Kapitel eins
Halloween
Halloween – mein absoluter Lieblingsfeiertag. Das mochte sehr nach Klischee riechen, weil ich ja eine Hexe war und so … aber manchmal muss man sich der Sache eben beugen. Ich war bei meiner Tante Judy aufgewachsen, die die Halloween-Zeit schon immer zur schönsten des Jahres machte. Und damit meine ich fliegende Süßigkeiten, brodelnde Kessel und die bezauberndsten Lichter in Hülle und Fülle. Nicht zu vergessen Süßes oder Saures! Im Leben einer Hexe ist alles ein bisschen verzaubert – war es da nicht völlig logisch, die große Eröffnung meiner Buchhandlung an diesem Tag zu feiern?
„Noch ein bisschen weiter nach links!“
Pretty Boy, mein Vertrauter und Kakadu, gab ein deutlich sichtbares Seufzen von sich.
„Jetzt sei nicht so, Boy! Du bekommst auch ein paar Extraleckers, wenn du durchhältst.“
Das würde mir noch ein paar weitere Minuten geben. Und siehe da: Er schlug voller Elan mit seinen weißen Flügeln und rückte die Kürbislichterkette weiter nach links.
„Perfekt!“ Ich klatschte in die Hände und lief nach vorn, um das Kabel entgegenzunehmen. „Du bist der Beste.“
Pretty Boy markierte die Stelle an der Wand mit einem kleinen Stück Kreide, das er im Schnabel hielt. Als er von der Decke zurück zu mir kam, strich ich sanft über sein Gefieder und drückte ihn kurz an mich. Ich liebte diesen Kerl. Außerdem hätte jeder andere Vertraute es niemals so lange mit mir ausgehalten.
Um meinen neuen Zauber zu trainieren, schloss ich die Augen und suchte meinen Fokus. Ich spürte der Kraft in mir nach und dachte mit einem kleinen Stups Überzeugung: „hoch“. Prompt setzte die Schwerkraft aus, und ich schwebte höher und höher, bis die Lichterkette direkt vor meinem Gesicht baumelte. Pretty Boy ließ das Kabel erneut in meine Hände fallen und hockte sich auf meine Schulter. Ich befestigte den Strang funkelnder Kürbisse und sprach ein leises Mantra, um sie in verschiedenen Farben leuchten zu lassen. Klar, ich hätte einfach die Lichterkette mit Farbwechsel kaufen können, aber wo blieb der Spaß dabei?
„Melissa Sneedle! Komm sofort da runter!“
Meine Konzentration fiel genau wie mein Zauber in sich zusammen, sodass ich unsanft aufs Parkett krachte und Pretty Boy kreischend aufflatterte.
„Aua!“ Ich stöhnte und rieb mir den Hintern. „Tante Judy! Alles war total in Ordnung, bis du meinen Fokus gestört hast!“
„Ach, es war ja wohl nur eine Frage der Zeit, bis das passiert wäre, Liebes“, schnaubte Tante Judy.
Ich biss mir auf die Zunge und rappelte mich vorsichtig auf, stützte mich dabei aber sicherheitshalber auf dem Tisch neben mir ab, der meine neueste Buchauslage trug. Natürlich drehte sich alles um Herbst und Halloween. Buntes Laub, Kaffee und Kuchen teilten sich den Tisch mit gemütlichen Krimis und ein paar paranormalen Detektivromanen. Daneben standen verschiedene Kessel, Kürbislaternen und Geister. Ich hatte noch weitere Bücherkollektionen nach Lust und Laune ausgestellt und dekoriert, und die Begeisterung, die mich erfasste, wenn ich sie ansah, ließ nie nach.
„Was führt dich hierher?“, fragte ich Tante Judy und schluckte meine Verärgerung über die Frau, die mich großgezogen und es immer nur gut gemeint hatte, herunter.
