Kapitel 2
Kurz vor fünf stand Sara am Heck der Albatros, eine dünne Decke über die Schultern gelegt. Vor ihr lag das dunkle Wasser, still und schwer unter dem grauen Morgenhimmel. Die Dämmerung färbte den Horizont blass, doch ein paar letzte Sterne hielten sich tapfer am Himmel. Die Albatros schwankte sanft, aber unerbittlich. Gestern hatte Sara das Schiff noch beeindruckend gefunden – robust, funktional. Heute fühlte es sich einfach nur riesig an. Und es hörte nicht auf, sich zu bewegen.
Sie hatte sich nicht vorgestellt, dass das Meer so hartnäckig sein konnte. Oder ihr Magen so sensibel.
An das Schanzkleid gelehnt, versuchte sie, sich auf den Horizont zu konzentrieren, der sich ständig unter sie und über sie schob.
Der Wind biss ihr ins Gesicht. Salziger Sprühnebel hing in der Luft, kalt und metallisch. Wenigstens half der Geruch gegen die Übelkeit. Sara zog die Decke enger um sich, rieb sich die Schläfen und strich sich über das bleiche Gesicht.
Ein Knarzen hinter ihr ließ sie herumfahren.
Paul Stein stand im Türrahmen und hob entschuldigend die Hände. „Sorry. Wollte Sie nicht erschrecken.“
Sara atmete aus. „Alles gut. Ich war nur in Gedanken.“
„Ich hab Sie von der Brücke aus gesehen. Konnten Sie nicht schlafen?“
„Ich bin Frühaufsteherin.“ Sie stockte kurz. „Na gut. Nein. Ich habe die halbe Nacht wachgelegen. Das Schiff schwankt die ganze Zeit.“ Sie rieb sich die Stirn. „Man sollte meinen, eine Meeresbiologin ist seefest.“
Paul lächelte verständnisvoll. „Kommt vor. Auf der Insel spürt man das Meer nicht. Und wie oft fahren Sie raus, so richtig weit?“
Sara schnaubte leise. „Offenbar nicht oft genug.“
„Kommen Sie.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er Richtung Offiziersmesse. „Ich hab was dagegen. Hilft schnell. Und ich verspreche: kein Wort an die anderen.“
Drinnen öffnete er einen kleinen Schrank und reichte ihr zwei Tabletten. „Mit Wasser nehmen.“
Sara nahm sie entgegen. „Danke. Wirklich.“
Er stellte ihr ein Glas hin und strich sich über seine grauen Bartstoppeln. „Nicht der Rede wert. Wir Kollegen halten zusammen.“
Sie schluckte die Tabletten und streckte ihm danach die Hand entgegen. „Dann nenn mich Sara.“
„Paul.“ Er erwiderte den Händedruck, warm und fest.
Saras Magen knurrte vernehmlich. Paul sah sie an und hob eine Augenbraue. „Frühstück?“
Verlegen legte sie die Hand auf den Bauch, musste aber selbst lachen und nickte. „Oh ja. Bitte.“
„Dann komm mit, ich zeig dir die Messe.“ Er hielt ihr mit einer angedeuteten Verbeugung die Tür auf. „Ich brauch dringend einen Kaffee.“
Im Gang hing der warme Duft von gebratenen Eiern und frischen Muffins in der Luft. Zwei Besatzungsmitglieder schoben sich ihnen im engen Flur entgegen, grüßten freundlich und verschwanden Richtung Deck.
Schritte polterten die Treppe herunter. Ein breitschultriger Mann erschien, ölverschmierte Hände an einem Lappen abwischend. „Blöde Elektrik …“ Dann bemerkte er Sara und hielt inne. „Oh. Hallo.“
„Das ist Jonas Falk, unser Maschinist“, erklärte Paul. Mit einem Grinsen fügte er hinzu: „Wenn er nicht die Maschinen tätschelt, dann findest du ihn am Heck mit dem Skizzenblock.“
Jonas nickte knapp, murmelte ein weiteres „Morgen“ und verschwand hinter einer Tür.
Sara sah ihm nach. „Wie viele Leute sind eigentlich an Bord?“
Paul grinste. „Mehr, als auf eurer ganzen Insel Platz hätten.“
Ein leises Schnauben antwortete ihm. „Das ist jetzt keine besonders hohe Messlatte.“
Hinter ihnen ertönte ein helles Lachen. Rebecca Maier, die junge Matrosin, die sie gestern herumgeführt hatte, stand im Türrahmen, den braunen Bob halb unter einer Mütze verborgen, eine Schürze umgebunden.
Paul deutete auf die offene Tür neben ihr. „Hereinspaziert in die gute Stube.“ Er folgte Sara und fuhr fort: „Sechzehn, wenn alle Stationen voll besetzt sind. Forschung, Technik, Brücke. Man begegnet sich ständig.“
„Und Geheimnisse halten ungefähr fünf Minuten“, ergänzte Rebecca, die ihnen gefolgt war, trocken. Sie hob bedeutungsvoll eine Augenbraue und sah zur Treppe, wo Robert, der Funker, gerade Richtung Brücke verschwand.
Sara musste lachen. „Gut zu wissen.“
***
Kapitän Elias Kramer saß mit verschränkten Armen hinter seinem Schreibtisch und musterte die beiden Männer vor ihm finster. Beide wirkten wie zwei Matrosen, die das Deck nicht ordentlich geschrubbt hatten.
„Kessler, Sie wollten mit Herrn Jansen für seine Prüfung üben. Soweit genehmigt.“ Seine Stimme blieb ruhig. „Aber nie war die Rede davon, dafür das alte Notfallbeiboot zu nehmen. Ohne Rückmeldung. Ohne Zusatzsicherung.“
Elias sah von einem zum anderen. „Ich bin froh, dass Sie heil zurück sind – aber das hier muss Konsequenzen haben. Warum zum Teufel haben Sie nicht das RIB genommen?“
Max Jansen sah aus, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.
Holger Kessler hielt Elias’ Blick stand, die Arme vor der breiten Brust verschränkt. „Ich dachte, Jonas wäre noch am RIB beschäftigt“, antwortete er ruhig. „Der Wetterumschwung war angekündigt, ich wollte die Übung nicht verschieben. Jonas meinte, das alte Boot wäre in Ordnung.“
Nora Lasse verschränkte die Arme. „Und das Funkgerät?“
Holger zögerte kurz. „Wir haben es getestet. Kurz.“
„Kurz“, wiederholte Nora trocken.
Elias richtete sich auf. „Falk sagte mir, Sie hätten alles überprüft.“
Holger atmete aus. „Offenbar dachte jeder, der andere hätte es getan.“ Er sah schnell zu Max, dann zurück zur Ersten Offizierin, die an der Wand neben dem Schreibtisch lehnte.
Einen Moment sagte niemand etwas. Dann fragte Elias: „Notfallausrüstung?“
Holger schwieg zu lange.
Elias lehnte sich zurück. „Also nein.“
„Es war mein Fehler, Kapitän.“
„Das war er allerdings.“ Elias’ Stimme blieb kontrolliert, gerade deshalb wirkte sie schärfer. „Sie hätten sich und Jansen beinahe umgebracht.“
Max hob den Blick. „Das lag auch an mir.“ Er nestelte am Ärmel seines noch immer etwas zu großen Overalls herum. „Ich hab gedrängelt, dass wir losfahren, wollte zeigen, was ich schon kann. Holger wollte erst die Ausrüstung noch mal prüfen.“
Elias fuhr ihm mit scharfer Stimme dazwischen. „Falk sagte mir, Sie hätten sie geprüft.“
Holger zuckte zusammen. „Offenbar dachten wir alle, der andere hat’s gemacht“, erwiderte er.
Elias’ Blick verhärtete sich.
Nora schnaubte trocken. „Klassiker.“
Ungläubig schüttelte Elias den Kopf und sagte leise, aber deutlich: „Das ist kein Klassiker. Das ist eine verdammte Lücke in unserer Kommunikation. Und beinahe hätten wir zwei Leute deswegen verloren.“ Sein Kiefer spannte sich an. „Genau so entstehen Katastrophen.“
Sein Blick wanderte über die Karten an der Wand, als wollte er einen Fehler finden, den keiner eingezeichnet hatte.
