusste, dass Tilli die Leine lösen würde, sobald sie die Unterführung am Ortsausgang von Erbach in Richtung Main passiert hatten, und konnte es kaum erwarten.
Tilli hatte Hexi in aller Herrgottsfrühe bei Erwin Daußacker abgeholt. Ihre Mutter Magda hatte nur den Kopf geschüttelt, weil sich der ehemalige Spargelbauer einen Hund angeschafft hatte, obwohl er über siebzig, alleinstehend und von einem Leben voll harter Arbeit gezeichnet war. Tilli war dem Charme der jungen Hündin schon beim ersten Stammtischbesuch im Gasthaus von Tillis Familie, dem Roten Hirsch, hoffnungslos erlegen. Sie hatte deshalb mit Erwin abgemacht, zwei Mal in der Woche mit der weißen Hündin Gassi zu gehen.
Tilli bog aus der kleinen Seitengasse in die Hauptstraße der Erbacher Altstadt ein. So früh am Morgen hatte sie die ganze Straße für sich allein. Zu Hexis Unmut blieb sie kurz stehen, um den neuen Maibaum vor dem Rathaus zu bewundern. In Erbach wurde die weiße Birke, die die Feuerwehrler im Wald besorgten, traditionell von den Landfrauen mit buntem Krepppapier geschmückt, und dann mithilfe von Leitern aufgestellt. Auch am Vorabend war dies wieder eine überaus wacklige Angelegenheit gewesen, die Tilli als Livestream auf dem Instagram-Account der Erbacher Feuerwehr mitverfolgt hatte.
Dass der Baum noch stand sowie eine Tonne, in der die letzten Holzscheite glühten, zeugte davon, dass die Feuerwehrler die ganze Nacht tapfer Wache gehalten hatten. Der Holzkiste mit leeren Weinflaschen nach zu urteilen hatten sie dabei ordentlich Durst gehabt. Dank dem Einsatz der Feuerwehr hatte Erbach bisher nie die Schmach erleben müssen, dass ein benachbartes Dorf den Baum in der Nacht zum ersten Mai stahl und er teuer gegen Bier und eine Brotzeit wieder ausgelöst werden musste.
Selbst an Dorfveranstaltungen teilzunehmen, war für Tilli im Sommerhalbjahr kaum möglich, denn im roten Hirsch war ab Mitte April Hochsaison. Dann strömten die Touristen nach Mainfranken.
Sie beugte sich hinunter und rieb sich das Sprunggelenk. Eigentlich hätte sie ihrem Vater Manfred hinter der Theke aushelfen sollen, aber am Ende hatte sie doch Essen und Getränke servieren müssen, weil die Bedienungen nicht mehr nachgekommen waren. Dabei hatte sie mit ihrer Mutter Magda, der Chefin im roten Hirsch, abgemacht, dass sie nicht so viel laufen musste. Sie hatte sich nämlich erst kürzlich das Sprunggelenk gebrochen, und nach so einem langen Abend auf den Beinen machte sich der Bruch wieder bemerkbar. Aber wie immer, wenn man Magda den kleinen Finger reichte, war man am Ende seinen Arm los. Tilli presste spöttisch die Lippen aufeinander. Wenigstens redete ihre Mutter momentan wieder mit ihr, dafür konnte sie ein bisschen Beinweh durchaus in Kauf nehmen.
Kaum hatten Tilli und Hexi die Unterführung zur Mainlände durchquert, löste sie die Leine. Tilli gähnte, während sie dabei zusah, wie der kleine Mischling laut kläffend zum Main davonrannte. So früh an einem Sonntag, noch dazu einem Feiertag, erwartete sie keine anderen Fußgänger, sodass sie Hexi den Auslauf gönnen konnte. Die Weinberge erhoben sich steil über den Fluss und das unberührte Mainvorland. Erbach mit seiner schmucken Altstadt schmiegte sich zur Rechten zwischen den Main und die Weinberge. Sie atmete tief ein. Die Luft roch wie frisch gewaschen und der Tau glitzerte in der Sonne. Gemächlich folgte sie dem Hund, der am Flussufer nach rechts in Richtung Campingplatz abgebogen war. Inzwischen trugen die Zwetschgen- und Mirabellenbäume auf den Obstfeldern am Ufer so viel Laub, dass nur noch ein paar Wohnwagendächer zu erkennen waren.
Tilli zog ihr Handy hervor und schoss einige Fotos, schließlich konnte sie nicht sicher sein, ob es die Mainlände in dieser Form nächstes Jahr noch geben würde. Denn am Montag in zwei Wochen würde der Erbacher Gemeinderat über das Hotelprojekt von Eugen Bäuerlein abstimmen. Der Betreiber des Gasthauses Zum Engel hatte einen Bauantrag für ein Hotel mit Restaurant und sechzig Zimmern direkt am Main eingereicht. Tilli hatte ihr spöttisches Auflachen unterdrücken müssen, als sie die Pläne das erste Mal gesehen hatte, während sie der grünen Stadtratsfraktion bei ihrer Sitzung im Hirsch ihre Apfelschorle serviert hatte. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie Magda im letzten Sommer versucht hatte, eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten, damit sie in ihrer Wirtschaft keinen Fettabscheider einbauen mussten. Jeden Tag hatte sie einen anderen Behördentermin gehabt … in der Gemeinde, im Landratsamt, beim Hotel- und Gaststättenverband. Sogar einen Anwalt aus Volkach hatte sie schließlich eingeschaltet. Gesetz war aber nun einmal Gesetz, und so hatten sie den Fettabscheider unter hohen Kosten doch noch nachrüsten müssen. Magdas Laune war danach derart unterirdisch gewesen, dass sowohl die Familie als auch die Belegschaft im Hirsch zwei Wochen lang möglichst lautlos um sie herumgeschlichen waren. Nach dieser Erfahrung war sich Tilli sicher, dass so ein Hotelbau nie im Leben genehmigt werden würde, schon gar nicht mitten im Hochwassergebiet des Mains.
Doch Tilli hatte den Engelwirt unterschätzt. Das Hotel war so konzipiert, dass es auf Stelzen stand, und sich im Erdgeschoss lediglich die Garage befand. Im Hochwasserfall wurde sie geräumt, sodass kein Schaden zu befürchten war. Mit dieser Architektur sowie dem Argument, dass der mainfränkische Tourismus zumindest ein größeres Hotel mit gehobenem Standard brauchte, hatte Eugen die Genehmigungsbehörden auf Kreis- und Regierungsebene in Vorgesprächen bereits überzeugt. Nun lag es am Erbacher Gemeinderat, ob das Projekt in die Umsetzung gehen konnte.
Die Befürworter, wie der Bürgermeister und der Tourismusverein, priesen den Hotelneubau als Beginn einer neuen Ära an der Mainschleife. Die Mitglieder der Grünen und ein großer Teil der Erbacher Bevölkerung lehnten den Neubau hingegen strikt ab. Der Betonklotz würde die unberührte Landschaft verschandeln, und zu Over-Tourism führen. Auch die Korniaks und ihr Team aus dem roten Hirsch gehörten zu den Gegnern des Stelzenhotels, schließlich war unklar, wie sich der Bau auf ihre Wirtschaft auswirken würde. Während das Erbacher Dorfleben unter den Spannungen litt, freute sich Tillis neue Chefin beim Kitzinger Stadtanzeiger. Denn die Interessengruppen buchten großzügig Annoncen in dem monatlich erscheinenden Anzeigenblatt, um die jeweils andere Seite doch noch mit ihren einleuchtenden Argumenten zu überzeugen.
