Prolog
Wie jedes Mal, wenn sie in irgendein fremdes Haus einbrach, hörte Ember auch in diesem Moment wieder die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf. Du schaffst das, mein kleines Frettchen.
Ember war jetzt wirklich schon eine ganze Weile nicht mehr klein und die Tage, als ihre Mutter noch unten gestanden hatte, um sie aufzufangen, falls sie den Halt verlor, lagen auch schon lange hinter ihr. Doch das instinktive Wissen darum, wo sie sich festhalten musste, in welchen Schatten sie sich verstecken konnte und wann sich jemand näherte, hatte sie auch als Erwachsene nicht verloren.
Irgendwo in dem herrschaftlichen Wohnsitz von Baron Varne befand sich der Stein des Hohen Lords. Ember hatte keine Ahnung, worum es sich dabei handelte, aber sie hatte vor ein paar Tagen – als sie gerade einen kleinen Diebeszug durch das Rathaus unternahm – gehört, wie Varne dem Bürgermeister aufgeregt davon erzählte. Er hätte ganz schön viel dafür bezahlen müssen und außerdem wäre der Stein wirklich sehr selten. Und Ember musste ihrem Pa mehr von seinen Medikamenten kaufen, daher war die Entscheidung schnell gefallen.
Sie schob vorsichtig das winzige Kellerfenster auf und glitt so leise wie eine Schlange hindurch. Drinnen blieb sie einen Moment ganz still stehen, bis sie sicher war, dass sich niemand sonst in dem kleinen Raum befand. Sorgfältig steckte sie ein Stückchen Papier in die Fensteröffnung, um zu verhindern, dass es sich ganz schloss. Es hat keinen Sinn, wenn man zwar reinkommt, aber nicht wieder raus. Dann schlich sie langsam weiter. Ihre Stiefel waren auf dem Steinboden kaum zu hören. Sie erreichte eine Tür und öffnete sie
Das dahinterliegende Zimmer wurde von Kerzen erleuchtet, was irgendwie seltsam war. Denn in Herrenhäusern wie diesem standen normalerweise überall Lampen, in denen Sarelöl verbrannt wurde. Warum also sollte man Hunderte teurer, tropfender und gefährlicher Kerzen aufstellen, als würde man sich im Tempel eines Hohen Lords befinden?
Dann vernahm sie plötzlich ein Wimmern, und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Langsam und vorsichtig sah sie sich weiter in dem Raum um.
Eigentlich handelte es sich um einen großen Gewölbekeller und in seiner Mitte stand eine Art Altar mit einer riesigen Steinplatte. Und darauf lag eine Frau in einem langen, weißen Kleid.
Sie war angekettet und geknebelt.
Ember zögerte. Einerseits sah das ziemlich übel aus. Andererseits erinnerte sie die Situation auch ein bisschen an diese seltsame Sex-Sache, in die sie und Tresorknacker-Jack einmal zufällig im Hinterzimmer einer Opiumhöhle gestolpert waren.
„Äh, bist du freiwillig hier?“, fragte sie also und das Mädchen schüttelte heftig den Kopf.
Ember nahm ihr den Knebel ab und sofort stammelte das Mädchen: „Sie haben mich gekidnappt! Ich bin gerade nach Hause gekommen und dann haben sie mich einfach gepackt und als ich wieder zu mir gekommen bin, war ich hier, und …“
„Schh“, flüsterte Ember. Sie glaubte das Mädchen als jenes zu erkennen, das in der Bäckerei arbeitete, in die ihre Brüder so gern gingen. Und zwar nicht, weil das Brot dort so gut war, sondern weil das strohblonde Mädchen hinter dem Tresen so wunderschön war wie eine Statue von Lady Feara selbst. „Dandelia, oder? Ich hol dich hier raus.“
Sogar Dandelias Schluchzer waren hübsch. „Das war dieser schreckliche Baron Varne! Er hat gesagt … er hat gesagt, dass es nicht lange wehtun würde!“
„Was würde nicht lange wehtun?“, hakte Ember düster nach. Ihre Miene war düster.
„Das hat er nicht gesagt! Aber das ist jetzt schon ewig her und ich habe solche Angst!“
Ember zog ihren Dietrich aus der Tasche. Der Fensterriegel war nicht schwierig zu knacken gewesen – nicht für die Tochter des besten Uhrmachers in der Stadt der Uhrwerke. Und auch die Schlösser an den Ketten, die Dandelia fesselten, waren kein Problem für sie.
