Leseprobe Polarküsse im kleinen Trödelladen

Kapitel 1

LUNA

„Hey, Sie können hier nicht einfach reinplatzen – wir haben geschlossen!“, sagt ein Mann laut aus dem Halbdunkel.

Huch! Ich zucke vor Schreck zusammen, die Klinke der zugezogenen Tür noch in der Hand. Wieso ist hier jemand?

Ich starre den Fremden perplex an, als er näherkommt. Vor mir steht auf einmal ein Kerl, der aussieht, als hätte er die letzten Stunden nicht in diesem Trödelladen, sondern in einer Tischlerei verbracht: Sägespäne im dunklen Haar, einen Schraubenzieher in der einen Hand, in der anderen ein Lappen, der mal weiß gewesen sein muss. Jetzt schaut mich der Kerl an, als gehöre dieses Geschäft ihm. Was es nicht tut. Es gehört nämlich mir! Neuerdings.

Falls das hier die übliche Begrüßung in Strandvig ist, verstehe ich gerade einmal mehr, warum der Ort auf keiner meiner Wunschlisten steht.

„Doch, kann ich“, entgegne ich selbstbewusst. „Das ist mein Laden.“

Der Kerl zieht scharf die Luft ein, während ich nähertrete und mich umschaue.

„Dann sind Sie also Luna Beck.“

Er spricht meinen Namen aus, als wäre er ein Fleck auf einem sonst sauberen Tisch. Ich bleibe stehen, mitten im Verkaufsraum, zwischen einer Standuhr, die nicht mehr tickt, und einem Sessel mit grünem, abgenutztem Bezug. Ein bestimmter Geruch schlägt mir entgegen. Altes Holz, dazu Bienenwachs vielleicht, auf jeden Fall auch ein Hauch von etwas Süßem, das ich nicht weiter zuordnen kann. Staub liegt in der Luft und tanzt in dem einen Lichtstrahl, der es durch die verhangene Fensterscheibe schafft.

Sechs Stunden bin ich unterwegs gewesen. Zug, Bus, dann diese Fähre, die so klein war, dass ich bei jeder Welle den kalt werdenden Kaffee in meinem To-go-Becher habe schwappen sehen. Dänemark besteht aus über 400 Inseln und verfügt dementsprechend über ein gut ausgebautes Schiffsverkehrsnetz, aber ich musste natürlich auf der Fähre landen, die am stärksten schaukelt. Ich habe an der Reling gestanden, die Küste ist näher gekommen, grau und flach und fremd, und ich habe mir eingeredet, dass das hier eine Sache von wenigen Tagen ist. Rein, sortieren, verkaufen, raus. Zurück nach Kopenhagen, wo mein Leben auf mich wartet. Wo meine Auftraggeber auf mich warten. Wo ich weiß, wie die Dinge laufen, und von wo ich ja auch gar nicht weg will.

Nach dieser Odyssee hätte ich einen fruchtigen Tee, eine Heizung und fünf Minuten ohne Überraschungen verdient. Stattdessen bekomme ich einen Trödelladen voller Schatten und einen Mann, der offenbar persönlich darüber wacht. Denn jetzt steht hier auf einmal dieser Kerl, der ungefähr in meinem Alter sein muss, Ende zwanzig, und schaut mich an, als hätte ich etwas gestohlen.

„Und Sie sind?“, frage ich und bin jetzt schon von ihm genervt. „Was machen Sie überhaupt hier?“

„Ich bin Elias.“ Er lässt den Lappen auf die Werkbank fallen, die er sich offenbar quer durch den halben Verkaufsraum aufgebaut hat. „Elias Ravn. Ich habe für Astrid gearbeitet.“

Astrid. Der Name trifft mich immer noch mit einer Wucht, auf die ich nicht vorbereitet bin. Meine Großtante, die ich das letzte Mal gesehen habe, als ich sieben war. Eine Frau mit warmen Händen und einem Lachen, das eigentlich zu laut war für ihren kleinen Körper. Ende Oktober ist sie leider gestorben. Ein Anruf, ein Notar mit dem Nachnamen Krogh, ein Umschlag mit einem Schlüssel. Und die Erkenntnis, dass ich die Einzige bin, die übrig ist, um ihren Laden strandvigs stue an der dänischen Küste zu erben.

„Gearbeitet“, wiederhole ich. „In der Vergangenheit. Der Laden gehört jetzt aber wie gesagt mir. Das heißt, streng genommen arbeiten Sie hier nicht mehr.“

Ich weiß selbst, dass das hart klingt. Aber ich bin müde, ich bin überrumpelt, meine Schultern brennen etwas von der vollgepackten Reisetasche, die ich dabeihabe, und dieser Fremde hat mich in der Sekunde, in der ich angekommen bin, mit einem unfreundlichen Verbot begrüßt. Da rutscht mir die Schärfe eben raus – ich passe mich nur an.