„Was meinst du mit herführen? Es ist Halloween, oder nicht?“
„Also, ja …“, begann ich, „aber heute Abend findet doch die große Eröffnung statt, deswegen dachte ich, dass wir unser Treffen auf danach verschieben.“
„Also ehrlich, Kind“, Tante Judy schnalzte mit der Zunge, „hast du gedacht, ich würde dich ganz allein dekorieren lassen? Es ist dein großer Tag, natürlich werde ich dabei sein! Also, erzähl: Was hast du geplant, und wo soll ich anfangen?“
Ich blickte sprachlos zu ihr rüber. Wie sollte ich ihr das erklären, ohne ihre Gefühle zu verletzen? Joe würde in ein paar Stunden herkommen. Wir wollten zusammen dekorieren und ganz viele Zaubersprüche wirken. Wir hatten sogar Snacks vorbereitet, und später würde Star noch mit Kaffee dazukommen. Ich freute mich schon die ganze Woche darauf. Meine Tante war großartig, und ich liebte sie von ganzem Herzen, aber mir war jetzt schon klar, dass ihr meine Ideen nicht gefallen würden … sie entsprachen nämlich nicht wirklich ihrem Geschmack.
„Oh! Ich weiß deine Hilfe sehr zu schätzen, aber Joe kommt später noch, weißt du.“
„Warum ist er nicht jetzt schon hier? Er wohnt doch über dem Laden, oder nicht?“ Tante Judy hob eine gepflegte Augenbraue.
Sie hatte recht, Joe wohnte über mir, während ich in einem Tiny House ganz in der Nähe lebte.
Ich seufzte. „Ja! Aber er hat auch einen Job und liefert gerade ein paar Zaubertränke aus. Er findet, dass es seinem Geschäft eine persönliche Note verleiht, wenn er die Bestellungen selbst vorbeibringt. Wir wollten zusammen alles dekorieren, wenn er zurück ist.“
„Ach, Papperlapapp. Du musst nicht erst auf Joe warten, er wird das schon verstehen.“ Tante Judy feuerte mir ihre Handtasche entgegen, die mich fast umhaute, als ich sie auffing. „Hier, lass mich die Party mal in Gang bringen.“
Meine Tante lächelte verschmitzt. Wenn sie freudig aufgeregt war, funkelten ihre Augen regelrecht. Sie warf ihr mahagonifarbenes Haar über die Schultern, straffte den Rücken und klatschte in die Hände. „Hach! Ich habe genau das Richtige für dich. Es wird dir gefallen!“
„Das ist gar nicht nötig.“ Doch meine Worte stießen auf taube Ohren, sie war jetzt sowieso nicht mehr aufzuhalten.
Tante Judy hatte längst die Augen geschlossen und bereitete den Zauber vor. Ich spürte die Veränderung in der Luft, und war das gerade ein Zucken ihrer Nase?
Es war jedes Mal beeindruckend, Tante Judy bei einem Zauber zuzusehen. Sie hatte diese natürliche Anmut und Autorität. Die Entschlossenheit in ihrem Gesicht und die schiere Kraft der Magie, die sie umgab, bewiesen, welche Macht diese Frau besaß.
Ich blinzelte und fand mich plötzlich in einem bunten Mix aus Fledermäusen, Kesseln und Kürbislaternen wieder. Wohin ich auch blickte, jede Ecke meines Ladens war voll im Halloween-Thema. Die kleinen Töpfe gurgelten und stießen Rauch aus, die Flügel der Fledermäuse bewegten sich hektisch auf und ab. Natürlich leuchteten die Augen und Münder der zierlich geschnitzten Kürbisse. Doch das Beste war der brodelnde Riesenkessel in der Mitte des Raumes, bis zum Rand mit Süßigkeiten gefüllt. Ich schüttelte den Kopf. Wie hatte sie das gemacht?
Die meisten Hexen würden für simple Dekorationen nicht so viel magische Kraft aufwenden. Aber wenn es etwas gab, auf das man sich verlassen konnte, dann dass Tante Judy nicht wie die meisten Hexen war. Niemand würde sie jemals als bescheiden bezeichnen, wenn es darum ging, Eindruck zu schinden. Bei ihr war jedes Detail perfekt.
