Kapitel 1
Greg
Es war durchaus ironisch, dass ich vorhatte, ein Jahr lang mein wahres Ich zu entdecken, und mich gerade in einem der unauthentischsten Räume in ganz England befand, um diesen Plan zu besprechen. Überall im privaten Speisesaal von Uncle Henry im Buckingham Palace hingen Ölgemälde längst verstorbener Monarchen, die mich wahrscheinlich für meine bloßen Gedanken gerade zum Tode verurteilt hätten, und der gesamte Raum repräsentierte Jahrhunderte an Glanz und Gloria.
„Gregory“, sagte Uncle Henry, ohne sich die Mühe zu machen, von seinem perfekt weich gekochten Ei aufzusehen, „du bist dir hoffentlich bewusst, dass dieses … Experiment eine ernstzunehmende Angelegenheit ist.“
Beinahe verschluckte ich mich an meinem Toast. Experiment. Als wäre mein Bedürfnis nach einer normalen Studiumserfahrung eine Art wissenschaftliches Unterfangen und nicht der verzweifelte Versuch, herauszufinden, was es jenseits all der Adelstitel und Erwartungen noch für ein Leben gab.
„Natürlich, Eure Hoheit“, antwortete ich formell, um eine Distanz zwischen uns zu schaffen, mit der ich mich wohler fühlte. Ich mochte meinen Onkel, aber mir war auch stets bewusst, wer er war und wofür er stand. „Ich bin sehr dankbar für die Chance.“
Bei den Worten sah er endlich zu mir auf und musterte mich mit seinen hellblauen Augen – so ähnlich zu denen meines Vaters, wohingegen ich die grünen Augen meiner Mutter geerbt hatte –, als wollte er ein besonders kniffliges Rätsel lösen. „Ein Jahr, Gregory. Ein Jahr, damit du dir den Unsinn aus dem Kopf schlägst. Dann kommst du zurück, nimmst deine Pflichten richtig wahr und wir besprechen deine Zukunft, unter anderem geeignete Ehekandidatinnen.“
Natürlich, das Thema Ehe. Mit einer reizenden jungen Dame aus angesehener Familie, die Erben gebären und ab und an in einer Tiara glänzen würde. Bei dem Gedanken verkrampfte sich mein Magen und das ganz unabhängig von dem Räucherfisch auf meinem Teller, den ich im Übrigen nicht ausstehen konnte.
„Selbstverständlich, Eure Hoheit.“
„Und Gregory?“ Er tupfte sich den Mund mit einer Serviette ab, die wahrscheinlich mehr kostete, als die meisten Leute im Monat verdienten. „Blamiere bloß nicht das Königshaus. Mir ist bewusst, dass es an amerikanischen Universitäten auch mal etwas weniger strikt zugehen kann, aber du gehörst noch immer zur Königsfamilie.“
Es wurde immer ironischer. Wenn Uncle Henry bloß wüsste, dass mein größtes Bedenken nicht war, das Königshaus durch typische Studentenskandale zu blamieren, sondern eher durch die weltbewegende Erkenntnis, dass ich mich unendlich mehr zu Männern hingezogen fühlte als zu Frauen. In den Schlagzeilen ginge es nicht um wilde Partys oder akademisches Scheitern. Es ginge darum, dass der Duke of York skandalöserweise die Gesellschaft von Männern bevorzugte.
„Es wird keine Nachlässigkeit geben, Eure Hoheit.“
Er nickte knapp, widmete sich wieder seinem Frühstück und beendete somit effektiv unser Gespräch. Ich aß eiliger auf, als streng genommen vornehm wäre, und entschuldigte mich dann, um mich auf meinen Videocall am Nachmittag vorzubereiten.
Der Spaziergang zurück zu meiner Wohnung hätte sich erfrischend anfühlen sollen, obwohl ich natürlich wie immer von einem Bodyguard begleitet wurde. Jetzt wäre meine Chance, nach Uncle Henrys gezielten Anmerkungen zu Verpflichtungen und Ehe den Kopf freizubekommen. Doch stattdessen hallten seine Worte mir im Kopf nach wie eine Totenglocke. Geeignete Ehekandidatinnen.