Er verschränkt die starken Arme vor der Brust. Unter dem hochgekrempelten Ärmel spannt sich ein Unterarm, an dem man sieht, dass er mehr tut, als Schrauben zu drehen. Ich zwinge meinen Blick zurück auf sein Gesicht, und es ärgert mich, dass es so … perfekt gezeichnet ist. Leider besitzt er genau die Sorte Körper, die meine Aufmerksamkeit auch dann einfängt, wenn der dazugehörige Mann mich innerhalb von dreißig Sekunden auf die Palme bringt. Das ist ausgesprochen unpraktisch.

„Wissen Sie überhaupt, was Sie da geerbt haben?“, will er dann auch noch von mir wissen, in seinem selbstgefälligen Ton, der mir erst recht sauer aufstößt, aber ich versuche, gelassen zu bleiben.

„Einen Antiquitätenladen.“ Ich lasse die Tasche von der Schulter gleiten. Sie landet mit einem dumpfen Laut auf den Dielen. „Der einen Käufer braucht, der sich um ihn kümmert. Und den werde ich in den nächsten paar Tagen finden.“

Etwas in seiner Kieferpartie arbeitet. Als würde er einen Fluch runterschlucken, den er hinterher bereuen könnte.

„Aha. Sie wollen Astrids Laden verkaufen.“ Es ist keine Frage.

„So schnell wie möglich“, bestätige ich. „Ich lass das Ding schätzen, finde jemanden, der es übernimmt, und dann bin ich wieder weg. Ich will niemandem Ärger machen, okay?“

Das Wort Ding hätte ich mir sparen sollen. Das erkenne ich sofort an seiner Mimik. Etwas zuckt über sein Gesicht, ein Riss, kurz nur, dann ist er wieder zu. Er kommt noch einen Schritt näher, und spätestens jetzt ist der Raum zwischen uns kleiner, als mir lieb ist. Elias Ravn riecht nach Holz und nach etwas Herbem, Harz vielleicht, und ich hasse es, dass ich das überhaupt registriere. Mein Körper reagiert auf seine Nähe schneller, als mein Verstand sie als unerwünscht abstempeln kann. Unter anderen Umständen wäre dieser Abstand vielleicht aufregend, aber unter den gegebenen macht er mich nur noch angriffslustiger.

„Das Ding“, sagt er mit tiefer und nun auch rauer Stimme, „hat Astrid mit ihren eigenen Händen aufgebaut. Jahrzehntelang. Jedes Stück hier drin hat eine Geschichte. Der Sekretär da hinten zum Beispiel, der stammt aus einem Pfarrhaus bei Ribe. Die Uhr, an der Sie gerade fast hängengeblieben wären, hat sie von einem Kapitän gekauft, der sein Haus auflösen musste. Aber ja. Nennen Sie es ruhig ein Ding.“

Ich öffne den Mund. Und schließe ihn wieder, ohne etwas von mir gegeben zu haben.

Denn ich habe nichts. Zumindest nichts Konstruktives. Jeder weitere Schlagabtausch mit diesem verständnislosen Idioten, der sich doch sowieso schon sein Urteil über mich gebildet hat, ist bloß weitere Zeitverschwendung. Ich habe einen Schlüssel und eine Liste mit Dingen, die ich erledigen muss, bevor ich zurückkann. Was ich nicht habe, sind 40 Jahre in diesem Raum – und das muss man von mir auch nicht erwarten, nur um seine schlechte Laune an mir auszulassen!

„Ich kannte meine Großtante leider kaum“, gebe ich schließlich zu.

„Nun“, erwidert er, „das ist nicht zu übersehen.“

Autsch. Ich komme ihm entgegen, und er tritt trotzdem auch noch nach? So ein Rüpel!

Sein Konter trifft mich härter, als ein Fremder das Recht dazu haben sollte. Für einen Moment bin ich wieder sieben und verstehe nicht, warum Astrid nach ihrem damaligen Besuch bei meinen Eltern für immer aus meinem Leben verschwunden ist.

Ich sollte wütend sein. Ein Teil von mir ist es ja auch. Aber ein anderer, leiser Teil registriert, dass er nur etwas verteidigen will, und das ärgert mich vielleicht noch mehr als seine unhöfliche Bemerkung selbst.