Mein Laden sah spektakulär aus, fast wie eine Filmkulisse … und doch war es nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Sofort überkam mich ein schlechtes Gewissen. War ich so egoistisch?
„Das alles sieht großartig aus“, stammelte ich, „aber vielleicht ist es ein bisschen … viel.“ Schnell schaute ich zu Boden und mied Tante Judys Blick. „Ich hatte eher an etwas wie ‚Halloween Chic‘ gedacht.“
Meine Vision von sanfter Beleuchtung zwischen funkelnden Kürbislichtern, Herbststoffen und leckerer Kleinigkeiten löste sich in Luft auf. Mein Laden glich einem wandelnden, glitzernden Halloween-Festival. Ein cooles Festival, klar, aber nicht modern und raffiniert, wie ich es mir erhofft hatte.
„Halloween-was?“ Tante Judys Stimme rutschte eine Oktave höher. Sie runzelte die Stirn und strich ihren Rock glatt.
Ich schluckte. „Du weißt schon, chic. Ähm, also stilvoll mit einem Hauch Grusel. Ich wollte eigentlich etwas, das ein klein wenig eleganter ist.“
Ich brachte nicht mehr als ein quietschendes Flüstern heraus. Warum fühlte ich mich in der Gegenwart meiner Tante immer, als wäre ich wieder elf? Sie verdrehte die Augen und spazierte von Buchtisch zu Buchtisch. In meiner Drachenecke machte sie Halt, betrachtete nachdenklich eines der Bücher und legte es dann wieder zurück. Diese Auslage war mein großer Stolz – ganz zu schweigen von dem Spaß, den ich beim Zusammenstellen gehabt hatte. Ich liebte das Staunen in den Augen der Kinder, wenn sie ein Buch entdeckten, das nach großen Abenteuern aussah. Ich hatte gewusst, dass dieser Tisch spektakulär sein musste. Kinder brauchten einen Blickfang, um innezuhalten und zu stöbern. Ich fand, dass ich es perfekt hinbekommen hatte. Furchterregende Drachen in allen Farben zierten die Buchcover. Manche waren mutig und kämpften an der Seite des Helden, andere waren Bösewichte, die Flammen auf ahnungslose Ritter spuckten. Ein paar meiner besten Bilderbücher hatte ich in Ständer gesetzt, daneben auch Geschichten für Grundschüler und die Highschool. Viele waren nicht nur interessant, sondern auch wunderschön illustriert. Ich wollte, dass die Leute angezogen werden und sich auf die verschiedenen Geschichten einlassen. In der Mitte des Tisches thronte ein riesiger, bemalter Glasdrache. Es war ein fantastischer Fund aus einem Antiquitätenladen in der Nähe. Ich hatte sogar etwas Modeschmuck und Goldmünzen dazugelegt, damit es wie ein Drachenschatz aussah.
„Es werden auch Kinder mit ihren Eltern zur Eröffnung kommen, stimmt das?“ Tante Judy hob wieder einmal eine Augenbraue und tippte auf den Tisch mit dem Drachen.
„Oh ja!“ Ich hüpfte vor Aufregung auf der Stelle. „Ich kann es auch kaum erwarten. Ich habe ganz viele Süßigkeiten für die Kleinen vorbereitet und will die Eltern mit Schokolade und Buchvorstellungen hereinlocken.“
Tante Judy nickte. „Dann ist meine Dekoration sicherlich besser.“
Ich stöhnte. „Ich habe diese Veranstaltung den ganzen Monat lang geplant. Was ist denn an Halloween Chic so schlimm?“ Ich stemmte meine Hände in die Hüften.