Holger und Max schwiegen. Max blass, die Schultern gesunken.
„Und dann der Wetterumschwung – drei Stunden zu früh. War so nicht vorhergesagt“, brummte Elias.
Max nickte. „Wir wollten zurück sein, bevor es kippt. Als es losging, hab ich noch versucht, den letzten Positionscheck abzusetzen, aber da war das Gewitter schon über uns. Danach war das Funkgerät hinüber. Keine Chance mehr.“
„Wir haben Sie gesucht“, warf Nora ein. „Drei Stunden lang, aber Ihre letzten Koordinaten waren ganz andere. Die Strömung muss Sie schnell weit rausgetragen haben.“
Holger räusperte sich. „Kapitän, äh, da war noch etwas.“
Elias’ Kopf ruckte hoch. „Was?“
„Ein Boot. In der Nacht.“ Holger tauschte einen Blick mit Max. „Wir haben den Motor gehört. Tief, dumpf – kein Fischkutter. Größer.“
Max nickte. „Wir haben versucht, auf uns aufmerksam zu machen. Taschenlampe, rufen, alles.“
„Und?“ Noras Stimme wurde schärfer.
Holger sah sie an. „Nichts. Es ist einfach weitergefahren.“
Elias sah Nora an. Wieder dieses verdammte Boot.
„Sie schreiben mir beide einen vollständigen Bericht“, sagte er schließlich. „Und darin erwähnen Sie alles dazu. Uhrzeit, Richtung, jedes Detail.“ Sein Blick blieb an Holger hängen. „Und Falk nimmt das alte Dingi bis zur Sicherheitsprüfung außer Dienst. Und jetzt raus, bevor ich’s mir anders überlege. Die Lektion war teuer genug.“
Holger und Max verschwanden zügig – nicht rennend, aber nahe dran.
Nora blieb. „Das Boot“, sagte sie leise.
Elias nickte langsam. „Bei Norderlicht.“
„Sagen wir’s Frau Bergmann?“
„Noch nicht.“ Seine Stimme klang mit einem Mal müde. „Erst will ich wissen, was das für ein Boot war. Herr Heß kann die Funkaufzeichnungen prüfen. Vielleicht hat es doch etwas gesendet.“
Nora nickte. „Und wenn nicht?“
„Dann haben wir ein Problem.“
„Max und Holger gerade – die hast du ganz schön auflaufen lassen.“
„Weil sie es verdient haben. So was darf nicht passieren.“
Nora legte den Kopf schief. „Wann hast du eigentlich zuletzt die Notfallausrüstung auf einem Beiboot überprüft?“
Elias hob eine Augenbraue. „Wenn ich vorhätte, länger draufzubleiben, würde ich’s tun. Aber du hast recht – ich sollte mit gutem Beispiel vorangehen.“ Er ließ sich zurück in den Stuhl sinken und rieb sich den Nacken. „Ich bin sicher, die beiden haben ihre Lektion gelernt. Und weißt du – ich hätte den Wetterbericht genauer prüfen müssen. Ich trage genauso Verantwortung.“ Er atmete hörbar aus. „Ich hätte genauer hinschauen müssen“, sagte er.
„Das hast du“, erwiderte Nora ruhig. „Du hast entschieden, dass wir sie suchen. Das war richtig.“
Er nickte langsam, als müsste er sich selbst überzeugen.
Die Albatros summte leise. Nora verschränkte die Arme und betrachtete das Bild an der Wand. Trotzdem blieb sie Elias leicht zugewandt.
„Was?“, fragte er schließlich, ohne aufzuschauen.
„Nichts.“ Schulterzucken. „Ich denke nur, dass du dir öfter selbst verzeihen solltest.“ Sie sagte es leise, und er fragte sich, wie oft sie das wohl schon gedacht hatte.
Elias sah sie an. Lange genug, dass sie den Blick senkte. „Ich arbeite dran“, meinte er.
Nora lächelte. „Dann sind wir ja zwei.“ Sie zögerte, als wolle sie ihm tröstend die Hand auf die Schulter legen, zog diese aber im letzten Moment zurück. Elias beobachtete die Bewegung. Unwillkürlich musste er an den Abend vor ein paar Wochen nach der Besprechung mit Dr. Weber denken. Sie waren noch gemeinsam bei einem kleinen Italiener essen gewesen, hatten über den Einsatz gesprochen und viel gelacht. Zum Abschied hatte Nora ihn einfach in den Arm genommen. Als wäre es das Natürlichste der Welt.
An Bord war davon nichts mehr zu sehen. Und es war nicht das erste Mal, dass sie im Dienst auf Abstand ging. Genauso wie sie manchmal einen Herzschlag lang nach der richtigen Anrede zu suchen schien. Auf der Brücke war er der Kapitän. Nicht Elias.
Er sprach es nicht an. Stattdessen wechselte er das Thema. „Übrigens – unser Gast. MERO hat mich gebeten, Frau Bergmann offiziell für ihre Hilfe zu danken.“
„Sara? Ich hab sie heute früh mit Paul gesehen, scheinen sich gut verstanden zu haben. Und Rebecca wollte ihr noch zeigen, wo es Frühstück gibt. Ich schätze, sie ist in der Junior-Messe.“
***
Jonas erwischte Holger, als dieser sich gerade mit einem Brötchen in eine ruhige Ecke im Materiallager verziehen wollte.
„So schlimm?“, fragte er mitfühlend.
Holger schüttelte den Kopf. „Frag nicht! Weißt du, mein Bruder hat mal gesagt, ich hätte ein Händchen dafür, in genauso ’nen Mist reinzustolpern.“
„Er hat nicht ganz unrecht.“ Jonas grinste. „Warte, ich hol uns was.“ Gleich darauf kam er mit einem Apfel und zwei Tassen Tee zurück. „Gesellschaft? Kein Kommentar, versprochen.“
Holger rückte ohne ein Wort auf seiner Materialkiste zur Seite und nahm die Tasse. Jonas quetschte sich daneben, was gar nicht so leicht war, da beide Seeleute breite Schultern hatten. Er trank einen Schluck Tee und biss in seinen Apfel.
„Erinnerst du dich an den Sommer, als ich die alte Rostlaube deines Bruders repariert hab? Der hat bestimmt heute noch Albträume davon.“
Holger schnaubte. „Der glaubt bis jetzt nicht, dass das Ding danach TÜV bekommen hat.“ Zum ersten Mal seit Elias’ Standpauke konnte er wieder grinsen.
Jonas lehnte sich zurück und zog einen Bleistift und seinen Skizzenblock aus der Brusttasche seines Overalls. „War eben ein Meisterwerk. Nicht die beste Idee, aber am Ende hat das Ding geschnurrt wie ein Kätzchen.“ Während Holger schweigend seinen Tee trank, zeichnete Jonas mit flinken Strichen die Umrisse eines VW-Käfers aufs Papier.
***
Sara lehnte am Kombüsentresen und plauderte mit Rebecca. Obwohl Benno hinter ihr in der Messe versuchte, leise zu sprechen, konnte Sara ihn hören. „Jetzt sag schon, Max: Wie bist du eigentlich in dieser Nussschale gelandet? Und wie hast du sie kennengelernt? Die wohnt auf ’nem Leuchtturm. Wie cool ist das denn?“
Sara musste schmunzeln. Auf einem Schiff blieb tatsächlich nichts geheim. Als sie sich mit einem Teller frischer Früchte und einem Muffin umdrehte, lächelte Benno unschuldig. Sie balancierte Teller und Tasse in Richtung Tisch. „Darf ich mich zu euch setzen?“
Die beiden Matrosen rückten sofort zur Seite.
Sara ließ sich auf die Bank sinken, stellte Tasse und Teller ab und atmete zufrieden den Duft ein. „Rebecca, bist du sicher, dass du nicht mit mir kommen willst? Ich werde einiges hier vermissen. Euer Schiff ist großartig. Na ja, bis auf dieses Rollen.“ Sie lachte leise. „Aber an Muffins zum Frühstück könnte ich mich gewöhnen.“ Sie hob die Kakaotasse. „Ihr dürft übrigens gerne Sara zu mir sagen. Auf der Insel duzen wir uns auch alle. Nach der ganzen Zeit unter Kollegen klingt dieses „Sie“ einfach schräg.“
Max und Benno zögerten kurz, dann stießen sie mit ihr an.
