Kapitel eins
Ruby
„Hier sind Ihre Schlüssel. Ich wünsche Ihnen dreien eine wunderschöne Zeit in Ihrem neuen Zuhause!“ Benton Shepherd schenkt mir sein gewinnendes Verkäuferlächeln, reicht mir den Schlüsselanhänger und dreht sich dann zu meinen beiden Kindern um, um ihnen gleichzeitig ein High-Five zu geben.
Er ist selbstsicher, knapp an der Grenze zur Arroganz. Er ist alles, was man von einem Immobilienmakler aus einer Kleinstadt erwartet, und sein jungenhaft gutes Aussehen spielt ihm dabei ordentlich in die Karten. Meine Tochter scheint das, ihrem dämlichen Grinsen nach zu urteilen, ebenfalls bemerkt zu haben. Pech für sie, dass er ungefähr doppelt so alt ist wie sie. Glück für mich, dass das gesetzliche Schutzalter in Wyoming bei siebzehn liegt. Ein Jahr älter, als sie derzeit ist. Warum steht Mory immer auf ältere Typen?
Mach dir nichts vor, Ruby, das hast du mit sechzehn auch.
„Mory, wie wäre es, wenn du deinen Bruder nach oben bringst? Ihr könnt euch eure Zimmer aussuchen“, schlage ich vor, um sie aus ihrer Schwärmerei zu reißen.
Sie stößt ein typisches Teenagerstöhnen aus, versteht aber den Wink, dass ich sie und Cameron kurz loswerden will. Dann dreht sie sich um, packt ihren Bruder am Kragen und zieht ihn mit sich die Treppe hinauf.
„Hey, sei nicht so grob mit deinem Bruder!“, rufe ich ihr hinterher, als er sich wehrt und versucht, sich aus ihrem Griff zu winden.
Benton lacht und atmet tief durch. „Kinder, hm?“
„Haben Sie welche?“, frage ich, immer auf der Suche nach Geschichten über Kinder, die noch schlimmer sind als meine eigenen.
„Gott, nein!“, platzt es aus ihm heraus, dann fängt er sich wieder. „Ich meine, noch nicht. Aber die beiden sind toll. Die werden’s hier in Lonerock bestimmt lieben. Wann geht für sie die Schule los?“
„In zwei Wochen. Mory geht nach Burwell und Cameron kommt in die dritte Klasse der Whitehill-Grundschule.“
„Hey, ich war als Kind auch auf der Whitehill. Ich wette, die knurrige alte Mrs Cranston unterrichtet noch immer dort.“ Er verzieht das Gesicht.
„Ist es so schlimm?“, frage ich und bemerke, dass er nichts Negatives über die Stadt gesagt hat, als er mir das Haus noch verkaufen wollte.
„Oh, nein, nein“, sagt er mit seinem Verkäuferlächeln. „Es ist eine wunderbare Schule. Aber Sie kennen ja solche Kleinstädte. Lehrer bleiben hier meistens ziemlich lange. Und ich wette, Mrs Cranston unterrichtet dort schon seit dem 19. Jahrhundert.“ Er lacht.
Ich bin sicher, das ist ein Witz, den er und seine Freunde schon auf dem Schulhof gerissen haben. Aus dem Mund eines Mannes in den Dreißigern wirkt er allerdings ziemlich kindisch. Trotzdem lache ich höflich.
„Nun, Benton, ich glaube, die Kinder und ich würden uns jetzt gern erst einmal einrichten“, deute ich an, in der Hoffnung, dass er geht, bevor Mory wieder herunterkommt und ihn weiter anhimmelt.
Wir haben gestern im Büro den Vertrag abgeschlossen. Jetzt, wo ich die Schlüssel habe, frage ich mich ehrlich gesagt, warum er immer noch hier herumsteht. Heute ist ein großer Tag für mich, und ich freue mich darauf, endlich mit meinen Kindern allein zu sein und herauszufinden, wie sie wirklich über den Umzug denken.
Heute habe ich als Alleinerziehende einen riesigen Meilenstein erreicht. Nach drei Jahren, in denen ich von einer Mietwohnung in die nächste gezogen bin, gehört mir endlich das Haus Nummer 168 in Forest Grove: ein salbeigrünes Haus mit drei Schlafzimmern, weißen Fensterläden, einem großen Garten und einer Garage. Zumindest sah es im Internet so aus.