„Hör zu: Ich weiß, wie lange du das schon planst. Aber du willst doch auch, dass die Kinder bleiben wollen. Mach den Laden spannend für sie, dann langweilen sie sich nicht. Wenn sie Spaß haben, überreden sie Mom und Dad, noch ein bisschen länger zu bleiben. Und ein längerer Aufenthalt bedeutet mehr Umsatz, bedeutet einen besseren Start für deinen Laden.“ Tante Judys Tonfall war derselbe, den sie immer benutzt hatte, als ich klein war und ständig Wutanfälle hatte. Er war beschwichtigend und nervig, und verdammt noch mal, sie hatte recht. Ich seufzte, über diese Sache würde ich niemals hinwegkommen.
„Wie machst du das immer?“
„Lebenserfahrung, Liebes.“
Sie tätschelte meine Schulter und ging zu Pretty Boy, der auf einem der Bücherregale hockte. Sie griff in ihre Tasche und holte eine Mischung aus Vogelfutter und etwas süßlich Duftendem hervor. Pretty Boy verschlang alles mit Freuden direkt aus ihrer Hand. Sogar mein Vogel war ein Verräter.
Kapitel zwei
Die große Eröffnung
„Es ist perfekt!“, rief Joe Macks, mein bester Freund.
Er blickte sich mit offenem Mund im Laden um.
„Danke“, murmelte ich, „aber das ist Tante Judys Verdienst, und das wird mich auf ewig verfolgen.“
„Hey, alles, was jetzt zählt, ist eine erfolgreiche Eröffnung. Und wenn schon? Du hast eine Familie, die dich liebt und sich um dein Wohlergehen sorgt.“ Joe zwinkerte mir zu.
Ich schmunzelte. „Okay, okay, du. Ich hab’s verstanden. Jetzt wechseln wir mal das Thema von meinem Dekorationsversagen zu etwas Aufregenderem: Wie findest du mein Kostüm?“
Ich drehte mich im Kreis und präsentierte mein lila Hexenkleid mit passendem Hut. Die Ärmel reichten bis zum Ellbogen, an den Säumen war schwarz-lila Spitze vernäht. Das ganze Kleid schimmerte und funkelte, ganz nach dem Geschmack des kleinen Kindes in mir. Natürlich wogte der Rock im Stil der 40er-Jahre, den ich so liebte. Um ehrlich zu sein, hatte ich das Kostüm schon vor Monaten auf einer Online-Kleider-Website gekauft. Es war so hübsch mit seinen fließenden Stoffen und den süßen Details. Das kleine Mädchen in mir tanzte vor Freude. Ich zupfte meinen spitzen Hexenhut zurecht und blickte Joe erwartungsvoll an.
„Vielleicht ein bisschen offensichtlich, oder?“ Joe lächelte.
„Eben! Wer würde da schon irgendwas vermuten? Wenn ich mich nicht einmal an Halloween als Hexe aufbrezeln kann, wo bleibt dann der Spaß?“
Joe warf die Hände in die Luft. „Gutes Argument, mein lieber Watson.“
„Oh nein, du bist Watson und ich Sherlock.“
„Wenn du meinst.“
Ich kicherte und strich mein rotbraunes Haar zurück – eine neue Farbe, an die ich mich immer noch nicht so ganz gewöhnt hatte. Mein früheres Sandblond hatte mich seit meiner Kindheit begleitet, deswegen hatte mich der drastische Wechsel zu Kastanienbraun ziemlich überrascht. Wer hätte gedacht, dass meine alte Haarfarbe bloß die Nebenwirkung eines mächtigen Zaubers gewesen war? Ein Zauber, unter dessen Einfluss ich offensichtlich nicht mehr stand. Und genau deshalb sahen meine Locken jetzt viel mehr wie die meines Vaters aus. Ich hatte mir noch nicht die Zeit genommen, mich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, aber irgendwann würde ich es tun müssen.
„Ich unterbreche euren netten Plausch nur ungern“, sagte Earl, Joes Vertrauter und schwarzer Kater, „aber vor deiner Tür steht eine Schlange aus Menschen. Sieht so aus, als wären die Massen gekommen.“
„Es gibt eine Masse!“, quietschte ich und spähte aus dem Fenster.
Tatsächlich warteten sehr viele Menschen draußen, besagte Schlange reichte die ganze Straße hinunter.
