Kapitel 1
Nils
Vor drei Tagen besuchte ich noch ein Staatsbankett zu Ehren meines Onkels, König Alexander von Schweden, in Stockholm. Heute hatte ich vor, die Millard Mavericks in Buffalo, Bundesstaat New York, von meiner Identität als Eishockeytrainer und ganz normaler Typ zu überzeugen.
Und das war ich auch. Na ja, zumindest das mit dem Hockeytrainer stimmte. Auf dem Gebiet hatte ich tatsächlich einen Abschluss und Erfahrung. Das mit dem ganz normalen Typen? Oj, das stimmte eher weniger.
Vor über einem Jahr hatte ich mit meinen drei besten Freunden – allesamt Prinzen wie ich – den verrückten Plan geschmiedet, ein Jahr undercover in den USA zu verbringen und uns für normale Typen auszugeben. Tore und Floris, jeweils aus Norwegen und den Niederlanden, gingen bereits in den Staaten ans College. Greg, Vierter in der britischen Thronfolge, hatte leider von seinem Onkel, dem König, noch nicht die Erlaubnis dazu bekommen. Noch nicht.
Da ich ein paar Jahre älter war als die anderen, war es für mich keine Option, als Student ans College zu gehen. Mit 27 war ich dafür zu alt, darum also die Stelle als Assistenztrainer.
Witzigerweise hatten sowohl Tore als auch Floris sich in ihrem ersten Collegejahr einen Freund geangelt. Das erwartete ich bei mir nicht, aber ich war gespannt darauf, wie es so sein würde, wenn niemand mich kannte.
Sobald ich aus meinem Mietwagen stieg, schlug mir erdrückend schwüle Luft entgegen und die Augusthitze umhüllte mich. War ich irgendwo falsch abgebogen und in Florida gelandet? So stellte ich es mir schließlich im Süden vor, nicht im hohen Norden. Was für ein Kontrast zu den kühlen Sommertemperaturen in Schweden.
Vor mir ragte die Maverick Arena in den diesigen Himmel über Buffalo und ihre marineblaue und silberne Fassade schimmerte im Licht. Das Gebäude ließ sich nicht ansatzweise mit der Arena der Rideau University in Kanada mit ihren 15.000 Sitzen vergleichen, in der ich früher gespielt hatte, aber es hatte etwas Solides und Pragmatisches an sich, das mich mit Vorfreude erfüllte.
Die Lobby war bescheiden, aber gut instand gehalten, mit einer Wand an Glasvitrinen mit Pokalen und Mannschaftsbildern der letzten Jahrzehnte. Von mehreren Bannern an der Decke aus starrte mich das Millard Mavericks Pferdemaskottchen an. Auf den Fotos waren ehemalige Spieler mit Erfolgsgeschichte zu sehen: junge Männer mit entschlossener Miene, einige wahrscheinlich kaum älter als ich. Ganze vier Alumni des Millard Colleges hatten es in die NHL geschafft, eine beträchtliche Anzahl für ein relativ kleines College.
„Nils?“
Ich wandte mich dem Mann zu, der mich angesprochen hatte. Ah, Coach Brennan. Ich erkannte ihn von den Vorstellungsgesprächen auf Zoom. Er war Mitte fünfzig, sein graues Haar leicht zerzaust und sein wettergegerbtes Gesicht in Falten gelegt. Er schien permanent die Augen zusammenzukneifen und trug ein marineblaues Polo mit aufgesticktem Mavericks Logo.
„Coach Brennan.“ Zu meiner Erleichterung hörte ich mich selbstbewusst und professionell an, als ich ihm die Hand gab. „Schön, Sie persönlich kennenzulernen.“
Er gab mir einen festen Handschlag, seine Hand rau von der jahrzehntelangen Arbeit mit Hockeyschlägern. „Nenn mich ruhig Mike. Wie war dein Flug? Du bist gestern angekommen?“
Ich hatte definitiv nicht vor, ihn zu duzen.
„Ja, alles lief gut, danke. Ich bin schon am Samstag angekommen. Gestern habe ich mich erst mal noch vom Jetlag erholt, in meiner Wohnung eingerichtet und in der Umgebung umgesehen. Die Stadt ist … anders, als ich erwartet habe.“ Ich sah mich erneut in der Lobby um und nahm die unüberhebliche Atmosphäre in mich auf. „Sehr authentisch.“
Coach Brennan lachte. „Das hast du sehr diplomatisch ausgedrückt, aber ja, so ist das hier in Buffalo. Kein Schnickschnack, aber wir leisten gute Arbeit. Komm, lass uns in mein Büro gehen. Kevin wartet schon auf uns.“
Er führte mich durch einen Gang, entlangdessen weitere Mannschaftsbilder an der Wand hingen. Uns umgab der vertraute Geruch der Hockeyausrüstung – Kunstleder, Gummi, Schweiß und der undefinierbare Geruch nach Wettstreit. Ein Teil meiner Anspannung fiel von mir ab. Zumindest das hier war universell.
„Also“, setzte Coach Brennan auf unserem Weg an, „hattest du schon Gelegenheit, dir die Spielaufnahmen anzusehen, die ich dir geschickt habe? Hast du schon erste Gedanken zu Rivera?“
Ich hatte den Vorstellungsgesprächen bereits entnommen, dass dieser Mann keine Zeit mit Small Talk verschwendete. Er kam direkt zur Sache und damit kam ich gut aus. Zum Glück hatte ich die Clips stundenlang durchanalysiert.