Ich hole Luft und beschließe, das hier anders anzugehen. Ich bin 27 Jahre alt und ich verhandle für mein Leben gern mit Auftraggebern, die mir erklären wollen, wie mein eigener Beruf funktioniert. Da kann ich auch mit einem grantigen Handwerker wie diesem hier umgehen, der anscheinend noch nie woanders war und jeden von außen von Anfang an für eine Bedrohung hält.

„Hören Sie.“ Ich strecke die Hand aus, ein Friedensangebot, halb ehrlich, halb Strategie. „Ich verstehe, dass Sie an dem Laden hängen. Aber ich habe ein Leben in Kopenhagen. Auftraggeber, die auf mich zählen. Ich bin Grafikdesignerin, und ich kann nicht wochenlang in einer …“ Ich suche nach einem Wort, das nicht wieder Ding ist. „… Kleinstadt versauern, von der ich bis vorletzte Woche noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich da auch nie eine Beziehung zu meiner Großtante oder zu diesem Laden aufbauen konnte.“

Er schaut auf meine ausgestreckte Hand. Rührt sich nicht.

„Strandvig“, sagt er.

„Wie bitte?“

„Unser schöner Ort hier hat einen Namen. Strandvig. Nicht irgendeine Kleinstadt.“ Er greift nach seinem Lappen, wischt sich die Finger daran ab, und erst danach, als hätte er sich das gut überlegt, legt er seine große, starke Hand in meine.

Sein Griff ist fest, warm und schwielig, und für den Bruchteil einer Sekunde, den mein Verstand nicht rechtzeitig abfangen kann, spüre ich etwas, das mir überhaupt nicht in den Kram passt. Einen Funken. Dann lässt er los, und ich reibe die Handfläche unauffällig an meiner Jeans, als könnte ich das Gefühl damit so schnell vertreiben, dass es quasi nie existiert hat.

Die Wärme seiner Finger bleibt zurück, obwohl der Händedruck längst vorbei ist. Ausgerechnet dieser unverschämte Mann schafft es, dass mein Puls sich benimmt, als hätte ich mir eine völlig andere Art von Reise vorgenommen.

„Wenige Tage“, murmelt er und tritt zurück hinter seine Werkbank. „Sie glauben ernsthaft, Sie sind in wenigen Tagen mit allem hier durch?“

„Maximal zwei Wochen. Sicher. Warum nicht? Das ist doch viel Zeit.“ In Kopenhagen und in der Werbebranche ist das eine halbe Ewigkeit, ergänze ich rein in Gedanken.

Elias Ravn lacht. Es ist aber kein freundliches Lachen. Eher eins, das mehr weiß als ich.

Ehe ich fragen kann, was seine Reaktion zu bedeuten hat, senkt er den Kopf über den Sekretär, an dem er offenbar gerade gearbeitet hat, als ich hereinkam. Als wäre ich schon wieder Luft. Als hätte er mir mit seinem selbstgefälligen Lachen gerade nicht einen Brocken vor die Füße geworfen.

Ich wende mich kopfschüttelnd ab und lasse den Blick wieder durch den Raum schweifen. Regale bis zur Decke, vollgestellt mit Porzellan, Messinglampen, Stapeln von Büchern, deren Rücken fast allesamt vergilbt sind. Eine Vitrine mit Schmuck, der im Halbdunkel matt schimmert. In der Ecke ein Schaukelpferd, dessen Farbe abblättert, das Holz darunter blank gescheuert von Kinderhänden, die längst erwachsen sein müssen. Über allem hängt dieser Geruch, der sich langsam in meine Kleidung legt, in mein Haar, in meine Hautfalten. Jeder Gegenstand scheint mich anzusehen und zu wissen, dass ich hier die Ahnungslose bin. Sogar das Schaukelpferd wirkt, als hätte es eine fundiertere Meinung zu diesem Laden als ich.

Es ist zu viel! Zu voll, zu alt, zu sehr das Leben von jemandem, den ich verpasst habe, ohne dass ich darüber nachdenken mag, wessen Entscheidung das eigentlich in all den Jahren gewesen ist.

Mein Handy vibriert in meiner Jackentasche. Ich ziehe es heraus, dankbar für die Ablenkung. Eine Nachricht von Frida, meiner besten Freundin.

Und, wie sieht es aus? Du müsstest doch inzwischen da sein. Also! Wie reich hast du geerbt? Sitzt du auf einem Berg aus Gold oder auf einem aus altem Gerümpel? – Frida

Ich tippe seufzend zurück, mit dem Rücken zu diesem Elias Ravn, damit er nicht sieht, wie angespannt ich gerade aussehen muss.