Dandelia biss sich auf die Lippe und sah mit flehendem Blick zu Ember auf. Sie war wirklich wunderschön, und zwar auf eine Art und Weise, wie Ember es nie sein würde. Das wusste sie. Aber das war schon in Ordnung, denn so schöne Mädchen fielen den Leuten immer auf und Ember bevorzugte es, möglichst unauffällig zu bleiben. Dandelia wand sich wild hin und her, was Ember völlig unnötig fand, und ihre Brust hob und senkte sich heftig. Was dazu führte, dass sich das Licht in dem lilafarbenen Stein brach, den sie an einer Kette um den Hals trug.
Moment mal. „Gehört die dir?“, erkundigte sich Ember, während sie an einer der eisernen Handfesseln arbeitete.
„Was? Die Kette? Nein! Ich würde doch nie etwas so … Auffälliges und Geschmackloses tragen!“
Ember warf einen fachkundigen Blick darauf. Lilafarbener Sarelstein, seltsamer Schliff, gute Reinheit, billige Fassung. Nee, das war nicht das, weswegen sie hergekommen war. Würde gerade mal das Essen für eine Woche auf den Tisch bringen.
Dann hatte sie Dandelia befreit und half ihr aufzustehen. Der lila Stein funkelte im Licht und Ember fand plötzlich, dass es doch besser wäre, eine Woche lang etwas zum Essen zu haben, als nicht. Sie streckte die Hand aus, ignorierte Dandelias Zurückschrecken und öffnete die Kette. Der Stein fühlte sich in ihrer Hand ganz warm an.
„Dahinten findest du ein offenes Fenster“, sagte sie und deutete in die Richtung.
„Kommst du denn nicht mit?“ Dandelia sah sie mit diesen bezaubernden Augen an. „Kenne ich dich vielleicht? Warum bist du überhaupt hier?“
„Du hast mich nie gesehen“, raunte Ember ihr zu. „Ich suche etwas. Los jetzt, verschwinde.“
Sie gab dem Mädchen einen Schubs und drehte sich dann in Richtung der einzigen anderen Tür, die wohl aus diesem gruseligen Keller hinausführen musste. Sie sollte jetzt wirklich schnell sein, denn niemand würde so viele Kerzen anzünden und dann einfach auf Nimmerwiedersehen verschwinden.
Als Dandelia in dem kleinen Nebenraum verschwand, zögerte Ember kurz. Vielleicht sollte sie doch lieber gehen. Irgendjemand würde ganz bestimmt schon bald zurückkommen. Immerhin hatte sie den lilafarbenen Stein, nicht dass der viel wert wäre. Aber vielleicht könnte sie ihn ja noch ein bisschen aufhübschen. Sie zog die Kette über den Kopf und Hitze durchströmte sie.
Einen Augenblick lang konnte sich Ember nicht bewegen, während der Stein im Takt ihres Herzens zu pulsieren schien und sich seine Wärme in ihr ausbreitete. Ja, schien er zu sagen. Ich gehöre zu dir. Und es fühlte sich … richtig an. Als wäre sie irgendwie zu Hause. Als hätte der Stein die ganze Zeit nach ihr gesucht und wäre nun glücklich, sie gefunden zu haben.
Ember stand einfach nur da und war völlig überwältigt. Doch plötzlich öffnete sich die Tür und eine Gruppe Männer in Roben trat ein. Sie trugen Messer und Opferschalen und schwenkten Weihrauchgefäße.
Anführer der Truppe war Baron Varne, und Ember bemerkte die Pistole in seiner Hand nur eine Sekunde bevor sie schon den Schuss hörte.
Kapitel 1
Rhaell hatte den Großen Saal noch nie derart opulent geschmückt gesehen – nicht einmal zu einer der Hochzeiten des Königs. Riesige Banner, auf denen der Heilige Baum von Yskara in den Farben Silber und Grün zu sehen war, waren aufgehängt worden und flatterten hoch über den Köpfen der Menge. Durch die Luft wehten unzählige Girlanden. Die gesellschaftliche Elite von Yskara – nun ja, sie waren immerhin reich und mächtig – lief umher. Jeder von ihnen wollte sagen können, dass er dabei gewesen war, als die Verheißene angekommen war. Es war wirklich unglaublich laut.