Adan Rivera war ein zwanzigjähriger Student im dritten Studienjahr und hochtalentierter linker Flügelstürmer. Mich hatte man eingestellt, um ihm zu helfen, den Absprung in den Profisport zu schaffen. Die Videoaufnahmen ließen darauf schließen, dass er tatsächlich die Chance dazu hatte. Ich hatte sie mir immer wieder angesehen und Schlüsselszenen wiederholt, bis ich Adan Riveras Bewegungen voraussagen konnte. „Sein Instinkt in der Angriffszone ist klasse, aber mir ist aufgefallen, dass er manchmal ungünstig positioniert ist, wenn es plötzlich ans Verteidigen geht. Wir könnten daran arbeiten, dass er aufmerksamer agiert, wenn er gerade nicht den Puck hat.“
„Genau das habe ich mir auch gedacht. Das ist die Art Detail, die den richtigen Scouts ins Auge fallen wird.“ Coach Brennan hielt vor einer Tür inne, die mit Head Coach beschriftet war. „Aber sei gewarnt: Adan weiß, dass du eigens für ihn hier bist und er ist nicht gerade begeistert.“
Mir zog sich der Magen zusammen. „Hat er etwas gegen Einzeltraining?“
„Der Junge war von Anfang an der beste Spieler in jedem Team, in dem er bislang gespielt hat. Hat noch nie Nachhilfe gebraucht. Er sieht es als Anzeichen dafür, dass wir ihn nicht für gut genug halten.“
„Dabei wollen wir genau das Gegenteil aussagen“, ergänzte eine Stimme im Raum vor uns. Coach Brennan öffnete die Tür und dahinter kam ein Mann zum Vorschein, den ich auch von den Zoom-Gesprächen erkannte: Kevin O'Brien, der Assistenztrainer. Er war Anfang vierzig, durchtrainiert, hatte eine Glatze und ich hatte ihn bislang noch nie lächeln sehen. „Schön, dich persönlich kennenzulernen.“
Sein Handschlag war genauso stark und professionell wie Coach Brennans.
„Ebenso. Ich freue mich darauf, mit Ihnen zusammenzuarbeiten“, erwiderte ich.
Kevin setzte sich wieder und Coach Brennan bedeutete mir mit einer Geste, auch Platz zu nehmen.
„Mike hat recht, Adan nimmt das Ganze persönlich. Er findet nicht, dass es bei ihm Probleme zu lösen gibt. Hat er wortwörtlich so behauptet“, erklärte mir Kevin.
„Was habt ihr darauf erwidert?“
„Dass wir versuchen, ihn von einem sehr guten Spieler zu einem Ausnahmespieler zu machen. Ich bin unsicher, ob er uns das abgekauft hat.“
Coach Brennan seufzte. „Er ist mit großem Abstand unser Torschützenkönig. Der Junge hat das Potenzial, es in die NHL zu schaffen. Das steht außer Frage und die Scouts sehen das genauso. Er hat das Zeug dazu, aber auf dem Niveau entscheiden auch taktische Kenntnisse. Darum hatte er auch noch keinen Erfolg über den Draft in die NHL zu kommen. Sein Talent ist noch zu roh.“
Ich nickte bedacht. „Mit Fähigkeiten ohne taktische Disziplin kommt man als Spieler auf professioneller Ebene einfach nicht weit.“
„Er entwickelt sich gerade nicht weiter“, erläuterte Coach Brennan. „Körperlich hat er alles. Schnelligkeit, Stärke, einen guten Instinkt. Mental ist er selbstbewusst. Vielleicht zu selbstbewusst. Auf diesem Niveau glänzt er, aber wenn er es in die Profi-Ligas schaffen will, muss er seine Fähigkeiten schärfen. Und ihm bleiben noch zwei Saisons, um das umzusetzen, denn sobald er seinen Abschluss macht, ist es aus.“
Kevin nickte. „In den Ecken könnte er sich besser positionieren. Wenn er nicht den Puck hat, fehlt ihm ein gutes defensives Bewusstsein. Und seine Schusstaktik … Manchmal versucht er, mit einem Torschuss den Helden zu spielen, wenn ein Pass der bessere Spielzug wäre. Er muss das große Ganze sehen und clever taktieren.“
Das deckte sich mit dem Eindruck, den ich aus den Videoaufnahmen gewonnen hatte. „Aber sieht er es denn nicht genauso?“
Coach Brennan kratzte sich am Kinn. „Nein, er wehrt sich. Einzeltraining ist für ihn Neuland.“
„Er wird dich auf die Probe stellen“, warnte Kevin. „Testen, ob du weißt, wovon du da redest.“
Eine Herausforderung also. Davon hatte ich bereits viele gemeistert, obgleich es sich in meiner Vergangenheit dabei eher in irgendeiner Form um meine Rolle als Vertreter des Königshauses gehandelt hatte. „Danke für Ihre ehrliche Einschätzung. Vielleicht kann ich es ja mit Bestechung versuchen? Kann ich ihn mit schwedischen Köttbullar für mich gewinnen?“
Der Vorschlag entlockte beiden Männern ein beherztes Lachen. Hach ja, der Vorteil der Erziehung im Königshaus: man hat immer eine scherzhafte Bemerkung parat, um angespannte Situationen zu entschärfen.