Über den Rand ihrer Tasse sah Sara zu Max. „Du wolltest doch noch erzählen, wie ihr in dem Boot gelandet seid.“
Max verzog das Gesicht. „Muss ich wirklich?“
„Oh ja!“ Rebecca, die mit ihrer Tasse aus der Kombüse kam, nickte eifrig und zog sich einen Stuhl heran.
Benno nickte zustimmend, sein wuscheliges blondes Haar fiel ihm dabei wild in die Stirn. „Jetzt hast du eh schon angefangen.“
Max seufzte. „Na schön. Aber nur, weil Sara ein Recht drauf hat. Nicht für euch zwei Klatschbasen.“
Benno und Rebecca hoben gleichzeitig die Schultern. „Sorry, Kumpel.“
Max lehnte sich zurück, die Stimme noch rau vom Sturm. „Eigentlich war das nur eine kurze Navigationsübung. Holger und ich wollten raus. Das RIB war aber belegt, Jonas hatte noch Werkzeug drauf.“ Er schnaubte leise. „Also sind wir mit dem Dingi raus. Jeder dachte, der andere hätte das Boot kontrolliert.“
„Alte Rostschüssel“, warf Benno ein.
Max nickte. „Ja, genau die. Und das war der Beginn vom ganzen Spaß. Anfangs war alles ruhig: klare Sicht, sogar ein paar Möwen über uns. Fast schon langweilig. Wir hatten sogar Zeit, eine Runde Karten zu spielen. Aber dann ging’s schnell. Innerhalb einer Stunde hat der Himmel komplett zugezogen. Der Sturm kam mit voller Wucht, der hat uns echt erwischt. Die Wellen meterhoch, es war stockdunkel, und der Wind so laut, dass man sein eigenes Wort kaum verstand.“ Er sah in seinen Becher. „Ehrlich, ich hab schon viele Wetterumschwünge erlebt. Ich bin ja kein Landei. Aber das …“ Max warf Sara einen kurzen Blick zu. „Ich komm aus Husum. Deichkind, direkt hinterm Wall auf einem Hof groß geworden.“
Sara nahm einen Schluck Kakao und lächelte. „Husum? Da habe ich mal einen Ferienkurs im Schülerforschungszentrum geleitet. Hübsche Stadt.“
Max blinzelte überrascht. Offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet, dass Sara seine Heimat kannte. Benno stupste ihn auffordernd an, also fuhr er seufzend fort: „Kaum dachte ich, es wird besser, kam eine dieser Monsterwellen – hat uns halb quergelegt. Das Funkgerät war klatschnass, hat noch einmal gefunkt – dann war’s still. Holger hat alles versucht, aber wir haben keinen Kontakt mehr bekommen.“
Sara sah ihn an. „Das war bestimmt beängstigend.“ Sie wandte sich an Benno. „Hat die Albatros nicht nach Max und Holger gesucht?“
Benno verschränkte die Arme. „Natürlich. Wir hatten ja die letzte Position. Aber als wir da ankamen, waren sie schon abgetrieben. Keine Chance. Der Kapitän hat uns die ganze Nacht kreuzen lassen. Aber die Sicht war miserabel, wir mussten abbrechen. Die Seenotrettung konnte auch nichts machen.“
„Schon okay.“ Max legte Benno die Hand auf den Arm. „Ich mach euch keinen Vorwurf. Eher mir. Ehrlich, so was Blödes hab ich noch nie gemacht.“ Er sah zu Sara. „Am Ende hatten wir keinen Motor, keine Paddel, kein GPS. Nur eine Rettungsweste und unsere zwei hübschen Köpfe.“
„Und ziemlich viele Flüche, nehme ich an“, warf Benno ein.
„Oh ja. Du willst nicht wissen, was Holger alles rausgelassen hat.“ Max zog einen Mundwinkel hoch, atmete einmal durch. „Eine Welle hat mich fast über Bord gespült. Ich bin gegen den Rumpf geknallt, voll auf die Rippen.“ Er zuckte leicht mit den Schultern. „Holger hat mich wieder reingezogen. Keine Ahnung, wie. Ich dachte wirklich, das war’s. So was will ich nicht noch einmal erleben.“ Seine Finger zerbröselten den Muffin auf dem Teller. „Der Sturm ließ zum Glück irgendwann nach. Aber wir saßen klatschnass, durchgefroren und erschöpft in dem blöden Boot: ohne Wasser, ohne Proviant. Ich hab einfach gehofft, dass wir nicht zu weit abgetrieben wurden. Und das Schlimmste war, dass wir den Leuchtturm die ganze Zeit sehen konnten. Er war da. Direkt vor uns. Und trotzdem unerreichbar.“
Ein Schaudern lief Sara über den Rücken. Für einen Moment sagte niemand etwas.
Max lehnte sich zurück, die Finger um die Tasse gekrampft. „Und dann war da noch das Boot. Kein Fischkutter“, fuhr er leiser fort. „Ein großes Schiff. Dunkel. Keine Lichter. Nur der Motor.“
Sara runzelte die Stirn. „Ihr habt ein Schiff gesehen?“
„Für einen Moment.“ Max starrte auf seine Hände. „Es fuhr ganz nah an eurem Leuchtturm vorbei. Die Silhouette hat sich gegen das Licht abgezeichnet. Ein paar Sekunden. Dann war es weg.“
Benno nickte. „Das war auch auf dem Radar. Robert hat versucht, es zu erreichen. Keine Reaktion.“
Max’ Blick wurde fester. „Wir haben geschrien, bis wir heiser waren. Nichts. Als wären wir Luft.“
Saras Magen zog sich zusammen. Da war ein Schiff bei ihrer Insel gewesen. In der Nacht, als der Sturm kam.
Und sie hatte nichts bemerkt.
„Und dann …“ Max zögerte kurz und sah sie an. „Da war noch die Meerjungfrau. Also … Frau Bergmann. Tut mir leid, ich meine …“
Sara stutzte, dann lachte sie laut auf. „Schon gut, Max, ehrlich. Ich fühle mich geschmeichelt. Niemand hat mich je Meerjungfrau genannt. Passt doch aber irgendwie, oder? In den letzten Monaten war das Wasser mein Zuhause. Und Meerjungfrauen sind bekanntlich hübsch, charmant und können singen, ich nehm das also als Kompliment. Aber eins würde ich gern noch wissen: Warum eine Navigationsübung in einem kleinen Beiboot? Bei der Dünung ist das riskant, das muss euch doch klar gewesen sein.“
Bevor Max antworten konnte, kam eine Stimme vom Gang. „War es.“ Kapitän Elias Kramer stand im Türrahmen.
Sara drehte sich um. „Guten Morgen, Kapitän.“
„Guten Morgen, Frau Bergmann.“ Er nickte in die Runde. „Max wollte mit Kessler für die Prüfung zum Bootsführer üben. Das nächste Mal bevorzugt unter Bedingungen, die weniger … kreativ sind.“
Max senkte sofort den Blick, dann nickte er. Sara legte ihm die Hand auf den Unterarm. „Sei nicht so streng mit dir. Das passiert dir sicher nicht noch mal.“ Sie stand auf, nahm ihren Teller und reichte ihn Rebecca, die bereits die Hand danach ausstreckte. „Danke noch einmal für das fantastische Frühstück, Rebecca.“ An Elias gewandt fragte sie: „Sind wir noch in Reichweite der Norderlicht-Station? Ich hatte das Gefühl, wir wären nachts ziemlich weit abgetrieben.“
Elias schüttelte den Kopf. „Gleiche Position wie gestern. Direkt vor Ihrer Insel.“ Er bedeutete ihr, ihm zu folgen. „Die Flut reicht fürs Übersetzen. Kessler macht gerade Ihr Boot startklar.“
***
„Schauen Sie mal zu Max und Benno rüber.“ Rebecca lehnte sich an die Reling der Nock. „Die hängen da an der Tür rum und tun so, als würden sie arbeiten. Dabei starren sie die ganze Zeit zu Sara rüber.“
Nora lachte leise. „Die beiden sind so subtil wie ein Leuchtfeuer.“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber wenigstens halten sie sich zurück.“
Auf dem Deck stand Sara, im Gespräch mit Elias und Paul. Max und Benno lehnten scheinbar zufällig an einer Tür hinter dem Davit, unterhielten sich und versuchten, möglichst beschäftigt zu wirken – dabei wanderten ihre Blicke immer wieder zu Sara.