Joe schüttelte den Kopf. „Herr, hilf uns. Ich weiß jetzt schon, dass du die ganze Nacht total aufgekratzt sein wirst.“
Ich rannte zur Tür, mein wallendes Hexenkleid bauschte sich hinter mir auf. Jetzt war es wirklich so weit! Meine große Eröffnung – und schon jetzt wurden meine Erwartungen übertroffen. Mit vor Aufregung zitternden Händen schloss ich die Eingangstür auf, öffnete sie weit und trat beiseite, um die Gäste hereinzulassen. Kostüme in allen Arten, Größen und Farben strömten herein. Es gab kleine Geister, große Geister, wandelndes Essen, Prinzessinnen und böse Königinnen. Auch ein paar extrahässliche Hexen waren dabei – allerdings fand ich diese Darstellung schon immer beleidigend. Mal ehrlich, die meisten von uns waren überhaupt nicht hässlich?! Dennoch war ich entschlossen, jedem von ihnen eine faire Chance beim großen Eröffnungs-Kostümwettbewerb zu geben.
Der Andrang war größer, als ich mir jemals erhofft hatte. Zahlreiche Kinder, Eltern, Erwachsene und sogar eine Handvoll Teenager drängten sich herein. Als ich eine Frau entdeckte, die ein viktorianisches Kostüm trug, musste ich zweimal hinschauen. Das Outfit wirkte so echt, dass ich hätte schwören können, sie sei aus einer anderen Epoche angereist.
„Entschuldigen Sie bitte, meine Dame.“ Ihr elegantes blaues Kleid mit den Spitzenakzenten war atemberaubend, und ihre goldenen Locken waren zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt, die irgendwie altmodisch war, aber perfekt zum Kleid passte und ihr rundes Gesicht vortrefflich zur Geltung brachte.
„Willkommen bei ‚Geschichten aus der Schatzkammer’. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
Sie lächelte strahlend. „Ich hatte mich gefragt, ob es hier irgendwo eine Toilette gibt.“
„Natürlich! Gehen Sie bis ganz nach hinten durch, biegen Sie links ab, und dann können Sie es nicht verfehlen.“
„Vielen Dank.“
Meine Antwort wurde von einer kalten Brise unterbrochen, die hereinwehte, als Joe gerade die Eingangstür schloss. Im nächsten Moment drehte ich mich wieder um, doch die reizende Dame im viktorianischen Outfit war verschwunden.
Das Klima im Raum kühlte sich noch weiter ab, ein leichter Kälteschauer breitete sich schon auf meinen Armen aus. Hatte jemand am Thermostat herumgespielt? Bestimmt nicht. Ich schüttelte mich und rieb über meine Arme, um das Frösteln abzuschütteln. Als ich mich ein weiteres Mal umdrehte, stand ich plötzlich Nase an Kinn mit einem Fremden – einem Fremden, den ein langer schwarzer Umhang samt makellos sitzendem Anzug einhüllte.
Bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, beugte er sich vor, ergriff meine Hand und küsste sie. „Du bist die bezauberndste Hexe, die ich seit langer Zeit betrachten durfte.“
Seine volle, tiefe Stimme war so samtig-weich, dass ich mich darin hätte verlieren können. Dicht hinter meinem Ohr ertönte ein Räuspern, und im selben Moment platzte die seltsame, traumähnliche Blase, in der ich mich befunden hatte. Ein Blick über meine Schulter bestätigte, dass Joe hinter mir stand – und er sah nicht gerade begeistert aus.
„Ich bin Joe Macks.“ Er streckte seine Hand aus. „Wer bist du?“
Der Fremde erwiderte die Geste, gab Joe einen Händedruck und lächelte. Ich war geblendet von den perlweißen Zähnen des Fremden, besonders den beiden Eckzähnen, die deutlich länger waren als alle anderen.