Ich wurde wieder ernst. „Und das restliche Team ist einverstanden damit, dass ich ihn einzeln coache? So wie ich das verstehe, gibt es in der amerikanischen Hockeywelt manchmal Bedenken, was Bevorzugung angeht.“
Coach Brennan winkte ab. „Die anderen Spieler wissen, dass Adan etwas Besonderes ist. Die sind alle stolz auf ihn und würden ihm den Erfolg gönnen. Wenn wir ihn in die NHL bekommen, ist das gut für das Image des ganzen Sportprogramms. Es ist zehn Jahre her, dass zum letzten Mal einer unserer Spieler zu den Profis gewechselt ist und Adan wäre der fünfte, der es schafft. Damit hätten wir uns für die nächsten Jahre genug Einschreibungen gesichert.“
„Außerdem“, fügte Kevin an, „wirst du außerhalb der regulären Trainingszeiten des Teams mit ihm arbeiten. Extrastunden, fokussiertes Training. Das wird dem Teamtraining nicht im Weg stehen.“
Ich freute mich schon darauf. Von dem, was ich von Adan Rivera gesehen hatte, war er ein phänomenaler Spieler, und es war ein Traum, mit ihm zusammenarbeiten zu können.
Coach Brennan stand auf. „Das Teamtraining geht in einer Stunde los. Dann stellen wir dich dem Team vor, aber insbesondere Adan.“
Mein Herz schlug wieder schneller. „Ausgezeichnet. Ich freue mich schon darauf, ihn kennenzulernen.“
Kevin stand auf und richtete seine Jacke. „Adan wird vermutlich Fragen zu deinem Lebenslauf haben, deiner Trainingsphilosophie, vielleicht sogar zu deiner Erfahrung als Spieler.“
„Mit seinen Fragen komme ich schon klar.“
Um den Aspekt machte ich mir keine Sorgen. An der Rideau University in Ottawa hatte ich zwei Jahre in Folge in der Startgruppe gespielt, die immer als erstes aufs Eis geschickt wurde – eine Position, die für die besten Spieler reserviert war und die ich mir verdammt hart erarbeitet hatte. Meine Rolle als Mitglied des Königshauses wollte ich dagegen unbedingt geheim halten. Wenn das ans Licht kam, würde es meine ganze Erfahrung hier ruinieren.
So fantastisch meine vier Jahre am Rideau auch gewesen waren, hatten dort doch alle über meine wahre Identität Bescheid gewusst und meine Mannschaftskameraden hatten mich liebend gern damit aufgezogen. Zum Glück war das Rideau Personal bereit dazu gewesen, diesen Aspekt meiner Identität geheim zu halten, als Millard bei ihnen um eine Referenz gebeten hatte.
Coach Brennan ging auf die Tür zu. „Kevin, zeigst du Nils die Arena, während ich hier meinen Bürokram fertigmache?“
„Ja, kein Problem.“ Kevin bedeutete mir, ihm zu folgen. „Komm, ich führe dich durch unser Reich.“
Als wir Coach Brennans Büro verlassen hatten, warf Kevin mir einen Blick zu. „Schweden, hm? Das muss ganz anders sein als Buffalo?“
Mir schnürte sich die Kehle zu. Vor dieser Art Frage graute es mir. „Ich will die amerikanische Hockey-Kultur erleben. Die soll wohl ganz anders sein als das, was ich so gewohnt bin. Und auch nicht so wie Hockey in Kanada.“
Kevin lachte auf. „Für die Kanadier ist Hockey ihr Ein und Alles. In manchen Familien lernen die Kinder den Sport, bevor sie ihren eigenen Namen schreiben können.“
„Das entspricht definitiv meiner Erfahrung dort.“
„Die Rideau Ravens haben sich letzte Saison gut geschlagen.“
Stolz erfüllte mich. Es war bereits fünf Jahre her, dass ich gegangen war, aber ein Teil meines Herzens würde immer dort bleiben, und ich behielt im Auge, wie sich das Team so schlug. „Ich weiß. Und Meriah Callahan hat in die Profiliga gewechselt. Hochverdient.“
„Das wünschen wir uns auch für Adan. Er soll die Chance dazu bekommen. Bislang war er noch nicht für den Wechsel bereit, aber innerhalb der restlichen zwei Saisons bekommen wir ihn schon noch so weit, dass er vor seinem Abschluss ein Angebot bekommt.“
„Ich gebe mein Bestes, um ihn darauf vorzubereiten.“
Wir gingen weiter und Kevin öffnete eine Doppeltür mit Aufschrift „Zutritt zur Eishalle“. Wir betraten den Hauptraum der Arena und ich musste einen Moment stehen bleiben, um alles auf mich wirken zu lassen. Die Eisfläche hatte die standardmäßige Größe und war von Tribünen umgeben, auf denen vermutlich um die viertausend Zuschauer Platz hatten. Das Eis war makellos und mit frischen Linien markiert, das Mavericks Logo in der Mitte. Über uns hingen Banner von den Tribünen: Meisterschaftstitel, Wettbewerbsteilnahmen, ehemalige Spieler.
„Beeindruckende Halle“, kommentierte ich, während ich mich umsah. Das Eis sah perfekt für das Training vorbereitet aus.
„Sie ist nicht unbedingt die größte, aber sie gehört uns“, antwortete Kevin voller Stolz. „Wir hatten hier schon einige gute Jahre. Einige gute Spieler auch.“ Er zeigte auf einen der Banner, auf dem ein ehemaliger Spieler abgebildet war. „Das war Jake Morrison, Abschlussjahrgang 2015. Er hält noch immer den Rekord für die meisten Tore in einer Saison, aber Adan ist letztes Jahr nah drangekommen.“
Ich betrachtete die Banner und fragte mich, ob Adans Bild irgendwann wohl auch dort hängen würde. Die Videoaufnahmen, die ich mir angesehen hatte, ließen darauf schließen, dass er definitiv das nötige Talent dazu hatte.