„Erinnert mich an diese Seglerin damals.“ Nora schmunzelte. „Die, die wir zweimal aus der Nordsee gefischt haben. Benno hat ihr das Sonar erklärt – ausführlich. Und Max hat sofort nachgezogen. Ich glaube, die arme Frau kannte am Ende die Albatros vom Bug zum Heck mit allen Feinheiten.“
Rebecca lachte. „Und wer hat gewonnen?“
„Keiner. Sie hatte einen Verlobten zu Hause.“ Nora grinste. „Die Gesichter der beiden waren legendär.“
Rebecca schüttelte den Kopf. „Haben Sie Robert gesehen? Ich dachte, der wäre auch da unten. Immerhin kennt er Sara als Einziger persönlich.“
Nora hob die Hände. „Komisch, oder? Er hat doch öfter mit ihr gefunkt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Robert Small Talk macht. Oder über was anderes redet als Technik.“
„Ich auch nicht.“ Rebecca prustete. „Sara meinte, er wär immer sehr freundlich gewesen, hätte länger mit ihr gesprochen. Kaum zu glauben. Der hat doch eigentlich immer nur seine Arbeit im Kopf.“
Nora sah auf ihre Uhr. „Apropos Arbeit, haben Sie schon entschieden, ob Sie die Weiterbildung zur Notfallsanitäterin machen? Paul sagt, der Kurs in Cuxhaven fängt im Herbst an.“
Rebecca verzog das Gesicht. „Ich weiß nicht. Das wären insgesamt sechs Wochen von Bord. Keine Ahnung, ob ich das so lange aushalte an Land.“ Sie verdrehte die Augen. „Mein Vater hat schon Unterlagen geschickt, ich soll den Kurs doch in Ulm machen, dann könnt ich so lange daheim wohnen. Als ob ich ’ne Landratte wäre.“
Die Tür öffnete sich leise. Ein dezentes Räuspern. Beide drehten sich um. Robert stand da, die Brauen zusammengezogen.
„Wer ist ’ne Landratte? Worüber haben Sie gesprochen?“
„Über Rebeccas Bewerbung für die Notfallsanitäterausbildung“, erwiderte Nora ungerührt.
Sie musterte seinen tadellos gebügelten Overall. „Sie sollten mal mit Benno über Ordnung reden, Heß. Vielleicht steckt’s an.“
Robert verzog das Gesicht. „Ich hab es aufgegeben, seine Kabinenseite noch zu retten.“
„Sag mal“, hakte Rebecca nach, „warum bist du eigentlich nicht da unten, um dich zu verabschieden? Von deiner … Freundin?“
Robert atmete hörbar aus. „Wie ich Benno bereits erklärt habe: Frau Bergmann ist nicht meine Freundin. Zugegeben, wir hatten häufiger Funkkontakt, wenn in der Gegend Übungen liefen oder MERO und ZIRM Daten austauschten. Aber das macht uns nicht automatisch zu Freunden.“ Er zeigte mit den Fingern Anführungszeichen beim letzten Wort, wie um seinen Standpunkt deutlich zu machen. „Außerdem habe ich mich bereits heute Morgen auf dem Weg zur Brücke verabschiedet.“ Er klang, wie er immer klang. Sachlich, fast beleidigt, dass man ihm etwas anderes unterstellte. „Ich bin im Dienst und werde sicher nicht da runtergehen“, er nickte in Richtung Heck, „um mich in die Schlange einzureihen.“
Robert sah zur Gruppe am Heck. Sein Kiefer spannte sich an. Er war nicht der Typ, der Gefühle offen zeigte. Seine Stimme klang ruhig, aber seine Finger schlossen sich so fest um den Ordner, dass die Knöchel weiß hervortraten. Nora musterte ihn nachdenklich. Wäre er vielleicht doch gerne da unten?
Robert schüttelte leicht den Kopf und wandte sich Nora zu. „Die Küstenwache hat sich gemeldet. Ihr Aufklärer hat Wrackteile nordöstlich von Helgoland-Düne gesichtet. Der Sturm hat dort gewütet und ein Lastkahn ist abgetrieben, lag ungesichert am Pier. Ich habe mit der Wetterstation gesprochen. Die Crew hat erst vor einer Stunde bemerkt, dass das Ding fehlt.“ Seine Stimme klang spöttisch. „Wahrscheinlich zu sehr mit ihrer Party beschäftigt. Die Küstenwache meinte, sie hätten die Station bis vor zwei Stunden überhaupt nicht erreichen können.“
Nora sog scharf Luft ein. „Jemand an Bord?“
„Zum Glück nicht. Aber der Kahn ist weg. Die Küstenwache bat um Unterstützung, wir sollen helfen, das Ding zu finden.“
„Danke, Robert. Ich informiere den Kapitän. Geben Sie MERO und der Küstenwache Bescheid, wir kümmern uns darum, sobald Frau Bergmann von Bord ist.“ Nora wandte sich zur Tür, drehte sich aber noch einmal um. „Aber sagen Sie ihnen ruhig, dass es ein wenig dauern könnte – ich bin jetzt die Letzte in der Schlange.“
Robert blinzelte und für einen Moment sah er fast ratlos aus. „Was soll das denn heißen?“
Rebecca prustete erneut los und Nora musste sich ebenfalls ein Lachen verkneifen. Roberts Gesichtsausdruck war einfach zu lustig.
***
„Frau Bergmann, MERO hat mich gebeten, Ihnen offiziell für Ihre Hilfe zu danken.“ Kapitän Kramer stand vor ihr, die Hände auf dem Rücken verschränkt, die blauen Augen ernst. „Wir hatten großes Glück, unsere Leute so schnell zu finden. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn Sie nicht geholfen hätten. Das Beiboot war vom Sturm weit abgetrieben, wir hätten es nicht so schnell geortet.“
Sara erwiderte seinen Blick, lächelte offen.
„Wenn Sie jemals Hilfe brauchen, zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren. Sie machen da draußen einen gefährlichen Job.“
Irgendetwas in seiner Stimme ließ sie aufhorchen. Es klang nicht wie eine höfliche Floskel. Eher wie eine Warnung, die er nicht aussprach.
„Ich muss mich bedanken, Kapitän. Sollte ich je Hilfe benötigen …“ Sara stockte kurz. Die stahlblauen Augen in dem scharf geschnittenen Gesicht ruhten aufmerksam auf ihr, als wollte er prüfen, ob es ihr wirklich gut ging. Unwillkürlich wurde sie verlegen. „Dann … dann melde ich mich. Ich hoffe nur, es wird nicht nötig sein, obwohl ich Ihr Angebot schätze.“ Sie räusperte sich. „Die größten Gefahren auf der Insel sind meist Möwen, die Vorräte klauen, oder Kaffeemaschinen mit Zicken. Ab und an ein Seehund, der den Strand blockiert.“ Sie grinste. „Damit komm ich klar.“
Einen Moment sah er sie schweigend an. Dann musste er lachen. Es klang fast erleichtert.
***
Nora blieb am Fuß der Treppe stehen und beobachtete die Gruppe am Heck. Sie sah, wie Sara Elias offen anlächelte, dabei leicht verlegen den Fuß hin und her schob. Trotzdem, etwas an Saras Haltung ließ Nora denken: Die gehört hierher. Aufs Meer.
Neben ihr, hinter einer Kabeltrommel, standen Benno und Max. Amüsiert hörte Nora den jungen Matrosen flüstern: „Sieh dir an, wie sie den Boss anlächelt. Ich wünschte, sie würde mich auch nur einmal so anlächeln.“ Benno klopfte Max auf die Schulter. „Hat sie dir irgendwas über sich erzählt, als ihr allein im Beiboot wart? Wie lange wohnt sie schon auf der Insel? Hast du ihre Nummer bekommen?“
Max runzelte die Stirn. Dann platzte es aus ihm heraus: „Was glaubst du eigentlich, was da draußen los war? Holger und ich hatten verdammtes Glück, das zu überleben. Wir hätten ertrinken oder verdursten können. Ganz ehrlich – in dem Moment hab ich nicht daran gedacht, sie um ein Date zu bitten.“
„Sorry, war blöd. Ich find das einfach spannend. Leuchtturm, Insel, der ganze Job … Vielleicht frage ich Robert, der kennt sie schließlich.“ Benno zuckte mit den Schultern. „Er streitet es zwar ab, aber ich bin sicher, ich kann ihn zum Reden bringen.“
Nora schüttelte kaum merklich den Kopf und trat aus dem Schatten. „Worüber soll Herr Heß reden?“
Ihre Stimme ließ beide zusammenzucken.