„Mein Name ist Henry“, stellte er sich vor. „Es freut mich, euch kennenzulernen. Ich kam zufällig vorbei und sah die Menschenmenge. Also musste ich natürlich nachsehen, was der Grund für den Trubel ist.“ Damit wandte er sich wieder mir zu: „Und ich denke, ich habe ihn gefunden.“
Ich errötete.
„Also, Henry“, begann Joe und legte seinen Arm um meine Schultern, „schön, dass du vorbeikommen konntest. Der Laden ist definitiv etwas Bewundernswertes.“
Henry legte den Kopf in den Nacken und lachte. „Ja, der Laden ist bewundernswert – ebenso wie seine Besitzerin. Zumindest nehme ich an, dass du das bist?“
Er schenkte mir ein halbes Lächeln, das mich sofort wieder völlig aus der Fassung brachte. Wie konnte man so charmant sein? Als Joe mir in den Arm kniff, zuckte ich ertappt zusammen.
„Oh ja! Ich bin Melissa Sneedle, und das hier ist die Eröffnungsfeier von ‚Geschichten aus der Schatzkammer’.“ Ich machte eine ausladende Handbewegung, die den ganzen Laden umfasste. „Bitte, mach es dir bequem und schau dir die Bücher an. Falls du etwas nicht finden kannst, helfe ich dir gern.“
„Sehr herzlichen Dank.“ Henry nickte, wobei ihm eine seidig-schwarze Haarsträhne ins Gesicht fiel. Sie verdeckte sein Auge.
Wow, seine grünen Augen waren wunderschön. Ich lächelte dümmlich und vergaß völlig, das Gespräch am Laufen zu halten. Hinter mir seufzte es theatralisch. Mit einem letzten strahlenden Lächeln drehte Henry sich um und steuerte die historischen Romane an.
„Das war echt seltsam“, murmelte ich. „Auf einmal war es kalt, und jetzt ist es hier drinnen glühend heiß.“ Ich fächelte mir Luft zu.
„Das glaube ich sofort“, erwiderte Joe trocken. „Hör mal, geh bitte nirgendwo mit ihm allein hin.“
Ich drehte mich zu Joe um. „Und warum, bitte schön?“ Sofort stieg mir Röte ins Gesicht. „Nicht, dass ich das vorgehabt hätte, aber ich würde trotzdem gerne wissen, warum. Er ist immerhin ein Kunde, der meine Hilfe brauchen könnte.“
Joe hob eine Augenbraue. „Weil er ein Vampir ist.“
Kapitel drei
Vampir
Ich lachte. „Na ja, der Vampir ist hier offensichtlich nicht das einzige übernatürliche Wesen. Guck dir all die Geister, Kobolde und Hexen an.“
Ich deutete auf mein eigenes Outfit und raschelte mit dem glitzernden lila Stoff – woraufhin Joe sich bloß mit der Hand an die Stirn schlug.
„Jetzt mal ehrlich“, sagte er, „Das ist nicht nur ein Kostüm. Er ist wirklich ein Vampir.“
Joe blickte mir fragend in die Augen und verzog das Gesicht. „Bitte sag mir, dass du verstehst, was ich meine. Oder stehst du immer noch unter seinem Bann?“
„Moment.“
„Jetzt ist der Groschen gefallen.“ Joe warf die Hände in die Luft. „Gott sei Dank, ich dachte schon, das wird nie was.“
„Meinst du das ernst?“ Ich packte ihn am Ellbogen.
Joe nickte. „Ich schwöre, sonst darfst du mir einen Pfahl ins Herz rammen.“
Ich quietschte. „Ich wollte schon immer mal einen Vampir treffen!“
„Psst, sei leise.“ Joe brachte mich mit einem Blick zum Schweigen. „Was ist denn los mit dir? Dir hat man doch dieselben Geschichten erzählt wie mir, als wir aufgewachsen sind. Warum um alles in der Welt willst du dir so einen Ärger einhandeln?“
Doch bevor ich antworten konnte, öffnete sich die Eingangstür, und meine liebe Freundin Star stürmte herein. Sie brachte ein großes Tablett voller Leckereien und heißem Kaffee mit. Officer Ashley war auch dabei und half ihr beim Tragen. Joe und ich liefen rüber und hielten die Tür auf, bevor sie gegen Ashleys Schulter knallte.