„Das Team ist stolz auf unsere Geschichte“, fuhr Kevin fort, während er mich um die Eisfläche führte. „Die Jungs wissen, dass sie Teil von einem großen Ganzen sind. Die meisten von ihnen zumindest.“
„Und Adan?“
Kevins Miene verfinsterte sich ein klein wenig. „Adan hat Respekt für das Sportprogramm, aber er ist auf seine eigene Zukunft fokussiert. Ich kann es ihm nicht verübeln, schließlich hat er eine echte Chance, in die NHL zu kommen. Aber manchmal vergisst er, dass er noch nicht ausgelernt hat.“
Ich gab einen zustimmenden Laut von mir.
Kevin warf einen Blick auf seine Uhr. „Die Spieler werden ungefähr in einer Viertelstunde eintrudeln. Die meisten kommen recht früh, um sich in Ruhe umzuziehen. Adan ist meistens einer der Ersten.“
Das war ein gutes Zeichen. Er war wohl ehrgeizig. „Wie nähere ich mich ihm am besten an?“
Kevin blieb stehen und wandte sich mir zu. „Ehrlich gesagt? Sei einfach du selbst. Versuch nicht, ihn mit deinen Erfolgen zu beeindrucken. Das durchschaut er sofort. Zeig ihm, dass du dich auskennst, und verdiene dir seinen Respekt nach und nach.“
„Und wenn er sich skeptisch gibt?“
„Das wird er auf jeden Fall“, antwortete Kevin mit leichtem Lächeln. „Beantworte einfach seine Fragen, aber lass dich nicht unterkriegen. Der Junge hat ein gutes Herz, aber ihm muss klar sein, dass du dich nicht von ihm einschüchtern lässt.“
Hinter der Hallentür waren Stimmen am Gang zu hören und die ersten Spieler kamen an.
„Bist du bereit?“, fragte Kevin mich.
Ich drückte die Schultern durch und nahm die Haltung ein, die man mir von klein auf beigebracht hatte. „Denke schon.“
Doch auf dem Weg zurück Richtung Lobby raste mein Herz unangebracht schnell. Vor drei Tagen hatte ich noch Small Talk mit Staatsoberhäuptern und Vertretern anderer Königshäuser geführt. In wenigen Minuten würde ich Adan Rivera begegnen. Zeit zu sehen, welche Situation mehr diplomatisches Fingerspitzengefühl erforderte.
Kapitel 2
Adan
Routiniert schnürte ich mir die Schlittschuhe zu, wie ich es mir bereits mit acht Jahren angewöhnt hatte: links zuerst, in der Mitte schön fest anziehen, dann rechts. In der Umkleide zogen sich zwanzig Kerle fürs Training um und entsprechend herrschte die übliche Geräuschkulisse: Ausrüstung fiel zu Boden, Schlittschuhe kratzten an den Gummimatten und es wurde endlos geplaudert.
„Yo, Rivera!“, rief Tank drei Schließfächer weiter. Eigentlich hieß er Cole Monihan, aber alle nannten ihn Tank und der Spitzname stand auch auf seinem Trikot. „Bereit, deinen neuen Babysitter kennenzulernen?“
Ich warf ihm einen scharfen Blick zu, der das Eis in der Halle hätte schmelzen können. „Arschloch. Er ist kein Babysitter. Er ist irgendein Trainer für spezielle Fähigkeiten oder so.“
„Ach, ist doch dasselbe“, warf Danny Martinez, unser rechter Flügelstürmer, ein. „Trainer stellen doch nur wen ein, um zu helfen, wenn es auch ein Problem zu beheben gibt.“
„Bei mir gibt es keine Probleme.“ Ich hatte es nicht so harsch sagen wollen, aber was soll's. Die Jungs kannten mich gut genug, um zu erkennen, wenn ich angepisst war. „Ich habe im Team die meisten Tore und Vorlagen. Was genau soll da bitte das Problem sein?“
Tank hielt die Hände hoch, als gäbe er sich geschlagen. „Chill mal, Junge. Wir ziehen dich bloß auf. Du weißt doch, dass wir auf deiner Seite stehen.“
Das wusste ich wirklich. Tank war bereits seit dem ersten Studienjahr mein Zimmergenosse und hatte mich durch alles begleitet: das Heimweh, den Druck, die späten Telefonate mit meinen Eltern über ihre Geldsorgen. Auf ihn war Verlass und er war die Art Verteidiger, die sich einfach vor einen Schlagschuss warf, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Das Ganze ist Bullshit“, grummelte ich und zog mir grob mein Trikot über den Kopf. „Ich spiele Hockey, seit ich laufen kann. Hab noch nie Einzeltraining gebraucht.“
Und das war die Wahrheit. Ich war bislang auf jedem Niveau einer der Besten gewesen: Kinderliga, Junior-Hockey-Liga, College-Hockey. Ich hatte mir dieses Stipendium verdient, hatte mir meine Stellung als Schützenkönig des Teams verdient. Warum meinten sie jetzt also, irgendeinen Europäer anschleppen zu müssen, damit er mir zeigt, wie man Hockey spielt?
Das war einfach nur eine Beleidigung. Als ob sie mir sagen wollten, dass meine bisherigen Erfolge nichts wert waren. Als wäre ich rohes Talent und verstünde den Sport nicht.
„Vielleicht ist es auf unserem Niveau ja anders“, argumentierte Marcus Webb, unser Kapitän. „Jetzt schauen die NHL-Scouts zu. Da stehst du anders unter Druck.“
„Mit Belastung komme ich gut klar.“
Damit musste ich bereits mein ganzes Leben umgehen. Es belastete mich, die Hoffnung meiner Familie zu sein, der Junge, der es aus dem Viertel schaffen und etwas Besseres aus seinem Leben machen sollte. Beweisen zu müssen, dass sich jeder Cent, den meine Eltern in Ausrüstung, Halleneintritt und Vereinsbeiträge gesteckt hatten, auszahlt. Und jetzt auch noch zu wissen, dass mir nur noch zwei Saisons blieben, um das hinzubekommen, um zu zeigen, dass ich das Zeug zum NHL-Spieler hatte.