Mit dem Schlüssel in der Hand blieb ich vor meiner Tür stehen und versuchte, es mir vorzustellen. Irgendeine reizende junge Frau, die hübsch war, vorzugsweise einen Adelstitel hatte und bereits auf allen relevanten Ebenen Erfolge vorzuweisen hatte. Es gäbe ein geschmackvolles Fotoshooting zur Verlobung in den königlichen Gärten. Eine grandiose Hochzeit in der Westminster Abbey. Zweieinhalb Kinder, die pflichtbewusst die Familientradition weiterführen würden, perfekt auszusehen und innerlich leer zu sein.
Mir drehte sich der Magen um und ich musste mich einen Moment am Türrahmen stützen. Mir wurde übel bei der Vorstellung, eine Frau am Altar zu küssen, mir das Bett mit jemandem zu teilen, den ich nie richtig begehren konnte, mein ganzes Leben lang eine Lüge zu leben.
Ein Jahr, rief ich mir in Erinnerung, als ich es endlich schaffte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Ein Jahr, um mir etwas zu überlegen und dann …
Was dann? Nach London zurückkehren und resigniert die Braut annehmen, die Uncle Henry für geeignet hielt? Zugeben, wer ich wirklich war, und zusehen, wie die Monarchie unter dem Skandal zusammenbrach? In irgendeine entfernte Ecke der Welt flüchten und dort ein einsames Leben führen?
Keine dieser Optionen erschien mir sonderlich ansprechend.
Was hätte Mum wohl dazu gesagt? Die geborene Lady Katherine Hastings war selbst immer eine kleine Rebellin gewesen, auch wenn mir das früher nicht bewusst gewesen war. Schließlich war ich erst vierzehn gewesen, als sie starb – zu jung, um in ihr irgendetwas anderes als meine Mum zu sehen. Jetzt sah ich sie aus anderem Blickwinkel. Zwar war sie erst adlig und dann sogar Prinzessin gewesen, aber sie hatte eine wilde Seite gehabt und sich nie komplett den Fesseln der Königsfamilie gefügt.
Sie war an einem Sturz von ihrem Pferd gestorben. Es hatte sich vor einem Hasen erschrocken, unerwartet gebockt und sie abgeworfen. Sie hatte sich den Kopf an einem Baumstamm angeschlagen und war sofort tot gewesen. Mein Vater hatte seitdem nicht erneut geheiratet, auch wenn ich mir nicht sicher war, warum. Ich hatte nie den Eindruck gehabt, dass er allzu sehr verliebt in meine Mutter war.
Sobald ich meine Wohnung betrat, vibrierte mein Handy. Es war ein Anruf im Gruppenchat Prinzpakt Updates. Floris hatte auf den Namen bestanden, als wir vier begonnen hatten, unsere Flucht an amerikanische Universitäten zu planen.
„Eddie!“, rief Floris. Seine Stimme füllte das Wohnzimmer, während sein grinsendes Gesicht auf dem Bildschirm aufploppte, dicht gefolgt von Tores ernsterer Miene und Nils’ gemäßigtem skandinavischem Charme. „Wie lief es beim Frühstück mit deinem Onkel?“
Ich grinste, als er mich bei meinem selbstgewählten Decknamen nannte, Eddie York. Der Vorname spielte auf meinen zweiten Namen Edward an und der Nachname darauf, dass ich früher oder später einmal der Duke of York sein würde. Am liebsten erst viel, viel später.
„Ungefähr so gut wie erwartet“, antwortete ich und machte es mir in meinem Lieblingssessel bequem. Er war ein wenig schäbig, aber meine Großmutter hatte ihn geliebt. Das Inneneinrichtungsteam des Palasts wollte ihn nach ihrem Tod aussortieren und ich hatte ihn mir sofort gesichert. An manchen Tagen konnte ich mir einbilden, dass er noch nach dem blumigen Duft meiner Oma roch. Queen Anne war eine starke Monarchin gewesen und hatte 30 Jahre lang das britische Weltreich regiert, aber für mich war sie eine liebevolle Oma gewesen, die sich immer Zeit für mich genommen hatte. Ich vermisste sie noch immer, auch wenn ihr Tod bereits zwei Jahre zurücklag.
Ich seufzte. „Er wollte mich nicht gerade subtil daran erinnern, dass er mir dieses Jahr gestattet hat, damit ich mir den ,Unsinn aus dem Kopf schlage‘, bevor wir uns über geeignete Ehekandidatinnen unterhalten.“
„Uff.“ Tore verzog das Gesicht. „Ehekandidatinnen besprechen. Das klingt nach der Todesstrafe.“
Da hatte er nicht unrecht, auch wenn er selbst diese Folter nicht mehr zu fürchten hatte, und Floris und Nils genauso wenig. Alle drei hatten ihr Happy End gefunden und, zu meiner Verwunderung, alle drei mit Männern. Bei Floris war es keine Überraschung gewesen, da er sich bereits zuvor als schwul geoutet hatte, aber bei Tore und Nils hatte ich gar nicht damit gerechnet.