Tilli schirmte die Augen mit der Hand ab, um nach Hexi Ausschau zu halten, doch sie konnte die Hündin nirgendwo mehr sehen. Nachdem sie einen verunglückten Pfiff ausgestoßen hatte, beschleunigte sie ihre Schritte. Normalerweise blieb die Hündin in ihrer Nähe, aber sie konnte nicht beschwören, ob das auch zutraf, wenn ein appetitliches Karnickel an ihr vorbeirannte. Schließlich war sie erst seit drei Monaten bei Erwin. Tilli bemerkte eine Bewegung näher am Mainufer und stieß erleichtert den Atem aus, als sie das weiße Fellbündel entdeckte. Sie pfiff erneut, doch Hexi hatte anscheinend etwas überaus Spannendes am Boden gefunden, das sie leidenschaftlich anbellte.
„Hexi, bei Fuß“, rief sie, während sie sich näherte. Sie erkannte eine Gestalt, die im Gras lag und runzelte die Stirn. Was hatte diesen Betrunkenen geritten, hier am Mainufer seinen Rausch auszuschlafen? Nur wenige Schritte weiter, und er wäre im Wasser gelandet. Der Mann lag auf der Seite, sodass er ihr den Rücken zukehrte. Sein schütteres, von grauen Strähnen durchzogenes Haar verriet, dass er einem älteren Semester angehörte.
„Hey, aufwachen!“, sagte sie und stupste den Mann vorsichtig mit dem Fuß in die Rippen. Er rührte sich nicht. Der Schlafende trug eine dunkelrote Samtweste, auf die kleine Hirsche aufgestickt waren. Damit sah er nicht aus wie der typische Erbacher Jugendliche, der beim Maibaumaufstellen zu viel getrunken hatte, eher wie ein Tourist aus Oberbayern. Doch was hatte er hier verloren, allein am Mainufer? Ein ungutes Gefühl stieg in Tilli auf. Am liebsten wäre sie weitergelaufen, aber das war immer noch Erbach, und hier schaute man nacheinander.
Sie rüttelte den Schlafenden an der Schulter, wohl heftiger, als sie beabsichtigt hatte, denn der Mann rollte herum und landete auf dem Rücken. Tilli stieß einen Schreckenslaut aus, als er dabei auf den Schuhspitzen ihrer Adidas Gazelle Sneaker zum Liegen kam, und sprang zurück. Erst jetzt fiel ihr Blick auf das Gesicht des Mannes, und ihr entfuhr ein echter Aufschrei. Denn vor ihr lag der Engelwirt mit weit aufgerissenen Augen und starrte blicklos in den neuen Tag.
***
Tilli kauerte mit einigen Metern Sicherheitsabstand zum toten Eugen im Gras, die Arme um Hexi geschlungen. Ihr Herzschlag hatte sich inzwischen etwas beruhigt, aber ihr Atem ging immer noch stoßweise. Der kleine Hund schien ihre Aufregung zu spüren und hatte ihr den Kopf aufs Bein gelegt, als ob er sie trösten wollte. Der Engelwirt konnte nur wenig älter gewesen sein als ihre Tante Gerti, die mit ihrem Mann Hans über der Scheune wohnte und ebenfalls im Hirsch arbeitete. War das nicht viel zu jung, um plötzlich mausetot dazuliegen? Wobei die Sterblichkeitsrate rapide anzusteigen schien, wenn man die sechzig überschritten hatte. Da musste man nur die Seite mit den Todesanzeigen im Kitzinger Tagblatt anschauen. Ihr wurde die Kehle eng, als sie plötzlich an Elena dachte. Eugens Tochter war nur zwei Jahre jünger als sie und Wirtin mit Leib und Seele. Die Nachricht würde ihr das Herz brechen, zumal ihre Mutter schon vor Jahren unter tragischen Umständen ums Leben gekommen war. Tilli erinnerte sich, dass sie einen Bruder hatte. Er hatte Erbach nach dem Tod seiner Mutter verlassen, und war erst kürzlich zurückgekehrt, um mit Eugen zusammen den Hotelneubau voranzutreiben. Auch für ihn würde der plötzliche Tod ein Schock sein.
„Endlich“, stieß sie hervor, als sich schwankend eine Gestalt auf einem Fahrrad über den Feldweg auf sie zubewegte. Wie verhielt man sich, wenn man einen Toten am Mainufer gefunden hatte? Wählte man den Notruf, obwohl ein Arzt hier ganz klar nichts mehr ausrichten konnte? Am Ende hatte Tilli Kilian angerufen. Der junge Polizeimeister wohnte ebenfalls in Erbach. Während der Faschingszeit, als Kilian im Mordfall an einer Erbacherin ermittelt hatte, hatten sie sich näher kennengelernt. Von Berufs wegen sollte er sich mit Toten auskennen. Die Tatsache, dass sie schon länger überlegt hatte, wann und wie sie ihn wiedersehen konnte, hatte jedenfalls nichts mit ihrem Anruf zu tun gehabt. Sie stand auf und winkte. Jetzt, wo Kilian da war, hatte sie sofort das Gefühl, wieder freier atmen zu können.
„Servus Tilli!“, begrüßte Kilian sie. Sein Ohrstecker mit dem kleinen Strassstein blitzte im Morgenlicht. Der Polizist hatte ein schlankes Gesicht und wirkte im Vergleich zu seinen muskelbepackten Kollegen schmächtig, doch mit dem Ohrring, den er im Dienst nicht tragen durfte, erinnerte er Tilli immer an einen Piraten.
„Was ist das für eine wilde Geschichte in aller Herrgottsfrüh, dass der Bäuerleins Eugen hier am Main liegt?“, fuhr er fort.
„Dankeschön, dass du so schnell hergekommen bist. Schau selber … da hinten.“
Kilian ließ sein Fahrrad achtlos ins Gras fallen und schritt langsam auf Eugen zu. Dabei schien er gleichzeitig auch die Umgebung in sich aufzunehmen. Tilli folgte ihm widerwillig. „Sackzement“, entfuhr es ihm. Es gab keinen Zweifel, dass der Engelwirt tot war, dennoch tastete er am Hals nach einem Puls. Als er bemerkte, dass Tilli sich verdächtig über die Augen wischte, richtete er sich auf und legte tröstend den Arm um sie.
„Ich will mir gar nicht vorstellen, wie Elena die Nachricht aufnimmt“, murmelte sie, während sie sich zögerlich an ihn lehnte. Bei diesen Worten ließ Kilian sie so abrupt los, dass sie ins Schwanken geriet. Er beugte sich nun erneut über Eugen.
„Hat Eugen genau so dagelegen, als du ihn gefunden hast?“
„Ja, warum?“
„In genau dieser Stellung?“
„Nein, er hat auf der Seite gelegen. Ich habe ihn an der Schulter gerüttelt und daraufhin ist er auf den Rücken gerollt.“
„Ja verreck. Du musst sofort den Hund an die Leine nehmen!“
„Aber es sind doch gar keine anderen Leute unterwegs!“
Kilian deutete auf Eugens linke Brust.