Doch all der Druck hatte mich gestärkt, hatte mich angespornt. Und ich hatte bislang sicherlich kein Einzeltraining gebraucht.
Als meinen Eltern bewusst wurde, dass ich Talent hatte, hatten sie alles gegeben, um mir meine Hockeystunden zu ermöglichen. Dad hatte zahllose Doppelschichten in der Fabrik geschoben und Mom hatte zusätzlich zu ihrem Job als Kellnerin als Reinigungskraft gearbeitet. Die beiden hatten sich nie beschwert, hatten mir nie ein schlechtes Gewissen gemacht, aber ich wusste, wie viel es sie jedes Mal kostete, wenn ich neue Schlittschuhe brauchte, wenn ein Turnier in einem anderen Bundesstaat stattfand.
Das Vollstipendium am Millard hatte beweisen sollen, dass sich ihre Investition gelohnt hatte. Dass ihr Sohn gut genug war, es alleine zu etwas zu bringen. Was bezweckten Coach Brennan und Coach O'Brien also damit, mir externe Hilfe zu holen? Damit verunsicherten sie mich nur.
„Das wissen wir doch, Bro.“ Tank war mittlerweile bis auf seinen Helm komplett angekleidet und stand auf. „Aber hey, vielleicht bringt dir der Typ ja ein paar coole europäische Moves bei. Du könntest zu deinem Können noch ein wenig Style gebrauchen.“
Ich zeigte ihm den Mittelfinger und er grinste nur noch mehr. So war Tank eben – man konnte ihm nicht lange böse sein, selbst wenn er sich idiotisch verhielt.
Mein Handy vibrierte und es war eine Nachricht von Mom.
Mom
¿Cómo va todo, mijo? Dein Vater richtet aus, du sollst genug essen.
Ich
Alles gut, Ma. Sag Dad, ich hungere nicht.
Sie kochte wahrscheinlich gerade zu Abend. Gott, wie ich ihr Essen vermisste, vor allem ihre Empanadas. Sie waren mein absolutes Lieblingsessen, auch wenn ich eigentlich alles liebte, was sie kochte. Größtenteils hatte sie die Familienrezepte von meiner abuela. Sie konnte richtig gut kochen und machte alles selber.
Wie immer trafen mich Schuldgefühle – nicht, weil ich nicht gut genug war, sondern weil sie alle abwarten mussten, ob sich ihr Opfer gelohnt hatte, und das Warten dauerte mit jedem Tag am College länger.
Aber ich würde mein Ziel erreichen. Das wusste ich genau. Und dafür brauchte ich verdammt noch mal keinen unnötigen Sondercoach.
„Alles gut?“, fragte Tank, dem meine finstere Miene nicht entgangen war.
„Ja, ist nur meine Mom.“
„Grüße sie von mir. Und sag ihr, ich kümmere mich darum, dass du nicht in Schwierigkeiten gerätst.“
„Du hast doch dafür gesorgt, dass man uns letzten Monat aus der Bar geschmissen hat.“
„Ach, das ist doch nebensächlich.“ Tank schnappte sich Helm und Hockeyschläger. „Komm schon, Rivera. Zeit, dass du deinen neuen Lover kennenlernst.“
Ich schubste ihn so hart, dass er stolperte. „Klappe.“
Am Gang war es deutlich kühler als in der Umkleide und ich hörte bereits die vertrauten Geräusche der Eishalle: brummende Eismaschinen und Stimmengewirr. Dieser Ort war mein Zufluchtsort und das schon seit meinem ersten Tag am Campus. Alles andere am College war kompliziert, aber Eishockey war für mich selbstverständlich. Der Sport war mein Zuhause.
Wir betraten die Eishalle durch die Doppeltür und ich scannte sofort die Tribünen ab. Dort stand Coach Brennan und unterhielt sich mit einem Typen, den ich nicht erkannte. Blond, gekleidet in dunkle Jeans und einem Hemd, das gar nicht hierher passte. Viel zu formell. Musste wohl der neue Trainer sein.
„Ist er das?“, fragte Tank, der meinem Blick gefolgt war.
„Ja, wahrscheinlich schon.“ Ich musterte den Kerl genauer. Er war ein paar Zentimeter größer als ich mit meinen 1,78m, aber er sah nicht so aus, als hätte er je in seinem Leben mal Hockey gespielt. Dafür war er mit seinem ordentlichen, schicken Style zu hübsch und vornehm … und der sollte mir etwas beibringen? Ja, klar.
„Sieht ganz schön schick aus der Typ“, bemerkte Tank.
„Ach nee.“ Ich schnappte mir meinen Helm und ging auf die Eisfläche zu. „Los gehts.“
Das Eis unter meinen Schlittschuhen fühlte sich perfekt an und ich spürte eine vertraute, kontrollierte Kraft in mir, ein Gefühl, das ich jedes Mal wieder aufs Neue genoss. Ein paar der Jungs wärmten sich bereits mit trägen Schüssen ins unbewachte Tor auf. Ich schloss mich ihnen an und mein Körper sank in den üblichen Rhythmus: laufen, Stock führen, schießen.
Hier war ich in meinem Element. Hierfür war ich bestimmt.