„Du sagst es. Aber ich werde mich auf mein Jahr Freiheit konzentrieren und mir noch keine Gedanken über die Zeit danach machen.“
Das durfte ich nicht, denn sonst würde ich womöglich den Verstand verlieren.
„Guter Plan“, pflichtete Floris mir bei. „Es hat keinen Sinn, gegen etwas anzukämpfen, das du eh nicht ändern kannst.“
Nils nickte. „Genau. Lasst uns feiern, dass King Henry dich endlich gehen lässt. Ehrlich gesagt hatte ich nämlich schon ein wenig die Hoffnung verloren.“
„Ich bin Tores Cousin so was von etwas schuldig“, sagte ich. „Hätte er den König nicht mit rationalen, überzeugenden Argumenten gebeten, mir dieses Jahr zu gewähren, weiß ich nicht, ob ich je die Erlaubnis bekommen hätte.“
„Er hat das Herz am rechten Fleck“, sagte Tore über seinen Cousin, der vor nicht allzu langer Zeit erst König von Norwegen geworden war. „Ich bin froh, dass er deinen Onkel überzeugen konnte.“
Ich würde immer dankbar für meine Freundschaft mit den dreien sein. Wir kannten uns von klein auf – Nils war allerdings ein paar Jahre älter und in meiner Kindheit im Gegensatz zu uns Mini-Prinzen bereits ein richtiger Junge gewesen – und wurden im Laufe der Jahre beste Freunde. Allein diese drei verstanden wirklich, wie belastend es sein konnte, in ein Leben geboren zu werden, das sich nach einer einzigen ausgeklügelten Performance anfühlte.
„Dass die Cascade Bay University ein angesehenes Programm für den Studiengang Internationale Beziehungen hat, hat definitiv geholfen“, ergänzte ich. „Und die Einigung auf einen Bodyguard.“
Tore sah mich neugierig an. „Ach ja, da wollte ich eh mal nachhaken. Wie wird das funktionieren?“
Ich schluckte. „Er ist Amerikaner, ein Secret Service Agent, der ab und an Aufträge für eine private Firma annimmt. King Henry wollte ursprünglich einen Briten, aber wir haben uns auf einen Amerikaner geeignet, weil zwei Briten in einem Raum potenziell zu viel Aufsehen erregen würden.“
Tore setzte sich auf. „In einem Raum?“
„Nicht so richtig. Es ist ein …“ Mir wurden die Wangen heiß und ich verfluchte wie so oft die bleiche Haut, die mir meine Ahnen vererbt hatten. „Die Uni bezeichnet es als Mini-Apartment. Es hat Wohn-, Schlaf- und Badezimmer.“
„Hast du ihn schon kennengelernt?“, fragte Tore.
Bei dem Gedanken wurde mir flau im Magen. „Ich habe in 20 Minuten ein Security-Briefing auf Zoom, um das Arrangement genau durchzusprechen. Und um ihn kennenzulernen.“
„Ein Bodyguard, der gleichzeitig dein Mitbewohner ist?“ Floris zog die Augenbrauen hoch. „Wie wunderbar intim. Sag jetzt bitte, dass er zumindest attraktiv ist. Wenn dich schon jemand auf Schritt und Tritt verfolgt, dann soll er wenigstens ein Augenschmaus sein.“
„Floris“, protestierte ich und verstummte dann. Wie konnte ich erklären, dass ich schreckliche Angst davor hatte, dass der Bodyguard womöglich tatsächlich gut aussah? Dass ich kaum schlafen konnte, weil ich mich davor fürchtete, dass mein wachsendes, rein gar nicht praktisches Bewusstsein für meine Sexualität womöglich zum Leben erwachen könnte, wenn ich so mit jemandem zusammenlebte?
Floris hielt die Hände in die Luft. „Ich weiß“, sagte er und schien mich nicht mehr aufziehen zu wollen. „Glaub mir, Greg, ich weiß schon.“
Vielleicht tat er das wirklich. Es war ein schwacher Trost, aber es half trotzdem.