„Da, siehst du das unterhalb der Brusttasche? Das ist ein schmaler Einstich, der geblutet hat. Bei der roten Weste fällt es kaum auf.“
Nur widerwillig folgte sie Kilians Aufforderung. Sie hatte es bisher vermieden, die Leiche genauer anzusehen, als ob sie die Erinnerung so später leichter aus ihrem Kopf verbannen könnte, wenn sie sich weniger stark einbrannte.
„Jesus Maria, aber das kann doch nicht sein!“, entfuhr es ihr, als ihr die Tragweite von Kilians Entdeckung bewusst wurde. Eine Gänsehaut lief ihr den Rücken hinunter.
„Das schaut nicht nach einer natürlichen Todesursache aus“, bestätigte Kilian. „Ich rufe jetzt die Kollegen auf der Polizeiwache an.“
***
Tilli beobachtete Kilian, der in einigen Metern Entfernung auf und ab lief. Gelegentlich hielt er an, um die Augen mit der Hand abzuschirmen und nach den Streifenwagen Ausschau zu halten. Seine kurzen braunen Haare standen wild in alle Richtungen ab. Tilli hätte sie ihm gerne glatt gestrichen, doch so vertraut waren sie zu Tillis Bedauern bei Weitem noch nicht miteinander.
„Deine Chefin lässt sich ganz schön Zeit“, unterbrach Tilli die angespannte Stille. Sie hatte sich auf einem Grenzstein am Wegesrand niedergelassen. Inzwischen bohrten sich seine Unebenheiten allerdings unangenehm in ihr ausladendes Hinterteil.
„Frau Feddersen ist auf Kururlaub, noch mindestens zwei Wochen lang. Polizeioberrat Hermann Mahler ist ihre Vertretung.“
Tilli nickte, obwohl sie noch nie von ihm gehört hatte. Kilians verkrampften Kiefermuskeln nach zu urteilen schien er sich jedenfalls nicht auf die Ankunft seines Interimschefs zu freuen.
***
Drei Streifenwagen bogen mit Sirenengeheul und Blaulicht so schnell in den Feldweg zur Mainlände ein, dass der Staub nur so aufwirbelte. Ihnen folgte ein weißer Kleinbus in ebenso halsbrecherischem Tempo. Tilli meinte zu hören, wie Kilian „Volldepp“ murmelte. Auch sie zog die Augenbraue hoch. Diesem Mahler schien Diskretion offenbar nicht so wichtig zu sein wie Frau Feddersen. Nach diesem Auftritt würde sich die Nachricht von Eugen Bäuerleins Tod wie ein Lauffeuer im Dorf verbreiten.
Bei ihrer ersten Begegnung mit Kilians Chefin hatte Tilli noch als freie Reporterin für das Kitzinger Tagblatt gearbeitet. Damit war sie bei Frau Feddersen ungefähr so beliebt gewesen wie Maden in der Biotonne. Die Erinnerung hinterließ den bekannten, bitteren Geschmack des Versagens auf Tillis Zunge. Kaum hatte sie sich eingestanden, dass Lokalreporterin ihr Traumberuf war, hatte der Chefredakteur des Tagblatts sie fristlos entlassen. Mit ihrem abgeschlossenen Literaturstudium hatte sie sich gute Chancen auf dem umkämpften Arbeitsmarkt für Journalisten ausgerechnet. Doch am Ende hatte sie einen Minijob beim Kitzinger Stadtanzeiger annehmen müssen. Das monatlich erscheinende Anzeigenblättchen als Zeitung zu bezeichnen, war eine Übertreibung, aber bisher hatte sich leider nichts Besseres ergeben. Eigentlich sollte sie die Präsenz in den sozialen Medien ausbauen und so neue Märkte erschließen. In der Realität wälzte die Herausgeberin Elfi Nikola jedoch alles auf sie ab, was gerade so anfiel. Hätte ihre Chefin ihr bei ihren Posts und Artikeln nicht so viel Freiheit gelassen, hätte Tilli längst gekündigt. Ein feines Lächeln trat auf Tillis Lippen. Heute hatte der Stadtanzeiger gegenüber dem Tagblatt einen Informationsvorsprung, den sie nutzen würde.
„Eigentlich würde ich Schönen guten Morgen sagen, aber das wäre gelogen“, begrüßte Hermann Mahler Tilli und Kilian mit säuerlicher Miene, während er die Tür des Polizeiautos knallend hinter sich ins Schloss warf. Breitbeinig kam er auf die beiden zu. Seine Daumen hatte er in die Gürtelschlaufen seiner Jeans eingehakt. Aus den übrigen Streifenwagen quollen weitere uniformierte Polizisten und nickten kurz in Kilians Richtung, bevor sie die friedliche Wiese mit hektischer Geschäftigkeit überzogen. Absperrbänder wurden aus Kofferräumen hervorgeholt und großflächig ausgerollt.
„Na Braun, was haben Sie und Ihre kleine Freundin denn hier gefunden? Wobei so klein ist sie gar nicht“, ergänzte der Polizeioberrat und streifte Tilli mit einem abschätzigen Blick. Unwillkürlich fühlte sie sich auf den Zuchtviehmarkt in Volkach zurückversetzt, den sie als Reporterin fürs Tagblatt im letzten November besucht hatte. Sie hatte diesen Ausdruck auf den Gesichtern der Bauern gesehen, wenn diese sich innerlich zu fragen schienen, warum eine Kuh, die ihren Erwartungen nicht entsprach, überhaupt teilnahm. Tilli biss so fest die Zähne zusammen, dass es knirschte. Mahlers zerknittertes Hemd spannte sich derart über seinem Bauch, dass zwei Knöpfe den Blick auf haarige weiße Haut dazwischen freigaben – und er erlaubte sich, ihre Figur zu kommentieren? Sie hätte ihm gern eine freche Antwort vor den Latz geknallt, doch wie immer, wenn es darauf ankam, war sie so schlagfertig wie ein Stück Brot. Hilfesuchend sah sie zu Kilian.
„Eugen Bäuerlein, ich schätze ihn so auf Mitte fünfzig, Inhaber vom Gasthaus Zum Engel in Erbach“, antwortete der junge Polizist, ohne auf Mahlers Kommentar einzugehen. Die beiden Männer schritten nun in Richtung der Leiche davon. Tilli blieb mit verkniffenem Gesichtsausdruck zurück. Dann würde sie den unbeobachteten Moment eben dazu nutzen, um Fotos zu schießen. Sie stellte den Winkel so ein, dass möglichst viele Streifenwagen und Polizisten, nicht jedoch der tote Eugen zu sehen waren. Nach einer zu reißerischen Berichterstattung hätte sie Elena Bäuerlein nämlich nicht mehr unter die Augen treten können – wenngleich diese Einstellung einer der Gründe war, warum sie ihre Stelle beim Tagblatt verloren hatte.
Kilian kam mit einem kleinen Mann im Schlepptau zurück. Dieser steckte von Kopf bis Fuß in einem weißen Schutzanzug, sodass nur sein Gesicht erkennbar war, das von einer großen Nase dominiert wurde.
„Das ist der Grasers Ludwig, Chef vom Erkennungsdienst“, sagte Kilian und deutete zuerst auf den Weißbeanzugten und dann in Tillis Richtung.