Ich konnte es mir nur leisten, weil es dringend renoviert werden muss. Mit seinen gemusterten Teppichen und der von der Sonne ausgeblichenen Tapete scheint es noch immer in den Achtzigern festzustecken, während die übrigen Häuser in Forest Grove längst renoviert wurden.
Das stört mich allerdings überhaupt nicht. Endlich habe ich ein eigenes Zuhause und damit auch die Stabilität, die ich meinen Kindern so lange nicht bieten konnte. Ich bin bereit, jede Menge Arbeit in dieses Haus zu stecken, damit daraus ein richtiges Zuhause wird, ganz egal, wie lange es dauert.
Benton redet weiter über irgendein halbjährliches Nachbarschaftstreffen, während wir zur Tür gehen. Da fällt mir ein, dass ich ihn noch gar nicht nach einer Alarmanlage gefragt habe.
„Gibt es hier eine Alarmanlage, für die ich einen Code brauche?“
Benton schüttelt den Kopf. „Nein, aber Sie wohnen jetzt in einer der sichersten Straßen des Landes. Ich wohne selbst ganz in der Nähe, in der Abbey Street, und bei uns gibts ein SMS-Warnsystem für die ganze Nachbarschaft. Da sind bestimmt rund vierhundert Leute dabei. Ich füge Sie einfach hinzu. Aber mal ehrlich: Das Schlimmste, was hier wahrscheinlich passiert, ist höchstens ein Klingelstreich.“ Er lacht.
Das beruhigt mich ein wenig. Nach der Scheidung bin ich zuerst in eine schäbige Wohnung im dritten Stock gezogen, mit Blick auf einen Park, in dem sich Vandalen und Junkies herumtrieben. Eine ruhige Nachbarschaft, in der die Leute aufeinander aufpassen, ist genau das, was ich mir wünsche.
Draußen spüre ich die spätsommerliche Sonne auf meinem Gesicht, während ich Benton zu seinem roten Ford Mustang begleite. Zum Abschied schüttle ich ihm die Hand.
„Ruby Blake, es war mir ein Vergnügen. Rufen Sie mich ruhig an, wenn Sie irgendwas brauchen, okay?“
Ich blinzle leicht gegen die Sonne, die sich auf seinen strahlenden Zähnen spiegelt. „Vielen Dank, Benton.“
Ich warte, bis er losgefahren ist. Dann drehe ich mich um und sehe eine Nachbarin, die mich anstarrt. Sie sitzt auf ihrer Veranda im Schatten. Ich kann ihr Alter nicht genau einschätzen, aber ihr Gesicht ist von tiefen Falten durchzogen, und ihr graues Haar fällt ihr locker über die Schultern.
„Hallo.“ Ich winke. „Wir sind heute eingezogen.“
Ich bin mir sicher, dass ich laut genug gesprochen habe, damit sie mich hören konnte. Doch die Frau antwortet nicht. Sie verzieht das Gesicht, senkt den Blick auf die Zeitschrift vor sich und ignoriert mich einfach.
Nette Frau.
Drinnen finde ich die Kinder im Obergeschoss. Mory telefoniert, während Cameron aus dem Fenster in den Garten schaut.
„Dad“, formt Mory lautlos mit den Lippen und deutet auf das Handy an ihrem Ohr.
Ich bin überrascht, dass Aaron sich erst jetzt meldet. Er hat die Kinder vor über fünf Stunden zum Flughafen gebracht, und normalerweise ruft er an, sobald sie gelandet sind, um sicherzugehen, dass sie gut bei mir angekommen sind. Mory hat eine Tracker-App auf ihrem Handy, damit er genau sehen kann, wann sie ankommen. Er ist ein guter Vater. Ich habe wirklich Glück.
„Ja, ist okay“, sagt Mory. „Auf jeden Fall besser als das letzte Haus. Willst du mit ihr reden? Sie ist hier.“
Ich fuchtle mit beiden Armen und forme lautlos ein „Nein“, aber sie hält mir das Handy schon vors Gesicht. Mir bleibt nichts anderes übrig, als es zu nehmen.
„Hi, Aaron. Wie gehts?“, sage ich zu meinem Ex-Mann und werfe meiner Tochter einen finsteren Blick zu, während sie sich über mich kaputtlacht.