„Rivera!“, brüllte Coach Brennan über die Eisfläche hinweg. „Komm mal her. Ich will dich deinem neuen Trainer vorstellen.“
Ich glitt zu der Bande hinüber, an der Coach Brennan mit dem blonden Kerl stand. Verdammt war der jung. Er sah kaum älter aus als ich, vielleicht nur ein paar Jahre? Wie zur Hölle sollte der mir bitte was beibringen?
„Adan Rivera, das ist Nils Anders. Coach Anders kommt aus Schweden und wird mit dir an deinen individuellen Fähigkeiten arbeiten.“
Coach Anders reichte mir mit einem höflichen Lächeln die Hand. „Schön, dich kennenzulernen, Adan. Wir können gern Du sagen. Ich habe Clips von deiner Spielleistung gesehen. Du hast Talent.“
Er hatte einen leichten, aber hörbaren Akzent und einen festen Handschlag. Ich musterte ihn, ohne meine Skepsis zu verbergen. „Du bist also der Typ, der meine Probleme beheben soll?“
„Ich habe nicht vor, irgendetwas zu beheben.“ Coach Anders lächelte mich an. „Das suggeriert, dass etwas mit dir nicht stimmt. Mein Ziel ist es, an Feinheiten zu arbeiten, dir zu helfen, deine Fähigkeiten auszubauen und dein Potenzial vollkommen auszuschöpfen. Das ist etwas anderes.“
„Ach ja?“ Ich verschränkte die Arme und mir war wohl bewusst, dass ein paar meiner Mannschaftskameraden uns vom Eis aus beobachteten. Zumindest waren er und ich dank meiner Schlittschuhe auf Augenhöhe. „Für mich sieht es eher so aus, als meinten die Trainer, ich bräuchte Hilfe.“
„Deine Trainer meinen, du hast NHL-Potenzial“, erwiderte Coach Anders, sein Tonfall trotz meiner Provokation ruhig. „Sie wollen sicher gehen, dass du das voll ausschöpfst.“
„Und du meinst, damit kannst du helfen?“
„Ich meine, dass wir gemeinsam ausarbeiten können, wo bei dir noch Luft nach oben ist, ja.“
Luft nach oben. Als wäre ich irgendein Projekt und nicht der Torschütze des Teams. „Auf Basis welcher Qualifikationen willst du mich trainieren? Hast du je in einer Profiliga gespielt?“
Etwas flackerte in Coach Anders' Augen auf, so blitzartig, dass ich es nicht analysieren konnte. „Ich habe im College als Center gespielt. An der Rideau University in Ottawa.“
„Du hast für die Rideau Ravens gespielt?“ Damit hatte er meine Aufmerksamkeit. Rideau hatte ein angesehenes Sportprogramm, aus dem schon mehrere Spieler in die NHL gekommen waren.
„Ich war über zwei Saisons hinweg Center in der Startgruppe.“
Okay, das war tatsächlich beeindruckend, aber so einfach war bei mir nicht aus dem Schneider. „Und jetzt trainierst du Spieler am College in den USA, anstatt selbst professionell zu spielen. Warum?“
„Adan“, warf Coach Brennan in mahnendem Tonfall ein.
Doch Coach Anders hielt die Hand hoch. „Die Frage ist berechtigt.“ Er begegnete meinem Blick mit seinen blaugrünen Augen. „Mitten in meiner letzten Saison habe ich mir einen Kreuzbandriss zugezogen. Damit war meine College-Karriere leider plötzlich vorbei, aber mein Ziel war eh nie gewesen, es in die NHL zu schaffen. Mir haben die taktischen Aspekte am Hockey genauso viel Spaß gemacht wie die Spiele und darum habe ich Sportcoaching studiert. Als Trainer kann ich Spielern helfen, ihr Potenzial auszuschöpfen, und bin immer noch in dem Sport involviert, der mir so am Herzen liegt.“
Die Antwort war diplomatisch, aber etwas an seinem Tonfall hinterließ bei mir den Eindruck, dass da noch mehr dahintersteckte. Dennoch war ich noch nicht bereit, nachzulassen. „Was ist denn also dein großer Plan für mich? Irgendein besonders tolles System aus Europa?“
„Zeig mir doch erst mal, was du drauf hast, hm?“, schlug Coach Anders vor. „Dann können wir diskutieren, wie es weitergehen soll.“
Ich sah mich auf der Eisfläche um. Das Team war mittlerweile größtenteils angekommen und sie alle beobachteten unsere kleine Konfrontation. Tank nickte mir unmerklich zu. Er stand mir zur Seite, komme was wolle.
„In Ordnung.” Ich drückte mich von der Bande ab. „Aber wenn ich fertig bin, zeigst du mir, was du selbst draufhast. Abgemacht?“
Coach Anders hob leicht die Augenbrauen. „Du willst mich spielen sehen?“
„Klar! Wenn du mich coachen willst, will ich schon sehen, dass du auch selbst was kannst.“
Coach Brennan sah aus, als wolle er einschreiten, doch Coach Anders nickte. „Das erscheint mir berechtigt.“
Ich schnappte mir einen Puck, lief los und überließ meinem Instinkt die Kontrolle. Bereits mit zwölf hatte ich anderen regelmäßig gezeigt, was ich so konnte, und ich wusste genau, womit man Leute beeindruckte. Geschwindigkeit, Wucht, Präzision. Ich umfuhr unsichtbare Verteidiger, schoss ins leere Netz und stellte meine Schlägerführung zur Schau, mit der ich bereits in der Junior-Hockey-Liga aufgefallen war.
Nach dem letzten Schuss war ich außer Atem, aber zufrieden. Das sollte mir der schicke Europäer mal nachmachen.