„Ottilie Korniak aus Erbach. Ihren Eltern gehört der rote Hirsch. Sie hat den Toten gefunden.“
„Eigentlich hat Hexi Eugen gefunden“, erwiderte Tilli und streichelte die Hündin, die gerade ein Nickerchen zu ihren Füßen hielt.
Der Chef des Erkennungsdiensts verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die eine akute Zahnwurzelentzündung vermuten ließ. „Wollen Sie damit etwa sagen, dass der Hund an der Leiche war?“ Er wandte sich an Kilian. „Habt ihr noch weitere gute Neuigkeiten für mich?“
„Tilli hat Eugen an der Schulter gerüttelt. Dabei ist er von der Seite auf den Rücken gerollt“, erwiderte Kilian, woraufhin sich der schmerzgeplagte Ausdruck auf dem Gesicht des Erkennungsdienstlers noch intensivierte.
„Ich dachte, da schläft ein Betrunkener vom Maibaumaufstellen“, verteidigte sich Tilli.
„Neben dem Maibaum ist das vielleicht logisch, aber hier, am Main?“
„Das ist Erbach. Hier rechnet niemand mit einer Leiche, egal wo sie liegt“, warf Kilian ein.
„Dass ich Eugen hier gefunden habe, macht aber Sinn“, überlegte Tilli laut. Eine leichte Röte kroch ihren Hals hinauf, als sie bemerkte, dass sie damit die volle Aufmerksamkeit der beiden Männer auf sich gezogen hatte. Sie deutete auf den Grenzstein direkt hinter sich.
„Das Grundstück links müsste den Hönigs gehören. Sie betreiben da hinten den Campingplatz, und auf dem rechten Grundstück, wo wir gerade stehen, wollte der Bäuerleins Eugen das Stelzenhotel errichten.“
Kapitel 2
Kilians und Tillis Schritte hallten über das Kopfsteinpflaster, das im Licht der Morgensonne wie Platin glänzte. Außer ihnen war niemand auf der Hauptstraße unterwegs. Doch das würde sich bald ändern, wenn sich die Kirchgänger auf den Weg zur Messe machten.
Als Hermann Mahler losgefahren war, um die Geschwister Bäuerlein über den Tod ihres Vaters zu informieren, hatte er Tilli entlassen. Allerdings nicht, ohne sie anzuschnauzen, sich für weitere Befragungen bereitzuhalten. Kilian hatte darauf bestanden, sie heimzubegleiten. Jetzt, wo sie gemeinsam zwischen den schmucken Fachwerkhäusern einherschritten, konnte sie nicht anders, als den Moment zu genießen.
Ab und zu berührte ihre Hand die von Kilian. Aus den Augenwinkeln versuchte sie einzuschätzen, ob die Berührung Absicht war, doch er ließ sich nichts anmerken. Tilli seufzte kaum hörbar. Obwohl der Polizist zwei Jahre jünger war als sie, hatte sie den Eindruck, dass die Chemie zwischen ihnen stimmte und manchmal sogar ein Funke übersprang, wenn sie sich sahen. Waren sie per Handy in Kontakt, antwortete er stets nur einsilbig. Wie sollte sie ihn da besser kennenlernen? Tilli hätte ihn gern nach einer Verabredung gefragt, aber schon beim Gedanken daran wurden ihre Handflächen feucht.
„Eigentlich ein Wunder, dass dieses Jahr der Maibaum steht“, unterbrach Kilian die einträchtige Stille, als der Baum am Marktplatz vor ihnen aufragte.
„Wie meinst du das? Dass er nicht geklaut wurde?“, erwiderte Tilli.
„Nein, ich meine, dass sie ihn überhaupt aufgestellt bekommen haben. Um das Ding hochzuhieven, musst du Hand in Hand arbeiten und dich aufeinander verlassen können. Ich hatte Zweifel daran, weil es durch das Stelzenhotel so viel Unfrieden im Dorf gibt. Überleg doch mal, letzte Woche hat jemand dem Engelwirt nachts Grillanzünder auf die Autoreifen gelegt. Sowas ist im ganzen Landkreis Kitzingen bisher noch nie vorgekommen.“
„Ja, davon habe ich gehört. Bei uns an den Stammtischen gab es die letzten Wochen über auch kein anderes Thema mehr. Ständig ist ein anderer hinausgerannt und hat die Tür hinter sich zugeknallt, je nachdem, ob gerade die Befürworter oder die Gegner in der Mehrzahl am Tisch waren. Wir im Hirsch sind auch alles andere als begeistert von Eugens Idee, so einen riesigen Bunker an den Main zu bauen“, erwiderte Tilli. „Warst du gestern auch beim Maibaumaufstellen?“
„Ich bin während der Spätschicht vorbeigefahren, aber nur kurz. Es macht nicht so viel Spaß, wenn die Polizei danebensteht, vor allem der Dorfjugend“, entgegnete er und konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.
„Was denkst du, was jetzt passiert, wo Eugen tot ist?“
„Ich habe gehört, dass sein Sohn Lorenz aus München zurückgekommen ist, um ins neue Hotel mit einzusteigen. Aber ob die beiden jungen Bäuerleins das allein stemmen können – ich habe keine Ahnung.“
***
Das Tor zum schmalen Innenhof des Hirschs stand bereits offen. Sobald das Wetter es zuließ, öffneten die Korniaks ihren Biergarten für Gäste. Rechts wurde der Hof vom Gasthaus und links von einer mit Efeu überwucherten Scheunenwand begrenzt, die zum Nachbaranwesen gehörte. Die Scheune des Hirschs, deren Dachboden Gerti und ihr Mann Hans zur Wohnung ausgebaut hatten, befand sich an der Stirnseite. Das bucklige Kopfsteinpflaster machte es zur Herausforderung, die Tische so aufzustellen, dass den Gästen die Schäufele-Soße nicht vom Teller floss. Bierdeckel unter den Tischbeinen halfen, sie in der Waagrechten zu halten. Der Volkacher Bierbrauer behauptete nur halb im Scherz, dass er mehr von den kleinen Untersetzern als Bierflaschen in den Hirsch lieferte. So bitter, wie sein Gebräu schmeckte, brauchte er sich darüber aber nicht zu wundern, fand Tilli.
„Morgen Gerti“, begrüßte Tilli ihre Tante, die die Tische gerade mit einem nassen Lappen abwischte. Dass sie bereits ihr Dirndl trug, das blonde, mit grauen Strähnen durchzogene Haar zu einem strengen Zopf geflochten, verriet, dass sie als Bedienung in der Frühschicht eingeteilt war.
Gerti Elflein, geborene Sauer, hielt inne. „Grüß dich Tilli! Was machst du um diese Uhrzeit denn schon unterwegs?“, fragte Tillis Tante. Ihre Überraschung, dass Tilli so früh am Morgen mit Kilian in den Hof spazierte, wich schnell der Neugierde.
„Ich habe Erwin doch versprochen, dass ich zwei Mal die Woche mit Hexi Gassi gehe“, erwiderte Tilli, und sah Kilian nun fragend an. Auf sein leichtes Nicken hin fügte sie hinzu: „Beim Spazierengehen habe ich den Bäuerleins Eugen gefunden, unten am Main, wo er sein Hotel bauen will.“
Vor ihrem inneren Auge tauchte das Bild vom Engelwirt auf … der starre Blick, der offenstehende Mund, der schmale Einstich in seiner roten Weste. Sie schauderte bei der Erinnerung.