„Hey, Ruby. Mory hat mir erzählt, dass du gerade die Schlüssel für dein neues Haus bekommen hast?“
„Ja. Ich wollte warten, bis die Kinder wieder da sind, damit wir alle gleichzeitig einziehen können. Sie haben übrigens erzählt, dass sie einen tollen Sommer bei dir und Caitlyn hatten. Danke, dass sie bei euch sein durften.“
„Dafür musst du mir nicht danken, Ruby. Es sind schließlich meine Kinder“, sagt er, ohne seinen Ärger ganz verbergen zu können. „Und nichts tun wir lieber, als sie hier bei uns zu haben. Wir freuen uns schon auf Weihnachten.“
So haben wir das Sorgerecht aufgeteilt: Die Sommerferien und Weihnachten verbringen die Kinder bei Aaron in Arizona, den Rest des Jahres bei mir. Natürlich ist es nicht ideal, zwei der wichtigsten Zeiten des Jahres ohne sie zu verbringen. Aber so funktioniert es für uns beide, und ich hatte dadurch den ganzen Sommer Zeit, unsere Mietwohnung aufzulösen und nach einem Haus zu suchen.
Mory und Cameron flehten mich an, etwas in der Nähe unserer alten Wohnung zu finden, damit sie nicht schon wieder die Schule wechseln mussten. Genau das habe ich auch versucht. Leider konnte ich mir dort nichts leisten, also musste ich meinen Suchradius erweitern.
So stieß ich auf die Anzeige für dieses Haus. Als ich zur Besichtigung rausfuhr, hatte Benton mich schnell überzeugt. Er erzählte, die Eigentümer seien schon vor ein paar Jahren weggezogen, und deshalb habe es eine Weile gedauert, bis das Haus auf den Markt gekommen sei.
Natürlich wusste ich, dass ich die Kinder damit schon wieder aus ihrem gewohnten Umfeld reißen würde. Und dass jede Menge Renovierungsarbeit auf mich wartete. Aber ich hatte kaum eine Wahl. Das Haus liegt in einer tollen Gegend, und vor allem konnte ich es mir leisten. Bis die Kinder von Aaron zurückkamen, waren es nur noch ein paar Wochen. Also habe ich zugeschlagen.
„Weißt du, ich finde es wirklich toll, dass du einen Ort gefunden hast, an dem du sesshaft werden kannst. Einen Ort, den die Kinder ihr Zuhause nennen können. Ich glaube, all das Hin und Her und die Schulwechsel waren hart für sie“, sagt Aaron.
Ich fasse das nicht als Seitenhieb auf. Er spricht nur aus, worüber ich mir selbst in den letzten drei Jahren ständig Gedanken gemacht habe. Wir sind zwar getrennt, aber wir wollen beide immer noch das Beste für die Kinder.
Ich gebe das Handy an Mory zurück. Sie verspricht ihrem Vater, ihn oft anzurufen und ihm zu schreiben, bevor sie es an Cameron weiterreicht. Der rennt sofort aus dem Zimmer, um schon wieder mit seinem Dad zu sprechen, obwohl sie erst seit ein paar Stunden getrennt sind.
Ich weiß, dass der Kleine mich lieb hat. Aber im Sommer habe ich jeden Tag angerufen, um nach ihnen zu sehen, und von Cameron kam meistens kaum mehr als ein hastiges „Hallo“. Er war viel zu beschäftigt damit, zum Pool zu rennen oder den ganzen Tag draußen herumzutoben. Ich will nicht behaupten, dass es nicht ein bisschen wehtut, wie viel lieber er mit seinem Vater telefoniert.
Jetzt, wo wir allein sind, lege ich Mory die Hände auf die Schultern.
„Also“, frage ich, „wie findest du das Haus?“
„Es ist … okay.“
„Nur okay? Komm schon! Da ist ein riesiger Garten, und du hast endlich dein eigenes Zimmer. Kein Teilen mehr mit Cam. Und du kannst es so gestalten, wie du willst. Streich es schwarz, streich es pink, bemal die ganzen Wände mit einem Edding, pflaster jeden Zentimeter mit Postern zu. Ganz wie du willst!“
Morys Gesicht verzieht sich. „Schon gut, Mom. Das Weiß ist okay.“
Kaum habe ich angefangen, mich auf das Chaos und die Unberechenbarkeit eines Teenagers einzulassen, ist meine Tochter plötzlich die Vernünftige. Wann genau haben sich die Rollen eigentlich vertauscht?
Kapitel zwei
Mory
Mom gibt sich echt viel zu viel Mühe. Als sie uns heute vom Flughafen abgeholt hat, hat sie mit einem riesigen Willkommensschild auf uns gewartet, das sie selbst mit Glitzerstiften und aufgeklebten Luftschlangen gebastelt hat. Es war so kitschig, dass es fast schon wieder süß war.