Die Gerüchte hatten sich seit Jahren verdichtet und in den letzten paar Monaten war es fast nicht mehr auszuhalten gewesen. Aber woher sollte sie kommen? Würde der Heilige Baum nach Jahrhunderten zum ersten Mal wieder ein Portal zwischen den Welten öffnen? Wie würde sie aussehen? Und wie würde sie sie retten?
Rhaell zündete sich einen Qualmstängel aus Aschenkraut an und lehnte sich an die Mauer. Die arme Frau würde doch kaum mehr als ein Opferlamm sein und daher war es auch vollkommen egal, wer sie war.
„Drück deinen Qualmstängel lieber aus, bevor dich der König noch sieht“, sagte Phoebe, die plötzlich direkt neben ihm stand. Sie verlagerte ihr Gewicht auf einen Fuß und krümmte die Zehen des anderen. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit trug sie glitzernde Schuhe mit hohem Absatz.
Rhaell sah mit zusammengekniffenen Augen in den Himmel, der wegen der vielen Schichten aus Bannern und Girlanden kaum durch die Kuppel zu erkennen war. „Wir haben noch Zeit.“
„Nicht wirklich. Er rennt heute den ganzen Tag schon wie ein wild gewordener Auerochse umher.“ Phoebe nahm ihm den Aschenkraut-Qualmstängel aus der Hand und zog daran. Sie schloss kurz genüsslich die Augen. „Ich habe gerade mitbekommen, wie er Lady Sarea angeschrien hat, weil ihr Drache nicht zum Farbschema passen würde.“
Rhaell stieß einen Pfiff aus. „Glaubst du wirklich, dass unsere Verheißene auf das Farbschema achten wird?“
„Beim Heiligen Baum und seinen Ästen, ich hoffe doch nicht.“ Phoebe stöhnte. „Ich habe mir die Finger wund gearbeitet, um anpassbare Kleidungsstücke für all ihre Bedürfnisse anzufertigen. Kannst du dir vorstellen, wie schwierig es ist, prächtige Roben für jemanden zu schneidern, den man noch nie gesehen hat?“
„Ich ziehe meinen Hut vor dir.“ Da Rhaell keinen Hut trug, musste die Geste reichen. Dann holte er sich seinen Qualmstängel zurück.
„Und hast du gesehen, wen er als Hofdamen für sie ausgesucht hat? Einen Haufen blöder Kühe.“
Rhaell warf seiner ältesten Freundin einen Seitenblick zu. Sie war zur persönlichen Dienerin der Verheißenen ernannt worden, und das war der einzige Grund, warum sie heute überhaupt anwesend war. „Deine Taktlosigkeit ist wirklich grenzenlos. Sag, wie bist du noch mal an diese Aufgabe gekommen?“
„Erpressung und Vetternwirtschaft“, antwortete sie und grinste spöttisch. Sie nestelte an den Haarsträhnen herum, die sich aus ihrer adretten Spitzenhaube gelöst hatten, und schaute hinauf zur Kuppel. „Na komm, gehen wir lieber, bevor die Menschenmenge zu dicht wird und wir nicht mehr zur Heiligen Quelle kommen.“
Rhaell klemmte sich seinen Qualmstängel zwischen die Zähne und legte eine Hand auf den Griff seines Schwertes. Er kreiste mit den Schultern, richtete sich dann zu seiner vollen Körpergröße auf und sah hinab auf die versammelten Menschen. „Sie werden mich schon durchlassen.“
Die Sonne bewegte sich auf ihren höchsten Punkt zu, als er sich durch die Menge schob, um seinen Platz am Ufer des Sees, den die Heilige Quelle speiste, einzunehmen. Ihm gegenüber stand der König, der in eine prächtige grün-silberne Robe gekleidet war. Er trug die Krone Ysarriels, in deren Mitte sich ein grüner Stein befand, der im Licht der Sonne zu strahlen schien. Der König warf einen grimmigen Blick auf Rhaells Qualmstängel.
Rhaell trat diesen mit seinem Stiefel aus und sah dann nach oben. Irgendetwas war ihm ins Gesicht getropft.
„Regen?“, murmelte irgendjemand. „Hier drinnen?“
„Die Verheißene kann Wunder vollbringen!“, schrie wieder ein anderer. Rhaell wischte sich übers Gesicht, ein Gefühl des Unbehagens durchfuhr ihn.
Seine Finger waren rot.
Dann spritzte noch mehr von der Flüssigkeit über sein Gesicht. Und über Phoebes und das des Königs. Alle um ihn herum schnappten entsetzt nach Luft und begannen dann zu schreien.