„Er ist tot! Jemand hat ihn erstochen.“
Gerti schlug sich die Hand vor den Mund. Sie wollte den Putzeimer auf dem Tisch abstellen, doch er rutschte von der Kante und fiel ihr laut platschend vor die Füße.
„Aber morgen haben wir Sauna-Montag beim Pfannes in Volkach“, stammelte Gerti, als ob dies nun wirklich Grund genug wäre, den eigenen Tod zu verschieben. Tränen stiegen ihr in die Augen und rannen ihr mit dem nächsten Blinzeln über die Wangen. Tilli hatte erwartet, dass ihre Tante sie trösten würde, weil sie den Toten gefunden hatte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Eugens Tod Gerti so mitnehmen würde.
„Was ist denn hier los?“, unterbrach sie Magda, die aus dem Hintereingang des Hirschs in den Hof hinaustrat. „Gib doch Obacht, Gerti, jetzt ist der ganze Boden nass und wir tragen den Dreck rein“, rügte sie ihre Schwester, als sie den Putzeimer am Boden sah. Gerti wischte sich mit der Hand über die Augen, sodass ihre Wimperntusche mit den Tränen schwarze Striemen hinterließ.
„Geh zu Gerti, so schlimm ist es auch wieder nicht. Ich hole geschwind einen alten Schrubber, dann trocknet es gleich“, ruderte Magda zurück, völlig überfordert angesichts der Tränen ihrer Schwester. Tilli erkannte sich selbst in ihrer Mutter wieder, wie diese hilflos dastand. Sie fühlte sich auch oft wie erstarrt, wenn sie mit den Emotionen anderer konfrontiert wurde, aus Angst, etwas falsch zu machen. Aber das war Gerti, die mit ihr zusammen Barbie gespielt, mit ihr für die Schulaufgaben gelernt und ihr heimlich hundert Euro im Monat zugesteckt hatte, um ihr Literaturstudium zu finanzieren. Mit zwei Schritten war sie daher bei ihrer Tante und nahm sie fest in die Arme, so wie diese es tausend Mal bei ihr getan hatte.
„Der Bäuerleins Eugen ist tot“, presste Gerti über Tillis Schulter hinweg hervor.
„Wie, tot?“, fragte Magda verwirrt.
„Tilli hat ihn erstochen unten am Mainufer gefunden“, schaltete Kilian sich ein.
„Aber das ist Erbach, hier wird keiner erstochen“, erwiderte ihre Mutter kopfschüttelnd. Magdalena Korniak, geborene Sauer, war hier geboren und aufgewachsen. Als Wirtin waren die Erbacher Gepflogenheiten Teil ihrer DNA. Ein gewaltsamer Tod war daher undenkbar, insbesondere wenn es sich dabei um den einzigen anderen Wirt im Ort handelte.
„Habt ihr die Sirenen nicht gehört? Die Polizei ist unten am Main und sichert den Tatort. Mein Chef informiert gerade die Familie“, sagte Kilian.
„Jesus Maria, die Kinder!“, rief Gerti aus und löste sich aus der Umarmung. „Was werden Elena und Lorenz dazu sagen? Ich muss zu ihnen!“
„Gerti, jetzt lass die Kirche mal im Dorf! So eng sind wir wirklich nicht mit den Bäuerleins, dass du dich einmischen musst“, sagte Magda, doch ihre Schwester ließ sich nicht beirren.
„Ich schaue nach dem Rechten. Das hätte der Eugen so gewollt. Seit die Oma im Altenheim ist, haben sie doch keine Familie mehr im Dorf“, erwiderte sie und löste die Schürze mit Brauereilogo, die sie über ihr Dirndl gebunden hatte.
„Herr, lass Hirn regnen“, murmelte Magda und wandte sich danach an Tilli: „Geh ihr bitte nach, damit sie sich nicht zum Affen macht. Nur weil der Eugen ihr Klassenkamerad und Saunakollege war, fühlt sie sich jetzt verpflichtet. So ein Schmarrn“, schimpfte ihre Mutter.
„Soll ich nicht lieber dableiben und hier helfen?“, fragte Tilli. Schlimm genug, dass sie Eugen gefunden hatte, auf einen Beileidsbesuch bei seinen Kindern, jetzt, wo die Nachricht noch so frisch war, konnte sie gut verzichten. Kilian ergriff ihre Hand und zog sie in Richtung Hoftor.
„Deine Mutter hat recht, deine Tante braucht dich jetzt. Und du und Elena seid doch im selben Alter“, sagte er. Tillis Protest verstummte augenblicklich, während sie das ungewohnte Gefühl von Kilians Hand in ihrer genoss. Etwas wackelig erwiderte sie sein aufforderndes Lächeln, dann liefen sie Händchen haltend aus dem Hof.
***
Gerti hielt auf der Türschwelle des Gasthauses Zum Engel kurz inne, um sich nach Tillis Anweisung die letzten Mascara-Spuren aus dem Gesicht zu wischen. Nachdem ihre Nichte ihr aufmunternd zugenickt hatte, drückte sie die Tür zur Wirtschaft auf, die der vom Hirsch gewichtsmäßig in nichts nachstand.
„Hallo?“, rief sie.
Tilli trat hinter ihr durch die Tür und verfluchte Kilian innerlich. Er hatte sie und Gerti bis zur Gastwirtschaft begleitet. Immer noch kam es Tilli surreal vor, wie sie Hand in Hand mit ihm die Dorfstraße heruntergelaufen war. Jetzt verstand sie endlich, worum die anderen Mädchen damals in der Schule so ein Aufheben gemacht hatten. Das Gefühl der Zugehörigkeit hatte sich warm in ihrem Bauch breitgemacht. Viel zu schnell waren sie beim Engel angekommen, wo Kilian sich verabschiedet hatte. Nach dem Besuch seines Chefs dürfte der Bedarf der Bäuerleins an Polizisten gedeckt sein, hatte er argumentiert. Außerdem war er im Fitnessstudio mit einem Kollegen verabredet, bevor er die Spätschicht antreten musste. Für Tilli standen Fitnessstudio- und Beileidsbesuche in etwa auf einer Stufe der Beliebtheitsskala, sodass sie auch nicht mit ihm hätte tauschen wollen. Wenigstens schien ihr ein erneutes Zusammentreffen mit Polizeioberrat Mahler erspart zu bleiben. Zumindest war der Streifenwagen nirgendwo mehr zu sehen.
„Es ist noch geschlossen!“, rief ein Mann, den Tilli auf Anfang dreißig schätzte. Seine hellen Haare und seine sommersprossige Haut verrieten ihr, dass er Eugens Sohn war. Seine Nase wirkte etwas zu lang, was seiner Attraktivität jedoch keinen Abbruch tat. Er strich Elena, die neben ihm an einem runden Tisch saß, immer wieder sanft über den Rücken. Sie hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und ihre Schultern zuckten.
„Lorenz?“, fragte Gerti. „Ich bin die Elfleins Gertrud. Der Eugen und ich waren Schulkameraden.“
Behutsam trat sie weiter in den Gastraum, als ob sie sich einem scheuen Tier näherte. „Das ist die Ottilie, meine Nichte. Wahrscheinlich erinnerst du dich nicht an sie.“
„Guten Morgen Frau Elflein. Leider passt es gerade nicht“, erwiderte er abweisend.