„Frau Lasse, äh, wir haben gerade nur so geredet …“
Benno fuhr sich mit der Hand durchs Haar, was es noch zerzauster aussehen ließ als sonst und warf Max einen flehenden Blick zu.
Der aber sah ihn schulterzuckend an und formte stumm: „Das ist dein Problem.“
Nora ließ sie einen Moment zappeln, dann nickte sie auffordernd. „An die Arbeit, Herrschaften. Die Vorstellung ist vorbei.“ Ohne ein weiteres Wort ließ sie die beiden stehen. Typisch, dachte sie und grinste. Kaum tauchte jemand Neues auf, vergaßen die beiden alles um sich herum.
Mit schnellen Schritten war Nora bei der Gruppe am Heck. „Kapitän, die Küstenwache bittet um Unterstützung. Ich habe Herrn Heß beauftragt, ihnen mitzuteilen, dass wir uns sofort auf den Weg machen, sobald unser Gast das Schiff verlassen hat. Wrackteile bei der Helgoland-Düne – kein Notfall, aber eine Gefahr für die Schifffahrt.“
Sara, bereits im Tauchanzug, wandte sich an Paul. „Dann wird’s wohl Zeit für den Abschied. Schade, ich hätte gern länger geplaudert.“ Leiser fügte sie hinzu: „Danke noch mal für vorhin. Und – behalt Max im Auge. Der wird seine Rippen sonst nie schonen. Ich wette, da ist was angeknackst.“
Paul nickte. „Mach ich. Pass du aber auch auf dich auf, selbst Kaffeemaschinen können gefährlich werden, wenn man sie reizt.“ Er rieb sich die Nase. „Der Kapitän hatte recht: Wenn du Hilfe brauchst, meld dich. Allein da draußen ist kein Spaß. Sicher, dass keiner für deinen Kollegen einspringt?“ Paul half ihr mit den Leinen. „Ich hätte ja zu gern gesehen, wie es sich in eurem Leuchtturm lebt.“
„Weißt du, Benno und Max haben das auch gefragt.“ Sara stellte die kleine Tasche mit den von Rebecca verpackten Muffins neben der Strickleiter ab. „Ehrlich gesagt, ich bin froh, dass ihr nicht rüberkommen könnt. Ich hatte noch keine Zeit, das Chaos aufzuräumen. Und es ist nicht gerade viel Platz. Aber ich kann euch ein paar Fotos schicken. Ich hab ja Roberts E-Mail-Adresse und er kann sie weiterleiten.“
Nora hörte, wie Benno scharf Luft holte. Paul unterdrückte ein Prusten.
Sara ignorierte die Blicke, wandte sich an Holger. „Machen Sie das bitte nicht noch mal. Meine Meerjungfrauen-Kolleginnen und ich haben auch noch andere Dinge zu tun.“ Ihr Ton wurde ernster. „Ich hoffe, Ihr Kopf fühlt sich besser an. Ruhen Sie sich aus, wenigstens ein paar Tage. Und seien Sie nicht zu hart mit sich selbst. Selbst kluge Leute machen dumme Dinge. Ich hab mal versucht, ohne Kompass zu tauchen.“ Sie verdrehte die Augen. „War ungeduldig und dachte: Wird schon gehen. Verdammt dumm, reines Glück, dass ich das Boot wiedergefunden hab. Mein Tauchlehrer hat mir damals ordentlich die Leviten gelesen. Zu Recht.“ Sie hob eine Augenbraue. „Seitdem bin ich vorsichtiger. Meistens jedenfalls.“
Holger fuhr sich mit der Linken durch sein helles Haar.
Sara zuckte mit den Schultern. „Fehler passieren. Hauptsache, man macht sie kein zweites Mal.“
Das entlockte ihm ein Schmunzeln. „Versprochen.“
Sie schüttelte ihm und Paul die Hand, umarmte Nora kurz und kletterte dann flink zu ihrem kleinen Boot hinunter.
Der Motor sprang an, Sara winkte noch einmal. Das Wasser schäumte, als sie Richtung Insel davonzog.
Elias sah ihr nach, die Hände in den Taschen, bis nur noch ein kleiner dunkler Punkt am Horizont blieb, und Nora fragte sich, ob Sara wirklich wusste, worauf sie sich da draußen einließ.
Kapitel 3
„Jetzt mach schon, Ro! Zeig mir endlich, was sie geschrieben hat!“ Benno fuhr sich frustriert durchs Haar – als könnte das irgendwas an der Lage ändern. Ungeduldig hämmerte er gegen die Tür. „Was soll das Theater?“
Er starrte das Namensschild an, als könnte das die Tür öffnen. Nichts. Also klopfte er noch einmal. „Sie hat gesagt, sie schickt ein paar Bilder und du sollst sie weiterleiten. Und -“
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Robert streckte den Kopf heraus, seine Bildschirm-Brille auf die Stirn geschoben, wie immer, wenn man ihn bei seiner Arbeit unterbrach.
„Genau das hab ich getan“, sagte er knapp.
„Hast du nicht! Du hast sie ausgedruckt und im Aufenthaltsraum aufgehängt. Und das ist jetzt schon über eine Woche her.“
„Dann hast du sie ja gesehen. Was ist dein Problem, Benno?“ Roberts Ton wurde kälter. „Ich arbeite. Also entweder du kommst zum Punkt – oder du gehst.“
„Mein Problem? Du bist das Problem!“ Benno wurde laut. „Ich wollte nur sehen, was sie geschrieben hat. Ihr vielleicht antworten. Mich bedanken. Fragen, wie’s ihr geht … Ist das zu viel verlangt?“
„Frau Bergmann geht es gut. Hat viel zu tun. Lässt euch grüßen. Und ich habe mich bereits bedankt. Thema erledigt.“ Robert verdrehte die Augen. „Und bevor du fragst: Nein. Du bekommst ihre Mail nicht. Persönliche Daten. Wenn sie wollte, dass du sie hast, hätte Sara sie dir gegeben.“
Damit schloss er die Tür. Knapp. Bestimmt.
Benno starrte die Stelle an, an der gerade noch Roberts Kopf herausgeschaut hatte. Schnaubte. Typisch Robert. Korrekt. Verschlossen. Unerträglich. Aber er würde schon rausbekommen, was er wollte. Mit Max zusammen Robert austricksen, das wird lustig. Grinsend machte er sich auf den Weg zur Juniormesse. Natürlich wusste er, dass Robert sich nicht so leicht hereinlegen ließ, aber ein Versuch war es wert.
***
Im Funkraum ließ Robert sich auf seinen Stuhl sinken und rieb sich die Schläfen. Um ihn herum: peinlich genau sortierte Werkzeugfächer, jedes Kabel zu einer ordentlichen Schlaufe gebunden. Diese Ordnung war das genaue Gegenteil von dem, was er im Inneren gerade fühlte.
Benno wusste nicht, dass Sara ihm nicht nur Bilder geschickt hatte. Sie hatte ihn um seine Einschätzung als Kommunikationsexperten gebeten. Bei ihrer aktuellen Arbeit analysierte sie akustische Messdaten. Dabei war ihr ein regelmäßiges Signal aufgefallen: gleichmäßige Impulse, zu sauber für natürliche Ursachen. Hochfrequenz, enge Bandbreite – das war kein Frachter. Das klang nach Sonar. Sie hatte alte Daten verglichen und erkannt: Dieser Lärm tauchte immer dann auf, wenn das Fischverhalten „verrückt“ spielte.