Da sah Rhaell plötzlich, wie etwas Rot-Weißes vom Himmel fiel. Er watete schnell in den Heiligen See und streckte die Arme aus, um es aufzufangen. Es war eine Frau. Sie prallte so heftig gegen ihn, dass er in die Knie ging. Ihr Blut färbte das Wasser des Heiligen Sees rot.
Die Verheißene war genau zu dem Zeitpunkt gekommen, der prophezeit worden war. Nur hatte niemand gesagt, dass ein Dolch in ihrer Brust stecken würde.
***
„Nun ja … das war jetzt nicht ganz so wie erwartet.“
König Onas, der Dritte seines Namens, König des Heiligen Reiches und des Meeres von Yskar, Beschützer des Heiligen Baumes und der von den Ahnen Geliebte, blickte auf die Frau im Bett nieder und gab sich nicht einmal Mühe, seine Enttäuschung zu verbergen.
Da sie glücklicherweise im Heiligen Wasser gelandet war, hatte ihre Zofe Phoebe all ihre zahlreichen und rätselhaften Wunden heilen können. Er hatte noch nicht einmal herausfinden können, was einige davon verursacht hatte. Doch dieses Geschöpf hier war übel zugerichtet gewesen, voller Blut, schlaff und blass wie eine Leiche.
Die Zofe hatte sie gesäubert und ihr ein frisches Nachthemd angezogen, doch das hatte auch nicht viel genützt – sie sah immer noch nicht gut aus. Sie war recht klein, hatte einen großen Busen wie eine billige Hure und war irgendwie … farblos. Als wäre sie dazu gemacht worden, dass man sie schnell wieder vergaß. Sollte diese … Person wirklich die Verheißene sein?
Er hatte die Verkörperung von Schönheit und Vollkommenheit erwartet. „Es ist eine Beleidigung, uns diese … diese …“ Er wedelte angeekelt mit der Hand. „… einfache Frau zu schicken.“
Sie lag ganz ruhig in ihrem Bett und ihre ordinäre Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Ihr Haar hatte die Farbe von etwas, das man im Plumpsklo finden könnte, und zudem war es auch noch lächerlich kurz geschnitten.
Hinter Onas ertönte das Grunzen eines wilden Tiers. Die zwei passen wirklich gut zusammen. „Sie ist zu dem Zeitpunkt angekommen, der vorhergesagt wurde. Und wer sonst sollte auf diese Art und Weise hier auftauchen?“
„Es könnte eine List sein“, erwiderte Onas störrisch, auch wenn er genau wusste, dass dem nicht so war. Niemand hatte heutzutage mehr die nötige Magie, um so eine List bewirken zu können.
„Von wem denn? Und weshalb? Wir haben keine Feinde, die zu so etwas in der Lage wären.“
Onas starrte wieder grimmig auf die unscheinbare Frau, die in dem Bett schlief. Im Bett der Königin, in Erwartung ihrer zukünftigen Rolle. „Sie ist so hässlich, dass es eine Beleidigung für den Heiligen Baum ist.“
„Vielleicht gilt das als Schönheitsideal in der Eisernen Welt.“
Onas drehte sich um und betrachtete seinen Enkel, der hinter ihm im Schatten lauerte. Er war wirklich ein Monster, riesig und missgebildet. Wie hatte seine wunderschöne Tochter diesem Ding das Leben schenken können? Wollten ihn die Ahnen für irgendetwas bestrafen?
„Wie bitte? Was weißt du schon von Schönheit?“ Er musterte die wulstige Stirn, die fleischigen Lippen und die wilde Mähne des Biests, dann wandte er sich wieder dem Mädchen zu. Im Vergleich zu Prinz Bronadyr war sie eine verdammte Schönheit. „Na ja, wenigstens hat sie ein gebärfreudiges Becken.“
„Sie ist nicht nur deswegen hier, Hoheit“, grollte der Prinz.