„Ich weiß, dass Eugen … Ich meine ich weiß, was passiert ist. Mein herzliches Beileid“, sagte Gerti und streckte Lorenz die Hand über den Tisch entgegen.
„Woher wissen Sie das?“ Lorenz hatte sich mit drohendem Blick halb von der Bank erhoben. Ein stattliches Mannsbild, schoss es Tilli durch den Kopf. Sie musste den Impuls unterdrücken, einen Schritt zurückzuweichen.
„Tilli hat Eugen gefunden.“
Elena wischte sich heftig mit einem Taschentuch über die vom Weinen verquollenen Augen. „Wie, du hast ihn gefunden?“, fragte sie.
„Unten, am Mainufer, wo ihr das Hotel bauen wollt. Er lag so friedlich da, ich dachte erst, er schläft nur.“ Das war zwar eine grobe Beschönigung der Situation, aber Tilli war sich sicher, dass sogar der Erbacher Pfarrer ihr diese Halbwahrheit verziehen hätte.
„Danke, dass ihr hergekommen seid, um uns das selbst mitzuteilen“, sagte Lorenz. „Die Polizei war eben schon da und hat uns informiert. Es ist so ein Schock!“ Seine Stimme drohte zu brechen und er räusperte sich hastig. „Bitte, setzt euch doch.“
Die beiden ließen sich am Tisch nieder und Gerti legte tröstend ihre Hand auf Elenas Arm.
„Eugen war so stolz, dass du wieder da bist Lorenz. Wie lange warst du jetzt weg? Bestimmt zehn Jahre, oder?“
„Zwölf“, antwortete er knapp.
„Mit dem Hotel war ich nicht einverstanden, aber es hat euch wenigstens als Familie wieder zusammengebracht. Das hat den Eugen gefreut, und ich mich für ihn.“
„Was redest du da? Das Dreckshotel hat ihn umgebracht, so ist es doch!“ Die Wut verwandelte Elenas ebenmäßige Gesichtszüge in eine hässliche Fratze.
„Elena!“, versuchte Lorenz zu beschwichtigen.
„Ich will jetzt allein sein“, stieß sie hervor und lief aus dem Gastraum.
„Papas Tod nimmt sie unheimlich mit“, entschuldigte Lorenz seine Schwester. „Mich natürlich auch“, fügte er rasch hinzu, „aber mein Vater hat sie nach Mamas Tod großgezogen, und sie haben den Engel gemeinsam zu dem gemacht, was er heute ist. Das ist noch einmal etwas ganz anderes.“
Tilli sah sich unauffällig in der Wirtschaft um, die kaum unterschiedlicher zum Hirsch hätte sein können. Vor ein paar Jahren hatten die Bäuerleins die Wand zum kleinen Innenhof, in dem sie ihren Biergarten betrieben, teilweise durchbrochen. Ein großes Fenster und eine Glastür ließen das Sonnenlicht herein, das im Hirsch mit seiner dunklen Holzvertäfelung von vorneherein auf verlorenem Posten kämpfte. Der Gastraum im Engel war weiß gestrichen und das Mobiliar in hellen Holztönen gehalten. Überall befanden sich beige Grasbüschel. Die Krönung waren jedoch die Lampenschirme aus Bast, die sich prima in einer Sylter Strandbar gemacht hätten. Dank Instagram wusste Tilli, dass der Boho-Stil in Sandtönen überaus beliebt in ihrer Generation war. Was er allerdings in einer fränkischen Wirtschaft zu suchen hatte, erschloss sich ihr nicht.
„Können wir irgendetwas für euch tun?“, fragte Gerti.
„Vielen Dank für das Angebot, aber ich muss wieder an die Arbeit.“ Die ungläubigen Blicke der beiden Frauen quittierte er mit einem Achselzucken. „Wir haben um zwölf eine Hochzeitsgesellschaft im Höfle. Auch wenn es für uns der schwärzeste Tag ist, soll es für das Paar der schönste werden. So ist das halt in unserem Geschäft.“
Gerti nickte verständnisvoll. „Da hast du recht. Wir gehen jetzt auch besser zurück, bevor die Mittagsreservierungen kommen.“
Lorenz ergriff zum Abschied Tillis Hand und hielt sie einen Moment länger fest als nötig. „Danke Ottilie, dass du persönlich vorbeigekommen bist. Die Elena und ich rechnen dir das hoch an. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“
Tilli murmelte etwas Unverständliches und eilte ihrer Tante hinterher in Richtung Ausgang. Auf dem ganzen Rückweg zum Hirsch meinte sie, den warmen Druck seiner Hand noch in ihrer zu spüren.
***
Tilli dippte eine Ecke des Käsewürfels in das Paprikapulver, warf ihn in den Mund und spülte mit gelber Limo nach. Genießerisch schloss sie die Augen. Sie hätte sich lieber eine Portion Spargel mit Schnitzel gegönnt, aber das Mittagsgeschäft im Hirsch hatte kein Ende nehmen wollen. Wenn sie den Artikel zum Leichenfund nicht bald auf der Seite des Stadtanzeigers und in den sozialen Medien veröffentlichte, war ihr Informationsvorsprung dahin. Sie hatte sich deshalb für ein verspätetes Mittagessen entschieden, das sie beim Schreiben in ihrem Bett essen konnte, ohne die Gefahr, überall auf ihrer Bettwäsche flüssige Butter zu verteilen.
Routiniert beendete sie ihren Artikel und lud ihn auf den verschiedenen Plattformen hoch, bevor sie sich auf ihr Kopfkissen zurücksinken ließ. Ein angenehmer Schauder lief Tilli über den Rücken, als sie sich an Lorenz‘ intensiven Blick zurückerinnerte. Der junge Engelwirt hatte sie irgendwie aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie beobachtete, wie die Sonne den gegenüberliegenden Scheunengiebel in gleißendes Licht tauchte, während ihr langsam die Augen zufielen. Das war der Vorteil ihres zum Innenhof des Hirschs ausgerichteten Kinderzimmers im ersten Stock: Auch wenn es draußen warm wurde, blieb es hier relativ kühl.
Das Klingeln ihres Handys riss sie aus dem Halbschlaf.
„Korniak“, meldete sie sich.
„Ja grüß dich Tilli, hier ist der Werner Schulz. Na, wie gehts mit dir und der Elfi beim Stadtanzeiger?“, vernahm sie die Stimme des stellvertretenden Chefredakteurs beim Kitzinger Tagblatt.
„Werner, grüß dich“, erwiderte sie und unterdrückte ein Gähnen. Der Reporter war begeistert gewesen, als sie im letzten Jahr den Schreibwettbewerb der Kitzinger Tageszeitung gewonnen und danach als freie Journalistin angeheuert hatte. Zur Abwechslung endlich mal jemand vom Fach, hatte er gern betont. Dass sie Literatur und nicht Journalismus studiert hatte, schien ihn nicht weiter gestört zu haben. Er hatte sie unter seine Fittiche genommen – bis sie bei einer Recherche einem Anzeigenkunden des Tagblatts derart vor den Kopf gestoßen hatte, dass der Chefredakteur sie hochkant hinausgeworfen hatte. Werner waren die Hände gebunden gewesen, doch er hatte keine Ruhe gegeben, bis sie die Stelle beim Stadtanzeiger angenommen hatte, den seine alte Schulkameradin Elfi Nikola betrieb.