Sara und Robert tauschten regelmäßig ihre Daten aus, da ihre Organisationen ein Kooperationsabkommen hatten. ZIRM lieferte Daten aus Proben und Zählungen, MERO überwachte Areale mit Sonar und Satelliten. Sie hatte ihm die Datenbeschreibung geschickt und eine ihrer typischen Randnotizen dazu: „Als schaue man unterm Mikroskop auf eine Zellkultur – und plötzlich tanzen da tausend Amöben Chacha.“
Robert hatte sofort reagiert. Er kannte solche Muster. Und wenn er sich nicht täuschte, war das kein natürliches Signal. Also hatte er zurückgeschrieben: „Schick mir das Rohsignal. Ich möchte es mir selbst anhören.“
Bis jetzt war nichts gekommen. Aber das war normal, die Verbindung nach Norderlicht war instabil.
Er hatte niemandem davon erzählt, nicht einmal dem Kapitän.
Aber der Gedanke ließ ihn nicht los.
Da ist irgendwas verdammt faul.
***
Sara zog den Reißverschluss ihres Rucksacks zu, schwang ihn auf die Schulter und verließ mit leichten Schritten den Leuchtturm. Da ihr Kollege Tom bis jetzt nicht zurück war, stand heute die Webcam auf der nahe gelegenen Vogelschutzinsel auf dem Plan. Sie überwachte dort das Brutgebiet einer Austernfischerkolonie. Einer der Vögel hatte die Kamera offenbar für einen Landeplatz gehalten – die Linse war verschmutzt, die Aufnahmen unbrauchbar.
Vorsichtig lenkte sie ihr kleines Motorboot an den Rand der Bucht. Die Ebbe hatte schon eingesetzt, doch das Wasser reichte noch zum Anlanden. Sie zog sich die Gummistiefel an, nahm den Rucksack, band das Boot an einem Pfahl fest und kletterte über die glitschigen Steine ans Ufer.
Insekten zirpten. Sara atmete tief durch. Sie war schon oft hier gewesen, zuletzt für die Kartierung des Bruthabitats und die Beringung von Jungvögeln. Vor einigen Monaten hatte sie im Auftrag von ZIRM sogar die alte Bunkeranlage im Osten der Insel als potentiellen Ort für Forschungsarbeiten untersucht. Dunkel, kalt, in Teilen überflutet. Unheimlich – und faszinierend.
Heute wollte sie dort aber nicht hin.
Als sie sich gerade zur Kamera beugte, glaubte sie, Stimmen zu hören. Eine. Nein, zwei. Sie lauschte angestrengt in den Wind.
„Sind Sie hier ganz allein?“
Sara zuckte zusammen. Der Mann war plötzlich neben ihr aufgetaucht. Groß, wetterfeste Kleidung, kurze dunkle Haare. Kein Inselbewohner. Kein Fischer. Ganz sicher kein Wissenschaftler. Er wirkte zu sauber. Zu akkurat. Und zu selbstsicher.
„Sie dürfen hier eigentlich gar nicht sein.“ Seine Stimme war ruhig, aber autoritär.
Ohne dass sie es wollte, kniete sie wie erstarrt neben der Kamera. Es war eine einfache Frage, doch der Tonfall änderte alles. Die Szene war ihr unheimlich. Sara runzelte die Stirn und richtete sich langsam auf. „Das könnte ich auch sagen.“
Sein Ausweis blitzte kurz auf: Bundesadler, das Wort „Umwelt“, sonst nichts. Viel zu schnell, um etwas zu prüfen. Sie kannte diese Taktik: Beeindrucken durch Selbstverständlichkeit.
„Kopp. Ich bin hier wegen einer internen Sicherheitsüberprüfung. Die Anlage da hinten ist gesperrt – Einsturzgefahr. Ich muss Sie bitte, den Bereich zu verlassen.“ Er lächelte. Es erreichte die Augen nicht.
Sara musterte ihn kühl, ließ sich nichts anmerken. „Die Insel ist Naturschutzgebiet. Ich habe eine Genehmigung zur wissenschaftlichen Nutzung. Sara Bergmann, vom ZIRM.“ Sie hielt ihm nicht die Hand hin.
„Arbeiten Sie hier alleine?“ Er trat einen Schritt näher.
Ein unangenehmer Druck legte sich auf ihren Magen. Eine Kontrolle war nicht angekündigt gewesen. Das war merkwürdig. Konnte es sein, dass niemand bei ZIRM davon gewusst hatte? Andererseits kamen nicht immer alle Nachrichten zuverlässig auf Norderlicht an.
„Ja, aktuell bin ich alleine. Warum?“ Sie musterte den Mann nun offener misstrauisch.
Er stand so, dass er zwischen ihr und dem Rückweg zum Boot war. „Küstenschutz, wissen Sie. Alte Anlagen, Rissbildung, Sicherheitsstufe.“
Küstenschutz? Niemals.
Doch bevor sie den Gedanken weiterverfolgen konnte, fuhr er schon fort: „Der Bunker ist einsturzgefährdet.“
Sara nickte, aber das Gefühl der Verunsicherung kroch ihr den Rücken hinauf. „War mir bekannt“, sagte sie ruhig. „Ich wollte ohnehin nicht dorthin.“
Er nickte langsam. „Besser so. Die Anlage ist instabil. Keine gute Idee.“
Sein Blick blieb auf ihr liegen. Länger, als nötig gewesen wäre.
Sara ballte die Finger um den Rucksackgurt. „Ich überprüfe nur die Kamera. Dann bin ich weg.“
„Tun Sie das.“
Einer plötzlichen Eingebung folgend zeigte Sara in Richtung des alten Bunkers. „Tatsächlich hatte ich überlegt, eine Kamera in den Gang dort zu legen. Da stand neulich ein Fuchs, zumindest sah es so aus. Das wäre ungewöhnlich. Eigentlich sollten hier keine Raubtiere sein.“
Kopp schüttelte den Kopf. „Würde ich lassen. Das war vermutlich der Hund von einem Fischer. Der Gang ist abgesackt. Wir haben Berichte von Rissen in der Decke. Wenn da was passiert … hört keiner.“
Sara wandte sich wieder der Kamera zu, spürte seinen Blick im Rücken. „Wenn es ein erhöhtes Risiko gibt, dann würde ich empfehlen, die Insel endlich richtig zu sperren, vollständig. Wir finden sehr oft Spuren von Lagerfeuern am Strand, obwohl die Insel ein Schutzgebiet ist. Und im Moment gibt es hier brütende Austernfischer. Wenn morgen jemand anderes mit einem Boot kommt, der nicht so viel Rücksicht nimmt wie ich, dann …“
„Wir kümmern uns darum. Und wir sind auch gleich wieder weg. Wir werden die Brutzeit respektieren – versprochen.“
„Das hoffe ich“, sagte Sara. „Ich bin da pingelig.“ Die Anspannung in ihrem Körper hielt an.
Kopp drehte sich zum Gehen um. „Guten Tag, Frau Bergmann.“
Schon fast hinter der Düne verschwunden, blieb er noch einmal stehen. „Ach, Frau Bergmann.“ Seine Stimme klang beinahe freundlich. „Allein hier draußen ist das mutig. Oder leichtsinnig. Kommt auf die Perspektive an.“ Er hob eine Augenbraue. „Vorsicht ist immer ein guter Begleiter – besonders, wenn keiner zuhört.“ Dann verschwand er zwischen dem hohen Gras.
Sara blieb stehen. Der kalte Wind zerrte an ihrem Jackenärmel. Seltsam.
Der Mann war auffallend freundlich geworden, sobald sie vom Bunker weggegangen war. Als hätte er sie dort unbedingt weghaben wollen. Aber warum?
Unwillkürlich fragte sie sich, was Tom dazu gesagt hätte. Wahrscheinlich hätte er nur genervt die Augen verdreht und irgendetwas von Sicherheitsvorschriften gemurmelt. Dabei hatte er vor der Abfahrt selbst so angespannt gewirkt. Und dann war da diese merkwürdige Aceton-Bestellung gewesen. Die Sicherungen, die ständig ausfielen. Das Geräusch, das die Fische vertrieb. Vielleicht steigerte sie sich da in etwas hinein. Vermutlich verbrachte sie wirklich zu viel Zeit allein auf der Insel.
Und dennoch, das Gefühl blieb.