Eher Gerümpel. Plus ein Wachhund, der sich Tischler nennt und mich am liebsten direkt wieder auf die Fähre setzen würde. – Luna

Uhhh, ein grumpy Handwerker! Ist er heiß? – Frida

Ich werfe einen kurzen Blick über die Schulter. Elias Ravn hat sich über den Sekretär gebeugt, die Stirn vor Konzentration gerunzelt, und das Licht fällt so auf ihn, dass ich die Sägespäne in seinem Haar noch mal deutlich sehe. Er streicht mit der bloßen Hand über das Holz, prüfend, beinahe zärtlich, als würde er ein wildes Tier beruhigen.

Es ist unfair, dass jemand mit einer derart schlechten Laune so gut aussehen darf, während er einfach … existiert. Noch unfairer ist, dass seine Hände beim Umgang mit dem Holz mehr Geduld zeigen als sein Umgang mit mir.

Ich schaue schnell weg, bevor mich dieser Eindruck zu stark einnimmt.

Kein Kommentar! – Luna

Oh mein Gott. Also ja! – Frida

Meine Antwort fällt hoffentlich unmissverständlich aus:

Ich prüfe das Inventar, verkaufe den Laden und komme heim. Ende der Geschichte. – Luna

Ich stecke das Handy weg, bevor Frida weitergraben kann. Ende der Geschichte. Das ist der Plan. Das war von Anfang an der Plan, genauer gesagt, seit mich Notar Krogh überraschend angerufen und dann persönlich getroffen hat.

Ich nehme meine Reisetasche und gehe zur Treppe, die nach oben führt – in Astrids Wohnung, wo ich die kommenden Nächte schlafen werde, weil das nächste Hotel eine Fährfahrt entfernt liegt. Auf der ersten Stufe drehe ich mich allerdings noch einmal um.

„Ähm …“

Elias Ravn hebt den Kopf und sieht mich aufmerksam an. Seine Augen sind erstaunlich hell, und das fällt mir erst jetzt auf. Ein Grau, das ins Blaue kippt, wie die See heute Nachmittag, kurz bevor der Wind aufgefrischt hat. Die Farbe seiner Seelenfenster macht seine Gesichtszüge nicht freundlicher, aber interessanter, und das ist beinahe schlimmer. Ich hätte lieber festgestellt, dass er schielt.

„Warum haben Sie eben so gelacht?“, frage ich. „Gibt es irgendetwas, das ich wissen muss?“

Einen Augenblick lang glaube ich, er antwortet nicht. Dann richtet er sich auf, wischt sich wieder die Hände ab, obwohl sie sauber sind, eine Geste, die er vielleicht auch mal macht, wenn er Zeit gewinnen will.

„Tja.“ Zum ersten Mal, seit ich hier reingestolpert bin, huscht etwas über seine Züge, das fast wie ein Lächeln aussieht. Es verschwindet so schnell, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich es mir nur eingebildet habe – und ob es ihm gut steht. „Wir werden ja sehen, wie Sie hier zurechtkommen.“

„Hm?“, entfährt es mir, denn das macht mich kein bisschen schlauer.

Doch er beugt sich schon wieder über sein Holz. Diesmal weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass das Gespräch beendet ist.

Vorerst.

Ich muss ihn ja noch irgendwie hier rauswerfen. Aber für den Moment stört er mich nicht weiter.

Ich stehe noch auf der ersten Stufe der Treppe, die Hand am kalten Geländer, und spüre, wie sich in meinem Bauch etwas zusammenzieht, das ich nicht benennen will. Es sollte einfach sein. Zwei Wochen maximal. Rein, sortieren, verkaufen, raus.

Aber der Mann da vorne benimmt sich, als hätte er eine Wette, die zwischen uns läuft, bereits gewonnen. Eine Challenge, von der ich noch nicht mal wusste, dass wir sie begonnen haben.

Ich wende mich von ihm ab und steige die Stufen hoch. Jede einzelne knarrt leicht anders. Das ist wie eine kleine Melodie aus altem Holz. Ganz oben, wo es nach Lavendel und Kälte riecht, stelle ich meine Tasche ab und beschließe, dass ich mich von keinem Tischler der Welt aus dem Konzept bringen lasse.

Ich bin nicht hier, um irgendetwas zu beweisen oder irgendjemandem mit seinen vorgefertigten Meinungen gerecht zu werden.

Ich bin hier, um ganz bald wieder zu gehen. Astrids strandvigs stue soll einen neuen Besitzer bekommen. Das ist genau das, was ich für sie noch tun kann. Nicht weniger, nicht mehr.