„Wir raufen uns so zusammen“, erwiderte sie vorsichtig. Werner rief mit Sicherheit nicht an, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.
„Und was hat es mit dem Leichenfund in Erbach auf sich? Weiß man schon, wer es ist?“
Tilli kaute auf ihrer Unterlippe, während sie ihre Optionen abwägte. Halb Erbach würde inzwischen wissen, dass Eugen der Tote war, aber sie wollte nicht diejenige sein, die es der Presse verriet.
„Du weißt doch, wie das ist, die Polizei bittet um Stillschweigen“, versuchte sie sich an einer lahmen Ausrede.
„Ach geh zu, mir kannst du es doch sagen“, erwiderte Werner leutselig. In dem Moment ertönte die Türklingel – genau zum richtigen Zeitpunkt, um Tilli aus ihrer Zwickmühle zu befreien.
„Du, bei uns hat es geläutet. Meine Eltern sind im Hirsch, ich muss aufmachen.“
Der Besucher hatte es anscheinend eilig, denn es klingelte wieder.
„Ruf mich danach noch mal an, ja?“
„Ist recht“, erwiderte Tilli. Sie betrachtete ihre enge schwarze Jeans auf dem Fußboden, kalkulierte kurz die Zeit, die sie brauchte, um sich hineinzuzwängen, und ergriff die Daheim-Jogginghose vom Schreibtischstuhl. Die Türklingel läutete erneut.
„Ich komme ja schon“, murmelte sie und eilte aus dem Zimmer.
Kapitel 3
Eilig polterte Tilli die Treppe hinab. Der Eingang zum privaten Teil des Hirschs lag in einer Seitengasse und wurde kaum benutzt. Sogar der Briefträger gab die Post direkt im Gasthaus ab. Wer wollte also an einem Sonntagnachmittag so dringend zu ihnen?
Sie riss die Tür auf und erstarrte mitten in der Bewegung, denn ihr bot sich ein Bild, das sie bis jetzt nur im Fernsehen gesehen hatte: Vor ihr stand Polizeioberrat Mahler, mit mindestens zehn weiteren Polizisten.
„Ja?“, hauchte sie angesichts der Überzahl an Uniformen.
„Grüß Gott. Polizeioberrat Mahler von der Polizei Kitzingen. Wir haben hier einen Durchsuchungsbeschluss vom Amtsgericht Kitzingen, da Frau Magdalena Korniak des Totschlags zum Nachteil von Eugen Bäuerlein verdächtigt wird.“
Mahler redete weiter, doch Tilli konnte ihn wegen des Rauschens in ihren Ohren nicht mehr hören. Sie hatte Kilian jetzt in der Menge der Polizisten entdeckt und sah ihn fragend an. Er zuckte unmerklich mit den Schultern und schüttelte dabei den Kopf. Diese Geste der völligen Hilflosigkeit sorgte dafür, dass ihr Magen eine Etage tiefer rutschte.
„Wo Frau Magdalena Korniak ist, habe ich gefragt“, drang Mahlers Stimme wie durch Watte zu ihr durch.
„In der Wirt…schaft“, stotterte Tilli.
„Gut. Eberle, Sie nehmen sich drei Männer und durchsuchen das Gasthaus. Behrens, Sie übernehmen mit ein paar Leuten den hinteren Teil des Anwesens. Endres, Sie das Privathaus mit dem Rest. Braun geht mit Ihnen, aber wehe Sie bleiben nicht anständig“, knurrte Mahler in Richtung Kilian. „Auf gehts, Männer!“
Tilli sah den Polizisten hinterher, die wie Heuschrecken in das Anwesen einfielen, das seit hundertzwanzig Jahren im Besitz ihrer Familie war. Wie hatte es nur so weit kommen können? Kilian würde wissen, was hier los war. Eilig folgte sie ihm die Stufen zur Wohnung hinauf.
***
„Hey, nimm deine Drecksgriffel da weg!“, rief Tilli. Einer der Polizisten begutachtete gerade ihr Unterwäschefach im Kleiderschrank und hielt einen hautfarbenen Schlüpfer in der Hand. Der andere stakste über ihre am Boden liegende Jeans, um ihr Bett zu durchwühlen. Da fiel Tilli erst wieder ein, dass sie ihre Daheim-Jogginghose trug, die zur Krönung auch noch einen Vanille-Eis-Fleck am Oberschenkel aufwies.
„Bitte Tilli, sie machen nur ihren Job“, hörte sie Kilians Stimme an ihrem Ohr. Seine Hand schloss sich um ihren Oberarm, und er steuerte sie in den Flur hinein.
„Ein Scheiß-Job ist das! Was wollt ihr hier?“
„Mahler wird Magda alles erklären. Komm, geh runter zu deinen Eltern. Tu dir das hier nicht an.“
„Aber ich kann doch so nicht in die Wirtschaft gehen“, sagte Tilli schluchzend und deutete auf ihre Hose.
„Warte, das haben wir gleich. Sarah?“, rief Kilian und winkte einer Polizistin zu, die mit ihm gemeinsam Magdas Büro durchsucht hatte. Wegen der kurzen Haare hatte Tilli sie zuerst für einen Mann gehalten. Nachdem er leise auf sie eingeredet hatte, brachte sie Tilli ihre Hose.
„Du kannst dich hier drin umziehen, aber ich muss dabei sein. Tut mir leid“, fügte sie hinzu.
Der jungen Polizistin schien die Situation genauso unangenehm zu sein wie Tilli. Wenigstens trug sie eine ihrer langen, schwarzen Blusen, die bis zu den Oberschenkeln reichte.
„Fertig“, sagte sie kurz darauf und klaubte ihre Jogginghose vom Boden auf. Sarah öffnete die Tür für sie. Im Gang war Kilian gerade dabei, den eingebauten Garderobenschrank durchzusehen.
„Da hast du noch was zum Durchsuchen“, sagte sie und warf ihm im Vorbeigehen ihre Jogginghose an den Kopf.
***
Solange Tilli denken konnte, hatten die Sommermonate im Hirsch ihre eigene Geräuschkulisse. Die Stimmen der Gäste, ein gelegentliches Lachen, das Klappern des Bestecks und Klirren der Gläser verband sich im Innenhof zu einem Klangteppich, der zum Roten Hirsch als ihrem Zuhause genauso gehörte wie die graue Bruchsteinfassade oder die zugigen Holzfenster. Doch als sie jetzt nach draußen trat, war es unheimlich still, denn der Wirtsgarten war leer.
Im Gastraum saßen ihre Eltern zusammen mit Gerti am Stammtisch, während auch hier Polizisten die Türen der dunklen Holzkommoden öffneten, in denen die Tischdecken und jahreszeitliche Dekorationsartikel aufbewahrt wurden. Magda presste die Lippen so fest aufeinander, dass sie fast weiß aussahen. Gerti trug denselben angespannten Gesichtsausdruck. Oft zeigten sich die Gäste überrascht, dass die dünne Gerti mit ihren blonden Haaren die Schwester der rothaarigen Magda mit der üppigen Sanduhrfigur war, doch in diesem Moment war die Verwandtschaft unverkennbar. Ihr Vater Walter hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete die Polizisten mit finsterer Miene. Noch nie hatte Tilli ihre Familie untätig am Stammtisch sitzen sehen. Wenn sie sich dort hinsetzten, dann nur, um schnell etwas zu essen, die Einkaufsliste zu schreiben, oder für eine Mitarbeiterbesprechung. Der Anblick ließ heiße Wut in Tilli hochkochen.