„Nein, aber das ist ihr Hauptzweck für uns“, betonte der König. Die Saat, die sie nähren wird, wird gedeihen. Das besagte die Prophezeiung. Und Onas könnte eine gedeihende Saat wirklich gut gebrauchen. „Wenn sie dieses einzige, grundlegende Bedürfnis nicht befriedigen kann, warum wurde sie dann hergeschickt?“
„Vielleicht reicht ein Erbe allein ja nicht aus, um den Heiligen Baum zu heilen“, erwiderte Bronadyr mit rauer Stimme. „Die Prophezeiung besagt auch, dass sie das Reich retten und die Magie neu entfachen wird.“
„Sie kann das Reich retten, nachdem sie dir einen Erben geschenkt hat“, knurrte Onas. Er sah wieder auf die langweilige, blasse Frau, die im Vergleich zu den anmutigen, schlanken Grazien am Hof klein und plump wirkte. Doch die höfischen Grazien hatten es in letzter Zeit eben versäumt, eine neue Generation hervorzubringen. „Da keine andere Frau im Königreich freiwillig das Bett mit dir teilen will, hat der Heilige Baum wohl sie als Antwort auf unsere Gebete geschickt. Mach sie dir gefügig und schwängere sie, Bronadyr.“
„Und wenn sie das Schicksal meiner Mutter teilen wird?“, brummte Bronadyr.
Der König lachte freudlos auf. „Du hast doch überlebt, oder?“
Bronadyr schnaufte – genau wie die Biester im Stall, die schnaubten und mit den Hufen auf den Boden stampften. Onas wusste, dass der Hof seinen Enkel „das Biest“ nannte, wenn sie glaubten, dass er nicht zuhörte.
„Soll ich sie also jetzt gleich nehmen?“, fragte das Biest. „Während sie noch schläft? Dann kann sie nicht schreien und weglaufen, weil ich so abstoßend bin, oder?“
Herrje, das würde er wahrscheinlich sogar machen. Onas hatte wirklich sein Bestes getan, ihm Lehrer und Ausbilder zur Seite gestellt, aber es gelang einfach nicht, eine derartige Bestie, die keinerlei Verstand besaß, zu zivilisieren. Das Beste wäre, ihn dazu zu bringen, einen Erben zu zeugen – und dann, so war sich Onas sicher, könnte ein tragischer Unfall inszeniert werden, bei dem diese schreckliche Kreatur zu Tode kam.
„Sie wird deine Ehefrau, du lüsterner Trottel. Warte wenigstens, bis sie wach ist.“
„Hoheit“, sagte Bronadyr und deutete eine spöttische Verbeugung an. „Ich erwarte die nächsten Befehle.“
Er stapfte davon und der Boden erbebte unter seinem gigantischen Gewicht. Onas hörte noch, wie die Tür zu den Gemächern der Königin hinter ihm ins Schloss fiel.
Dann trat er an das Bett, das einst seiner Frau und später ihrer gemeinsamen Tochter gehört hatte. Das Bett, das Zeuge davon werden sollte, wie diese Frau – die Verheißene – im Blut der Geburt gekrönt wurde. Er zog den Vorhang zurück und beugte sich weiter vor, um ihr sommersprossiges Gesicht zu betrachten, ihre buschigen Augenbrauen und ihr ungekämmtes Haar. Sie hatte Kurven. Was vielleicht ein gutes Zeichen war, denn solch ein vulgäres Becken könnte bestimmt eher Nachkommen hervorbringen.
Bronadyr war sein einziger Erbe. Nach ihm käme nur noch Lady Sarea, diese raffgierige blöde Kuh. Er brauchte also dringend direkte Nachkommen, damit sie weiter in der Thronfolge zurückgedrängt werden konnte. So weit, dass sie keine Bedrohung mehr darstellen würde. Onas konnte es sich einfach nicht leisten, das Biest loszuwerden, ehe dieses nicht für Ersatz gesorgt hatte.
„Wenn meine Tochter für einen Erben geopfert werden kann, dann kannst du das auch“, murmelte der König. „Und falls du ein Monster zur Welt bringst, das dich bei der Geburt auseinanderreißt, wissen wir wenigstens, dass es wirklich sein Kind ist.“
Er ließ den Vorhang los und ging davon.
***
Fuck. Embers Kopf brachte sie noch um.
Doch sie blieb still liegen, bis sie hörte, wie die Tür geschlossen wurde. Und selbst dann atmete sie nur ganz leise, wie ein kleines Kaninchen. Sie hatte Angst, dass der König oder sein Erbe, der offenbar ein Monster war, noch immer im Zimmer herumstanden und nur darauf warteten, dass sie endlich erwachte.
Sie wartete noch eine ganze Weile, die sich wie Stunden anfühlte, bis sie auch nur die Augen öffnete.