Das rede ich mir jedenfalls ein, während unter mir das Kratzen von Schmirgelpapier zu hören ist, gleichmäßig und beharrlich … als hätte dieser Elias Ravn alle Zeit der Welt. Als wüsste er längst, dass ich ihn so schnell nicht herausschmeißen werde. Das Geräusch dringt durch die Dielen wie eine hartnäckige Erinnerung daran, dass ich unten einen Gegner zurückgelassen habe. Einen unverschämt attraktiven Gegner, korrigiert ein ungebetener Teil meines Gehirns, den ich sofort zum Schweigen bringe.

Warum ist er überhaupt hier? Hat er keine gute Auftragslage – oder hat das vielleicht irgendetwas mit meiner verstorbenen Großtante zu tun?

Kapitel 2

ELIAS

„Du bringst noch irgendwen um, wenn du dich weiter so reinsteigerst“, sagt Rasmus, und mir wird erst in diesem Augenblick klar, dass ich den Hobel schon zum zwölften Mal über dieselbe Stelle jage.

Ich halte inne. Unter meinen Fingern liegt die Sitzfläche eines Stuhles, den ich für einen Kunden aus Kolding aufarbeite. Ich habe so lange darauf herumgeschrubbt, dass das Ahornholz an einer Ecke bereits dünner ist als am Rest. Sägemehl klebt mir bis zu den Ellenbogen.

Verdammt.

„Ich bringe niemanden um“, knurre ich widersprechend – allein schon aus Prinzip.

„Den armen Stuhl aber schon, wie es scheint.“ Mein Halbbruder stellt zwei Flaschen alkoholfreies Bier auf die Hobelbank, genau dorthin, wo kein Bier hingehört, und lässt sich auf den Schemel fallen. Das Holz ächzt unter ihm. Rasmus ist neun Jahre älter als ich, hat den Bauch eines Mannes, der seit der Hochzeit mit Ida sonntags immer frikadeller isst, und ein Grinsen, gegen das ich noch kein effektives Mittel gefunden habe. „Also. Wer hat dich so in Fahrt gebracht? Warum bist du so mies drauf?“ Rasmus könnte selbst auf einer Beerdigung noch eine Pointe finden und würde anschließend behaupten, sie habe sich ihm aufgedrängt. Heute bin offenbar ich selbst das Unterhaltungsprogramm.

„Niemand. Ich bin wie immer.“

„Elias.“ Er öffnet die erste Flasche und hält sie mir hin. „Ich kenne dieses Gesicht. Das ist dein Astrid-Gesicht. Nur schlimmer. Und da Astrid leider nicht mehr unter uns weilt, muss es jemand anderes gewesen sein, der dich auf die Palme gebracht hat, von der du so schnell nicht mehr runterzukommen scheinst.“

Ich nehme das Bier, weil ich andernfalls etwas mit den Händen tun müsste, das den Stuhl wohl endgültig ruinieren würde. Draußen wirft der Wind eine lose Plane gegen die Wand meiner Werkstatt. Immer wieder dieses dumpfe Klatschen, das mich seit dem Nachmittag nervt. Vom Hafen her riecht es nach Tang und Diesel, der Geruch zieht durch jede Ritze, seit ich denken kann.

„Astrids Nichte ist da“, sage ich schließlich.

Rasmus hebt die Brauen. „Echt?“

„Also, ihre Großnichte. Aus Kopenhagen.“ Ich gönne mir einen Schluck. Das Bier ist zu warm, Rasmus hat es garantiert den ganzen Tag im Auto liegen gehabt. „Luna. Sie ist heute angekommen. Stand plötzlich im Laden, mit so einer Reisetasche über der Schulter, als wollte sie übers Wochenende zum Ausspannen an die See.“

Dass ich noch genau weiß, wie sich ihre dunklen Haare unter dem Trageriemen verfangen haben, verschweige ich. Diese Information ist für meine Beschwerde über sie schließlich vollkommen bedeutungslos.

„Ah ja, und weiter?“

„Na, sie hat mir in den ersten drei Minuten erklärt, dass sie das Ding“, ich spucke das Wort fast aus, so, wie sie es getan hat, „so schnell wie möglich abstoßen will. Das Ding, Rasmus. So nennt sie einen Laden, für den Astrid 40 Jahre ihres Lebens gegeben hat.“

Ich stelle die Flasche ab, härter als nötig. Ein bisschen Schaum schwappt über den Rand und läuft an dem grünen Etikett hinunter. Der Ärger ist mir willkommen, auch wenn ich nicht wirklich verstehe, wieso.