„Hier, lasst mich helfen, Leute!“, sagte ich.
„Danke!“ Star drückte mir einen Becher Kaffee in die Hand und zwinkerte. „Das hier ist deiner, mit einer kleinen Spezialzutat.“
Ich hob die Tasse an meine Nase und atmete tief ein. Hmmm. War das Toffee-Nuss?
„Schickes Outfit übrigens“, sie pfiff durch die Zähne.
„Vielen Dank! Du errätst bestimmt nicht, was ich bin.“
„Nicht im Geringsten!“ Star lachte.
Wir brachten die Leckereien zu dem Tisch, den ich zuvor dekoriert hatte. Star war ziemlich talentiert, wenn es darum ging, Essen ansprechend herzurichten – ganz zu schweigen vom Zubereiten natürlich. Die Getränke, Kekse, Brownies und Süßigkeiten sahen allesamt köstlich aus, und es dauerte keine zwei Minuten, bis die Kunden sie entdeckten.
„Ich würde sagen, dein Essen ist ein Volltreffer. Das dürfte die Verlosung des Hauptpreises noch spannender machen“, flüsterte ich Star zu.
„Hey, je mehr Kunden du hast, desto mehr probieren meine Snacks. Das ist ein klares Win-Win. Hast du die kleinen Kärtchen gesehen, die ich in die Kekspackungen gelegt habe?“
Ich griff nach einer der hübschen Keksschachteln und betrachtete das dunkelorange Band, mit dem sie verschnürt waren. Eine Karte mit der Aufschrift „Gypsy Star Kaffeebar – wo deine Getränke und Leckereien immer überzeugen“ war daran festgemacht.
Ich kicherte. „Vielleicht solltest du mir auch ein paar Visitenkarten für den Laden gestalten.“
„Ähm, Entschuldigung“, sagte eine leise Stimme irgendwo auf Höhe meines Knies.
Ich schaute nach unten und lächelte. Ein Junge im Drachenkostüm, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, zupfte an meinem Rock, um meine Aufmerksamkeit zu erregen.
„Wie kann ich dir helfen, Herr Drache?“
„Rooaaaar!!!“
Ich zuckte zusammen. „Oh nein! Hilfe, Hilfe! Der Drache ist gekommen, um die Hexe zu verschlingen!“ Ich legte meine Hand an die Stirn und sank theatralisch in mich zusammen. Vorsichtig öffnete ich ein Auge und sah, wie der kleine Drache sich eine der Leckereien vom Tisch angelte. Dann huschte er davon, lachte und rief: „Ich hab’s geschafft! Ich hab die Hexe erschreckt!“
Die Kinder um ihn herum kicherten fröhlich, als er die kleine Schachtel mit Keksen öffnete und sie verteilte. Offensichtlich hielten seine Freunde ihn für den mutigsten Drachen, den sie je gesehen hatten.
„Ich würde sagen, da hat jemand Spaß.“ Ich lachte und richtete mich wieder auf. „Aua, mein Rücken. Vielleicht habe ich ein bisschen zu viel Schwung in meine Ohnmacht gelegt.“
Ich neigte mich zu beiden Seiten und streckte meine schmerzenden Muskeln.
Star grinste. „Ich finde, das war genau die richtige Menge Schwung. Schau dich doch mal um, Mädchen: Deine Eröffnung ist spektakulär! Ich sehe mindestens fünf Leute, die ihre Körbe mit deinen Büchern füllen.“
Ich drehte mich um und ließ alles zum ersten Mal auf mich wirken. Star hatte recht. Mein Herz füllte sich mit Wärme. Ich war die ganze Zeit so unsicher gewesen, aber jetzt, wo ich die glücklichen Gesichter der Menschen sah … atmete ich erleichtert durch.
Und genau in diesem Moment flog die Tür auf, und laute Schreie ertönten.