***
Jonas reichte Rebecca ein großes Paket. „Das ist das Letzte. Kannst es einfach am Pier zum Rest stellen?“
Die junge Frau war erleichtert, endlich war die letzte Kiste abgeladen. Es fühlte sich an, als sei eine Ewigkeit vergangen, seit sie den Großteil der Ausrüstung geborgen hatten, die bei Helgoland von dem Lastkahn ins Wasser gefallen war. Zum Glück waren die Geräte in wasserdichten Behältern verpackt gewesen. Sie hatten zunächst eine Weile an der Oberfläche getrieben, bevor sie untergingen. Danach hatte man die Crew zur Katastrophenhilfe auf umliegende Inseln geschickt, die der Sturm verwüstet hatte. Zwischendurch hatte Rebecca auch Paul bei der Versorgung der Verletzten unterstützt.
Jetzt war das Material für den technischen Hilfsdienst abgeladen – und Rebecca fragte sich ernsthaft, was die da um Himmels willen bestellt hatten. Steine? Anders ließ sich das Gewicht der Kisten kaum erklären. Ihre Arme fühlten sich an wie Gummi, jeder Muskel protestierte.
Auf Deck und am Pier saßen erschöpfte Kameraden, massierten sich die Schultern oder ließen sich von der Sonne bescheinen. Die letzten drei Tage waren anstrengend gewesen.
Rebecca war sich sicher: Wenn sie jetzt in ein RIB steigen müsste, würde sie bei der ersten Welle über Bord gehen.
Sie ließ sich auf einem Poller nahe der Gangway nieder und streckte die Beine aus. Vielleicht, hoffte sie, würde Kramer ihnen heute freigeben. Der Strand sah vielversprechend aus: hellbrauner Sand, sanfte Wellen, keine Menschenseele. Andererseits: Ihre Koje klang auch verlockend. Sehr verlockend.
Rebecca zog die Beine an und legte den Kopf auf die Knie.
„Alles okay?“ Paul kniete sich vor sie, sein dunkelblauer Overall inzwischen schmuddelig und zerknittert vom langen Tag, und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Du solltest dich echt ausruhen. Wann hast du das letzte Mal geschlafen, Becca? Oder was Anständiges gegessen?“ Seine Stimme klang besorgt.
Sie hob müde den Kopf und blinzelte. „Könnte ich dich genauso fragen. Du siehst aus, wie ich mich fühle.“ Ein schwaches Lächeln. „Keine Sorge, ich will einfach kurz hier sitzen, mehr nicht. Ich brauch deine Sanitäterdienste heute nicht.“
Paul klopfte ihr sanft auf den Rücken. „Na gut. Aber versprich mir, dass du dich später ausruhst – und was Vernünftiges isst.“ Er richtete sich auf, winkte müde der Wache an Deck zu und verschwand mit hängenden Schultern über die Gangway.
Rebecca schloss die Augen. Nur fünf Minuten.
Ein dumpfes Plumpsen ließ sie zusammenzucken. Benno hatte sich neben sie fallen lassen. „Ich bin fix und fertig.“ Er sah zu ihr hoch und zeigte zum Strand hinüber. „Strandspaziergang? Falls du Lust hast?“
Rebecca hob den Kopf und folgte seinem ausgestreckten Arm. Der helle Sand sah wirklich einladend aus. Sie atmete tief die salzige Luft ein und kreiste ihre Schultern. Jonas hatte ihr vor ein paar Wochen von den Austernfischern erzählt – wie sie den „sterbenden Vogel“ spielten, um Eindringlinge vom Nest wegzulocken. Mit etwas Glück würden sie welche sehen.
Bevor sie jedoch antworten konnte, erschien Max. „Klingt nach einem Plan. Ich bin dabei!“
Benno neben ihr rückte ein Stück zur Seite und grunzte. „Warum bist du so gut drauf? Hast du etwa heimlich geschlafen, während wir geschuftet haben?“ Er schob sich die Mütze ins Gesicht. „Vielleicht sollte ich mir das nächste Mal auch die Rippen prellen.“
Er warf Max einen finsteren Blick zu. Ganz offensichtlich hatte er gehofft, etwas Zeit allein mit ihr zu verbringen.
Max wirkte völlig unbeeindruckt. „Der Boss hat gesagt, wir haben heute frei. Ablegen erst morgen um elf. Wer keinen Wachdienst hat, kann machen, was er will. Ich hab nachgeschaut und ihr seid heute Nacht beide nicht eingeteilt. Perfekte Begleiter für meine Pläne!“ Er zeigte freudestrahlend mit dem Arm in Richtung Hafenviertel. „Zieht euch um, die Bar hier hat Billard, Darts und Tischtennis!“
Sie stöhnte innerlich. Natürlich. Max und seine Energie. Wie schaffte er das nur? Trotz bandagierter Rippen ignorierte er völlig, dass Paul ihm so etwas vermutlich verboten hätte.
Rebecca drückte sich hoch und streckte sich demonstrativ. „Sorry, Jungs. So gern ich euch auch beim Verlieren zusehen würde, aber meine Koje ruft.“ Sie grinste. „Und ehrlich? Ihr braucht mich nicht als Schiedsrichterin.“
Bennos Gesicht fiel. Max lachte. Sie zwängte sich an ihm vorbei und klopfte Benno im Vorbeigehen auf die Schulter. „Nächstes Mal. Versprochen.“
Als sie sich oben an der Gangway noch mal umwandte, sah sie, wie Benno mit den Schultern zuckte und Max’ ausgestreckte Hand akzeptierte.
„Na gut … dann nur wir zwei“, hörte sie Max sagen.
Rebecca schmunzelte, als die Worte „Meerjungfrau“ und „Robert“ hinter ihr erklangen. Die beiden würden klarkommen. Und morgen würde sie vielleicht wirklich nach Austernfischern Ausschau halten. Falls sie sich bis dahin wieder bewegen konnte.
***
Jonas hatte geduscht und sich dann auf die Suche nach Robert gemacht. Er fand ihn im Funkraum, umgeben von Ersatzteilen und Platinen. „Weißt du, ich frage mich manchmal, was du machst, wenn du nicht funken kannst.“
Robert antwortete, ohne aufzusehen. „Dann bau ich Funkgeräte, damit ich funken kann.“
Jonas lachte. „Das ist dein Hobby?“
„Mein Bruder meinte, ich soll mir eins suchen.“ Robert hob den Kopf. „Jetzt restauriere ich Funkanlagen. Er sagt, das war nicht, was er gemeint hat.“
Jonas lehnte sich gegen den Türrahmen. „Aber es hilft, oder?“
Robert sah ihn an. Eine lange Pause. „Ja“, antwortete er schließlich. „Es hilft.“
Jonas nickte. „Gut. Dann ist es das richtige Hobby.“ Er klopfte gegen den Türrahmen. „Falls du mal eine Pause brauchst: Holger und ich spielen Karten in der Messe.“
Robert nickte knapp. „Vielleicht.“
„Das heißt nein“, neckte Jonas.
„Vermutlich.“
Jonas schüttelte den Kopf. „Von dir gibt’s echt nur ein Exemplar, Robert.“
***
Da war es schon wieder.
Genervt pfefferte Sara ihr Buch in die Ecke. Es landete zwischen ein paar T-Shirts und einer alten Zeitung. Sie runzelte die Stirn.
Noch vor einer Woche hatte alles so gut ausgesehen. Tom hatte angerufen und gesagt, er würde früher zurückkommen. Sara hatte gepackt, sehnsüchtig auf das Versorgungsschiff gewartet.
Dann der nächste Anruf. „Sara, tut mir leid – Jenny ist noch im Krankenhaus, ich muss auf die Kids aufpassen. Bleib bitte noch eine Woche. Nicht böse sein. Genieß einfach den Strand.“ Aufgelegt.
Natürlich war sie ihm nicht böse. Aber fair war das trotzdem nicht. Inzwischen war das Chaos alltäglich. Die Hydrofone fielen aus, das Funkgerät streikte. Und dann war da dieses Geräusch.
Sie hatte Tom nochmals angerufen, danach gefragt. Der hatte gestresst gewirkt. „Sara, lass das. Wird ein Forschungsschiff sein. Ich kümmere mich darum.“ Im Hintergrund hatten Kinder geschrien. Ein leiser Zweifel blieb.
Ein paar Tage später hatte sie Robert per E-Mail kontaktiert. Er bat um eine Tondatei – aber das Internet fiel aus. Also hatte Sara beschlossen, wirklich alles Tom zu überlassen. Sie hatte ihn über die Tondatei informiert und dann beschlossen, Urlaub bedeutete: abschalten.