Rasmus sagt erst mal nichts, sondern macht sich seine Flasche auf. Er sieht mich mit diesem gelassenen Ausdruck an, den er schon als Teenager draufhatte, wenn ich mich über irgendetwas ereifert habe. Ganz früher, als unsere Mutter noch lebte und wir uns eine Zeit lang ein Zimmer teilten, hat mich das rasend gemacht. Heute macht es mich nur noch müde.

„Diese Luna will also erben und verkaufen“, fasst er zusammen.

„Sie will abkassieren – nichts weiter. Mit so wenig Aufwand wie möglich.“ Ich fahre mir mit der Hand durch die Haare, spüre die Späne darin, die ich später wieder auswaschen darf. „In all den letzten Jahren ist sie nicht ein einziges Mal hier gewesen. Das weiß ich, denn das hätte ich sonst mitbekommen. Nicht zum Geburtstag, nicht zu Weihnachten, nicht, als Astrid im Krankenhaus lag. Und jetzt taucht sie hier auf und will zu Geld kommen. Weißt du, wie man so etwas nennt?“

„Erbrecht?“

„Herzlos.“ Ich zeige mit der Flasche auf ihn, als wäre das ein Beweis. „So etwas nennt man herzlos, Rasmus. Sie kommt hier reingeschneit, aus ihrer großen, tollen Stadt, mit ihren wichtigen Auftraggebern und ihrem ach-so-wichtigen Grafikerinnen-Leben, und behandelt Astrids Vermächtnis wie einen lästigen Posten, den sie abhaken muss, um daraus Profit zu schlagen. Das hat mit uns hier nichts zu tun. Das ist das genaue Gegenteil von allem, wofür Astrid stand.“

„Und wofür stand Astrid?“

„Dafür, dass man sich nicht größer macht, als man ist.“ Die Worte kommen mir leichter, als sie sollten, weil ich sie schon so oft gedacht habe. „janteloven, Rasmus. Du kennst doch den skandinavischen Verhaltenskodex: Halt dich nicht für etwas Besseres als die anderen. Genau das hat diese Frau mit jedem Wort gebrochen, das sie heute überhaupt von sich gegeben hat. Sie nächtigt im strandvigs stue, ohne ihm Respekt zu zollen, und tut auch noch so, als wäre der Ort unter ihrer Würde.“

Mit 28 sollte ich klug genug sein, einen ersten Eindruck nicht mit einem Urteil zu verwechseln. Allerdings fühlt sich mein Urteil so überzeugend und auch notwendig an, dass ich es für korrekt halte.

Rasmus nickt bedächtig. Er trinkt einen Schluck. Dann setzt er die Flasche ab und stellt mir die Frage, die ich nicht hören will. „Und woher weißt du das alles über diese Luna?“

„Was?“

„Na, dass ihr Astrids Vermächtnis egal ist.“ Er lehnt sich vor, die Unterarme auf den Knien. „Weißt du überhaupt, was zwischen Astrid und dieser Luna in all den Jahren so vorgefallen ist?“

Ich stutze. „Astrid hat kaum von ihr geredet“, gebe ich schließlich zu.

„Eben.“ Rasmus deutet mit der Flasche auf mich, ein Echo meiner eigenen Geste, und ich merke, dass er mich damit eiskalt erwischt hat. „Astrid hatte keine Kinder. Das war für sie kein leichtes Thema, das weißt du besser als jeder andere. Vielleicht hat sie den Kontakt deswegen zu ihrer Großnichte abgebrochen. Vielleicht hat sich die Familie zerstritten, und das sollte hier in Strandvig nur niemand wissen. Vielleicht hat Luna ihrer Großtante als Mädchen jahrelang Briefe geschrieben, die nur nie beantwortet wurden. Du weißt es nicht, Elias. Und ich auch nicht. Aber Astrid auf ein Podest zu stellen, bringt doch auch nichts.“

Der Wind wirft die Plane wieder gegen die Wand. Klatsch.

Ich starre auf die Sitzfläche vor mir, auf die Stelle, die ich zu dünn gehobelt habe, und für einen Moment höre ich mich selbst mit Rasmus’ Ohren. Ich höre einen Mann, der über eine Fremde urteilt, die er seit wenigen Wimpernschlägen kennt. Doch ich habe nun einmal das Gefühl, Luna Beck direkt zu durchschauen. Ich weiß, wie sie Wörter betont, die ihr wichtig erscheinen. Ich weiß, dass sie eine Handvoll Sommersprossen auf der Nase hat, die so gar nicht zu dem Frost in ihrer Stimme passen wollen. Ich weiß, dass sie zusammengezuckt ist, als ich aufgetaucht bin und dann auch noch ihre Großtante erwähnt habe. Es war ein winziges Zucken, das sie sofort wieder weggeschoben hat. Die Sommersprossen sind mir besonders im Gedächtnis geblieben, was mich zusätzlich verärgert. Sie lassen Luna Becks Gesicht offener wirken, als ihre Worte es zulassen, und ich mag Widersprüche nur bei alten Möbeln.