„Versprich mir, dass du versuchen wirst, in dem Jahr Freunde zu finden“, forderte Nils in ernstem Tonfall. „Du versteckst dich schon so lange hinter Etikette und Gepflogenheiten, dass ich unsicher bin, ob außer uns noch irgendjemand weiß, wer du abgesehen von all dem Prinzenkram wirklich bist.“
Die Anmerkung traf mich härter, als ich zuzugeben bereit war. „Ich werde versuchen, … authentischer zu sein.“
„Gut so“, erwiderte Floris. „Und denk daran: Amerikaner sind sehr direkt. Da brauchst du deine siebzehn Schichten britischer Höflichkeitsfloskeln nicht. Wenn du jemanden magst, dann sagst du das einfach direkt so.“
Wenn es doch nur so einfach wäre. Ihm fiel das leicht, weil die Niederländer so wunderbar direkt waren. Ich dagegen bekam bei der bloßen Vorstellung Gänsehaut. „Verdammt unwahrscheinlich, aber danke für den Tipp.“
„Nutze die Zeit, um zu experimentieren“, riet Tore mir sanft. „Um so gut es geht du selbst zu sein.“
Das war der Code für Such dir einen Mann, an den du deine Jungfräulichkeit verlieren kannst, aber das mussten wir nicht laut aussprechen, weil wir es alle dachten. „Ja. Okay, also ich sollte mich jetzt mal auf die Besprechung vorbereiten. Drückt mir die Daumen!“
Es folgte ein Chorus an Zuspruch und wir versprachen einander noch, uns bald wieder upzudaten, bevor ich schließlich auflegte und meinen Laptop anstarrte. In fünfzehn Minuten würde ich den Mann kennenlernen, der mir im nächsten Jahr stets zur Seite stehen würde. Der Mann, der in meiner Zeit an der Cascade Bay University sämtliche persönlichen Erkenntnisse und katastrophalen Fehler meinerseits mitbekommen würde.
Klasse. Ich stürzte mich nicht nur ins Ungewisse, um meiner kleinen, aber sturen Hoffnung auf einen Hookup, wie es die Amis so schön nannten, nachzugehen, ich hatte auch noch einen professionellen Beobachter dabei, der mein zwangsläufige Blamage dokumentieren würde. Wirklich fantastisch.
Um Punkt 15 Uhr trat ich der Videokonferenz bei. Mein persönlicher Assistent Marcus Whitmore, ein nahezu zwanghaft effizient organisierter Mann, war bereits online, ebenso Rebecca Hartwell, die Chefin unseres Büros für Sicherheit.
„Eure Hoheit“, grüßte mich Marcus in klarer Aussprache, „wir warten noch darauf, dass Special Agent Puller dazustößt und dann kann die Besprechung beginnen.“
Special Agent Puller. Der Name alleine klang bereits stark, verlässlich und durch und durch amerikanisch. Ich drückte die Schultern durch und machte mich darauf gefasst, meinem Schicksal ins Auge zu sehen.
Der Bildschirm flackerte und plötzlich tauchte ein neues Gesicht im Konferenzbild auf.
Beinahe verschüttete ich Tee über meinen Laptop.
Der Mann, der mich durch den Bildschirm hinweg ansah, war rein gar nicht wie die grauhaarigen, einschüchternden Bodyguards, die ich gewohnt war. Special Agent Puller sah aus, als wäre er ungefähr in meinem Alter, auch wenn ich wusste, dass er eigentlich älter sein musste. Er hatte warme braune Augen, umgeben von kleinen Fältchen, und eine leicht zerzauste Frisur, die vermuten ließ, dass er sich vor kurzem erst mit der Hand durch die dunklen Haare gefahren war. Entlang seiner Kieferpartie war eine kleine Narbe zu sehen und als er das Wort ergriff, hörte ich seiner Stimme einen unverkennbaren Südstaaten-Akzent an.
„Guten Nachmittag, Eure Hoheit. Ich bin Secret Service Special Agent Basil Puller, aber die meisten nennen mich Bash.“
Bash. Selbst sein Spitzname war verheerend ansprechend.
„Äh, ja, hallo“, brachte ich hervor und war dankbar, dass meine Stimme nicht allzu zittrig klang. „Schön, Sie kennenzulernen, Special Agent Puller.“
„Nennen Sie mich Bash, Eure Hoheit“, erwiderte er mit dem Ansatz eines Schmunzelns im Gesicht. „Schließlich müssen wir als Cover überzeugende Mitbewohner spielen.“
Mitbewohner. Bei dem Wort überkam mich eine völlig unangebrachte Welle an Vorfreude. „Ja, natürlich.“ Ich schluckte. „Dann können wir das mit dem Siezen und meinem Titel auch gleich lassen. Nenn mich Eddie.“
„Alles klar, Eddie“, antwortete er. Als er meinen Decknamen mit seinem Akzent aussprach, bekam ich auf durchaus bedenkliche Weise Schmetterlinge im Bauch.