„Wo ist Onkel Hans?“, fragte sie leise nach dem letzten Familienmitglied, das noch fehlte.
Gerti zuckte mit den Achseln. „Wahrscheinlich beim Angeln. Sein Handy ist aus.“
„Was denken die denn, dass sie hier finden?“, fuhr Tilli so laut fort, dass auch die Polizisten ihre Frage hören konnten.
Polizeioberrat Mahler steckte seinen Kopf aus der Durchreiche der Küche und rief: „Ach, das Fräulein Korniak! Anscheinend hat Ihr Freund Polizeimeister Braun Sie also doch nicht vorab informiert. So viel Verstand hätte ich ihm gar nicht zugetraut.“
Er verschwand, doch wenige Sekunden später öffnete er die Tür zur Küche. „Bitte, setzen Sie sich doch dazu“, rief er auffordernd nach hinten. Antoni, der polnische Küchenchef, und Nadja, die Kochauszubildende im dritten Lehrjahr, traten widerwillig in den Gastraum.
„Wir müssen das Abendgeschäft vorbereiten“, knurrte Antoni den Polizisten an.
„Solange wir hier nicht fertig sind, gibt es kein Abendgeschäft – falls Sie danach überhaupt noch mal aufsperren.“ Ein gemeines Lächeln umspielte Mahlers Lippen, als er sich den Korniaks zuwandte.
„Ich will Ihnen gern sagen, was wir suchen. Polizeimeister Braun war heute Morgen im Volkacher Fitnessstudio. Als er nach dem Sport in der Umkleide seinen Schuh anzog, befand sich darin ein kleiner Zettel mit einem anonymen Hinweis. Sie, Frau Korniak“ – er stieß mit dem ausgestreckten Zeigefinger in Magdas Richtung – „hätten Eugen Bäuerlein getötet, und wir würden die Tatwaffe hier finden.“
Magda lachte auf. „Deswegen machen Sie hier so einen Aufstand und schließen unsere Wirtschaft? Sie sind doch nicht ganz sauber! Suchen Sie besser den Schmierfinken, der hinter dieser Lüge steckt.“
„Magda hat recht. Jeder kann so einen Zettel schreiben“, stimmte Gerti ihr zu.
„Aber nicht jeder weiß, welche Tatwaffe der Mörder verwendet hat. Da diese konkret beschrieben wurde, sind wir jetzt hier.“ Mahler machte eine weit ausholende Armbewegung, die Tilli an einen drittklassigen Schauspieler erinnerte. Er schien die Situation offenbar zu genießen.
Die Schwingtür vom Gang in den Gastraum wurde jetzt so heftig aufgestoßen, dass sie gegen die Wand knallte. Alle fuhren herum. Die Beamtin Sarah kam mit vor Aufregung rotem Kopf herein, gefolgt von Kilian und den beiden Polizisten, die Tillis Zimmer durchsucht hatten. Die junge Polizistin trug eine Plastiktüte vor sich her, in der sich ein schmaler, länglicher Gegenstand befand.
„Chef, ich habe sie gefunden!“, stieß sie hervor. „Das muss die Tatwaffe sein!“
„Gut gemacht, Limmer“, lobte Mahler sie und begutachtete den Inhalt der Tüte.
„Das ist ein Brieföffner. Ich versichere Ihnen, wir haben damit noch nie etwas anderes aufgeschlitzt als Briefe“, sagte Magda trocken.
„So einen finden Sie in jedem Haus in Erbach. Die Sparkasse hat den mal als Weihnachtsgeschenk verteilt. Das ist bestimmt zehn Jahre her. Hier auf der Hülle ist sogar das Logo eingraviert“, erklärte Gerti und deutete auf das braune Lederetui.
Mahler strich sich nachdenklich über seinen zotteligen Backenbart. Kilian hatte sich durch die Polizisten hindurchgeschoben, um am Tisch einen Blick auf den Brieföffner zu erhaschen.
„So verstaubt, wie das Ding ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass das die Tatwaffe ist“, sagte er.
Auf Tillis fragenden Blick hin nickte er kaum merklich in ihre Richtung. Sie atmete langsam aus. Mit zarten Flügeln breitete sich Zuversicht in ihr aus, dass der Spuk bald vorüber sein würde.
„Was Sie sich vorstellen können, spielt hier keine Rolle, Braun!“, blaffte Mahler.
Erneut knallte die Schwingtür gegen die Wand, und der dritte Trupp Polizisten stürmte herein. Triumphierend hielt ihr Anführer eine Tüte in die Höhe.
„Die Tatwaffe, Chef!“
„Was, noch eine?“, erwiderte Mahler gedehnt und streckte auffordernd die Hand aus. Ein Lächeln bahnte sich den Weg durch seinen Bart. „Wenn das kein angetrocknetes Blut ist, dann weiß ich auch nicht. Gut gemacht, Männer! Wo habt ihr den Brieföffner gefunden?“
„Hinten in der Scheune, im Kofferraum von so einem abgeranzten VW Passat.“
Ein kollektives Raunen ging durch die Familie Korniak.
„Das kann nicht sein! Der gehört uns nicht!“, rief Tilli.
„So ein Schmarrn!“, wandte Magda ein.
„Wie meinen Sie das, Frau Korniak? Das ist gar nicht Ihr Auto?“, erkundigte sich Mahler. Er sah sprichwörtlich aus wie die Maus im Weinfass, und zwar in einem randvollen.
„Der VW ist meiner, aber der Brieföffner nicht. Unserer ist der da“, sagte Magda und deutete auf die andere Tüte.
„Das Tor zum Innenhof lässt sich nicht absperren, und die Tür zur Scheune, wo die Autos stehen, ist im Sommer auch offen, weil wir da die Kissen für den Biergarten lagern“, erklärte Gerti. „Jeder kann den Brieföffner daher in den Passat gelegt haben!“
„Wo ist normalerweise der Autoschlüssel?“, fragte Mahler.
„An meinem Schlüsselbund“, erwiderte Magda.
„Und den kann auch jeder nehmen?“
„Nein, den habe ich immer bei mir. Aber ich schließe den Wagen nicht immer ab.“
„War der VW offen, als ihr ihn durchsucht habt?“, wandte Kilian sich an seine Kollegen.
„Ja“, erwiderte der Polizist widerstrebend, der Mahler die Tüte überreicht hatte.
„Dann könnte auch jeder beliebige Erbacher in die Scheune spaziert sein, und den Brieföffner bei der Suche nach einem Versteck im Auto platziert haben“, sagte Kilian beschwörend, doch sein Chef winkte ab.
„Das sind doch alles Schutzbehauptungen. Der Tippgeber hat keinen Zweifel daran gelassen, in wessen Auto wir die Tatwaffe finden, und dort war sie auch. Wir werden ja sehen, ob wir Ihre Fingerabdrücke auf der Tatwaffe finden, Frau Korniak. Jetzt kommen Sie erst einmal mit auf die Wache. Ich nehme Sie vorläufig fest wegen des dringenden Tatverdachts, Eugen Bäuerlein ermordet zu haben.“