Aber das ist so ziemlich alles, was ich weiß. Der Rest ist etwas, das ich mir zusammengebaut habe, so, wie wenn ich ohne Auftraggeber einen Schrank zimmere. Aus dem Material, das gerade herumliegt.

„Sie hat gesagt, sie kannte Astrid kaum“, höre ich mich sagen.

„Da hast du es.“ Rasmus’ Stimme wird wärmer. „Ein Kind kann sich nicht aussuchen, wen es gut oder schlecht kennt, Elias. Das entscheiden die Erwachsenen. Und dann wächst das Kind heran und trägt das Loch mit sich herum, ohne zu verstehen, wo es herkommt.“

Ich sollte zugeben, dass er recht hat. Ich spüre es körperlich, diesen Sog, der mich in seine Richtung ziehen will, hin zu einem Bild von Luna Beck, das komplizierter ist – und darum unbequemer. Ein Bild, in dem sie nicht nur die kalte Erbschleicherin ist. In dem sie vielleicht selbst etwas schmerzlich vermisst.

Der Gedanke daran, dass sie diesen Verlust vielleicht schon seit ihrer Kindheit mit sich trägt, nimmt meiner Empörung für einen Moment den Schwung. Ich schiebe ihn sofort beiseite, doch er bleibt in Reichweite.

Ich spüre, wie sich in mir etwas querstellt. Sturheit? Nein, Besonnenheit. Schließlich reimt auch Rasmus sich da gerade nur irgendetwas zusammen. Eine Theorie. Mehr nicht.

Außerdem: Wenn ich Rasmus recht gebe, dann muss ich Luna mit anderen Augen sehen. Dann muss ich freundlich zu der Frau sein, die Astrids Laden verscherbeln will. Und das kann ich Astrid nicht antun. Nicht jetzt. Nicht lange nachdem ich am Grab gestanden und ihr versprochen hatte, auf ihren Laden aufzupassen. Auf ihre Uhren, ihre Bücher, ihr Schaukelpferd. Auf alles, was sie war. Bis zuletzt hat sie strandvigs stue geliebt. Wie kann es da auch nur ansatzweise möglich sein, dass Luna sich ein anderes Verhältnis zu Astrid gewünscht hätte? Diese Grafikdesignerin tritt Astrids Lebenswerk mit Füßen!

„Blödsinn“, brumme ich. „Wenn jemand sich bloß fragt, was eine Immobilie samt Inventar wert ist, dann interessiert dieser Jemand sich nicht für die Person, die das alles aufgebaut und gepflegt hat.“

Rasmus seufzt. „Kann sein. Aber das macht den Menschen nicht automatisch herzlos.“

„Astrid hätte den Laden niemals dieser Kopenhagenerin vermacht, wenn sie eine andere Wahl gehabt hätte.“ Ich greife wieder nach dem Hobel, weil meine Hände sonst nicht wissen, wohin. „Es gibt nur niemand anderen. Keine Kinder, keine Geschwister mehr, nichts. Luna ist die Einzige, die übrig ist. Das ist kein Vertrauensbeweis. Das ist ein Mangel an Alternativen.“

Ich sage es mit solcher Entschlossenheit, dass ich mich glatt fragen könnte, wen ich zu überzeugen versuche – mich oder meinen Halbbruder?

„Das ist das nächste Problem, Elias.“

„Wieso?“

„Es ist gesetzlich geregelt. Du kannst da sowieso nichts machen.“

„Ha! Das wollen wir doch mal sehen.“

Rasmus mustert mich lange. Er kennt mich zu gut, um zu glauben, dass ich hier gerade eine Erkenntnis ausspreche und nicht bloß eine Mauer hochziehe. Aber er ist auch klug genug, sie mir nicht einzureißen.

„Weißt du, was ich glaube?“, sagt er stattdessen und steht auf. Der Schemel quietscht erleichtert. „Ich glaube, du hast Angst.“

Ich schnalze mit der Zunge. „Wovor soll ich bitte Angst haben?“

„Vor dem Loslassen.“ Er klopft mir im Vorbeigehen auf die Schulter, seine Hand fühlt sich schwer und warm an. „Davor, dass diese Luna das Ding verkauft und wieder abhaut, und dass dann wirklich nichts mehr von Astrid übrig ist. Nur noch das, woran du dich erinnern kannst. Deshalb machst du die Veränderung klein, die da gerade passiert.“

„Quatsch.“

„Ach. Und wenn Luna dir eben gesagt hätte, dass sie strandvigs stue behalten und führen will – hättest du sie dann etwa gemocht?“

Ich sage nichts. Der Hobel liegt kalt in meiner Hand.