„Special Agent Puller, danke, dass Sie heute dabei sind“, grüßte Rebecca ihn. Sie hatte natürlich bereits beim Vorstellungsgespräch mit ihm gesprochen und hatte mir versichert, dass Bash bestens qualifiziert war.
Er war siebenundzwanzig Jahre alt, sah allerdings jünger aus und hatte unter anderem deshalb den Job bekommen, denn schließlich musste er sich als Student ausgeben. Sechs Jahre hatte er bei der Marineinfanterie gearbeitet, gefolgt von einer Position als Hilfssheriff während seines Kriminologie-Studiums. Noch vor Abschluss seines Studiums hatte er eine Stelle beim Secret Service bekommen, wo er seit einem Jahr arbeitete. Seine Arbeitgeber hatten ihn für den Job empfohlen und er war nach jeglichen Standards entsprechend qualifiziert.
Ich zwang mich dazu, mich auf Rebeccas Stimme zu konzentrieren, während sie die geplanten Sicherheitsvorkehrungen erläuterte, doch meine Aufmerksamkeit wanderte immer wieder zu Bashs Gesicht auf dem Bildschirm. Er hörte aufmerksam zu und stellte hier und da gezielt Fragen zu Campusaufbau, Kommunikation und Notfallprotokollen. Professionell. Kompetent. Und zu meinem Übel vollkommen umwerfend.
„Also, was Ihr Cover angeht, Eure Hoheit“, erklärte Rebecca, „haben wir eine vollständige Identität für Eddie York angelegt, und zwar samt wohlhabender britischer Familie, internationalen Geschäftsbeziehungen und einer privaten Bildungslaufbahn. Nichts, was allzu fern ab der Wahrheit liegt, aber Ihre wahre Identität ist ausreichend geschützt.“
Eddie York. Es fühlte sich seltsam an, meinen Decknamen laut ausgesprochen zu hören, aber es hatte auch etwas Befreiendes an sich. Eddie konnte sein, wer er wollte. Eddie konnte Fehler machen, konnte sich ausprobieren, konnte vielleicht sogar offen damit umgehen, dass er auf Männer stand, ohne das Königshaus zu blamieren.
Vielleicht.
Bash sah direkt in die Kamera und begegnete meinem Blick. „Wesentlich ist, dass wir alles so normal wie möglich halten. Ich bin dein Mitbewohner, wir sind beide Studenten und meine Aufgabe ist es, deine Sicherheit zu garantieren, ohne dass irgendwer darauf kommt, dass an unserem Verhältnis irgendetwas ungewöhnlich ist.“
„In der Tat“, pflichtete ich ihm bei und verzog dann das Gesicht, weil ich mich schon wieder so formell ausdrückte. „Ich meine, ja, es ist essenziell, dass wir den Anschein von Normalität wahren.“
Etwas blitzte in Bashs Miene auf, doch sein Tonfall blieb professionell. „Ich habe mir den Aufbau des Campus und deinen Stundenplan angesehen. Die Module klingen selbst für mich ganz interessant, auch wenn ich kein Student Internationaler Beziehungen bin.“
Ich war ihm dankbar für den Versuch, ein normales Gespräch aufzubauen. „Ich hoffe, du wirst dich nicht allzu sehr langweilen.“
Er schenkte mir ein warmes Lächeln. „Ich freue mich darauf, meinen Horizont zu erweitern.“
Als Rebecca begann, über logistische Details zu sprechen, ließ mich eine Aussage von ihr aufhören.
„Entschuldigung, könnten Sie das noch mal wiederholen?“
„Die sicherste Unterbringung am Campus sind Wohnungen, die nur für Paare zugelassen sind, weshalb Sie und Special Agent Puller offiziell als Paar auftreten werden. Das ist lediglich nötig, damit Ihre Kommilitonen keinen Verdacht schöpfen.“
Als Paar ausgeben? Mit diesem Mann?
Ich war so was von absolut geliefert.