Sie lag in einem riesigen Bett mit edlen, schweren Vorhängen. Sie waren ein Stück zurückgezogen und enthüllten ein Schlafzimmer, das so groß und luxuriös war, dass sie sich fragte, ob sie nicht doch gestorben und im Reich der Hohen Lords und Ladys wieder aufgewacht war.
Nein. Sie war bestimmt noch in Varnes Herrenhaus. Oder hatte der sie etwa an einen anderen Mann weitergereicht? Keine dieser Stimmen hatte nämlich der seinen geglichen. Die Stimme des Älteren hatte sogar noch kälter und selbstherrlicher geklungen und die des Jüngeren … Sie erschauderte. Sie hatte wie die einer Kreuzung aus Wolf und Ochse geklungen.
Langsam und sehr vorsichtig setzte sie sich auf und warf einen Blick in den Ausschnitt ihres Nachthemds. Es war aus überaus feinem Stoff – vielleicht sogar Seide? – und aufwendig bestickt. Außerdem waren keinerlei Blutflecken darauf, was irgendwie faszinierend war, wenn man bedachte, dass sie blutüberströmt gewesen war.
Verbände bedeckten ihre Brust, ihre Arme und Beine. Auf sie war geschossen worden, sie war aufgeschlitzt und niedergestochen worden. Ihr Blut war in Schüsseln aufgefangen und von singenden, vermummten Gestalten getrunken worden. Und dann hatte man ihr das Messer – einen mit Juwelen besetzten, gebogenen zeremoniellen Dolch – in die Brust gerammt …
Ember dachte, alles wäre vielleicht nur ein Traum gewesen. Aber die verheilenden Wunden waren real. Sie waren der Beweis, dass sie den Albtraum wirklich erlebt hatte. Andererseits waren die Wunden mittlerweile schon fast verheilt. Ihr war ein Dolch in die Brust gerammt worden und doch fühlte sie sich jetzt schon wieder ziemlich gut. Wie lange war sie schon hier?
Auf ihrer verbundenen Brust lag der billige lilafarbene Sarelstein, den sie Dandelia abgenommen hatte. Na ja, wenigstens hatte sie ein bisschen was aus dieser ganzen blöden Tortur mitnehmen können. Auch wenn der Stein den Ärger sicher nicht wert war.
Ihr Magen knurrte. Sie hatte nur ein leichtes Abendessen zu sich genommen, bevor sie zu ihrem Raubzug in das Herrenhaus aufgebrochen war, und sie hatte keine Ahnung, wie lange das nun schon zurücklag, aber es fühlte sich wie Stunden an. Vielleicht sogar Tage. Neben dem Bett brannte nur eine kleine Lampe und die half nicht viel, um die Dunkelheit, die durch die großen Fenster hereinkam, fernzuhalten.
An ihrem Bett standen ein Wasserkrug und ein Glas, doch Ember traute dem Ganzen nicht. Schließlich war es doch möglich, dass Varne oder einer seiner niederträchtigen Freunde noch schlimmere Pläne für sie hatte.
Mach sie dir gefügig und schwängere sie, Bronadyr.
Ember hatte keine Ahnung, was ein Bronadyr war, und sie wollte es auch nicht herausfinden. Und ganz sicher würde sie sich nicht von ihm nehmen lassen. Sie würde verdammt noch mal fliehen.
Also gut, was besaß sie noch? Ein seidenes Nachthemd. Ein billiges Schmuckstück. Ihren Verstand und ihren Körper. Einen Körper, den sie nicht diesem Bronadyr-Monster und auch sonst niemandem opfern würde. Denn wie hatte ihre Ma immer gesagt? Wenn du den Leuten erst mal erlaubst, dir zu sagen, was du mit deinem Körper anstellen sollst, werden sie nie wieder damit aufhören. Du bist die Einzige, die alle Entscheidungen für sich selbst treffen sollte.
Wer auch immer sie dieses Mal gefangen genommen hatte, hatte sie in ein Zimmer mit einem Balkon gesteckt. Einem Balkon! Das war doch lachhaft. Schon seit sie denken konnte kletterte Ember über Mauern und auf Bäume und Dächer.
Komm schon, mein kleines Frettchen. Schlüpf durch das Fenster da oben, dann komm runter und lass deine Ma rein.
Sie schlang sich eine Decke um die Schultern, zerriss das Bettlaken und wickelte sich die Stoffstreifen um Hände und Füße. Dann ließ sie sich an der Außenwand des Gebäudes hinab, als gäbe es nichts Einfacheres auf der Welt. Die Mauer war aus Granit, zugleich scharfkantig und rutschig. Nicht gerade das Material, das sie zum Klettern bevorzugte.