„Oder kann Astrids Großnichte es in deinen Augen sowieso nur falsch machen?“

Ich trinke mein Bier und merke, dass mich heute irgendwie alle Menschen zu nerven scheinen.

Rasmus geht zur Tür, dreht sich aber noch einmal um, den Kragen schon hochgeschlagen, für den Wind, der draußen auf ihn wartet.

„Tu mir einen Gefallen, kleiner Bruder“, sagt er, erstaunlicherweise ohne Selbstgefälligkeit in seiner Stimme. „Bevor du Astrids letzten Verwandten das nächste Mal erklärst, was für ein schlechter Mensch sie doch ist, frag sie einfach. Frag sie, warum sie vorher nie hier war. Oder frag dich selbst, ob das, was du da gerade machst, wirklich in Astrids Sinne ist. Vielleicht überrascht dich die Antwort.“

„Und wenn nicht? Also, wenn ich Luna fragen würde, meine ich.“

Er zuckt mit den Schultern. „Dann hattest du von Anfang an recht, und du kannst weiter miese Laune haben. Kostet dich ja nichts, das zu überprüfen. Vor allem, wenn du doch selbst so sehr glaubst, richtig zu liegen.“

Die Tür fällt hinter ihm zu, ohne dass er noch eine Reaktion von mir abwartet. Der Wind heult kurz auf, dann ist es wieder nur die Plane, die gegen die Wand schlägt.

Ich bleibe dort stehen, wo ich bin. Vor mir ist der halbfertige Stuhl, neben mir das warme Bier, das ich nicht mehr anrühren werde. Über der Werkbank hängt das Foto, das Astrid mir vor drei Jahren geschenkt hat. Sie und ich vor dem Laden. Sie mit ihrem viel zu lauten Lachen, ich mit einem Gesicht, als hätte mich jemand gezwungen, still zu halten. Was auch stimmte. Sie hat mich gezwungen. Sie hat mich zu einer Menge Dinge gezwungen, für die ich ihr heute dankbar bin.

„Was hätte ich denn tun sollen?“, frage ich das Foto. „Nett sein? Zu … ihr?“ Leicht verenge ich die Augen und werde leiser: „Du wolltest nie, dass irgendeine Luna herkommt und sich einmischt, richtig?“

Astrid antwortet leider nicht. Astrid antwortet mir nie mehr. Früher hatte sie immer einen Spruch parat, aber jetzt …

Ich lege den Hobel weg, wische mir die Hände an der Arbeitshose ab und merke, dass ich damit genau die Bewegung mache, die Luna heute an mir bemerkt haben könnte. Diese Angewohnheit, dieses Händeabwischen, wenn ich nicht weiterweiß. Ich habe gesehen, wie ihre Augen dabei schmaler wurden, wie sie mich durchschaut hat, so, wie Rasmus mich nach 28 Jahren durchschaut.

Dass Luna diese Angewohnheit nach wenigen Minuten bemerkt hat, bedeutet, dass sie mich genauer angesehen hat, als nötig gewesen wäre. Der Gedanke gefällt mir auf eine Weise, die ich entschieden ablehne.

Und das nervt mich plötzlich noch viel mehr an dieser Frau!

Ich mache das Licht in der Werkstatt aus. Draußen liegt der Hafen im Dunkeln, die Boote schaukeln an ihren Leinen, und irgendwo dahinter, über dem Trödelladen, in dem jetzt eine fremde Frau in Astrids Bett liegen dürfte, steht ein schmaler Streifen Mond zwischen den Wolken. Ich ziehe die Tür hinter mir zu und beschließe, dass ich morgen genauso schlecht gelaunt sein werde wie heute.

Schon aus Prinzip.

Das bin ich Astrid schuldig.

So rede ich es mir jedenfalls ein, als ich zu meinem Haus gehe, das hinter der Werkstatt liegt.

Kurz vor der Haustür frage ich mich auf einmal, ob in Astrids Wohnung noch Licht brennt und ob Luna Beck sich dort oben ebenso fehl am Platz fühlt, wie sie heute im Laden gewirkt hat.

Hm.

Für eine Frau, die möglichst schnell wieder von hier verschwinden will, nimmt sie erstaunlich viel Raum in meinen Gedanken ein.

Das muss an ihrer Verbindung zu Astrid liegen. Und natürlich am Laden.