„Sehr beeindruckend“, kommentierte Coach Anders und es klang nach einem aufrichtigem Kompliment. „Du kannst exzellent beschleunigen und dein Schuss hatte eine richtige Wucht.“
„Danke.“ Ich wartete auf das Aber. Bei Trainern gab es immer ein Aber.
„Kein Aber“, ergänzte Coach Anders zu meiner Überraschung. „Das war wirklich beeindruckend. Ich bin allerdings neugierig. Wie würde es dir eins gegen eins ergehen, wenn dein Gegner mehr Erfahrung hat?“
Eine subtile, aber doch unverkennbare Herausforderung. Hitze stieg in mir auf. „Ich bin bereit.“
Fünf Minuten später hatte sich Coach Anders umgezogen und bewegte sich sichtlich entspannt in geliehener Ausrüstung über das Eis. Er bewegte sich mit der fließenden Eleganz eines Spielers, der jahrelang auf hohem Niveau im Einsatz gewesen war, nicht wie ein unbeholfener Trainer, der noch nie so gut gespielt hatte wie seine Schützlinge. Okay, er hatte also etwas drauf. Das hieß aber noch lange nicht, dass er mir noch etwas beibringen konnte.
„So“, setzte Coach Anders an und fuhr zur Spielfeldmitte. „Du greifst an, ich verteidige. Mal sehen, was du so zu bieten hast. Aber Adan?“
„Was ist?“
„Nachhilfe im Schlittschuhlaufen kostet bei mir extra.“
Was für ein Mistk…
Ich schnappte mir den Puck und fuhr los, durchströmt von Selbstvertrauen. Das hier war ein Kinderspiel. Ich hatte Geschwindigkeit, Stärke und den Überraschungsmoment auf meiner Seite. Irgendein europäischer Trainer, der bestimmt seit Jahren nicht mehr für ein Hockeyspiel auf dem Eis gestanden hatte? Ich bitte dich.
Ich raste in vollem Tempo auf ihn zu und plante, meine Geschwindigkeit zu nutzen, um an ihm vorbeizurauschen. Doch er durchschaute meine Taktik perfekt, stellte sich mir quer und ehe ich mich versah, glitt mir der Puck vom Schläger und Coach Anders stahl ihn mir gewandt.
„Hm“, kommentierte ich und holte den Puck zurück. „Glück gehabt.”
„Versuch's doch noch mal.“
Dieses Mal näherte ich mich ihm behutsamer und schützte den Puck mit meinem Körper. Coach Anders blieb geduldig, passte sich an meine Bewegungen an und zwang mich dazu, den ersten Schritt zu machen. Als ich versuchte, nach innen zu schneiden, stellte er sich mir entgegen. Als ich mich nach außen abwandte, deckte er auch den Winkel ab. Nach dreißig Sekunden Tauziehen nahm er mir erneut mit einem Stick-Check den Puck ab.
Ich fluchte. „Was zur Hölle?”
„Ein letztes Mal noch?“, schlug Coach Anders vor und schien ein Grinsen zu unterdrücken. Verdammt und das stand ihm sogar zu.
Bei meinem dritten Versuch versuchte ich alles: Geschwindigkeit, Wucht, Täuschung. Ich täuschte links an, wandte mich nach rechts ab und nutzte meine Schulter, um mir Raum zu verschaffen. Coach Anders hielt dem Stoß stand, blieb bei jedem Schritt an mir dran und als ich mich im Versuch, ihn zu umfahren, übernahm, nutzte er die Chance und stahl mir geschickt den Puck.
Bevor ich reagieren konnte, sprintete er wie besessen auf das andere Tor zu. Ich drehte mich um, um ihm zu folgen, doch er befand sich bereits am anderen Ende der Eisfläche und versenkte mit einem gelassenen Handgelenkschuss den Puck oben im Netz. Vorbildliche Präzision, ohne unnötige Anstrengung.
„Ach du Scheiße“, brüllte Tank über die Eisfläche. „Coach Anders hat es Rivera gezeigt!“
Ich begab mich zurück an die Mittellinie und mein Gesicht brannte vor Scham. Drei Versuche, drei makellose Verteidigungszüge, gefolgt von einem scheinbar kinderleichten Tor. „Noch mal“, schnauzte ich.
Endlich schaffte ich es, Coach Anders zu überlisten und mich an ihm vorbeizuschlängeln, um ein Tor zu schießen – was ohne Torhüter nicht viel hieß. Aber es war mir keineswegs leicht gefallen und ich hatte dafür gute zwanzig Sekunden gebraucht. In einem echten Spiel hätte ich dafür keine Zeit.
„Noch mal.“
Coach Anders brachte sich wortlos wieder in Position. Ich schoss erneut ein Tor, aber bei den zwei darauffolgenden Versuchen schaffte er es an mir vorbei und schlussendlich gewann er unseren Wettstreit mit deutlichem Abstand. Verdammt!
„War's das?“, rief Coach Brennan mir zu und der Arsch versuchte nicht mal, seinen amüsierten Tonfall zu verbergen. Er musste gerade zum ersten Mal gesehen haben, dass mich jemand auf dem Eis schlug.
„Ja ja.“
Coach Anders kam wieder auf mich zu. Ich schwieg. Was sollte ich auch sagen? Dass ich mich komplett von einem Typen hatte überlisten lassen, den ich für leichte Beute gehalten hatte?
„Lief anders, als du's erwartet hast?“, fragte Coach Anders und ich musste ihm lassen, dass ich ihm zumindest keine Schadenfreude anhörte.