Ich glaube, sie überkompensiert nur, weil wir den ganzen Sommer bei Dad und Caitlyn waren. Jetzt macht sie sich wahrscheinlich Sorgen, dass es uns dort besser gefällt. Tut es auch. Aber ich werde ihr ganz bestimmt nicht das Herz brechen und ihr das sagen.
Bei Dad und Caitlyn helfen wir jeden Abend beim Kochen an ihrer großen Kücheninsel aus Marmor, hören Musik und albern als Familie herum. Dad sagt immer, an einer Kücheninsel entsteht eine Art Alchemie, die man nirgendwo sonst nachmachen kann. Und ich glaube, er hat recht.
Hier jedenfalls ganz bestimmt nicht.
Denn was Mom Cameron und mir heute als „Pizza-Party“ verkauft hat, ist in Wirklichkeit nichts anderes als Lieferessen auf dem staubigen Wohnzimmerteppich.
„Tut mir leid, Leute. Die Möbel und unsere Kisten sollten morgen hier sein. Die Umzugsfirma hat den falschen Tag erwischt“, erklärt Mom.
„Worauf sollen wir schlafen?“, fragt Cam.
„Ich habe vorhin drei Luftmatratzen gekauft, also wird es ein bisschen wie Camping“, sagt sie mit einer Begeisterung, die sie vermutlich selbst nicht ganz glaubt.
Cameron stöhnt laut auf, und ich verpasse ihm einen kräftigen Ellbogenstoß. Ich sehe sofort, dass Mom versucht, uns den Umzug hierher leichter zu machen. Aber Cameron ist erst acht und denkt wie immer nur an sich.
„Aua! Mom, Mory hat mich gerade mit dem Ellbogen gestoßen!“
„Mory, lass ihn in Ruhe! Er ist halb so alt wie du, um Gottes willen!“, ruft Mom. Dann presst sie die Augen fest zu und atmet langsam aus. „Tut mir leid. Tut mir leid, Leute, ich wollte nicht schreien.“
Cameron und ich sagen nichts, und wir drei essen schweigend unsere Pizza weiter.
„Und, wie fühlt ihr euch damit, auf eine neue Schule zu gehen?“, fragt Mom nach einer gefühlten Ewigkeit.
Cameron zuckt unbeeindruckt mit den Schultern. „Gut.“
„Und du, Mory?“ Mom wendet sich mir zu.
Schrecklich. Furchtbar. Als würde ich lieber sterben, als schon wieder das neue Mädchen an noch einer Schule zu sein.
„Ja, gut“, sage ich.
„Gut, gut“, sagt Mom, und dann verfallen wir wieder in Schweigen.
Das ist inzwischen meine vierte Schule in ebenso vielen Jahren. Früher habe ich mich jedes Mal beschwert, wenn wir umgezogen sind. Ich habe Mom angeschrien und ihr gesagt, dass ich bei Dad leben will. Dass ich sie hasse. Dass ich nicht zur Schule gehen würde und sie mich nicht dazu zwingen kann. Aber irgendwann habe ich mich immer beruhigt und mich mit der neuen Situation abgefunden, bis wir im Jahr darauf wieder umzogen und alles von vorne losging. Ich glaube, damals habe ich gar nicht richtig gesehen, was Mom durchmachte. Ich habe nur gesehen, was mir passierte. Dann fand ich sie eines Tages weinend in ihrem Auto, und als ich sie fragte, was los sei, sagte sie, sie halte sich für eine beschissene Mutter und Cam und ich hätten etwas Besseres verdient als das, was sie uns geben könne. Ich glaube, diese Worte haben etwas in mir verändert, denn seitdem bin ich vorsichtiger mit dem, was ich zu ihr sage. Es hat etwas an sich, seine Mutter weinen zu sehen. Es ist wirklich verstörend. Ich schätze, irgendwann erkennt jeder, dass die eigene Mutter auch nur ein Mensch ist, genau wie alle anderen.
Also, ich bin froh, dass sie ein dauerhaftes Zuhause für uns gefunden hat und wir nicht mehr umziehen müssen. Aber ich werde ihr auf keinen Fall die Wahrheit sagen: dass dieses Haus ein altes, muffiges Museum in einer stinklangweiligen Stadt ist und ich Dads Haus jetzt schon vermisse.