Das hatte sie allerdings nicht lange durchgehalten.
Gerade jetzt war sie erst von draußen hereingekommen. Sie hatte – wie so oft – einen Teil von Toms Arbeit erledigt.
Nun saß sie mit heißem Kakao und einer Decke vor dem Laptop. Die Lippen noch leicht blau, das Wasser war kalt gewesen.
Die aufgezeichneten Daten hielten sie gefangen. Dieses verdammte Geräusch. Sie hätte es ZIRM melden können. Formular 17b. Drei Durchschläge, zwei Wochen Bearbeitungszeit. Sie hörte förmlich die Stimme ihrer Chefin: „Nicht Ihr Aufgabenbereich.“
Der Computer surrte. Sie wartete. Mal wieder. Tom nicht da, die Stationsleitung Wilhelmshaven hatte sich seit Tagen nicht gemeldet. Typisch ZIRM: drei Leute zu wenig, vier Vorschriften zu viel, aber wehe, jemand vergaß, das richtige Formular auszufüllen.
Sara zog die Brauen zusammen. „Bleiben Sie im Rahmen Ihres Aufgabenbereichs, Frau Bergmann.“ Sie hörte Dr. Windbergs Stimme fast wörtlich. Blöd nur, dass der Rahmen meistens irgendwo zwischen Improvisation und „Machen Sie mal“ lag.
Einem Impuls folgend zog Sara ihr Handy aus der Tasche. Ein Balken, na wunderbar. Sie tippte eine Nachricht an Tom, drückte auf Senden. Ein paar Minuten später kam die Mitteilung, der Versand würde in einer Stunde erneut versucht werden.
Klar.
Anfangs hatte sie das Geräusch für ein Störsignal gehalten. Doch je länger sie zuhörte, desto unruhiger wurde sie. Ein rhythmisches, schrilles Bing. Immer schneller, immer lauter. Minensucher-Sonar? Es klang wie bei der Fortbildung damals. Nur … warum hier?
„Das ist kein Zufall“, murmelte sie. „Und das ist auch kein Vermessungsschiff.“ Entschlossen stellte sie den Becher ab, zog die Decke fester um sich und griff zum Funkgerät. 21:30 Uhr. Wenn sie Glück hatte, war Robert noch wach.
„FS Albatros, hier ist Sara Bergmann auf Kanal 19. Bitte kommen.“
Die Minuten dehnten sich. Statisches Knistern. Kein Zeichen von Leben.
„MERO Forschungsschiff Albatros, hier spricht Sara Bergmann, bitte melden Sie sich.“
Immer noch nichts als Rauschen.
„Verdammt!“ Sara schlug mit der Faust auf das Gerät. Die Decke rutschte zu Boden. Wenn man einmal funktionierende Technik brauchte …
Sie starrte beschwörend auf das Funkgerät.
Dann – eine unbekannte Stimme: „Hier spricht die FS Graugans. Haben Sie einen Notfall?“
„Nicht direkt“, antwortete sie schnell. „Ich muss dringend mit der Albatros sprechen.“
„Einen Moment. Ich sehe, was ich tun kann.“ Es hörte sich so an, als wäre er erstaunt über ihre Anfrage.
„Vielen Dank! Ich warte so lange.“
Sara lief unruhig auf und ab. Dann – endlich – die Stimme, auf die sie gehofft hatte. Überlagert von Rauschen, aber unverkennbar: „Frau Bergmann? Hier ist Robert Heß von der Albatros. Schön, von Ihnen zu hören. Ich war schon besorgt, als Ihre Tondatei nicht kam.“
Robert. Verlässlich wie immer.
Trotz allem musste Sara lächeln. Sie hatte ihm längst angeboten, sie beim Vornamen zu nennen, aber Robert blieb eisern bei „Frau Bergmann“. Sie konnte nicht ganz fassen, dass er so vehement am „Sie“ festhielt. War das ein Zeichen? Oder wollte er einfach nur professionell bleiben?
„Robert, Gott sei Dank. Tut mir leid, dass ich mich erst jetzt melde. Ich weiß nicht, wie lange das Funkgerät hier durchhält – es besteht aus mehr Klebeband als Kabeln. Und das Internet spinnt komplett. Aber das Signal ist wieder da, lauter als je zuvor. Ich kann die Datei nicht schicken … aber vielleicht hören Sie es im Hintergrund? Ich habe da so eine Vermutung.“
Sara holte tief Luft. Eine Welle der Unsicherheit baute sich in ihr auf. Sollte sie das wirklich aussprechen? Sie biss sich auf die Unterlippe. Es fühlte sich fast unheimlich an, diese Vermutung zu äußern … aber dieses Geräusch hatte sie schon vorher gehört und es gab keine andere plausible Erklärung. Sara schluckte. „Es klingt nach … Hochfrequenzsonar. Können Sie bestätigen, ob die Marine hier Manöver fährt? Denn mir ist nämlich eingefallen, wo ich das zuletzt gehört habe: auf einer Fortbildung. Es klingt wie das aktive Sonar eines Minenjägers. Diese schnellen Ping-Impulse. Ist ziemlich laut für diese Gegend.“
Stille am anderen Ende. Sie hörte Tippen.
„Kein entsprechender Eintrag im Gebiet“, sagte Robert schließlich. „Aber ich frage nach.“
„Danke. Kein Stress. Ich bin noch eine Woche hier.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich schalte die Hydrofone jetzt einfach ab, sonst drehe ich noch durch. Und wenn es wirklich ein Minenjäger ist, dann hoffe ich, die haben nichts gefunden, das ich lieber nicht in der Nähe meines Leuchtturms wissen möchte. Nicht, solange ich noch hier bin.“ Oder überhaupt nicht, fügte sie im Stillen hinzu und entschuldigte sich im Geiste bei ihren Kollegen.
„Ich melde mich, sobald ich mehr weiß. Versprochen. Und Sara“, er machte eine kurze Pause. „Bitte passen Sie auf. Robert out.“
Das war das erste Mal, dass er ihren Vornamen benutzt hatte. Und sie war nicht sicher, warum sich das gleichzeitig so falsch und so richtig anfühlte. Sara beugte sich vor, um den Laptop auszuschalten, und steckte den USB-Stick mit der Aufnahme in ihre Tasche. Da hörte sie ein leises Knirschen. Es kam von draußen.
„Tom?“, rief sie vorsichtig.
Keine Antwort. Sara sah auf die Uhr. Auflaufende Flut. Wäre denkbar, dass er schon zurück ist.
Langsam ging sie zur Tür. Sollte sie nachsehen? Es war stockdunkel draußen. In regelmäßigen Abständen strich der Lichtkegel des Leuchtturms über den Hof. Sara schob die Vorhänge zur Seite. Da war nichts zu sehen. Der Platz zwischen Leuchtturm und Wirtschaftsgebäude lag still und verlassen. Sara schüttelte den Kopf. Wäre das hier ein Horrorfilm, würde jetzt jemand rufen: Nicht rausgehen, du Idiotin!
Sie grinste – und öffnete die Tür einen Spalt.
Wie gut, dass ich nicht an Gespenster glaube.
Es klapperte wieder. War das am Wirtschaftsgebäude?
Sara schnappte sich entschlossen ihre gelbe Regenjacke, zog sich eine Wollmütze über ihre feuchten roten Locken und schob die Tür ganz auf. Der kalte Wind pfiff ihr um die Ohren, als sie einen Schritt nach draußen trat. Zitternd drehte sie eine Runde um den Hof und warf einen Blick in das Wirtschaftsgebäude. Nichts.
Na toll. Das darf ich auch niemandem erzählen.
Zurück im Turm hatte sie gerade ihre Jacke aufgehängt und sich eine zweite Tasse Kakao geholt, als sie wieder das leise Klappern hörte. Schritte? Sie drehte sich –
Und da war der Schlag. Hart, unerwartet.
Schmerz blitzte auf. Ihre Sicht verschwamm. Die Tasse zerbarst, Kakao spritzte auf den Boden. Ihre Knie gaben nach. Zwei schwarze Gestalten in Kapuzenpullis. Dann nur noch Dunkelheit.