„Ja. Anders.“ Ich musterte ihn jetzt genauer und mir fiel einiges auf, das mir zuvor entgangen war. Wie er seinen Schläger hielt, wie er seine Füße positionierte und dass er eine ruhige Selbstsicherheit ausstrahlte, vermutlich, weil er auf einem Niveau gespielt hatte, welches ich erst noch zu erreichen versuchte. „Du weißt ja echt, wovon du sprichst.“
„Das hoffe ich schon, ja. Wäre sonst auch ein bisschen peinlich in Anbetracht meines Jobs.“
Ich lachte auf. „Nicht alle Coach können auch spielen.“
„Das ist mir bewusst. Ich aber schon.“
Ich verschränkte die Arme. „Was hast du vor, mir beizubringen?“
„Wie du machen kannst, was du bereits tust, aber besser und cleverer. Du hast richtig was drauf, Adan. Aber deine Fähigkeiten alleine bringen dich nicht aufs nächste Niveau. Du musst ein Verständnis dafür entwickeln, wann und wie du sie am besten einsetzt.“
Am Rand der Eisfläche lachte Tank auf. „Der Kerl bringt dich noch zum Denken, Rivera!“
„Klappe!“, rief ich zurück, doch meinem Tonfall fehlte jegliche Schärfe. Ich wandte mich wieder Coach Anders zu, der mittlerweile seinen Helm abgenommen hatte. Seine Frisur war zerzaust und er sah jetzt menschlicher aus, weniger makellos. „Du bist nicht so, wie ich es erwartet habe.“
„Was hast du denn erwartet?“
„Ich weiß nicht. Irgendeinen alten Kerl mit Pfeife und Klemmbrett.“
Als Coach Anders lächelte, verwandelte sich sein ganzes Gesicht. „Ein Klemmbrett habe ich schon und wenn es dir lieber ist, kann ich auch gern eine Pfeife mitbringen.“
Ich musste lachen. „Klasse. Genau, was ich brauche.“
„Unser erstes Training steht Mittwoch um sieben Uhr an“, erklärte er. „Ist das zu früh?“
„Nee, das passt.“
„Gut. Ich dachte mir, wie können erst mal mit jedem zweiten Tag anfangen. Montag, Mittwoch und Freitag. Dann hast du Zeit, in dem regulären Trainingsstunden umzusetzen, woran wir gerade arbeiten.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Jeden zweiten Tag ist in Ordnung.“
„Klasse. Wir können das später noch je nach Bedarf anpassen. Wir fangen erst mal mit Basics zur Stellung an und sehen dann weiter.“
Ich sah Coach Anders hinterher, als er ging. Etwas an seinen selbstbewussten, aber nicht arroganten Bewegungen hinterließ bei mir den Eindruck, dass hinter ihm noch mehr steckte als die höfliche Fassade, die er mir gezeigt hatte. Und er war attraktiv. Sehr skandinavisch, groß und blond wie Alexander Skårsgard, grünblaue Augen. Auch wenn das keine Rolle spielte, schließlich stand ich nicht auf Männer. Aber man konnte ja wohl auch als Mann mal andere Kerle bewundern, ohne dass das gleich etwas heißen musste.
„Und?“ Tank gesellte sich auf dem Eis zu mir. „Fazit?“
„Ganz so schlimm ist er nicht.“
„O wow, das ist bei dir großes Lob.“
„Halt die Klappe.“
Die Sache war die: Ich hatte damit gerechnet, das mit dem Einzeltraining zu hassen. Ich war bereit gewesen zu beweisen, dass ich es nicht nötig hatte, mir von irgendeinem ach so tollen Trainer erklären zu lassen, wie man Eishockey spielte. Schließlich war ich bereits gut und der beste Spieler im Team. Mein Gott, ich war seit Jahren der beste Spieler dieses Eishockeyprogramms. Ich brauchte keine Hilfe.
Als man mich nicht für den Draft, das Auswahlverfahren der NHL, ausgewählt hatte, war ich enttäuscht gewesen, aber das hatte Sinn ergeben. Meine Highschool hatten die meistens Scouts sicher nicht auf dem Schirm gehabt, also hatte ich mir erhofft, dass mein Studium am Millard helfen würde. Das hatte nicht geklappt. Die Scouts waren gekommen und hatten mich spielen sehen, aber noch hatte sich keiner für mich entschieden. Sie hielten mein Talent noch für zu roh. Meinten, ich müsse mich noch weiterentwickeln.
Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich genau das tat. Aber was, wenn ich tatsächlich noch nicht alles wusste? Was, wenn mich die Scouts nicht aus einem Mangel an Talent abgewiesen hatten, sondern weil es mir an etwas ganz anderem fehlte? Mich beschlich ein beklemmendes Gefühl in der Brust.
„Alles in Ordnung, Mann?“, fragte Tank beim Anblick meiner Miene. „Du siehst aus, als ob du gerade etwas ausheckst.“
„Denke bloß nach“, erwiderte ich.
„Über was?“
Ich warf einen Blick auf den Tunnel, in dem Coach Anders verschwunden war. „Über Mittwochfrüh.“
„Du hast vor, mit dem Typen zusammenzuarbeiten?“
„Ich schau mir mal an, was er so zu bieten hat. Wenn er mir etwas beibringen kann, das mich in die NHL bringt, dann arbeite ich definitiv mit ihm!“
„Und wenn er das nicht kann?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Dann werde ich beweisen, dass ich recht hatte.“
Coach Anders mochte etwas drauf haben, aber das hieß noch lange nicht, dass er besser war als ich und mir etwas beibringen konnte. Nein, was ich von Nils Anders hielt, stand noch aus.