Sie war schon halb unten, als ihr erst einfiel, dass es an Varnes Haus überhaupt keine Balkone gab. Und es auch nicht aus Granit erbaut war.
Von unten hörte sie ein Geräusch, das wahrscheinlich von Wellen stammte. Doch Ember war sich nicht sicher, schließlich hatte sie dieses Geräusch bislang nur als Effekt im Theater gehört. Baron Varnes Herrenhaus war jedenfalls definitiv nicht von einem Wassergraben umgeben.
Demzufolge konnte das auch nicht sein Haus sein. Bei dem hier handelte es sich zudem um ein riesiges Gebäude und sie kletterte gerade über hellen, rutschigen Granit und nicht über rauchgeschwärzten Sandstein aus Bleakburn. Was ging hier verdammt noch mal vor sich?
Es war eine Burg! Eine riesige, rund gebaute Burg, die an einer felsigen Küste stand. Ember hatte keine Ahnung, wo sie war, doch das war jetzt auch egal. Jetzt zählte nur, von hier wegzukommen. Ihre Füße berührten die Felsen und sie wäre fast ausgerutscht, doch sie konnte sich gerade noch an der Wand festhalten. An dem hellen Stein gab es glücklicherweise viele Stellen, wo ihre Füße und Hände Halt finden konnten. Als wollte man, dass sie floh.
Moment mal, wollte man das vielleicht wirklich?
Ember schwirrte der Kopf, als sie nach oben zu dem Balkon blickte, von dem sie gerade heruntergeklettert war. Er war wirklich verdammt weit oben, nur ein dunkler Schatten vor der massiven Wand. Der Mond musste auf der anderen Seite der Burg stehen, was gut war. Denn so konnte sie im Schutz der Dunkelheit von diesen rutschigen Felsen herunterkommen. Noch mehr Granit. Und der war nass.
Sie erkannte nun die Umrisse der Burg und die Wellen, die an eine felsige Bucht schlugen. Ember war nur noch ein paar Meter davon entfernt, als sie eine fauchende und zischelnde Stimme hinter sich vernahm.
„Die hier sssieht aber lecker ausss.“
Ember erstarrte. Die Stimme hatte nicht wirklich … menschlich geklungen.
„Aber wir haben doch erssst gessstern eine gehabt.“
Die erste Stimme klang nun jämmerlich. „Aber die hier sssieht sssoo lecker ausss.“
Bei den Hohen Lords, waren da etwa zwei von denen? Ember verschwendete keine Zeit damit, sich umzusehen. Sie krabbelte schneller über die Felsen und suchte nun schon gar nicht mehr nach Stellen an der Mauer, die sie zum Festhalten nutzen könnte.
Hinter ihr ertönte ein schmatzendes, nasses Geräusch.
„Wir können sssie ja für ssspäter in unsere Höhle bringen“, sagte das eine … Wesen, was immer es war.
„Aber ich mag sssie lieber frisch“, erwiderte das andere.
Embers Haut kribbelte vor eiskaltem Schweiß und ihr Puls raste.
„Sssie issst auf den Felsssen! Jetzt gehört sssie unsss!“
„Dasss issst unssser gutesss Recht!“, stimmte das andere Ding zu.
Bei den Hohen Lords, ich will nicht sterben! Ember rannte noch schneller, doch dann berührte etwas ihren Knöchel. Sie schrie auf und trat um sich.
Sie ist auf den Felsen. Jetzt gehört sie uns.
Dann geh doch von den verfickten Felsen runter, du Idiotin!
Ihre Finger suchten Halt an der Wand und fanden ihn sofort, doch irgendetwas Kaltes und Klammes griff nach ihrem Knöchel.
„Nein, verdammt, lass los!“, keifte sie. Die Angst ließ sie wütend werden. Sie trat nach hinten und schwang ihr Bein dann nach vorn, sodass das, was sich fast wie eine Hand angefühlt hatte, gegen die Mauer schlug.
Die Kreatur gab ein unmenschliches Heulen von sich und Ember kletterte schnell höher. Und immer höher.
Erst als sie ein ganzes Stockwerk überwunden hatte, schaute sie nach unten und wünschte sich im selben Moment, sie hätte es nicht getan.