Nachdem wir die Pizza aufgegessen haben, führt Mom uns durchs Haus und zeigt uns alles, was sie ändern will. „Die Teppiche kommen raus. Der Vinylboden in der Küche und den Badezimmern auch“, erklärt sie, als wir in die Küche gehen. „Und ich werde wahrscheinlich alle Türen streichen und neue Beschläge anbringen.“
Ich nicke, als würde mich das alles interessieren, und höre zu, wie sie sich in viel zu viele Details über Küchenschränke und die Regale in der Speisekammer verliert.
„Wie lange dauert das alles?“, frage ich, als sie fertig ist. „Weißt du, bis dieses Haus … normal aussieht?“
Sie überlegt kurz. „Ich glaube, wenn ich mich richtig reinhänge, könnte ich es in etwa einem Jahr oder so schaffen. Es ginge schneller, wenn ich es mir leisten könnte, Leute dafür zu bezahlen, aber ich finde, so ist es besser. Irgendwie befriedigender. Und ihr könnt auch ein bisschen mithelfen, wenn ihr Lust habt.“
„Nein danke. Ich würde dir nur im Weg stehen“, sage ich.
„Kann ich die Teppiche rausreißen?“, fragt Cameron, bereit, sofort loszulegen.
Mom lacht. „Klar! Aber jetzt noch nicht. Ich denke, wir machen das wahrscheinlich einen Raum nach dem anderen.“
„Hilft Benton auch mit?“, fragt Cameron.
Mom lächelt noch, doch dann verschwindet das Lächeln wieder. „Benton Shepherd? Der Immobilienmakler?“
„Ja, der Typ, der vorhin hier war“, sagt Cameron.
„Oh nein, Schatz. Er war nur für den Verkauf des Hauses zuständig. Da jetzt alles abgeschlossen ist, kommt er nicht mehr zurück“, erklärt Mom.
Der hoffnungsvolle Blick in Camerons Augen verblasst und weicht der Enttäuschung. „Oh. Okay.“
Ich versuche, meinen Gesichtsausdruck neutral zu halten, aber mir geht es genauso. Der Typ sah aus wie ein Filmstar. Total braun gebrannt, und jedes Haar auf seinem Kopf saß perfekt. Ich behalte das aber für mich, da Mom mir sonst nur einen Vortrag darüber halten würde, dass ich mir einen Jungen in meinem Alter suchen soll, statt mich ständig in jemanden in den Zwanzigern oder Dreißigern zu verknallen. Ich glaube, sie hat vergessen, wie sechzehnjährige Jungs so sind. Warum sollte ich mich jemals für sie interessieren? Sie sind genauso unreif wie Cameron, manchmal sogar noch schlimmer. An meiner alten Schule drehte sich bei den Jungs alles entweder um Sport oder Videospiele. Als wäre das ihre ganze Persönlichkeit.
„Tut mir leid, dich zu enttäuschen, Kleiner, aber Benton wird uns bei der Renovierung nicht helfen. Er kümmert sich nur um den Verkauf“, sagt Mom.
„Ich mochte ihn. Hast du sein Auto gesehen? Das rote? Es sah aus wie ein Rennwagen. Das war das Coolste überhaupt“, schwärmt Cameron.
Ich habe Cam vorhin Bentons Auto anstarren sehen, und ich muss zugeben, dass ich wohl auch ein bisschen gesabbert habe. Das Ding muss ein Vermögen gekostet haben.
Mom rollt mit den Augen. „Tja, Benton würde sich sicher freuen, das zu hören. Aber ich glaube kaum, dass er beim Autokauf achtjährige Jungs beeindrucken wollte. … Hoffe ich jedenfalls.“
Ich lache, aber Cameron scheint den Witz nicht zu verstehen.
Als es dunkel wird, holen wir die Luftmatratzen aus dem Auto und bauen sie in unseren leeren Schlafzimmern auf. Mom wirkt ein bisschen bedrückt, als sie Camerons Bett aufbaut, und ich habe das Gefühl, dass sie wieder diese Gedanken hat. Die Gedanken, die ihr sagen, dass sie nicht gut genug für uns ist. Dass sie eine beschissene Mutter ist.
Ich trete zu ihr, lege die Arme um ihre Taille und lehne den Kopf an ihre Schulter.
„Ich hab dich vermisst, Mom.“
Ich spüre, wie sie tief einatmet und auf diese seltsame Art an meinen Haaren riecht, wie sie es immer tut.
Ihre Stimme klingt ein wenig brüchig. „Ich hab dich auch vermisst, Baby.“