Ich mühte mich allerdings, mir nichts anmerken zu lassen, und auch Bash kommentierte lediglich mit neutraler Miene: „Gut zu wissen.“
Gut zu wissen? Mehr hatte er nicht dazu zu sagen? Andererseits … Was konnte er sonst auch dazu sagen? Auch er hatte hier schließlich kaum eine Wahl.
Als die Besprechung vorbei war und alle aufgelegt hatten, starrte ich noch lange den Bildschirm an. Mir ging Bashs Gesicht nicht mehr aus dem Kopf mit seinen warmen braunen Augen. Seine Stimme war ein wenig sanfter geworden, als er zugestimmt hatte, mich Eddie zu nennen, und seine professionelle Kompetenz machte ihn irgendwie nur noch attraktiver.
Kurzerhand rief ich Floris an. Er würde mich nicht nur verstehen, sondern mich mit seiner direkten Art und seinen vernünftigen Ratschlägen auch in meiner Panik beruhigen.
„Und?“, fragte er sofort. „Wie ist es gelaufen? Sag bitte, dein Bodyguard ist kein gigantischer, einschüchternder Kerl, der das ganze Jahr über jeden, der dich anspricht, mit finsteren Blicken strafen wird.“
„Ich bin aufgeschmissen“, antwortete ich und ließ den Kopf nach hinten in den Sessel sacken. „Vollkommen aufgeschmissen.“
Ein Moment der Stille. Dann, deutlich sanfter: „Oje. Er ist attraktiv, stimmts?“
„Attraktiv ist gnadenlos untertrieben.“ Ich stöhnte. „Er ist … er ist perfekt. Jung, kompetent, warmer Blick, schöner Südstaaten-Akzent und ich muss jetzt ein ganzes Jahr mit ihm zusammenwohnen und so tun, als hätte ich keine vollkommen unangebrachten Fantasien über meinen Bodyguard.“
„Klar ist er jung. Er muss doch einen Studenten spielen.“
Wie gesagt, vernünftig. „Aber musste er denn so gut aussehen? Und diesen unwiderstehlichen Akzent haben? Und jetzt kommts: wir müssen uns als Paar ausgeben.“
Floris’ Lachen erklang in meiner Wohnung. „Das ist fantastisch! Endlich passiert mal etwas Interessantes in deinem so sorgfältig durchgeplanten Leben.“
„Fantastisch? Das wird ein Desaster. Ich soll doch herausfinden, wer ich wirklich bin, statt mich Hals über Kopf in den Mann zu verknallen, der mich beschützen soll. Alleine die professionellen Grenzen …“
„Professionelle Grenzen sind überbewertet. Du hattest noch nie die Gelegenheit dazu, diese Seite an dir zu erkunden. Das könnte genau das sein, was du brauchst.“
Ich starrte an die Decke und dachte darüber nach, wie wunderbar ironisch das alles war. Jahrelang hatte ich mich bemüht, jegliche Situationen zu meiden, in denen die Wahrheit über meine Sexualität ans Licht kommen könnte, und jetzt begab ich mich freiwillig in Umstände, die mir die maximale Versuchung boten. „Was, wenn ich mich komplett zum Affen mache?“
„Dann bist du der Affe, der endlich zu sich selbst steht“, antwortete Floris sanft. „Greg, du bist schon dein ganzes Leben lang der perfekte Prinz, der gehorsame Neffe, der zukünftige Duke, der sich keinen Fehltritt leistet. Vielleicht ist es an der Zeit, mal herauszufinden, was passiert, wenn du einfach nur ein Mensch bist.“
Nach dem Telefonat saß ich in meiner zunehmend dunklen Wohnung und beobachtete, wie in London nach und nach die Lichter angingen. In vier Wochen würde ich in einen Flieger nach Seattle steigen. Danach war ich Eddie York, ganz normaler Student. Ich würde mit einem Mann zusammenwohnen, dessen bloße Anwesenheit bei einem Videocall mich in ein stammelndes, Tee verschüttendes Nervenbündel verwandelt hatte.
Vielleicht hatte Floris ja recht. Vielleicht war es an der Zeit herauszufinden, was passierte, wenn ich nicht mehr Gregory Edward William Moundbatten-Windsor war, zukünftiger Duke of York, sondern Eddie York. Wenn ich zuließ, dass ich einfach … ich selbst war.
Was auch immer das hieß.
Wer auch immer das war.
Eddie York stand ein Abenteuer bevor, das ihm entweder ein Jahr der Befreiung bieten würde oder eine einzige Blamage.
Bei meinem Glück wahrscheinlich eher Letzteres.