Die … Dinger, die da unten auf den Felsen hockten, waren nicht einmal ansatzweise menschlich zu nennen. Ember hatte schon hübsche Meerjungfrauen in Kinderbüchern gesehen, doch das hier waren eindeutig nicht die fröhlichen Wesen mit den rosigen Wangen, die auf den Illustrationen zu sehen waren.
Ihre Haut glänzte kränklich weiß, ihre Arme waren viel zu lang für ihren Körper. An ihren knochigen Brustkörben befanden sich Kiemen und entlang ihrer langen, dünnen Schwänze verliefen scharfe Stachelflossen. Und dann ihre Gesichter …
Nichts und niemand sollte so viele Zähne haben. Niemals.
Ember drehte den Kopf ruckartig wieder zur Wand und versuchte, nicht vor Angst zu schlottern. Doch ihre Finger zitterten und sie wäre fast abgerutscht. Schwindel überkam sie. Was zum Teufel waren das für Wesen?
„Sssie issst nicht mehr auf den Felsssen“, zischte das eine.
„Irgendwann musss sssie wieder runterkommen“, erwiderte das andere.
„Nie und nimmer!“, murmelte Ember und kletterte noch ein Stückchen höher. Dann bewegte sie sich seitwärts weiter, was viel schwieriger war, aber plötzlich ziemlich einfach wurde, wenn die Alternative monsterähnliche Meerjungfrauen mit Zähnen so lang wie ihre Finger waren.
„Sssollen wir für sssie sssingen?“, zischelte die eine.
„Aber leissse“, entgegnete die andere, „damit dasss Urbiessst nicht aufwacht.“
Singen? Warum wollten sie denn jetzt singen? Ember kraxelte weiter, doch das Lied, das sie plötzlich vernahm, war so rein und hoch und besaß die süßeste Melodie, die sie jemals gehört hatte.
Oh, nichts, was derart lieblich sang, könnte ihr jemals Leid zufügen! Was hatte sie sich nur gedacht? Sie könnte doch einfach wieder runterklettern und ihnen zuhören. Ihre Füße machten sich schon an den Abstieg. Ja, genau, sie würde einfach auf den Felsen sitzen und diesen süßen, süßen Klängen lauschen.
Ein Fuß berührte bereits die Felsen und nur einen Augenblick später griff eine kalte Hand nach ihrem Knöchel. Aber das war schon in Ordnung, denn der Gesang war einfach so lieblich. Nichts könnte ihr noch etwas antun.
Sie drehte sich zu den Meerjungfrauen um, die beim Singen ihre Zahnreihen zeigten. Unzählige spitze, nadelähnliche Zähne. Ember lächelte sie an. Jetzt würde alles gut werden.
Doch dann tauchte etwas aus dem Wasser auf, so plötzlich, dass ihr der Atem stockte. Es schloss sein riesiges Maul um die Schwänze der singenden Meerjungfrauen.
Ihr süßer Gesang endete abrupt und verwandelte sich in ein grauenhaftes Kreischen. Klauenartige Hände griffen nach Ember.
„Bei den Lords und Ladys und all ihren kleinen Babys“, keuchte sie, als die riesige Kreatur noch einmal nach ihr und den Meerjungfrauen schnappte. Dieses Mal war ihr Maul nur noch ein paar Zentimeter von Embers Beinen entfernt. Die Meerjungfrauen verschwanden schreiend in seinem Schlund und Ember rannte los.
Sie flog beinahe über die Felsen und an der runden Burgmauer entlang, bis ihre Füße plötzlich trockenen Boden berührten.
Ein Garten. Ein prunkvoller, geometrisch angelegter Garten, in dem erst vor Kurzem eine sehr schicke Feier stattgefunden haben musste. Oder wo ein örtlich begrenzter Konfetti-Hurrikan niedergegangen war. Am anderen Ende des Gartens befand sich eine kleine Baumgruppe. Und dorthin rannte sie so schnell, als wären ihr die Höllenhunde auf den Fersen. Ember war gerade im Schutz der Bäume angekommen, als ein Mann hinter einem hervortrat und sie direkt in ihn hineinkrachte.
Er war groß, sein Körper hart und er stand ihr im Weg. Ember versuchte, um ihn herumzuflitzen, doch er streckte einfach den Arm aus und sie fühlte sich, als würde sie gegen eine Eisenstange prallen.
Sie trat einen Schritt zurück und hob die Fäuste.
„Nun“, sagte er. Sein Gesicht blieb im Dunkeln verborgen. „Du bist ja ein interessantes Persönchen.“